Liberaldemokraten gewinnen haushoch | Lausige Wahlbeteiligung

Dezember 15th, 2014 | Tagged , | 7 Kommentare | 614 mal gelesen

Am Morgen hatte ich noch etwas Hoffnung: Auf Twitter und anderen sozialen Medien war einiges los in Sachen Wahlen, und als ich auf dem Weg zum Bäcker an einem Wahllokal vorbeifuhr, sah ich eine lange Schlange von Wählern und noch viel mehr Leute, die auf dem Weg zum Wahllokal waren. Könnte diese Wahl vielleicht doch noch eine Überraschung bergen?

Sie konnte nicht. Das Ergebnis war exakt genau so vorhersehbar. Die Wahlbeteiligung ist eine Schande für eine Demokratie: Gerade mal 52,6% der Bürger waren wählen (bei Huffingtonpost.jp gibt es eine schöne Übersicht darüber, wie hoch die Wahlbeteiligung in den einzelnen Präfekturen war) – das sind mehr als 6% weniger als bei der Parlamentswahl 2012 (und die Wahlbeteiligung bei jener Wahl war bereits die schlechteste seit dem 2. Weltkrieg!). 475 Sitze waren zu vergeben – beim jetzigen Stand (1 Uhr morgens) sind nur noch 9 Sitze nicht ausgezählt. Die regierenden Liberaldemokraten kommen mit ihrem Juniorpartner, der Komeito, soweit auf 319 Sitze (vor der Wahl waren es 325), die stärkste Oppositionspartei – die vor 2012 regierenden Demokraten – kommen demnach auf ganze 71 Sitze. Das sind immerhin 9 mehr als vor der Wahl. Die Kommunisten kommen auf 20 (vorher 8 Sitze), und die 次世代の党 – The Party for Future Generations des ehemaligen Gouverneurs von Tokyo, Ishihara, sowie Hashimoto, Statthalter von Osaka, wurde abgestraft: Vorher hatte sie 19 Sitze, jetzt nur noch 2. Anders gesagt – die Regierungskoalition bestätigt ihre satte Zwei-Drittel-Mehrheit.

Abe darf also weiter dabei beobachtet werden, wie er an der Wirtschaft und der japanischen Verfassung herumdoktert. Und er kann sich durch das Ergebnis bestätigt fühlen. Auch wenn es ihm hoffentlich zu denken gibt, dass sich gerade mal die Hälfte der Bevölkerung überhaupt dafür zu interessieren scheint.

In diesem Sinne kann man ganz getrost die Wahl mit 4 Wörtern beschreiben: Ausser Spesen nichts gewesen.

Die aktuellen Ergebnisse – mit Graphiken – sieht man bei NHK.

Teilen:  

Wen wählen – und warum (wenn man nur dürfte)?

Dezember 10th, 2014 | Tagged , | 10 Kommentare | 1020 mal gelesen

Was ist ernst und was nicht? Abe: Zum Wirtschaftsaufschwung hilft nur mein Weg!

Was ist ernst und was nicht? Abe: Zum Wirtschaftsaufschwung hilft nur mein Weg!

Innerlich bin ich noch immer aufgebracht über die von Abe so plötzlich einberufenen Neuwahlen (siehe hier und hier), so dass ich eigentlich gar nicht drüber schreiben mag. Zur Erinnerung: Am 18. November wurde Abe amtlich attestiert, dass er die ohnehin nicht gerade vor Kraft strotzende Wirtschaft mit seiner Politik gerade gegen die Wand fährt. Am folgenden Tag löste er das Unterhaus auf und rief Neuwahlen aus. Die sollten erst am 21. Dezember stattfinden, aber man hatte es sogar noch eiliger: Am 14. Dezember ist es soweit. Abe will sich durch die Wahlen in seinem Kurs bestätigen lassen. In einer Zeit, in der weit und breit keine Opposition in Sicht ist. Eine völlig unsinnige, verschwenderische Aktion also.

Interessant fand ich in dem Zusammenhang jedoch eine Unterhaltung mit dem hiesigen Gutsherren. Gutsherr? In unserer Nachbarschaft lebt ein sehr netter Mann, dem einst unser Grundstück gehörte. Sich davon zu trennen war kein grosses Problem, denn dem guten Mann gehört hier die halbe Gegend. Und jede dritte Familie in der Gegend trägt seinen Familiennamen. Es ist ein regelrechter Clan. Neulich stand er mit einem jungen Zausel vor unserer Tür (ich war leider nicht da, aber dafür meine Frau) und sagte “Das ist Herr *@+>#& von den Liberaldemokraten. Der ist zwar für nichts zu gebrauchen, aber vielleicht könnt ihr ihn ja doch am Sonntag wählen!”. Also sprach der Gutsherr. Natürlich wird dies nicht der Fall sein, denn wir mögen die Liberaldemokraten nicht.

