Veranstaltungstipp: Erstmals Mikoshi-Umzug in Berlin am 15. Mai

Mai 1st, 2016 | Tagged , | Kein Kommentar bisher | 122 mal gelesen

Mikoshi bei einem Matsuri (hier in Urayasu, 2008)

Mikoshi bei einem Matsuri (hier in Urayasu, 2008)

An dieser Stelle einmal aus gegebenen Anlass ein Veranstaltungstipp: Am 15. Mai wird zum ersten überhaupt in Berlin eine Mikoshi-Prozession durchgeführt. 御輿 Mikoshi sind kleinem tragbare Schreine, in denen shintōistische Götter bei speziellen Zeremonien lautstark durch die Gegend getragen werden. Sie sind wesentlicher Bestandteil der japanischen Matsuri-Tradition. Dieser Umzug findet im Rahmen des Karnevals der Kulturen statt, und die Veranstalter bitten um Unterstützung. Mehr dazu siehe unten. Persönlich kann ich dem Ganzen leider nicht beiwohnen. Aber ich frage mich schon jetzt, ob das Gros der Träger in Berlin genauso betrunken sein wird wie die meisten Miyoshi-Träger in Japan:)

Die folgenden Zeilen stammen vom Veranstalter selbst. Also – entweder unterstützen oder selbst dabei sein! Es lohnt sich bestimmt!


für den Karneval der Kulturen am 15. Mai 2016 wird es diesmal einen besonderen japanischen Beitrag geben: zum ersten Mal in Deutschland möchten wir einen Mikoshi-Umzug präsentieren! Vielleicht könnten Sie uns dabei helfen, dieses Event in der Japan-Liebhaber-Community bekannt zu machen?

Worum geht es?
Ein Mikoshi ist ein tragbarer Schrein, der bei lokalen Festen in Japan durch die Straßen getragen wird. Wir wollen hier in Berlin den ersten Stein für eine „Berliner“ Mikoshi-Kultur legen und das, ganz im Sinne des Festes, so bunt wie möglich.

Jeder, der Interesse hat, ist herzlich eingeladen. Wir suchen noch viele freiwillige Träger und Helfer, die uns am Tag des Umzugs unterstützen. Wir möchten Menschen aus unterschiedlichsten Hintergründen zusammenbringen und Berlin und der Welt zeigen, dass multikulturelle Zusammenarbeit möglich ist und viel Spaß macht!

Das Mikoshi, das zum Karneval der Kulturen nach Berlin kommen wird, befindet sich zurzeit in der Stadt Montréjeau in Südfrankreich. Nach dem Erdbeben und der Tsunamikatastrophe im Jahr 2011 in der japanischen Region Tohoku kam es durch persönliche Kontakte zu Hilfeleistungen für betroffene Gebiete aus Montréjeau. Als Dank für diese Unterstützung wurde in einer symbolischen Geste ein Mikoshi aus Japan nach Montréjeau gebracht. Seitdem wirkt es dort als eine Art Kulturbotschafter zwischen Europa und Japan und kommt regelmäßig im Rahmen lokaler Feste zum Einsatz. Beim Karneval der Kulturen in Berlin möchten wir die Gelegenheit nutzen, dieses Stück japanischer Kultur einem breiteren Publikum vorzustellen.

Für die Deckung unserer Umzugskosten (Ausleihe und Umbau eines Umzugswagens, Transportkosten von Mikoshi nach Berlin etc.) freuen wir uns auch über finanzielle Unterstützung. Die crowd-funding Webseite ist hier zu finden: http://www.ulule.com/japanese-mikoshi.

Mehr zum Projekt, inklusive Routenplanung, Ablauf usw. findet man hier.

Teilen:  

Versandhandel mit Drohnen gestartet

April 26th, 2016 | Tagged , , | 2 Kommentare | 317 mal gelesen

Soraraku - Drohnenbringdienst von Rakuten

Soraraku – Drohnenbringdienst von Rakuten

Rakuten, der japanische Versandhandelgigant, hat heute mit grossem Trara sein そら楽 Soraraku-Pilotprojekt vorgestellt¹: Es geht um die bereits von Amazon propagierte Idee, Online bestellte Waren mittels Drohnen zum Endverbraucher zu bringen. Das hat man nun auch zum ersten Mal in Japan getestet – indem man Golfzubehör mittels Drohne zu einem Golfplatz in der Präfektur Chiba transportierte. Die eigens für Rakuten entworfene Drohne kann bis zu 2 Kilogramm transportieren; der Versand soll wohl kostenlos werden.

