Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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​Erstmals Klage gegen Zwangssterilisation eingereicht

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Rassenpflege. Zwangssterilisation. Begriffe aus einer dunklen, seit langem vergangenen Epoche, möchte man meinen. Doch diese Epoche liegt in Japan gar nicht so lange zurück, und daran erinnert eine Schlagzeile von heute: Erste Frau fordert Entschädigung für Zwangssterilisation. Besagte Frau lebt im Norden, in der Präfektur Miyagi, und ist rund 60 Jahre alt. Eugenische Gesetze gibt es in Japan mindestens seit 1940. Eigentlich ist Abtreibung in Japan verboten, aber mit dem 優生保護法 yūsei hogo-hō wollte man ursprünglich erwirken, dass kein Leben durch eine Geburt geschädigt wird – weder das der Mutter noch das des Kindes. Schwangerschaften infolge einer Vergewaltigung konnten so rechtmäßig abgebrochen werden, um nur ein Beispiel zu nennen. Das Eugenikgesetz wurde 1948 komplett neu geschrieben und hatte unter dem obigen Namen bis 1996 bestand. Die Schriftzeichen erklären den Zweck ganz gut: „Bevorzugtes Leben – Schutz – Gesetz“. 1996 wurde das Gesetz stark abgeändert und unter dem neuen Namen 母体保護法 botai hogo-hō verabschiedet. „Yūsei“ wurde so zu „Botai“ – der „Mutterleib“.

Die Behörden legten das Gesetz, wie es scheint, sehr großzügig aus – vor allem was das Sterilisieren betraf. Wenn die zuständige Behörde befand, dass die potentielle Mutter aufgrund von Beeinträchtigen (wie zum Beispiel körperlicher oder seelischer Gebrechen, anscheinend aber auch sozialer Beeinträchtigungen) nicht in der Lage sein wird, ihren Pflichten als solcher ausreichend nachzukommen, wurde kurzerhand eine Zwangssterilisation angeordnet und durchgesetzt. Betroffen waren bis 1996 rund 16’500 Frauen – die jüngste war bei der Prozedur gerade mal 9 Jahre alt.

Die Klägerin entschloss sich nun als Erste, den Staat zu verklagen, da ihr ja, und der Vorwurf ist natürlich berechtigt, gegen ihren Willen ihre ganze Zukunft gewaltsam genommen wurde. Sie kam aus komplizierten, ärmlichen Verhältnissen, aber medizinische Tests hatten ihr gute Gesundheit attestiert. Trotzdem wurde sie zwangssterilisiert, und das schien vor allem in ihrer Gegend üblich zu sein – allein in der Präfektur Miyagi gab es rund 1’400 Fälle (von 16’500, in insgesamt 47 Präfekturen!). Die Begründung lautete auf 軽症魯鈍 keishō rodon – „leichter Stumpfsinn“.

Ob sie mit ihrer Klage Erfolg haben wird, ist alles andere als sicher. Auch in Deutschland klagten dereinst Betroffene der Nazi-Rassengesetze, aber die Klagen wurden im Prinzip mit der Begründung abgelegt, dass die Zwangssterilisationen zur Zeit der Durchführung durchaus im legalen Rahmen waren. Moralisch verwerflich, rechtlich jedoch unbedenklich, also. Ein trauriges Kapitel.

¹ Siehe unter anderem hier (Japanisch)

Alle Jahre wieder – Whiteout in Tokyo

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Ziemlich genau 4 Jahre ist es her, das Tokyo eingeschneit wurde. Heute war es wieder soweit: Während am Vortag noch bei 12 Grad die Sonne auf dem Pelz brannte, begann es heute vormittag an zu regnen und zu schneien. Ab Mittag war es selbst im Zentrum von Tokyo nur noch Schnee. Das Resultat zur Stunde, am Abend: Rund 20 cm Schnee in der Innenstadt – selbst die wichtigsten Strassen sind schneebedeckt.
Einige Autobahnabschnitte wurden gesperrt, einige Zuglinien fahren unregelmäßig oder gar nicht.

Da das Schneemalheur abzusehen war, haben fast alle Firmen ihre Mitarbeiter früh nach Hause geschickt, was natürlich zu chaotischen Zuständen führte. Meine Strategie, wie immer etwas länger im Büro zu bleiben und sich dann irgendwie durchzuschlagen scheint aufzugehen: Bus und Bahn fahren, wenn auch etwas langsamer, und ich kann in meiner sonst gut gefüllten Bahnlinie sogar sitzen – beim Anblick des Waggoninneren kamen mir fast die Tränen…

​Wie pünktlich sind japanische Züge wirklich?

