Filmkritik: Kiseijū (Parasiten)

Mai 25th, 2015 | Tagged , | Kein Kommentar bisher | 135 mal gelesen

kisseijuSchon mal vorgestellt, wie es sein würde, wenn ein Körperteil ein eigenes Leben entwickeln würde? Richtig mit denken, sprechen und allem? Mit dem man dann schwatzen, philosophieren, und richtig heftig kämpfen kann? Nein? Dann gibt es diesbezüglich eine gute Nachricht: Der Manga-Zeichner Hitoshi Iwaaki hat sich darüber durchaus Gedanken macht, und diese in insgesamt 64 Bänden, beginnend 1988, festgehalten. Das Manga 寄生獣 kiseijū (“Parasiten”) war zu jener Zeit sehr beliebt – vor allem bei Oberstufenschülern und Studenten.

Dieser Stoff wurde nun verfilmt – Teil 1 erschien im November 2014, Teil 2 erschien vor drei Wochen, im April 2015. Nun kenne ich selbst den Manga freilich nicht, aber meine Frau kennt ihn natürlich. Hätte mich auch gewundert, wenn nicht.

Der Film beginnt mit ein paar Endzeitbildern und ein paar einleitenden Fragen: “Gäbe es nur 10% der Menschen, die es heute gibt, würden diese dann nur 10% des vernichteten Waldes zerstören?”. Gute Frage. Schnitt. Ein paar Glibberkugeln treiben auf einen Hafen zu, und ein paar längliche Parasiten schleimen sich ihren Weg zu einem Container. Diese suchen sich auch schnell ihre Opfer und kriechen ihnen durch das Ohr in das Gehirn. Beim Abiturienten Shin’ichi klappt das leider nicht, denn er hat seine Ohren mit Kopfhörern verstöpselt. So flieht der Parasit in die rechte Hand, und dort bleibt er stecken. Entsprechend wird er sich später auch “migii” – “Rechts” nennen.

Während die fachgemäss vom Parasiten befallenen Wirte nicht lange zaudern, ihre Gattinnen und andere Mitmenschen recht flink und brutal zu verspeisen, verzweifelt Migii anfangs an seinem Schicksal – schliesslich hatte er versagt. Der Träger des Parasiten ist natürlich auch nicht ganz glücklich. Bei den Parasiten – durchaus klug, aber sehr gefrässig – gibt es zudem zwei Gruppierungen: Die einen finden es passabel, einfach die Wirte komplett zu übernehmen, die anderen überlegen, das ganze weniger blutig vonstatten gehen zu lassen. Und Migii und sein Träger beginnen einen blutigen Kampf gegen die anderen Parasiten, die es sogar schon in die Politik (ich wusste es!) geschafft haben.

Der Film ist typisch japanisch, aber was die Spezialeffekte anbelangt, besser als vieles, was man bisher so gesehen hat. Etwas Horror, etwas Gesellschaftskritik, etwas Endzeitstimmung, etwas Romanze, etwas Humor: Eine kurzweilige Mischung. Das Ende ist allerdings recht abrupt: Man hat das Gefühl, lediglich eine Vorschau zu etwas gesehen zu haben.

Interessant: Shin’ichi bezeichnet seinen Parasiten als “Leibhaftigen”. Der äusserst lernfähige Migii liest sich danach alle möglichen Erklärungen zum Thema Teufel durch und kommt zum Entschluss, dass Menschen eigentlich viel schlimmer seien als der Teufel. Komisch: Vor einem Kampf mit einem der mit übermenschlichen Kräften ausgestatteten Parasiten erklärt Migii plötzlich, dass er furchtbar müde sei und gerade mal nichts machen könne.

Wie es aussieht, werde ich mir Teil 2 also auch noch ansehen müssen. Normalerweise bin ich kein sonderlich grosser Fan solcher Filme, aber der Film hat seine guten Momente. Laut Kennerin neben mir ist der Film allerdings offenbar ein gutes Stück vom Originalmanga entfernt.

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Magnetschwebebahn unterm Schlafzimmer?

