Walfang einstellen? Aber warum denn nur?

September 18th, 2014 | Tagged | 2 Kommentare | 111 mal gelesen

Am 31. März dieses Jahres verbot der UN-Gerichtshof Japan, weiterhin Wale zu fangen¹ – mit der Begründung, dass die Behauptung Japans, Wale aus rein wissenschaftlichen Zwecken zu fangen, nicht den Tatsachen entspricht. Ein Moratorium auf Walfang besteht ja bereits seit 1986, und Japan ist eigentlich daran gebunden, zumal das Land ja bereits 1951 und damit nur 5 Jahre nach Inkrafttreten das Internationale Übereinkommen zur Regelung des Walfangs unterschrieben hatte. Doch bekanntermassen betrieb man weiter Walfang – in antarktischen Gewässern sowie im Nordpazifik östlich der Kurilen. Internationale Proteste sowie skurrile Gerüchte wie die erst neulich in den sozialen Medien die Runde machende Meldung Japanese whaling crew ‘eaten alive by killer whales, 16 dead’ hat japanische Politiker dabei bisher nicht die Bohne gekümmert.

Heute, am 17. September, hat Japan bei der Walfangkommissionssitzung in Slowenien erklärt, es werde alles in seiner Kraft stehende versuchen, um das Verbot aufheben zu lassen². Der japanische Vertreter zeigte sich dabei optimistisch, das Gericht überzeugen zu können, dass der Walfang tatsächlich aus wissenschaftlichen Gründen erfolgt – um die Population sowie den Einfluss der Meeressäuger auf das Ökosystem zu messen.

Aha. Es ist immer wieder amüsant, in japanischen Nachrichtensendern zu verfolgen, wie die Medien versuchen, dem Walfang eine gewisse Legitimität zuzusprechen. Das ist logisch betrachtet gar nicht so einfach, denn jedes Kind weiss, dass es in allen gut sortierten Supermärkten und Fischhändlern Walfleisch zu kaufen gibt.

Wahrscheinlich ist der Ansatz “Japan verbieten, Wale zu fangen” einfach von Grund auf falsch, denn auf solche Verbote von ausserhalb hat man in Japan (aber nicht nur dort) schon seit jeher eher trotzig reagiert. Da wird der Imageschaden einfach billigend in Kauf genommen. Ich hielte da einen anderen Ansatz für richtiger: Japan den Verkauf und Verzehr von Walfleisch zu verbieten. Denn ohne den Verkauf von Walfleisch wären Japans Politiker ganz sicher nicht bereit, Unsummen in diese Art “Forschung” zu investieren.


¹Siehe unter anderem hier (Englisch).
²Siehe unter anderem hier (Japanisch).

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Weg mit Geb!

September 10th, 2014 | Tagged | 11 Kommentare | 1372 mal gelesen

Ja, guten Morgen auch, Frau Erika Mustermann Geb Gabler!

Ja, guten Morgen auch, Frau Erika Mustermann Geb Gabler!

Und hier ist er – der zweite Teil der äusserst losen Serie Spass mit dem deutschen Reisepass im Ausland. Bis auf Bloggerkollegin Anika werden dabei wohl nur sehr wenige Leser mit dem Titel dieses Beitrages etwas anfangen können.

Würde die folgende Geschichte nicht für die Betroffenen für etliche Unannehmlichkeiten sorgen, wäre sie glattweg einfach nur saukomisch: Es geht um das Kürzel “Geb.” (kurz für Geboren/Geborene), das in deutschen Ausweisen und Reisepässen de facto zum Bestandteil des Namens wird. Das ist natürlich kein Problem in der grossen deutschen Wohlstandssphäre, doch da der Rest der Welt noch immer nicht begriffen hat, dass Deutsch natürlich eine unbedingt zu beherrschende Weltsprache ist, kann der Rest der Welt mit dem “Geb.” natürlich nichts anfangen: Da dies im Pass als Bestandteil des Namens aufgeführt wird, wird das “Geb.” zum Teil des Namens. Und das hat Auswirkungen.

In Japan mussten seit jeher Ausländer die sogenannte Alien Registration Card mit sich herumtragen. Der Name auf der Karte muss natürlich mit dem im Visum und damit dem Namen im Reisepass übereinstimmen. Man war soweit jedoch meistens recht kulant: Eine kurze Beschreibung der Bedeutung des Kürzels reichte aus, um das “Geb.” nicht auf der Karte tragen zu müssen. Doch seit man in Japan vor 2 Jahren damit begonnen hat, die alte Karte durch die neue Zairyu-Karte zu ersetzen, haben sich auch die Spielregeln geändert: Japanische Behörden sind nunmehr darauf angewiesen, keine Ausnahmen mehr zuzulassen. Und damit wird das “Geb” einfach mal so zum festen Bestandteil des Ausländerdaseins in Japan. Mit Folgen, denn bei allen möglichen Verträgen (Mietvertrag, Handy usw.) muss der Name genau mit dem auf der Zairyu-Karte übereinstimmen. Inklusive “Geb.” Aus Hashimoto Katja Maria wird so ganz schnell also eine Hashimoto Geb Müller-Bruckdorfshausen Katja Maria – ob sie will oder nicht. Und so wird man dann auch bei Behördengängen laut aufgerufen. Dass das japanisch “gebbu” ausgesprochene “Geb” dann auch noch dem Wort für “Rülpser” (geppu) ähnlich ist, fällt dann kaum noch ins Gewicht.

Weg mit Geb!

Weg mit Geb!

