Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Freundliche Polizei

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Aus einem im vorherigen Artikel genannten, sehr bedauerlichen Grund waren die vergangenen Tage reichlich hektisch. Da ich zufälligerweise eine Woche Urlaub hatte, konnte ich die freien Tage einzig und allein für die Familie benutzen, und dazu gehörte auch, Familienangehörige vom Flughafen abzuholen. Das war gar nicht so einfach: Die Sommerferien enden in vielen Präfekturen morgen, so dass viel Verkehr war: Alle Parkhäuser, auch die provisorischen, am Flughafen waren voll (Wartezeit auf einen Parkplatz: 120 Minuten), und vor den Terminals darf man nicht parken. Selbst länger als ein paar Minuten dort zu stehen ist schwierig.

Bei einer Tour erwischte es mich schliesslich — in Kamata, nahe des Flughafens. Ich will rechts abbiegen, und stehe bereits in der Kreuzung, doch aus irgendwelchen Gründen fährt das Auto vor mir nicht los. Erst bei Gelb zischt er endlich los. Was tun? In der Kreuzung stehenbleiben? Oder hinterher? Instinktiv trat ich also auf’s Gaspedal und fuhr hinterher – bei, nennen wir es mal kirschgrün. Am Ende der Kreuzung erwartet mich ein Polizist, der sich wie aus dem Nichts dort materialisiert hatte. Weder ein Polizeimotorrad noch ein Polizeiauto steht in der Nähe. Mein japanischer Fahrgast sagt nur “Oh-o!”. Die heruntergekurbelte Scheibe offenbart mir ein jüngeres, rundes und leicht verdutztes Gesicht. Er räuspert sich und schaut mich fragend an. “Da bin ich dann wohl zu spät über die Kreuzung gefahren” sagte ich¹. Er lächelt freundlich und nickt. Er fragt nach dem Führerschein und ist nochmal überrascht, als ich meine japanischen Fleppen zücke. “Oh, ein japanischer Führerschein?” — “Ja, ich lebe hier”. Ein kurzer Smalltalk folgte, und eine Belehrung: “Nur zwei Minuten! Sie hätten an der Ampel nur zwei Minuten warten müssen! Es gibt nichts, was das Risiko lohnt, bei Rot über eine Ampel zu fahren!” Wahrscheinlich bin ich knallrot geworden, denn erstens wurde ich noch nie von der Polizei angehalten, ausserdem war es draussen brüllend heiss. Ich konnte ihm – vom Herzen wohlgemerkt – nur recht geben. “Ja, ich kann Ihnen nur recht geben. Ich bin viel mit dem Fahrrad unterwegs, da rege ich mich ja selber drüber auf, wenn Autofahrer rote Ampeln überfahren.²”. Er nickt zufrieden, räsonierte kurz und sagte dann etwas Überraschendes: Er werde kein 反則切符 (hansoku kippu, Strafzettel) ausstellen, aber er bäte mich, dies in Zukunft zu unterlassen. Gute Reise noch, und immer vorsichtig fahren!

Mein Fahrgast war baff, ich war es auch. “Normalerweise passiert das nicht”. Ausländerbonus? Keine Ahnung. Was wäre normalerweise passiert? Bis zu 400 Euro Strafe und zwei Punkte. Schlimmer aber wäre die Tatsache, dass man sich in den folgenden sechs Monaten extrem vorsehen muss, denn wenn in dieser Zeit wieder etwas sein sollte, wird es richtig kompliziert und teuer – mit Nachschulungen und dergleichen. Glück gehabt.

¹ Auf Japanisch. Meine persönliche Erfahrung in Japan ist, dass es sich nicht lohnt, einen auf dummen Ausländer nach dem Motto “ich nix verstehen” zu machen. Mit gepflegtem Japanisch kommt man weiter.

² Das kommt in Japan mangels Blitzer und Kontrollen in der Tat sehr, sehr oft vor.

Nachruf

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Zur Warnung vorneweg: Dies ist ein sehr persönlicher Artikel.