Mai 22nd, 2015 | Tagged , | 1 Kommentar | 429 mal gelesen

Trassenführung des Linear-Shinkansen in Ostkawasaki

Trassenführung des Linear-Shinkansen in Ostkawasaki

Seit einigen Tagen wird in unserer Nachbarschaft so einiges gemunkelt.

“Schon gehört? Der Chūō-Shinkansen soll direkt durch unser Gebiet führen!”

Der Gedanke ist erschreckend – erst recht, wenn man ein Haus in der Gegend hat und damit mal eben nicht so schnell umziehen kann. Wie bei Gerüchten so üblich weiss natürlich niemand genaues nicht, dabei ist das gar nicht so schwer. Auch in Japan sind Umweltverträglichkeitsprüfungen vorgeschrieben, und sie müssen veröffentlicht werden. So auch im Streckenabschnitt Kawasaki. Kurz also nach リニア新幹線 環境影響 und schon hat man Zugriff auf die neuesten Planungsunterlagen. Ah ja – die Trasse führt in der Tat ca. 800 Meter von uns entfernt in der Gegend vorbei. Und zwar in rund 40 Meter Tiefe. Welche Auswirkungen das wohl haben wird? Vibrationen? Magnetfelder? Den Bau der Trasse kann man auch als grossen Feldversuch betrachten, denn eine Trasse durch so dicht besiedeltes Gebiet in solcher Tiefe dürfte es bisher noch nirgendwo gegeben haben. Wir sind mit unserer Entfernung (ziemlich sicher) aus dem Schneider.

Ein zweiter Blick auf den der Umweltverträglichkeitsprüfung zugrunde liegenden Flächennutzungsplan offenbarte jedoch einen grösseren Schock: Es gab schon seit einer Weile Gerüchte, dass die grosse Trinkwasseraufbereitungsanlage auf der anderen Seite des Tals bald verschwinden soll. Und siehe da: Die gesamte Fläche ist nunmehr als 第二種中高層住居専用地域 – Wohnbezirk zweiten Grades mit mittleren bis hohen Wohnhäusern ausgewiesen.

Will heissen, noch ein paar Jahre, und auf dem Hügel wird wohl demnächst ein hässliches Neubauviertel über der Gegend thronen. Dann ist es auch hier vorbei mit der noch leicht ländlichen Idylle.

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Next stop Essäkuhssä

Mai 19th, 2015 | Tagged | 10 Kommentare | 661 mal gelesen

Japanischer Fahrplan: Sonst noch irgendwelche Fragen?

Japanischer Fahrplan: Sonst noch irgendwelche Fragen?

Wenn man lange in Japan lebt, und dazu auch noch Japanisch lesen und verstehen kann, verliert man schnell den Touristenblick auf das Land. Dabei hatte ich den doch auch mal, doch das ist nun schon fast 20 Jahre her. Erst nicht-japanischer Besuch ruft mitein paar einfachen Fragen die Erinnerungen wieder wach. “Wann fährt der Zug?” zum Beispiel. Der (Rand)berliner in mir würde natürlich instinktiv “Bin ick Schaffner oder wat?” entgegnen, aber man ist ja nett – und antwortet dann “17:34″ – und möchte aufgrund der soziogenetischen Verantwortung gleich noch “steht doch dran!” sagen. Aber halt: Sicher steht das an der Anzeige oder am Fahrplan, aber der Ortsname steht dann doch nur in Schriftzeichen da.

Fairerweise muss man dazu sagen, dass sich diesbezüglich schon einiges getan hat in den letzten 20 Jahren. Das ist zu einem guten Teil der Technik zu verdank
en, denn neuartige Displays, die es nun ja fast überall gibt, erlaubt es den Betreibern zum Beispiel nunmehr auch, in Bussen und vielen Bahnen anderssprachige Anzeige zu schalten. Erst, wenn es analog wird – sprich Fahrpläne an Bushaltestellen oder Bahnhöfen, hört der Service meistens auf. Ach, sie können kein Japanisch lesen? Na das ist ja dann aber mal ganz dumm gelaufen!

