Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Zatsugaku – Trivialkunde

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Eines der beliebtesten Kinder/Jugendlichenbücher der vergangenen Monate war ein Titel mit dem Namen „ざんねんないきもの“ – „bemitleidenswerte Lebenswesen“, in denen allerlei „negative“ Fakten über diverse Spezies kurz und bündig beschrieben und ansprechend illustriert werden. Zum Beispiel, dass die Rosa-Farbe der Flamingos lediglich von de Nahrung der selbigen herrührt, oder das selbst ein alter Mann einem ausgewachsenen Krokodil das Maul zuhalten kann.

Mein Verhältnis zu diesem Buch, und natürlich gab und gibt es umgehend Nachfolger, Nachahmer und jetzt sogar eine Ausstellung, ist eher zwiegespalten. Wenn das Buch dazu verhilft, Kinder für (Sach)bücher zu begeistern, ist das freilich eine feine Sache. Und die Auflagenzahlen sind in der Tat enorm (mehr als eine Million Exemplare). Doch irgendwo erwirkt bereits der Titel bei mir Unbehagen: Bemitleidenswerte Geschöpfe? Sollen Kinder wirklich auf diese Art und Weise über die Natur und ihre vielfältigen Schöpfungen denken? Warum wohl kann ein alter Mann ein Krokodil daran hindern, sein Maul zu öffnen, wenn es das Tier ganz vorn an der Schnauze packt? Könnte es vielleicht daran liegen, dass das gute Tier einfach nicht mehr braucht – weil es nur ganz, ganz wenige alte Männer gibt, die dem Reptil auflauern, ihm das Maul zuhalten, und dann womöglich zu verspeisen? Das Buch, und so viele andere im gleichen Genre, verpasst grandios die Chance, Kindern zu erklären, dass es sich hier nicht um „bemitleidenswerte Kreaturen“ handelt, sondern dass die Sachen aus gutem Grund so sind, wie sie sind. Soweit zu einer völlig spaßbefreiten Betrachtung des Stoffes.

Genauer hingeschaut reiht sich das Buch jedoch wunderbar ein in den allgegenwärtigen Trivialismus, auf japanisch 雑学 zatsugaku genannt – „zatsu“ bedeutet „vielerlei“, aber auch „oberflächlich“ (beides meist mit negativer Konnotation), -gaku ist die Wissenschaft. Und so voll die japanischen Buchläden auch sind – es wird in Japan noch immer verlegt, was das Zeug hält – so entpuppen sich unendlich viele Titel, vor allem aber die Bestseller nur als Pseudosachbuch – nur scheinbar lehrreich, da eigentlich unendlich trivial. Beim Fernsehen ist das freilich noch viel schlimmer, das schliesst auch die kurzen, gesponserten Clips auf den Bildschirmen in den Zügen mit ein. Zatsugaku, wohin man auch schaut. Wer das Gesamtbild sehen möchte, muss sich da durch einen Riesenwust an Informationen kämpfen.

Das ganze ist natürlich definitiv nicht auf Japan beschränkt, sondern gehört zum Informationszeitalter, wo möglichst viele Inhalte möglichst schnell und effektheischend produziert werden müssen. Und zugebenermassen ist ein bisschen „zatsugaku“ auch irgendwo das Salz in der Suppe (mein zweites Buch ist schließlich auch voll davon). Manchmal sehe ich jedoch so viel davon um mich herum, dass mir Angst und Bange wird, und Tiere als solche, also nicht die in Massentierhaltung, als „bemitleidenswerte Geschöpfe, da irgendwie komisch/nicht funktional und dergleichen)“ zu bezeichnen, finde ich trotzdem irgendwie… falsch.

Tokyo verlässt die Top 10 der teuersten Städte der Erde

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Skyline von Tokyo

​Wer an Tokyo denkt, assoziiert damit oft das Wort teuer, und das kommt nicht von ohneher. Bis zum Jahr 2013 war Tokyo regelmäßig an der Spitze der weltweit teuersten Metropolen, doch das hat sich in den letzten Jahren geändert. Nun erschien das Ranking für 2018, erstellt von der Economist. Bei der alljährlichen Untersuchung mit dem Title „Worldwide Cost of Living Survey“¹ wurden 133 Städte weltweit verglichen – nach den Preisen für 150 verschiedene Sachen, inklusive Mieten, Grundstücke, Verkehrsmittel, Essen, Strom und dergleichen.