Heute um 17:45 verstarb mein Schwiegervater im engsten Kreis und nach einem über zehn Jahre lang währenden Kampf an einem Krebsleiden. Im Alter von gerade einmal 65 Jahren. Vorgestern noch habe ich ihn ins 70 Kilometer entfernte Spezialkrankenhaus gefahren, wo uns ein Arzt die bittere Wahrheit verkündete: Es könnte jederzeit soweit sein. Heute war ich mit den Kindern, um diese etwas abzulenken (es sind Sommerferien), in einem nahegelegenen Spielpark. Nach kurzer Absprache mit der Familie fuhren wir danach wieder zum Krankenhaus. Da das Bewusstsein schon stark getrübt war, baten wir die Kinder, den geliebten Opa laut anzusprechen — das taten sie auch, doch zwei Minuten später versagte sein Herz endgültig. Es war beinahe so, als ob er darauf gewartet hätte, noch einmal die Stimmen meiner Kinder zu hören, denn er liebte sie über alles.

Kennengelernt habe ich meinen Schwiegervater vor 18 Jahren. Und so seltsam es auch klingt: Es hatte sofort gefunkt. Mir war er sofort sympathisch, da die Tatsache, dass ich Ausländer bin, absolut gar keinen Einfluss auf seine Meinung hatte. Beim ersten Treffen waren wir in einem Restaurant, zusammen mit seiner Frau und seinen drei Töchtern. Kaum 5 Minuten waren vergangen, als wir uns in einer gepflegten Diskussion über den Unterschied von Pflegeversicherungen in Deutschland und Japan wiederfanden (berufsbedingt), was vom Rest der Familie mit Augenrollen erwidert wurde. Als ich vier Jahre später, in einer Email (es ging damals leider nicht anders) um die Hand seiner Tochter anhielt, bekam ich eine sehr positive Antwort und eine Bedingung: Wir mögen bitte die ersten drei Monate nach der Hochzeit in Japan verbringen, denn er wollte so sicherstellen, dass es seiner Tochter auch gut geht. Daraus sind nun fast 15 Jahre geworden.

Nach der Krebsdiagnose bat er seine Firma, ihn in die gleiche Stadt zu versetzen, in der wir wohnten. Als wir nach dem Erdbeben 2011 beschlossen, in einer anderen Stadt ein Haus zu kaufen (in einer sichereren Gegend), liess er sich ebenfalls in der Nähe wieder. Wir haben uns oft getroffen, sind oft mit der ganzen Familie verreist, haben sehr viel gelacht, sehr viel diskutiert. Mein Schwiegervater war mehr als ein Schwiegervater: Er war ein Freund, ein sehr guter Freund, mit der gleichen Wellenlänge, und mit sehr viel Humor. Integer. Neugierig. Aufgeschlossen. Und jemand, der alles für die Familie getan hat. Nichts liebte er mehr, als von seinen Töchtern, seinen 5 Enkeln und seiner Frau umgeben zu sein. Und genauso wurde er heute verabschiedet. Ich bin sicher, er mochte diesen Abschied – der jedoch viel zu früh kam, denn bis zuletzt hatte er noch Hoffnung, dass sich das Unvermeidbare weiter herauszögern lässt. Nach 10 Jahren Kampf durchaus eine berechtigte Hoffnung. Doch es hat nicht sollen sein.

Als er vom Arzt gefragt wurde, wer ihn denn auf dem letzten Weg begleiten wird, sagte er “Meine Frau, meine Töchter und mein Sohn”. Er sagte nicht “Schwiegersohn”, sondern “Sohn”. Ein kleiner Unterschied, der mich sehr bewegt.

Es gab und gibt — das muss ich leider so sagen — nur sehr wenige Menschen, die mich wirklich beeindrucken. Mein Schwiegervater gehörte zu diesen wenigen Menschen. Ihn so früh gehen zu lassen fällt schwer. よく頑張った。お疲れ様でした。

Deutsches Dorf Tokyo

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Deutsches Dorf Tokyo
Deutsches Dorf Tokyo

Ich hatte schon viel davon gehört, aber bisher nie dorthin geschafft: Das 東京ドイツ村 Deutsches Dorf Tokyo, in Sodegaura in der Nachbarpräfektur Chiba. Grundtenor war immer “erwarte aber nichts Deutsches dort”. Also fuhr ich mit sehr wenig Erwartung dorthin, und meine (Nicht)erwartungen wurden nicht enttäuscht. Obwohl: Gleich bei der Einfahrt war ich vom überraschend deutschen (genauer gesagt berlinerischen) Auftreten der Angestellten ganz hin und weg. In das deutsche Dorf fährt man mit dem Auto ein und bezahlt pro Gefährt und Insasse. Als ich über die Insassen befragt wurde, sagte ich

“Ein Erwachsener und eine Mittelschülerin”.
“Zwei Erwachsene also. Und wer ist noch im Auto?”
“Ähm, also nur wir zwei – ein Erwachsener und eine Mittelschülerin”
“Ok, verstanden. Zwei Erwachsene. Noch jemand?”

