Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Älter aber kein bisschen leiser: „Bōsōzoku“, die Motorradrebellen Japans

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Irgendwie mag ich sie, auch wenn sie wirklich einen ohrenbetäubenden Lärm machen: Die japanischen 暴走族 Bōsōzoku, wörtlich: „rasen – Familie/Clan“, die japanische Variante der „Motorradrocker“. Diese funktionieren jedoch etwas anders, als man es sich in europäischen Gefilden so vorstellt. Die japanischen Motorradgangs nehmen bevorzugt Motorräder wie die Honda CBX400F oder Kawasaki Z400FX (Hauptsache japanische Produktion, und weder zu viel noch zu wenig Hubraum), schrauben ein sogenanntes „Rocket Cowl“ vorn dran, installieren sehr hochgezogene Sitze und entfernen den Schalldämpfer. Das Ergebnis sind wahnsinnig laute und meist sehr farbenfrohe Mopeds, mit denen dann ordentlich stufenweise Gas gegeben wird. Es geht keinesfalls um Geschwindigkeit, sondern ausschliesslich um Lautstärke. Das steigert sich meist noch, da sie gern in Pulks fahren. Natürlich ist das ganze verboten – allein das Absägen des Auspuffs ist, verständlicherweise, verboten, und die Fahrweise (Schlängellinie, Autos umzingeln, im Kreis fahren und dergleichen) ist freilich auch meistens nicht koscher. Dementsprechend spielt man gern mit der Polizei Katz und Maus, aber ganz offensichtlich bekommt die Polizei das Problem nicht in den Griff, denn die Banden gibt es seit Jahrzehnten, und Gerüchten zufolge gibt es immer mehr ältere Mitglieder – gestandene Männer, die früher auf lauten Maschinen unterwegs waren und das ganze wieder neu entdecken.

Auf dem Land findet man sie häufig, und in Küstennähe: Die Shōnan-Gegend (rund um Enoshima/Kamakura) ist sehr beliebt, aber auch die Pazifikküste von Chiba zum Beispiel. Dort hatte ich gestern das Vergnügen, einen Pulk von rund 100 Motorrädern aus nächster Nähe zu betrachten. Der hielt sich allerdings ganz gesittet an rote Ampeln und entrichtete auf der mautpflichtigen Küstensstraße bei Kujūkurihama den Wegzoll. Mit viel Lärm wurden die Münzen in den Geldtrog geworfen. Gewalttätig sind die meisten Bōsōzoku nicht direkt, aber untereinander gibt es mitunter schon Fehden, und viele Mitglieder sind stramm national ausgerichtet – die kaiserliche Kriegsflagge zählt zur Standardausrüstung, und als Ausländer betrachtet man die Gangs sicherheitshalber mit etwas Abstand, da man nie weiss, was die Gruppendynamik so bewirken kann. Viele machen das Ganze jedoch einfach nur als ihre Form der Rebellion gegen die Gesellschaft, in der große Lautstärken, egal ob beim Sprechen oder bei der Musik und allem anderen als unangemessen gilt. Krach machen als Rebellion gegen das Establishment, quasi.

Typisches Bōsōzoku-Outfit
Typisches Bōsōzoku-Outfit

Nächtliches Tête-à-tête mit der Polizei – Reloaded

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Es ist eigentlich schon ein paar Wochen her, aber jetzt fiel es mir wieder ein. Es war eine lange Nacht im Büro, eine von vielen, denn wir arbeiteten an einem grossen Projekt, das irgendwann beendet werden wollte. Kurz nach 11 Uhr nachts begab ich mich auf den Heimweg, und da es regnete, beschloss ich, die 5 km, die zwischen meinem Haus und meinem Bahnhof liegen, nicht mit dem Fahrrad zurückzulegen, sondern mit dem Bus. Gesagt, getan. Eine gute halbe Stunde später stieg ich also in den Bus, und es goss wirklich in Strömen. Und es war noch ziemlich kalt. Eine weitere knappe halbe Stunde später, also gegen Mitternacht, kam ich an meiner Haltestelle an. Die befindet sich auf einem winzigen Pass, und auf dem Weg nach Hause laufe ich erst an einem Wasserwerk auf einem Hügel vorbei, dann eine steile Strasse in ein Tal herunter und dann wieder auf der anderen Seite berghoch. Klingt dramatisch, dauert aber alles in allem nur 6, 7 Minuten zu Fuß.

Rund um das Wasserwerk herum ist es natürlich relativ dunkel, und gegen Mitternacht sind freilich kaum Leute unterwegs. Trotzdem steht dort (ist ja schließlich Japan!) ein Getränkeautomat wie ein leuchtender Wegweiser mitten im Nichts. Ich beschloss, wie so oft, mir zur Belohnung einen Dosenkaffee zu ziehen. Kurzer Blick ins Portemonnaie: Ein 10’000 Yen-Schein (den man an den meisten Automaten nicht benutzen kann), zwei 50-yen-Münzen und ein paar 1-Yen-Aluchips. Glück gehabt. Also stecke ich 50-Yen-Münze Nummmer 1 in den Schlitz, und will gleich ihren Bruder hinterherjagen, als der mir aus den regennassen Fingern gleitet und runterfällt. Schöne Bescherung. Auf Anhieb ist die Münze auch nicht sichtbar, schließlich ist es rund um den Automaten, untenrum zumindest, ziemlich dunkel und schlammig. Was tun? Handy an, und zur Taschenlampe umfunktioniert, bücke ich mich und schaue unten am Automaten nach, ob sich Münze Nummer 2 dort irgendwo aufhält. Und siehe da: Gefunden! Ein kurzes Gefühl der Freude wird umgehend von einer Hand auf meiner Schulter unterbrochen. Ich zucke gehörig zusammen, da ich mich ja schliesslich allein wähnte, und ich erschrecke mich gleich noch einmal, als ich sehe, dass an der Hand ein ausgewachsener Polizist dranhängt.

