Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Chaos mit Ansage: Mehrwertsteuererhöhung 2019

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Wenn ich mir die Nachrichten aus Deutschland so ansehe oder seltenerweise eben dort weile, frage ich mich jedes Mal, wie man es schafft, so viel Verwirrung und Chaos zu schaffen. Bei der Mehrwertsteuer zum Beispiel, da diese ja je nach Situation variiert. Oder bei dem ganzen Plaketten- und Fahrverbotswahnsinn. Oder auch bei der Preispolitik der Berliner Verkehrsbetriebe. Oder bei der Steuererklärung. Und und und… in Japan ist da etliches einfacher und in der Verwaltung deshalb effizienter. Dem will man jedoch Abhilfe schaffen, wie es scheint. Bei der Mehrwertsteuer.

Als ich zum ersten Mal nach Japan reiste, war alles schön unkompliziert. Die Mehrwertsteuer betrug 3%, auf Alles. Und die Steuer war in der Regel in den Preisen bereits inbegriffen. 1997 wurde die 消費税 shōhizei (wörtlich: Verbrauchssteuer) auf 5% erhöht. Und 2014 dann auf 8%, mit der Ansage, dass dies nur Schritt Nummer eins sei – man war von vornherein auf 10% aus. Deshalb begann vor allem der Einzelhandel, die Preise nicht mehr komplett anzuzeigen, sondern nunmehr 税抜き zeinuki – ohne Steuer – auszupreisen. Trotz milder Deflation nutzten ein paar findige Geschäfte die Situation auch aus, beliessen die Preise beim alten, und schrieben einfach ein „zeinuki“ dahinter. Fertig war die 8%-Preiserhöhung.

Aufgrund des Widerstandes in der Politik und Bedenken aus der Wirtschaft aufgrund einer eher schleppenden Konjunktur wurde die Erhöhung um die nächsten 2% ein paar Jahre hinausgezögert, doch nun steht der Termin fest: Am 1. Oktober 2019 wird das Rechnen einfacher. Sollte man meinen, denn nun beginnt man, ein vormals einfaches System zu verkomplizieren. So will man zu Beispiel die meisten Lebensmittel weiterhin mit 8% besteuern – nicht aber, wenn man zum Beispiel in einem Restaurant speist. Am Tisch essen: 10%. Mit nach Hause nehmen oder im Park essen: 8%. Man kennt das Spiek, und es werden bestimmt noch mehr Ausnahmen geschaffen. Doch damit nicht genug: Nun wird auch laut darüber nachgedacht, in den ersten 7 Monaten nach der Erhöhung 5% auf jeden bargeldlosen Einkauf zurückzuerstatten. Damit will man bewirken, dass der Konsum nicht einbricht – aber in erster Linie will man damit erreichen, dass der Einzelhandel von Bargeld abrückt, denn Bargeldtransaktionen lassen sich weit weniger gut kontrollieren als Kreditkartentransaktionen. Sprich, der Staat will einfach an die Daten, um Steuereinbussen durch bewussten oder unbewussten Betrug zu vermeiden. Aus Sicht des Staates ist das natürlich sinnvoll, und die 3%, die der Staat quasi auf die Einkäufe drauflegt, kommen womöglich durch das zusätzliche Plus an Steuern (neben der 2%igen Erhöhung natürlich) wieder in die Staatskasse.

Die Kreditkartenfirmen sind von der Idee nicht sonderlich begeistert, befürchten sie doch enorme Kosten bei der Umsetzung der Maßnahme. Diese Bedenken muss man allerdings nicht ernst nehmen – schließlich bedeutet das Mehr an Kreditkartenzahlungen saftige Umsatzgewinne – kurz- wie langfristig. Da werden die Entwicklungskosten ganz sicherlich nicht dazu führen, dass die Banker am Hungertuch nagen werden.

10. Allgemeiner Bloggergipfel

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Bloggergipfel – mit Dank an Thuruk für das Logo!
Bloggergipfel – mit Dank an Thuruk für das Logo!
Und schon ist wieder ein Jahr rum – Zeit für ein neues Bloggertreffen! Dieses Jahr sogar mit Jubiläum — es ist das zehnte Treffen. Der Name “Bloggergipfel” soll dabei niemanden abschrecken – gerne sind auch Blogvoyeure eingeladen.

Der Tag wurde bereits diktatorisch bestimmt – das Treffen findet am 7. Dezember (einem Freitag, 花金!) statt. Auch der Treffpunkt steht bereits fest: Der Cinecity Square (シネシティ広場) mitten in Kabukichō, vor dem Sega-Store. Uhrzeit: 19:30.

Ein Restaurant ist noch nicht gebucht – das hängt von der Teilnehmerzahl ab. Wir planen aber, in der Gegend Okubo/Kabukicho zu essen und zu trinken.

Wie jedes Jahr geht es um unbeschwertes Zusammensein und darum, neue Leute kennenzulernen oder alte Freunde wiederzusehen. Nichtblogger sind genauso eingeladen wie Japaner und/oder japanische Partner. Allein teilzunehmen ist auch kein Problem.