Nach nochmaliger Bestätigung stellte sich heraus, dass 12-jährige Mittelschüler als Erwachsene gelten. Sehr familienfreundlich. Das permanenten Nachfragen nach weiteren Insassen hindes blieb mir ein Rätsel.

Das deutsche Dorf ist ziemlich gross, weshalb alle mit dem Auto die verschiedenen Stationen anfahren. Dabei liegt eigentlich alles in Laufweite, aber egal. Auf einem Hügel stehen ein paar Holzgebäude, und wenn man von weitem die Augen zukneift, könnte man sich wirklich die Silhouette eines deutschen Dorfes vorstellen – ein paR Bauernhäuser mit einem Kirchturm in der Mitte. Im Restaurant wird dann echtes deutsches Essen präsentiert: Eisbein, oder eine Würstchenplatte. Lasche Brezeln. Und deutscher Salat: Ein paar Salatblätter, Minischinkenstreifen, und in der Mitte, wie aus Versehen dem Koch von der Gabel gefallen, eine Kartoffel. Wie die dahin kommt und wo die herkommt, ist ungewiss.

Kongeniale Illusion eines deutschen Salates
Kongeniale Illusion eines deutschen Salates

Wenigstens bei der Farbgebung hat man sich Mühe gegeben. Sowohl das Miniriesenrad als auch die Verkehrskegel und die zahlreichen Warnschilder sind Schwarz-rot-gold angestrichen. Man möchte ja authentisch sein. Ansonsten gibt es allerlei Verlustierungen für Kinder – eine 220 m lange Wasserrutsche, Bogenschiessen, kleine Pools, ein Schwanbootsee und so weiter. Das Gelände ist wirklich verhältnismässig gross (und der Rasen überall extrem gepflegt). Letztendlich zählt der Park jedoch zu der nervenden Sorte, denn obwohl man Eintritt zahlt, muss man für jede noch so kleine Attraktion mindestens drei Euro bezahlen. Die Preise für’s Grillgut sind jenseits von Gut und Böse: Ein Beutel mit den billigsten Gemüsesorten, für den Inhalt bezahlt man im Supermarkt rund 300 Yen, wurde hier im Sonderangebot angepriesen: für 3’900 yen anstelle von 4’200 Yen. Die Preisgestaltung liegt meiner Meinung nach ganz kurz vor der Grenze zum Betrug.

Fazit: Man kann hier mit den Kindern viel Spass haben, sollte aber -20% Deutschland erwarten sowie alle zwei Minuten lang den Griff ins Portemonnaie. Da empfiehlt sich die nur ein paar Kilometer entfernte マザー牧場 Mother’s Farm schon eher. Ist vom Prinzip her ähnlich, verspricht aber wenigstens nichts, dass es nicht halten kann. Und die Preisgestaltung ist dort etwas ehrlicher.

Vulkan Asamayama spuckt wieder Asche

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Asamayama im Mai 2019
Asamayama im Mai 2019

In der vergangenen Nacht, gegen 22 Uhr japanischer Zeit am 7. August 2019, gab es am 2’568 m hohen Vulkan Asamayama einen mittelprächtigen Ausbruch. Laut der Vulkanaufsicht des meteorologischen Amtes spuckte der Berg für rund 20 Minuten Asche, die sich rund 2km hoch über dem Gipfel auftürmte. Umgehend wurde der Vulkan von Level 1 auf Level 3 hochgestuft — in Japan gibt es 5 Warnstufen für Vulkane:

  1. Momentan keine Gefahr
  2. Nicht dem Krater nähern
  3. Nicht dem Vulkan nähern
  4. Evakuierung vorbereiten
  5. Evakuierung durchführen

Der Ausbruch kam für die Behörden völlig überraschend – die Warnstufe lag seit Jahren bei der 1. Und so hatte man keinerlei Notfallpläne in der Tasche und Mühe, die umliegenden Gemeinden zu warnen. Dazu zählt unter anderem Karuizawa (Präfektur Nagano), ein beliebter Kurort, der auch von Tokyo aus leicht zu erreichen ist.

