Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Osaka: G20 trifft Taifun und geballte Obachan-Power

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Morgen und übermorgen, also am 28. und 29. Juni, findet also der G20-Gipfel statt — dieses Mal in Osaka. Der Paketdienst meiner Firma hat deshalb schon mal vorsorglich bescheid gesagt, dass in den kommenden Tagen Pakete nach Osaka nicht einen, sondern zwei Tage benötigen werden. Das ist etwas überraschend, denn eigentlich sollte man erwarten, dass der Einfluss auf des G20-Gipfels auf Osaka nicht so gross sein sollte. Andererseits hat man allerdings auch halb Tokyo abgesperrt, als Trump neulich seinen Kumpel Abe besuchte. Trump ist heute bereits in Osaka eingetroffen – und mit ihm ein Taifun. Kein kräftiger zwar, aber ein etwas seltsamer, denn er wird nur knapp zwei Tage als Taifun eingestuft werden. Ausserdem sind Taifune in diesen Breiten Japans während der Regenzeit eher unüblich.

Der südkoreanische Ministerpräsident Moon wird ebenfalls in Osaka weilen und bot seinem japanischen Amtskollegen an, dort über den südkoreanischen Vorschlag zur gemeinsamen Entschädigung von Zwangsarbeitern zu reden, denn seit dem Gerichtsurteil im Oktober 2018 haben südkoreanische Gerichte bereits damit begonnen, den Besitz diverser japanischer Firmen in Südkorea zu pfänden – mit der Drohung, diesen dann auch zu versteigern, wenn sich die Firmen weiter weigern sollten, Entschädigungen zu bezahlen. Viel Bewegung dürfte man aber nicht erwarten, denn für Japan ist die Sache mit den 1965 erfolgten Reparationszahlungen erledigt — dazu besteht schliesslich ein ordnungsgemässer Vertrag zwischen Japan und Südkorea. Moon meinte dazu sinngemäss: “Sicher, wir haben die Sache mit Verträgen geregelt, aber das bedeutet nicht, dass das Leiden der Betroffenen damit beendet ist.”. Sicher, sicher. Aber wie bereits im Falle des Abkommens bezüglich der Trostfrauenproblematik erhärtet sich leider der Eindruck, dass die südkoreanische Regierung im Großen und Ganzen auf Verträge pfeift. Eine schlechte Basis für eine Vertiefung der Beziehungen mit Japan.

Zurück zu Osaka: Ein paar muntere Obaachans haben sich entschlossen, ihrer Stadt in einem quietschbunten Video zu huldigen. Das ist geballte Obaachan-Power. Ein Teil hat es mir allerdings angetan, da er nur allzu wahr ist: “Sucht man einen Ort in Tokyo, sagen die Leute ‘Kenne ich nicht’. Sucht man einen Ort in Osaka, kommt bestimmt eine Obaachan (=Omma) und sagt: ‘Da, geradeaus!’ – obwohl sie den Ort auch nicht kennt”.

Eilmeldung: Schweres Erdbeben vor Niigata/Yamagata

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Um 22:26 am 18. Juni 2019 gab es vor der Küste von Yamagata, 50 km von der Stadt Sakata entfernt, ein schweres Erdbeben. Die Stärke nach der Richterskala lag bei 6.8, die Stärke in einigen Städten entlang der Küste nach der japanischen Skala (bis 7) lag bei einer starken 6.

Momentan wird vor einem Tsunami entlang der Küste von Yamagata und Niigata gewarnt – man erwartet zwar nur eine Höhe von 1 m, aber in Buchten können es entsprechend mehrere Meter werden. Die Regierung richtet momentan einen Krisenstab ein.

Laut TEPCO, Betreiber des (momentan noch abgeschalteten) AKW in Kashiwasaki (Niigata) meldet, dass es keine Schäden am Kraftwerk gibt.

Das wirkliche Ausmass wird erst morgen sichtbar werden. Momentan gibt es alle paar Minuten lang Nachbeben – von denen ist in Tokyo jedoch nichts zu spüren.

Das Epizentrum lag mit 10 km sehr nah unter dem Meeresboden des Japanischen Meeres. Die größten Bewegungen wurden in Tsuruoka gemessen.

Im Land der Geisterfahrer

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In letzter Zeit sind die Zeitungen voll davon — nahezu täglich berichten Zeitungen und Nachrichten von Unfällen mit betagten Fahrern. So raste erst heute wieder ein über 60-jähriger in eine Gruppe mit Schulkindern, wobei dies freilich ein Grenzfall ist – Fahrer in den 60ern gelten eigentlich als “relativ” sicher. Die Zunahme der von älteren Fahrern verursachten Unfälle ist eine unangenehme Begleiterscheinung der Überalterung der Gesellschaft, und die Stimmen werden lauter, etwas dagegen zu unternehmen.

