Anschlag auf ein Nationalsymbol: Selbstverbrennung im Shinkansen

Juli 1st, 2015 | Tagged , | 8 Kommentare | 491 mal gelesen

Will man Japan ins Mark treffen, dann gibt es nur wenige Dinge, bei denen man das so leicht erreichen kann wie beim Shinkansen. Das Shinkansen-Netz gibt es seit 1964, also seit 51 Jahren, und die Beliebtheit ist ungebrochen – das Netz wird auch heute noch ausgebaut, und tagtäglich benutzen durchschnittlich 400,000 Fahrgäste die Züge. Und: Bisher gab es noch nie in der langen Geschichte einen tödlichen Unfall. Bis heute: Im Nozomi, dem schnellsten Shinkansen zwischen Tokyo und Osaka, lief ein laut Augenzeugen etwas verwahrloster, älterer Mann den Gang im ersten Wagen auf und ab, sprach einen Fahrgast mit “Wie sieht’s aus mit einer Zigarette?” an (alle Abteile sind Nichtraucherabteile, wohlgemerkt) und blieb schliesslich neben einer jungen Frau in der ersten Reihe stehen. Dieser legte er dann ein paar 1’000-Yen-Scheine auf den Tisch und sagte “Habe ich gefunden. Kannst Du behalten!”. Als die Frau ablehnte, sagte er ihr “verschwinde von hier, sonst wirst Du verletzt”. Anschliessend goss er sich eine brennbare Flüssigkeit über den Körper und zündete sich an.

Im Abteil brach Panik aus – die Fahrgäste versuchten aus dem Abteil zu fliehen, doch die enorme Rauchentwicklung führte schliesslich dazu, dass nicht nur der 71-jährige Selbstmörder aus Tokyo, sondern auch eine unbeteiligte, gut 50 Jahre alte Frau aus Yokohama noch vor Ort verstarb. Im fahrenden Shinkansen. Zudem gab es rund 20 Verletzte, vornehmlich mit Rauchvergiftung. Der Zug wurde schliesslich angehalten und Löschkräfte drangen zum Waggon vor, aber viel war nicht mehr zu tun: Von dem Mann blieb wohl nicht viel übrig, und der Waggon selbst fing nicht Feuer. Genauer gesagt war von aussen rein gar nichts zu sehen.

Dieses tragische Ereignis ist ein Schock – Shinkansen sind Japans Stolz und – vollkommen zurecht – ein Symbol für Pünktlichkeit, Sicherheit, Sauberkeit und Effizienz. Und obwohl natürlich sofort etliche Leute nach Massnahmen krähen – so ist das heutige Ereignis natürlich nicht mehr als ein freak accident – man kann sich nicht vor allen Dingen schützen.

Die Shinkansen rollten nach drei Stunden wieder, und nur wenig später war der Selbstmörder identifiziert – ein ehemaliger Abrissunternehmer, der vor kurzem in Rente ging und als unauffällig und nett galt. Was ihn zu der Tat wohl bewogen hat? Seine Geste mit dem Geld deutet auf Geldnot hin. Einen Abschiedsbrief hat man noch nicht gefunden, aber ein politischer Hintergrund würde mich überraschen.

Aus gegebenem Anlass an dieser Stelle mal ein gut gemachtes Video, in dem erklärt wird, wieso die Shinkansen so sauber sind, wie sie sind:

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Wo sind nur die Höschen hin?

Juni 26th, 2015 | Tagged , | 5 Kommentare | 798 mal gelesen

Kurz, kürzer, Bloomer: Das war Japan. Quelle: http://djminamo.blog99.fc2.com/blog-entry-106.html

Kurz, kürzer, Bloomer: Das war Japan. Quelle: http://djminamo.blog99.fc2.com/blog-entry-106.html

Neulich unterhielt sich meine Frau mit einer, nun ja, Kollegin, und man kam auf die sogenannten ブルマー burumaa zu sprechen – der Begriff leitet sich vom englischen Wort “Bloomer” ab: Damenpumphosen. Die sind allen Japanerinnen, die vor den 1990ern die Schulbank drückten, ein Begriff. Und ja – obwohl ich keine Animes schaue – sind diese mir doch in Erinnerung geblieben, als ich beim Zappen auf irgendein Volleyballanime stiess. Bis in die 1990er waren diese Hosen Pflichtkleidung im Sportunterricht für alle Grund- und Mittelstufenschülerinnen, also bis zu 14-jährigen Mädchen. In einigen Fällen waren diese sogar in der Oberstufe Pflicht.