Was ich von englischsprachigen Ansagen in Bussen und Zügen halten soll, weiss ich aber bis heute nicht:

The next stop is Essäkuussä

säuselt die Ansage im breiten amerikanischen Akzent vom Band, und man muss, zumindest als jemand, der mit einer Sprache aufgewachsen ist, in der man weiss, dass das “a” auch “a” und nicht anders ausgesprochen wird, schon mal kurz überlegen und umrechnen, bis man weiss, dass man gleich in “Asakusa” (sprich: “Asáksa”) hält. Ist das richtig? Muss man wirklich japanische Namen so aussprechen? Denken dann ahnungslose Besucher nicht, dass dies die richtige Aussprache sei und von allen Eingeborenen entsprechend verstanden werden muss? Das Gegenbeispiel habe ich vor vielen Jahren in China erleben dürfen. Dort sagte im Bus eine chinesische Ansagerin: “Next stop Yíhéyuán!” Das half auch nicht richtig weiter, denn man muss schon ein trainiertes Ohr haben, um den Namen wiederholen zu können.

Mein englischer Arbeitskollege spricht ebenfalls, selbst nach gut 10 Jahren in Japan und noch immer völlig unbelastet von jeglichen Japanischkenntnissen, japanische Ortsnamen geradezu penetrant im englischen Akzent aus. Als ich ihn damit einmal aufzog, antwortete er: “Selber schuld, dann sollen sie es anders schreiben!”. So kann man es natürlich auch sehen.

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IT-Spass in Japan – heute: Email-Adressen

Mai 15th, 2015 | Tagged | 15 Kommentare | 883 mal gelesen

Die ganze Welt hält sich beim Einrichten und Verwalten von Email-Adressen an den dafür vorgesehenen Standard RFC 5322. Die ganze Welt? Aber nicht doch. Ein kleines Land am Rande des Pazifiks pfeift auf die Regeln. Wie schwer kann das denn mit den Email-Adressen sein, mag da der Laie denken, aber das Regelwerk ist (meines Erachtens unnötig) kompliziert. Da ist es gut zu wissen, dass es ein paar feste Regeln gibt. So wird im RFC 5322 und seinen Vorgängern festgeschrieben, dass der lokale Teile (also der Teil vor dem @-Zeichen) nicht mit einem Punkt beginnen oder enden darf. Ebenso ausgeschlossen sind zwei Punkte hintereinander.

Das mit den Punkten ist sowieso eine heikle Angewohnheit: Hat man eine Gmail-Adresse, werden Punkte im lokalen Bereich quasi ignoriert. Wer max.mustermann@gmail.com registriert hat, kann auch über maxmustermann@gmail.com angeschrieben werden. Bei Google Apps, genauer gesagt der Gmail-App, bei der man seine eigene Domain mit Gmail einrichten kann, ist dies jedoch nicht der Fall – maxmustermann@meine-domain.de wird nicht empfangen, so lange die Adresse nicht explizit eingerichtet ist.

Aber ich schweife ab. Gelegentlich meldet sich bei uns ein neuer Kunde an – mit Email-Adressen wie

was..weissich..0815@docomo.ne.jp

oder

ich-bin-neu-hier.@ezweb.ne.jp

Das System schaut sich die Email-Adresse an, und wie es gute Systeme nun mal tun, merkt es umgehend, dass die Email-Adresse nicht dem Standard entspricht. Ergo geht es (meist folgerichtig) davon aus, dass sich der hastige oder mit dem Keyboard noch nicht so vertraute Bug-Initiator User bei der Eingabe geirrt hat. Oder die Email-Adresse geht durch, aber der Server sendet letztendlich nicht, da die Adresse verkehrt aussieht. Danach gibt es natürlich prompt Beschwerden — wo denn die Bestätigungsemail bleibt, warum wir nicht antworten und so weiter und so fort.