Abe: In diesem Land gibt es keine Butter. (Anm. d. Red.: Stimmt.)

Abe: In diesem Land gibt es keine Butter. (Anm. d. Red.: Stimmt.)

Wenig später unterhielt sich meine Frau mit des Gutsherren Gemahlin. Eine sehr lustige, nette Frau wohlgemerkt. Und sie meinte zu dem Thema: “Also mit dem Typen von den Liberaldemokraten kann ich gar nichts anfangen. Und der alte Typ von den Demokraten ist auch zu nichts gut. Ich werde wieder die Kōmeitō wählen. Als im letzten Winter so furchtbar viel Schnee fiel, habe ich erst die Stadt angerufen, damit die Räumen. Und dann die Liberaldemokraten und dann den Demokraten. Nichts passierte. Kaum aber habe ich den Vertreter von der Kōmeitō angerufen, kam eine von ihm beauftragte Firma und räumte den Schnee. Und das neue Krankenhaus hat auch die Kōmeitō gebaut”.

Übersetzen wir den Text mal ins Deutsche: “Als die Strassen voller Schnee waren, habe ich erst die Stadt, dann die CDU und dann die SPD angerufen. Nichts geschah. Aber als ich die FDP anrief, kam sofort eine FDP-nahe Firma und hat den Schnee geräumt. Ach ja, das neue Krankenhaus wurde auch von der FDP gebaut”.

Klingt irgendwie irrsinnig? Aber nicht doch! Das ist völlig normal! Hier zumindest. Ich weiss wirklich nicht, ob ich froh sein soll oder traurig darüber, dass ich hier nicht wählen darf. Die einzige Wahlkämpfer hier, die mir, obwohl ich Ausländer bin, Wahlkampfzettel in die Hände drücken, sind die Kommunisten…

Teilen:  

Auf der Suche nach DEM Weihnachtsmarkt

Dezember 7th, 2014 | Tagged | 5 Kommentare | 1080 mal gelesen

Weihnachtsmarkt in Yokohama

Weihnachtsmarkt in Yokohama

Kinder lieben Weihnachtsmärkte. Das weiss ich ziemlich genau, denn ich war selbst mal ein Kind. Auch wenn es schon eine Weile her ist. Meinen Kindern will ich diese Freude nicht vorenthalten. Aber wohin nur, wenn man in Japan ist? Einmal waren wir auf einem Strassburger Weihnachtsmarkt im Kokusai Forum in Yurakucho / nahe Bahnhof Tokyo. Konnte man völlig vergessen. Ein ander Mal waren wir beim Weihnachtsmarkt in Roppongi Hills. Das war einfach nur traurig. Ein ander Mal (genauer gesagt im vergangenen Jahr) zog es uns zum Weihnachtsmarkt in die Kreuzkirche – eine deutsche, evangelische Kirche in Shinagawa. Und siehe da, es war tatsächlich ein bisschen wie ein Weihnachtsmarkt, und man hörte natürlich viel Deutsch.

Dieses Jahr haben wir es leider nicht zur Kreuzkirche geschafft, da uns erst das Wetter und dann die Familie in die Quere kam. Deshalb sind wir heute zum Weihnachtsmarkt in センター北 (Center-Kita, Tsuzuki-ku, Yokohama) getapert. Der war mal völlig anders: Es gab rund 10 echte Weihnachtsmarkthütten, kaum Kommerz – und kaum Leute! Das mag am Wetter gelegen haben, denn für Tokioter Verhältnisse war es ziemlich kühl. Und es gab einen Kinderchor. Der natürlich unbedingt den Titelsong von アナと雪の女王 (Anna und die Schneekönigin – auf deutsch heisst der Streifen wohl “Die Eiskönigin – Völlig unverfroren”) singen musste. Vor diesem Lied gibt es in Japan wirklich gar kein Entrinnen. Kein Wunder: Der Film war hier 11 Wochen lang auf Platz 1, und ich habe hier noch kein Kind gesehen, dessen Augen nicht leuchten, wenn sie das Lied hören.