Das Wort Soraraku² setzt sich zusammen aus „sora“ (Himmel) und „raku“ (bequem, bzw. auch der erste Teil im Firmennamen). Ganz offiziell soll der Versand mit Drohnen allerdings erst im Jahr 2020 beginnen. Und man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass man damit in Japan sehr schnell ernst macht. Dann wird es im japanischen Luftraum vor den hässlich-rosanen Rakuten-Drohnen nur so wimmeln.

In der Grossstadt werden die Fluggeräte nicht viel ausrichten können, aber in ländlichen Regionen könnte der Einsatz von Drohnen durchaus sinnvoll sein und sogar umweltschonend: Anstatt einen Kleintransporter loszuschicken, setzt man einfach kleine Drohnen ein. Aber schon bei der Bekanntgabe der Amazon-Drohne habe ich mich ernsthaft gefragt, wie man das mit der Sicherheit bewerkstelligen möchte — vom Hacken der Drohnen selbst mal ganz abgesehen könnte ich mir gut vorstellen, dass ドローン狩り dorōn-gari Drohnenjagd schnell zu einem beliebten Hobby wird. Einen Rotor zerschiessen, mit einer Aludecke bewerfen und zum Absturz bringen, EMP — es gibt bestimmt zahlreiche Möglichkeiten, um an die Beute zu kommen, und es dürfte schwer werden, den Übeltäter zu finden.

Drohnen-Regeln laut MLIT

Drohnen-Regeln laut MLIT (Quelle: MLIT)

Auch in Japan wird natürlich mehr und mehr über Drohnen diskutiert – so fand man zum Beispiel im vergangenen Jahr eine Drohne auf dem Dach der Residenz des Ministerpräsidenten, und in einem Land, in dem vor gar nicht allzu langer Zeit Giftgasanschläge auf U-Bahnen verübt wurden, macht man sich zu Recht sorgen. Aus diesem Grund wurden im März 2016 vom MLIT (Ministry of Land, Infrastructure, Transport and Tourism) neue Richtlinien darüber erlassen, wann man eine Erlaubnis zum Drohnenflug braucht und wann nicht³.

¹ Siehe Pressemitteilung.
² Siehe Webseite des Soraraku-Services
³ Siehe hier

Teilen:  

Kumamoto 4 Tage nach den Beben

April 20th, 2016 | Tagged | 1 Kommentar | 488 mal gelesen

Verschiebung infolge des Bebens. Quelle: Kyodo

Verschiebung infolge des Bebens. Quelle: Kyodo

Ja, DEN Beben, denn wie über Blog und Twitter berichtet, gab es letztendlich zwei schwere Beben innerhalb von 30 Stunden, und dazu noch unzählige weniger starke Beben, von denen jedoch etliche stark genug wären, den Zugverkehr auf Stunden lahmzulegen.

Das erste Beben in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag forderte letztendlich neun Menschenleben, das zweite in der Nacht vom Freitag zum Sonntag bisher 37, aber es werden noch cirka 10 Menschen vermisst. Die Infrastruktur hat arg gelitten: Zahlreiche Strassen in und um Kumamoto, darunter auch Autobahnen, sind unpassierbar – entweder, weil sie durch Trümmer oder Erdrutsche bedeckt sind oder weil sie auseinandergerissen worden sind. Der Flughafen von Kumamoto ist vorerst nicht benutzbar, da Teile der Decke abstürzten. Bei den Bahnlinien sieht es nicht besser aus – selbst die Shinkansentrasse ist beschädigt.

Das erste Beben konnte die Stadt Kumamoto noch verkraften, aber das zweite Beben sorgte für unterbrochene Gas-, Wasser- und Stromleitungen. Geschäfte blieben entsprechend geschlossen und die Versorgungslage spitzte sich langsam zu. Laut Berichten von Freunden vor Ort scheinen aber Teile der Infrastruktur wieder zu funktionieren und erste Geschäfte zu öffnen.

Burg von Kumamoto - vor dem Beben

Burg von Kumamoto – vor dem Beben

Besonders schlimm hat es die Gemeinde Minami-Aso erwischt. Eine wichtige Brücke zu einer Hauptverkehrsstrasse (die Hauptverbindung zwischen Kumamoto und Oita) ist von einem massiven Erdrutsch völlig zerstört worden. Dementsprechend kommt auch kaum Hilfe in den Ort – trotz Einsatzes der Selbstverteidigungskräfte. Selbst „Ärzte ohne Grenzen“ hat die medizinische Versorgung vor Ort als unzureichend h noch eingestuft und eine kleine Gruppe von Ärzten in Marsch gesetzt. Überhaupt hört man in den Nachrichten (und von Freunden vor Ort) Klagen, dass keine Hilfe in Form von Decken (vorgestern war es dort in der Nacht 3 Grad kalt, und viele Tausende campieren noch im Freien), Nahrung, Wasser und so weiter ankommt. Gerade in Kumamoto liegt das, wie auch vor 5 Jahren in Tohoku, nicht am Mangel, sondern an der zerstörten Infrastruktur – Hilfslieferungen kommen einfach nicht durch (wir wollten auch Sachen schicken, aber man riet uns davon ab – es würde vorerst nicht ankommen).