Des Rätsels Lösung – Docomo und au, zwei der 3 grössten Mobilfunkbetreiber Japans – pfeifen ganz einfach auf den international anerkannten Standard und genehmigen die Einrichtung von Adressen, die gegen die Regeln verstossen. Immerhin gibt man einen Warnhinweis heraus, der darauf hinweist, dass es Probleme mit der Adresse geben könnte. Ich bin mir ganz sicher, dass sich alle Kunden ganz genau den Hinweis durchlesen und danach wohl überlegt die richtige Entscheidung treffen. Selten so gelacht. Die ganze Geschichte beweist mal wieder zwei Dinge:

1. Japan ist Galapagos, und den Status geniesst man.
2. IT in Japan ist nachwievor einfach nur ein Alptraum.

Ich würde mich ja gern irren, aber das ist schlicht das Fazit nach 10 Jahren IT in Japan.

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Bierrevolution im Anzug

Mai 12th, 2015 | Tagged | 9 Kommentare | 790 mal gelesen

Seit Dezember 2014 ist es schon im Gespräch: Die Abschaffung der lächerlichen Regeln zur Besteuerung von Bier, beziehungsweise das jahrelang anhaltende Katz- und Mausspiel der Getränkehersteller mit dem Staat zu Lasten der Verbraucher.

Hernach werden 350 Milliliter Bier mit 77 Yen, also rund 55 Cent, besteuert. Das ist viel, und so erfanden die Getränkehersteller den sogenannten Happōshu – ein Getränk mit Biergeschmack, das aufgrund der Nähe zum Bier mit 47 Yen ebenfalls recht hoch besteuert wird. Als nächstes folgte 第3のビール – “Bier dritter Klasse”, das noch weiter davon entfernt ist, den Namen Bier zu verdienen. Jenes wird mit 28 Yen besteuert. Aufgrund dieser albernen Situation griffen also immer mehr Leute zum Bier dritter Klasse, denn bei der Besteuerung ist Bier wirklich ziemlich teuer. Das will man nun ändern, indem man die Steuer für Bier zweiter und dritter Klasse anhebt und – hört, hört! – die Steuer für “echtes” Bier (wobei selbst jenes häufig drittklassig schmeckt) senken will. Im Gespräch sind momentan 55 Yen pro 350 Milliliter. Die Folgen dürften klar sein: Warum soll dann noch jemand zweit- oder drittklassiges Bier trinken? Viele Marken werden entsprechend verschwinden.

Heute stellten die Politiker jedoch fest, dass es da ja auch noch die sogenannten チューハイ Chūhai gibt – billiger Fusel mit Sprudel und irgendwelchen Aromazusatzstoffen mit 1 bis 9% Alkoholgehalt. Auch diese werden mit 28 Yen besteuert. Entsprechend wichen viele Verbraucher auf die Ersatzdröhnung aus. Warum 2 Euro für eine Dose Bier mit nur 5% berappen, wenn man sich schon für einen Euro die gleiche Menge mit 7 oder 9% Alkoholgehalt die Kollegen schön saufen kann?

Das Ende vom Lied wird sein, dass ab 2016 Bier eine kleine Renaissance erleben dürfte. Doch letztendlich handelt es sich nur um eine ganz profane Methode, Steuern zu erhöhen. Sicher, Bier selbst wird etwas billiger. Aber es bleibt für nicht wenige Menschen zu teuer. Und der Rest wird eben einfach mal teurer. Wahrscheinlich werden dann noch mehr zu härteren Sorten greifen, die noch recht milde besteuert werden. Aber vielleicht steigt ja somit wenigstens die Qualität der angebotenen Getränke.

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Geheimtipp für den Tokyo Sky Tree | Hakone gesperrt

Mai 7th, 2015 | Tagged , , | 4 Kommentare | 972 mal gelesen

Goldene Woche — Reisezeit. Entweder man reist selbst, oder man hat Besuch aus der Heimat, denn während eine Reise ins Ausland innerhalb der Goldenen Woche fast unbezahlbar ist, ist eine Reise während der Goldenen Woche – zumindest flugpreistechnisch – recht günstig.