Um den Überblick zu wahren, bitte beim Event in Facebook eintragen. Kein Facebook-Account? Dann bitte einfach einen Kommentar hinterlassen!

Und noch eine Bitte: Bitte teilt den Aufruf, soweit möglich – es gibt mit Sicherheit einige Interessierte, die hier nicht täglich vorbeischauen, und neue Gesichter sind immer willkommen!

Geballte Inkompetenz hat einen Namen: Sakurada

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Es ist schon ein starkes Stück, und war selbst einigen ausländischen Medien eine Meldung wert¹ – unter der Rubrik „Kurioses“. Kurios wäre es auch, wenn es nicht so traurig wäre. Die Rede ist von 桜田義孝 Yoshitaka Sakurada, LDP-Mitglied und seit dem 2. Oktober als Minister mit eigenem Resort für die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokyo zuständig.

Der frisch gebackene Minister besticht seitdem durch eines: Komplette Ahnungslosigkeit. Das begann schon mit seiner Antrittsrede, bei der er sich wie folgt vorstellte:

Mein Name ist Sakurada Yoshitaka, als Minister verantwortlich für die Ausrichtung der Tokyo Paranpikku, Parapikku, Parapikku-Spiele, Tokyo Pararimpikku-Spiele.

Was er eigentlich sagen wollte: Er ist verantwortlich für die Olympischen und Paralympischen Spiele. Drei Anläufe also, um das Wort „paralympisch“ auszusprechen, und dann auch noch das „Olympisch“ vergessen. Wunderbar. Natürlich geht es noch weiter: Als ihn die Oppositionspolitikerin Renhō am 11. November 2018 bei einer Sitzung des Oberhauses nach dem aktuellen Kostenvoranschlag befragte, gab der Minister selbige mit 1’500 Yen (also etwas mehr als zehn Euro) an – gemeint war natürlich ein 10 Millionen mal höherer Betrag. Auch sonst glänzte der Minister bei der Sitzung mit Unwissen: Nahezu alle Fragen blieben entweder ganz unbeantwortet, oder er liess seine Assistenten antworten. Auf die horrenden Fehler und das offenbare Unwissen angesprochen erfolgte auch keinerlei Entschuldigung. Im Gegenteil – er warf der Oppositionspolitikerin Renpō (sic) vor, ihre Fragen nicht vorab eingereicht zu haben, weshalb er keine Möglichkeit hatte sich vorzubereiten.

Der wahre Grund für sein Erscheinen in der ausländischen Presse ist jedoch ein anderer: Sakurada wurde ebenfalls zum höchsten Regierungsbeamten für Cyber-Security ernannt. Bei einer Kabinettssitzung am 14. November wurde er dabei gefragt, ob er selbst Computer benutze. Die Antwort: Seit er 25 Jahre alt war (also seit 43 Jahren!), überliess er solche Dinge seinen Sekretären und Angestellten – er selbst bediene keine Computer. Auf die Frage hin, ob es möglich sei, dass in japanischen Atomkraftwerken USB-Sticks eingesetzt werden (diese gelten — mittlerweile auch in Japan — als enormes Sicherheitsrisiko), war er augenscheinlich bereits mit dem Begriff „USB-Stick“ hoffnungslos überfordert.

Dass fachfremde Minister plötzlich ein neues/unbekanntes Ressort übernehmen, ist nichts Neues – das ist auch in Deutschland und anderswo durchaus üblich. Wie man jedoch eine Person wie Sakurada gleich mit zwei enorm wichtigen Aufgaben betrauen kann, ist selbst für japanische Verhältnisse ein starkes Stück. Mich würden brennend die Vorläufe bei der Entscheidungsfindung in Sachen Cyber-Security-Minister interessieren: Hat man den Posten mit dem obligatorischen じゃんけんぽん Jankenpon (Stein-Schere-Papier)-Ritual entschieden? Oder haben sich da ein paar Politiker betrunken in einer Kneipe einen Scherz erlaubt? So viel steht jedenfalls fest: Mit so einem Minister kann man ziemlich bald die Lichter ausknipsen.

¹ Siehe unter anderem hier
Illustration von http://kids.wanpug.com.

Die Mutter aller Goldenen Wochen kommt! 10 freie Tage am Stück im Mai 2019

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Das Gerücht ging schon eine ganze Weile herum, doch Ende der vergangenen Woche wurde daraus nun Gewissheit: Im Jahr 2019 erlebt Japan eine Goldene Woche, wie es sie noch nie gegeben hat. Normalerweise besteht die Goldene Woche aus 4 Feiertagen (plus entsprechenden Wochenenden) zwischen dem 26. April und dem 5. Mai. Im kommenden Jahr wäre die Goldene Woche dabei etwas unglücklich ausgefallen, denn sowohl der ominöse Tag des Grüns als auch der Kindertag fallen auf ein Wochenende. Fällt ein gesetzlicher Feiertag auf einen Sonnabend, so hat man Pech gehabt. Fällt er auf einen Sonntag, dann wird der kommende Montag automatisch zum Ersatzfeiertag. 2019 hätte man somit erst drei Tage am Stück frei gehabt, gefolgt von drei Tagen Arbeit, gefolgt von 4 Tagen frei.