Zum Glück war der Ausbruch kurz, doch Gesteinsbrocken flogen wohl bis in eine Entfernung von 4km vom Krater. Die niedrige Warnstufe bisher ist ein kleines Rätsel – der Vulkan gilt als recht aktiv und hat ein hohes “Gewaltpotential”. Bei einem schweren Ausbruch im Jahr 1783 kamen geschätzt 1’500 Menschen in der eigentlich spärlich besiedelten Gegend durch pyroklastische Ströme ums Leben, doch damit nicht genug – der Ausbruch dauerte rund drei Monate an, mit verheerenden Folgen für die Landwirtschaft in der weiteren Region. Es folgte die sogenannte Tenmei-Hungersnot, die geschätzte 20’000 Menschenleben forderte. Beim letzten grösseren Hickser im Jahr 2009 gelangte Asche bis ins knapp 150 km entfernte Tokyo. Das bedeutet, dass der Asamayama sehr wohl grossen Schaden anrichten kann – nicht nur im Nobelort Karuizawa – und daher besser beobachtet werden muss.

Ebola in Japan | Meinungsfreiheit schief gelaufen

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Koreanisches Mahnmal im Friedenspark von Hiroshima

Da hat Japan wohl noch mal Glück gehabt: Gestern vermeldeten die Nachrichten, dass in der Präfektur Saitama (also direkt bei Tokyo) ein Ebola-Verdachtsfall besteht. Eine etwas ältere Dame, über 70 Jahre alt, war am 31. Juli aus der Demokratischen Republik Kongo zurückgekehrt und begann am 3. August über hohes Fieber zu klagen. Nun ist vor allem der Osten der DR Kongo momentan Ebola-Krisengebiet, und die Inkubationszeit für Ebola beträgt 2 bis 21 Tage – unmöglich wäre eine Infektion also nicht gewesen. Doch die Dame gab an, im Kongo nicht mit Ebola-Kranken in Kontakt gewesen zu sein, und das Gesundheitsministerium gab heute Entwarnung: Einer Blutuntersuchung zu Folge handelte es sich nicht um das aggressive Virus. Zum Glück: Allein die Vorstellung, das sich im Grossraum Tokyo mehrere Ebola-Fälle befinden könnten, würde eine mittelschwere Panik auslösen – ob die nun berechtigt sei oder nicht (zum Glück ist der Erreger ja nicht aerogen).

Und noch eine interessante Schlagzeile: Vom 1. August bis zum 14. Oktober 2019 findet in Nagoya die Triennale statt (siehe hier) – eine bedeutende und hochkarätige Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Dort gibt es eine Teilausstellung mit dem Namen “Nach der Meinungsfreiheit?”, in der unter anderem die Statue “Mädchen des Friedens” ausgestellt wurde: Eine Abbildung einer koreanischen “Trostfrau” – nachempfunden der Statue in Seoul vor der japanischen Botschaft, die seit Jahren die Gemüter erregt, hält doch Japan das Thema für seit langem beendet, während Südkorea versucht, so viel wie möglich dieser Statuen auch in anderen Ländern zu platzieren, teilweise sogar mit Erfolg. Nun beschloss jedoch der Veranstalter, die komplette Teilausstellung zum Thema Meinungsfreiheit dichtzumachen. Der Grund: Es gab etliche Drohungen, und darunter durchaus ernstgemeinte. So drohte jemand damit, mit Benzinkanistern anzureisen und die Ausstellung in Brand zu setzen – genau so, wie es bei der Anime-Produktionsfirma in Kyoto vor zwei Wochen geschah (der Anschlag fordete dutzende Tote).

Man mag von den südkoreanischen Bemühungen halten, was man will — leider gibt man mit dieser Entscheidung den Südkoreanern recht, da man mit diesem Schritt ja quasi die Meinungsfreiheit aufgibt. Die Sicherheitsbedenken sind nicht von der Hand zu weisen, doch im Notfall muss Meinungsfreiheit auch verteidigt werden – wegen ein paar Hasskommentaren eine Ausstellung zum Thema Meinungsfreiheit zu schliessen beweist, dass es an letzterer mangelt.