Singapur landete – und das schon zum vierten Mal in Folge – auf Platz 1, und es gibt mal wieder viele europäische Städte in der Top 10 – zum Beispiel Paris, Zürich, Oslo oder Kopenhagen. Tokyo als Japans teuerstes Pflaster ist jedoch zum ersten Mal nicht in der Top 10 vertreten – die Stadt teilt sich den 11. Platz mit ihrer nationalen Rivalin, Osaka. Der Hauptgrund für den Abrutsch dürfte in der fehlenden Inflation sowie dem verhältnismäßig schwachen Yen liegen. In der Tat gibt es nur wenige Preise, die sich in den vergangenen 20, 30 Jahren wesentlich erhöht haben (die Einkommen ändern sich entsprechend auch kaum – einzig die Steuern haben spürbar angezogen, aber die werden hier nicht berücksichtigt. Doch schaut man sich die Preise in Tokyo so an, stellt man schnell folgendes fest:

  • Mieten
    Die Mieten sind nach wie vor teuer in Tokyo, aber die Stadt wurde bereits von zahlreichen anderen Städten abgehängt. Das Angebot wird dabei auch immer breitgefächerter – es gibt mehr und mehr günstige Alternativen, wie zum Beispiel „shared houses“ und dergleichen. Auch bei Besucherunterkünften hat sich dank Airbnb, Billighostels wie Khaosanroad und dergleichen einiges getan.
  • Öffentliche Verkehrsmittel
    Diese sind in den japanischen Städten verhältnismäßig billig – für weniger als 2, 3 Euro kann man bequem ganz Tokyo durchqueren (allerdings ist die Stadt flächenmäßig gesehen auch recht klein – kleiner als Hamburg zum Beispiel)
  • Energie
    Gas, Strom, Benzin – die Preise haben zwar in den letzten Jahrzehnten angezogen, sind aber immer noch verhältnismäßig günstig. So kostet ein Liter Benzin immer noch nur ca. 1 Euro, eine kWh Strom 23 Yen (17 Cent)
  • Lebensmittel
    Lebensmittel hingegen sind teuer, vor allem Importlebensmittel, aber nicht selten auch Obst und Gemüse. Von den Preisen für Bier ganz zu schweigen.
  • Gastronomie
    Ausgehen hingegen ist in Tokyo (und anderswo in Japan auch) sehr günstig. Sicher, man kann auch sehr viel Geld lassen, aber für 1,000 Yen (rund 7,50 Euro) bekommt man fast überall ausgezeichnetes Essen, und wer es rustikaler mag, kommt auch mit 3 Euro pro Mahlzeit ganz locker aus.

¹ Siehe hier

Moritomo-Deal zieht immer weitere Kreise

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Seit dem vergangenen Jahr beschäftigt ein fragwürdiger Deal die Presse und die Politiker – zumindest die Oppositionspolitiker. Im Wesentlichen geht es darum, wie es möglich war, dass ein privater Bildungsträger, der stramm rechtsgerichtete Moritomo Gakuen, in Osaka ein Grundstück in bester Lage für einen Preis 86% unter Wert erwerben konnte – ein Deal, der bereits 2016 von offiziellen Behörden eingefädelt und durchgeführt wurde (in diesem Artikel hatte ich bereits darüber berichtet). Unter anderem tauchten im Rahmen der Ermittlungen auch die Namen von Ministerpräsident Abe sowie der seiner Gattin auf – beide wiesen jegliche Verbindungen jedoch vehement zurück – was allerdings nicht allzu glaubwürdig wirkte, da Abe’s Gattin zum Beispiel Ehrenvorsitzende des Bildungsträgers ist.