Noch sind die Maßnahmen in dieser Hinsicht eher freiwilliger Natur. So gibt es magnetische Sticker, die man anfangs “枯葉マーク kareha mark” nannte – wörtlich: “Verwelktes-Blatt-Zeichen”, eine in der Tat bösartige Bezeichnung, die man deshalb auch offiziell nicht mehr verwendet. Stattdessen sagt man jetzt “高齢者マーク” kōreisha mark (Hohes-Alter-Zeichen). Die Idee ist, dass sich über 75-jährige das Zeichen vorne und hinten ans Auto kleben, damit andere Verkehrsteilnehmer merken, dass man hier womöglich mit verminderten Reaktionszeiten rechnen sollte. Laut japanischer StVO müssen betagte Fahrer das Zeichen anbringen, doch das Gesetz sieht im Falle der Missachtung keinerlei Strafen vor, weshalb es sich hier nur um ein Pseudo-Gesetz handelt (im Gegensatz zum 若葉マーク wakaba-mark, dem “jungen Blatt”, welches Fahranfänger im ersten Jahr des Führerscheins an ihr Fahrzeug anbringen müssen).

Eine weitere Massnahme ist das Angebot an die älteren Semester, den Führerschein freiwillig abgeben zu können. Vielerorts weist man in sich in Japan mit dem Führerschein aus, denn einen Personalausweis gibt es nicht, und der Führerschein ist eine gültige ID mit Foto. Wer auf seinen Führerschein verzichtet, bekommt nun eine ähnliche Karte im Scheckkartenformat zurück – ein Quasiführerschein, mit dem man eben jedoch nicht mehr mit dem Auto fahren darf. Zudem gibt es mehr und mehr Gemeinden, die die Senioren bei freiwilligem Verzicht mit diversen Vergünstigungen locken. Auf dem Lande jedoch hat das nur begrenzt Erfolg, denn der öffentliche Nahverkehr ist dort äußerst spärlich ausgelegt und der nächste Laden oder Arzt sehr weit weg.

Wunderbar und kennzeichnend zu dem Thema war eine Umfrage unter Autofahrern, ob sie ihren eigenen Fahrkünsten vertrauen würden: ¹

Altersgruppe Vertraut den eigenen Fahrkünsten
20-29-jährige 49.3%
30-59-jährige 40.0%
60-64-jährige 38.0%
65-69-jährige 51.3%
70-74-jährige 60.7%
75-79-jährige 67.3%
Über 80-jährige 72.0%

Ganz klarer Fall: Je älter desto störrischer. Da man so offensichtlich nicht weiterkommt, überlegt man nun, einen neuen Führerschein einzuführen. So wie es einen “Automatikführerschein” gibt, der nur das Fahren von Autos mit Automatikgetrieben zulässt, will man nun einen Führerschein, der nur den Betrieb von Autos zulässt, die verschiedene Sicherheitsmerkmale zulassen – wie zum Beispiel einen Abstandssensor oder eine Vorrichtung, die das Verwechseln von Gas- mit Bremspedal verhindert.

¹ Siehe hier

Touristenfalle Tsukiji

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Am vergangenen Wochenende ging es aus aktuellem Anlass zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder nach Tsukiji, dem weltbekannten da weltgrössten Fischmarkt, mitten in Tokyo. Denn: Der eigentliche Fischmarkt ist bereits im vergangenen Jahr nach Toyosu gezogen, und Tsukiji in der jetzigen Form, mit seinen engen Gassen und zahllosen Restaurants, wird es nicht mehr lange geben, denn das Viertel soll umstrukturiert werden. Da es die Restaurants immer noch gibt, und da Toyosu am Sonntag komplett geschlossen ist, strömen noch immer endlose Horden durch die Gassen von Tsukiji – westliche Ausländer ebenso wie Busladungen chinesischer, taiwanesischer, koreanischer und thailändischer Touristen. Und alle haben Appetit auf Fisch, wie es scheint.