Genau in die Mitte der drei Arbeitstage fällt jedoch die Inthronisation des neuen Kaisers, denn der jetzige Kaiser bat darum, abdanken zu dürfen – ein Prozess, der in Japan so selten ist wie die Abdankung eines Papstes in Europa, der sich aber so schon seit einigen Jahren abgezeichnet hat.

Dass der Tag der Inthronisation nun zum Feiertag erklärt wird, war zu erwarten – so etwas geschieht ja nicht alle Tage (das letzte Mal war es 1989, und davor 1926!). Konsequenterweise hat die Regierung nun aber auch den Tag davor zum Feiertag erklärt, und um die 10 vollzumachen, auch den Tag danach. Und schon ist die Goldene Woche zehn Tage lang! Offiziell zumindest.

Eigentlich ein Grund zur Freude, aber die Reiseportalseite Expedia.co.jp hat sich die Reaktion der kaiserlichen Untertanen etwas näher angesehen und eine Umfrage veranstaltet¹. Der Umfrage zufolge freut sich nur knapp die Hälfte (54%) der Befragten über die lange, verordnete Auszeit – vor allem sind dies Beamte, Studenten und Angestellte. Spezialisten wie medizinisches Personal oder Anwälte, Hausfrauen und -männer sowie Teilzeitkräfte freuen sich eher weniger.

Auf die Frage hin, ob man gedenkt, dem Kalender entsprechend zu ruhen, sagte jeweils ein Drittel „Ja“, „Nein“ und „Weiß nicht“. Schockierend, wenn auch nicht überraschend ist jedoch das Ergebnis der Frage, ob die Befragten jemals seit Beginn ihrer Arbeit 10 Tage am Stück freigehabt hätten: Ganze zwei Drittel verneinten die Frage, und nur 27% gaben an, dass sie schon mehrfach 10 Tage oder länger frei hatten.

¹ Siehe unter anderem hier

Lacher des Monats: Fernsehprogramm Itte-Q der Fehlinformation bezichtigt

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Seit 2007 gehört die Fernsehsendung „世界の果てまでイッテQ“ zum festen Bestandteil des Privatsenders Nittere (Nippon Television, NTV). Das „Q“ steht für „Question“ und das ursprüngliche Konzept bestand darin, Leute in die Ferne zu schicken, damit sie dort viele Fragen stellen. Frei übersetzt bedeutet der Name „Geh‘ bis ans Ende der Welt und frage“. Gestartet als eine von vielen Fernsehshows, rückte das Format irgendwann zur Prime Time auf — 20 Uhr, Sonntag abends. Vor allem Kinder lieben das Programm, da es sich quasi zu einem regelrechten Zirkus entwickelt hat. Ging es früher wirklich hauptsächlich um abgelegene Gebiete dieses Planeten, geht es heuer mehr darum, irgendwelche Komiker zu zwingen, Bungee zu springen oder Insekten zu essen oder was auch immer. Im Ausland natürlich, um irgendwie noch dem ursprünglichen Format treu zu bleiben. Vorneweg: Viel Zirkus, viel Spektakel – einzig der Schnitt (Untertitel, Kommentare usw.) macht zuweilen Freude.

Ein bekanntes Wochenmagazin mokierte nun, dass eine Sendung komplett fabriziert gewesen sei — es ging um ein Festival in Laos, bei dem die Teilnehmer mit einem Fahrrad ein Wasserbecken überqueren müssen — auf einem schmalen Steg. Angeblich hätte sich der Sender das komplett ausgedacht, selbst das ganze Set zusammengezimmert und so weiter. Der Vorwurf lautete 捏造 netsuzō – das Fabrizieren falscher Nachrichten. Untermauert wird diese sensationelle Meldung mit Interviews und Rechercheergebnissen vor Ort. Den Fernsehsender lässt das kalt – er bestreitet den grössten Teil und will das Format fortsetzen.

Warum das nun so komisch ist? Ganz einfach. Das ganze Programm ist von vorn bis hinten やらせ yarase — gestellt. Zumindest, was die Reaktionen der Beteiligten betrifft. Besonders beliebt: Einem タレント (Tarento, = Talent) (Definition: Ein Schauspieler, der sich meist durch den Mangel des selbigen definiert) wird befohlen, dass er Bungee springen soll oder Skydiving machen soll und dergleichen. Das Talent jammert dann erst mal rum, dass er/sie wirklich Höhenangst habe und so weiter, um dann kurz darauf munter aus dem Flugzeug oder von was weiss ich zu springen. Oder Komödiant Degawa, ein im Prinzip wirklich urkomischer Geselle, der auf Englisch radebrechend durch eine amerikanische Großstadt zieht und nach einem Wasserfall sucht. Angeblich kann er sich absolut keine englischen Vokabeln merken und spielt deshalb den Deppen. Die Sachen sind dermaßen gestellt, dass es oftmals einfach nur weh tut.