Jetzt tauchte in der obersten Finanzbehörde etwas auf, dass der jetzigen Regierung eventuell, der Demokratie in Japan hingegen auf jeden Fall schweren Schaden zufügen könnte. Der Fund: Die ursprünglichen Fassungen der Dokumente des Finanzministeriums zu dem Deal. Wie überall auch werden zu solchen Transaktionen ausführliche Berichte und Protokolle gefertigt, und die werden nach dem Ende der Transaktion natürlich „versiegelt“, sprich, in ihrer finalen Fassung konserviert. Nun stellte sich heraus, dass insgesamt 16 Dokumente nachträglich geändert wurden – so wurden zum Beispiel Erwähnungen der Ministerpräsidentengattin gestrichen, und zwar scheinbar nach Veröffentlichung einer ersten Recherche zum Thema durch die Tageszeitung Asahi Shimbun im Februar 2017.

Das Finanzministerium versprach nach dem Fund, die Originaldokumente an das Parlament weiterzuleiten, und die Debatte dürfte interessant werden. Wer genau hinter den – illegalen – Änderungen steckt, ist noch nicht klar, aber ein verantwortlicher Mitarbeiter der Finanzbehörde hat bereits Selbstmord begangen, und der oberste Chef des Finanzamts hat als Konsequenz seinen Hut genommen. Nun fordert die Opposition konsequenterweise den Kopf von Aso, dem Finanzminister, doch das wird schwer werden, denn Aso ist ein gewiefter und äußerst gut vernetzter Profi mit voller Rückendeckung des Ministerpräsidenten.

Die Unverfrorenheit ist jedoch selbst für Japan beachtlich, und man fragt sich unweigerlich, ob es sich nicht wie bei Kakerlaken verhält: Sieht man eine, gibt es irgendwo anders cirka 20 andere. Im Moritomo-Fall fliegt letztendlich alles nur deshalb auf, weil ein Whistleblower im Finanzministerium die Initiative ergriff (und dafür laut neuer Gesetzgebung eine Gefängnisstrafe befürchten muss). Es stellt sich zudem eine Frage, die so in den Medien noch nicht auftaucht: Cui bono? Wem hat der Kuhhandel genützt? Hat sich das Risiko für die Beteiligten wirklich gelohnt, oder dachten sich die Beteiligten schlicht und einfach nur, dass sie damit durchkommen würden? Ich befürchte da, dass Letzteres der Fall ist.

Armutszeugnis für Japan in Sachen Soziales Kapital

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Quelle: Legatum Foundation
Quelle: Legatum Foundation

Seit 2006 gibt es ihn – den „Legatum Prosperity Index“, das alljährlich erhobene Barometer des Wohlstands in der Welt, erstellt von der allgemeinnützigen, in Großbritannien angesiedelten Legatum Institute Foundation (www.li.com) – ein euroskeptischer Thinktank, gesponsert vom Milliardär Christopher Chandler, der mit seiner Investfirma Legatum viel Geld verdient.

Es gibt natürlich zahlreiche Indices, die dies und das messen, und alle haben ihre Stärken und Schwächen. Der Legatum Prosperity Index ist allerdings inteessant, weil er unter anderem versucht, sogenanntes soziales Kapital zu messen – ein Begriff mit verschiedenen Definitionen, die laut Wikipedia jedoch alle einen gemeinsamen Nenner haben: Sie bezeichnen das Konzept des sozialen Kapitals als „Blick auf den normativen Zusammenhalt von Gruppen und auf die wechselseitige Beziehung von Gruppen-Kohäsion und individueller Interaktion“.

Beim nun veröffentlichten Ranking² für 2017 landete Japan nun bei insgesamt 149 untersuchten Staaten bzw. Territorien (da Hongkong zum Beispiel extra gelistet wird) auf dem 23. Rang – da gab es seit der Ersterhebung auch keine großen Änderungen. Interessant wird das Ranking erst, wenn man sich die Teilfaktoren anschaut:

Bereich Rang
Wirtschaftliche Qualität 23
Geschäftsklima 22
Führung (Governance) 18
Bildung 18
Gesundheit 4
Sicherheit 4
Persönliche Freiheit 46
Umwelt 43
Soziales Kapital 101

Deutschland liegt im Gesamtranking übrigens auf Rang 9 (soziales Kapital: 17, die Schweiz auf Rang 6 (20) und Österreich auf der 12 (15).