Mit dem Besuch ging es dieses Jahr zum Tokyo Sky Tree, dem neuen Wahrzeichen der Stadt. Eigentlich habe ich jenen seit meinem letzten Besuch vermieden. Zu viel Rummel, zu viele Menschen, zu viele Geschäfte, und die Kostüme der Tokyo-Sky-Tree-Hostessen finde ich einfach mal absolut abstossend. Es gibt also eigentlich keinen triftigen Grund für mich, wieder dorthin zu fahren. Nun ging es also doch wieder hin, und ich hatte meinen Besuch schon vorgewarnt: Da Goldene Woche, wird es sehr, sehr voll werden. Und nein, wir werden nicht auf den Turm fahren können, weil man einen geschlagenen halben Tag warten muss, bis man an der Reihe ist.

Spasseshalber fragte ich bei der Information gegen 11:30 morgens nach, wie lange es denn dauern würde, bis man hochkönne. “So cirka 18:30″ lautete die nicht überraschende Antwort. Doch dann: “Für Ausländer gibt es allerdings jetzt das Fast Sky Tree Ticket. Das kostet mit 2,820 Yen bis zur Plattform in 350 m Höhe zwar 760 Yen mehr als das normale Ticket, aber: “In 20 Minuten von jetzt an sind sie oben!”. Sieh mal einer an. Also zum speziellen Ticketverkauf in der 4. Etage gegangen, und siehe da — keine 10 Leute warteten in der Schlange. Tickets gekauft, und schon wurden wir von einer Hostess zum Fahrstuhl geführt und schon waren wir oben. Geht doch. Interessant ist dabei, dass auch in Japan lebende Ausländer sowie den Ausländer begleitende Japaner das Fast Ticket nutzen dürfen. Das ist ja fast schon eine Geschäftsidee…

  • Tokyo Sky Tree
  • Tokyo Sky Tree
  • Tokyo Sky Tree
  • Tokyo Sky Tree
  • Tokyo Sky Tree
  • Tokyo Sky Tree
  • Tokyo Sky Tree
  • Tokyo Sky Tree

Wo wir gerade beim Thema Tourismus sind — gestern, am 6. Mai 2015, hat die Meteorologie-Behörde die Warnstufe für den Vulkan in Hakone auf Stufe 2 (von 5) erhöht. Infolgedessen wurden etliche Strassen sowie, und jetzt kommt’s, die Seilbahn gesperrt. Wie lange die Sperrung andauert, kann man noch nicht vorhersagen. Man erwartet auch keinen grossen Ausbruch, aber da die Seilbahn direkt über den Krater fährt, geht man verständlicherweise auf Nummer Sicher. Soll heissen, die übliche Hakone-Tour (Zug von Tokyo, Zahnradbahn von Gōra, Seilbahn, Schiff) hat sich für unbestimmte Zeit erledigt, da an der Seilbahn Schluss ist. Mehr Informationen dazu siehe hier.

Nun gut — wir fahren dieses Jahr gottseidank nicht ins nahe Hakone, sondern, mal wieder, nach Izu. Mehr und häufiger dann wieder auf diesem Blog nach der Goldenen Woche!

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Stichtag 8. Juli: Alien Registration Cards werden ungültig

April 29th, 2015 | Tagged , | 3 Kommentare | 1046 mal gelesen

Im Dezember vergangenen Jahres hörte ich bei der Wiedereinreise zum ersten Mal davon: “Denken Sie daran, dass ihre Karte im Juli dieses Jahres ungültig wird”. Und zwar ungeachtet dessen, was auf der Karte selbst draufsteht. Meine “Alien Registration Card“, so hiessen die Karten nach amerikanischem Vorbild, ist zwar bis 2020 gültig, aber das zählt nicht mehr.
Vor kurzem flatterte dann auch eine Karte der Ausländerbehörde (入国管理局 nyūkoku kanrikyoku – genauer übersetzt: “Immigrationsverwaltungsamt”)) ins Haus: Ich solle bitte meine Karte umtauschen, und zwar bis spätestens zum 7. Juli. Dazu noch die Empfehlung, dass lieber vor Mai zu tun, da man im Mai und Junimit einem Ansturm auf die Ämter rechnet. Das mag anfangs verwundern, schliesslich ist der Ausländeranteil mit unter 2% sehr gering. Entsprechend gibt es aber auch nur sehr wenige Ausländerbehördenämter: Im Grossraum Tokyo mit seinen rund 30 Millionen Einwohnern gibt es 15 Ämter beziehungsweise Zweigstellen. Kawasaki, immerhin eine Millionenstadt, hat nur eine kleine Zweigstelle, und das war es auch schon.

