Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Vermisst Japan eigentlich die ganzen Touristen?

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Diese Frage tauchte neulich in einem Facebook-Forum auf, und angedenk der Tatsache, dass Japan auch unter deutschen Reisewütigen in den vergangenen Jahren enorm an Beliebtheit gewonnen hat, ist das durchaus eine interessante Frage. Quasi nach dem Motto: Beruht die Liebe auf Gegenseitigkeit? Als Anmerkung muss ich allerdings auch kurz die andere Seite erwähnen: Mir tun sicherlich all jene leid, die in diesem Jahr nach Japan reisen wollten, aber nicht konnten. Andererseits gibt es auch etliche Menschen wie mich, die in Japan (oder anderso im Ausland) leben, und das auch durchaus gerne, die aber dennoch nichts über einen gelegentlichen Besuch in der alten Heimat einzuwenden hätten. Das letzte Mal war ich 2017 in Deutschland, und da auch nur für 5 Tage – es wäre also mal wieder an der Zeit gewesen, aber aufgrund der Corona-Lage heisst es auch für unsereins: Geduld.

Inbound-Touristen Januar-August in den Jahren 2005, 2010, 2015, 2019, 2020. Offizielle Zahlen der JNTO.

Schaut man sich die ausländischen Besucher (=Inbound) an, dann muss man kein Mathematiker sein, um die Dramatik der Lage zu verstehen. Während 2005 im Schnitt gut 500,000 ausländische Besucher pro Monat nach Japan reisten, so waren es 2015 schon 1,5 Millionen und 2019 fast schon 3 Millionen. Die Zahl der ausländischen Touristen hat sich also in den vergangenen Jahren enorm erhöht, und zwar mehr, als es sich die japanischen Tourismusvertreter je zu träumen gewagt hätten. Im Jahr 2008 schrieb ich in diesem Artikel, dass erstmals 8 Millionen das Land besucht hätten – und das 10 Millionen für 2010 das Ziel seien. 2020, also zehn Jahre später, waren es geschlagene 32 Millionen Touristen (26 Millionen davon aus asiatischen Ländern). Sprich, Japan wurde in den letzten Jahren von Besuchern überrannt, mit all den dazu gehörenden, angenehmen und unangenehmen Folgen. Aus japanischer Sicht angenehm war natürlich der wirtschaftliche Aspekt und ein gewisser Stolz darauf, dass das Land so populär wurde. Zu den unangenehmen Folgen zählte, dass man als Einheimischer kaum noch Zugang zu beliebten Orten – und Restaurants – bekam. Selbst an weniger bedeutsamen Sehenswürdigkeiten wimmelte es plötzlich nur so von Ausländern.

Der Einbruch aufgrund der Corona-Krise war umso dramatischer. Die Zahl der Touristen sank seit März um gut 99.9%; von April bis Juni reisten jeweils weniger als 3,000 Menschen pro Monat ein (und die meisten von ihnen waren sicherlich keine Touristen, sondern Amtsträger und dergleichen). Hinzu kam der Ausnahmezustand von April bis Juni, mit der (wohlgemerkt unverbindlichen) Bitte, Präfekturgrenzen nicht zu überschreiten, woran sich die meisten Japaner auch hielten. Sprich: Für fremdenverkehrsrelevante Firmen und Geschäftsleute begann eine Saure-Gurken-Zeit, die bis heute anhält.

Doch zurück zur eigentlichen Frage: Vermisst Japan eigentlich die ganzen Touristen? Die in der Branche arbeitenden Menschen natürlich schon, aber der Rest vermisst sie momentan wahrscheinlich eher weniger. Da der massive Anstieg der Touristen erst kürzlich stattfand, ist es momentan eher eine Rückkehr zur Normalität – und die Gelegenheit, etwas zu Verschnaufen. Der Hauptgrund ist freilich jedoch Corona: Obwohl die Zahlen in Japan weit weniger dramatisch ausfallen als in Europa, von den USA ganz zu schweigen, beschäftigt das Virus die Menschen noch immer, und man ist sich berechtigterweise einig, dass das Unterbinden von Reisen einen erheblichen Einfluss auf den letztendlich bisher positiven Verlauf der Fallzahlen hatte und hat. Und das es, selbst wenn ein wirksamer Impfstoff gefunden wird, schnell wieder so wird wie es vorher war, glaubt natürlich auch niemand – sprich, eine plötzliche Öffnung der Landesgrenzen für Touristen wird es nicht geben. Es wird eher Schritt für Schritt vorangehen.

Leider muss man bei der Frage dabei auch nach Nationalitäten unterscheiden. Die Chancen stehen hoch, dass Touristen wieder reingelassen werden, wenn das Herkunftsland vergleichsweise coronasicher ist. Dazu zählt die Volksrepublik China, doch auch in Japan herrscht die vornehmliche Meinung, dass es China war, dass allen diese Suppe eingebrockt hat. Dementsprechend finden es die meisten Menschen unfair, dass chinesische Touristen wieder reisen dürfen, andere hingegen nicht. Deutsche Touristen hingegen wären durchaus willkommen, denn die meisten Japaner hatten schon immer eine gute Meinung über die Deutschen, und das Krisenmanagement der Bundesregierung unter Merkel gilt in Japan als gelungen, trotz wesentlich höherer Zahlen als in Japan. Darüber sollten nämlich keine Zweifel bestehen: Die meisten Japaner verfolgen ganz genau, welches Land wie und mit wieviel oder wie wenig Erfolg mit dem Virus umgeht.