Damenpumphosen waren schon lange Pflicht, doch in den 1970ern kam die ultrakurze Variante, auch als ちょうちんブルマー Chōchin Bloomer bekannt, in Mode. Angeblich aufgrund der zunehmend in Mode kommenden Sportart Volleyball. Nicht gänzlich unverständlich entwickelte sich daraufhin schnell ein regelrechter Fetisch, was jedoch, auch das ist verständlich, den 13, 14-jährigen Mädchen ziemlich auf den Wecker ging, denn in der Regel (sorry, die Zote muss sein) zieht man in dem Alter, beziehungsweise eigentlich in fast jedem Alter, so etwas nicht freiwillig an.

Die Hosen verschwanden jedoch letztendlich in den 1990ern. Und die heute erwachsenen Frauen wundern sich heute, wie so etwas eigentlich möglich war: Wie konnte es sein, dass man gezwungen war, so etwas anzuziehen? Das wäre doch heute undenkbar! Das wirft die berechtigte Frage auf, ob da etwa das japanische Patriarchat ins Schwanken geraten ist. Man kann sich nur zu gut vorstellen, wie damals ein paar Lustgreise feixend beschlossen, dass alle Mädchen dieses minimalistische Kleidungsstück anziehen müssen, ob sie wollen oder nicht. Das ist heute vorbei – der Trend geht zu längeren Kleidungsstücken, zudem noch beschleunigt durch die regelrecht panische Angst japanischer Frauen vor dem geringsten Sonnenstrählchen, dann man könnte ja den hellen Taint einbüssen, so man ihn überhaupt hat. Japan ist wahrscheinlich das einzige nicht-muslimische Land, in dem Burkini der absolute Renner sind. Aber — dazu muss man kein Mädchen sein — ist es verständlich, dass Frauen heute aufatmen, dass die ultrakurzen Bloomer irgendwann verschwanden.

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Abe kauft sich Zeit

Juni 23rd, 2015 | Tagged , | 9 Kommentare | 707 mal gelesen

Auf die Gefahr hin, meine Leser zu langweilen, kommt hier schon wieder… Politik. Denn es tut sich so einiges – die nächsten Monate könnten spannend werden. Im Wesentlichen dreht sich alles um den 安全保障関連法案 Anzen Hoshō Kanren Hōan – den Gesetzesentwurf zur (Landes)sicherheit, mit dem man quasi die pazifistische Verfassung aushebeln möchte. Erst sah es so aus, als ob Abe mittels einer bequemen Mehrheit im Parlament den Gesetzesentwurf irgendwie durchmogeln kann. Doch es regt sich Widerstand. Anfangs manifestierte sich der erst durch Rentner, die vor Bahnhöfen davor warnten, dass Japans friedliebender Charakter in Gefahr ist. Hinzu kam eine Graswurzelbewegung, ins Leben gerufen von einer Hausfrau, mit dem gleichen Ziel – den Pazifismusartikel in der Verfassung zu erhalten. Daraus wiederum entstand eine Bewegung zahlreicher Honoratioren im In- und Ausland, die sich darum bemühen, die japanische Verfassung mit dem Friedensnobelpreis zu krönen. Keine schlechte Idee, wie ich finde.