Besucherhorden in Tsukiji
Besucherhorden in Tsukiji

Das Angebot ist in der Tat verlockend – es gibt zahlreiche Sushiläden und noch mehr Kaisendon-Läden (die grobe Variante des Sushi, bei dem der rohe Fisch auf eine Schale Reis gelegt wird). Auf einem grossen Schild am Eingang zum Viertel steht 人情味溢れる築地で上手なお買物 ninjōmi de afureru Tsukiji de jōzu na okaimono geschrieben – “Geschickt einkaufen im vor Menschlichkeit überquellenden Tsukiji”. Nette Worte, aber wer lange und viel in Japan unterwegs war, stellt leider schnell fest, dass viele Restaurants in Tsukiji zwar teuer, dafür aber von schlechter Qualität sind. Rein zufälligerweise sind die Preise auch fast überall die gleichen, was zwar zu erwarten ist, aber wenn man 2,500 yen (fast 20 Euro) für eine Schale Reis mit rohem Fisch drauf bezahlen soll, darf man in Japan eigentlich einiges dafür erwarten. Nicht so in Tsukiji: Der Seeigel sieht so aus, als ob er schon vor einer Woche von seiner stacheligen Hülle befreit wurde, die Streifen fetten Thunfisches (toro) sehen wie das aus, was im Supermarkt am Abend liegen bleibt und letztendlich kurz vor Ultimo für ein paar Handvoll Yen verscherbelt wird, bevor es verdirbt, und auch beim Reis gibt man sich keine sonderliche Mühe. Man wird den Eindruck nicht los, dass in den Restaurants in Tsukiji das verkauft wird, was man bei den Auktionen am Morgen nicht losgeworden ist. Und zwar für teures Geld. Warum auch nicht — die Touristen kommen auch so, ganz von allein, und wenn sie schon mal da sind, wollen sie natürlich auch was essen. Mir tun jedoch die Besucher leid, die in Tsukiji zum ersten Mal mit Kaisendon & Co. in Kontakt kommen, denn das vergällt ihnen mitunter dieses ansonsten herrliche Gericht.

Neu ist das ganze natürlich nicht – mit den Besucherströmen kommt der Nepp – das ist überall auf der Welt so, und warum sollte das in Japan anders sein.

Langsam aber sicher wird dichtgemacht
Langsam aber sicher wird dichtgemacht

Finanzministerium: Rentner brauchen 150’000 Euro eigene Spareinlagen

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Und zack, da war die Katze aus dem Sack: In der vergangenen Woche (am 3. Juni 2019) gab das japanische Finanzministerium einen Bericht mit dem Namen 高齢社会における資産形成・管理 (Kapitalbildung- und Verwaltung in der alternden Gesellschaft)¹ heraus, und in dem tauchte eine Zahl auf, die viel Aufsehen erregte: 20 Millionen Yen (gut 150,000 Euro). Soviel braucht laut Finanzministerium ein Ehepaar an Extraeinlagen, wenn die folgenden Bedingungen erfüllt sind:

1) Der Ehemann geht mit oder nach 65 Jahren in Rente
2) Die Ehefrau geht mit oder nach 60 Jahren in Rente
3) Das Ehepaar bezieht zusammen die Durchschnittsrente (rund 200,000 Yen)
4) Das Ehepaar zahlt keine Miete (eigene Wohnung oder eigenes Haus)

Nun ging man bei der Berechnung ganz einfach von den üblichen Ausgaben aus, und die belaufen sich der Rechnung zufolge monatlich auf circa 260,000 yen. Will heissen, pro Monat ist man mit 60,000 Yen im minus. Mit anderen Worten: Mit der staatlichen Rente kommt man nicht weit. Und das ist natürlich ein Problem, denn das Finanzministerium weiss ebenso, das 22,6% der 40jährigen, 17,4% der 50jährigen, 22% der 60jährigen und 28,6% der 70jährigen keine Einlagen haben. Das bedeutet also, dass mindestens ein Viertel der Bevölkerung im Alter in finanzielle Schieflage gerät – mindestens, denn der Besitz einer eigenen Wohnung/eines eigenen Hauses kann man auch nicht ohne weiteres voraussetzen.

Schaut man sich die Sparanlagen der Japaner an, dann sollte man meinen, dass alles bestens ist, denn die Gesamtspareinlagen sind hoch. 60-jährige Ehepaare haben demzufolge durchschnittlich Einlagen von 18 Millionen Yen. Aber man ahnt es bereits: Die Statistik trügt natürlich, denn ein Grossteil der Spareinlagen befindet sich in den Strümpfen eines geringeren Prozentsatzes der Bevölkerung.