Wenigstens scheinen die Kernkraftwerke nichts abbekommen zu haben. Und: Letztendlich waren die Folgen des Bebens weit weniger verheerend als die des gleich starken Bebens von Kobe im Jahr 1995. Der Schock sitzt den Bewohnern jedoch noch immer in den Knochen und wird so schnell nicht weichen – schliesslich war Kumamoto ziemlich lange von einer solchen Katastrophe verschont geblieben.

Die altehrwürdige Burg von Kumamoto hat es ebenfalls ziemlich stark mitgenommen. Die Burg ist zwar ein Nachbau — allerdings ein charmanter, verglichen mit anderen Nachbauten wie denen in Osaka oder Nagoya. Viele der traditionellen Dachziegel sind heruntergefallen und etliche der dicken Festungsmauern eingestürzt. Zu den Dachziegeln und deren Reaktion beim Erdbeben gibt es übrigens einen hochinteressanten Artikel. Auch der uralte und berühmte Aso-Schrein hat schwer gelitten.

Teilen:  

Schweres Erdbeben in Kumamoto

April 14th, 2016 | Tagged | 12 Kommentare | 1092 mal gelesen

Kumamoto-Erdbeben

Kumamoto-Erdbeben

Heute, am 14. April 2016, gab es um 21:26 schweres Erdbeben auf Kyushu – das Epizentrum lag zwischen Kumamoto Stadt und Yamaga, in der Stadt 益城町Mashiki-machi. Nach der japanischen Erdbebenskala erreichte das Beben dort die Maximalstärke 7. Nach der Richterskala waren es „nur“ 6,4, mit der Besonderheit, dass das Beben in lediglich 10 km Tiefe lag und Augenzeugenberichten zufolge nur ca. 15 Sekunden dauerte. Das Beben war sehr deutlich überall auf Kyushu zu spüren.
In der Millionenstadt Kumamoto scheint es nur begrenzte Schäden zu geben. Wir erreichten sogar meine Schwiegeroma per Telefon – sie war sichtbar geschockt, aber auch in ihrem Haus gab es keine grösseren Schäden. Während in Kumamoto die Lichter an sind, herrscht in Mashikimachi scheinbar Stromausfall. Über Twitter liest man bereits von ersten eingestürzten Gebäuden; Berichte über Tote und Verletzte gibt es noch nicht.
Da das Beben sein Epizentrum in der Inselmitte hatte und recht flach war, sind Tsunamis nicht zu befürchten. Zum Glück – zwischen Kumamoto und Kagoshima liegt das AKW 川内 Sendai.
Die Nachbeben halten an und werden die Bewohner noch die ganze Nacht über wach halten. Das schwerste soweit hatte eine Stärke von 5.7 und fand 22:08 statt. Just in diesem Moment kam wieder eine Warnung herein.

Mehr Infos gibt es wie immer über meinen Twitter-Account (@Tabibito_Tokyo) – siehe Beispiel unten:

Teilen:  

Vom Niedergang der japanischen Fernsehnachrichten

April 12th, 2016 | Tagged , | 5 Kommentare | 662 mal gelesen

Hodo Station - mit Furutachi. Quelle: http://matome.naver.jp/odai/2142458479436089401

Hodo Station – mit Furutachi. Quelle: http://matome.naver.jp/odai/2142458479436089401

Morgens auf dem Weg zur Arbeit die Tagesschau, manchmal SPON. Während der Mittagspause BBC, manchmal auch andere, englischsprachige Nachrichtenquellen. Abends, nach der Arbeit, japanische Fernsehnachrichten. So sieht meine Nachrichtendiät seit vielen Jahren aus. Sicher nicht perfekt und viel Mainstream, aber wenigstens verschiedene Facetten.

Doch mittlerweile weiss ich nicht mehr, welche japanischen Nachrichten ich noch schauen kann. NHK, dem staatlichen Fermsehsender, traue ich schon lange nicht mehr. Dort wird zu viel einfach totgeschwiegen, und was dort an der Spitze los ist, ist einfach nur suspekt. Früher habe ich, vor allem weil die Sendezeit (23 Uhr) günstig war, News Japan, die Nachrichten auf Fuji TV, gesehen. Doch der Sender driftet immer deutlicher Richtung rechts ab, und in jüngster Zeit hat man sich gänzlich vom letzten Rest seriösen Journalismus‘ losgesagt: Jetzt unterlegt man alle Videobeiträge mit unterschwelligen Geräuschen und konzentriert sich nahezu vollständig auf Verbrechen: Je gruseliger und abstruser, um so besser. Vor allem die musikalische Untermalung bringt mich umgehend auf die Palme und wirft die Frage auf, für wie blöd die Macher den Zuschauer eigentlich halten, ihn mit solch billigen, manipulativen Tricks zu foltern. Nein, ich möchte keine Antwort auf diese Frage.