Persönlich halte ich von den südkoreanischen Aktionen wie dem Export der Trostfrauenstatuen in andere Länder wenig: Wo liegt die Grenze? Polnische Statuen in China aufbauen, aus Gedenken an den Zweiten Weltkrieg? Solche Statuen gehören nur in die beteiligten Länder, also idealerweise nach Polen und Deutschland. Es gibt übrigens auch in Japan Statuen, wenn auch nur sehr wenige, die sich mit der koreanisch-japanischen Geschichte befassen – so erinnert im Friedenspark von Hiroshima eine Schildkrötenstatue an die beim Atombombenabwurf ums Leben gekommenen koreanischen Zwangsarbeiter.

7PAY gibt auf – oder: Wie viele Bezahlsysteme braucht das Volk?

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Smarte Bezahlservice-Dienstleister sprießen in Japan zur Zeit wie Pilze aus dem Boden – in einer solchen Geschwindigkeit, dass man den Überblick verliert. PayPay war als einer der ersten am Start, und man liess sich nicht lumpen – in zwei Wellen erstattete Paypay bis zu 20% des Einkaufspreises zurück, so man damit bezahlte, und verbriet so alleinbei diser Aktion 10 Milliarden Yen, also rund 80 Millionen Euro. Betrieben wird PayPay von Yahoo! Japan und Softbank, einem der drei grossen Mobilfunkbetreiber Japans. Yahoo!? Ganz recht! Während Yahoo in der westlichen Hemisphäre eher seit Jahren schwächelt, hat sich das Unternehmen in Japan hervorragend eingenistet und ist gut bei der Sache. Nach einer elendig langen Anmeldeprozedur kann man bei Paypay sein Bankkonto (oder seine Kreditkarte, aber die muss, welch Zufall, von Yahoo ausgestellt sein) mit Paypay verbinden und so jederzeit sein Paypay-Konto auffüllen und einfach mit dem Handy bezahlen.

Plötzlich tauchten neue Namen auf – FamiPay, LINE Pay, Alipay, Merupay zum Beispiel oder 7Pay vom Einzelhandelsgiganten 7-Eleven (siehe Foto – das zeigt die Vielzahl der Bezahlmethoden in einem Convenience Store in Japan). Als ITler hat man da erstmal nur einen Gedanken: Wer so überhastet Bezahlsysteme auf den Markt wirft, übersieht mit Sicherheit riesengroße Sicherheitslücken. Und siehe da, am Tag nach meiner Unterhaltung mit jemandem über dieses Thema kam die grosse Schlagzeile: Millionenbetrug bei 7Pay. Einige hundert Benutzer staunten nicht schlecht, als über 7Pay ihre Konten wie durch Geisterhand leergeräumt wurden. Der Schaden war angerichtet, und die Skeptiker zufrieden. Heute gab das Konsortium nun bekannt, das Projekt 7Pay einzumotten.

Wie viele elektronische Bezahlsysteme braucht das Land? Werden sich die stolzen Ausgaben von Paypay irgendwann amortisieren? Aus Neu- wie Geldgier hatte auch ich mich bei Paypay angemeldet, und da mein Stammsupermarkt Paypay ebenso akzeptiert wie meine Stammkneipe, war das praktisch und ziemlich lukrativ. Allerdings war ich mir ziemlich sicher, dass, sobald die Kickback-Aktion beendet ist, ich wieder zu herkömmlichen Bezahlmethoden (Bargeld, Kreditkarte, Suica) zurückgreifen werde, und so geschah es dann auch. Das liegt unter anderem auch daran, dass ich weiss, das der Einzelhandel für diese Annehmlichkeiten Prozente lassen muss, und da viele Ladenbesitzer hart am Limit operieren, fühle ich mich jedes Mal ein bisschen schlecht, wenn ich mit einer Karte zahle (bei Restaurantketten und dergleichen habe ich da natürlich kein Problem).

Sommerferien. Mit den üblichen Hausaufgaben. Für die Eltern.

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Die Regenzeit ist noch nicht vollends vorüber, aber nichtsdestotrotz haben die Sommerferien in dieser Woche begonnen. Wie schön. Für die Kinder. Natürlich gibt es Hausaufgaben für die rund 5 Wochen dauernden Ferien – darunter das berüchtigte 自由研究 jiyūkenkyū – die “freie Forschung”. Die Kinder sollen sich dazu ein Thema aussuchen und zu diesem Thema etwas nachforschen, basteln, beschreiben oder experimentieren. Das beginnt bereits in der Grundschule, also mit 6 Jahren, wo das Projekt meistens in Form einer Wandzeitung endet, die dann in den Schulgängen ausgehängt werden. Soweit, so gut. Verreist man in den Sommerferien, bietet sich ein Reisebericht an. Schnell ein paar Fotos hinzugeklebt, und fertig ist das Projekt. Keine schlechte Sache eigentlich, denn die Kinder können so etwas basteln und gleichzeitig etwas lernen. Bewertet wird das Ganze letzten Endes nicht.