Ausländerbehörde (Zweigstelle)

Ausländerbehörde (Zweigstelle)

Natürlich haben die Ämter am Wochenende und an Feiertagen nicht auf (so natürlich ist das allerdings nicht, denn Rathäuser haben sehr wohl oftmals am Sonnabend oder Sonntag geöfnet).
Heute war der Zeitpunkt günstig, Ich war auf dem Weg zu einem Kunden, und auf dem Weg liegt die Zweigstelle für Kawasaki. Es ist erst das zweite Mal in meinem Leben, dass ich in Japan selbst zur Ausländerbehörde gegangen bin. Das erste Mal war 1998, und zufälligerweise war es die gleiche Zweigstelle. Ich konnte mich noch gut an den etwas rauhen Ton erinnern. Damals wollte ich, mit dem Internet war es ja noch nicht so weit her, herausfinden, ob ich als Austauschstudent arbeiten darf und wenn ja wie lange, und ob ich das anmelden müsse. Die Antwort war, nun ja, nicht ganz das, was ich erhofft hatte: Ja, ich dürfe etwas arbeiten, müsse aber vor Arbeitsantritt den Arbeitnehmer bei der Ausländerbehörde angeben und bekäme dann eine Arbeitserlaubnis. “Aber ohne Arbeitserlaubnis darf mich doch keiner anstellen, oder?” versuchte ich mich noch zu vergewissern. “Ja, das stimmt”, war die Antwort. Ohne Arbeitserlaubnis keine (legale) Arbeit. Ohne Arbeit keine Arbeitserlaubnis. Alles klar. Was man mir allerdings nicht mitteilte, war, dass man durchaus als Student ohne diese Formalitäten arbeiten kann, wenn auch nur begrenzt. Und so war letztendlich alles kein Problem.

Halb zehn kam ich bei der Behörde an. Dutzende waren bereits da, aber das Chaos hielt sich in Grenzen. Ab und an fuchtelten Ausländer aus aller Herren Länder planlos mit Formularen herum, und die Anmeldeschalterdame war bereits, 30 Minuten nach Öffnung, angesäuert. Dabei muss man eigentlich nur etwas Japanisch können, und sich das Formular vorher durchlesen – dann wird auch sie etwas freundlicher. Dass man in Japan nicht vordrängelt, scheint sich auch noch nicht herumgesprochen zu haben. Dass man erstmal schaut, ob es an den zahlreichen Formularausfülltischchen auch Kugelschreiber gibt, bevor man sich vordrängelt und in brüchigem Englisch “Pen! Where is pen!” kräht, sollte eigentlich auch selbstverständlich sein. Letztendlich ging alles jedoch relativ schnell. 3×4 cm grosses Passfoto, “darf nicht älter als 3 Monate sein” (meins war vier Jahre alt, aber ich altere ja nicht), Reisepass, alte Alien Registration Card und einseitiges Formular herübergereicht und Nummer bekommen. Wie lange das ungefähr dauern würde? “30 Minuten, vielleicht ein bisschen mehr” wurde mir gesagt, und als ich nach knapp 30 Minuten wiederkam, war ich auch schon bald an der Reihe. Und bekam meine entwertete Karte sowie die neue Zairyū Card mit meinem jung gebliebenen Antlitz zurück. Geht doch. Man sieht sich in 7 Jahren wieder, denn so lange ist diese Karte gültig.

In diesem Sinne – wer noch im Besitz einer alten Alien Registration Card ist, sollte sich langsam aber sicher auf die Socken machen.