News Zero begann vor ein paar Jahren, und zu dieser bunt-flippigen, sogenannten Nachrichtensendung gibt es nicht viel zu sagen. Nur so viel: Die Reihenfolge der beiden Wörter im Namen der Sendung sollte vertauscht werden, das würde das Programm besser beschreiben.

Also verlegte ich mich auf 報道ステーション Hōdō Station auf TV Asahi: Eine recht kritische Nachrichtensendung, die zwar auch mitunter stark vom Bildungsauftrag eines Nachrichtensenders abschweifte, aber wenigstens hin und wieder kritisch hinterfragte. Die Sendung lebte von ihrem Sprecher, Ichirō Furutachi, der die Sendung 12 Jahre lang führte und, so wollen es die Gerüchte, sich letztendlich mit den Oberen überwarf, von denen wiederum aus der Politik gefordert wurde, sich mit der Kritik an der Regierung zurückzuhalten. Die war nämlich für japanische Verhältnisse recht scharf in der Sendung. Dass Furutachi die Dinge neutral betrachtete, konnte man ihm jedenfalls nicht nachsagen – es ging recht deutlich gegen Kernkraft, gegen Verfassungsänderungen, gegen die Wirtschaftspolitik… Dass zwischen Politik und dem Sender Asahi brodelte, deutete sich vor fast genau einem Jahr bereits bei diesem Vorfall an. Leider fiel der Sender jedoch auf einen Schwindel rein: So beschäftigte man ein Jahr lang den selbsternannten Business-Consultant mit dem klangvollen Namen Sean McArdle Kawakami als Kommentator, bis herauskam, dass sowohl der Name als auch der Lebenslauf purer Schwindel waren: Sean K. war ein, wenn auch eloquenter, Hochstapler wie aus dem Bilderbuch.

Heute schaute ich zum ersten Mal die neue Version von Hōdō Station mit den neuen Nachrichtenvorleser. Die Sendung begann mit ein paar Sekunden Nachrichten, dann gab es ein 10-minütiges Exklusivinterview mit dem japanischen Schwimmhelden Kitajima, der heute seinen Rücktritt bekanntgab, gefolgt von 2, 3 Minuten Inlandspolitik, gefolgt von einem Interview mit einem Ex-Baseballprofi, der heute in den japanischen Selbstverteidigungskräften arbeitet und über die Hilfe der Truppe nach der Erdbebenkatastrophe sprach. Was für eine Entwicklung! Bleibt nur noch die Sendung News 23 Cross auf TBS, wie es scheint, aber auch die ist eher mangelhaft. Man kann heute bei den japanischen Nachrichten quasi auswählen, ob man mehr über japanische Spitzensportler oder Spitzenverbrecher lernen möchte. Kritische Berichterstattung aus dem Inland ist hingegen Mangelware.

Kurzum: Mit seriösen Nachrichtensendungen sieht es in Japan immer schlechter aus. Das ist besorgniserregnend – sicher, ich kann mich nach Alternativen umschauen, aber viele machen das nicht und lassen sich so von schlecht gemachten, manipulativen Sendungen einlullen. Keine schöne Aussicht.

Teilen:  

Lose Gedanken zur japanischen Arbeitswelt

April 8th, 2016 | Tagged , | 7 Kommentare | 776 mal gelesen

April – das ist nicht nur der Beginn des neuen Schuljahres in Japan, sondern – logischerweise – auch der Monat, an dem die frischgebackenen Schul- und Universitätsabsolventen ihre neue Arbeit antreten.
So auch bei meinem Kunden, bei dem ich einen Tag in der Woche vor Ort arbeite. Dieser Kunde ist eine mittelgrosse, rein japanische Softwareschmiede, die sich auf Oracle und Salesforce-Entwicklung spezialisiert hat. Und zwar ziemlich erfolgreich – man residiert quasi direkt neben der Ginza. Heute war dabei der erste Tag für 5 Neuankömmlinge: 4 Uni-Absolventen und 1 Quereinsteiger. Die Absolventen haben übrigens – und das ist typisch in Japan – noch nie ernsthaft programmiert und noch nie von Salesforce gehört. Sie sind jedoch die Überlebenden eines interessanten Rekrutierungsprozesses, bei dem Fragen wie „Wie viele Toilettenrollen verbraucht man in Japan pro Jahr?“ gestellt werden. An der Frage scheitern schon mal sehr viele, denn diese Frage setzt voraus, dass man ungefähr weiss, wie viele Einwohner das Land hat. Die meisten wissen es nicht.