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Das japanische Eisenbahnsystem ist weltweit bekannt für seine außerordentliche Pünktlichkeit (und für oftmals brechend volle Bahnen). Doch ist dem wirklich so? Wer jeden Tag zur Stoßzeit Züge im Raum Tokyo benutzt, mag sich darüber durchaus wundern. So fahre ich zum Beispiel tagtäglich mit der privaten Den’entoshi-Linie (sowie eine Station mit der Yamanote-Linie). Und zwar, zumindest morgens, immer zur gleichen Zeit. Ergo müsste ich jeden Tag zur gleichen Zeit ankommen – dem ist allerdings nicht so, obwohl die eigentliche Fahrtzeit nur 22 Minuten beträgt. Das merkwürdige an der Sache ist, dass ich zwar fast ausnahmslos exakt auf die Minute abfahre – im Schnitt aber etwa zwei Mal pro Woche später als üblich ankomme. Meistens beträgt die Verspätung nur ein paar Minuten; rund ein Mal pro Woche ist sie jedoch länger – mitunter hilft da nur, eine andere Route zu benutzen.

Das Transportministerium von Japan hat nun erstmals eine Studie veröffentlicht¹, in der die Pünktlichkeit der Züge in Tokyo (und 50km Umland) genau untersuchte. So stellte man fest, dass die Chuo-Linie, betrieben von der ehemals staatlichen JR East (für die älteren Semester: kokutetsu) Spitzenreiter ist: An 19 Werktagen im Monat gab es mindestens eine Verspätung. Knapp die Hälfte der unter 10-minütigen Verspätungen wurden durch Passagiere verursacht, die trotz Abfahrtssignals versuchten, einzusteigen. In 16% der Fälle waren Türen, die noch einmal geöffnet werden mussten (da etwas rausragte), die Ursache – und in rund 10% der Fälle waren es Passagiere, die wegen Unpässlichkeit geborgen werden mussten. Berufspendler erleben an den meisten Tagen alle drei Ursachen – vorweg das berühmte 駆け込み乗車 kakekomijōsha, das „auf den Zug aufspringen“.

In Japan gibt man sich große Mühe, die Menschenmassen geschickt zu dirigieren
In Japan gibt man sich große Mühe, die Menschenmassen geschickt zu dirigieren

Einige Bahnlinien bekämpfen das Problem mit langfristigen Strategien – die Odakyu-Linie ist zum Beispiel seit Jahren dabei (und kurz vor Abschluss), die Trasse vierspurig auszubauen, so dass die schnelleren Züge die langsamen überholen können. Ausserdem wird ein großer Teil der Strecke unter die Erde verlegt. Bei der Den’entoshi-Linie hat man zwar letzteres erledigt, aber der Ausbau in eine viergleisige Trasse ist Zukunftsmusik – es gibt kein Platz zum Ausbau.

Bei den längeren Verspätungen, die bis zu einem halben Tag dauern, sind Waggon- oder Trassenschäden, Schwelbrände in Tunneln, Selbstmorde, Taifune und Erdbeben die Hauptursachen.
Die Erkenntnisse der Studie sind zwar keine wirkliche Überraschung, und sie entmystifizieren die japanischen Bahnen auch nicht. Würde man die Statistiken anders angehen – zum Beispiel durchschnittliche Verspätung pro Passagierkilometer, würde Japan mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit weltweit den Spitzenplatz einnehmen.

Die Studie zeigt zudem, dass sich die Situation in den letzten 40 Jahren dramatisch entspannt hat: Lag die Auslastung der Züge auf den wichtigsten Linien der Hauptstadt vor 40 Jahren noch bei 220%, so hat sie sich jezt bei rund 165% eingependelt.