In der vergangenen Woche schlossen sich nun zahlreiche Forscher zusammen, um vor Abes Plänen zu zu warnen: Sein Vorhaben sei 違憲 – iken – verfassungswidrig. Abe tobte – wer hat da die Wissenschaftler auf den Plan gerufen? Doch das war nicht alles. Seit der vergangenen Woche gibt es zudem Demonstrationen in Tokyo – oft organisiert und hauptsächlich besucht von jungen Japanern. Sehr jungen Japanern – einige Sprecher waren noch nicht mal im wahlfähigen Alter.

Heute trat Abe konsequenterweise auf die Bremse: Er verlängerte die diesjährige Parlamentssitzungsperiode um 95 Tage bis Ende September. So lange wurde die Sitzungsperiode im Nachkriegsjapan noch nie verlängert. Das Ziel ist klar: Abe möchte eine ausreichende Mehrheit sowie die Bevölkerung hinter sich sehen, denn seine Umfragewerte sind stark gefallen. Momentan erklären sich weniger als 40% der Bevölkerung mit Abes Arbeit zufrieden; nur 29% sind dabei für die Neuinterpretation der Verfassung und 53% dagegen¹. Abe wird freilich stur bleiben und auf sein Ziel hinarbeiten, aber dank des immer stärker werdenden Widerstandes könnte in den nächsten Monaten so einiges passieren.

Interessant ist in diesem Licht da die heutige Meldung zum Anlass des 50-jährigen Jahrestages der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen (Süd)korea und Japan. Abe sprach bei einer von der südkoreanischen Botschaft in Tokyo abgehaltenen Zeremonie² und versicherte dort, dass er an einer auf Freundschaft fussenden Beziehung mit Südkorea arbeiten möchte – zusammen mit der südkoreanischen Präsidentin. Dies sei schliesslich wichtig, um Friede und Stabilität in der Region zu gewähren. Auch aus Südkorea kamen heute ermunternde Töne von der Präsidentin. Meldungen dieser Art hat man seit Jahren nur noch selten gehört und lassen aufhorchen. Buhlt Abe da um Verständnis für sein Gesetzesvorhaben beim Nachbarn? Oder will er damit der eigenen Bevölkerung zeigen, dass er ja nichts Böses im Schilde führt? Es bleibt abzuwarten. Ich jedenfalls vertraue dem Burschen nicht.

¹Siehe hier.
²Siehe unter anderem hier.

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Japanische Erwachsene werden jünger

Juni 19th, 2015 | Tagged , , | 6 Kommentare | 834 mal gelesen

Unter 20 Jahre? Dann bleibt der Hahn trocken!

Unter 20 Jahre? Dann bleibt der Hahn trocken!

Gestern, am 17. Juni 2015, geschah etwas ziemlich seltenes im japanischen Oberhaus: Eine Gesetzesnovelle wurde einstimmig beschlossen. Es geht um eine Änderung des Wahlgesetzes, die besagt, dass das Wahlalter von 20 auf 18 Jahre gesenkt wird. Somit haben die japanischen Parteien schlagartig 2,4 Millionen neue potentielle Wähler hinzugewonnen. Zwar nicht umgehend, denn traditionell verstreicht erstmal ein volles Jahr, bis die Änderung wirklich umgesetzt wird, aber immerhin. Zum letzten Mal wurde das Wahlalter übrigens 1945 herabgesenkt – von 25 auf 20 Jahre.

Im internationalen Vergleich¹ lag Japan mit seinem hohen Wahlalter ziemlich abgeschlagen auf den hinteren Rängen – üblich sind 18 Jahre. Und es ist nicht verwunderlich, dass nun umgehend eine alte Debatte aufflammt: Ab wann ist man in Japan volljährig? Noch sind es 20 Jahre, wobei vor ein paar Jahren schon die Grenze für das Jugendstrafrecht gesenkt wurde. Doch Verträge abschliessen, Alkohol kaufen geschweige denn trinken und vieles Weitere ist für unter 20-jährige noch immer tabu. Das Absenken des Wahlalters allerdings ist eine Sache – unter 20-jährige in den Genuss von Alkohol kommen zu lassen eine andere.