Wir hatten erst eine gute Stunde vor unserer Ankunft Ramen gegessen, und so wurde mein Angebot an die Kinder, ihnen ein Stück deutschen Kuchen oder etwas anderes Süsses zu kaufen, ausgeschlagen. Nicht, weil sie etwa satt waren. Sondern weil sie unbedingt Bratwurst essen wollten. Die Eltern gaben sich mit einem Glühwein zufrieden, aber der war ziemlich enttäuschend: Ein halber Pappbecher voll, lieblos direkt aus der Flasche eingegossen, für 700 Yen (gute 5 Euro). Natürlich haben wir erst danach gemerkt, dass es eine Bude gab, in der richtiger Glühwein verkauft wurde.

Was freilich bei einem Weihnachtsmarkt in Tokyo und Umgebung fehlt, sind die Minustemperaturen. Aber egal – den Kindern hats gefallen, und das ist das wichtigste. Mal sehen, wo es nächstes Jahr hingeht.

Teilen:  

Solarenergie in Japan – lohnt sich das?

Dezember 3rd, 2014 | 5 Kommentare | 1296 mal gelesen

Privates Mini-Solarkraftwerk in Kawasaki

Privates Mini-Solarkraftwerk in Kawasaki

Die Masche ist in Japan immer die gleiche: Wird auch nur im entfernteren Umkreis irgendwo etwas gebaut, geht ein freundlicher Vertreter der Baufirma auf Klingelzug in die Nachbarschaft, entschuldigt sich für die mit den Bauarbeiten mitunter verbundenen Unannehmlichkeiten und hinterlässt bei der Gelegenheit als Werbung seine Visitenkarte und ein Pamphlet. Im gestrigen Fall war es ein Vertreter von Honda, und der will am kommenden Sonntag (!) ab 9 Uhr morgens (!!) unserem Nachbarn Solarpanele auf sein Dach kleben.

Es ist ein richtiges Wettrüsten ausgebrochen zwischen den Hausbesitzern um uns herum: Wer baut wie viele Solarpanele auf sein Dach? Aber lohnt sich das überhaupt? Immerhin bezahlt man für 10 jeweils rund 2 m² grosse Panele insgesamt rund 8’000 Euro, für 20 dann dementsprechend über 15’000 Euro. Die meisten nehmen dafür einen Kredit auf und bezahlen dann, im letzteren Fall, so um die 150 Euro pro Monat – will heissen, letztendlich ist die Anlage nach über 10 Jahren abbezahlt.

Der Staat unterstützt dabei die Hausbesitzer, doch das hängt ganz von der Präfekturregierung ab. In der Präfektur Kanagawa zum Beispiel kauft die Kommune den Solaranlagenbesitzern ihren überschüssigen Strom ab: Da gibt es dann rund 120 Euro pro Kilowatt Peak (15,000 yen, um genau zu sein), wobei die Obergrenze bei 50,000 yen liegt¹. Bei 20 Panelen kommt man wohl im Schnitt auf 1.6 Kilowatt Peak pro Monat – man bekommt also rund 25,000 yen für seinen Strom. Und zahlt ca. 10,000 yen an Stromkosten pro Monat (bei einer 4-köpfigen Familie). Dazu kommen dann rund 20,000 yen, um die Anlage abzubezahlen.

Daraus wird also ¥10,000 + ¥20,000 – ¥25,000 yen. Man bezahlt also ¥5,000 yen drauf. Pro Monat. Für die nächsten 10 Jahre. Das ist freilich kein guter Deal, zumal die Solarpanele die Erneuerung des Daches (oder, wenn es mal brennen sollte, die Löscharbeiten) erheblich erschweren. Die alles entscheidende Frage wäre jedoch, was im Falle eines schweren Erdbebens geschehen würde: Kann man sich dank einer solchen Anlage dann komplett selbst versorgen? Anders gefragt, kann man sich quasi vom Stromnetz abklemmen und autark werden? Zu einem gewissen Grad enthalten die Installationen angeblich auch Stromspeicher, aber die Kapazität soll wohl stark begrenzt sein.

Gerüchten zufolge unterstützt Stromversorger TEPCO (wir erinnern uns – der einzige Energieversorger von Tokyo und jemand, der in Fukushima alles falsch gemacht hat, was man falsch machen kann) wohl die Kommunen finanziell, aber so leicht lässt sich das nicht verifizieren. Wäre dies wirklich der Fall, wäre das doch mal eine begrüssenswerte Entscheidung. Die Zukunft der Energieversorgung, gerade in Japan, mag zwar nicht unbedingt in der Solarenergie liegen, aber sie liegt meines Erachtens dennoch zumindest in der Dezentralisierung der Energiegewinnung.