Anders hingegen sieht es an der Junior High School, der Mittelstufe (7. bis 9. Klasse) aus: So eröffnete man uns in einem “Briefing”, dass hier das Sommerferienforschungsprojekt sehr wohl in die Bewertung einfliesst, und in der Mittelschule wird diese Bewertung auch noch bedeutend: Eine sehr gute Bewertung kann nämlich ein Freifahrtschein in eine gute Oberschule werden, und in diesem Punkt steht somit sehr viel auf dem Spiel. Interessant ist dazu die Bemerkung des Lehrers, das aus diesem Grunde die Eltern angehalten sind, aktiv an der Verwirklichung des Projekts teilzunehmen. Das Ergebnis müssen 6 A4-Seiten sein – und das Projekt muss Experimente beinhalten, mit denen die getroffenen Aussagen belegt werden können.

Schon in der Grundschule tauchten Wandzeitungen auf, in dem es um Themen wie den durchschnittlichen pH-Wert von Sushi unter Berücksichtigung der Fischfrische oder um die demokratische Gestaltung des öffentlichen Raumes in der Zeit des japanischen Wirtschaftswachstums ging – Themen also wie gemacht für einen Dreikäsehoch. Doch der Grad der Elterneinmischung war da noch wenigstens freiwillig. Prinzipiell will uns die Einrichtung nun also sagen: Wenn Euch die Zukunft Eurer Kinder am Herzen liegt, dann legt Euch in den Sommerferien gefälligst ordentlich ins Zeug. Ob das der richtige Ansatz ist? Ich bin da etwas skeptisch. In 99% aller Fälle werden die Forschungsarbeiten ganz sicher im Wesentlichen von den Eltern bestimmt werden – und mit der Bewertung müssen die Kinder dann eben leben. Im extrem wettbewerbsorientierten Japan wird es spannend, zu sehen, was für Themen da aufkreuzen werden.

Wahlen (Nebensache) und Schmierenkomödien (Hauptsache)

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Die Oberhauswahlen sind vorbei und es wird wieder etwas ruhiger auf den Strassen, da die Politiker nun nicht mehr mit ihren Megaphonen auf Bauernjagd gehen müssen. Eine winzige Sensation hielt das Ergebnis letzten Endes bereit: Abe ist es mit seiner Regierungskoalition nicht geglückt, die erhoffte 2/3-Mehrheit zu erreichen – die wäre aber nötig gewesen, um Verfassungsänderungen durch das Parlament zu boxen. Aufgeben wird er das Vorhaben deshalb aber lange nicht. Ach ja: Die enorm wichtige Partei “NHKから国民を守る党” (Die Partei, die das Volk vor NHK schützt – Anmerkung: NHK ist die japanische öffentliche Rundfunkanstalt, für die Japaner ähnlich der GEZ Gebühren bezahlen) hat im Oberhaus tatsächlich einen Sitz errungen. Da sich ansonsten nichts wirklich geändert hat, redet man bereits am Tag nach der Wahl kaum noch darüber.