Dass die Rente in Japan nicht reicht, ist dabei keine besonders neue Erkenntnis. Das war schon immer so. Doch früher galt das Prinzip der lebenslangen Beschäftigung, und das bedeutete auch, dass die meisten Angestellten beim Erreichend des Rentenalters ein passsables Altersgeld erhielten – oben erwähnte 20 Millionen Yen waren da durchaus nicht unüblich. Doch diese Zeiten sind bekanntermassen vorbei – zumindest für sehr viele Angestellte. Redakteure diverser Fernsehsender schnappten sich natürlich sofort diese Zahlen und befragten “einfache Menschen auf der Strasse”, von denen viele resigniert wirkten. Vor allem um die 40-jährige antworteten häufig schulterzuckend “Ich habe Kinder, wie soll ich da sparen”. Und da haben sie recht, denn Bildung ist teuer in Japan.

Die Opposition konfrontierte die Regierung umgehend mit den Zahlen, doch Ministerpräsident Abe wies die Zahlen als unzutreffend und irreführend zurück. Das war zu erwarten. Natürlich hat er in dem Sinne recht, dass man solche statistischen Spielchen mit Vorsicht geniessen muss. Das Finanzministerium hat jedoch auch recht, wenn es davor warnt, dass die Rente nicht reicht. Denn in den obigen Rechnungen sind zum Beispiel schwerere Krankheiten gar nicht eingeplant. Und von der Regierung angekurbelte Maßnahmen zur privaten Vorsorge wie zum Beispiel NISA oder iDeCo haben bisher nicht den erwünschten Erfolg gebracht — ähnlich wie bei der Riesterrente in Deutschland gibt es sogar Stimmen, die solche Modelle gar gänzlich in Frage stellen.

¹ Der Bericht kann hier heruntergeladen werden.

Und der japanische Politiker des Jahres ist…

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…Hodaka Maruyama (丸山 穂高), ein gerade mal 35-jähriger Abgeordneter der Ishin-no-kai-Partei im japanischen Unterhaus. Er wurde von den Bewohnern der Stadt Sakai bei Osaka ins Parlament gewählt. Und das Unterhaus hat heute – einstimmig – eine Resolution verabschiedet, in der Maruyama aufgefordert wird, sein Mandat niederzulegen, da er “als Abgeordneter nicht geeignet sei”. Man könnte nun böswillig einwerfen, dass in diesem Fall das halbe Unterhaus gehen müsste, doch eine solche Resolution ist in Japan etwas sehr Seltenes, und der Delinquent (der kennzeichnenderweise der heutigen Sitzung fernblieb) muss sich da schon einiges erlauben, um den Zorn aller Abgeordneten auf sich zu ziehen.

Was war geschehen? Nun, es geht um die “Nördlichen Territorien” – die vier Südkurileninseln nordöstlich von Hokkaido, deren Kontrolle die Rote Armee in den letzten Kriegstagen des 2. Weltkrieges an sich gerissen hatte. Noch immer versucht Japan, diese Inseln zurückzugewinnen. Nun gab es im Mai 2019 eine zwischen Russland und Japan vereinbarte Ausnahmeregelung, nach der bestimmte Personen ohne Visum auf die Inseln reisen konnten. Ein paar ehemalige Bewohner nutzten die Gelegenheit, ebenso ein paar Parlamentarier. Darunter besagter Maruyama. Und der liess es dort offensichtlich richtig krachen. Als ein mitgereister Pressevertreter den Delegationsvorsitzenden interviewte, drängte sich Maruyama dazwischen und fragte den Delegationsleiter, ob dieser für oder gegen einen Krieg mit Russland sei, um die Territorien zurückzugewinnen. Als dieser äußerte, dass er gegen einen Krieg sei, rief Maruyama lauthals, dass man so niemals die Inseln wiederbekommen würde.

Der Gedanke an sich ist schon abwegig genug, aber später kam immer mehr ans Licht, aus welchem Holz Maruyama geschnitzt ist. So soll er – ebenfalls auf der Kurileninsel, und Augenzeugenberichten zufolge sichtbar angetrunken – zu anderen Delegationsteilnehmern Sätze gesagt haben wie “Da gibt’s Läden mit Frauen. Ich will mir eine Frau kaufen” oder “Ich möchte da ein paar Brüste anfassen”.

Natürlich hat Russland die Sache spitzbekommen — aber diese Äußerungen sind letztendlich dermassen abstrus, das man wohl keine diplomatischen Konsequenzen erwarten dürfte. Maruyama hingegen gab heute auf Twitter bekannt, dass er gedenke, bis zum Ende der Legislaturperiode im Parlament weiterzumachen. Logisch, der arme Kerl braucht ja irgendwie Geld für Frauen und Alkohol. Ich wäre jedoch dafür, dass er danach in ein kleines Dorf auf der Tschuktschen-Halbinsel abgeschoben wird, denn solche Politiker (bzw. Menschen) braucht man hier nun wirklich nicht (gut, in den Dörfern auf der Tschuktschen-Halbinsel braucht man ihn sicherlich noch weniger).