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Glückliches Japan? Die Abwesenheit von Streiks

April 23rd, 2015 | Tagged , | 7 Kommentare | 1292 mal gelesen

Wenn ich so die Nachrichten aus Deutschland verfolge, habe ich den Eindruck, als ob dort die Lokführer und Piloten abwechselnd streiken. Kaum hören die einen auf, beginnen die anderen. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich das Gefühl habe, dass die Zeit sehr schnell vergeht, aber die Lokführer zum Beispiel streiken doch dieses Jahr schon das zweite Mal… oder!?

Streiks, so wundervoll sie auch als Waffe der Arbeitnehmer im Kampf für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen sind, sind etwas, was ich in Japan nicht unbedingt vermisse. Ich habe hier noch keinen erlebt, und ehrlich gesagt möchte ich mir auch nicht vorstellen, was passieren würde, wenn hier die Lokführer streiken würden. Wahrscheinlich würde innerhalb von 24 Stunden in Tokyo Anarchie ausbrechen. Nach drei Tagen würde dann wahrscheinlich die Vegetation beginnen, sich das verlorene Terrain rückzuerobern.

Den Mangel an Streiks verdankt Japan dabei nicht unbedingt dem Mangel an Gewerkschaften, denn die gibt es durchaus. Im Druckereigewerbe zum Beispiel, oder bei den Lehrern. Laut OECD-Bericht von 2013 ist der Prozentsatz der in Gewerkschaften organisierten Arbeitnehmer in Deutschland und Japan nahezu gleich – nämlich knapp 18%¹. In der Schweiz sieht es ähnlich aus, nur in Österreich ist der Anteil mit gut 25% noch relativ hoch. Der Trend ist jedoch in allen Ländern der Gleiche: Immer weniger Arbeitnehmer sind gewerkschaftlich organisiert.

Warum gibt es nun trotzdem wesentlich weniger Streiks? Ein wesentlicher Streikfaktor fällt in Japan raus: Der Kampf um höhere Löhne. In Japan kämpft man nun schon fast seit Jahrzehnten nicht mit Inflation, sondern mit Deflation. Die Preise sind also, von Energieträgern abgesehen, seit geraumer Zeit kaum gestiegen – und die Gehälter entsprechend auch nicht. Ein wichtigerer Grund ist in Japan jedoch die Bindung an die eigene Firma: Die eigene Firma zu bestreiken ist in Japan aufgrund der traditionell eingeforderten / bedingungslos entgegengebrachten Loyalität nur schwer vorstellbar.

Viele Gewerkschaften beschränken deshalb ihr Wirken in erster Linie auf den Schutz der Arbeitnehmer vor Kündigungen oder Willkür. Das kann für die Firma, so sie sehr klein ist, durchaus schmerzvoll werden. So erlebt es auch momentan ein australischer Geschäftspartner. Er ist seit kurzem Chef der Japan-Niederlassung eines weltweit agierenden Unternehmens. Die japanische Niederlassung fusionierte vor etlichen Jahren mit einer japanischen Firma, doch man liess sich vor rund zwei Jahren “scheiden”. Das brachte auch böses Blut hervor, und plötzlich schalteten ehemalige Mitarbeiter eine Gewerkschaft ein und zerrten die Firma (sprich: den Chef) vor Gericht. Dieser war zwar zu jener Zeit noch nicht mal in der Firma angestellt, aber als eingetragener Firmenchef ist er nun mal legitimer Rechtsnachfolger. Neulich bekam er dabei Besuch von einem örtlichen Vertreter der Kommunistischen Partei Japans. In einem Vier-Augen-Gespräch sagte dieser dann klipp und klar: “Entweder Ihr handelt im Sinne der Gewerkschaft, oder wir schicken ein paar Leute mit Transparenten vor eure Bürotüren”. Ein Einzelfall? Ich hoffe es. Fakt ist: Streiks werden kaum eingesetzt in Japan, aber Gewerkschaften verstehen durchaus, auf ihre Weise Druck auszuüben.