Das stösst den Betroffenen verständlicherweise sauer auf. Wer will schon mit einem ellenlangen und zudem noch falschen Namen durch die Landschaft laufen! Und so haben sich ein paar Betroffene zur Gründung der Gruppe Weg mit Geb! zusammengeschlossen. Und das soweit sogar mit Erfolg: Die deutsche Botschaft in Tokyo weiss davon, und heute wurde die Gruppe in einem Artikel der Japan Times vorgestellt¹. Eine Online-Petition, adressiert an Frank-Walter Steinmeier, ist auch auf dem Weg².

Sicher, gegen das Problem in Japan anzukämpfen ist eine Sache. Aber die Petition an sich erst geht den richtigen Weg: Das “Geb” sollte von Ausweisen und Reisepässen verschwinden – oder wenn das nicht geht, zumindest anders ausgewiesen werden, denn bei Dokumenten dieser Art sollte man schon korrekt sein – und “Geb.” ist einfach mal korrekt gesehen nicht Bestandteil des Namens!

In diesem Sinne – und als geistige Unterstützung in Form dieses Artikels – wünsche ich der Aktion den Erfolg, den sie verdient. Es sind nur drei Buchstaben, aber die Probleme, die daraus entstehen, sind beachtlich.

Mehr dazu auch bei Anikas Ginkgoleafs.

¹ Siehe Mind the ‘geb’: Little word is a big problem for Japan’s German residents
² Siehe bit.ly/mindthegeb (Change.org)

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Kabe-don | Rosa Heuschrecken

September 5th, 2014 | Tagged , | 1 Kommentar | 1589 mal gelesen

Zum allmählichen Ende des Sommers noch ein Beitrag der eher seichteren Natur. Zum einen wäre da die neue Werbung des berühmten Cup Noodle-Herstellers 日清 Nisshin. Der Trockenfutterproduzent ist seit jeher für ausgefallene, amüsante Werbung bekannt, und auch dieses Mal hat man sich redlich Mühe gegeben. Interessanterweise mit englischen Untertiteln, die auch im Fernsehen gezeigt werden.
Lachen musste ich bei dem Begriff Kabe-don: “Kabe” bedeutet Wand, “-don” ist ein lautmalerisches Wort für klatschen oder plumpsen. In der Tat: Diese Pose, bei der ein Mädchen/eine Frau an der Wand steht und der potentielle Geliebte sich mit einer Hand vor ihr an der Wand abstützt, sieht man recht häufig in Manga. So gesehen liegt die Werbung nicht falsch. Man spielt mit Klischees auf unterhaltsame Weise.

Weithin sichtbar: Rosa Heuschrecke auf grünen Blättern

Weithin sichtbar: Rosa Heuschrecke auf grünen Blättern

Themenwechsel: Auf die Gefahr hin, den einen oder anderen Leser zu langweilen – schliesslich ging es schon im letzten Artikel um Insekten – muss ich hier doch noch etwas zum Thema loswerden. Vorgestern, als meine Frau mit dem Nachwuchs im Park spielte, sprang ihr eine rosa Heuschrecke vor die Füße. So etwas hatten wir auch noch nicht gesehen. Schnell ein Foto gemacht – und dann ging das recherchieren los. Angeblich werden ganz selten mal rosa Heuschrecken (keine Wüstenheuschrecken, wohlgemerkt!) in Japan gesichtet, neulich zum Beispiel in der Präfektur Gunma. Das passiert so selten, dass das sogar im Fernsehen erscheint. Dummerweise hatte man aber kein Insektenkanister dabei.
Das konnte meine Frau nicht auf sich sitzen lassen: Sie wollte unbedingt noch mal in den Park und die Heuschrecke fangen – damit unsere Tochter sie mit in die Schule nehmen kann. Ich scherzte noch: “Schlimmer, als sie nicht mehr zu entdecken, wäre, wenn da plötzlich ganz viele rosa Heuschrecken wären”. Und siehe da: Innerhalb von 15 Minuten fing sie … 4 (vier) rosa Heuschrecken.

Das wäre doch was für Verschwörungstheoretiker: Dengue Fieber in Tokyo und Rosa Heuschreckenplage! Das Ende naht! Fukushima!!! Nun gut. Es dürfte aber interessant zu sehen sein, wie schnell und wie weit sich diese seltsamen Tiere noch ausbreiten werden…

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Kreuchendes und Fleuchendes

September 2nd, 2014 | Tagged | 5 Kommentare | 1775 mal gelesen

Gottesanbeterin bei der Mahlzeit

Gottesanbeterin bei der Mahlzeit

Am vergangenen Freitag bekam meine Tochter, Zweitklässlerin, eine besondere Hausaufgabe auf. Alle Schüler sollten am Montag ein Insekt mit in die Schule bringen. Egal welches. In meinem vorherigem Wohnort wäre das mangels Natur gar nicht so einfach gewesen, aber wir sind ja jetzt in Kanagawa, und wenn wir alles so viel hätten wie Insekten…

Nun lümmelten am Sonnabend gut sichtbar drei Gottesanbeterinnen am Haus herum. Die hier meist knapp 10 Zentimeter langen Tierchen sehen jung (grün) ganz putzig und erwachsen (braun) ziemlich bösigartig aus. Töchterchen griff sich das größte Exemplar mit der Hand, lernte derweilen, dass die Tiere auch merklich zubeissen können, und brachte es im Insektensammelbehälter (in allen gut sortierten 100-Yen-Shops erhältlich) unter. Da noch zwei Tage Zeit waren, legten wir noch frisches Futter dazu (lebende Heuschrecken) und Futter für das Futter (Auberginenblätter). Die Heuschrecken (rund 3 cm lang) hatten nicht allzu lange Freude dran. Merke: Eine Gottesanbeterin schafft locker zwei Heuschrecken am Tag. Und eine kleine Motte zum Nachtisch.