Das ist nichts Neues. Wer glaubt, dass die stets um Perfektionismus bemühten Japaner bei Fernsehprogrammen eine Ausnahme machen und die Sache den Schauspielern und/oder gar dem Zufall überlassen, glaubt auch an den Weihnachtsmann. Der vermeintliche Scoop des Schmierblattes ist deshalb keiner. Natürlich sind fast alle Sachen fabriziert oder werden so in Szene gesetzt, dass es die Wahrheit weit hinter sich lässt. Wenn da über ein Festival in Laos berichtet wird, bei dem Leute mit einem Fahrrad über einen schmalen Steg radeln und dann ins Wasser fallen, wird doch klar, dass es sich hier nicht um eine nationale Tradition handelt, sondern eher um einen Dorfvorsteher, der irgendwann mal eine Idee hatte und das einem Fernsehsender meldete. Und mal ehrlich, was Politiker können, können Fernsehdirektoren schon lange.

Manche Folgen sind jedoch dennoch interessant, denn man entführt das Publikum hin und wieder immer noch in sehr abgelegene und sehenswerte Ecken des Planeten – das, gepaart mit etwas Humor, kann durchaus reizvoll sein.

Japan versinkt im Plastikmüll: Der „China-Schock“ und seine Folgen

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Müllberg in Tokyo¹
Müllberg in Tokyo¹

Wo wir erst neulich beim Thema Plastikmüll waren: Allmählich spitzt sich in Japan die Müllkrise zu, und diese Krise war eine mit Ansage. Bis zum vergangenen Jahr exportierte nämlich Japan fast seinen kompletten Plastikmüll nach China: Allein im Jahr 2017 waren es rund 625’000 Tonnen Müll. Knapp 430’000 Tonnen wurden direkt in die VR China exportiert, und knapp 200’000 Tonnen nach Hongkong, wobei diese Menge natürlich auch in der VR China landete. Japan war damit nicht allein — andere Länder luden ihren Müll ebenfalls dort ab — allein Großbritannien verfrachtete im Schnitt 1’200 Tonnen pro Tag nach China². Laut Global Trade Atlas importierte die VR China in den 2010ern circa 8 Millionen Tonnen Plastikmüll pro Jahr.

Sicher, das brachte dem Land Geld ein — doch China ist an einem Punkt angelangt, an dem es sich leisten kann, abzuwiegen, was wichtiger ist: Müll als Einnahmequelle oder die Zerstörung der eigenen Umwelt. 2017 entschied man sich für letzteres: Man beschloss, bis Ende des Jahres 2017 die Einfuhr von insgesamt 24 Abfallarten nahezu vollständig zu verbieten. Dazu zählen Plastikmüll (wie zum Beispiel Getränkeflaschen aus PET), unsortiertes Altpapier, Textilmüll und Stahlschlacke. Der Einfuhrstopp kam so abrupt, dass man in Japan vom 中国ショック China-Schock spricht.

Reflexartig verlegten sich japanische Recyclingfirmen auf kurzfristige Alternativen: Man suchte im ASEAN-Raum nach anderen Abnehmern und wurde natürlich fündig. Während man 2017 nur gut 10’000 Tonnen Plastikmüll nach Thailand verschiffte, waren es 2018 bis heute fast 150’000 Tonnen, und die Exporte nach Malaysia und Vietnam wuchsen ebenfalls um ein Vielfaches³. Doch die dortigen Regierungen folgen dem Beispiel Chinas. Malaysia hat bereits Ende Oktober 2018 die Notbremse gezogen und die Einfuhr vorerst gestoppt; auch Thailand will die Einfuhr stoppen, falls die Mengen eine gewisse Grenze überschreiten. Vietnam will die Einfuhrmengen deckeln, und angeblich überlegt auch Laos, Grenzen zu ziehen.

Japan kann die im Land produzierte Müllmenge nicht ohne fremde Hilfe bewältigen — dafür sind die Kapazitäten bei weitem nicht ausreichend. Schon seit Jahren zeichnet sich zum Beispiel ab, dass Tokyo in absehbarer Zukunft nicht mehr weiß, wohin mit dem Müll. Die ökologisch völlig zurecht beschlossenen Maßnahmen Chinas und anderer Länder werden nun — hoffentlich — die japanische Wirtschaft und Politik zum Handeln zwingen. Im Gespräch sind da zum Beispiel Pfandsysteme – so etwas gab es in Japan in den vergangenen Jahrzehnten überhaupt nicht. Und die Zeit drängt allmählich.

¹ Das Foto entstand 2016, nach den Neujahrsfeiertagen, und bedeutet nicht, dass es aufgrund der jetzigen Probleme überall so aussieht. Es zeigt aber sehr wohl, wie viel Müll sich in der Hauptstadt innerhalb weniger Tage ansammeln kann.