¹ Siehe OECD-Statistik

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Buschdoktoren am Werk

April 16th, 2015 | Tagged , | 7 Kommentare | 1488 mal gelesen

Ich brauche nur eine Viertelstunde von meinem Haus immer die Strasse herunterlaufen, bis ich vor einem trutzburgähnlichen Gebäudeensemble stehe: Das 聖マリアンナ医科大病院 St. Marianna University School of Medicine Hospital. Eine Universitätsklinik. Das klingt schön, wenn man es sich auf Deutsch auf der Zunge zergehen lässt. Doch kaum sind wir in diese Gegend gezogen, hörten wir schon die ersten, warnenden Stimmen: Geht um Gottes Willen niemals zum St. Marianna! Das sind alles ヤブ医者 – Yabu-Isha (Buschdoktoren). Das Krankenhaus ist wohl so schlimm, dass Bürger die örtlichen Kōmeitō-Abgeordneten drängten, etwas zu tun – und so baute schliesslich die Sōka-Gakkai-Sekte in der Nähe ein anderes, vom Ruf her wesentlich besseres Krankenhaus.

Die Gerüchte scheinen sich zu bewahrheiten. Seit gestern geistert das Krankenhaus durch alle Nachrichten¹. Bei einer Untersuchung wurde festgestellt, dass 20 Psychiater ihren Abschluss auf unrechtmässige Art und Weise erworben hatten. Allen 20 Ärzten wurde nun die Lizenz entzogen, und es tauchen Geschichten über unrechtmässige Einweisungen und mehr auf. Da fragt man sich freilich, wer denn überhaupt in dieses Krankenhaus geht, wenn der Ruf so schlecht ist.

Aber das ist nichts Neues in Japan: Die Unterschiede zwischen den Ärzten und den Krankenhäusern sind riesig, und das schlägt sich durchaus auch in den Preisen nieder. Wobei das nicht bedeutet, dass schlechte Krankenhäuser billig sind. Sie sind ebenfalls sauteuer – aber die richtig “guten” sind nochmal um einiges teurer. Aber gut: Ich hoffe doch, so bald kein Krankenhaus von innen sehen zu müssen. Und wenn doch, dann lieber nicht das St. Marianna, auch wenn es gleich um die Ecke liegt.

¹ Siehe unter anderem hier.

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Über 150 Delfine stranden in Ibaraki – ein Menetekel?

April 11th, 2015 | Tagged , | 3 Kommentare | 1431 mal gelesen

Heute morgen sind in der Nähe von Kashima in der Präfektur Ibaraki 156 Breitschnabeldelfine gestrandet. Ein paar konnten von Ortsansässigen gerettet werden, aber es waren einfach zu viele der bis zu 300 Kilogramm schweren Tiere – die meisten verendeten schliesslich am Strand¹.

Nun stranden alljährlich Delfine und Wale an Stränden in den unterschiedlichsten Gegenden der Welt, auch in Japan, aber die Menge ist ungewöhnlich. Schnell tauchte in japanischen Medien jedoch die Nachricht auf, dass zum Beispiel am 4. März 2011 über 50 Delfine unweit der diesjährigen Stelle strandeten. Was eine Woche später geschah, ist ja hinlänglich bekannt.

Eine der Theorien für die Massenstrandungen besagt, dass plötzliche Änderungen im Magnetfeld der Erde dazu führen können, dass die Tiere ihren Orientierungssinn verlieren. So etwas kann auch vor, während und nach Erdbeben vorkommen. Aber ein stichfester Beweis für diesen Zusammenhang scheint zu fehlen.

Soll man sich also kirre machen lassen? Lieber nicht. Aber etwas unheimlich ist das ganze natürlich schon. Von daher kann es nicht schaden, wenn man bei der Gelegenheit mal seine Strategie für den Ernstfall überlegt. Hat man genügend Toilettenpapier? Instantnahrung? Wasser?



¹ Eine Zusammenfassung mit Twitterfotos sowie eine Zusammenfassung von Argumenten pro und contra die Erdbebentheorie findet man hier (Japanisch).

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