Die andere, damit zusammenhängende Frage lautet: Wie wird man als Inlandstourist betrachtet? Seit Ausbruch des Virus war ich zwei Mal längere Zeit in Japan unterwegs: Ein Mal im Juli, auf Hokkaido, und in der vergangenen Woche, auf ein paar abgelegenen Inseln (die verwaltungstechnisch zu Tokyo gehören). Dabei war deutlich spürbar, dass weniger Menschen unterwegs sind. Auf einer der Fähren, die insgesamt über 500 Passagiere fassen, waren neben mir gerade mal 5 weitere Mitreisende anwesend. In den traditionellen Pensionen (民宿 minshuku) war ich mal der einzige Gast, und mal einer von nur zwei Gästen. An anderen Orten gab es eine große Diskrepanz bei den Coronamaßnahmen. Ich traf auf Cafes und Restaurants an wirklich sehr abgelegenen Orten, die nur Take-Out anbieten oder ganz geschlossen haben. Es gibt Museen und Galerien, bei denen nur die Flasche Desinfektionsmittel am Eingang an Corona erinnert. Dann gibt es aber auch Orte wie das “Geothermal-Informationshaus” auf der Insel Hachijō, in das sich wirklich nur hartgesottene Geografen verirren: Dort war ich natürlich der einzige Besucher, musste aber (zum ersten Mal!) ein langes Formular mit allen möglichen Kontaktdaten ausfüllen, um danach erklärt zu bekommen, dass mein Aufenthalt aufgrund der Virussituation auf 30 Minuten beschränkt sei. Natürlich kam in der gesamten Zeit auch kein anderer Besucher.

Ich merkte bei den Reisen oftmals, dass die Menschen wissen wollten, wo in Japan man eigentlich wohnt. Und es gibt noch immer Orte, an denen Bewohner von Tokyo nicht sonderlich willkommen sind. Im Großen und Ganzen spürte ich aber nirgendwo direkte Ablehnung oder einen Vorwurf, nur eben eine mehr oder weniger große Portion Vorsicht.

Natürlich hofft man, dass der gesamte Spuk irgendwann auch mal wieder vorbei ist. Zurückkehrende Touristen werden ein Vorbote der Normalisierung sein, und in dem Sinne werden viele Japaner auch froh sein, wenn sie wieder zurück sind. Ich für meinen Teil bin dann auch froh, mal wieder nach Deutschland reisen zu können.

Die Macht der Juku

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Es war eine lange, tränenreiche Diskussion mit meiner 13-jährigen, in der einige Aussagen fielen, die wir so von unserer Tochter nicht gehört haben. Dass wir sie nicht unterstützen würden. Und dass wir sie nicht verstehen würden. Dass wir nie an sie denken würden. Und und und. Aussagen, die der Standardteenager am nächsten Tag entweder bereuen oder total vergessen haben wird. Im Laufe der hitzigen Diskussion hatte ich manchmal fast das Gefühl, mit einem Junkie zu diskutieren. Aber wie kam es dazu? Der Anlass war die Bekanntgabe des in diesem Falle väterlichen Edikts, dass sie über Neujahr, dem wichtigsten Familienfest in Japan – und natürlich schulfreie Zeit – nicht zur Schule gehen darf. Sicher mag jetzt der einige denken: ???

Mit Schule ist natürlich nicht die normale Schule gemeint, sondern die juku, eine Art Abend- oder Aufbauschule. Von denen gibt es in Japan unendlich viele, und die meisten Kinder besuchen während ihrer „Laufbahn“ die eine oder andere Juku. Der Zweck dieser Juku ist dabei weniger eine Nachhilfe im Sinne, dass hier Kindern geholfen wird, den Schulstoff zu verdauen, sprich schwächeren Schülern zu helfen. Es ist mehr eine Nachhilfe im Sinne, die riesengrosse, klaffende Lücke von dem, was an den Schulen gelehrt wird, und dem, was man für die Aufnahmeprüfungen für die Oberschulen und Universitäten braucht, zu schliessen. Oder um es anders zu sagen: In Jukus lernt man, wie man das Prüfungssystem „austricksen“ kann. In einem Land, in dem die Schulbildung und Qualifikationen alles sind, lernt man weniger für das Leben, sondern dafür, wie man die Tests besteht. Das ist in Südkorea und China nicht anders (sondern teilweise noch extremer). Das Prinzip ist dabei recht einfach: Je besser die Oberschule, desto besser die Universität. Je besser die Uni, desto besser die Chancen auf eine vernünftige, gut bezahlte Arbeit. Und desto besser die Chancen auf dem Heiratsmarkt. Klingt grausam, ist aber nun mal leider so.

Bei den Jukus gibt es solche und solche. Einige, nennen wir sie mal Typ 1, sind wirklich für lernschwache Schüler. Und andere, Typ 2, sind dafür da, für Tests an guten Oberschulen und Universitäten vorzubereiten, und dementsprechend werben letztere auch damit, wie viele Absolventen an wie vielen guten Schulen untergekommen sind. Dieses „gut“ wird letztendlich an einem einzigen Wert gemessen: Dem „hensachi“-Koeffizenten, eine Art „Standardabweichung“ in Sachen Bildung. 50 bedeutet schnöder Durchschnitt, 70 bedeutet überdurchschnittlich gut und 30, nun ja, da kann man sein Kind auch gleich zur Baumschule schicken. Und obwohl es eigentlich nicht (mehr) erlaubt ist, Schulen allein an ihrem hensachi-Wert zu messen, so wird das natürlich trotzdem getan, denn bei rechtem Licht betrachtet ist das schön einfach: Mit einer einzigen, hoffentlich zweistelligen Zahl kann man das Lern- und Fassungsvermögen seines Nachwuchses quantifizieren, und damit natürlich auch Ziele stecken.

Natürlich sind die Lehrer in den Jukus, gemeint ist Typ 2, gut. Sie sind um Längen besser als die an den meisten öffentlichen Grund- und Mittelschulen, da ihre Lehrpläne besser durchdacht sind, und da sie selbst, oftmals erst vor wenigen Jahren, die Prüfungshölle durchlaufen sind und daher noch genau wissen, worauf es ankommt. Viele Lehrer werden zum Beispiel aus den Alumni der besten Universitäten des Landes rekrutiert. Ständige Zwischenprüfungen mit ausführlichen Berichten sorgen dafür, dass die Kindern und ihre Eltern ständig Ergebnisse sehen, und die werden natürlich immer gleich ausgewertet: So weiss man genau, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Kinder bei welchen Schulen die Aufnahmeprüfung bestehen können. Und das ist ist enorm wichtig: Man darf sich nur für eine öffentliche Oberschule bewerben und hat dort nur einen Versuch, die Aufnahme zu bestehen. Wird die Prüfung vermasselt, bleibt nur noch die Privatschule, und die ist um einiges teurer. Aus diesem Grund ist es enorm wichtig, zu verstehen, welche Schule realistisch ist: Greift man nach der guten Schule mit einem Hensachi-Wert von 65, mit dem Risiko, durchzufallen, oder nach der mit einem Hensachi-Wert von 60 – deren Prüfung man ziemlich wahrscheinlich bestehen wird, aber bei er es schwer sein wird, an eine gute Uni aufzurücken?