Japan liegt beim sozialen Kapital damit unter den entwickelten Ländern weit abgeschlagen auf dem letzten Platz. Legatum ist mit der Einschätzung auch nicht allein – auch die OECD bemängelt den sozialen Zusammenhalt in Japan. Das betrifft vor allem Männer über 40 Jahre – mehr als anderswo leben viele Männer in Japan völlig einsam vor sich hin, ohne Freunde, mit minimaler sozialer Interaktion. Diese Einsamkeit wird von Medizinern mittlerweile als regelrechte Epidemie bezeichnet, die die Menschen genauso negativ beeinflusst wie Fettleibigkeit, Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum. Mehr dazu kann man zum Beispiel in der japanischen Kolumne „Warum sind die ojisan (Männer über 40, 50 Jahre) die Einsamsten der Welt?“² lesen.

Wer in Japan lebt, wird die Ergebnisse nicht überraschend finden: Nicht nur ist es schwerer als anderswo, Freunde zu gewinnen – richtig schwer wird es, wenn man sich treffen möchte. Im jungen Alterist das kein großes Problem, aber mit zunehmendem Alter (und bei regulären Beschäftigungsverhältnissen) wird es vor allem für Männer wirklich sehr schwer.

¹ Siehe hier
² Siehe hier

Kaum wird es etwas wärmer…

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​Oh, 20 Grad (für alle, die in Deutschland sind – plus, wohlgemerkt) am Sonntag! Ideal, um in einen schönen Park zu fahren! Gesagt, getan. Kinder ins Auto gesetzt, und auf ging es Richtung Yugawara, kurz vor Atami. Dort liegt der angeblich sehr empfehlenswerte 幕山公園 Makuyama-Park, hoch über der Stadt, und man kann auch ein bisschen laufen – auf den rund 625 Meter hohen Makuyama, zum Beispiel, um von dort einen Blick auf den Pazifik zu werfen.

Auf den Autobahnen ging es noch – der Verkehr floss träge vor sich hin. Der große Stau begann gleich bei Odawara, an der Küstenstrasse. Aber nach knapp zwei Stunden waren wir dann doch da. Dachten wir. Denn der Park liegt am Ende eines langen Tals, mit genau einer Zufahrtsstrasse. Und 800 Meter vor dem Park begann sie – die Autoschlange. Die alle 5 Minuten um eine Autolänge vorrückte – nämlich immer dann, wenn jemand den Park verließ, was um die Mittagszeit herum natürlich selten der Fall ist. Ein typischer Fall von grober Unterschätzung der wahren Bevölkerungsdichte des Großraums Tokyo: Bei nur schwachen Ansätzen von Regen ist keine Sau draußen, doch wehe, die Sonne scheint (und wehe, die Pflaumen blühen, wie es jetzt der Fall ist) – dann ist plötzlich alles voller Menschen. Mehr als die Hälfte davon sind freilich Rentner. Warum die sich das an einem Wochenende antun, wird mir jedoch auf Ewigkeiten ein Rätsel bleiben.

Da die Kinder nun schon ziemlich lautstark nach Nahrung verlangten, gaben wir schließlich auf, gingen in Yugawara essen – und fuhren hoch in die Berge. Eine goldrichtige Entscheidung, wie sich herausstellte. Auf dem gut 1’000 Meter hohen Pass in der „Anest Iwata Sky Lounge“ war kaum eine Menschenseele, so dass man dort gemütlich am Panoramafenster sitzend mit Blick auf den Fuji und Hakone Kaffee trinken konnte. Geht doch. Und bei der Kirschblüte bleibt das Auto stehen, so viel steht fest…

Will Japan überhaupt Englisch lernen?

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Meine Firma ist auf importierte Lehrmaterialien spezialisiert – und dort hauptsächlich auf Englischlehrbücher. Davon gibt es bekanntlich reichlich, und es gibt hervorragende Unterrichtsmaterialien. Da sollte man eigentlich meinen, dass die sich in Japan, dem Land des „Lebenslangen Lernens“ und der ständigen Sehnsucht nach dem Ausland, dem gegenüberstehend jedoch eher mauen Englischkenntnissen, verkaufen sollten wie warme Semmeln. Dem ist jedoch nicht so. Zwar wird an vielen Universitäten, sowie an so manchen Schulen und Kindergärten, auf importiertes, „English only“-Material zurückgegriffen, erst recht, wenn der Lehrer aus dem Ausland stammt, kaum Japanisch spricht und die Materialienauswahl mitbestimmen darf, doch in der breiten Mehrheit der Bevölkerung spielen ausländische Lehrbücher keine Rolle.