Japanischer Prachtkäfer

Japanischer Prachtkäfer

In der Schule stand meine Tochter mit dem Tier scheinbar ganz allein da – der Rest brachte Nashornkäfer (sehr verbreitet und beliebt hier), Heuschrecken usw. mit. Im Schulgarten züchtet man übrigens Heuschrecken, wobei züchten natürlich schön gesagt ist: Wir züchten die nicht, und haben trotzdem haufenweise davon hier, die all unser Gemüse ratzekahl leerfressen, selbst mit den tüchtigen Gottesanbeterinnen. Der Vorschlag meiner Tochter, Kama-chan (so taufte sie das Tier, da dieses auf Japanisch kamakiri heisst), doch im schuleigenen Heuschreckengelege ein kurzes Mittagessen zu gönnen, stiess jedenfalls auf wenig Gegenliebe, so dass sie Kama-chan wieder nach Hause trug… und freiliess.

Lieber ausweichen: Mukade

Lieber ausweichen: Mukade

Was wollte ich eigentlich schreiben? Ach ja! 玉虫 Tama-mushi. Endlich habe ich einen mit eigenen Augen gesehen. Der lateinische Name lautet Chrysochroa fulgidissima und die Tiere gehören zu den Prachtkäfern. Der Name erscheint sinnvoll – die Tiere schillern wirklich in aller Pracht. So sehr, dass man im berühmten Hōryūji bei Nara im 7. Jahrhundert einen kleinen Turm komplett mit Tama-mushi-Flügeln bepflasterte und so etwas ganz besonderes schuf – den 玉虫厨子 Tamamushi-Zushi (Prachtkäfer-Altar).

Zu guter letzt lief uns im Park noch eine Mukade (Hundertfüßer) vor die Beine – ein Tier, dass ich genauso fürchte wie eine japanische Hornisse. So. Nach sporadischen Abhandlungen über Zikaden, Prostituierten-Spinnen und Rosenkäfern war es mal wieder an der Zeit, über kreuchende und fleuchende Bewohner zu schreiben.

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Dengue-Fieber in Tokyo

August 29th, 2014 | Tagged | 5 Kommentare | 2136 mal gelesen

Eigentlich ist es eher aus den Tropen und Subtropen bekannt: Das von Mücken übertragene Dengue-Fieber (auf Japanisch: デング熱 dengu netsu). Vom Verlauf her wie eine schwere Grippe, die mitunter auch tödlich verlaufen kann. Eine Impfung gibt es nicht, und eine echte Therapie auch nicht – man kann maximal die Symptome lindern.

In dieser Woche tauchten in Tokyo bisher drei Menschen auf, die am Dengue-Fieber erkrankt sind. Die erste Person (und die anderen beiden wahrscheinlich auch) hat sich dabei definitiv in Japan infiziert, denn sie war in letzter Zeit nicht im Ausland. Wohl aber im Yoyogi-Park, mitten in Tokyo, wo sie sich auch darank erinnern konnte, von Mücken gestochen worden zu sein. Als Überträger kommen dabei vor allem asiatische Tigermücken (ヒトスジシマカ Hitosujishima-ka) in Frage, und von denen gibt es in Japan mehr als genug. Um eine zu “fangen”, muss ich momentan nur zehn Sekunden vor das Haus gehen.

Das Dengue-Fieber ist nicht völlig unbekannt in Japan – zum letzten Mal gab es vor 69 Jahren Epidemien, aber das lag daran, dass sich unzählige japanische Soldaten in Siam, Indonesien usw. infizierten, nach Hause zurückkehrten, dort von Mücken gestochen worden – und diese dann wiederum andere Menschen stachen. Wie der Erreger jedoch nun in die Mücken des Yoyogi-Parks kamen, muss wohl noch geklärt werden. Ebenso die Frage, ob das nun gerade der Beginn einer grösseren Welle ist oder nicht. Aber wenigstens ist es nicht Ebola.

Passend zum Thema, hat sich vor zwei Wochen beinahe die gesamte Familie des Nachbarhauses mit Mumps infiziert. Erst die Tochter, dann die Mutter, schliesslich der Vater. Einzig der Sohn, bei dem alle hofften, dass er sich infiziert, damit er es hinter sich bringt, ist nicht krank geworden. Denn bei Erwachsenen ist Mumps wohl wesentlich unangenehmer. Lust hätte ich darauf auch nicht – erst recht, wenn man hört, dass jeder dritte Mann sich dabei auch noch eine Orchitis einfängt. Oh je.

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Batman lebt. In Chiba.

August 25th, 2014 | Tagged | Kein Kommentar bisher | 428 mal gelesen

Wie ein Lauffeuer verbreiteten sich heute Nachrichten auf Twitter in Japan über – Batman. Da hat sich doch tatsächlich jemand die Mühe gemacht, ein fahrbares Batman-Motorrad zu basteln – und damit im entsprechenden Kostüm über die Autobahn bei Makuhari (Präfektur Chiba) zu brettern. Das Ding hat wohlgemerkt ein amtliches Nummernschild.

Was will Batman hier? Ist er auf der Jagd nach Baikinman? Oder ist er sogar hier, um den bösen Abeman vom Ministerpräsidentensessel zu schubsen? Sollte letzteres der Fall sein, wäre ich gern Robin.