Und in der Nacht geht es im kuscheligen Nahverkehr nach Hause

Und in der Nacht geht es im kuscheligen Nahverkehr nach Hause

Es gibt da die Mär der Sushiköche, die angeblich jahrelang Teller spülen müssen, bevor sie ihren ersten Fisch aufschlitzen dürfen. Das kommt nicht von ungefähr. Altehrwürdige Sushiläden funktionieren in der Tat nach dem Prinzip: Ein paar Jahre Teller waschen, dann ein paar Jahre Reis zubereiten, dann darf man irgendwann an weissfleischigen Fisch, später an roten (wie Thunfisch und so weiter). Bis man endlich selbst an der Theke steht, können so schnell fast 10 Jahre vergehen. So in etwa läuft das auch bei meinem Kunden. In den ersten zwei Jahren dürfen die Neuankömmlinge quasi nur eines: Testen. Hunderttausende Datensätze erstellen, in allen nur erdenklichen Kombinationen, dann hochladen und testen, bis der CPU schlapp macht. Irgendwann beginnen sie dann, das Programmieren zu lernen – damit sie dann sogenannte Testklassen schreiben dürfen, mit der die richtigen Klassen getestet werden (bei Salesforce ist das Pflicht). Dann wird für eine Prüfung nach der anderen gelernt. Und nach ein paar Jahren darf man, wenn man sich gut geführt hat, zum Kunden – und Spezifikationen für Kunden schreiben. Und Programmieren, so sich herausstellt, dass man das Zeug dafür hat. Das ist eine harte Schule – zwei Jahre nur testen ist nicht Jedermanns Sache, und so verlassen eins, zwei Leute pro Jahr die Firma wieder.

Wer es geschafft hat, darf dann weitermachen wie bisher: Arbeiten bis der letzte Zug fährt, mit hohem Termindruck – aber tagsüber eher döselig und am Handy herumspielend. Gelegentlich mit Kommentaren von oben nach dem Motto „na zum Mittagessen gehen ist diese Woche leider nichts“. Soll heissen, man soll sich das Essen gefälligst während der 13, 14 Stunden vor dem Rechner in den Rachen stopfen. Das ist freilich furchtbar effektiv: Sicher, das Prinzip des jahrelangen Trainings an der „Basis“ hat ungemeine Vorteile. Das dröge Überarbeiten am Computer nicht. Gerade beim Programmieren nicht. Es gibt Ausnahmen, aber in der Regel kann man ein Problem, für das man nach 10 Stunden Arbeit eine Stunde braucht , um es zu lösen, am nächsten Morgen in 10 Minuten lösen.

Kein Themenwechsel, aber eine andere Geschichte: Gestern traf ich im morgendlichen Berufsverkehr jemanden, den ich ein paar Wochen zuvor in meiner Stammkneipe (etwas übertrieben vielleicht, bei rund einer Sitzung pro Monat) kennengelernt hatte. Er ist jetzt im dritten Jahr an der gleichen Universität, bei der ich vor 18 Jahren ein Jahr lang studiert hatte. Zu Beginn des dritten Jahres beginnen japanische Studenten normalerweise ihre Stellensuche. Entschieden wird dann meist noch vor dem Sommer – also fast ein Jahr vor den eigentlichen Abschlussprüfungen, aber die sind ja in Japan nur eine Formsache. Er war frisch gebügelt auf dem Weg zur Informationsveranstaltung einer Firma. Ich fragte ihn, ob er denn plane, vor Arbeitsantritt noch eine grössere Reise zu planen – das machen viele Japaner so. Aus guten Gründen: Er antwortete, dass das wohl angebracht sei – schliesslich könne man ja danach „für die nächsten 40 Jahre nicht mehr verreisen“. Das ist keine sensationelle Feststellung, aber mich überraschte die Selbstverständlichkeit, mit der er das sagte. Da klang kein bisschen Bedauern mit, sondern einfach nur der Tenor, dass das eben der unabänderbare Lauf der Dinge sei, mit dem man sich abgefunden hat. Uni. Fertig. 40 Jahre ohne wesentlichen Urlaub arbeiten. Fertig. Und wenn dann noch genügend Lebensenergie bleibt und nicht der Krebs oder eine andere Krankheit gegen Ende des Arbeitslebens zugeschlagen hat, vielleicht noch ein bisschen Urlaub.

Ja, ich lebe gern in Japan. Ja, ich passe mich natürlich an meine Umwelt an. Nein, an diese Arbeitsweise, und an diese Denkweise werde ich mich nie anpassen. Ich werde sie aber auch nicht bewerten. Mich versöhnte letztendlich, dass der Kollege mit seinem ihn erwartenden Schicksal versöhnt schien.