Jener wünscht mir erstmal einen guten Abend und fragt mich, was ich da eigentlich so treibe. Gute Frage! Bereitwillig kläre ich ihn auf und zeige ihm die verschmutzte 50-Yen-Münze. Er zeigt auch sofort Verständnis, startet aber dennoch ein kleines Quiz. Wo ich denn wohne. Und seit wann. Und ob ich gerade von der Arbeit komme. Scheinbar ist er noch nicht so richtig überzeugt und möchte meine Alien Registration Card Zairyū-Card sehen. Dort steht ja schließlich auch meine Adresse drauf. Als verantwortungsvoller und aufgeklärter ausländischer Mitbürger kenne ich natürlich meine Rechte – ja, die Karte muss ich auf jeden Fall dabei haben. Nein, zeigen muss ich sie ihm eigentlich nicht. Aber welchen Sinn bringt es, da zu diskutieren? Ob ich sie ihm nun jetzt zeige oder er mich zur Wache bittet und ich sie dort präsentiere ist schließlich egal.

Die Adresse auf der Karte hat ihn zum Glück überzeugt, und er drückt noch sein Beileid darüber aus, dass ich so lange arbeiten muss. Wir wünschen uns noch ein schönes Leben und ziehen von dannen… wie auch bei der anderen Begegnung mit der Polizei war der Beamte sehr nett – und sehr neugierig, aber so ganz konnte ich es ihm nicht verübeln – schließlich untersuchte ich ja gerade einen einsamen Getränkeautomaten des nächtens mit einer Lampe.

Neuigkeiten vom Gacha-Gacha-Markt | Gläserner Wald-Galerie in Hakone

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Gacha Gacha: Deutsches Panzerdivision Vol. 2
Gacha Gacha: Deutsches Panzerdivision Vol. 2

Der japanischen Variante des Überraschungseis, nur ohne Schokolade, hatte ich schon ein Mal einen Artikel gewidmet: Obsession Gacha. Just fielen mir aber zwei neue Gacha-Gacha-Konstellationen ins Auge. In der Spielwarenabteilung eines Kaufhauses konnte man da für nur 400 Yen, also 3 Euro, eine Plastikkugel mit einem Panzermodell drin erstehen: „WORLD TANK MUSEUM [deformation]“ „Deutsches Panzerdivision“ Vol.2. Nein, das „deutsches“ ist es nicht – das schöne an der Aufmachung ist das Wort „deformation“. Gemeint ist im Japanischen Englisch damit die bewusste Abänderung der Form – man wandelt die Modelle also leicht um. Darunter steht dann noch: „精密なのにかわいい“: „Detailliert und dennoch niedlich (kawaii)“. Ja, hat man denn jemals schon mal so einen niedlichen Zweiter-Weltkrieg-Panzer gesehen? Also ich jedenfalls nicht! Und um die Sache noch abzurunden, steht daneben ein anderer Automat, der Buddhastatuen ausspuckt. So selten sind beide übrigens eigentlich nicht – auch in Japan hat man es mit Militaria, und das fängt bei den Kindern natürlich an.

Ein anderer Automat fiel mir gestern in der „Gläsernen Wald-Galerie“ in Hakone auf: Ein „セレブのガチャ“ (celeb no gacha), mit „celeb“ ist „celebrity“ gemeint. Da kostet eine Plastikkugel gleich mal 1’000 Yen, und wer etwas Glück hat, findet darin sogar etwas richtig Wertvolles. Angeblich. Ob es stimmt, weiß ich natürlich nicht. A propos ガラスの森美術館 Gläserner Wald-Galerie: Jenes steht in Hakone und ist durchaus einen Ausflug wert. Das Museum spezialisiert sich auf venezianisches Glas aus den vergangenen 500 Jahren, und darunter gibt es zahlreiche sehr schöne Stücke. Typisch Japan: Die Verkaufsfläche des Galerieshops ist so ziemlich genauso groß, wenn nicht größer, als die Ausstellungsfläche. Da wundert man sich letztendlich schon, dass man 1’500 Yen Eintritt dafür bezahlen soll, um sich letztendlich ein großes Glasgeschäft anzusehen. Der Parkplatz nebenan kostet natürlich extra. Bei Sonnenschein und an Wochenenden braucht man sich übrigens gar nicht erst bemühen — dann sind alle Straßen rundherum verstopft und das Museum rappelvoll. Das ist erst etwas bei schlechtem Wetter (aber selbst dann ist es voll) oder an Wochentagen.

Alte Glasschale aus Venedig in der Galerie in Hakone
Alte Glasschale aus Venedig in der Galerie in Hakone

Verkehrskollaps zu den olympischen Spielen?

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Heute wurde eine Studie von Azuma Taguchi, seines Zeichens Professor an der Fakultät für Wissenschaft und Ingenieurwesen der Chūō-Universität, veröffentlicht, in der er die Ergebnisse einer Verkehrssimulation während der Olympischen Spiele 2020 in Tokyo vorstellte¹. Der Befund: Sollte sich nichts ändern, ist durchaus ein Kollaps der öffentlichen Nahverkehrsmittel zu erwarten. Und der Befund hat Hand und Fuss. An einem normalen Werktag pendeln rund 8 Millionen Menschen mit den Bahnen in und um Tokyo. Auch ohne sportliche Großveranstaltungen bringt das bereits einige Bereiche, insbesondere Bahnhöfe und einige Linien, an den Rand eines Verkehrsinfarkts. Fällt dazu noch aus irgendeinem Grund (defekte Tür, Rauchentwicklung und dergleichen) eine Linie aus, weichen große Menschenmassen plötzlich auf ebenso überlastete Bahnhöfe und Linien aus. An manchen Tagen führt das bereits heute zu einem Dominoeffekt, wo plötzlich auf zahlreichen Linien für eine Weile nichts mehr geht. Zu dieser Gleichung fügte Taguchi nun einfach mal 650’000 Menschen hinzu – Besucher und Teilnehmer der Olympischen Spiele an einem wettkampfreichen Werktag. Man braucht nicht allzu viel Fantasie oder mathematische Gleichungen, um sich vorzustellen, dass diese zusätzliche Menschenmenge das System punktuell zum kollabieren bringen kann.