Das ist auch kein Wunder, wie ich am Wochenende mal wieder feststellen konnte. Da zog es uns in eine riesengroße Buchhandlung in unserer Nähe. Der Verkaufsraum befindet sich lediglich auf einer Etage, aber die Buchhandlung ist knapp 100 mal 100 Meter groß, also fast einen ganzen Hektar, und zwar voller dicht an dicht gestellter Regale. Logischerweise suchte ich erstmal nach importierten Büchern, um zu sehen, wie meine Kundschaft hier vertreten ist. Nach gefühlten Kilometern Regalslalo gab ich jedoch genervt auf und fragte eine Angestellte. Die setzte auch gleich ein mitleidiges Gesicht auf und sagte, dass Importbücher ihre Stärke nicht seien, und führte mich dann in die allerhinterste Ecke, wo es tatsächlich ein einzelnes, knapp ein Meter breites Regal mit importierten Büchern gab. Genau in der Mitte war der spannende Wälzer „The Glory of Batik“ präsentiert, ganz sicher ein absoluter Bestseller. Wer jedoch nach Lehrmaterialien suchte, musste sich bücken. Und sieh mal einer an: Die meisten Bücher sind schon seit Jahren aus dem Druck, völlig vergilbt, zerfleddert und mit massiven Eselsohren versehen. Dort, nahe am Boden, prangte ein Cover eines Picture Dictionary, dessen Verleger seit Erscheinen des Buches schon mehrfach das Layout und den Namen geändert hat. Schlägt man das Buch auf, prangt einem als erstes das Foto eines Rechners vom Anfang der 90er ins Auge: „This is a computer“. Fantastisch.

Wer Lerninteressierten solche Bücher in so einem Zustand präsentiert, muss sich nicht wundern, wenn er nichts verkauft. Schuld ist da noch nicht einmal unbedingt der Buchladen, sondern eher die Vertriebsfirma – eine japanische Firma, die ein Beinahemonopol auf viele Importbücher hat, und die offensichtlich zulassen, dass die Ware so präsentiert wird. Demgegenüber gab es natürlich unzählige Regalmeter mit japanischen Büchern darüber, wie man all die Englischtests austricksen kann, ohne Englisch zu können. Typisch Japan. Der Verdacht, dass der Großteil der Japaner nicht daran interessiert ist, Englisch zu lernen, sondern das ganze nur als notwendiges Übel betrachtet, hat sich in dieser Buchhandlung mal wieder erhärtet. Was heißt erhärtet – ich weiß das seit langem.

Ansonsten war es aber wohltuend, zu sehen, wie voll der Laden war, denn das Bücherlädensterben in Japan nimmt immer dramatischere Züge an – mehr als ein Drittel ist bereits verschwunden, und es gibt erste Städte ohne einen einzigen Buchladen.

Olympische Berichterstattung

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Olympische Winterspiele Pyeongchang
Olympische Winterspiele Pyeongchang

​Eigentlich bin ich ja ein Freund von internationalen Sportveranstaltungen, allen vorweg die Olympischen Spiel und die Fußball-WM. Leider ist das in Japan jedoch immer mit viel Frust verbunden. Zum einen, weil die deutschen Medien alles relevante aus ihren Nachrichten rausschneiden („aus rechtlichen Gründen können wir das leider nicht zeigen…“), zum anderen, weil die japanische Berichterstattung in der Regel einfach nur grauenvoll ist. Das erste Problem lässt sich zwar technisch lösen, aber ich streame mir die Nachrichten in der Regel aufs Handy, um mir das ganze im Zug anzusehen, und da wird es schon kompliziert. Das zweite Problem lässt sich natürlich nicht lösen, denn es ist ein grundlegendes Problem und wird als solches offensichtlich auch nur von medieninteressierten Ausländern als solches wahrgenommen. Beispiel NHK, das japanische Öffentlich-Rechtliche (mit Zwangs-Rundfunkgebühren und allem). Als der Eiskunstläufer Hanyū am Sonnabend wie erwartet bzw. erhofft die Goldmedaille gewann, war der Jubel groß, und die 7-Uhr-Nachrichten (das Äquivalent zur Aktuellen Kamera, äh, Tagesschau) begannen mit der Wiedergabe der kompletten Kür (und anschliessend, um fair zu bleiben, mit der Kür des Silbermedaillengewinners, da auch Japaner). So weit, so gut. Schließlich waren bis dahin die Erwartungen des Fernsehvolks eher enttäuscht – wenig Medaillen, und erst recht keine güldene). Doch am Sonntag begannen die NHK-Nachrichten exakt genauso: Wieder wurden die Vorstellungen in voller Länge gezeigt. Warum nur muss man das zwei Mal zeigen? In den Hauptnachrichten?