² Siehe unter anderem hier

³ Zahlen laut JETRO (siehe hier)

Geisterschriftzeichen

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Geisterschriftzeichen: Bedeutung und Lesung unbekannt
Geisterschriftzeichen: Bedeutung und Lesung unbekannt

Eigentlich ist es kein Wunder: Japanische Computer sowie ein paar Schriftzeichennachschlagewerke enthalten sogenannte 幽霊文字 yūrei moji (Geisterzeichen), die man mit dem Computer und nunmehr auch mit Handys schreiben kann – über die aber ansonsten nichts bekannt ist: Weder eine Lesung, noch eine Bedeutung oder Quellen, in denen dieses Schriftzeichen jemals vorkam. Bei der schieren Menge an Schriftzeichen kann so etwas schon mal geschehen. Die erste Sammlung von Schriftzeichen für den Computergebrauch wurde in den 1970ern kompiliert und war 1978 fertig. Der erste JIS-Code (JIS = Japanese Industrial Standard, das Pendant zur DIN in Deutschland). Die Schriftzeichen wurden von vier Quellen bezogen:

  1. 日本生命 (Nihon Seimei, Nippon Life Insurance Co.) – Japanischer Lebensversicherer, unter anderem als Quelle für Personennamen
  2. 情報処理学会 (Jōhō Shori Gakkai) Datenverarbeitungsgesellschaft
  3. 国土地理協会 (Kokudo Chiri Kyōkai) Gesellschaft für Landesgeographie, als Quelle für Ortsnamen
  4. 旧行政管理庁 (kyū Gyōsei Kanrichō) (ehemaliges) Verwaltungsamt.

Heraus kam ein Zeichensatz von 6’879 Schriftzeichen sowie den lateinischen Buchstaben, den beiden japanischen Alphabeten und einiges mehr. Aus diesem ursprünglich JIS X 0208 oder auch ISO-2022-JP genannten Standard entwickelten sich verschieden kodierte Zeichensätze – Microsoft machte daraus Shift-JIS, Apple sein eigenes JIS, und dann gibt es da auch noch EUC-JP und ein paar andere, weniger bekannte Methoden. UTF-8 setzt sich zwar mehr und mehr durch, aber die anderen Standards sind noch immer oft zu finden.

JIS wurde inzwischen drei Mal grundlegend überarbeitet, doch die sogenannten Geisterzeichen wurden nie (und werden wohl auch nie) gelöscht. Im Wesentlichen gibt es zwei Arten dieser Geisterzeichen: Solche, bei denen man ganz einfach keine Quellen findet, sowie jene, bei denen es zwar eine Quelle gibt, diese aber falsch zu sein scheint, sprich, in der Quelle hat sich früher irgendwann einmal jemand verschrieben. Ein Beispiel der ersten Gruppe ist 妛, bestehend aus den Radikalen „Berg“, „Eins“ und „Frau“. In Japan gibt es exakt einen Ortsnamen, der das Schriftzeichen 妛 (Akebi) benutzt – wie die „Eins“ (der waagerechte Strich in der Mitte) da hineingeraten ist, ist unklar. Insgesamt hat man soweit 12 Zeichen dieser Kategorie zugeordnet – so auch das Zeichen 駲 oben im Bild. Gibt es, aber gibt es gar nicht.

Zur zweiten Kategorie zählen über einhundert Schriftzeichen, bei denen man heute davon ausgeht, dass es Varianten bestehender Zeichen sind – ob diese Varianten fälscherlichweise entstanden oder nicht ist dabei nicht mehr nachvollziehbar. 穃 zählt dazu – früher fand man dieses Zeichen auf einer Karte, doch heute wird der Ort mit 榕 geschrieben, und dies ist wahrscheinlich das richtige Zeichen.

Das Phänomen der Geisterschriftzeichen ist faszinierend: Man stelle sich Wörter im Duden vor, neben denen steht: „Bedeutung und Herkunft des Wortes sind unbekannt“…

Oberstes Südkoreanisches Gericht bestätigt Reparationsforderungen an japanische Firmen

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Hauptquartier von Nippon Steel in Marunouchi, Tokyo
Hauptquartier von Nippon Steel in Marunouchi, Tokyo

Es war ein Paukenschlag und leitet ein neues Kapitel der schlechten Beziehungen zwischen Japan und Südkorea ein: Heute entschied der Oberste Gerichtshof von Südkorea, dass die Schadensersatzforderungen gegenüber japanischen Firmen aufgrund geleisteter Zwangsarbeit durch Koreaner in den letzten Jahres des Zweiten Weltkrieges rechtens sind. Im konkreten Fall ging es um die Klage von vier ehemaligen südkoreanischen Zwangsarbeitern gegen 新日鉄住金 Nippon Steel & Sumitomo Metal. Die Klage wurde bereits 2005 eingereicht – man gab den Klägern 2013 in Südkorea recht, doch Nippon Steel zog dagegen vor Gericht – und unterlag heute nun in höchster Instanz, womit das Urteil rechtskräftig ist.