Doch was tun? Die Frequenz der Züge zu erhöhen ist kaum machbar – auf den großen Linien fahren die Züge oft schon im 2-Minuten-Takt; dichter geht es nicht. Eine Lösung wäre, die Bahnhöfe in unmittelbarer Wettkampfstätte vor und nach der Veranstaltung schlichtweg zu schliessen und die Menschen intelligent von umliegenden Bahnhöfen – das Netz ist schließlich sehr engmaschig – zu den Stadien zu leiten. Eine weitere, bereits erprobte Maßnahme ist die, keine Schnellzüge („急行 kyūkō“) fahren zu lassen, sondern nur noch „各駅 kakueki“, also Züge, die an jedem Bahnhof halten. Das ist durchaus sinnvoll, denn die Abstimmung der beiden Zugarten ist kompliziert, und wenn auch nur ein Zug ein oder zwei Minuten Verspätung hat, gerät alles durcheinander. Eine andere Maßnahme wäre freilich auch, die Wettkämpfe so zu legen, dass sie nicht mit den Stoßzeiten des Berufsverkehrs zusammenprallen, doch das ist leichter gesagt als getan. Letztendlich wird der Schlüssel jedoch in intelligenter Verkehrsführung liegen: Solange die Massen ordentlich in die richtigen Bahnen, im doppelten Sinne, gelenkt werden, sprich, informiert werden, lässt sich ein größeres Chaos verhindern. Sobald jedoch alle den gleichen, womöglich falschen Informationen folgen, könnte es in der Tat kompliziert werden. Erst recht zu der Jahreszeit – die Olympischen Spiele beginnen schließlich unmittelbar nach dem Ende der Regenzeit, und damit zu einer Zeit, wo es in Tokyo unerträglich heiß und schwül ist. Besuchern kann ich deshalb nur raten, sich so weit wie möglich im Voraus zu informieren, wo sich was befindet, und welche Alternativen es verkehrstechnisch gibt, denn der nächstgelegene Bahnhof wird in vielen Fällen die schlechteste Lösung sein.

¹ Siehe hier

Das stille Bröckeln der japanischen Arbeitsfront

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Gendai Business, eine Wirtschaftsnachrichtenseite des Kodansha-Verlages, hat heute eine interessante Kolumne zum Thema „Mai-Krankheit“ veröffentlicht¹. Die Kolumnistin spricht die Problematik junger Menschen an, die nach der Goldenen Woche (eine Kette von Feiertagen Anfang Mai) ihre gerade erst begonnene Arbeit (die meisten Schulabgänger/Uniabsolventen treten ihre erste Stelle am 1. April an) so mir nichts dir nichts einfach hinschmeißen. Das ist quasi eine extreme Manifestation der sogenannten 五月病 gogatsu-byō – Mai-Krankheit. Zur Erklärung: Bekanntermassen nehmen die meisten Japaner nur sehr wenig Urlaub (obwohl der gesetzlich zusteht), doch während der 4 Feiertage Ende April/Anfang Mai (siehe Feiertage in Japan) machen viele japanische Firmen, Dienstleister wie Einzelhandel, Transportwesen usw. ausgenommen, wirklich dicht, so dass die meisten frei haben, nach Hause oder woanders hin fahren – und danach nur ungern zum stressigen Alltag zurückkehren. Wer Glück hat, hat frühestens im August während der O-bon-Zeit ein paar Tage frei, wer Pech hat, erst wieder zum Jahresende. Dass erklärt leicht die mangelnde Motivation nach dem kurzen Urlaub.

Die Kolumnistin spricht dabei ein interessantes Phänomen an – das 自分はスペシャル jibun-wa-special („Ich bin was ganz Besonderes“)-Syndrom bei jungen Frauen. Vor allem in grösseren Firmen ist das 上下 jōge (wörtlich: Oben-unten, Hierarchie) sehr wichtig, und immer mehr junge Japanerinnen haben ein Problem damit, ganz unten in der Hierarchie zu beginnen. Das Phänomen kennt man aus der westlichen Welt, in der Chantal-Maria und Kevin-Johannes von Kindesbeinen an eingeredet wird, dass sie etwas ganz, ganz Besonderes seien, doch dieser Erziehungsentwurf ist auch längst in Japan angekommen – vor allem bei der Erziehung von Mädchen, wie es scheint. Jungs hingegen wird eingeredet, dass sie die 大黒柱 daikokubashira (wörtlich: „Große, schwarze Säule“ – sinngemäss: Stützpfeiler) der Familie sein müssen. Soll heissen, sie haben sich ganz der Arbeit zu widmen, dürfen sich dafür aber auch wie Paschas aufführen. Salopp gesagt.