Richtig schlimm sind jedoch die 〇〇さんが1位になった理由 – Spezialsendungen: „Der Grund, warum Herr Watanabe/Frau Yamamoto Erste(r) wurde“. Na, warum wohl? Vielleicht weil er oder sie am schnellsten oder am perfektesten war? Könnte das sein? Aber das reicht natürlich nicht. In mehreren Stunden wird dann ausgeleuchtet, warum gerade der Japaner gewonnen hat, und kein anderer – der Sieg, so stellte sich heraus, war einfach eine Zwangsläufigkeit, es ging gar nicht anders! Aha. Dann hätte man sich ja den ganzen Rummel eigentlich schenken können, oder?

Doch auch das Gegenteil ist grausam: Die Reaktion darauf, wenn die Dinge nicht so laufen, wie man es sich gewünscht hat. Das Fernsehen ist da vergleichsweise milde, doch in den Printmedien wird gnadenlos auf die Verlierer eingedroschen. Das Bashing ist mitunter so grob, dass man sich fragt, warum sich die Sportler das überhaupt noch antun.

Die Art und Weise, wie die Medien damit umgehen, ist so enttäuschend, dass ich letztendlich kaum noch hinschaue. An die Olympischen Spiele von Sotschi zum Beispiel habe ich null Erinnerung, an frühere Spiele hingegen schon. Das einzige, was mir bleibt, ist darüber zu meckern, und das habe ich hiermit getan.

Ach ja: Interessant war die Reaktion in Japan auf das gar unsportliche Verhalten der koreanischen Speedskaterinnen bei der Mannschaftsverfolgung. Zur Erinnerung: Drei Eisschnellläuferinnen gehören zum Team, und die Zeit wird erst gestoppt, wenn die letzte im Ziel ist. Die vorderen beiden Koreanerinnen rannten jedoch der letzten einfach davon und nahmen ihr damit den Windschatten. Während in Südkorea umgehend eine halbe Millionen Menschen eine Petition unterschrieben, die die Regierung auffordert, die beiden Läuferinnen zu suspendieren, war der Grundtenor in Japan anders – dort verstand man nicht, warum nun so auf die beiden Flitzerinnen eingeprügelt wurde – so schlimm sei das dann nun auch nicht gewesen. Na dann! Sport frei!

Japanische Antwort auf „The Cove“ gewinnt Filmpreis in London

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"Behind the cove"-Filmposter

Es ist nun schon acht Jahre her, das ein Aufschrei durch die Welt ging, als der amerikanische Dokumentarfilm „The Cove“ erschien: Der Film handelte von der japanischen Kleinstadt Taiji in der Präfektur Wakayama und zeigte nur schwer erträgliche Szenen einer Jagd auf Delfine, die alljährlich in einer Bucht in besagter Stadt veranstaltet wird. Der Hype um den Film ging soweit, dass der Streifen sogar mit einem Oscar für den besten Dokumentarfilm bedacht wurde. Dabei handelte es sich teilweise um einen Pseudodokumentarfilm, da einfachste journalistische Regeln über den Haufen geworfen wurden – zum Beispiel, in dem unvollständig übersetzt und Dinge aus dem Zusammenhang gerissen worden. Egal: Die Aufruhr war gross, und selbst beim Tabibito Almanach gingen Kommentare wie „Dreckige Delfinkiller!“ ein.