Teilen:  

Beginn der Liberalisierung des japanischen Strommarktes

April 5th, 2016 | Tagged , | 2 Kommentare | 439 mal gelesen

Alles neu macht der… April. Am 1. April beginnt das neue Schuljahr, am 1. April beginnen die „Neuen“ in den Firmen zu arbeiten, am 1. April beginnt für viele Firmen das Fiskaljahr. Dementsprechend treten am 1. April auch oftmals neue Gesetze in Kraft. Eine der größten Änderungen am 1. April des Jahres 2016 dürfte die schon seit langem angekündigte Liberalisierung des Strommarktes sein. Bisher nämlich gab es pro Region nur einen einzigen Versorger (ganz Japan wurde so unter exakt 10 Stromlieferanten aufgeteilt); im Falle Tokyos und Umgebung war dies die berühmt-berüchtigte Firma TEPCO. Ob man wollte oder nicht – man kam nicht um Tepco herum. Das ist nun also seit dem 1. April anders, und es ist amüsant zu sehen, wer da alles plötzlich auf den Markt drängt. Am lautesten sind unter anderem die großen Mobilfunkanbieter, aber auch Tokyo Gas zum Beispiel. Man lockt mit allerlei Tarifen und Ideen: Ein Betreiber zum Beispiel verspricht Preisnachlässe, je mehr der Stromabnehmer am Tag läuft. Dazu bekommt man einen Schrittzähler aufgebrummt, der die Schritte (und den damit verbundenen, obgleich sehr geringen) Preisnachlass in Echtzeit anzeigt.

Doch die Japaner sind vorsichtig, und das ist verständlich. Bis zum 23. März haben gerade mal 0,4% der Japaner beschlossen, den Anbieter zu wechseln¹. Die Strompreise kann man dabei schon seit Monaten vergleichen, doch wenn man genau hinschaut, wird der Strom als solcher nicht gerade billiger. Es sind maximal die zahlreichen kleinen Zugaben, Coupons zum Beispiel, mit denen man etwas hinzugewinnen kann, doch lohnt sich der Aufwand wirklich? Und – welcher der Anbieter wird überleben? Für wen soll man sich entscheiden – und wer garantiert, das man bei all dem Kleingedruckten letztendlich nicht übers Ohr gehauen wird? Und vor allem: Woher kommt plötzlich der ganze Strom her? Die Liberalisierung des Strommarktes bedeutet ja, dass quasi jeder Strom produzieren, kaufen, weiterleiten und verkaufen kann. Bei Anbietern wie au (einer der 3 Mobilfunkgiganten) zum Beispiel kann man davon ausgehen, dass es hier weniger um die Stromerzeugung als um den geschickten Handel mit der Elektrizität geht – verbunden mit der geschickten Förderung des eigentlichen Geschäftsfeldes, denn wer bei au telefoniert und Strom bezieht, bekommt natürlich einen Rabatt. Bei Tokyo Gas ist die Sache natürlich anders, denn die können natürlich sehr wohl ihren eigenen Strom produzieren (und mit der sogenannten „Enefarm“ produzieren lassen) – und Rabatte anbieten, so die Kunden auch ihr Gas von dort beziehen.

Liberalisierung des Strommarktes: Sonnige Zeiten für Solarenergie?

Liberalisierung des Strommarktes: Sonnige Zeiten für Solarenergie?

Ist die Liberalisierung des Strommarktes also eine gute Nachricht? Auf jeden Fall. Man hat in Fukushima gesehen, was geschehen kann, wenn eine Firma ein absolutes Monopol innehält. Denn, man kann es gar nicht oft genug wiederholen, die Reaktorkatastrophe war nur bedingt Folge des Tsunamis und Erdbebens – der Hauptschuldige war Tepco. Nun beginnt jedoch der Wettbewerb, und das kann natürlich im Endeffekt zu höherem Kostendruck und daraufhin zu Einsparungen in der Anlagensicherheit führen. Doch mit der Liberalisierung hat man endlich eine Wahl: Bisher musste man seinen Strom von Tepco und Co beziehen – oftmals widerwillig wohlgemerkt, denn bei der Idee, dass diese Giganten wider besseren Wissens die Atomkraftwerke wieder hochzufahren versuchen, behagt natürlich nicht. So jedoch kann man mit einem Wechsel des Anbieters ein Zeichen setzen und bewusst auf diverse Erzeugungsarten verzichten.