Olympische Spiele ohne Soziale Medien

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Wer sich bei der jüngst beendeten Lotterie der ersten Eintrittskarten zu den Olympischen Spiele um ein oder mehrere Tickets beworben hat, hat irgendwo im Laufe der Anmeldung auch den AGB zugestimmt. Klarer Fall. Obwohl mich ein paar Sachen an den AGB durchaus interessierten, hatte ich selbst natürlich nicht die Musse, mir selbige auch nur ansatzweise durchzulesen, denn ausgedruckt sind dies mindestens sechs, sehr eng geschriebene Seiten voller Juristenjapanisch. Trotzdem möchte man natürlich irgendwann wissen, was für einen Pakt man da eingegangen ist. Und wie befürchtet, ist alles noch schlimmer, als man denkt.

Besonders hat mich persönlich interessiert, wie man einen Ticketschwarzmarkt unterbinden will. Theoretisch soll das so vonstatten gehen: Für Tickets braucht man, vorerst zumindest, eine personengebundene “Tokyo 2020 ID”. Die Tickets sind also erstmal nachverfolgbar. Artikel 35 der AGB untersagt dabei ausdrücklich den 転売 tembai (Weiterverkauf) und droht allen Medien und Personen, die mit einem Weiterverkauf werben. So weit, so gut. Artikel 36 jedoch erlaubt Ausnahmen: Es erlaubt den Weiterverkauf von Tickets auf einer vom IOC genehmigten Plattform, mit der Bedingung, dass die Karten für den regulären Eintrittspreis weiterverkauft werden. Das leuchtet ein und ist fair. Doch dann heisst es:

ただし、チケット購入者は、チケット購入者の親族または友人、同僚その他の知人に対する場合に限り、同サービスによらずチケットを譲渡することができます。この場合でも、譲渡代金その他の譲渡対価として、チケットの券面額を超えた金銭または利益を受領してはなりません。

In etwa: Im Falle von Familienangehörigen, Freunden, Kollegen und dergleichen dürfen Eintrittskarten auch ohne Benutzung des Weiterverkaufsservices überlassen werden. Der dabei erhobene Preis darf jedoch nicht den ursprünglichen Ticketpreis übersteigen. Im zweiten Paragraphen von Artikel 36 wird damit gedroht, dass man stichprobenweise beim Einlass kontrolliert und beim Verdacht eines Verstosses die Karten einziehen kann. Wie man das bewerkstelligen will, ist mir ein Rätsel. Wenn jemand Tickets für ein Finale oder die Eröffnungsveranstaltung für mehr Geld verkaufen will, als die Karte gekostet hat, dann wird er oder sie das schon irgendwie tun. Wie will man nun am Einlass beweisen, dass der Verkäufer nicht ein Kollege oder Freund ist? Und warum sollte der Käufer am Einlass darauf hinweisen, dass er mehr bezahlt hat, als die Karte eigentlich kostete? Schliesslich würde er ja dann die Karte verlieren.

Wie auch immer — man darf gespannt sein, was sich die Geschäftemacher in Japan einfallen lassen werden, denn in Sachen nebenbei einen schnellen Yen verdienen ist man in Japan äußerst erfinderisch.

Der wahre “Hammer” in den AGB ist jedoch Artikel 33, Absatz 4:

4. IOCは、前項を前提としたうえで、チケット保有者が会場内で撮影・録音したコンテンツを個人的、私的、非営利的かつ非宣伝目的のために利用することができる制限的かつ取消可能な権利を、チケット保有者に対して許諾します。ただし、チケット保有者は、会場内で撮影または録音された動画および音声については、IOCの事前の許可なく、テレビ、ラジオ、インターネット(ソーシャルメディアやライブストリーミングなどを含みます。)その他の電子的なメディア(既に存在するものに限らず将来新たな技術により開発されるものを含みます。)において配信、配布(その他第三者への提供行為を含みます。)することはできません。

Dort wird den Karteninhabern nämlich erlaubt, Fotos, Videos und Audioaufnahmen zu machen – es wird jedoch grundsätzlich verboten, selbige zu teilen – und hier werden ausdrücklich soziale Medien mit erwähnt. Ein Posten von Aufnahmen aus den Stadien ist also schlichtweg verboten (genauer gesagt, ist es verboten, dies ohne Genehmigung durch das IOC zu verbreiten, aber als Durchschnittsbesucher ist es nahezu unmöglich, eine Genehmigung zu bekommen). Dieses Verbot ist zwar im begrenzten Sinne verständlich (zum Beispiel um Livestreaming zu vermeiden), aber einfach alles komplett zu verbieten ist unzeitgemäss und wird vielen Besuchern den Spass an den Spielen vergällen.