Leider quantifiziert der Artikel nicht – es ist unbekannt, wie viele Neuanfänger wirklich die Arbeit hinwerfen, und vor allem, wie sich die Lage in den letzten Jahren diesbezüglich geändert hat. Allerdings kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, dass nicht wenige frischgebackene Angestellte ein Riesenproblem mit der Diskrepanz zwischen dem, was ihnen die elterliche Bildung und die Gesellschaft einflüstert, und dem, was die Arbeitswelt dann tatsächlich bietet, haben – und dementsprechend die Flinte ins Korn werfen. Das kann man unterschiedlich interpretieren. Als Optimist könnte man meinen, es sei doch gut, wenn sich die Leute nicht mehr alles gefallen lassen würden. Das ist sicherlich richtig. Als Pessimist (oder auch als jemand, der eben solche Leute einstellt), könnte man jedoch genauso gut anmerken, dass vor allem diese, ich nenne es mal „Prinzessinnenattitüde, Einstellung weder die Firma noch das Individuum weiterbringt. Klar ist jeder Mensch etwas Besonderes, und das sollte man seinen Kindern auch beibringen. Den Kindern jedoch beizubringen, dass sie nicht nur etwas Besonderes, sondern gar etwas Besseres seien, führt zu nichts, und das bekommt man auch auf dem japanischen Arbeitsmarkt zu spüren – einem Arbeitsmarkt, der bereits jetzt aufgrund der rapiden Überalterung der Gesellschaft eigentlich auf jede neue Arbeitskraft angewiesen ist. Gute Firmen mit ordentlichen Personalabteilungen und fähigen Managern können sich darauf vielleicht noch irgendwie einstellen, aber ein ständiges Kommen und Gehen der Angestellten können sich die meisten Unternehmen eigentlich nicht leisten. Immerhin besteht da noch etwas Hoffnung, dass die optimistische Sichtweise zu realen Veränderungen in japanischen Unternehmen führt – sprich weniger Hierarchiedenken, menschlichere Arbeitszeiten, Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau und so weiter und so fort.

¹ Siehe hier.

Wird das japanische Datum abgeschafft?

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Am 1. Mai 2019 wird der neue japanische Kaiser seinen Thron einnehmen – einen Tag, nachdem der jetzige Kaiser, nach 31 Jahren Regentschaft, abgedankt hat. Nicht ganz unerwartet werden aus gegebenem Anlass die Stimmen lauter, das System der japanischen Zeitrechnung zu überdenken. Jenes nennt sich 年号 nengō (wörtlich: „Jahresnummer“) beziehungsweise oftmals auch 元号 gengō und muss laut dem 元号法制定 gengō-hō genannten Gesetz in offiziellen Dokumenten verwendet werden. Das betrifft Formulare, aber auch Bekanntmachungen von Ministerien, Behörden und dergleichen. Allerdings gibt es bereits erste Gemeinden in Japan, die das Gesetz umgehen und nicht mehr auf die japanische Zeitrechnung bestehen, sondern auch die westliche Schreibweise (西暦 seireki genannt) zulassen¹.

Nun kann man die japanische Zeitrechnung wahlweise als Kuriosum oder als Tradition abtun, aber das System treibt mitunter seltsame Blüten. So benutzt JP, die japanische Post — vor der Privatisierung vor rund 10 Jahren ein Staatsunternehmen — selbst im Internetbanking das japanische System. Der Zeitstempel für am heutigen Tag getätigte Transaktionen sieht deshalb so aus: „30-05-01“, wobei 30 für „Heisei 30“, 2018, steht. Ein Format, das natürlich Excel und alle anderen CSV-verdauenden Anwendungen nicht verstehen. Eine weitere Blüte sind anglisierte Dokumente: Beim Geburtsdatum steht dort vor dem Jahr „T S H“, und man muss um den entsprechenden Buchstaben ein Kreis malen (T= Taishō, S = Shōwa, H = Heisei). Das ist schön und gut, aber was passiert, wenn das Motto des neuen Kaisers ebenfalls mit T, S oder H beginnt?

Zu der ganzen Debatte hört man Stimmen, die sagen, dass es einfacher sei, das japanische System zu benutzen, da man nur zwei Nummern (Jahreszahlen) zu schreiben braucht. Das ist schön und gut, aber nur, wenn man mit vertrauten Daten, wie zum Beispiel dem eigenen Geburtstag, hantiert. Die meisten Japaner müssen bereits kurz überlegen und rechnen, wenn sie danach gefragt werden, die Geburtstage ihrer Kinder nach dem japanischen Prinzip wiederzugeben. Das geht mir natürlich genauso: So weiss ich natürlich, ohne groß zu überlegen, dass meine Tochter 2007 geboren wurde. Doch dann geht das Gerechne los: Jetzt ist Heisei 30, sie ist 11 Jahre alt, also muss es 30 minus 11 = Heisei 19 sein.

Rein aus datentechnischen Gründen wäre es für alle Beteiligten besser, sich auf das westliche Datum zu einigen — man darf jedoch gespannt sein, ob man in Japan diesen kühnen Schritt wagt oder so weitermacht wie bisher. Anbei noch eine kleine Übersicht der japanischen Kaiserjahre:

Beginn (Jahr) Äraname Äraname auf Japanisch
593 ~ Suiko 推古
629 ~ Jomei 舒明
642 ~ Kōgyoku 皇極
645 ~ Taika 大化
650 ~ Hakuchi 白雉
655 ~ Saimei 斉明
662 ~ Tenji 天智
672 ~ Kōbun 弘文
673 ~ Temmu 天武
686 ~ Shuchō 朱鳥
687 ~ Jitō 持統
697 ~ Mommu 文武
701 ~ Taihō 大宝
704 ~ Keiun 慶雲
708 ~ Wadō 和銅
715 ~ Reiki 霊亀
717 ~ Yōrō 養老
724 ~ Jinki 神亀
729 ~ Tempyō 天平
749 ~ Tempyō-kampō 天平感宝
749 ~ Tempyō-shōhō 天平勝宝
757 ~ Tempyō-hōji 天平宝字
765 ~ Tempyō-jingo 天平神護
767 ~ Jingo-keiun 神護景雲
770 ~ Hōki 宝亀
781 ~ Ten’o 天応
782 ~ Enryaku 延暦
806 ~ Daidō 大同
810 ~ Kōnin 弘仁
824 ~ Tenchō 天長
834 ~ Jōwa 承和
848 ~ Kashō 嘉祥
851 ~ Ninju 仁寿
854 ~ Saikō 斉衡
857 ~ Ten’an 天安
859 ~ Jōgan 貞観
877 ~ Gangyō 元慶
885 ~ Ninna 仁和
889 ~ Kampyō 寛平
898 ~ Shōtai 昌泰
901 ~ Engi 延喜
923 ~ Enchō 延長
931 ~ Shōhei 承平
938 ~ Tengyō 天慶
947 ~ Tenryaku 天暦
957 ~ Tentoku 天徳
961 ~ Ōwa 応和
964 ~ Kōhō 康保
968 ~ Anna 安和
970 ~ Tenroku 天禄
973 ~ Ten’en 天延
976 ~ Jōgen 貞元
978 ~ Tengen 天元
983 ~ Eikan 永観
985 ~ Kanna 寛和
987 ~ Eien 永延
989 ~ Eiso 永祚
990 ~ Shōryaku 正暦
995 ~ Chōtoku 長徳
999 ~ Chōhō 長保
1004 ~ Kankō 寛弘
1012 ~ Chōwa 長和
1017 ~ Kannin 寛仁
1021 ~ Chian 治安
1024 ~ Manju 万寿
1028 ~ Chōgen 長元
1037 ~ Chōryaku 長暦
1040 ~ Chōkyū 長久
1044 ~ Kantoku 寛徳
1046 ~ Eishō 永承
1053 ~ Tengi 天喜
1058 ~ Kōhei 康平
1065 ~ Jiryaku 治暦
1069 ~ Enkyū 延久
1074 ~ Jōhō 承保
1077 ~ Shōryaku 承暦
1081 ~ Eihō 永保
1084 ~ Ōtoku 応徳
1087 ~ Kanji 寛治
1094 ~ Kahō 嘉保
1096 ~ Eichō 永長
1097 ~ Shōtoku 承徳
1099 ~ Kōwa 康和
1104 ~ Chōji 長治
1106 ~ Kashō 嘉承
1108 ~ Tennin 天仁
1110 ~ Ten’ei 天永
1113 ~ Eikyū 永久
1118 ~ Gen’ei 元永
1120 ~ Hōan 保安
1124 ~ Tenji 天治
1126 ~ Daiji 大治
1131 ~ Tenshō 天承
1132 ~ Chōshō 長承
1135 ~ Hōen 保延
1141 ~ Eiji 永治
1142 ~ Kōji 康治
1144 ~ Ten’yō 天養
1145 ~ Kyūan 久安
1151 ~ Nimpei 仁平
1154 ~ Kyūju 久寿
1156 ~ Hōgen 保元
1159 ~ Heiji 平治
1160 ~ Eiryaku 永暦
1161 ~ Ōhō 応保
1163 ~ Chōkan 長寛
1165 ~ Eiman 永万
1166 ~ Nin’an 仁安
1169 ~ Kaō 嘉応
1171 ~ Jōan 承安
1175 ~ Angen 安元
1177 ~ Jishō 治承
1181 ~ Yōwa 養和
1182 ~ Juei 寿永
1184 ~ Genryaku 元暦
1185 ~ Bunji 文治
1190 ~ Kenkyū 建久
1199 ~ Shōji 正治
1201 ~ Kennin 建仁
1204 ~ Genkyū 元久
1206 ~ Ken’ei 建永
1207 ~ Jōgen 承元
1211 ~ Kenryaku 建暦
1213 ~ Kempō 建保
1219 ~ Jōkyū 承久
1222 ~ Jōō 貞応
1224 ~ Gennin 元仁
1225 ~ Karoku 嘉禄
1227 ~ Antei 安貞
1229 ~ Kanki 寛喜
1232 ~ Jōei 貞永
1233 ~ Tempuku 天福
1234 ~ Bunryaku 文暦
1235 ~ Katei 嘉禎
1238 ~ Ryakunin 暦仁
1239 ~ En’ō 延応
1240 ~ Ninji 仁治
1243 ~ Kangen 寛元
1247 ~ Hōji 宝治
1249 ~ Kenchō 建長
1256 ~ Kōgen 康元
1257 ~ Shōka 正嘉
1259 ~ Shōgen 正元
1260 ~ Bun’ō 文応
1261 ~ Kōchō 弘長
1264 ~ Bun’ei 文永
1275 ~ Kenji 建治
1278 ~ Kōan 弘安
1288 ~ Shōō 正応
1293 ~ Einin 永仁
1299 ~ Shōan 正安
1302 ~ Kangen 乾元
1303 ~ Kagen 嘉元
1306 ~ Tokuji 徳治
1308 ~ Enkei 延慶
1311 ~ Ōchō 応長
1312 ~ Shōwa 正和
1317 ~ Bumpō 文保
1319 ~ Gen’ō 元応
1321 ~ Genkō 元亨
1324 ~ Shōchū 正中
1326 ~ Karyaku 嘉暦
1329 ~ Gentoku 元徳
1331 ~ Genkō 元弘
1332 ~ [北朝] 正慶 Shōkei
1334 ~ Kemmu 建武
1336 ~ Engen 延元
1338 ~ [北朝] 暦応 Ryakuō
1340 ~ Kōkoku 興国
1342 ~ [北朝] 康永 Kōei
1345 ~ [北朝] 貞和 Jōwa
1346 ~ Shōhei 正平
1350 ~ [北朝] 観応 Kanō
1352 ~ [北朝] 文和 Bunwa
1356 ~ [北朝] 延文 Embun
1361 ~ [北朝] 康安 Kōan
1362 ~ [北朝] 貞治 Jōji
1368 ~ [北朝] 応安 Ōan
1370 ~ Kentoku 建徳
1372 ~ Bunchū 文中
1375 ~ Tenju 天授
1375 ~ [北朝] 永和 Eiwa
1379 ~ [北朝] 康暦 Kōryaku
1381 ~ Kōwa 弘和
1381 ~ [北朝] 永徳 Eitoku
1384 ~ Genchū 元中
1384 ~ [北朝] 至徳 Shitoku
1387 ~ [北朝] 嘉慶 Kakei
1389 ~ [北朝] 康応 Kōō
1390 ~ Meitoku 明徳
1394 ~ Ōei 応永
1428 ~ Shōchō 正長
1429 ~ Eikyō 永享
1441 ~ Kakitsu 嘉吉
1444 ~ Bunnan 文安
1449 ~ Hōtoku 宝徳
1452 ~ Kyōtoku 享徳
1455 ~ Kōshō 康正
1457 ~ Chōroku 長禄
1460 ~ Kanshō 寛正
1466 ~ Bunshō 文正
1467 ~ Ōnin 応仁
1469 ~ Bummei 文明
1487 ~ Chōkyō 長享
1489 ~ Entoku 延徳
1492 ~ Meiō 明応
1501 ~ Bunki 文亀
1504 ~ Eishō 永正
1521 ~ Taiei 大永
1528 ~ Kyōroku 享禄
1532 ~ Tembun 天文
1555 ~ Kōji 弘治
1558 ~ Eiroku 永禄
1570 ~ Genki 元亀
1573 ~ Tenshō 天正
1592 ~ Bunroku 文禄
1596 ~ Keichō 慶長
1615 ~ Genna 元和
1624 ~ Kan’ei 寛永
1644 ~ Shōhō 正保
1648 ~ Keian 慶安
1652 ~ Shōō 承応
1655 ~ Meireki 明暦
1658 ~ Manji 万治
1661 ~ Kambun 寛文
1673 ~ Empō 延宝
1681 ~ Tenwa 天和
1684 ~ Jōkyō 貞享
1688 ~ Genroku 元禄
1704 ~ Hōei 宝永
1711 ~ Shōtoku 正徳
1716 ~ Kyōhō 享保
1736 ~ Gembun 元文
1741 ~ Kampō 寛保
1744 ~ Enkyō 延享
1748 ~ Kan’en 寛延
1751 ~ Hōreki 宝暦
1764 ~ Meiwa 明和
1772 ~ An’ei 安永
1781 ~ Temmei 天明
1789 ~ Kansei 寛政
1801 ~ Kyōwa 享和
1804 ~ Bunka 文化
1818 ~ Bunsei 文政
1830 ~ Tempō 天保
1844 ~ Kōka 弘化
1848 ~ Kaei 嘉永
1854 ~ Ansei 安政
1860 ~ Man’en 万延
1861 ~ Bunkyu 文久
1864 ~ Genji 元治
1865 ~ Keiō 慶応
1868 ~ Meiji 明治
1912 ~ Taishō 大正
1926 ~ Shōwa 昭和
1989 ~ Heisei 平成
2019 ~ wird bekanntgegeben wird bekanntgegeben