Dass das Alter so hoch liegt, ist für Japaner natürlich völlig normal – schliesslich war das quasi schon immer so. Von daher gehört dies auch zu den Fakten über das eigene Land, mit denen man so ziemlich jeden Japaner regelrecht schocken kann: “In Deutschland darf man mit 16 Jahren Bier trinken”² ruft jedes Mal ungläubige Blicke hervor.

¹ Siehe hier.
² Siehe Internationaler Vergleich Alkoholersterwerbsalter.

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Music Streaming – Neuland Japan

Juni 16th, 2015 | Tagged | 6 Kommentare | 810 mal gelesen

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Spotify in Japan: Wir müssen leider draussen bleiben!

Wirtschaftlich liegt Japan zwar nicht mehr auf dem 2. Platz – der japanische Musikmarkt ist aber sehr wohl noch die Nummer 2 weltweit. Musik ist ganz grosses Business in Japan, und der Markt ist sehr protektionistisch. Das ist auch nicht so schwer: Die beliebtesten Künstler werden quasi nur in Japan gehört, so dass man um die heimischen Plattenfirmen nicht herumkommt. Bisher hat man es so auch erfolgreich vermieden, sich mit Streaming-Diensten herumschlagen zu müssen. Mit Spotify zum Beispiel — wer von Japan aus Spotify aufruft (und keinen Proxy benutzt), wird flugs zu einer URL mit dem Namen “www.spotify.com/int/why-not-available” umgeleitet. Ihr wollt einen weltweit bekannten Streamingdienst in Japan benutzen? Aber nicht doch! Spotify sagt zwar auf seiner speziell für Japan errichteten Seite, dass man in den Startlöchern hocke, aber dort hockt man schon seit ein paar Jahren.

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Der 800-Pfund Gorilla in Japan: Line

Interessant ist am japanischen Markt, dass 80% des Umsatzes noch immer mit CD’s gemacht werden. Achtzig Prozent! Ich habe meine CD-Sammlung vor über 10 Jahren digitalisiert und seitdem – von wenigen Ausnahmen abgesehen – keine anfassbaren Tonträger mehr gekauft. Aus Platzgründen. Vielleicht kehre ich irgendwann zu CD’s (oder wer weiss, vielleicht sogar zum Vinyl?) zurück, aber momentan ist digitale Musik einfach praktischer, zumal ich gar nicht die Zeit habe, durch Plattenläden zu streifen. Beziehungsweise gibt es meine Musik dort sowieso nicht. Aber da scheine ich wirklich eine Ausnahme zu sein. Die restlichen 20% verteilen sich hauptsächlich auf iTunes & Co. Doch wie kommt das? Während die Musikindustrie 2009 noch rund 1 Milliarde Dollar mit digitaler Musik verdiente, ging es danach stetig bergab. 2014 waren es nur noch 350 Millionen Dollar. Der Anteil von Streamingdiensten ist dabei vernachlässigbar klein: Gerade mal 38,000 Euro wurden damit 2015 umgesetzt. Das ist freilich kein Wunder, da es ja quasi keine Streamingdienste gibt.

Doch langsam kommt Bewegung in den Markt. Zum einen dank Apple, die ja bald ihren eigenen Streaming-Dienst Apple Music starten wollen (hoffentlich auch in Japan). Doch in dieser Woche war plötzlich jemand schneller: Line, das japanische Pendant zu What’s App, hat vor 5 Tagen seinen eigenen Music-Streaming-Dienst gestartet¹. Der beginnt mit rund 1,5 Millionen Songs, auf die man mit nur 1’000 Yen, also weniger als 8 Euro, pro Monat zurückgreifen kann. Immerhin sind fast 60 Millionen Japaner, also jeder Zweite, bei Line registriert, womit Line schon mal eine gute Basis hat. Man darf gespannt sein, wie man hier auf Line und später auf Apple reagieren wird. Vielleicht taut ja der verknöcherte, überängstliche japanische Musikmarkt etwas auf. Gewinnen würden dann… die Musikfans.