Das System vieler Juku ist dabei ziemlich perfide. Die Kinder werden bei größeren Juku in Klassen aufgeteilt, gestaffelt nach Lernergebnissen. Ständige Einstufungstests kalibrieren die Zugehörigkeit und sorgen dafür, dass Kinder aufsteigen – aber natürlich auch absteigen können, was für grossen Druck sorgt. Je besser die Klasse, desto besser die Lehrer – aber desto umfangreicher auch der Lernstoff. Und: desto höher auch die Schulgebühren. Wenn das Kind freudig nach Hause kommt und sagt, dass es aufgestiegen ist, kann das auch gleich mal bedeuten, dass man von nun an nicht 500; sondern 750 Euro pro Monat dafür zahlen darf, dass man sein Kind kaum noch sieht.

Doch damit nicht genug: Es gibt zusätzlich auch noch Sommer- und Winterkurse während der jeweiligen Ferien, sowie „Sondertraining“, und genau das war der Anlass der Diskussion: Schweren Herzens bewilligten wir den Winterkurs, in den Ferien zwischen Weihnachten und Neujahr, aber der dreitägige Sonderkurs zu Silvester sowie am zweiten und dritten Neujahrstag leuchtete mir nicht ein. Dass zu vermitteln ist jedoch schwer, denn die Lehrer sind natürlich geübt darin, den Unterricht zu verkaufen. Im Unterricht wird den Kindern erzählt, dass sie „auf jeden Fall teilnehmen sollten“, und dass die reelle Gefahr besteht, abzusteigen, wenn sie nicht teilnehmen. Und natürlich wird auch noch nachgeschoben, dass „in der Regel alle daran teilnehmen“. Das erinnet ein bisschen an den alten Gag mit der Werbung: „Liebe Kinder, denkt daran: Wenn Euch Eure Eltern das nicht kaufen, dann lieben sie Euch nicht!“. Mit anderen Worten: Gehirnwäsche.

„Ist doch schön, wenn die Kinder freiwillig so viel lernen möchten!“ könnte man da einwerfen. Sicher. Und da unterstütze ich meine Tochter gern. Aber dass dabei auch wichtige Feiertage und Familienzusammenkünfte draufgehen sollen, sehe ich nicht ein. Was mir aber ebenso Sorgen macht, ist, dass die juku offensichtlich den Charakter verdirbt: Dieses extreme Konkurrenzdenken und die eingebleute Meinung, dass es völlig in Ordnung sei, pausenlos zu lernen (und später zu arbeiten), geht mir gelinde gesagt gegen den Strich. Und es nimmt beinahe sektenähnliche Züge ein – zu guter letzt diskutiert man nicht mehr mit seinem Kind, sondern mit dem Credo der juku, dass in die Köpfe der Kinder eingehämmert wird. Von Lehrern, die in fast allen Fällen keine Kinder haben.

Ministerpräsident Suga liefert ersten Skandal – und Grund zur Sorge

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Noch nicht einmal vier Wochen ist es her, dass Suga als Ministerpräsident Japans vereidigt wurde. Viele hielten ihn bis dahin als treuen Vasallen des Vorgängers Abe und für einen Vollblutpolitiker, der mehr Energie hat als man ihm ansieht. Große Veränderungen wurden ihm nicht zugetraut. Große Skandale eigentlich auch nicht, aber das sollte sich schnell ändern.

In Japan gibt es ein beratendes, akademisches Gremium mit dem Namen 学術会議 gakujutsu kaigi, offzieller englischer Name: Science Council of Japan (SCJ). Dem gehören 210 Mitglieder verschiedenster Fachbereiche und Institutionen an, die dem Gremium für jeweils sechs Jahre zugehören. Alle drei Jahre werden so die Hälfte der Mitglieder ausgetauscht. Der SCJ wird von Steuergeldern finanziert und berät die Regierung in so ziemlich allen Fragen, wobei die Hauptaufgabe aber darin besteht, die Forschung in Japan zu koordinieren sowie die Ergebnisse selbiger im Ausland zu präsentieren. Als Pendant kommt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) dem am nächsten.

Obwohl der SCJ seit seinem Entstehen im Jahr 1949 von Steuergeldern finanziert wird, ist er politisch neutral – so zumindest der Kerngedanke. Neue Mitglieder werden nach einem komplizierten System rekrutiert – da geht es um das Geschlecht (es gibt eine Frauenquote von 30%), um die Fachrichtung (Geistes- und Naturwissenschaftlicher, aber auch Techniker usw. gehören dazu – eine gewisse Balance muss natürlich gewahrt werden), die Herkunft (damit einzelne Körperschaften nicht überrepräsentiert sind), Empfehlungen und weitere Faktoren. Bisher war es dabei Usus, dass am Ende eine Kandidatenliste entstand, die vom Ministerpräsidenten lediglich abgenickt wurde. 

Der neue Ministerpräsident Suga dachte jedoch gar nicht daran, sich an die üblichen Konventionen zu halten. Er lehnte die Ernennung von 6 neuen Kandidaten ab. Doch das ist noch nicht ein Mal das schlimmste: Suga weigert sich nun schon drei Tage lang, sich zu erklären. Warum er sich zu dem ungewöhnlichen Schritt entschieden und genau diese Wissenschaftler abgelehnt hat, ist deshalb völlig unklar und liefert dementsprechend Stoff für Spekulationen. Unabhängige Medien wie Huffpost machten sich derweilen auf die Suche nach Gemeinsamkeiten der sechs abgelehnten Kandidaten, und die fanden sie auch schnell – alle sechs haben entweder regierungskritische Kommentare veröffentlicht oder gehören einer regierungskritischen Bewegung an.