Wer weiss, wer sich dahinter versteckt. Ich hoffe, es ist kein PR-Stunt sondern wirklich jemand mit Humor… und offensichtlich viel technischem Verstand. Auf jeden Fall muss die Fahrt zu den befriedigensten Momenten im Leben des Fahrers gehört haben.

Mehr Fotos und Infos gibt es bei der japanischen Version der Huffingtonpost.

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Rassistische Kinderliteratur

August 22nd, 2014 | Tagged | 10 Kommentare | 3043 mal gelesen

Kinderbuch "Ninjin ga akai wake"

Kinderbuch “Ninjin ga akai wake”

Als heute jemand (genauer gesagt N.H. aus D) einen Link zu einem Uralt-Artikel der Japan Times gepostet hat, fiel mir wieder ein Buch beziehungsweise eine Sache ein, über die ich schon lange schreiben wollte. Besagter Artikel der Japan Times ist von 2012 und trägt den Titel Book is behind bullying of mixed-race children. Genauer geht es da um das sehr bekannte und beliebte Kinderbuch “Ninjin-san ga akai wake” – “Warum die Mohrrübe rot ist”. Im Buch geht es darum, dass sich eine Schwarzwurzel, eine Mohrrübe und ein Rettich waschen wollen. Der Schwarzwurzel ist das Bad zu warm, also wäscht sie sich nicht richtig. Die Mohrrübe badet länger, wird aber aufgrund des heißen Wassers ganz rot. Der Rettich ist schlau, giesst etwas heisses Wasser hinzu… und wird so schön weiß!

Man kann ahnen, woher der Wind weht. In Japan gibt es auch etliche Kinder mit japanisch-afrikanischen oder japanisch-afroamerikanischen Eltern. Diese Kinder fallen natürlich auf. Und es gab (und wahrscheinlich gibt) wohl viele Fälle, in denen diese Kinder nicht nur für Mitschülern, sondern sogar von Lehrern und Kindergärtnern gehänselt werden – mit Verweisen auf das Buch. Das verwundert natürlich nicht: Kinder sind nur allzu gern bereit, über anders aussehende Kinder herzuziehen. Ich kann ein Lied davon singen – in meiner +300-Schule war ich der einzige mit rotblonden Haaren. Dass mit der Betreuung der Kinder beauftragte Erwachsene jedoch da mitmachen, ist schockierend aber in Japan nichts Neues (jedoch zum Glück eher eine Ausnahme).

Kinderbuch Chibikuro Sambo

Kinderbuch Chibikuro Sambo

In dem Zusammenhang fiel mir ein anderes Kinderbuch wieder ein: “Chibikuro Sambo” – ein im Original englisches Buch mit dem Namen “Little Black Sambo” aus dem Jahre 1899, das in Japan zu einer Serie wurde und mindestens 3 Titel umfasst. Es ist etwas aus der Mode gekommen, aber die meisten kennen das Buch.

Im Falle des ersten Buches stiess sich der Vater dreier japanisch-afrikanischer Kinder an dem Buch und brachte einiges in Bewegung, um das Buch aus dem Verkehr zu ziehen. Letztendlich schrieb er ein Gegenbuch, dass Kindern beibringt, dass die einen Menschen eben so und die anderen so sind.

Aber wo zieht man die Grenze? Diese Diskussion hat in Japan bei weitem nicht die Gesellschaft in dem Umfang erreicht, wie sie das zum Beispiel in Deutschland tat bzw. noch immer tut. Soll man diese Literatur verbieten? Umschreiben? Zensieren? Ich lese meinen Kindern auf deren Wunsch oft Heinrich Hoffmann (“Der Struwwelpeter”) vor:

Da kam der große Nikolas
Mit seinem großen Tintenfaß
Der sprach: “Ihr Kinder hört mir zu
Und laßt den Mohren hübsch in Ruh’!
Was kann denn dieser Mohr dafür,
Daß er so weiß nicht ist wie ihr?”

(Es geht nicht um den Begriff ‘Mohr’, sondern darum, dass Hoffmann die schwarze Hauptfarbe quasi als Makel bezeichnet – für den der Mohr’ jedoch nichts kann).
Sollte ich die Seite überspringen?

Es ist ein heißes Eisen und kann und sollte eigentlich nur von denen angefasst werden, die (potentiell) betroffen sind. Aber diese Bücher, so sie nicht jüngst und mit böser Absicht geschrieben wurden, zu verbieten, halte ich für den falschen Weg – ja, für eine Sackgasse, denn es würde kein Ende nehmen. Man beginnt bei der Hautfarbe, dann um Geschlechterrollen, das Fehlen eines alternativen Geschlechts, ein Spaziergänger mit Zigarette im Mund… die Zensur würde ewig weitergehen.

Und mal ehrlich: Kinder, so nicht aufgeklärt, ziehen auf jeden Fall über anders aussehende Altergenossen her, ob sie das Buch kennen oder nicht. Dass es in Japan jedoch noch immer vorkommt, dass Lehrer nicht nur nicht eingreifen, sondern sogar mitmachen, ist unentschuldbar.

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Der Mandarake-Vorfall oder die Rückkehr des Prangers

August 19th, 2014 | Tagged , | 2 Kommentare | 3354 mal gelesen

Mandarake-Webseite mit Übeltäter

Mandarake-Webseite mit Übeltäter

In der vergangenen Woche entbrannte eine interessante gesellschaftliche Diskussion in Japan, die man so auch schon aus anderen Ländern kennt: Das öffentliche Anprangern von Übeltätern. Dieser mittelalterliche Brauch ist ja bereits hinlänglich aus Großbritannien und den USA bekannt – vor allem im Zusammenhang mit Menschen, die durch Kindesmißbrauch polizeilich belangt wurden.