Wir werden uns den ganzen Spass wohl für ein halbes Jahr anschauen und dann entscheiden, ob es sich lohnt, Solarpanele anzuschaffen. Der Gedanke, mehr Energie zu produzieren als zu verbrauchen ist nur allzu verlockend, selbst wenn man bedenkt, dass Solarpanele bei der Herstellung sehr viel Energie verbrauchen – eine bessere Solarzelle muss rund anderthalb Jahre lang in Betrieb sein, um die Energie zu gewinnen, die gebraucht wurde, um sie herzustellen².

¹ Auf dieser Seite kann man nachlesen, welche Präfektur auf welche Weise Solarenergie fördert.
²Siehe unter anderem hier.

Teilen:  

Politische Satire… und ihr schnelles Ende

November 27th, 2014 | 7 Kommentare | 1913 mal gelesen

Brief des angeblich 10-jährigen

Brief des angeblich 10-jährigen

Im letzten Artikel über die Auflösung des Parlamentes und die nicht gerade ermunternde Wirtschaftspolitik Japans warf ein Kommentator – zurecht – ein, ob es denn keine erfreulichen Nachrichten aus Japan gebe. Das ist nur allzu verständlich, und Zeit, sich als Blogautor zu hinterfragen, ob man denn wirklich nur negative Nachrichten aufgreifen möchte. Um dem Trend entgegenzuwirken, deshalb heute aus gegebenen Anlass eine erfreuliche Nachricht – nämlich die, dass es in Japan so etwas wie gelungene, wirkungsvolle politische Satire geben kann. Zwar ohne Happy End, aber immerhin.

Und das kam so: Viele Japaner haben sich nach der Entscheidung Abes, das Unterhaus aufzulösen und vorzeitig Neuwahlen abzuhalten, gefragt, was das ganze eigentlich soll – schliesslich hat Abe bereits die Macht im Unterhaus, und es ist jedem klar, dass die Oppositionsparteien ganz einfach nicht in der richtigen Verfassung sind. Da tauchte plötzlich die Webseite Why-Kaisan.com (Kaisan = Parlamentsauflösung) auf, betrieben von einem 10-jährigen Jungen namens Nakamura, der ganz naïv Fragen stellte wie:

Du (Abe) hast doch gesagt, dass Du mit dem Ding namens Abenomics das Geld im Land vermehren wirst, aber mein Taschengeld wird nicht mehr. Und Mama und Papa machen sich immer Sorgen um das Geld und wir können kein yakiniku (gegrilltes Fleisch auf koreanische Art) essen gehen. Und Du entscheidest einfach so, Wahlen abzuhalten, die 70 Billionen Yen (eine halbe Milliarde Euro) kosten. Sag mal, wessen Geld ist das eigentlich?

Zu guter letzt, mit Anspielung auf das vor genau einem Jahr verabschiedete Gesetz zum Schutz von Geheiminformationen schreibt er noch:

Warum also löst Du das Parlament auf? Oder ist das etwa auch ein Geheimnis?

Das ganze wurde schön in kindlicher Schrift geschrieben. Und bekam sehr viel Zuspruch von den Medien und Internetbenutzern. Laut Counter auf der Webseite zählte man über 28 Millionen Hits. Doch jetzt trat der Schöpfer der Seite die Flucht nach vorne an: Es ist ein gewisser Aoki Yamato – ein 20-jähriger Student der renommierten 慶應義塾大学 Keiō-Universität und Vorsitzender einer NPO namens 僕らの一歩が日本を変える。 – “Unser einer Schritt wird Japan verändern”. Er wählte die Geschichte des 10-jährigen Schülers aus, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Auf der oben erwähnten Webseite why-kaisan.com findet man heuer eine Stellungnahme von Yamato, in der er sich entschuldigt, gelogen zu haben, und seine Rücktritt von der Spitze der Organisation bekanntgibt.