Erst nach ein paar Tagen begannen andere liberaldemokratische Politiker damit, dürftige Begründungen nachzuschieben. So beklagt man nun mangelnde Transparenz bei der SCJ, und man wirft ihr vor, militärische Forschung in Japan mit dem Hinweis auf die pazifistische Verfassung behindert, gleichzeitig aber hervorragende Kontake zu chinesischen Militärforschungseinrichtungen unterhalten zu haben. Gerade der letzte Vorwurf reicht aus, um die Rechten hervorzulocken, die nun lauthals nach Abschaffung des Organs verlangen. Dabei ist letzterer Vorwurf sehr unglaubwürdig: Kein geradeaus denkender Japaner würde bereitwillig zum Schaden Japans und zum Nutzen der VR China agieren. Dass im Verein jedoch Gegner der von Abe einst geplanten Verfassungsreform überwiegen ist gut vorstellbar.

Wie dem auch sei: Da der Ministerpräsident persönlich alle Mitglieder abnicken muss, ist es sein gutes Recht, nein zu sagen – ungeschriebene Gesetze hin oder her. Danach jedoch zu den Gründen zu schweigen ist einfach nur problematisch. Erstens sorgt es für Gerüchte, und zweitens zu der Erkenntnis, dass die Regierung schaltet und waltet wie sie möchte – ohne irgend jemandem Rechenschaft abzulegen. Demokratie sieht anders aus. 

Jetzt amtlich: Tabibito.de ist coronasicher

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Jetzt amtlich: Tabibito ist coronasicher!
Jetzt amtlich: Tabibito ist coronasicher!

Man sieht sie nunmehr fast überall in Tokyo – grün-weisse Sticker mit einem Regenbogen sowie dem Namen des jeweiligen Geschäfts. Der Sticker weist daraufhin, dass in diesem Geschäft bzw. in dieser Firma alles daran gesetzt wird, um die weitere Verbreitung des Corona-Virus zu verhindern. Unterzeichnet von der Stadt Tokyo, nebst offiziellem Symbol (dem Gingko-Blatt). Dieser kleine Aufkleber beziehungsweise Zettel wird auch in den Medien beworben – so rief Koike, Governeurin von Tokyo, mehrfach dazu auf, nur solche Geschäfte aufzusuchen, die über diesen Sticker verfügen. Andere Geschäfte soll man entsprechend meiden.

Jedes Mal, wenn ich vom Büro zum Bahnhof laufe, komme ich an einer kleinen, engen und lauten Bar vorbei. Dort geht es eigentlich immer hoch her – die Menschen sitzen eng beisammen, es wird geraucht, gelacht, und die Tür ist immer sperrangelweit offen. Etwas ungewöhnlich für Japan, aber auch das gibt es. Ich kann also beim Vorbeigehen hereinschauen und sehen, was drinnen los ist. Und was ist drinnen los? Nun, da amüsieren sich grölende Menschen, ohne Masken, ganz dicht beieinander sitzend oder stehend, rauchend und saufend. Und seit kurzem klebt der grüne Sticker neben der Eingangstür. Ein durch die Stadt Tokyo verbürgtes Etablissement also, in dem Corona keine Chance hat. Das gleiche fiel mir bei einem Bummel neulich in Ikebukuro auf. Der Eingang dort fiel mir eigentlich nur auf, weil er durch ein “Foreigners can not enter – Japanese only”-Schild bestach. Das sieht man nicht mehr allzu oft in Japan, aber es gibt sie doch noch hier und da. Hier geht es aber nicht um eine Bar oder ähnliches, sondern um einen im Japanischen gern euphemistisch als “Adult Health” bezeichneten Laden, anderswo einfach nur Bordell oder Puff genannt. Auch hier prangten gleich mehrere Hinweise am Eingangsbereich: Und zwar dass hier Yakuza, Ausländer und Coronaviren keine Chance haben. Ah ja.

Um meinen Lesern nun also die absolute Gewissheit zu geben, dass sie sich beim Lesen des Japan-Almanach ganz sicher nicht anstecken werden, habe ich weder Kosten noch Mühe gescheut, diesen Blog hier zu zertifizieren. Es ist nun amtlich: Bei Tabibito wird alles, aber auch wirklich alles getan, um dem Virus keine Chance zu geben. Tastaturen werden von aussen desinfiziert, und der Autor desinfiziert sich gelegentlich von innen (nein, nicht nach der trump’schen Methode, versteht sich). Hände werden stets gereinigt, Zähne geputzt, und Leser werden nicht umarmt. . Ausserdem habe ich nicht die Mühe gescheut, das offizielle Siegel zu beantragen. Ganze 5 Minuten hat das nämlich gedauert: Dazu musste ich mühevoll eine Webseite aufraufen, ein paar Checkboxen anklicken, ein paar Daten angeben, und schon war alles in bester Ordnung.

Ich weiss nicht recht, was ich von der Idee halten soll. Ich wage stark zu bezweifeln, dass alle Geschäftsinhaber sich wirklich damit auseinandersetzen, wozu sie sich da eigentlich verpflichten. Die Stadtverwaltung gibt zwar an, dass sie möglicherweise kontrollieren kommt, aber von Bußgeldern und dergleichen ist nirgendwo die Rede. Mit diesem Hintergrund ist es deshalb problematisch, den Menschen einzureden, dass alle Läden mit diesem Sticker “sicher” sind. Ganz offensichtlich ist das, siehe Beispiel Bar oben, nämlich oft nicht der Fall. Bei Corona hilft dann letztendlich doch nur gesunder Menschenverstand, der aber bekanntermassen nicht überall gleich verteilt ist.