Die Augen der meisten Japaner sind deshalb fest auf den handfesten Skandal um 11 Komiker gerichtet. Diese sollen, an ihrer Agentur vorbei, an der Veranstaltung einer der Yakuza nahestehenden Betrügertruppe teilgenommen und dafür bis zu eine Million Yen Gage eingestrichen haben. Als das ganze vor ein paar Wochen – besagte Veranstaltungen lagen allerdings bereits rund 5 Jahre zurück! – ans Licht kam, verneinten die Komiker den Vorfall vehement, doch die Beweislage war letztendlich zu erdrückend. Die Agentur, 吉本興業 Yoshimoto Kōgyō (die wohl größte und bekannteste Künstleragentur in Sachen Komiker und anderer in Japan “Talente” genannten Entertainer), suspendierte vorerst die Künstler. Soweit, so gut. Zwei Komiker, Hiroyuki Miyasaki und Ryo Tamura (ersteren kennt in Japan ausnahmslos jeder), baten nun darum, sich im Rahmen einer Pressekonferenz bei Ihren Freunden, Fans und Kollegen entechuldigen zu dürfen, doch die Agentur lehnte ab. Letztendlich wurden die beiden vor die Wahl gestellt: Freiwillig ihren Abschied von ihrer Karriere als Unterhalter bekanntzugeben oder gefeuert zu werden. Die beiden entschieden sich für Letzteres, wurden gefeuert und hielten am Sonnabend dann ihre Pressekonferenz – live im Fernsehen übertragen! – ab. Eins zu null für die Komiker. Denn das Echo war nach dem tränenreichen Auftritt verheerend: Viele Größen aus dem Fernsehen, darunter auch Künstler der gleichen Agentur wie zum Beispiel Matchan, äußerten sich zu dem Fall – zu ungunsten der Agentur. Deren Chef, Okamoto, konnte heute bei einer 5 Stunden langen und ebenfalls tränenreichen Gegenpressekonferenz nur noch zurückrudern und bot den Künstlern an, sie wieder aufzunehmen und die Strafen zu suspendieren.

Eine Schmierenkomödie vom Feinsten – wahrscheinlich haben sich die Künstler noch nicht einmal strafbar gemacht. Und: Das ganze liegt 5 Jahre zurück. Das eigentliche Drama war jedoch die jammervolle Pressekonferenz – warum zwingt man Menschen, so etwas zu machen? Und warum schauen sich Menschen überhaupt sowas an? Der Schaden ist auf allen Seiten groß. Diese 謝罪会見 shazai kaiken (“Bußekonferenzen”), bei denen sich Firmenchefs und Prominente sehr übertrieben öffentlich entschuldigen, sind typisch für Japan: Die Menschen erwarten 誠意 seii – eine aufrichtige Entschuldigung. Sehr theatralisch, aber ebenso authentisch sollte diese sein – dann wird demjenigen unter Umständen auch irgendwann mal verziehen. Die Videokonferenz der Künstler gibt es hier.

Okamoto versuchte übrigens, bei der Konferenz mit einem Gerücht aufzuräumen – jenes besagt, dass die Künstler kaum etwas von den Gagen sehen. Genauer gesagt reden Menschen von einer 9:1 Regel: Demzufolge bekommen die Künstler nur rund 10% der Gage und die Agentur 90%. Laut Okamoto liegt das wohl eher bei 5:5. Da kann man als Autor nur von träumen…

Entdecken wir da etwa Sarkasmus? / Verheerender Brandanschlag in Kyoto

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Ein hochinteressantes Video macht momentan die Runde in den japanischen sozialen Medien. Es geht um die Oberhauswahlen, die am kommenden Sonntag ins Haus stehen, und die Botschaft des gut gemachten Videos ist: “Ihr jungen Leute, geht nicht zur Wahl” — vorgetragen von Japanern älteren Semesters. Themen wie die ganz und gar nicht sichere Rente, die globale Erwärmung oder die hohen Bildungskosten werden dort aus der Sicht älterer Semester angesprochen – nach dem Motto “WIR bekommen ja Rente”, “kommt ja erst in 20, 30 Jahren” oder “ist mir ziemlich egal”. Die Hauptaussage am Ende: Wenn sich junge Leute maximal und dann auch noch anonym nur im Internet zu politischen Dingen äußern, aber nicht zur Wahl gehen, machen eben die Alten, die in der Tat eher zur Wahl gehen, die Politik. Und das ist der springende Punkt in Japan, denn hier ist das Durchschnittsalter der Politiker jenseits von Gut und Böse – und das Durchschnittsgeschlecht ganz vorwiegend männlich. Dass da keine vernünftige Politik für die kommende Generation oder eben auch für Frauen herausspringt, leuchtet ein. Wird dieser schon sarkastische Clip (und Sarkasmus ist etwas sehr Seltenes im Land der Harmonie) etwas ändern? Wohl kaum. Aber es ist trotzdem ein richtiger und wichtiger Versuch.