Mann sticht wahllos auf Grundschüler ein — was läuft hier verkehrt?

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Gegen 8 Uhr morgens am 28. Mai 2019 laufen meine Kinder wie jeden Morgen zu ihren jeweiligen Schulen – streckenweise allein, streckenweise mit ihren Klassenkameraden. Drei Kilometer von ihnen entfernt wartet eine Gruppe von Schülern, alle im Grundschulalter (6 bis 12 Jahre) und damit so alt wie meine Kinder, nahe des Bahnhofs Noborito im Westen von Kawasaki auf den Schulbus. Bis plötzlich ein 39-jähriger Mann auf die Gruppe zustürmt und mit zwei Messern wahllos auf die Kinder und zwei Erwachsene einsticht. Ein 11-jähriges Mädchen und ein 39-jähriger Mann überleben die Attacke nicht. 16 Kinder und eine erwachsene Frau werden verletzt – drei von ihnen schwer. Mittlerweile ist der Schulbus eingetroffen, und als der Busfahrer den Täter zur Rede stellen will, verletzt sich der Täter selbst mit dem Messer so schwer am Hals, das er noch am Tatort verblutet.

Später stellte sich heraus, dass der Täter ein 51-jähriger Mann aus dem benachbarten Stadtviertel Asao-ku war. Er stach erst dem 39-jährigen, ein Angestellter des Aussenministeriums, in den Rücken und stürmte dann auf die Kinder zu. Der Sohn des 39-jährigen blieb wohl unverletzt. Alle Schüler warteten auf den Schulbus der privaten Caritas Elementary School, einer katholischen Einrichtung. Die Motive des Täters sind zur Stunde noch unklar.

Die Tat weckt Erinnerungen an das Ikeda-Schulmassaker, bei dem am 8. Juni 2001 ein – ebenfalls mit Messern bewaffneter – Mann an einer Grundschule in Osaka 8 Schüler erstach. Es weckt auch Erinnerungen an das Sagamihara-Massaker im Jahr 2016, als ein Angestellter einer Pflegeeinrichtung 19 Menschen erstach. Und man fragt sich unweigerlich, was da schief läuft in einer Gesellschaft, die solche Monster kreiert – Monster, die auf die Schwächsten der Gesellschaft losgehen. Und die Frage steht wie immer im Raum, wie man so etwas vermeiden kann. Oder ob man das überhaupt vermeiden kann, denn man kann nun schlecht alle Messer verbieten. Als “Sofortmaßnahme” konnte man heute in Tokyo beobachten, wie Lehrer und Freiwillige die Gruppen von Kindern zu bestimmten Punkten begleiteten – mehr noch als üblich. Aber das kann (und sollte) natürlich nicht immer so weitergehen.

Die Trauer der Familie des 11-jährigen Mädchens kann ich nur erahnen. Ich wüsste selbst nicht, wie ich mit so etwas umgehen sollte. Und da wären ja auch noch 16 weitere Kinder, die durch das Ereignis heute morgen traumatisiert wurden. Da gibt es viel aufzuarbeiten – in den Familien, aber auch in der Gesellschaft.

Kat-tun-Bandmitglied wegen Marihuanabesitz verhaftet – und was das in Japan bedeutet

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Die Bilder geisterten gestern durch fast alle japanischen Kanäle: Junnosuke Taguchi, langjähriges Bandmitglied der seit rund 2001 aktiven Boygroup Kat-tun, wurde wegen des Besitzes von ein paar Gramm Marihuana von der Polizei festgenommen – und wie so üblich, wurde die Festnahme, welch Zufall, von Fernsehkameras festgehalten.