Alles Manga oder was

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My Hero Academia-Werbung in Shibuya
My Hero Academia-Werbung in Shibuya

Ob man sie liebt oder nicht – wer Kinder in Japan großzieht, kommt um die vielfältige Welt der Manga nicht herum. Erst recht nicht, wenn die liebe Frau Gemahlin ebenfalls bekennender Mangafan ist, was sie natürlich ständig in eine Zwickmühle bringt: Einerseits mahnt die Mutter in ihr ständig die Kinder, dass sie nicht andauernd Manga lesen sollen. Von Herzen kommt die Ermahnung freilich nicht – sie war in ihrer Kindheit keinen Deut besser.

Behutsam werden die lieben Kleinen an das Thema herangeführt. Das geht mit dem allgegenwärtigen Anpanman los, und führt dann über PreCure (für Mädchen) und Yokai Watch, Doraemon, Chibi Marukochan, Crayon Shinchan und dergleichen zu Pokemon, Dragonball, One Piece zu den schon etwas „härteren“ Sachen. Zwischenzeitlich wird dann auch noch eine große Portion Liebe zu den Ghibli-Werken eingeimpft. Interessant wird natürlich, wie sich die Geschmäcker dann verändern, denn Manga gibt es für alle möglichen Genre – Liebesschmonzetten, Sportmanga, Horrormangas und so weiter. Meine Tochter hat sich brav und artig und ohne langes Zögern auf Horror und dergleichen spezialisiert. An den Regalen mit den zigtausenden Manga für pubertierende Mädchen läuft sie angewidert vorbei.  Das ist vernünftig. Obwohl ich mir nun natürlich Sorgen ob der Aufklärung machen muss. Sie weiß nun sicher sehr gut bescheid, wie man mit blutsaufenden Monstren klarkommt, nicht aber wie man… lassen wir das. 

Ganz hoch im Kurs steht zur Zeit offensichtlich 鬼滅の刃 Kimetsu no Yaiba (die „Teufelsausmerzerklinge“). Band 22 erscheint morgen, und von dem wurden vorsorglich schon mal 3,7 Millionen (!) Exemplare gedruckt. Will heissen, man erwartet, das 3% der japanischen Gesamtbevölkerung die 1. Auflage kaufen wird. Dieser Manga, den es auch schon als Anime auf Netflix gibt, ist ein schönes Beispiel dafür, wie unterschiedlich das Teufelsbild in den Kulturen ist. Sicher, die japanischen Teufel sind auch böse, aber sie sind dann doch etwas anderes als der „Leibhaftige“ in der westlichen Kultur. Mit anderen Worten: Es fehlt der christliche Respekt vor’m Urian. Wenn das nach dem Ableben mal gut geht…

Ein weiterer Renner ist zur Zeit auch „My Hero Academia“. Von mir vorsichtshalber „My Hero Macademia“ getauft, was meine Tochter regelmäßig auf die Palme bringt. Laut selbiger ist dieser Manga ein absoluter Geheimtipp, wovon ich mich am nächsten Tag auch gleich im Bahnhof von Shibuya überzeugen konnte, wo eine aufwändig erstellte Werbung permanent über einen 3 m grossen und 20 Meter langen Bildschirm flimmerte. So richtig underground eben – im Gesamtranking der Manga liegt es aber mit 47 Millionen verkauften Büchern in der Tat nur auf Platz 90 (mit fast 500 Millionen Büchern unangefochten auf Platz 1: One Piece – eine Liste der Top 100 gibt es hier).

Nun ja, wie heißt es immer so schön: Manga lesen ist immer noch besser als gar nicht zu lesen. Kann man so nicht ganz von der Hand weisen…

1‘000 genehmigte Ausländer pro Tag – nur wie?

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3D-Darstellung eines Corona-Virus (Quelle: Wikipedia)

Theorie und Praxis: Die japanische Regierung gab in der vergangenen Woche bekannt, dass sie ab Oktober womöglich schon bis zu 1‘000 Ausländern pro Tag – egal von wo – ins Land lassen will. Natürlich unter strengen Auflagen, versteht sich. Ein sehr aktueller PCR-Test muss vorgelegt werden, und zwei Wochen lang sollen die Eingereisten Quarantäne, inklusive Nachkontrollen. Das bemerkenswerte an dem Plan ist die Klausel „egal von wo“, denn momentan haben zum Beispiel Europäer oder US-Amerikaner so gut wie gar keine Chance, nach Japan zu kommen. Und um es gleich vorwegzunehmen: Die angedachte Regelung schliesst Touristen selbstredend aus. Jeder Anreise benötigt ein längerfristiges Visa.

Wie genau man die Einreise deckeln will, ist dabei noch unklar. Am Flughafen wird das nicht funktionieren – sehr schnell würde das zum Chaos aufgrund der sich ansammelnden, abgelehnten Einreisewilligen führen. Einzig über eine rigide Visapolitik liesse sich das einrichten, bei der die Visaerteilung mit einem festen Einreisetermin verbunden ist. Aber auch das wird zu Chaos und Frustration führen, zumal die japanischen Behörden nicht gerade berühmt für ihre IT-Systeme sind. Das Ziel der plötzlichen Eile dürfte allerdings klar sein: Beim jetzigen Stand der Dinge hofft man noch immer, die Olympischen Sommerspiele im nächsten Jahr ausrichten zu können. Impfstoff hin oder her – mit der Aktion möcht man beweisen, dass kontrollierte Ein- und Ausreise möglich ist, ohne die COVID-19-Lage zu verschlechtern. Die ist nämlich in Japan im Vergleich zu den meisten anderen Ländern immernoch relativ milde. Nach einer kompletten Eindämmung sieht es zwar langfristig nicht aus, aber eine Art Status Quo scheint man erreicht zu haben. 

Als Beispiel für Einreisekandidaten wurden zum Beispiel Sportler genannt, die für die Spiele vor Ort trainieren wollen, aber auch Sprachstudenten oder Praktikanten. Ob Working-Holiday-Visa erlassen werden sollen, scheint noch nicht ganz klar zu sein. 