¹ Siehe unter anderem hier: Reuters: Japan messaging app Line launches music streaming business

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Wenn alte Wunden aufreissen: Kobe-Mörder schreibt Bestseller

Juni 12th, 2015 | Tagged , | 4 Kommentare | 962 mal gelesen

Zekka - vom Kobe-Mörder Shin'ichirō Azuma

Zekka – vom Kobe-Mörder Shin’ichirō Azuma

Es ist gar nicht so lange her, dass ich darüber auf diesem Blog (und für ein Magazin) geschrieben habe: Den Sakakibara-Serienmord von Kobe, geschehen 1997 und verübt von einem 14-jährigen. Die Details sind so grausam, dass ich sie nicht noch einmal wiederholen möchte.

Der Vorfall hatte damals nicht nur bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen, sondern natürlich auch bei den meisten Japanern. Nach 18 Jahren geriet die Geschichte natürlich trotzdem langsam aber sicher in Vergessenheit, und der Täter, damals immer “少年A” (shōnen A) genannt, da aufgrund des japanischen Gesetzes zum Schutz Minderjähriger seine wahre Identität nicht veröffentlich werden durfte, lebt seit vielen Jahren unter uns… irgendwo, als freier Mensch.

In dieser Woche rief sich jedoch der Täter plötzlich wieder ins Gedächtnis aller zurück: Er veröffentlichte ein Buch mit dem Titel 絶歌 Zekka – in etwa “Ausklingendes Lied/Gedicht” unter dem Pseudonym 元少年A, also “Ehemaliger Jugendlicher A”. Erschienen ist das Buch beim kleinen Verlag Ohta Shuppan — siehe hier. Und siehe da, einen Tag später stand das Buch auf Platz 1 der Amazon-Bestsellerliste. Natürlich gibt es Proteste gegen das Buch, zumal es sich bei dem Buch nicht gerade um ein Schuldbekenntnis handelt: Im Gegenteil, die Einleitung lässt bereits erahnen, woher der Wind weht:

1997年6月28日。僕は、僕ではなくなった。

— 28. Juni 1997. Der Tag, an dem ich aufhörte, ich zu sein.

Es geht darum, dass er hernach seinen Namen gegen den Namen “Shōnen A” eintauschen musste – nicht mehr als “formloses Symbol”. Zwar entschuldigt sich der Täter in dem Buch bei den Angehörigen der Opfer, doch letztendlich schrieb er das Buch nur, um selbst Erlösung zu finden.

Natürlich laufen viele Menschen Sturm gegen das Buch — und gegen den Verlag. Das erkennt man schon an den zahllosen negativen Kommentaren bei Amazon. Der Grundtenor:

• Wenn er schon ein Buch veröffentlichen muss, dann soll er als jetzt Erwachsener gefälligst seinen wahren Namen nennen
• Was will der Verlag machen, wenn jemand aufgrund des (die Tat verherrlichenden) Buches eine ähnliche Tat begeht?
• Wenn wenigstens das Autorenhonorar an die Angehörigen gespendet werden würde

und so weiter. Und doch: Das Buch ist auf Platz 1 der Bestsellerliste. Denn das Böse fasziniert nunmal die Menschen. Und es dürfte auch nicht wenige Menschen geben, die einfach nur versuchen zu verstehen, denn die Tat hatte damals wirklich grosses Entsetzen ausgelöst – bei Erwachsenen sowieso, aber vor allem bei Kindern, die damals in einem ähnlichen Alter waren.

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Auch das noch: Bester Käse kommt aus Japan!

Juni 9th, 2015 | Tagged | 6 Kommentare | 1246 mal gelesen

Vor nichts machen sie halt – erst müssen sie der Welt besten Whisky herstellen, und jetzt auch noch den besten Käse! Sagte zumindest die Jury des Concours Mondial du Meilleur Fromager 2015, der gestern in Frankreich stattfand. Immerhin ist der Sieger selbst zwar Franzose, aber das stört die japanischen Medien nicht, da Fabien Degoulet (31), ohne seines Wissens ergo mein neuer bester virtueller Freund, in Japan residiert. Und ich hoffe doch, dass er in Zukunft den Käse, den er hier produziert, auch bald verkaufen wird! Und wieso sitze ich eigentlich nicht in der Jury?