Das bedeutet, dass in Südkorea nun zwangsvollstreckt werden kann. Die zugesprochene Entschädigung liegt bei rund 75’000 Euro pro Kläger und damit im Vergleich zu amerikanischen Urteilen eher niedrig, doch das Urteil wird nun eine Klagewelle auslösen. Insgesamt geht es um rund 70 japanische Firmen, die damals Zwangsarbeiter einsetzten (und die eine rechtliche Nachfolge haben), und die damit potentiell betroffen sein könnten. Nippon Steel, immerhin der drittgrößte Stahlkocher der Welt, ist in Südkorea kaum tätig und muss deshalb gewiss nicht um seine Existenz bangen, doch bei anderen Firmen wird man nun nervös, da sich nun ein beachtliches Geschäftsrisiko auftut. Ein Sprecher von Nippon Steel bezeichnete das Urteil dementsprechend als höchst bedauerlich. Tarō Kōno, der japanische Außenminister, wies als Reaktion auf das 日韓請求権協定 Nikkan Seikyūken Kyōtei hin – die Japanisch-Koreanische Vereinbarung über Reparationszahlungen (der offizielle Name des Abkommens ist unendlich lang) – die Regierung hält das Urteil deshalb für unrechtmäßig, da es gegen die Vereinbarung verstößt. Diese wurde 1965 getroffen – als Ergebnis zahlte Japan rund 300 Millionen Dollar an Südkorea (der Staatshaushalt Südkoreas lag damals bei rund 3,5 Millionen Dollar!).

Die Beziehungen zu Südkorea sind bereits seit geraumer Zeit angespannt – nicht zuletzt wegen der Trostfrauenproblematik. Obwohl dort ebenfalls eine Vereinbarung getroffen wurde, wurde selbige von Südkorea einseitig wieder aufgehoben.

Das Urteil kommt in Japan auch vor diesem Hintergrund natürlich schlecht an: Es wird bei vielen Menschen den Eindruck hinterlassen, dass Japan tun und machen kann was es will – Südkorea wird immer und immer wieder auf das Thema zurückgreifen. Die Entscheidung kann aus oben erwähnten Gründen auch die Wirtschaftsbeziehungen stark beschädigen. Es darf bezweifelt werden, dass Japan dabei weniger leiden wird als Südkorea, zumal Japan erst in dieser Woche mit dem Besuch Abes in Peking angedeutet hat, dass es eine Vertiefung der Beziehungen zur Volksrepublik China anstrebt.

Natürlich muss man aber auch die koreanische Seite betrachten: Schätzungen zufolge mussten allein 1944/45 knapp 700’000 Koreaner unter meist unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit in Japan leisten – mehr als ein Zehntel überlebte die Torturen nicht. Und während Korea nach der japanischen Besatzung – und einige Jahre später nach dem Korea-Krieg, komplett in Schutt und Asche lag, rappelten sich die großen japanischen Konglomerate relativ schnell wieder hoch.

Trotzdem muss irgendwann mal ein Schlußstrich gezogen werden – nur wann? Auch Griechenland und Polen verlangen neue Reparationszahlungen von Deutschland – fast 75 Jahre danach. Man fragt sich unweigerlich, ob es da wirklich noch primär um das Wohl der Betroffenen geht – oder um politisch motivierte Manöver, um gewisse Schichten in der Bevölkerung zu bedienen. Ein Gedanke, den ich eigentlich nicht weiterdenken möchte. Die Gerichtsentscheidung wird jedenfalls die Emotionen hochkochen lassen: In Südkorea sowieso, aber auch in Japan, wo nun gründlich Panik gemacht wird.

Homo Tohoku

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Zu den Einwohnern der bergreichen Tohoku-Gegend (der Nordosten von Honshu) habe ich schon lange ein ambivalentes Verhältnis – spätestens, als ich mal drei Wochen lang mit Teilnehmern der Region im Rahmen eines Jugendsportaustauschprogramms durch Deutschland tourte. Sagen wir mal so: Man merkt den Leuten an, dass sie aus einer rauen, kalten Gegend stammen. Die Kollegen aus Kyushu sind da in der Regel ganz anders gestrickt. Bei meiner neuerlichen Tour durch die Gegend in der vegangenen Woche konnte ich befriedigt feststellen, dass meine Vorurteile auf erdenen Füßen ruhen. Besonders erquicklich war da die Übernachtung in einer 宿坊 shukubō, einer Tempelherberge (in der zumeist Pilger nächtigen). Die Herbergsmutter war ziemlich mürrisch. Das Abendessen wurde für 18:30 vereinbart, und als ich eins, zwei Minuten zuvor die knarksende Treppe herunterlief, rief eine andere Angestellte schon „konee na“ („der kommt wohl nicht“). Die Tatsache, dass ich quasi in dem Moment um die Ecke bog und dementsprechend den Ausruf hören konnte, war den beiden egal. Beim Abendessen schließlich gab es neben mir nur einen einzigen Gast – einen laut schlürfenden und schmatzenden Japaner älteren Semesters. Einer der Gründe für einen Aufenthalt in einer Tempelherberge ist dabei das 精進料理 shōjin ryōri, die nicht selten vegane, zumindest aber vegetarische Tempelküche. Meinem lauten Nachbarn wurde ein Tablett voller Schüsseln vorgesetzt und umgehend erklärt, woraus sich das Mahl zusammensetzt. Danach war ich an der Reihe – und wurde nach einigem Zögern gefragt, ob sie was zum Essen erzählen sollte. Da mein Nachbar weit weg sass, konnte man von der vorherigen Erklärung nicht viel hören. Natürlich will ich wissen, welche seltsamen Wurzeln und Pasten ich mir da gleich zu Gemüte führen würde – deshalb bin ich ja hier! Die Erklärung war dann schließlich relativ knapp und lieblos. Naja.