Die Räuber von der Tankstelle

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ENEOS-Tankstelle in Japan

Drei Jahre ist es nun her. Der Führerschein war noch warm, und das Auto gerade erst  gekauft. Ein Gebrauchter war das, denn wer weiss schon, was man als Fahranfänger so für Sachen baut. Über Weihnachten sollte es auf die erste längere Fahrt geht – nicht sehr lang, aber 200 Kilometer Autobahn lagen auf dem Weg. Die Unterkunft war gebucht, und die Kinder bereits aufgeregt. Urlaub! Am Abend davor ging es noch mal zur Tankstelle. Ein mal vollmachen, und können Sie eventuell noch etwas Luft auf die Reifen packen, wegen Autobahn und so? Klar doch! Keine Minute später zog der Tankstellenscherge eine bestürzte Miene. “Sie. Wollen. Mit. Dem. Auf. Die. Autobahn!!!!????” Ja, eigentlich schon! Wieso? Was folgte war eine lange Begutachtung und eine noch längere Schwadronade über den Zustand der Reifen. Dass es ein Wunder sei, dass die überhaupt noch Luft halten. Und die Risse, sehen sie die Risse? Ein kurzer Blick auf die Fahrzeugpapiere sorgte dann für Gewissheit: Der Vorbesitzer, der das Auto sechs Jahre lang gefahren hat, ist zwar nur gute 20’000 Kilometer damit gefahren. Aber die Reifen waren noch original. Sprich, Profil hatten sie noch, aber sie waren bereits ordentlich verwittert. 

In eindrucksvollen Bildern wurde geschildert, was mit den Reifen passieren wird, bei voller Fahrt, und das er, der junge Spund, so er denn eigene Kinder hätte, niemals die Verantwortung dafür tragen könnte, mit DIESEN Reifen auch nur einen Kilometer Autobahn zu fahren. Oh je. Was tun? Nun, zu einer Werkstatt zu fahren wäre bereits zu spät, zumal die Neujahrsferien um die Ecke lagen und die Werkstätten entsprechend ausgelastet seien. Aber, glücklicherweise bietet ja auch die Tankstelle Reifenwechsel an, und wenn man jetzt Reifen ordern würde, wären sie in einer Stunde da. Das wären dann gute 80,000 Yen, plus Mehrwertsteuer. 

Ich saß in der Falle. Nach allem, was ich in der Fahrschule gerlernt hatte, waren 6, 7 Jahre wirklich viel. Und auf einen platzenden Reifen bei der Jungfernfahrt auf der Tokyoter Stadtautobahn, mit Kindern im Fond, hatte ich keine Lust. Und wenn es jemanden auf der Welt gibt, der äußerst ungern eine Reise verschiebt, dann bin ich das. Der Tankstellenscherge war nun richtig in Fahrt. Soll ich auch gleich mal nach dem Öl schauen? Und dem Zustand der Klimaanlage? Und überhaupt? Zwei Stunden später hatte der Wagen neue Reifen, frisches Öl und diverse andere neue Flüssigkeiten, und ich war 120’000 Yen (rund 1’000 Euro) ärmer. Aber immerhin hatte ich ein ruhiges Gewissen.

Seitdem waren die Jungs immer sehr freundlich. Sollen wir mal den Reifendruck messen? Wo soll’s denn hingehen? Wann haben Sie das letzte Mal Öl gewechselt? So weit so gut. Vor zwei Wochen machte jedoch meine Frau den Fehler, zu eben jener Tankstelle zu fahren. Sollen wir Luft raufmachen? Warum nicht. Kostet ja nichts. Und schon begann das gleiche Schauspiel. “Oh oh!” “Wie jetzt, oh oh?” ”Der vordere linke Reifen hat 2.3 – der vordere rechte aber nur 1.5! Das ist gar nicht gut! Damit würde ich auf keinen Fall mehr fahren! Und der Vortrag begann. Sehen Sie die Risse hier? Und diese Reifen sind ja nun auch schon drei Jahre alt. Was da alles passieren kann! Da sollten Sie schleunigst die Reifen wechseln! Wie wär’s?” 

Die Leute von der Tankstelle kennen mich, mein Auto und natürlich auch meine Frau. Und sie witterten das Geschäft, ganz klar. Meine Frau machte das, was sie in solchen Fällen instinktiv macht: Sie sagt “das muss mein Mann entscheiden, da kann ich jetzt nicht ja sagen”. Schlagfertig meinte der Angestellte dann: “Dann lassen Sie doch das Auto einfach hier stehen, und sprechen erst mit Ihrem Mann”. Meine Frau entschied jedoch, dass man lieber nicht im Netz der Spinne bleibt, und sagte, dass sie erstmal mit dem Wagen nach Hause fahren werde. Der Angestellte war entsetzt: Also das sollen Sie bei den Reifen lieber nicht tun! Wie durch ein Wunder schaffte es meine Frau dann doch, unversehrt die 200 Meter zurückzulegen – hatte aber verständlicherweise Angst davor, die Kinder mit dem Auto zu ihren üblichen Orten zu fahren.

Akt 1 an besagter Tankstelle war schon etwas anrüchig – ganz offensichtlich sind die Angestellten in Sachen upselling sehr geschult. Dass die Reifen allerdings nach weniger als 3 Jahren (in denen ich auch noch zwischen Allwetter- und Sommerreifen wechselte) runter sein sollten, leuchtete mir nicht ganz ein. Also ging es am Wochenende zu Yellow Hat, einer bekannten Werkstattkette. Die prüfen kostenlos Reifen, und das taten sie auch. Resultat: Auch ein paar Tage nach der Tankstelle war der Luftdruck auf beiden vorderen Reifen gleich, und der Mechaniker sagte: Die sind doch noch voll gut! Messen Sie vorsichtshalber in den nächsten zwei Wochen mal den Druck, aber wir können nichts finden. Gesagt, getan. Um das nicht mehr an der Tankstelle machen zu müssen, kaufte ich auch gleich eine Pumpe. Und siehe da: Ein paar hundert Kilometer und gute zwei Wochen später ist der Luftdruck auf allen Reifen unverändert.