¹ Die Studie kann hier heruntergeladen werden (PDF, Japanisch)

Das grandiose Mißverständnis der Japaner Teil soundso

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Am 12. Januar kam es nur vier Kilometer von der Stadt Sanjō-Tsubame (Präfektur Niigata) entfernt zu einer der längsten Verspätungen der japanischen Bahngeschichte: Ein Vorortzug mit rund 430 Passagieren der JR East-Linie blieb mitten auf dem Feld in einer Schneewehe stecken, und so sehr man sich auch mühte — man konnte auf die Schnelle nichts dagegen machen. Der Zug blieb geschlagene 15½ Stunden dort stehen (dies schloss eine Nacht mit ein), bis man die Passagiere evakuieren konnte. Das Zugpersonal hatte es dabei nicht leicht: Einige Passagiere wollten den Zug verlassen, um sich bis zur Stadt durchzuschlagen, aber die Anweisungen an das Personal lauteten, niemanden gehen zu lassen, da es draußen zu gefährlich wäre. Das hatte seinen guten Grund, denn die Schneefälle in der Nacht waren enorm und ein Fußweg, egal ob während des Tages oder in der Nacht, wäre sehr gefährlich gewesen.

Die Haltung des Personals wurde kontrovers diskutiert. Zwar hatte der Zug Strom und sogar eine Toilette, ausserdem konnte JR East Notrationen und Wasser bis zum Zug bringen, aber einige Passagiere empfanden das fast schon als Freiheitsberaubung. Dem Triebwagenführer selbst wurde jedoch Heldentum bescheinigt, musste er doch über 15 Stunden lang mehr als 400 Passagiere beschwichtigen (und wer weiss, wie viele Male er sich in der Zeit entschuldigte). Die Lage war einfach verfahren: Es schneite heftig, aber der Zug hatte eine Schneevorrichtung integriert, und es wurde entschieden, dass der Zug weiterfahren kann. Er kam aber nur ein paar Hundert Meter weit, danach wurden die Schneefälle so heftig, dass auch kein Schaufeln mehr half. Und da es sich um eine eingleisige Strecke handelte, gab es schnell weder ein Vor noch ein Zurück.

Im Wochenmagazin Mr.サンデー (Mr. Sunday), einem Nachrichtenrückblick mit Hintergrundanalysen auf Fuji TV, wurde gestern, am 14. Januar, ausführlich darüber berichtet. Unter anderem berichtete man über die Hilfsbereitschaft unter den Zugpassagieren während der langen Stunden: Der Zug war nämlich voll, nicht alle konnten sitzen. Also wechselten sich ein paar Passagiere ab, man tauschte Handybatterien aus und so weiter und so fort. Man interviewte zu dem Thema auch eine Oberschülerin, die ganz beeindruckt von der Solidarität unter den Passagieren war – mit dem Fazit, es war zwar lang, aber alles in allem eine gute Erfahrung. Doch dann fiel der Kommentar des Tages einer der Sprecherinnen:

Diese Hilfsbereitschaft unter den Menschen ist etwas, das es so nur in Japan gibt.

Und hier liegt es — eines der grandiosen Mißverständnisse. Nein, Hilfsbereitschaft und Gastfreundlichkeit sind keine japanischen Erfindungen. Viele Japaner wissen das, aber es ist sehr beachtlich, wie japanische Medien immer und immer wieder versuchen, dieses verquere Bild zu vermitteln. Das ist für einen ausländischen Betrachter jedes Mal verstörend, zumal es mit der Hilfsbereitschaft im Alltag nicht gerade rosig aussieht – erst recht nicht in vollbesetzten Zügen.

Der Grund, warum mir das übel aufstieß, war eine Anekdote, die mir ein guter Freund erst im vergangenen Herbst erzählte: Als sein Zug auf freier Strecke aufgrund eines umgestürzten Baumes stecken blieb, kamen ziemlich bald die Bewohner eines nahegelegenen Dorfes und luden Familien mit kleinen Kindern zu sich ein – ausserdem organisierten sie Fahrgemeinschaften, damit die Leute weiterkamen. Natürlich gibt es überall Hilfsbereitschaft, und auch Gastfreundlichkeit. Zum Glück.

Schriftzeichen 卍 wird immer beliebter — doch was bedeutet es?

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Japanisches (chinesisches) Schriftzeichen Manji
Japanisches (chinesisches) Schriftzeichen Manji
Seit einigen Wochen wird ein normalerweise eher selten benutztes Schriftzeichen von immer mehr jungen Japanern in sozialen Netzwerken benutzt. Das Schriftzeichen besteht aus sechs Strichen und jagt vielen ausländischen Besuchern erstmal einen Schrecken ein, da es ja umgehend an das berüchtigte Hakenkreuz der Nazis erinnert (welches man ja ebenfalls gelegentlich in Japan sieht, aber dieses Schriftzeichen ist nun mal gespiegelt). Gelesen wird es BAN oder MAN (ON-Lesung) beziehungsweise manji (kun-Lesung). Man sieht es recht häufig in Japan — vor allem auf Stadtplänen, wo es oft als Symbol für einen Tempel steht. An letzteren kann man es mitunter auch sehen. Ganz eigentlich ist es ein Schriftzeichen buddhistischen Ursprungs und symbolisiert Glück.