Der Anlass in Japan ist geringer, aber die Diskussion darum nicht minder aufschlussreich. Den Stein des Anstosses lieferte ein Ladendieb: Jener liess aus einer Filiale der Mandarake-Ladenkette einen rund 50 Jahre alten Spielzeugroboter mitgehen. Mandarake verkauft alles rund um Manga und japanische Spielzeuge, und der Roboter (“Buriki no Tetsujin #28″) wurde für 250’000 yen, also fast 2’000 Euro, zum Verkauf angeboten.

Videokameras haben den Täter erfasst, und Mandarake liess sich etwas Neues einfallen: Man veröffentlichte das Foto des vermeintlichen Täters auf der eigenen Webseite – stark verpixelt, wohlbemerkt. Dazu schrieb man, dass man das unverpixelte Foto hochladen werde, wenn sich der Täter bis Mitternacht in einer Woche nicht melde und das Diebesgut zurückgebe. Dies wurde von den Medien aufgegriffen, so dass auch die Polizei hellhörig wurde. Und letztendlich Mandarake bat, auf die Veröffentlichung zu verzichten. Rechtsexperten merkten an, dass die ungewöhnliche Maßnahme selbst ein Straftatbestand sein könnte (名誉毀損 – Diffamierung und/oder 恐喝 Erpressung). Die Seite auf Mandarake befindet sich hier.

Die Reaktionen sind gemischt, aber es dürfte klar sein, dass viele Menschen, allen voran Ladenbesitzer, der Maßnahme eher wohlgesonnen gegenübersteht. Ladendiebstähle (万引き manbiki) sind auch in Japan ein Problem, wenn es auch kleiner zu sein scheint als in Deutschland. Dort fühlte ich mich in manchen Läden so, als ob ich einfach nur als potentieller Dieb und nicht als Kunde betrachtet werde, aber in Japan bemerkt man als normaler Kunde – gottseidank – kaum etwas. Mir sind hier zumindest noch keine Ladendetektive aufgefallen, und auch sonst scheinen, von kleinen Kameras an allen Ecken und Enden mal abgesehen, die Sicherheitsmaßnahmen eher lasch zu sein. Höchstens der Kaviar ist in einer besonderen Box abgeschlossen, und CD- und DVD-Hüllen sind bei Book Off, dem Antiquariat für alles, leer, aber sonst… In Japan ist es mir sogar bereits eins, zwei Mal passiert, dass ich beinahe unbewusst zum Ladendieb wurde: Da die Läden manchmal so dicht beisammen stehen, dass man nicht merkt, wann man den Laden verlassen hat, stand ich auch schon mal mit unbezahlten Artikeln weit ausserhalb des Ladens – und hätte einfach nur weiterlaufen müssen. Was ich freilich lieber sein lasse.

Ist Mandarake nun also im Recht, so etwas zu tun? Irgendwo schon. Und doch: Sollte dies um sich greifen, wird es nicht lange dauern, bis irgendwann mal zu unrecht angeprangert wird. Und dann ist das Geschrei gross. Also lassen wir lieber die Kirche im Dorf oder den 神社 im 集落.

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Feldbericht: Präfektur Niigata

August 16th, 2014 | Tagged | 6 Kommentare | 3558 mal gelesen

Auf die Frage an die Leser, wohin sie mich denn schicken würden, wollten mich ein paar Leser zur Atomruine nach Fukushima schicken – andere hingegen nach Niigata. Da ich es mir schwer vorstelle, ohne eigenes Vehikel in Fukushima viel ausrichten zu können, zog ich nun also nach Niigata.
Die Präfektur hatte ich in der Tat bisher vernachlässigt. Vor über 10 Jahren, damals noch lediglich ein Kurzzeitbesucher und so mit dem Railpass bewaffnet, fuhr ich einmal mit den Shinkansen nach Niigata Stadt und am Abend wieder zurück. Zu Beginn dieses Jahres folgte dann ein Skiausflug nach Yuzawa.

Die jetzige Tour war sehr kurz – drei Nächte, drei Tage, und zeichnete sich vor allem durch mangelnde Vorbereitung aus. So folgte ich dem Tipp, mir mal 燕三条 Tsubame-Sanjō anzusehen, da die Gegend bekannt für die Produktion hochwertiger japanischer Messer und anderer Metallerzeugnisse ist. Das stimmt zwar, aber um es vorzunehmen, lohnt sich ein Besuch nur, wenn man viel Zeit mitbringt und sich ordentlich vorbereitet, sprich, weiss, welche Manufakturen man besichtigen will. Für mich konnte das nur scheitern, da ich erst abends um 7 Uhr ankam und am nächsten Tag die Fähre von Niigata um 12:55 erreichen musste. Denn merke – es ist Obon, und da ist alles ausgebucht.

Schnappschuss aus Tsubame

Schnappschuss aus Tsubame

Tsubame-Sanjō erwies sich als hervorragendes Beispiel misslungener Stadtplanung. Der Bindestrich lässt erahnen, dass es sich eigentlich um zwei Orte handelt: Tsubame im Norden, Sanjō im Süden. Zwischen den beiden Orten baute man irgendwann die Shinkansentrasse und eine Autobahn. Die Konsequenz: Rund um den Shinkansenbahnhof baute man grosse Einkaufszentren und Restaurants en masse, während die Innenstädte mehr und mehr herunterkamen – dort gibt es so gut wie keine Geschäfte mehr. Zumindest Tsubame ist nun offensichtlich klar überaltert, und das gilt für die Infrastruktur, die Häuser und vor allem für die Bewohner. Dass die Gegend so bekannt ist für die Messer- etc.-Produktion, lässt man sich übrigens nicht anmerken – normalerweise werden an den Bahnhöfen in Japan die lokalen Besonderheiten gepriesen, wenn nicht gar verkauft, aber der Bahnhof von Tsubame war einfach nur heruntergekommen.