Ganz wichtig: Immer eine Handbreit Käse unterm Kiel

Ganz wichtig: Immer eine Handbreit Käse unterm Kiel

Meines Erachtens nach sollte ein gut sortierter Haushalt auf jeden Fall einen ordentlichen Vorrat Käse im Hause haben. Das mutiert allerdings zunehmend zu einem recht teuren Hobby, denn der Yen ist momentan reichlich schwach auf der Brust, was Käse- und andere Importe natürlich verteuert. Von Butter mal ganz zu schweigen, denn der Butterengpass ist noch immer nicht behoben und feiert bald seinen ersten Jahrestag. Den Rekord stellte dabei neulich mein örtlicher Supermarkt auf: Der verkauft zur Zeit “Butter Mini Cubes” – 8 Würfelchen einzeln verpackter Butter mit jeweils 8 Gramm Butter drin – für runde 269 Yen, also gute 2 Euro. Das bedeutet also über 30 Euro für ein Kilogramm Butter. Nein, keine Trüffelbutter. Auch nicht mit Goldfolie – sondern die schnöde japanische Butter. Wahnsinn.

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Die Renten sind sicher – so sicher wie unsere Daten

Juni 4th, 2015 | Tagged , | 5 Kommentare | 1206 mal gelesen

Geschichte hat die Angewohnheit, sich zu wiederholen. Und dieses Mal hoffe ich insgeheim, dass sie sich vielleicht wirklich wiederholt. Es geht um die 年金機構 – die japanische Rentenkasse. Vor ca. 8 Jahren stellte man plötzlich fest, dass die Daten von rund 50 Millionen Versicherten nicht auffindbar oder unvollständig sind. Eine Glanzleistung, bei rund 125 Millionen Einwohnern. Natürlich hatte das Konsequenzen, und die Schlamperei trug wesentlich dazu bei, dass die regierenden Liberaldemokraten unter Ministerpräsident Abe bei den folgenden Wahlen regelrecht verjagt wurden.

Aufgrund chronischer Unpässlichkeit der japanischen Opposition bzw. der kurzzeitig regierenden Demokraten sind also die Liberaldemokraten wieder an der Macht, und mit ihnen bekannterweise Ministerpräsident Abe. Und die Rentenkasse hat wieder einen Knaller gezündet: Konsterniert musste man feststellen, dass die persönlichen Daten von mindestens 1,25 Millionen Versicherten nach draussen gelangten. Und zwar höchstwahrscheinlich durch einen mit einem Virus infizierten Computer der Anstalt in Fukuoka. Und das ist womöglich nur die Spitze des Eisberges, denn der Chef der Rentenkasse musste heute bei einer Anhörung im Parlament zugeben, dass man das wahre Ausmass des Datenlecks noch nicht kennt.

Seit Bekanntwerden des Lecks hagelt es Anrufe bei der Behörde, denn Betrugsfälle haben sprunghaft zugenommen. Anrufer scheinen die Daten zu nutzen, um glaubwürdig als Vertreter der Rentenkasse aufzutreten und so nach noch vertraulicheren Informationen zu fragen. Diesbezüglich gab es diversen Quellen zufolge schon über 150,000 Anrufe – auch das ist kein Pappenstiel.

Überrascht? Sicherlich nicht. Diese Dinge passieren überall (und in Japan etwas häufiger, wie ich meine). Aber vielleicht werden die Liberaldemokraten bei der nächsten Wahl wieder abgestraft. Doch halt – es gibt ja immer noch keine nennenswerte Opposition. Was wird also dieses Mal passieren? Nichts!