Momentan spielen dabei fossile Brennstoffe die eindeutige Hauptrolle: Gute 40% der Energie werden mit Erdgas produziert, 30% mit Kohle und knapp 15% mit Erdöl. Knapp 8% werden in Wasserkraftwerken produziert, und gerade mal knappe 3% mit anderen, regenerativen Energiequellen (allen voran Solarenergie)². Deshalb gibt es heute auch nur ganze 3 Anbieter, die ausschliesslich regenerative Energie anbieten – zu mehr reicht die Produktion noch nicht.

Es wäre freilich schön, wenn vor allem regenerative Energiegewinnungsformen von der Liberalisierung profitieren. Vielleicht findet sogar eine echte Dezentralisierung statt – das wäre im erdbebengeplagten Japan mit Sicherheit keine schlechte Sache. Ob sich der Markt wirklich in diese Richtung entwickelt, wird man allerdings erst in ein, zwei Jahren einschätzen können – wenn hoffentlich mehr Japaner Interesse an alternativen Anbietern entwickeln.

¹ Siehe unter anderem hier
² Siehe Weissbuch der Energie in Japan 2015

Teilen:  

Was Sie dachten, NIEMALS über JAPAN wissen zu wollen

April 1st, 2016 | 20 Kommentare | 893 mal gelesen

Was Sie dachten, NIEMALS über JAPAN wissen zu wollen: 55 erleuchtende Einblicke in ein ganz anderes Land (+ E-Book inside)

Was Sie dachten, NIEMALS über JAPAN wissen zu wollen: 55 erleuchtende Einblicke in ein ganz anderes Land (+ E-Book inside)

Nein, das ist kein neuer Aprilscherz, sondern der Titel meines neuen Buches. Und es erscheint genau heute, am 1. April 2016. Kann also nur gut sein. Dieses Mal handelt es sich auch um ein richtiges Buch, ordentlich lektoriert und zum bezahlbaren, gerade noch so einstelligen Europreis. Da hüpft das Herz.

Der Titel mag etwas ungewöhnlich klingen, aber dafür habe ich eine Entschuldigung parat: Es handelt sich nämlich um eine ganze Serie (die Bücher über Australien und Rußland sind bereits erschienen), verlegt vom kleinen, aber feinen Conbook-Verlag, der bereits etliche andere Japan-Titel (zum Beispiel „Die Axt im Chrysanthemen-Wald“) verlegt hat. Alle Bücher dieser „Was sie dachten, niemals wissen zu wollen“ Serie haben eins gemeinsam: In exakt 55 Kapiteln geht es um Besonderheiten der Länder, die der breiten Masse weniger bekannt sind. Aufmerksame Leser meines Blogs werden dabei von der einen oder anderen Sache schon einmal gelesen haben, aber alle Kapitel des Buches sind neu und noch nie auf diesem Blog (oder in anderen Publikationen) erschienen.

Das Verfassen der Kapitel war gar nicht so einfach. Es soll ja schließlich kein Herumgekrittel an Japan sein, sondern eine kurze aber präzise, mitunter humorvolle Beschreibung der Dinge, die in Japan nun einmal anders laufen. 55 Dinge sind mir da problemlos und schnell eingefallen, aber ich habe auch ziemlich früh gemerkt, das ich wahrscheinlich auch mühelos im Rahmen des gleichen Konzeptes über Deutschland schreiben könnte. Anders gesagt, war es für mich, nach nunmehr insgesamt 12 Jahren in Japan (mein letzter Deutschlandbesuch liegt nun auch schon drei Jahre zurück), gar nicht so einfach, aus der Perspektive eines Deutschen zu schreiben, denn viele In Japan außergewöhnliche Dinge sind für mich heute normal, und viele normale Dinge in Deutschland sind für mich, nun, abnormal möchte ich es nicht nennen, aber befremdlich (Stichpunkt Bahnen, Freundlichkeit, Sauberkeit usw.)

Wer also 55 kompakte, gut strukturierte Geschichten und Fakten lesen möchte, dem kann ich das Buch nur empfehlen. Ach ja: Ein e-Book gibt es kostenlos dazu! Momentan kann man das Buch hier bestellen — und wer weiss, vielleicht landet es ja auch in dem einen oder anderen Buchladen.

Teilen:  

10. Jahre. Blog.

März 26th, 2016 | Tagged | 28 Kommentare | 590 mal gelesen

Heute vor exakt 10 Jahren sass ich in meinem kleinen Kämmerchen in Urayasu und beschloss, mich erstmals mit dem gerade in Mode gekommenen Phänomen namens Blog zu beschäftigen. Facebook war gerade erst zwei Jahre alt, Twitter erst ein paar Tage – und Instagram und wie sie alle heissen waren da noch „Quark im Schaufenster“, wie man in meiner Gegend so schön sagt. Der Grund für das vorerst als Experiment ausgelegte Unterfangen war wenig romantisch: Meine Firma beauftragte mich, Blogsysteme zu evaluieren, um schliesslich zu entscheiden, welche Plattform wir für das firmeneigene Blogportal benutzen. WordPress war damals noch weitgehend unbekannt, und so blieb ich vorerst bei b2evolution und Movable Type hängen. Wie will man sowas allerdings entscheiden, wenn man es selbst nicht benutzt hat?