Fazit: Die Jungs von der Tankstelle sind nicht nur sehr geschäftstüchtig, sie scheuen auch nicht davor, einfach zu lügen. So man ihnen beim Druckmessen nicht über die Schulter schaut, kann man da sehr schnell über’s Ohr gehauen werden. Bei einer kleinen Tankstelle konnte ich mir das schon vorstellen – nicht aber bei ENEOS, eine der größten Tankstellenketten in Japan. Dass die solche Geschäftspraktiken zulassen (oder gar fordern) ist einfach mal kurzsichtig. 

Man kann das ganze natürlich auch gelassen sehen: Fakt ist, dass die Tankstellen praktisch sind – und schnell. Aber wer will sich schon gern belügen lassen.

Vorsicht ist auch bei Tankstellen geboten, die nicht “Self Service” sind – man muss bei solchen nicht aussteigen, um zu tanken. Normalerweise steht bei diesen Tankstellen kein Spritpreis dran – man bezahlt dementsprechend in der Regel wesentlich mehr für den Sprit.

Schwere Vorwürfe gegen ARD/NDR Ostasienbüro: Leitende Person vor Gericht

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Flur des Obersten Gerichtshofes von Tokyo
Flur des Obersten Gerichtshofes von Tokyo

Man sollte es nicht für möglich halten, aber auch das gibt es: Wie die Gewerkschaft 民放労連 minpōrōren, der abgekürzte Name der Gewerkschaft für Mitarbeiter in Funk und Fernsehen, mit geschätzten 9’000 Mitgliedern, bekannt gab, wurde nun eine leitende Person des Ostasienstudios von NDR bzw. ARD vor Gericht zitiert – die Verhandlung soll morgen, am 18. September, vor dem Amtsgericht von Tokyo, beginnen. Eine japanische Angestellte der Niederlassung hat die deutsche Korrespondentin auf Schadenersatz von 6,5 Millionen Yen (52.000 Euro) verklagt. Der Vorwurf: Mobbing am Arbeitsplatz. Ein ungewöhnlicher Vorgang.

Das Ganze begann vor zwei Jahren, als eine neue Person vom NDR nach Tokyo beordert wurde und seitdem auch von dort berichtete. In dem Studio arbeitet unter anderem eine japanische Angestellte, die mit Recherchen, Planungen, Interviews und Übersetzungen und dergleichen seit rund 20 Jahren quasi die rechte Hand der jeweiligen Korrespondenten war. Das war der neuen Person (da das Verfahren nicht abgeschlossen ist, sollen hier keine Namen genannt werden) laut Gewerkschaft egal. Willkürliche Änderungen der Konditionen, verbaler Mißbrauch, falsche Anschuldigungen, Demotion – so lauten nur ein paar der Vorwürfe. Dies ging Gewerkschaftsangaben zufolge so weit, dass die japanische Mitarbeiterin gesundheitliche Schäden davontrug, und in zwei Fällen sogar wegen Hyperventilation notärztlich behandelt werden musste.

Das Gericht muss nun herausfinden, was an der Sache dran ist. Das Heikle an der Sache ist jedoch, dass japanische Gewerkschaften vor dem Gang vors Gericht für ihre Mitglieder normalerweise alles daran tun, außergerichtlich zu schlichten – in diesem Fall wurde sogar seit Juli 2019 versucht, eine Lösung zu finden. Der NDR, der im Auftrag der ARD das Ostasienbüro seit 1960 betreibt, wird in der Sache von einer der vier größten Anwaltskanzleien vertreten, und die argumentiert, dass das 2019 in Japan verabschiedete Gesetz gegen Mobbing am Arbeitsplatz für den NDR keine Gültigkeit hat – das Gesetz soll für kleine und mittelständische Unternehmen erst ab 2022 gelten. Der Rechtsstreit wird also auch darauf hinauslaufen, wie man mit der Rechtsform des NDR in Japan umzugehen hat. Der NDR hat nämlich weltweit rund 3’400 Angestellte und ist damit alles andere als ein kleiner Verein, der auch ohne die notwenigen Instrumente auskommen kann, die so etwas verhindern sollen.

Die Chancen stehen nicht schlecht für die japanische Mitarbeiterin. Eskaliert ein Fall so sehr, dass er gar vor Gericht verhandelt wird, bekommen in den allermeisten Fällen die Arbeitnehmer recht. Vorher versucht das Gericht jedoch in der Regel, einen Vergleich zu erreichen. Doch wie letztendlich auch entschieden wird – der NDR muss sich fragen lassen, wie man es überhaupt so weit hat kommen lassen. Der Imageverlust ist jedenfalls schon da, da dieser Fall natürlich unter ausländischen Pressevertretern und innerhalb der Gewerkschaft die Runde macht.

Mobbing am Arbeitsplatz ist ein großes Thema in Japan – hier wird dafür der Begriff パワハラpawahara, eine Verballhornung des englischen Begriffes POWER HARAssment, benutzt. Normalerweise sprechen die Gerichte den Opfern jedoch nur sechs- bis maximal siebenstellige Yenbeträge zu.

Anmerkung: Die offizielle Bekanntmachung der Gewerkschaft sowie Berichte zu den bisherigen Verhandlungen vor Gericht können hier eingesehen werden (Englisch & Japanisch): www.minpororen.jp.

Suga wird neuer Premier | Verwirrende Corona-App

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Heute stimmten 534 Parteimitglieder – 393 Parlamentsabgeordnete und 141 Vertreter der Ortsverbände der LDP – über den zukünftigen Parteichef ab, nachdem der langjährige Amtsinhaber Shinzo Abe aufgrund eines chronischen Leidens den Posten des Parteivorsitzenden und den des Ministerpräsidenten aufgab. Wie von allen erwartet machte Suga dabei das Rennen – mit 70% der Stimmen holte er sich eine satte Mehrheit und damit den Segen der Partei. Traditionsgemäss wird der Parteivorsitzende der Regierungspartei auch Ministerpräsident, was am Mittwoch vom Unterhaus abgesegnet werden muss. Da die LDP dort über eine bequeme Mehrheit verfügt, ist die Kür von Yoshihide Suga nur noch eine reine Formsache.