Das ganze begann wahrscheinlich mit jemandem, der quasi als phonetisches Wortspiel

マジ卍 (maji manji)

schrieb. „maji“ ist die Kurzform für „真面目 majime“ – „ernst“, und „maji manji“ soll wohl „extrem“ oder „absolut“ bedeuten — aber so recht weiss das noch keiner so richtig. Linguisten rätseln noch immer darüber, wie und warum das Schriftzeichen plötzlich so oft auftaucht, so zum Beispiel in diesem Artikel, aber, und das klingt durchaus plausibel, es könnte sich durchaus zu einen neuen Slangbegriff für einen Superlativ entwickeln – quasi in den Fußstapfen von

超~ chō-
激~ geki-
鬼~ oni-
めちゃ~ mecha-
ガチ~ gachi

und so weiter, die man allesamt mit

extrem… (kalt usw.)
übelst…
berst…

und was es nicht noch so alles im Deutschen gibt übersetzen kann. Beispiel: めちゃ寒い mecha samui = extrem kalt / übelst kalt usw. In diesem Sinne — nicht wundern, wenn es in japanischen sozialen Netzwerken bald nur noch so vor Hakenkreuzen wimmelt – die wollen alle nur spielen…

Japans ominöse Snackbars

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In jedem Land auf der Erde ist der englische Begriff „Snack“ etwas völlig unverfängliches, und eine „Snackbar“ einfach nur ein Ort, an dem man sich eine Kleinigkeit zu essen in den Rachen schieben kann. In jedem Land? Nein, ganz am Rande der Welt, da wo das viele Wasser anfängt, liegt Japan, und nur dort ist eine „Snackbar“, oft nur スナック sunakkugenannt, etwas völlig anderes. Und zwar ein mysteriöser Ort, an dem man sich ordentlich in die Nesseln setzen kann. Dabei handelt es nicht um ein selten anzutreffendes Phänomen, sondern um etwas, was es überall gibt. Laut dieser Quelle gibt es in Japan nämlich rund 55’000 dieser Läden – das ist ein Laden pro 2’000 Erwachsene, denn man muss mindestens 20 Jahre alt sein, um dort verkehren zu dürfen. Die Snack-Bars haben dabei nur wenige Gemeinsamkeiten:

  1. Man kann von draußen nicht reinschauen
  2. Die Bar besteht meist aus nur einem, oft kleinen Raum
  3. In den meisten Fällen wird die Bar von einer ママ mama genannten Wirtin geleitet
  4. In den Bars wird Alkohol ausgeschenkt
  5. In den Bars gibt es kleine Snacks — die man serviert bekommt, ob man will oder nicht
  6. Es gibt eine Karaoke-Maschine, und es wird gesungen, was das Zeug hält (die Mama singt meistens auch)
  7. Das Preissystem ist oft undurchsichtig
  8. Snackbars treten meistens gehäuft auf.
  9. In der Nähe der Snackbar-Viertel gibt es oft „sarakin“-Gebäude mit Automaten, an denen man sich schnell Geld leihen kann.

Bei Punkt 1) fängt das Dilemma schon an. In sehr vielen Snackbars sind nämlich junge Frauen angestellt (gern aus den Philippinen oder aus Thailand), die zur Aufgabe haben, den meist älteren, männlichen Besuchern einzuschenken, die Zigaretten anzuzünden und Komplimente ins Ohr zu hauchen, was sie denn für tolle Kerle seien. Und: Nämlichen Besuchern das Geld aus dem Kreuz zu leiern. Der Übergang zum Rotlichtgewerbe ist da manchmal recht fließend. In solchen Snackbars zahlt man natürlich „etwas“ mehr – für die Gesellschaft zum Beispiel, oder für die Getränke, die man zu überteuerten Preisen den holden (?) Schönheiten bezahlen soll. Es gibt jedoch auch nicht wenige Snackbars, die ganz und gar unverfänglich sind: Dort singt der Dorfadel einfach nur harmlose Gassenhauer von anno dazumal.