Das ist letztendlich nichts Besonderes — immer wieder wird ein Prominenter in Japan wegen Drogenbesitzes festgenommen. Besonders ist höchstens, dass es sich hier um Gras handelte, denn in den meisten Fällen geht es in Japan um Amphetamine, also um Speed & Co., auf japanisch 覚せい剤 kakuseizai genannt. Das öffentliche Zurschaustellen jedenfalls ist in Japan üblich, und man darf nun über die nächsten Wochen hinweg beobachten, wie die Karriere des einstigen Stars genüsslich von diversen Medien zerstört wird, denn natürlich will keiner der Sponsoren und Agenturen mit so etwas zu tun haben. Wegen ein paar Gramm Marihuana, wohlgemerkt – eine Nachricht, die in unzähligen Ländern auf dieser Welt so viel Nachrichtengehalt hat wie “in China ist ein Sack Reis umgefallen”.

In Japan gelten in Sachen Drogen verschiedene Gesetze, und das Gesetz für Marihuana ist ein anderes als das für Amphetamine zum Beispiel, doch die Strafen sind nicht minder hart – siehe Tabelle unten. So wird zwar der Gebrauch von Marihuana per se nicht geahndet, wohl aber der Besitz – selbst wenn es nur um Eigenbedarf geht, wird gern eine Gefängnisstrafe verhängt, sowie eine Geldstrafe von 2 Millionen Yen, also rund 16’000 Euro. Die wahre Strafe wird jedoch von der Gesellschaft verhängt, die Marihuana in eine Schublade mit Heroin, Kokain und dergleichen steckt. Alkoholismus geht nämlich immer in Japan, andere Drogen hingegen gar nicht. Nur mal so als Warnung an alle Japan-Besucher…

Substanz Strafbestand Strafmass
Amphetamin (Speed, PEP etc) Einfuhr / Ausfuhr / Herstellung (Eigenbedarf)Gefängnisstrafe von mind. 1 Jahr
(Gewerblich) Gefängnis zwischen 3 Jahre und lebenslang
zusätzlich 10 Millionen yen Geldstrafe
Weitergabe / Entgegennahme / Besitz / Gebrauch (Eigenbedarf) Gefängnis unter 10 Jahren
(Gewerblich) Gefängnisstrafe von mind. 1 Jahr
zusätzlich 5 Millionen yen Geldstrafe
Rohmaterial für Amphetamine Einfuhr / Ausfuhr / Herstellung (Eigenbedarf) Gefängnis unter 10 Jahren
(Gewerblich)Gefängnisstrafe von mind. 1 Jahr
zusätzlich 5 Millionen yen Geldstrafe
Weitergabe / Entgegennahme / Besitz / Gebrauch (Eigenbedarf) Gefängnis unter 7 Jahren
(Gewerblich) Gefängnis unter 10 Jahren
zusätzlich 3 Millionen yen Geldstrafe
Marihuana Anbau / Einfuhr / Ausfuhr (Eigenbedarf) Gefängnis unter 7 Jahren
(Gewerblich) Gefängnis unter 10 Jahren
zusätzlich 3 Millionen yen Geldstrafe
Weitergabe / Entgegennahme / Besitz (Eigenbedarf) Gefängnis unter 5 Jahren
(Gewerblich) Gefängnis unter 7 Jahren
zusätzlich 2 Millionen yen Geldstrafe
Heroin Einfuhr / Ausfuhr / Herstellung (Eigenbedarf) Gefängnisstrafe von mind. 1 Jahr
(Gewerblich) Gefängnis zwischen 3 Jahre und lebenslang
zusätzlich 10 Millionen yen Geldstrafe
Herstellung / Verteilung / Weitergabe / Entgegennahme / Austausch / Besitz / Gebrauch / Entsorgung usw. (Eigenbedarf) Gefängnisstrafe unter 10 Jahren
(Gewerblich) Gefängnisstrafe von mind. 1 Jahr
zusätzlich 5 Millionen yen Geldstrafe
Andere (Morphine, Kokain, MDMA usw.) Einfuhr / Ausfuhr / Herstellung / Anbau (Eigenbedarf) Gefängnisstrafe zwischen einem und 10 Jahren
(Gewerblich) Gefängnisstrafe von mind. 1 Jahr
zusätzlich 5 Millionen yen Geldstrafe
Herstellung / Aufteilung / Weitergabe / Entgegennahme / Besitz / Austausch (Eigenbedarf) Gefängnisstrafe unter 7 Jahren
(Gewerblich) Gefängnis zwischen 1 Jahr und 10 Jahren
zusätzlich 3 Millionen yen Geldstrafe
Andere Psychoaktive Drogen Einfuhr / Ausfuhr / Herstellung / Verteilung (Eigenbedarf) Gefängnis unter 5 Jahren
(Gewerblich) Gefängnis unter 7 Jahren
zusätzlich 2 Millionen yen Geldstrafe
Weitergabe, Besitz zum Zweck der Weitergabe (Eigenbedarf) Gefängnis unter 3 Jahre
(Gewerblich) Gefängnis unter 5 Hagre
zusätzlich 1 Millionen yen Geldstrafe
Grundstoffe für Narkotika Verstoss gegen Gewerbeverordnung Geldstrafe unter 200,000 yen
Geldstrafe unter 100,000 yen
Opium Anbau / Ernte / Einfuhr / Ausfuhr (Eigenbedarf) Gefängnis zwischen 1 und 10 Jahren
(Gewerblich) Gefängnisstrafe von mind. 1 Jahr
zusätzlich 5 Millionen yen Geldstrafe
Weitergabe / Entgegennahme / Besitz (Eigenbedarf) Gefängnisstrafe unter 7 Jahren
(Gewerblich) Gefängnisstrafe zwischen 1 und 10 Jahren
zusätzlich 3 Millionen yen Geldstrafe
Verzehr Gefängnisstrafe unter 7 Jahren