So fing alles an - am 26. März 2016

So fing alles an – am 26. März 2016

Anfangs ging es noch wild los: Mindestens jeden zweiten Tag gab es einen Eintrag, und die Leserschaft wuchs ziemlich schnell an. Nach rund einem halben Jahr wurde mir das zu anstrengend, so dass ich eine Blogpause ankündigte (und diese Pause nach sechs Tagen wieder brach). In den folgenden Monaten folgten jedoch nur cirka 3 Beiträge pro Monate. Letztendlich pendelte sich das ganze jedoch bei 7 bis 10 Einträgen pro Monat ein, wobei der März 2011 mit insgesamt 18, teils sehr langen Einträgen dem Blog eine neue Bedeutung zukommen liess: Mehr denn je merkte ich, dass Blogs als alternative Nachrichtenquelle mittlerweile sehr wichtig sind.

Die allgemeinen Japan-Seiten auf dieser Webseite sind übrigens wesentlich älter. Die ersten Inhalte entstanden bereits im vergangenen Jahrtausend. Das macht dem Schreiber leider unweigerlich wahr, dass man allmählich älter wird. A propos allgemeine Japan-Seiten: Diese habe ich nun auch endlich etwas zeitgemässer gestaltet, aber es gibt noch viel zu tun.

Der Japan-Almanach im neuen Gewand

Der Japan-Almanach im neuen Gewand

Natürlich wäre es schön gewesen, wenn dieser Eintrag hier genau der 1000ste wäre. Ganz hat es nicht gereicht: Dies ist Beitrag Nummer 964. Aber in diesem Jahr wird das noch.

Wie geht es weiter? Eigentlich möchte ich etwas mehr Energie in die allgemeinen Japan-Seiten stecken, aber den Blog, auch wenn es etwas ruhiger geworden ist, werde ich vorerst weiterführen. Denke ich momentan zumindest.

An dieser Stelle natürlich ein grosses Dankeschön an die Leser, denn ohne Euch wäre es nicht so lange weitergegangen. Und vielleicht regt ja dieser Blog wirklich den einen oder anderen an, die Dinge in Sachen Japan etwas anders zu sehen. Nicht positiver, nicht negativer – einfach differenzierter. Das ist das eigentliche Anliegen.

Teilen:  

Artrick Museum Yokohama

März 23rd, 2016 | Tagged , | 2 Kommentare | 401 mal gelesen

Artrick Museum Yokohama

Artrick Museum Yokohama

Da hat es uns doch neulich zum ersten Mal seit langem wieder in die 中華街 Chukagai (Chinatown) von Yokohama verschlagen. Primäres Ziel war der Verzehr möglichst vieler Xiaolongbao (auf Japanisch: Shōlompō), einer Spezialität, die ich in Xi’an sehr zu schätzen gelernt hatte. Doch auf dem Weg dorthin fiel uns ein Wegweiser zum Artrick Museum auf — und das roch nach Spass, vor allem für die lieben Kleinen.

Mit vollem Magen ging es entsprechend auf dem Rückweg in besagtes Museum. Schnell 4,200 yen bezahlt (Erwachsene zahlen 1,500 yen, Kinder zwischen 3 und 14 zahlen 600 yen) und ab ging es in die 8. Etage. Das Museum ist in einem relativ kleinen Gebäude untergebracht, erstreckt sich aber immerhin über 5 Etagen. Der Name des Museums (das ja in dieser Form auch nicht einzigartig ist) ist Programm: Es gibt unzählige Bilder und Exponate, die die Sinne, vor allem natürlich das Auge, verwirren. Und so viel muss man sagen: Für Kinder ist das Museum natürlich hervorragend (allerdings waren die meisten Besucher dort junge Pärchen). Ein bisschen anschauliche Physik und klassische Kunst ist auch dabei. Letztendlich verbrachten wir dort fast drei Stunden, das Eintrittsgeld hat sich damit durchaus gelohnt. Um das ganze etwas anschaulicher zu machen, ein paar Photos… mit natürlich rein zufällig ausgewählten Kindern.

Artrick Museum: Der Alptraum aller Eltern in Szene gesetzt

Artrick Museum: Der Alptraum aller Eltern in Szene gesetzt

Artrick Museum: Ertappt

Artrick Museum: Ertappt

Artrick Museum: Maskenball

Artrick Museum: Maskenball

 

Die Webseite des Museums (es gibt sogar eine englische Version) findet man hier.

Teilen:  

« Ältere Einträge