Abgeschlagen auf Platz 2 lag Fumio Kishida mit 89 Stimmen und auf Platz 3 der ehemalige Verteidigungsminister Shigeru Ishiba. Suga hat nun ziemlich genau ein Jahr Zeit, sich zu behaupten — dann endet nämlich die Amtsperiode des jetzigen Ministerpräsidenten. Viel Neues dürfte man dabei vom Neuen nicht erwarten – er war schon immer die treue rechte Hand von Shinzo Abe und liess bei diversen Interviews schon durchblicken, dass er die jetzige Politik weiter verfolgen wird. Aus Versehen liess er dabei in der vergangenen Woche durchblicken, dass er eine weitere Erhöhung der Mehrwertsteuer für unabdingbar halte – nur, um kurz darauf wieder zurückzurudern und zu sagen, dass dies in den folgenden 10 Jahren nicht nötig sein werde. Sugas Wort in Gottes Ohr…


Seit Juni 2020 gibt es auch in Japan eine “Corona-App”, genannt COCOA, und die funktioniert ähnlich wie vergleichbare Apps in anderen Ländern. Mittels Bluetooth sammelt das Smartphone Identifikationsnummern der Mitmenschen. Wird ein User positiv getestet, so meldet er dies über die App, und alle anderen User, die sich in den vergangenen 14 Tagen länger als 15 Minuten 1 Meter oder näher des Infizierten befanden, werden alarmiert – damit sie sich so selber testen lassen können. Die App entstand im Auftrag des Ministeriums für Gesundheit, Arbeit und Soziales und soll in Sachen persönlicher Daten sehr sicher sein. Wie auch anderswo üblich, wird der Quellcode deshalb komplett offengelegt (einzusehen bei Github). In der vergangenen Woche lag die Zahl der Downloads bei rund 16 Millionen – das wären also rund 13% der japanischen Bevölkerung. Und: Viele Ausländer in Japan scheinen nicht von der App zu wissen – dabei kann die App sogar Englisch und Chinesisch. iOS-User können sie hier und Android-User hier herunterladen.

Die App entpuppt sich allerdings als schwer verständlich, zumindest auf dem iPhone. Dort erhielt ich nun schon zwei Mal eine Nachricht – jeweils mitten in der Nacht:

COCOA-Warnung
COCOA-Warnung

Die Warnung besagt, dass “sie möglicherweise mit einem Corona-Infizierten Kontakt hatten. Klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.” und so weiter. Klickt man auf die Nachricht, gelangt man zur App, die mir dann mitteilte, dass ich keinen Kontakt hatte. Darüber wundert sich natürlich auch viele andere Nutzer. Um die Sache zu überprüfen, kann man dann unter “Privacy > Health Care > Cocoa” auf die Logs zurückgreifen und diese sogar herunterladen (im JSON-Format). Ein Tageseintrag sieht dann so aus:

    {
      "Hash" : "B8AC5291998ThIsISjustAranDomHashAndSOon35DD15E436B5647A2",
      "RandomIDCount" : 36,
      "MatchCount" : 0,
      "DataSource" : "jp.go.mhlw.covid19radar",
      "Timestamp" : "2020-09-12 02:00:22 +0900"
    },

Ich vermute mal, dass “RandomIDCount” bedeutet, wie viele User der App man getroffen hat, und “MatchCount” dann die Zahl der später positiv Getesteten. Viele User sind verwirrt – rufen das Gesundheitsamt an, und hören immer das Gleiche: Man sollte sich keine Sorgen machen, alles sei in Ordnung, und man solle erst wieder anrufen, wenn man Symptome zeigt. Das ist verwirrend. Die Idee dieser App ist nämlich als solche sehr gut: Man braucht einfach mehr Daten, um Infektionsherde und -ketten ausfindig zu machen. Wenn dann jedoch keine Taten folgen, ist das Ziel leider verfehlt. Schade eigentlich.

Billy’s Bootcamp meets Fifty Shades of Grey?

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Der Fernseher dudelte vor sich hin, als ich mal wieder ein ordentliche Sugo a la Tabibito zauberte. Die Kinder schauten sich irgendein x-beliebiges Programm an. Mit halbem Ohr hörte ich plötzlich, wie in der Werbung immer wieder “トルチャ !” (torucha!) gerufen wurde. Wie bitte!? Ich schaute schnell zum Bildschirm und sah nur, wie sich eine glücklich wirkende typische japanische Junggesellin in Yoga übte. “Torucha” ist nicht Japanisch sondern musste irgendein ausländisches Wort sein, und das erste Wort, das mir sofort dazu einfiel, war “torture”. “Torture” als Markenname für ein Fitnessprogramm. Darauf muss man erstmal kommen. Was passiert da? Trifft da Billy’s Bootcamp of 50 Shades of Grey? Oder ist dies Ausnahmsweise mal ein Produkt, das wirklich hält, was es verspricht?

Die Auflösung war leider weniger spektakulär. Der wahre Name lautet “Torcia”, ist italienisch und bedeutet einfach nur “Fackel” (siehe English: torch). Ich war ein bisschen enttäuscht. Aber der Begriff macht es nicht-Italienisch-Bewanderten wirklich leicht, sich zu verhören:

Torture (ˈtɔr.tʃɜː) würde man im Japanischen トルチャー toruchaa schreiben, denn ungerundete Zentralvokale wie das schwa (ɘ) oder eben auch das ɜ gibt es im Japanischen nicht – deshalb muss hier oft das “a” herhalten.

Torcia (toːrʧa) wiederum wird von der Firma トルチャ torucha transkribiert – der einzige Unterschied ist also das kurze “a” am Ende, im Gegensatz zum langen “a” bei “torture”, aber der Unterschied ist wirklich klein und leicht zu überhören:

Schade eigentlich. “Torture” als Name für ein Fitnessprogramm hätte mich nun aber auch nicht weiter verwundert – schliesslich pries ja McDonalds in Japan schon lauthals ein “Creampie für Erwachsene” an, und gleich in der Nähe meiner Firma steht das Restaurant “Qual”. Hat’s also alles schon gegeben.

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