¹ Siehe unter anderem hier.

Jetzt wird’s konkret: Ghibli-Themenpark wird 2022 seine Pforten öffnen

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Designentwurf des 'Hügel-der-Jugend-Areals' im geplanten Themenpark. (c) Studio Ghibli
Designentwurf des 'Hügel-der-Jugend-Areals' im geplanten Themenpark. (c) Studio Ghibli

Seit Jahren ist bereits die Rede von einem geplanten Ghibli-Themenpark – erst hiess es, er soll in Tokyo errichtet werden, dann hiess es in der Präfektur Aichi (bei Nagoya). Von 2020 war dann die Rede, doch jetzt, so wurde es heute in einer Pressemitteilung bekanntgegeben, ist die Eröffnung für das Jahr 2022 geplant. Der Themenpark entsteht demnach auf dem Gelände der EXPO, die 2005 in Nagoya stattfand – genauer gesagt dem モリコロパーク Moricoro Park, rund 20 km östlich vom Stadtzentrum von Nagoya gelegen. Das bietet sich an – schliesslich stehen dort schon die Nachbauten der Häuser von Satsuki und Mei aus dem Film „Mein Nachbar Totoro“. Ein Nachbau des „Wandelnden Schlosses“ ist ebenso geplant wie eine Replik des antiken Geschäfts aus Stimme des Herzens – Whisper of the Heart.

Insgesamt soll der Themenpark in 5 Bereiche gegliedert sein:

  1. 青春の丘 seishun-no-oka „Hügel der Jugend“
  2. ジブリの大倉庫 jiburi-no-daisōko „Das große Ghibli-Lagerhaus“
  3. もののけの里 mononoke-no-sato „Heimat der (Prinzessin) Mononoke“
  4. 魔女の谷 majo-no-tani „Tal der Hexen“
  5. どんどこ森 dondoko mori „Dondoko-Wald“

Die offizielle Pressemitteilung, herausgegeben heute, am 25. April 2018, gibt es hier, und sie enthält auch ein paar Designskizzen der verschiedenen Bereiche.

Der Park, gemeinsam finanziert und geplant von der Präfektur Aichi und dem Studio Ghibli, dürfte ein Selbstläufer werden: Die Filme des Studios sind im In- und Ausland gleichermaßen beliebt, und während es Disneylands auf verschiedenen Kontinenten gibt, sind die Ghibli-Figuren eine rein japanische Angelegenheit. Und 5 Jahre später wird ein typischer Japan-Urlaub wohl so aussehen: Ein paar Tage Tokyo, dann mit dem Chuo Shinkansen (Magnetschwebebahn, geplante Fahrtzeit nach Nagoya: 40 Minuten) nach Nagoya, und ab zum Ghibli-Park. Man darf gespannt sein, wie sich der Park entwickelt.