Ministerpräsident Abe griff den Studenten heute derweil scharf an, nannte die Aktion auf seiner Facebook-Seite 卑劣 (hiretsu) niederträchtig und bezichtigte Aoki der Meinunsgmanipulation. Interessanterweise hat Abe diesen Eintrag jedoch vor ein paar Stunden scheinbar von seinem Facebook-Account gelöscht und stattdessen eine entschärfte Kritik hinzugefügt. Interessant ist jedoch die Wortwahl Abes in seinem ursprünglichen Kommentar. Wenn seine Minister Spendengelder missbrauchen oder rechte Gruppierungen durch die Strassen laufen und skandieren, dass man alle Koreaner umbringen soll, hält er es allemal für “bedauerlich”. In diesem Fall wurde jedoch die verbal grösstmögliche Keule “niederträchtig” herausgeholt. Sicher, sein Gegenüber ist also nicht 10 Jahre alt. Sondern gerade mal 20 Jahre alt!

Kein Happy End? Im Gegenteil. Sicher, Aufmerksamkeit zu erhaschen, indem man sich als jemand ausgibt, der man nicht ist, ist fragwürdig. Aber Aoki hat mit dieser Aktion sehr viele zum Nachdenken gebracht. Und er hat die richtigen Fragen gestellt. Ob er nun 10 Jahre alt ist oder 20 ist dabei eigentlich Jacke wie Hose. In der jetzigen Lage Neuwahlen auszurufen ist schlichtweg grober Unfug und reinste Geld- und Zeitverschwendung. Ich hoffe jedenfalls, auch in Zukunft noch viel (Gutes) von Aoki zu hören. In diesem Sinne: Chapeau!

Teilen:  

Neuwahlen im Wirtschaftschaos: ABEr was denn nur!?

November 19th, 2014 | Tagged , | 6 Kommentare | 2349 mal gelesen

Gestern wurden also die Quartalszahlen für das dritte Quartal des Jahres 2014 bekanntgegeben. Und siehe da – die Wirtschaft wuchs im dritten Quartal nicht um rund 2% wie eigentlich vorhergesagt, sondern sie schrumpfte um 1,6% im Vergleich zum Vorjahr. Was tun? Erst im April dieses Jahres wurde die Mehrwertsteuer von 5 auf 8% angehoben. Im folgenden, zweiten Quartal des Jahres brach logischerweise die Wirtschaft ein, da sich die Kunden mit Neuanschaffungen zurückhielten. Im Oktober des kommenden Jahres, 2015, sollte die Mehrwertsteuer erneut angehoben werden – auf 10%. Gleichzeitig sollte die Bank of Japan die Geldpresse anwerfen, um den Yen zu entwerten, damit das Land aus der Deflation herauskommt und japanische Produkte im Ausland wieder konkurrenzfähig werden. Das erhöht jedoch die Staatsschulden, und deshalb die Mehrwersteuererhöhung. Das ganze nennt man dann Abenomics, und das Experiment läuft seit fast 2 Jahren.

Offensichtlich funktioniert das Geheimrezept nicht so, wie es sollte. Das überraschte wohl Abe, nicht aber die meisten Ökonomen. Abe ruderte heute also zurück, und verschob die zweite Steuererhöhung um 18 Monate auf den April 2017, versehen mit der Bemerkung, dass sie dann aber wirklich kommen werde. Gleichzeitig löst er mit Wirkung zum 21. November das Unterhaus auf und ordnete Neuwahlen an, die bereits einen Monat später, am 21. Dezember stattfinden sollen. Das allerdings ist kaum überraschend, gab es doch schon seit ein paar Tagen recht deutliche Gerüchte.

Eine Niederlage für Abe und seine gewagte Wirtschaftspolitik, könnte man meinen. Das Gegenteil ist leider der Fall. Abe stellt dem Volk nach seinen eigenen Worten die Vertrauensfrage, indem er Neuwahlen ausruft. Die Neuwahlen wurden jedoch schon bereits von den Medien ganz treffend mit 4 Schriftzeichen charakterisiert: 一強多弱 ikkyō tajaku: “Ein Starker, viele Schwache”. Anders gesagt: Es gibt momentan keine wahre Opposition. Die vorher regierenden Demokraten haben sich von ihrer krachenden Niederlage im Dezember 2012 noch immer nicht erholt und haben es nicht geschafft, sich auch nur in irgendeiner Art und Weise zu profilieren. Alle anderen Parteien wiederum sind so klein und so verschieden, dass man sie nur unter “ferner liefen” verbuchen kann. Das wird sich innerhalb eines Monates nicht ändern.