Nun gut. Mit dem Bummelzug ging es nach einer Nacht in einem stinknormalen Businesshotel nach Yoshida und von dort mit einem anderen Bummelzug nach Niigata. Der dortige, zugebenermassen nicht sonderlich schöne, Bahnhof wird momentan umgebaut, was, ein schönes Chaos im und um den Bahnhof herum zur Folge hatte. Ein kurzes Mittagessen, und weiter ging es mit dem Bus zum Fährterminal. Aus Neugier hatte ich beschlossen, mit der schnellen Fähre hin (ca. eine Stunde, rund 6,500 yen) und der langsamen Fähre (2,720 yen, 2:40 Stunden) zurückzufahren. Die Fähren waren natürlich ausverkauft, aber das war vorher zu erwarten, weshalb ich telefonisch vorbestellt hatte.

Tragflächenboote sind zwar schön schnell, aber man kann natürlich nicht an Deck und sieht nicht viel. Eine Stunde später war ich schliesslich in 両津 Ryōtsu, dem Haupthafen der Insel Sado (佐渡島 Sado-ga-shima). Übersetzt bedeutet der Name “Beide Häfen” – das bezieht sich wahrscheinlich auf die Tatsache, dass der Ort eine schmale Landzunge zwischen Meer und einem See einnimmt. Allzu viel gibt es nicht zu sehen, und so ging es weiter mit dem Bus auf die andere Seite der Insel – nach 相川 Aikawa. Das dauert ebenfalls eine Stunde. Ein Blick aus dem Fenster in Ryōtsu offenbarte ein vertrautes Bild: Nahezu alle Geschäfte waren für immer geschlossen worden, der シャッター通り-Effekt (Rolläden-Strasse, bezeichnet das Geschäftssterben in Innenstädten, da man dort nur noch geschlossene Rolläden sieht) hätte ausgeprägter nicht sein können.

Erzhüttenruine aus der Vorkriegszeit

Erzhüttenruine aus der Vorkriegszeit

Die blitzförmige Insel Sado ist einfach aufgebaut: Gebirge entlang der beiden langen Enden, eine Ebene in der verbindenden Gerade. Dort fuhr der Bus entlang, bevor er gen Norden fuhr. Natürlich ist die Ebene auch am dichtesten besiedelt. Aikawa ist jedoch eher verschlafen, und als ich an der Endhaltestelle ausstieg, stand ich inmitten eines Fischerdörfchens mit nichts herum. Nun war es schon nach 3 Uhr nachmittags, aber mein erklärtes Ziel war es, die Gold-und Silbermine 金山 Kinzan nahe Aikawa zu sehen. Da es weder Busse noch Taxis in der Gegend gibt, lief ich erstmal los und stand nach wenigen hundert Metern bereits vor einer beeindruckenden Industrieruine: Verhüttungsanlagen aus der Zeit vor 1945. Mit Erklärungstafeln in Japanisch und Englisch, und in recht gepflegtem Zustand. Hier hat man sich richtig Mühe gegeben, und die ganze Anlage hat ihren morbiden Charme.

Diesen Berg hat man vor hunderten Jahren regelrecht gespalten

Diesen Berg hat man vor hunderten Jahren regelrecht gespalten

Wenn man von dort noch mal gut 1.5 km die Strasse entlang durch saftig-grüne Wälder bergauf läuft, kommt man zur eigentlichen Goldmine. Die hat man seit 1601 erschlossen, und zwar erst oberirdisch: Man hat, deutlich sichtbar, einen komplettem Berg quasi zweigeteilt. Dann ging es unter der Erde weiter, und einen Teil der Stollen hat man zum Museum ausgebaut. Das schöne daran: Draussen sind es im Sommer schwüle 30+ Grad – unter Tage hingegen 12 Grad. Sehr erfrischend. Die Mine und das drumherum sind alles in allem recht interessant: Heute liegt die Insel Sado zwar nicht am A**** der Welt, aber sehr, sehr nah dran (man muss schon eine Weile paddeln, bis man … In Nordkorea landet), aber vor hunderten Jahren tobte hier der Mob: Zehntausende Arbeiter und die komplette Industrie drumherum (Köche, Regierungsbeamte, Prostituierte…) waren hier zugange, denn so viele Goldquellen hatte Japan nun auch nicht).

Es war nun schon reichlich spät, das Hotel relativ weit weg und Busse Fehlanzeige, also rief ich ein Taxi. Das Hotel war ein typisch japanisches Ferienhotel – Vollpension, Onsen, japanische Zimmer. Sehr seltsam, dort allein zu übernachten. Das Abendessen war gewohntermassen üppig, und da die Gegend für den Fischfang bekannt ist, gab es natürlich auch sehr viel rohen Fisch. Wie auch am Vorabend. Und dem Abend davor. Und dem Abend vor jenem ebenso. Ich liebe rohen Fisch, und vor allem an den ersten beiden Abenden auf Izu war jener sehr erlesen, aber vier Tage in Folge ist herb. Aber mit einem feinen Sake von der Insel passt es schon. Noch ein kurzer Spaziergang am Strand vor Sonnenuntergang, ein ausgedehntes Bad in der heißen Quelle und schon war der Tag vorbei. Ach ja – nachts konnte man vom Hotel aus zwei Tintenfischfangtrawler sehen – zu erkennen am gleissenden Licht, das bis in die Wolken strahlt. Ein unheimlicher Anblick (die Tintenfischboote sieht man sogar aus dem Weltall – siehe hier).