Die Regisseurin Keiko Yagi, eine 50-jährige Japanerin, beschloss, der Sache etwas mehr auf den Grund zu gehen und drehte so einen Gegenfilm – konsequenterweise „Behind the Cove“ genannt. Das war 2015. In dieser Woche nun passierte etwas Unerwartetes – die Doku gewann tatsächlich einen Preis, und zwar beim London International Filmmaker Festival of World Cinema (IFFWC). Das ist zwar ein sehr kleines Festival, das erst seit 9 Jahren ausgerichtet wird, doch dass ein japanischer Film mit einer Gegendarstellung des so emotional diskutierten Themas überhaupt im Ausland Beachtung findet, ist durchaus eine Randnotiz wert.

Delfinstatue am Ortseingang von Taiji
Delfinstatue am Ortseingang von Taiji

Im Film geht es um den ganzen Hintergrund der Wal- und Delfinjagd, vor allem aber um die Waljagd. Und die hat in der Tat eine lange Tradition – nicht nur in Japan, sondern auch anderswo. In Taiji hält man diese Tradition noch immer hoch – ein ausgemustertes Walfangschiff findet man dort ebenso wie ein großes Museum zum Thema Walfang, nebst Wal- und Delfinshow (!) für die lieben Kleinen. Das Museum ist dabei durchaus interessant, wenn auch etwas angestaubt.

Den 105-minütigen Film „Behind the Cove“ kann man unter anderem auf Netflix sehen, und wer „The Cove“ gesehen hat, sollte sich auch diesen Film ansehen, um die andere Seite der Medaille zu verstehen.

Neue Erdbebengefahrenkarte für Tokyo erschienen

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Erdbebengefahrenkarte Tokyo 2018
Erdbebengefahrenkarte Tokyo 2018

​Wie ein Damoklesschwert hängt die Gefahr über der Meteopole Tokyo: die Erdbebengefahr (gefolgt von Taifunen, Vulkanausbrüchen und anderweitig hervorgerufenen Überschwemmungen. Nach dem schweren Tohoku-Erdbeben im März 2011 gingen japanische Geologen zum Beispiel davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit für ein sogenanntes 直下型地震 chokka-gata jishin, ein „Erdbeben direkt unter (der Hauptstadt)“ innerhalb der folgenden 4 Jahre bei 70% liegt. Leider beziehungsweise Gott sei Dank halten Erdbeben im allgemeinen aber immer noch nicht allzu viel von menschlichen Prognosen – das schwere Beben wird zwar mit „sehr großer Wahrscheinlichkeit“ kommen, aber die Frage ist nach wie vor: Wann?

Der Stadt Tokyo und den umliegenden Präfekturen kann man da nur danken, dass fortlaufend mit verschiedenen Szenarien gerechnet und entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden. Dazu muss man natürlich erst mal wissen, wo genau die Maßnahmen am nötigsten sind, und so wurde vor vielen Jahren eine Gefahrnkarte erstellt. Und der Ansatz ist gut, da lebensnah: Man untersucht in allen Gebieten der Stadt die Festigkeit des Untergrunds UND die Art der Bebauung – aus diesen Faktoren errechnet man einen Risikofaktor und ordnet anschliessend die Gebiete in 5 Kategorien ein. 5 ist die höchste Kategorie und bedeutet entsprechend höchste Gefahr. Ist ein Viertel also auf weniger standfestem Untergrund, zum Beispiel im Schwemmbereich eines Flusses gebaut, und besteht die Bebauung zu einem großen Teil aus älteren Holzhäusern mit sehr wenig Raum zwischen den Gebäuden, dann bedeutet dies in den meisten Fällen Kategorie 5. Insgesamt 1,6% der Stadt zählen zu dieser Kategorie, und diese Gebiete konzentrieren sich, das ist allgemein bekannt in Tokyo, im Nordwesten, zwischen dem Sumida- und alten und neuen Edo-Fluß (die Gegend beginnt unmittelbar nordwestlich vom Tokyo Sky Tree).