Shukubō am Dewa-Sanzan
Shukubō am Dewa-Sanzan

Es gab auch andere typische Tohoku-Begegnungen – doch wie immer zählten dazu auch einige sehr positive. Besondere angetan war ich von der älteren Ehefrau eines Tempelherren. Mir fiel bei kurzer Recherche auf, dass sich am Dewa-Sanzan, an den drei heiligen Dewa-Bergen in Yamagata, ein kleiner Tempel befindet, der die älteste Sokushinbutsu-Mumie der Gegend (Anfang des 16. Jahrhunderts!) beherbergt. Und dieser lag quasi auf meinem Weg. Also machte ich einn Abstecher dahin, nur um enttäuscht festzustellen, dass der Tempel geschlossen ist. Wie so häufig wohnt der Hausherr nebst Familie jedoch gleich daneben – und neben der Tür befand sich ein Schild, dass Besucher aufforderte, zu klingeln. Eine älter Frau öffnete, und ich trug ihr mein Leid vor. Sie meinte daraufhin, dass der Tempel in der Regel geschlossen ist und man bei einem Besuchswunsch vorher telefonieren muss. Doch sie könne den Tempel für mich aufschliessen, aber da der Herr des Hauses nicht da ist, könne ich keine ausführlichen Erklärungen erwarten. Sprach’s, holte den Schlüssel, machte den Tempel auf und hernach den großen Holzkasten, in dem die Mumie, in betender Gestalt, versteht sich, hockte, und schaltete das Licht an. Und begann hernach mit einer sehr ausführlichen, fast 15 Minuten dauernden Erklärung. Selbst Fragen, die ich danach zum Thema stellte, antwortete sie völlig souverän und sehr freundlich-geduldig. Letztendlich erlaubte sie mir sogar noch, das Innere von außen heraus zu fotografieren. Ich war begeistert.

Auch ein anderer Herr blieb mir in Erinnerung. Er betreibt ein Ramenrestaurant, und kein gewöhnliches: Es handelt sich um スッポンラーメン suppon raamen. Suppon ist der japanische Name für chinesische Weichschildkröten, deren Fleisch zwar fürchterlich schmeckt, dafür aber als Allheilmittel (und wohl auch als Potenzmittel) gilt. Seine Suppon-Ramen hat sich der Besitzer sogar patentieren lassen. Äußerst hungrig und neugierig konnte ich die Gattin überreden, mir eine Schale zuzubereiten (ich war der einzige Gast, und Mittag war schon lange vorbei). Des Gatten und Koches Patent besteht darin, die Suppe so zuzubereiten, dass sie geniessbar ist. Und sie ist es. Die Fleischbeilage hingegen schmeckt nicht überraschend äußerst penetrant. Nach einer kurzen Unterhaltung stellten wir fest, dass Verwandte der Familie quasi gleich bei mir um die Ecke wohnen. Danach erfuhr ich umgehend alles, was ich noch nie über Suppenschildkröten wissen wollte. Alles in allem ein sehr liebenswertes Paar.

Mal was anderes: Schildkrötenramen
Mal was anderes: Schildkrötenramen

Und so habe ich mir meine ambivalente Meinung behalten können. Und ich muss jedes Mal daran denken, dass meine Frau auch des öfteren über maulfaule Norddeutsche geklagt hat. Muss wohl am Klima liegen.

Nuklearkatastrophe in Fukushima – die Sperrzone heute

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Ehemalige Spielhalle im Sperrgebiet von Fukushima
Ehemalige Spielhalle im Sperrgebiet von Fukushima

Über sieben Jahre sind nun schon ins Land gegangen seit der Dreifach-Katastrophe vom 11. März 2011. Dreifach hart hat es dabei 浜通り Hamadōri, den Ostteil der Präfektur Fukushima, getroffen. Die Katastrophe begann mit einem Erdbeben der starken sechs auf der japanischen Skala (7 ist die höchste Stufe), gefolgt von einem verheerenden Tsunami, der wiederum bekanntermassen einen Super-GAU im AKW Fukushima I auslöste. 81’000 Menschen in der Gegend mussten die Region verlassen – in vielen Fällen fluchtartig. Das Interesse der ausländischen Medien war groß, aber wie es nun mal so ist, hört man mit zunehmender zeitlicher Entfernung immer weniger von der Lage vor Ort. Das Mißtrauen in die japanische Informationspolitik trägt sicherlich auch dazu bei, dass das Interesse verloren geht.