Sonnenuntergang an der Westküste von Sado

Sonnenuntergang an der Westküste von Sado

Der folgende Tag sollte nicht minder vollgepackt sein. Erst ging es mit dem Bus immer die Küste entlang bis 佐和田 Sawata, der Inselhauptstadt. Die ist in etwa so aufregend wie Kleinmachnow (obwohl, das ist ungerecht: Kleinmachnow ist interessanter). Zum nächsten Bestimmungsort, 小木 Ogi, fahren nur drei Busse am Tag. Eigentlich wollte ich mir auch Ogi ansehen anstelle von Sawata. Ich frage einen Taxifahrer, wieviel er für die 30 Kilometer verlangen würde, und er sagte 10’000 Yen, also 75 Euro. Das überraschte mich etwas, denn in vielen Gegenden Japans kann man bei langen Strecken eigentlich verhandeln – nicht so in diesem Fall. Das ist selbst mir zu viel – der Bus kostet 820 Yen – also schreibe ich Ogi ab.

Blick im Morgengrauen auf den Nordteil der Insel

Blick im Morgengrauen auf den Nordteil der Insel

Die Busfahrt von Sawata nach Ogi sollte sich jedenfalls lohnen, denn die Aussicht ist, so man auf der rechten, meerzugewandten Seite sitzt, spektakulär. Saftig-grüne Reisfelder, dahinter das durch Klippen durchstossene Meer und dahinter wiederum über 1’000 m hohe Berge. Im Bus spielen wir derweilen Ringelpietz mit Anfassen: Ich sitze, da ich einer der ersten im Bus war. Und ich schaue ent- und gespannt aus dem Fenster. Dann bemerke ich eine sehr junge, schwangere Frau und biete ihr meinen Sitzplatz an. Bei der nächsten Bushaltestelle werden die beiden einzelnen Plätze vor ihr frei. Ein Pärchen vor mir bemerkt das natürlich auch. Die Frau deutet ihrem Mann an, dass er mir den Platz anbieten sollte, da ich ja meinen gerade geräumt habe. Selbstlos, wie viele japanische Männer halt sind (Hauptsache, ICH habe einen Platz), tut er das mit einem verächtlichen Nicken ab, und schon sitzen die beiden. Auch sie sind nicht von der Insel, und ich habe natürlich nichts dagegen, dass sie da nun sitzen, aber dann geht es los: Er schläft sofort ein, und sie spielt auf ihrem Handy Blubberblasen zerplatzen lassen. Ja, wunderbar! Wenigstens wissen sie ihren Urlaub zu nutzen. Kurze Zeit später wird wieder ein Platz frei, ich sitze wieder, und stehe wieder als einziger auf, als eine tattrige Dame im Schneckentempo den Bus besteigt.

Typisch Sado: Reisfelder, Meer und Berge

Typisch Sado: Reisfelder, Meer und Berge

Kaum in Ogi angekommen, heisst es auch schon, die Autofähre zu besteigen. Da passen gut 1’000 Menschen rein, und offensichtlich auch ein paar Yakuza, die dort schön tätowiert aber leider auch leicht unterbelichtet Sprüche von sich geben. Das sollte an der Stelle mal gesagt sein: Bisher habe ich in all den Jahren in Japan unter den jungen Yakuza noch keine allzu hellen Lichter erlebt, aber das liegt auf der Hand – schliesslich werden die Brüder nicht von den Unis rekrutiert sondern quasi auf, nun ja, speziellen “Bildungswegen”, eher praxisbezogen sozusagen, auf die Arbeit vorbereitet.

Gute 2.5 Stunden später sind wir in 直江津 Naoetsu, einer tristen Industriestadt in Niigata. Die spärlichen Zugverbindungen schenken mir auch hier wieder über eine Stunde Aufenthalt, und ich stromere durch die Innenstadt. Das einzig neue dort ist der Bahnhof, ein kleines Hotel davor und die hässlichste Stahlskulptur, die ich je gesehen habe. Ansonsten stirbt auch hier offensichtlich die Innenstadt – fast alles ist auf ewig geschlossen. Das kleine Viertel mit den dutzenden Snack-Kaschemmen scheint sich dem entgegenzustemmen, aber auch von denen haben etliche schon aufgegeben. Oh, Niigata!

Naoetsu: Waschmaschinen-Direkteinleitung. Das Meer ist ja nicht weit.

Naoetsu: Waschmaschinen-Direkteinleitung. Das Meer ist ja nicht weit.

Noch eine Stunde geht es dann weiter mit dem Zug, Richtung Nagano, aber der Zielbahnhof liegt auf halber Strecke. Er heisst 妙高高原 Myōkō-Kōgen (Kōgen = Plateau). Ein Wintersportort unterhalb des markanten, rund 2’500 Meter hohen Myōkō-Berges. Das ganze erinnert an ein Wintersportort in der Schweiz, nur etwas heruntergekommener, denn auch hier sind die Besucherzahlen ganz offensichtlich während der letzten Jahrzehnte erheblich gesunken. Mein Hotel ist klein und ein Familienbetrieb – die Besitzer sind sehr freundlich, und zum Abend gibt es unter anderem – wer hätte das gedacht – rohen Fisch.