Das Kreuz mit den japanischen Zahlen oder der 109er Jackpot

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Da wäre ich doch fast vom Stuhl gefallen: Da berichtete die Japan Times Online-Ausgabe heute: Iconic Shibuya 109 building launches ¥109 million design contest for new logo. 109 Millionen Yen, also rund 800,000 Euro, für ein neues Logo – und jeder kann seine Entwürfe einreichen? Das klingt doch wie der große Design-Jackpot! Ein kurzer Blick auf die Webseite des weltbekannten Modekaufhauses direkt an der berühmten Kreuzung von Shibuya offenbarte jedoch etwas anderes: Der erste Preis gewinnt nicht etwa 109 Millionen Yen, sondern 109万 109-man, und ein „-man“ sind 10’000, ergo 109*10,000 = 1’090’000 yen, also gute 8’000 Euro. Das klingt zum einen wesentlich realistischer, zum anderen natürlich weniger lukrativ, aber das Shibuya 109 ist eine der Ikonen der Stadt, und ein neues Logo dafür zu entwerfen ist dementsprechend schon was ganz besonderes. Doch zurück zu den Zahlen — selbst für Japan- und Japanischkenner wird das japanische Zahlensystem schnell zur Stolperfalle, denn nur bis zur Tausend ist alles wie man es kennt – danach beginnt das große Rechnen, da das japanische System ab Tausend auf das 漢数字 Kansūji – das chinesische Zählsystem zurückgreift. Während man in der westlichen Welt bei der x-ten Potenz der Zahl 10 in Dreierschritten voranschreitet (106 = eine Million , 109 = eine Milliarde, 1012 = eine Billion), sind es im Chinesischen Viererschritte.

Schriftzeichen Lesung Wert als Zehnerpotenz Auf gut Deutsch
ichi 1 1
101 Zehn
hyaku 102 Hundert
sen 103 Tausend
man 104 Zehntausend
oku 108 100 Millionen
chō 1012 1 Billion
kei 1016 10 Billiarden
gai 1020 100 Trillionen
jo 1024 1 Quadrillion
1028 10 Quadrilliarden
1032 100 Quintillionen
kan 1036 1 Sextillion
sei 1040 10 Sextilliarden
sai 1044 100 Septillione
goku 1048 1 Oktillion
恒河沙 gōgasha 1052 10 Oktilliarden
阿僧祇 asōgi 1056 100 Nonillionen
那由他 nayuta 1060 1 Decillion
不可思議 fukashigi 1064 10 Decilliarden
無量大数 muryōtaisū 1068 100 Undecillionen

Die Zählweise stammt aus dem, man ahnt es schon, Buddhismus, und es geht auch andersrum: Bis runter nach 10-24 gibt es jeweils ein eigenes Schriftzeichen. Die obige Tabelle bildet dabei auch nur das gebräuchlichste Schema, das der 中数 chūsū (mittlere Zahlen) ab. Eigentlich gibt es vier Systeme – und zwar:

  1. 下数 (kasū) – bzw. 十進 jūshin – Zehnerschritte. 兆 (chō) entspricht hier einer Million.
  2. 中数 (chūsū), 万進 manshin = Zehntausenderschritte – heute gebräuchlich, siehe Tabelle oben. 兆 (chō) entspricht hier einer Billion.
  3. 中数 (chūsū), 万万進 manmanshin = Zehntausend-Zehntausenderschritte (also 100-Millionen-Schritte). 兆 (chō) entspricht hier zehn Billiarden.
  4. 上数 (jōsū) – hier wird ab 104 die Potenz jeweils verdoppelt: Oku ist 108, chō 1016, kei 1032 – und ein Muryōtaisū (wörtlich: „Unendliche Zahl) sage und schreibe 10262144.

Bei der Zehntausenderschritt-Zählweise vermisst man beim Übersetzen vor allem die „Million“ extrem, denn eine Million muss man mit 100-Man umschreiben und umgekehrt. Aufmerksame Leser dieses Blogs haben mich auch schon zwei, drei Mal bei Zahlenverdrehern erwischt – wenn man da mal auf die Schnelle zum Beispiel schwindelnd hohe Zahlen wie die japanische Staatsverschuldung übersetzt (und danach in Euro umrechnet), schleicht sich schnell ein Fehler ein.

Das Shibuya 109 - rechts im Bild
Das Shibuya 109 – rechts im Bild

Kurz jedoch zurück zum Modekaufhaus Shibuya 109: Das Bauwerk mit seinem markanten, runden Turm gibt es seit 1979, und zur Namensbildung gibt es mehrere Erklärungen – einige sagen, die „109“ ist ein 語呂合わせ goroawase – ein japanisches Wort-Zahlenspiel und steht für Tōkyū (tō = 10, kyū = 9). Tōkyū ist eine gigantische Firma, die einige Bahnlinien und viel Grund und Boden in Shibuya besitzt. Andere sagen, es heißt 109, da es von 10 bis 9 Uhr geöffnet ist. Es gibt nunmehr auch etliche Ableger: 109 Men’s, aber auch Ableger in diversen japanischen Städten, ja selbst in Hongkong. Dass das alter Logo verschwinden wird, ist freilich auch ein bisschen schade – der Schriftzug gehört einfach zu Shibuya.