Passt ganz und gar nicht zum Thema, ist jedoch leider die nachrichtenbestimmende Schlagzeile des heutigen Tages: Bei einem Brandanschlag auf ein bekanntes Zeichentrickstudio mitten in Kyoto sind heute mindestens 25 Angestellte ums Leben gekommen. Der 41-jährige Täter wurde gefasst, aber sein Motiv ist noch unbekannt. Da mir das Spekulieren nicht liegt, lasse ich es lieber sein, aber diese entsetzliche Tat wirft wichtige Fragen auf – zum Beispiel wieso immer wieder solche Taten mit dutzenden Toten in Japan vorkommen (und ich meine damit nicht die Diskussion um mehr Sicherheit, sondern die, was einen Menschen so weit treibt, und wie man besser die Vorzeichen erkennt). Brandschutztechnisch wird der Vorfall sicherlich auch noch untersucht werden müssen. Mein Beileid ist jedenfalls mit den Überlebenden und Angehörigen.

Japaner müssen draussen bleiben. Sagt ein Restaurantbesitzer in…Japan

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Cleverer PR-Stunt, oder einfach nur die Schnauze voll gehabt? Das muss man sich unweigerlich fragen, wenn man diesen Artikel in der Online-Ausgabe der Okinawa Times bzw. diesen hier bei Kusahaeru News liest. Es geht um das winzige Ramenrestaurant 麺屋 八重山style (Men’ya Yaeyama Style) auf der wunderschönen Insel Ishigaki (Okinawa). Der (japanische) Besitzer des Minilokals mit nur 8 Plätzen hängte nämlich ein Schild an seine Tür, auf dem er japanischen Gästen den Zutritt verwehrt und dies mit den “zunehmend schlechten Manieren” japanischer Gäste begründet. Gleichzeitig entschuldigt er sich dabei bei seinen japanischen Stammgästen und merkt an, dass diese drastische Maßnahme nur temporär sein soll – nach Ende der Saison im September soll wieder jeder willkommen sein. Fast jeder, denn der Grund für das rüde Verhalten liegt unter anderem auch an den andern Verbotsschildern an der Tür: So wird kleinen Kindern der Zutritt verwehrt, was übrigens in Japan nicht ganz unüblich ist – vor allem, wenn es keine Tische gibt und alle am Tresen sitzen. Der 42-jährige Besitzer gab dabei zu Protokoll, dass er und seine Aushilfskraft aus diesem Grund mehrfach unwirsch angefahren worden seien – so sehr, dass die Aushilfskraft die Arbeit hinwarf. Ausserdem gab es des öfteren Kunden, die einfach mitgebrachtes Essen und Trinken auspackten und beim Verweis darauf, dass dies nicht gestattet sei, einfach gnatzig wurden und meinten, es stehe ja nirgendwo dran, dass es verboten sei, etwas mitzubringen.

Die Maßnahme ist natürlich etwas zu radikal – das Ausgrenzen ganzer Gruppen aufgrund der Herkunft war noch nie eine sinnvolle Sache. Aber der Besitzer regt mit dieser Aktion vielleicht auch eine Diskussion an. Bisher drischt man in Japan nämlich liebend gern auf ausländische Besucher ein und beklagt sich über mangelnde Sprachkenntnisse und schlechte Manieren. Dabei wird gern vergessen, dass japanische Gäste auch nicht ohne sind. So erst neulich wieder erlebt. Als ein Pizzabäcker in meiner Nähe seinen Laden eröffnete, zog es uns auch dorthin. Da bemerkte ich eine Frau, die wutentbrannt mit der Pizzaschachtel auf einen Angestellten loslief und lautstark forderte, dass ihr Problem, dass sie entdeckt hat, unverzüglich korrigiet wird. Sie öffnete die Schachtel und zeigte auf Kartoffelscheiben auf ihrer Genoveser Pizza. Das habe sie nicht bestellt, sondern eine Pizza mit Meeresfrüchten. Ein kurzer Blick auf den Kassenzettel offenbarte, dass sie sehr wohl eine Genoveser Pizza bestellt hatte. Die Frau dachte nur beim Anblick des Fotos, dass es sich um Meeresgetier handelte – dabei stand unterhalb des Fotos eindeutig “mit Kartoffeln”. Was dann geschah, kst typisch japanisch: Um die Situation schnellstmöglich zu entschärfen, bot der Filialleiter kostenlosen Ersatz an. Hat sich die Frau deshalb entschuldigt, bedankt oder ist sie gar kleinlaut geworden? Natürlich nicht. In dem Sinne kann man den Ramen-Koch auch ein bisschen verstehen. Solche Gäste zehren stark an den Nerven und sind leider nicht so selten.

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