Quelle: Siehe hier

Toastbrot, Baby!

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Deluxe-Toaster TO-ST1-T von Mitsubishi
Deluxe-Toaster TO-ST1-T von Mitsubishi

Es heisst immer, Japaner sind technik-affin. Ich bezweifle immer, dass dem wirklich so ist, anders kann ich mir das zwanghafte Festhalten an Faxgeräten & Co. nicht erklären. Doch in einem Punkt ist man wirklich technikversessen – und zwar, wenn es ums Essen geht. Da passt der neueste Verkaufsschlager in Sachen Küchenelektronik auch genau rein: Vor ein paar Tagen begann Mitsubushi nämlich damit, einen neuen Toaster zu verkaufen. Aber nicht irgendein Toaster, sondern einen Superedelpremium-Deluxe-Toaster. Der kann zwar nur eine Scheibe am Stück toasten, dafür sieht er aber furchtbar edel aus – mit einem ansehnlichen Holzfinish und minimalistischer Bedienung. Würde mir einer das Ding zeigen und sagen “das ist mein neuer Verstärker, hat 6’000 Euros gekostet” würde ich vermutlich anerkennend nicken und mich lediglich wundern, dass vorn keine Kopfhörerbuchse zu finden ist.

Man liebt Toastbrot in Japan – jüngst gaben wohl 51% der Teilnehmer einer wie immer extremst repräsentativen Umfrage (die eigentlich so unbedeutend ist, dass es nicht lohnt, die Quelle zu zitieren) an, beim Frühstück eher eine Scheibe Toast zu essen als das “normale” japanische Frühstück mit der obligatorischen Schale Reis, gegrilltem Fisch, Natto, Tsukemono und 5 x 4 Schälchen mit anderem … Zeug drin (ein traditionelles japanisches Frühstück ist ja wie English Breakfast… in gesund). Das deckt sich mit meinen Beobachtungen in Hotels und dergleichen. Die unter 50-jährigen greifen in der Tat lieber zu Toastbrot und Butter als zu Reis & Fisch.

Das besondere an dem Mitsubishi-Toaster: Er kostet schlappe 30’000 Yen, also rund 250 Euro. Um einen Anglizismus zu übertragen: Das Wasser wurde zuvor bereits von einer Firma namens “Balmuda” getestet, die seit dem vergangenen Jahr bereits Toaster für rund 200 Euro verkauft, und das offensichtlich erfolgreich. Was unterscheidet den Balmuda-Toaster nun von einem 10-Euro-Toaster, den einem der Elektrohändler beim Kauf einer Packung Batterien hinterherwirft? Nun, er reguliert die Frische und Knusperität des Brotes mit der Zugabe von Dampf. Ein revolutionäres Konzept, das selbst Hausfrauen vor 200 Jahren schon kannten…

Immerhin sieht der Mitsubishi stylisher aus. Und er ist wohl sehr viel besser, da er quasi das zTO (zu-toastendes-Objekt) komplett versiegelt und erst dann freigibt, wenn es perfekt gebräunt ist. Aber: Ein wichtiger Verkaufspunkt muss noch erwähnt werden: Der Mitsubishi-Toaster kann auch French Toast, und das ist in der Tat verlockend. Sicher, auch den kann man ganz einfach und schnell in der Pfanne zubereiten, aber der Grund für den Anlass des hervorstechenden Designs ist, dass der Supertoaster auf den Frühstückstisch gestellt und dort benutzt werden soll bzw. kann – in der Tat ein Vorteil, muss man doch so nicht immer zwischen Tisch und Herd hin- und hersprinten.

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