Verlorene Iraktagebücher und Antiregierungsproteste

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Demo vor dem Parlamentsgebäude. Quelle: Tokyo Shimbun https://twitter.com/tokyoshashinbu
Demo vor dem Parlamentsgebäude. Quelle: Tokyo Shimbun https://twitter.com/tokyoshashinbu

Die Schlinge um Ministerpräsident Abes Hals scheint allmählich enger zu werden. Dazu trägt nicht nur der noch immer ungeklärte Skandal um den Moritomo-Deal bei, sondern auch die Geschichte um die verloren geglaubten Logbücher der Selbstverteidigungsstreitkräfte über ihren Einsatz im Irak. Zur Erinnerung: Japan hat aufgrund seiner pazifistischen Nachkriegsverfassung, an der Abe so gerne rütteln möchte, keine Armee, sondern nur Streitkräfte, mit denen es im Ernstfall lediglich das eigene Land verteidigen kann. Trotzdem beteiligt sich Japan an militärischen Einsätzen im Ausland – so zum Beispiel momentan im Südsudan, vorher aber auch im Irak. Die Opposition wollte dazu gern wissen, ob und wenn ja in welchem Ausmass die Selbstverteidigungsstreitkräfte an Kampfhandlungen beteiligt war, doch Regierungssprecher wichen aus und gaben sogar an, dass wichtige Unterlagen zu dem Thema – die „Tagebücher“ der Armeeeinheit, verloren gegangen seien. Nun gab das Verteidigungsministerium jedoch bekannt, dass ein grosser Teil der verloren geglaubten Dokumente aufgetaucht ist¹ – knapp 15’000 Seiten, auf denen rund 435 Tage des Einsatzes von 2004 bis 2006 beschrieben werden. Das Augenmerk liegt dabei auf das Stichwort 戦闘 Kampfhandlungen, an denen die Streitkräfte sich ja eigentlich nicht beteiligen dürfen. Trotzdem (und nicht ganz unerwartet) taucht das Wort mehrfach in den Berichten auf. Abe war übrigens bereits 2006-2007 Ministerpräsident. Das Problem bei dieser Angelegenheit liegt – mal wieder – nicht unbedingt in der Angelegenheit selbst, sondern darin, wie die Regierung versucht, Dinge zu vertuschen. Im Moritomo-Skandal war es die nachträgliche Fälschung von offiziellen Berichten, im Irakeinsatz-Fall die Behauptung, dass Dokumente nicht mehr aufzufinden seien.

Dementsprechend schwindet der Rückhalt in der Bevölkerung, aber auch unter Kollegen. Bei einem Interview am Freitag äußerte sich Ministerpräsident a.D. Koizumi vor laufender Kamera dazu und meinte, dass Abes Wiederwahl immer unwahrscheinlicher wird, da er sein Vertrauen verspielt habe. Koizumis Worte haben durchaus Gewicht – nicht unbedingt in der Politik, aber in der Bevölkerung, in der der (vergleichsweise) charismatische Politiker durchaus Zuhörer findet. Die Skandale wurden am Sonnabend auch von zehntausenden Demonstranten vor dem Parlament in Tokyo aufgegriffen – bei der Demonstration, die Veranstalter sprachen von rund 50’000 Teilnehmern, bezeichneten Abe dabei auf Plakaten als Lügner und forderten seinen Rücktritt. Allzu viel hat das allerdings noch nicht zu sagen, denn bei den Höhepunkten der Proteste gegen die von Abe geplanten Verfassungsänderungen im Jahr 2015 versammelten sich rund 350’000 Menschen – ohne dass es Abe wirklich gekratzt hätte.

¹ Siehe unter anderem hier (Jiji Press, Japanisch)

Wie wichtig sind Traditionen?

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Diese Frage musste man sich unweigerlich bei dem stellen, was man am 4. April 2018 bei einem kleinen Sumoturnier zu Ehren des 75. Jahrestages der Erlangung des Stadtrechtes von 舞鶴 Maizuru in der Präfektur Kyoto zu sehen bekam. Zu Beginn des Turniers hielt der Bürgermeister der Stadt eine kurze Rede, währenddessen er jedoch plötzlich umkippte. Sofort eilten einige Menschen zu Hilfe – darunter auch zwei Frauen, von denen zumindest eine ganz offensichtlich medizinisch sehr geschult war: Sie begann umgehend mit einer Herzdruckmassage. Kaum hatte sie damit angefangen, erschallte eine Lautsprecherdurchsage:

女性の方は土俵から降りて下さい!
[josei no kata wa dohyō kara orite kudasai]
Die Frauen verlassen bitte den Ring!

Die Durchsage erfolgte auch gleich mehrfach, um keine Zweifel aufkommen zu lassen. Vom Publikum wurde die Durchsage umgehend mit einem Raunen quittiert, denn was da geschah, war in der Tat unerhört. Während die Frauen versuchten, dem Bürgermeister professionell Erste Hilfe zu leisten, war dem Veranstalter die Entweihung des Ringes ein offensichtlich wichtigeres Anliegen. Der Hintergrund ist der, dass Sumō einen shintōistischen Hintergrund hat, und der Ring beim Sumowettkampf, genannt 土俵 dohyō, muss vor einem Kampf rituell gereinigt werden (das Salzwerfen ist dabei ebenfalls eine Form des rituellen Reinigens). Frauen dürfen diesen gereinigten Ring traditionell nicht betreten, das gilt als Sakrileg (in der Vergangenheit gab es jedoch schon Beispiele, bei denen Frauen den Ring betraten – zum Beispiel um eine Ehrung entgegenzunehmen).

Der ganze Vorfall wurde von einem Besucher des Turniers gefilmt und erreichte schnell über 1.5 Millionen Besucher. Schaut man sich die Kommentare zum Video an, kann man dabei beruhigt feststellen, dass auch der Großteil der Japaner den Vorfall für ungeheuerlich hält. Tradition schön und gut, aber wenn es um die Rettung von Menschenleben geht, muss irgendwo eine Grenze gezogen werden.

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