Auch die Gebiete am Tama-Fluss sind mit Stufe 4 eher unsicher, während zum Beispiel die Gegend um Aoyama oder dem Kaiserpalast und dergleichen ziemlich sicher sind – der Untergrund ist relativ fest und die Bebauung eher modern und/oder locker. Die von der Stadt Tokyo erstellte Karte¹ wurde nun zum ersten Mal seit über 4 Jahren erneuert – und sie ist durchaus nützlich, zum Beispiel bei der Wohnortwahl, vor allem aber dann, wenn man überlegt, sich ein Haus zu kaufen. Und so schön urig und typisch Japanisch die Wohnviertel der Kategorie 5-Gebiete auch sind – man muss zu recht befürchten, dass sich bei einem direkten Erdbeben genau das wiederholt, was 1995 auch in Kobe geschah: Dass sich eine unaufhaltsame Feuerwalze durch die Wohnviertel frisst.

Zur Erinnerung, da themenrelevant: Ein älterer Artikel zur Korrelation von Ortsnamen/Bushaltestellenamen mit der Erdbebengefahrensituation.

¹ Siehe hier.

ETC – das japanische Mautsystem

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Mautstation in Japan: Violett = ETC, Grün: Bargeld
Mautstation in Japan: Violett = ETC, Grün: Bargeld

Wer mit dem Auto in Japan unterwegs ist, macht schnell Bekanntschaft mit ETC – dem japanischen Mautsystem. In Japan sind nahezu alle Autobahnen mautpflichtig, egal für wen. Das System nennt sich „ETC“ – das steht für „Electronic Toll Collect“. Wie auch bei den Eisenbahnen ist die Preisstruktur keinesfalls einheitlich – auf manchen Strecken bezahlt man einen festen Betrag, egal wie weit man fährt, auf anderen bezahlt man nach der Länge der gefahrenen Strecke. Es gibt zwei Arten der Bezahlung: In bar oder mit einer ETC-Karte, die in einem im Auto installierten Kartenlesegerät eingeschoben wird. Diese wiederum muss mit einer japanischen Kreditkarte verbunden sein, und da wird es auch schon kompliziert, da man die ETC-Karte nicht mit jeder x-beliebigen Kreditkarte verbinden kann. Man muss dazu ausgewählte Dienste wie zum Beispiel „Orico“ benutzen, und das erklärt dann auch, warum die meisten Japaner mehrere Kreditkarten haben (bei mir sind es nun auch schon drei japanische Kreditkarten – und das nicht etwa, weil ich Kreditkarten so mag, sondern weil es anders nicht geht).

Wer viel mit dem Auto unterwegs ist, sollte sich unbedingt eine ETC-Karte anschaffen, denn damit kann man die Schranken, und davon gibt es viele, mit 20 km/h (so steht es jedenfalls geschrieben, die meisten fahren mit 30 km/h durch) passieren. Ausserdem gibt es einen Rabatt auf ETC-Zahlung. Ganz durchsichtig ist das System dabei nicht. Fahre ich zum Beispiel bei mir in der Nähe auf die Autobahn, passiere ich erstmal eine Mautstelle an der Auffahrt, wo mein Startpunkt registriert wird. Nach einem guten Kilometer Autobahn kommt eine grosse Mautstelle, an der mir 350 Yen abgezogen werden. Kaum bin ich in Tokyo, werden mir dann gute 600 Yen abgezogen – das ist der Minimalbetrag für die 首都高 shutokō – die Stadtautobahn von Tokyo. Bleibe ich im Zentrum, ändert sich der Betrag kaum, aber sobald ich mich von Tokyo entferne, wird es immer teurer. Der Preis hängt dabei unter anderem davon ab, wann man unterwegs ist – nachts oder an Ruhe- und Feiertagen wird es zum Beispiel bis zu 30% billiger. Eine Zahl aber mal zum Vergleich: Von Tokyo bis Osaka zahlt man mit einem normalen Auto letztendlich rund 7’000 Yen, also gute 50 Euro, für insgesamt knapp 500 Kilometer.

Die ETC-Karte selbst ist auf den Fahrzeugtyp abgestimmt, und beim Beantragen muss man auch das Nummernschild und die Fahrzeugnummer angeben. Betrug gibt es wohl trotzdem, doch in 90% der Betrugsfälle werden wohl laut Wikipedia einfach nur die Schranken durchbrochen. Alles in allem funktioniert das ETC (offizieller Name: ETC 2.0)-System ganz gut, aber das böse Erwachen erfolgt dann freilich bei der Kreditkartenabrechnung, denn all die kleinen Autobahnfahrten läppern sich natürlich zusammen.

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