Warum sollte man sich als Ausländer nun in eine Snackbar begeben? Nun, man sollte eigentlich nicht, denn das ist schon Hardcore-Japan. Wer sich allerdings auf dem Land rumtreibt, und einfach nur ein Bier oder etwas anderes trinken möchte, hat mitunter gar keine andere Wahl. Und eine Snackbar auf dem Land ist auch durchaus interessant für Sprachfans, die einfach mal in den örtlichen Dialekt eintauchen wollen, denn das kann man in Snackbars dank des Alters der Besucher (und meistens auch der Mama) wunderbar tun. Als Ausländer kann man sich auch sicher sein, dass man dort angesprochen wird. Ob man will oder nicht. Und so sieht eine unverfängliche Snackbar von innen aus:

Harmlose Snackbar -- mit Mama beim Karaoke
Harmlose Snackbar — mit Mama beim Karaoke

In diesen einfachen Snackbars kann man oft zu relativ normalen Preisen ein Getränk zu sich nehmen, während man die Wünsche der japanischen Gäste, man möge doch bitte auch etwas singen, abwehrt. Etablissements der oben erwähnten, anderen Klasse – mit weiblichem Beisatz – erkennt man zum Glück nicht selten schon von außen: Am zumeist, man kann es nicht anders sagen – schäbigen Dekor, oder zumindest am Namen. Im Zweifelsfall lauscht man von außen, was von drinnen nach draußen klingt: Hört man viele weibliche Stimmen, nicht selten in radebrechendem Japanisch, sollte man sich auf höhere Rechnungen gefasst machen – da kann man, wenn man den zahlreichen Erzählungen Glauben schenken darf, schnell ein paar hundert Euro lassen.

Für Europäer oder Amerikaner dürften Snackbars jedoch wie ein Relikt aus anderer Zeit wirken: Verqualmt, nicht selten ziemlich schmutzig, und die Klientel ist meistens sexistisch bis zum Anschlag (und daraus schlagen die Betreiber eben ihr Kapital). Ob man das nun gutheißt oder nicht – es ist ein fester Bestandteil der japanischen Kultur, und sie wird so schnell nicht verschwinden. Die Etablissements für die jüngeren Japaner heißen zwar nicht mehr Snack, sondern Host oder Hostess Club und dergleichen, aber im Prinzip ist es das Gleiche.

Beliebter Snackbar-Name. Hier ist schon etwas mehr Vorsicht geboten.
Beliebter Snackbar-Name. Hier ist schon etwas mehr Vorsicht geboten.

Japans alternde Gesellschaft treibt ihre Blüten

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Es war keine Meldung, die in die Weihnachtszeit passt — deshalb erscheint diese Meldung mit etwas Verspätung. Das ganze geschah bereits am 23. Dezember 2017: Morgens um 5 Uhr rief ein Bewohner der Stadt Fukaya in der Präfektur Saitama den Notruf an: „Mein Nachbar teilte mir soeben mit, dass er seinen Sohn mehrfach mit dem Hammer geschlagen habe“. Polizei und Krankenwagen wurden in Marsch gesetzt, doch es war zu spät: Der Sohn erlag im Krankenhaus seinen Verletzungen. Das pikante an der Sache: Der Sohn war reife 65 Jahre alt, und der zornige Vater sage und schreibe 92 Jahre. Laut Schilderung des Vaters war er wütend über den Lebensstil des bei ihm wohnenden Sohnes. Als er ihn in besagter Nacht betrunken vor seiner Haustür liegen sah, griff er zum Hammer und schlug mehrfach auf seinen Sohn ein.

Japans Gesellschaft altert rapide — das merkt man immer deutlicher. Diese Tatsache bringt dabei wie im obigen Fall auch allerlei seltsame Begleiterscheinungen mit sich. Dazu zählt die rapide Zunahme der durch ältere Mitmenschen begangenen Verbrechen. In vielen Städten richten die Polizeistationen deshalb eigene Dezernate ein, um dem Phänomen Herr zu werden.

Was nun genau hinter dem obigen Fall steckt, erfährt man natürlich nicht aus den Medien. Vielleicht wurde der Vater ja jahrelang vom trunksüchtigen Sohn drangsaliert oder gar mißhandelt. Vielleicht war der Vater aber auch schon immer sehr, sehr streng und kam mit dem Verhalten des Sohnes nicht klar. Fest steht jedoch, dass der 92-jährige offensichtlich sehr rüstig ist, wenn er morgens um 5 einen Erwachsenen mit dem Hammer erschlägt.