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Die tektonische Woche

Mai 31st, 2015 | Tagged , | 6 Kommentare | 1517 mal gelesen

Eigentlich lässt es einen ja schon fast kalt, wenn die Erde mal wieder ein bisschen wackelt oder irgendwo ein Vulkänchen brodelt. Aber die letzten 5 Tage legte sich der Untergrund in und um Japan so richtig ins Zeug. So gab es am Nachmittag des 25. Mai ein Beben der Stärke 5.6 auf der Richterskala – mit dem Epizentrum in der Präfektur Saitama, also beinahe schon direkt unter Tokyo. In einer Gemeinde war dies eine schwache 5 auf der japanischen Skala und in etlichen Teilen der Hauptstadt eine 4. Erdbeben dieser Stärke steckt man hierzulande eigentlich ganz locker weg, aber zu etlichen Zugverspätungen kam es trotzdem. Es war jedenfalls eine Weile her, dass mein Handy wegen eines Erdbebens losging: “Ein Erdbeben kommt! Ein Erdbeben kommt! Achtung!” – da das Epizentrum jedoch in unmittelbarer Nähe lag, kam die Warnung exakt zur gleichen Zeit wie das Erdbeben.

Am 29. Mai meldete sich der gut 600 m hohe Vulkan 新岳 (Shindake, wörtlich: “Neuer Gipfel”) eindrucksvoll in die Nachrichten zurück. Der Vulkan liegt auf einer kleinen Insel mit dem recht eigenartigen Namen 口永良部島 Kuchinoerabu in der Präfektur Kagoshima – direkt neben der sehr bekannten Insel Yakushima. Im vergangenen Jahr rührte sich der gleiche Vulkan schon ein Mal, zum ersten Mal seit über 30 Jahren, aber da gab es eine nur rund 800 Meter hohe Aschewolke. Dieses Mal ging die Aschewolke rund 9,000 Meter hoch. Verständlicherweise wurde daraufhin die höchste Warnstufe (5) ausgerufen – schliesslich leben auf der Insel ja auch noch rund 130 Menschen.

Nummer drei folgte heute abend, am 30. Mai: Erst gab es ein leichtes Erdbeben. Rund eine Minute später fing es schon etwas stärker an zu wackeln. Es waren keine heftigen Bewegungen, eher ein Gefühl, als ob der Untergrund zu schwimmen beginnt. Türen gingen auf und zu, Lampen pendelten hin und her. Kurze Zeit später erfuhren wir, dass das Zentrum bei den Ogasawara-Inseln lag. Also weit weg. Stärke: 8.5. Also sehr, sehr stark. Trotzdem wurde nur eins, zwei Minuten später bekanntgegeben, dass keine Tsunami-Gefahr besteht. Das ist erstaunlich – aber letztendlich nicht verwunderlich, da das Epizentrum in 590 km Tiefe – also sehr, sehr tief – lag. Bei der Stärke und Tiefe ist es dann auch nicht verwunderlich, dass das Beben in ganz Japan spürbar war – von Hokkaido bis Okinawa (siehe Karte).

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Automatisch erstellte Erdbebenkarte: Die Farbpunkte markieren Messstation, die Farbe selbst die dort gemessene Stärke. Weisse Punkte: Von der Wahrnehmung her kaum spürbar. Blau spürt man, wenn man nicht fest schläft oder im Zug sitzt. Grün – keine Schäden, aber schon deutlicher spürbar. Gelb = hier möchte man schon nicht mehr im Fahrstuhl stecken. Orange: Gut geschüttelt. Dunkelorange: Au weia. Rot: Definitiv nicht gut. Risse in Mauern und Strassen, Erdrutsche, Möbel umgekippt, alte Häuser zusammengebrochen. Violett: Dürfte jeder Beschreibung trotzen.

Gut. Das reicht dann doch erstmal für eine Woche. Hoffen wir, dass die nächste Woche etwas ruhiger wird. Übrigens: Wer auf neueste Nachrichten zum Thema aus ist, folge mir einfach auf Twitter. Dann gibt es Nachrichten wie die unten – und dies meistens schneller als die Tagesschau!