Sperrgebiet - die Autobahn und die Staatsstrasse 6 verlaufen parallel von Nord nach Süd
Sperrgebiet – die Autobahn und die Staatsstrasse 6 verlaufen parallel von Nord nach Süd

Das Hauptanliegen der Regierung ist seit Jahren klar: Man möchte so vielen Bewohnern wie möglich die Rückkehr in die Heimat ermöglichen. Dahinter steckt sicherlich nicht nur reine Menschenliebe, sondern auch die Botschaft, die man senden möchte: Seht her, wir schaffen das (mit dem Hintergedanken: War doch alles nicht so schlimm. Also zurück zur Kernkraft!). So wurden stückweise bereits Orte freigegeben, die nach dem GAU vorerst zur Evakuierungszone gehörten, so zum Beispiel Namie oder große Teile von Tomioka. Eine 337 Quadratkilometer grosse Fläche wird jedoch auch jetzt noch, im Jahr 2018, als 帰還困難区域 kikan konnan kuiki bezeichnet – wörtlich „Heimkehr-problematisch-Gebiet“. Ein etwas euphemistischer Begriff, suggeriert er doch, dass es zwar ein Problem gibt, aber da ja Probleme immer irgendwie lösbar sind, wird man das schon irgendwie schaffen. Die Zone definiert sich durch die durchschnittliche Strahlungsbelastung. Überschreitet die jährliche Strahlenbelastung 20 Millisievert, gilt das Gebiet als (vorläufig) unbewohnbar. Die natürliche Strahlenbelastung liegt bei circa 2 Millisievert – es geht also um einen zehnfach höheren Wert.

Geigerzähler: 2,64 µSv/h sind viel....
Geigerzähler: 2,64 µSv/h sind viel….

Seit geraumer Zeit sind jedoch wieder ein paar wichtige Strassen befahrbar, die direkt durch die Sperrzone führen – die Jōban-Autobahn, die Tokyo mit Sendai verbindet, sowie die Staatsstraße Nummer 6, die Iwaki im Süden von Ostfukushima mit Minamisōma nördlich des AKW verbindet. Auf letzterer dürfen aufgrund der hohen Strahlenbelastung jedoch keine Zweiräder fahren; Fußgängern ist der Zutritt ebenfalls verboten. Zudem sind alle Straßen, die von der Nr. 6 abgehen, abgesperrt und mit Posten versehen – wer dort hineinwill, braucht einen Passierschein. Besagte Straße führt gerade einmal 2 Kilometer am havarierten AKW vorbei. Lange sollte man und darf man auch nicht in der Zone aussteigen (wenige Minuten, nachdem ich ausgestiegen bin, kam bereits ein Polizeiwagen – das jedoch wieder umkehrte, als ich weiterfuhr).

Die Sperrzone sieht natürlich immer noch wüst aus, und die Strahlung liegt bei mehr oder weniger konstanten 2 Mikrosievert pro Stunde – mein Geigerzähler schlug entsprechend in der gesamten Sperrzone Alarm, denn normal sind Werte um 0.1 Mikrosievert pro Stunde. Beim Durchfahren, wohlgemerkt – man muss nicht lange Suchen, um Werte von 10 Mikrosievert zu finden. Die Dekontaminierungsbemühungen machen dabei einen durchaus spürbaren Unterschied: Kaum fährt man zum Beispiel in den nun freigegebenen Ort Namie nur wenige Kilometer nördlich vom AKW ein, sinkt die Belastung nahezu schlagartig auf 0.12 Mikrosievert/Stunde.

Eine von tausenden Straßensperren in Reaktornähe
Eine von tausenden Straßensperren in Reaktornähe

Im jetzigen Sperrgebiet hat man soweit erstmal alles so gelassen, wie es am 11. März 2011 nach dem Erdbeben war. Hier und da sieht man schwere Erdbebenschäden, andernorts ist die Natur mit Druck dabei, ihr Terrain zu erobern. Manche Läden sehen jedoch so aus, als ob man nur ein Mal Staub wischen und dann wieder eröffnen könnte. Das ist beachtlich. In nahezu jedem anderen Land der Erde wären die Gebäude geplündert und die Scheiben eingeworfen worden. Das soll nicht heissen, dass so etwas in Japan gar nicht geschah – es gab vereinzelte Berichte von Plünderungen nach dem grossen Beben.

Die Maßnahmen in der Gegend sind beachtlich: Tausende, wenn nicht zehntausende Trucks sind unterwegs, um radioaktiv verseuchtes Material, meist Bode, abzutragen und zu Sammelzentren zu fahren. Zudem werden überall die Küstenschutzanlagen erneuert beziehungsweise verstärkt – die Gegend um den Reaktor ist eine riesengroße Baustelle. Und dennoch – laut dieser Quelle¹ betreffen die Maßnahmen gerade einmal 27 Quadratkilometer bzw. 8% der jetzigen Sperrzone – in den verbliebenen 92% hat man noch nicht einmal angefangen. Und das ist ja auch nur ein Teil der gewaltigen Herausforderungen. Schließlich wären ja da noch der Reaktor selbst sowie abertausende Tonnen hoch kontaminierten Wassers und Erdreiches.

Dass man den Menschen so schnell wie möglich ihre Heimat zurückgeben möchte, ist schön und gut – doch auf der Agenda steht auch die sofortige Wiederbelebung der Landwirtschaft (Fukushima ist seit jeher stark landwirtschaftlich geprägt). Das bereitet Bauchschmerzen, allen Beteuerungen, dass die verbliebene Radioaktivität kein Problem darstelle, zum Trotz.

¹ Siehe hier

  • Gezwitschertes

  • Tabibito meets Facebook

  • Kalendar

    Februar 2019
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