Wie immer im japanischen Fernsehen wurde der Klarname des Täters genannt — nebst Alter und Beruf. Im Falle des 92-jährigen stand freilich, wie immer in solchen Fällen 無職 mushoku – „arbeitslos“ daneben. Mit dieser Praxis komme ich nachwievor nicht klar. „Arbeitslos“ ist ein negativer Begriff und im Falle von Rentnern, ob sie nun gerade ihren Sohn mit dem Hammer erschlagen haben oder nicht, ganz sicher unangebracht.

2017 – Ein Abgesang / Gesundes Neues Jahr!

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Bevor sich traditionsgemäß am 31. Dezember Downtown 6 Stunden lang den Hintern versohlen lassen, gibt es den traditionellen, persönlichen Jahresrückblick. Das war, aus Sicht von Tabibito, das Jahr 2017:

Politik
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Jetzt ist es wirklich amtlich: Japan ist politisch so stabil wie schon lange nicht mehr, und Ministerpräsident Abe begann jüngst sein 5. Jahr als Ministerpräsident. Für japanische Politikerverhältnisse ist er damit ein wahrer Methusalem. Seine Politik kann man mögen, muss man aber nicht. Viele mögen seine Politik nicht, aber es mangelt schlicht an Alternativen. Der politische Witz des Jahres war das Auftreten (und sofortige Versagen) der neo-konservativen und völlig hoffnungslosen Partei der Hoffnung. Ansonsten war das Jahr geprägt von zahlreichen politischen Skandalen und Skandälchen, bis in die höchsten Führungsebenen, sowie einer wachsenden Sorge vor dem Waffenarsenal und der Unberechenbarkeit Nordkoreas.

Wirtschaft
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Eigentlich befürchtete man aufgrund des „Erscheinen“ Ronald Trumps als US-Präsident eine Zeit der Unsicherheit, einhergehend mit nervösen Märkten. Dem war offensichtlich nicht so. Es wäre zwar übertrieben, zu behaupten, dass die japanische Wirtschaft brummt, aber es geht ihr zumindest nicht schlechter als erwartet. Und dem Aktienmarkt geht es blendend – 2017 stieg der Nikkei-Index nahezu pausenlos an und erreichte am Jahresende ein Rekordhoch von 22’900 Punkten. 2012 lag man noch bei 8’500 Zählern. In jüngster Zeit ist die virtuelle Währung Bitcoin übrigens der ganz große Renner unter den Privatanlegern – da werden wohl bald ein paar Anleger ganz dumm aus der Wäsche gucken.

Beruf
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Dieses Jahr möchte ich lieber ganz schnell vergessen… prinzipiell hat sich jedoch nichts geändert (seit nunmehr 12 Jahren).

Familie
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Madame Tochter wird nun also 11 Jahre alt und beginnt im April ihr letztes Grundschuljahr. Monsieur Sohnemann besucht seit April die Grundschule, und weil er immer so aufmerksam und bei der Sache ist, darf er auch die ganze Zeit in der ersten Reihe sitzen. Könnte vielleicht auch daran liegen, dass er sich liebend gern mit anderen Sachen beschäftigt und deshalb vom Lehrer dort platziert wird…

Reise
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Dieses Jahr war nicht ganz so ergiebig. Die längste und interessanteste Reise war die in die Präfektur Kagawa (die 3. oder 4. Reise in die Präfektur) – mehr dazu siehe hier. Dort habe ich zum ersten Mal AirBnB in Japan probiert – und es auf gar keinen Fall bereut. Trotz Taifuns waren es sehr interessante Sommertage.

Ansonsten bin ich seit November 2017 stolzer Besitzer eines japanischen Führerscheins und deshalb vermehrt mit dem Auto unterwegs – da das Bahnnetz ziemlich weitmaschig ist, erschliessen sich viele Orte erst mit einem fahrbaren Untersatz (erst gestern und heute habe ich eine 350-Kilometer lange Tour gemacht, die uns durch alle 6 Präfekturen der Kanto-Region führte).

Normalerweise unternehme ich immer am Jahresende eine weitere Tour, aber aus urlaubstechnischen Gründen wird diese in diesem Winter erst am 4. Januar beginnen. Das Ziel: Die Kii-Halbinsel zu umrunden.