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Filmkritik: Kiseijū (Parasiten)

Mai 25th, 2015 | Tagged , | 1 Kommentar | 1609 mal gelesen

kisseijuSchon mal vorgestellt, wie es sein würde, wenn ein Körperteil ein eigenes Leben entwickeln würde? Richtig mit denken, sprechen und allem? Mit dem man dann schwatzen, philosophieren, und richtig heftig kämpfen kann? Nein? Dann gibt es diesbezüglich eine gute Nachricht: Der Manga-Zeichner Hitoshi Iwaaki hat sich darüber durchaus Gedanken macht, und diese in insgesamt 64 Bänden, beginnend 1988, festgehalten. Das Manga 寄生獣 kiseijū (“Parasiten”) war zu jener Zeit sehr beliebt – vor allem bei Oberstufenschülern und Studenten.

Dieser Stoff wurde nun verfilmt – Teil 1 erschien im November 2014, Teil 2 erschien vor drei Wochen, im April 2015. Nun kenne ich selbst den Manga freilich nicht, aber meine Frau kennt ihn natürlich. Hätte mich auch gewundert, wenn nicht.

Der Film beginnt mit ein paar Endzeitbildern und ein paar einleitenden Fragen: “Gäbe es nur 10% der Menschen, die es heute gibt, würden diese dann nur 10% des vernichteten Waldes zerstören?”. Gute Frage. Schnitt. Ein paar Glibberkugeln treiben auf einen Hafen zu, und ein paar längliche Parasiten schleimen sich ihren Weg zu einem Container. Diese suchen sich auch schnell ihre Opfer und kriechen ihnen durch das Ohr in das Gehirn. Beim Abiturienten Shin’ichi klappt das leider nicht, denn er hat seine Ohren mit Kopfhörern verstöpselt. So flieht der Parasit in die rechte Hand, und dort bleibt er stecken. Entsprechend wird er sich später auch “migii” – “Rechts” nennen.

Während die fachgemäss vom Parasiten befallenen Wirte nicht lange zaudern, ihre Gattinnen und andere Mitmenschen recht flink und brutal zu verspeisen, verzweifelt Migii anfangs an seinem Schicksal – schliesslich hatte er versagt. Der Träger des Parasiten ist natürlich auch nicht ganz glücklich. Bei den Parasiten – durchaus klug, aber sehr gefrässig – gibt es zudem zwei Gruppierungen: Die einen finden es passabel, einfach die Wirte komplett zu übernehmen, die anderen überlegen, das ganze weniger blutig vonstatten gehen zu lassen. Und Migii und sein Träger beginnen einen blutigen Kampf gegen die anderen Parasiten, die es sogar schon in die Politik (ich wusste es!) geschafft haben.

Der Film ist typisch japanisch, aber was die Spezialeffekte anbelangt, besser als vieles, was man bisher so gesehen hat. Etwas Horror, etwas Gesellschaftskritik, etwas Endzeitstimmung, etwas Romanze, etwas Humor: Eine kurzweilige Mischung. Das Ende ist allerdings recht abrupt: Man hat das Gefühl, lediglich eine Vorschau zu etwas gesehen zu haben.

Interessant: Shin’ichi bezeichnet seinen Parasiten als “Leibhaftigen”. Der äusserst lernfähige Migii liest sich danach alle möglichen Erklärungen zum Thema Teufel durch und kommt zum Entschluss, dass Menschen eigentlich viel schlimmer seien als der Teufel. Komisch: Vor einem Kampf mit einem der mit übermenschlichen Kräften ausgestatteten Parasiten erklärt Migii plötzlich, dass er furchtbar müde sei und gerade mal nichts machen könne.

Wie es aussieht, werde ich mir Teil 2 also auch noch ansehen müssen. Normalerweise bin ich kein sonderlich grosser Fan solcher Filme, aber der Film hat seine guten Momente. Laut Kennerin neben mir ist der Film allerdings offenbar ein gutes Stück vom Originalmanga entfernt.

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