Die Bergwelt  von Niigata

Die Bergwelt von Niigata

Und der Blick Richtung Nagano...

Und der Blick Richtung Nagano…

Am nächsten Tag sollte es eigentlich den ganzen Tag regnen, aber ich habe Glück. Ich laufe ein paar hundert Meter, denn ich will mit einer Seilbahn auf 1’200 Meter Höhe fahren. Plötzlich hält ein Auto – nicht aus der Gegend – an, und die Beifahrerin fragt mich, wo ich hinmöchte. Die Frage ist berechtigt, denn der Bahnhof ist rund 5 km entfernt. Ich bin gerührt und bedanke mich herzlichst, aber ich bin auch dickköpfig und will erst Seilbahn fahren. Danach werde ich dann erwartungsgemäß mit einem 5 km Fußmarsch belohnt, aber das war sehr gut zeitlich abgestimmt. Kaum hatte ich den Bahnhof erreicht, fing es an, in Strömen zu regnen.

Etwas kamerascheu: Der Myōkō-Berg

Etwas kamerascheu: Der Myōkō-Berg

Am Bahnhof spricht mich plötzlich ein sehr alter, adrett aussehender Mann an. Richtig, ihn hatte ich erst am Vortag im gleichen Hotel gesehen. Er spricht recht gut Englisch und sagt, er ist ursprünglich Chemiker, und er hatte im Hotel von der Angestellten (mit der ich mich lang und breit am Abend an der Hotelbar unterhalten hatte) gehört, dass ich Geograph sei, und er hätte da gern meine Meinung zu einem Thema. Es ging ihm um die ideale Endlagerstätte für atomaren Müll, denn er müsse bald darüber einen Vortrag halten. Die Unterhaltung sollte eine geschlagene Stunde – bis Nagano – dauern. Im Laufe der Fahrt stellte sich heraus, dass er emeritierter Professor der Tokyo University (kurz: Tōdai, DIE Eliteuniversität Japans) ist. Die Diskussion war recht interessant – ich war lediglich etwas enttäuscht, als er mir zum Ende erklärte, dass jetzt Obon-Ferien sind und deshalb die Züge so voll sind. Und das, nachdem ich ihm erzählte, dass ich nunmehr seit 10 Jahren in Japan lebe. Und ihm etliche geologische Sachverhalte auf Japanisch erklärte, da er die englischen Fachbegriffe nicht kannte. Das schien ihm vom Automatismus “Ausländer = über Japan vollkommen unaufgeklärtes Wesen” nicht abzuhalten.

So auch noch nicht gesehen: Goldfische (und Karpfen) zwischen den Bahngleisen

So auch noch nicht gesehen: Goldfische (und Karpfen) zwischen den Bahngleisen

Und das war sie auch schon – die dreitägige Kreuz-und-quer-Tour. Wie immer viel zu kurz, aber besser als gar nichts. Fazit über die Insel Sado: Ein sehr schönes, abgelegenes, wildes Reiseziel. Aber ohne eigenes Vehikel (die Insel ist ein Paradies für Rad-, Krad- und Autofahrer) ist es ziemlich schwer, herumzukommen.

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Angriffslustiger Jaguar

August 8th, 2014 | Tagged , | 1 Kommentar | 2771 mal gelesen

Neulich fiel mir in Roppongi eine riesengrosse Werbung für Jaguar auf: Der Werbeslogan:

ドイツもこいつも、刺激が足りない。
[doitsu mo koitsu mo, shigeki ga tarinai]

Sehr frei übersetzt: “All den anderen fehlt einfach der Pfiff”.
Ein ganz gewöhnlicher Werbeslogan, erst recht für einen Autohersteller der gehobenen Klasse. Die Wörter “doitsu” und “koitsu” gehören zu den ko-so-a-do-Wörtern, mit denen man ausdrückt, wo sich was oder wer befindet:

ko- bedeutet “hier”, also beim Sprecher
so- bedeutet “da”, quasi in Sichtweite des Sprechers
a- bedeutet weiter weg, meist ausserhalb der Sichtweite
do- wird dafür benutzt, zu fragen, wo etwas ist.

Dementsprechend gibt es kochira/sochira/achira/dochira (hier, dort, da drüben, welches?) oder eben koitsu (der Typ hier), soitsu (der Typ da), aitsu (der – nichtanwesende – Typ) und doitsu (eigentlich: welcher Typ?”). Ich benutze bewusst das Wort “Typ”, da “aitsu” usw. wirklich in dieser Nuance benutzt werden.

Jaguar-Werbung in Japan

Jaguar-Werbung in Japan

Zurück zur Werbung: “doitsu mo koitsu mo” bedeutet eigentlich “all die Typen”. Das schöne am obigen Slogan ist allerdings, dass man “doitsu” mit Katakana schreibt, und das macht man eigentlich nur bei Fremdnamen. So geschrieben, bedeutet “doitsu” schliesslich “Deutschland”.

Mit diesem meines Erachtens durchaus einfallsreichen Spruch versucht sich Jaguar, an der deutschen Konkurrenz zu reiben. Da haben sie allerdings reichlich viel zu tun, da deutsche Autos – allen voran Mercedes, seit einiger Zeit sehr stark auch Audi sowie BMW und Porsche – in Japan über alle Masse hinaus beliebt sind. Von daher kann das der deutschen Konkurrenz ziemlich egal sein. Die ist sowieso nicht faul und bringt in Japan recht ansprechende Werbung heraus: Siehe unten, mit Super Mario:

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