Klassentreffen
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Im Oktober fand ein Klassentreffen meiner ehemaligen Oberschule statt – das 25-jährige, und erst zweite insgesamt (das erste gab es nach 5 Jahren). Da ich mit vielen noch in Kontakt stehe, bin ich extra zum Klassentreffen nach Deutschland zurückgeflogen, und das war eine gute Entscheidung: Es tat gut, zu sehen, dass es allen gut geht, und das sich die meisten eigentlich nicht geändert haben. Und es ist seltsam, zu erfahren, dass man in der ehemaligen Schule (damals eine Schule mit Internat, untergebracht in einem Schloß) heute Apartments für rund eine halbe Million Euro kaufen kann — damals haben wir dort für 30 Mark pro Monat, mit Vollverpflegung und inklusive Fahrkarten für die Heimfahrt, gelebt…

Meine alte Schule nebst Internat
Meine alte Schule nebst Internat

Blog +α
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Dieses Jahr gab es 84 neue Beiträge – genau wie im Vorjahr.

Der (wahrscheinlich) meistgelesene Artikel war Umfrage: Welche Orte sollte man in Japan gesehen haben? — und das offenbart mein Dilemma als Blogschreiber: Es sind diese eher sehr japan(stereo)typischen, touristischen Artikel, die für Traffic sorgen – die „Kernartikel“, in denen es um Politik und Gesellschaft geht, haben im Gegensatz dazu eine eher überschaubare Leserzahl. Das ist zwar frustrierend, aber ich werde vorerst trotzdem nicht den Schwerpunkt des Blogs ändern, da ich nach wie vor keine nennenswerten finanziellen Interessen bezüglich des Blogs habe.

Ich wünsche bei der Gelegenheit allen Lesern einen guten Rutsch ins neue Jahr — das Jahr des Hundes. Dass mir 2018 ja keiner auf den Hund kommt!

Endlich auf den Punkt gebracht: Die 7 großen Probleme Japans

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Jetzt ist es amtlich: Der Papst hat die 7 größten Probleme Japans eiskalt und schonungslos auf den Punkt gebracht, ohne etwas zu beschönigen¹. Das geschah bei einer Videokonferenz mit japanischen Studenten am Montag. Und hier sind sie – die 7 Probleme, oder nennen wir sie gleich Todsünden, der Japaner:

Excessive competition, competitiveness, consumption, consumption, consumption, consumption and even more consumption.

Ganz richtig. Und bitte nicht die Reihenfolge verwursteln! In seiner Videobotschaft mahnte der Papst an, dass bei dem harten Wettbewerb in der Schule und auf Arbeit menschliche Werte auf der Strecke bleiben können – auf dem Weg nach oben trampeln nicht wenige auf ihre Mitmenschen. Zudem bezeichnete er Japaner als ein Volk mit einem „großer Empfängnis für Religionen“. Richtig. In Japan sind zahlreiche Sekten unterwegs, gegen die die „Kirche des fliegenden Spaghettimonsters“ geradezu wie das Opus Dei erscheint. Mit stetig steigenden Mitgliederzahlen.

Wo der Papst recht hat, hat er natürlich recht. Der Konsum ist in Japan in der Tat für viele das Ein und Alles (typischer Dialog: „Was ist Dein Lieblingshobby?“ – „Einkaufen!“). Aber das gilt ganz sicher nicht für alle Japaner – wahrscheinlich nicht mal für die Hälfte. Den Eindruck mag man aus den Medien gewinnen, oder bei einem Bummel durch Tokyo. Aber auf dem Land, oder bei älteren Leuten – und die Mehrheit ist ja nun schon etwas älter – spielt der Konsum keine so große Rolle.

Da wir aber nun schon mal bei den 7 Todsünden sind — hier ist meine Liste der „japanischen 7 Todsünden“ – :

  1. Langsames Laufen
  2. Kartoffeln auf Pizza packen
  3. Faible für Lousy Vuitton-Taschen
  4. Das eigene Volk für die größte Erfindung Gottes halten
  5. Gnadenloser Sexismus
  6. Der Irrglaube, dass die Rechnung „Am Arbeitsplatz sein = Arbeiten“ stimmen muss
  7. Japanisches Fernsehen

Die Reihenfolge ist beliebig, wohlbemerkt. Zurück zu den von Papst Franziskus benannten Problemen: Leider hätte die Eliminierung von 5 der 7 Probleme die sofortige Implosion der japanischen Volkswirtschaft zur Folge. Das wollen wir natürlich auch nicht.

In diesem Sinne — ich wünsche allen Lesern ein gesegnetes Weihnachtsfest!

¹ Siehe hier.

Der Shinkansen-Schock: Eschede auch in Japan möglich?

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Bisher ein Symbol für Sicherheit und Zuverlässigkeit: Shinkansen
Bisher ein Symbol für Sicherheit und Zuverlässigkeit: Shinkansen
Es ist zwar nun schon knapp 20 Jahre her, aber die Bilder haben sich ins Gedächtnis eingebrannt: Der schwere ICE-Unfall in Eschede, bei dem 101 Passagiere starben, geschah in 1998 – als ich gerade in Japan studierte. Ungläubig schaute ich damals auf das Photo auf der Titelseite der Japan Times, das die völlig zerstörten ICE-Waggons vor einer Brücke in Eschede zeigte. Wie kann so etwas in einem eigentlich hochtechnologisierten Land wie Deutschland passieren? Und ist so etwas etwa auch in Japan möglich? Bis vor einer Woche hätten zumindest Japaner diese Frage vehement verneint, doch seit dem 11. Dezember 2017 ist man sich da nicht mehr so sicher.

An jenem Tag beschloss man, einen Shinkansen, der auf dem Weg von Hakata nach Tokyo war, für eine genauere Untersuchung außer Betrieb zu setzen — die Passagiere mussten in einen anderen Zug umsteigen. Und diese Untersuchung („点検 tenken“) offenbarte sehr ernstzunehmende Mängel. Zum einen stellte man einen Riß im Gestellrahmen fest. Außerdem lief Öl im Getriebe aus. Außerdem hatte sich der Antriebsstrang auf ungewöhnliche Art und Weise verfärbt. Folgerichtig wurde der Zwischenfall als 重大インシデント jūdai inshidento – schwerer Zwischenfall eingestuft – und zwar als erster schwerer Zwischenfall in der 53-jährigen Geschichte der Shinkansen. Man muss da ganz sicher kein Bahnexperte sein, um sich auszumalen, dass ein Riß im Fahrwerk bei 300 oder mehr Stundenkilometern eine ernsthafte Gefahr darstellt.

Das problematische an diesem Zwischenfall ist, das es bereits kurz nach der Abfahrt, im Bahnhof Kogura auf Kyushu, erste ernstzunehmende Anzeichen gab. Dort stellte man einen ungewöhnlichen, brandähnlichen Geruch fest. Später, in Okayama, wurde ein seltsames Geräusch festgestellt. In der Nähe des Bahnhofs Kyotos nahm ein Schaffner ebenfalls einen seltsamen Geruch – dieses Mal im Wageninneren – wahr. Und trotzdem war der defekte Zug – mit Passagieren – 671 Kilometer auf der Hochgeschwindigkeitstrasse, bis sich jemand die Ursache genauer ansah.

Der ICE in Eschede war zum Zeitpunkt des Unglücks mit 200 km/h unterwegs – die Shinkansen auf der San’yo/Tokaido-Strecke sind mit 285 bis 320 km/h unterwegs. Es gibt zudem unzählige, zum Teil sehr lange Tunnel auf der Strecke. Man möchte sich nicht vorstellen, was passiert, wenn ein Shinkansen bei der Geschwindigkeit, womöglich noch in oder vor einem Tunnel verunglückt. Der schwere Zwischenfall deutet jedoch darauf hin, dass so etwas durchaus auch in Japan geschehen kann.

Was die Ursache anbelangt, so ist man sich noch nicht sicher – es könnte Materialermüdung gewesen sein, die erst den Riß verursachte und hernach das Getriebe beschädigte. Vielleicht ist der Waggon auch auf der Strecke mit etwas zusammengestoßen, was gleichzeitig das Gestell als auch das Getriebe beschädigte – man weiss es noch nicht genau.

Leider passend zum Thema ereignete sich ein paar Tage später ein weiterer Zwischenfall mit einem Shinkansen – ebenfalls im Bahnhof von Nagoya: Ein Shinkansen fuhr in den Bahnhof ein, und kurze Zeit später wieder aus – ohne die wartenden Passagiere hereinzulassen. Der Lokführer dachte, dass das hintere Zugpersonal die Türen geöffnet und die Passagiere hereingelassen hätte, aber dem war offensichtlich nicht so. Der Shinkansen wurde nach den ersten Metern „zurückgepfiffen“ und man liess die Fahrgäste einsteigen. Das ist auf einer Hochgeschwindigkeitsstrecke dann doch ein bisschen besorgniserregend…

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