Man braucht kein Orakel sein, um zu sehen, was da kommt: Die ohnehin schon immer sehr niedrige Wahlbeteiligung am 21. Dezember wird noch niedriger als sonst ausfallen. Abe wird die Wahl gewinnen, und weiter mit der Brechzange an der kränkelnden Wirtschaft Japans herumdoktern. Die Rettung könnte theoretisch aus China kommen, denn China bringt sehr viel Geld ins Land. Doch China ist gleichzeitig der Erzfeind der japanischen Rechten, und Abe ist ebenfalls in jenem Spektrum einzuordnen – ergo legt er sich lieber mit China an. Man darf gespannt sein, wie das ganze noch enden soll. Soviel steht allerdings fest: Selten war Japan so günstig für Urlauber aus dem Ausland.

Teilen:  

Razzia an der Universität Kyoto

November 14th, 2014 | Tagged , | 3 Kommentare | 2859 mal gelesen

Oft hatte ich den Eindruck, dass der Großteil der japanischen Studenten wenn überhaupt dann nur sehr mässig an Politik interessiert ist – von politischen Aktivitäten ganz zu schweigen. Aber es gibt sie noch – die Horte politischer Akitivität. Traditionsgemäss gehört die 京大 Kyōdai dazu – das ist die Kurzform von Kyoto Daigaku (Daigaku = Universität). Die Uni hat über 20,000 Studenten und gilt als die zweitbeste Universität Japans. Dementsprechend anspruchsvoll sind auch die Eintrittsprüfungen. Die Uni ist berühmt für ihre philosophische Fakultät, ihre erstklassigen Forschungseinrichtungen (6 Nobelpreisträger kommen von dieser Universität) und für aufmüpfige Studenten – die zum Beispiel 1951 forderten, den Tennō nur als ganz normalen Menschen anzusehen, worauf es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kam.

Einige der Studenten scheinen dabei der 中核派 Chūkaku-ha (wörtlich: “Kerngruppe”) anzugehören. Der eigentliche Name dieser mit den Kommunisten und einigen Gewerkschaften eng verbundenen Gruppierung lautet 革命的共産主義者同盟全国委員会 Nationales Kommittee der Revolutionär-kommunistische Liga) – eine trotzkistisch angehauchte Gruppierung, die in den vergangenen drei Jahrzehnten recht unauffällig war, aber in den 1980ern zum Beispiel im Mittelpunkt der gewaltsamen Proteste gegen den Bau des Flughafens von Narita stand. Unter anderem griffen die Anhänger zu jener Zeit das Büro der Liberaldemokraten mit einem auf einem LKW aufgebauten Flammenwerfer an.

Vor kurzem nahm die Polizei bei einer Demonstration drei Protestierer fest – und fand heraus, dass zwei der 3 Festgenommenen Studenten der Kyoto Universität waren. Und man fackelte nicht lange: Heute rückten 120 zum Teil martialisch ausgerüstete Polizeibeamte in ein Studentenwohnheim der Universität ein, und es gab heftige Proteste seitens der Studenten. Vor einigen Tagen (am 4. November 2014) setzten die Studenten sogar einen Ermittler in Zivilkleidung fest, der sich in das Wohnheim geschmuggelt hatte. Man übergab ihn schliesslich jedoch unversehrt seinen Kollegen.

Diese Bilder sind in Japan selten geworden. Und ich bin interessant, wie sich das weiterentwickelt. Im geheimen freuen mich die Bilder – stehen sie doch im Gegensatz zur Grundrichtung, auf die Japan gerade getrimmt wird: Stramm rechts.

Anbei ein Nachrichtenausschnitt zu den Unruhen. Die Studenten verlangen – zu Recht, aber scheinbar erfolglos – nache einem Durchsuchungsbefehl.

Teilen:  

6. Allgemeiner Blogger (und Blogleser)gipfel

November 12th, 2014 | Tagged | 7 Kommentare | 3195 mal gelesen

Bloggergipfel - mit Dank an Thuruk für das Logo!

Bloggergipfel – mit Dank an Thuruk für das Logo!

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, die Geschäfte packen die Weihnachtsdeko raus und den frierenden Bäumen werden wärmende Lichterketten umgehängt. Pünktlich zur Saison sind die japanischen Kühe mal wieder am Ende ihrer Kräfte, und man kann nur noch mit Ersatzbutter backen. Keine Frage: Es wird wieder Zeit für ein Bloggertreffen. Numero 6 ist es dieses mal. Bisher hat sich der Aufruf immer an aktive Blogger gerichtet, aber es ist auch jeder eingeladen, der in Tokyo oder Umgebung weilt und einfach nur wissen will, wer hinter all den Blogs steckt. Darum eine Frage in die Runde: Wer kann? Wer will?

Im vergangenen Jahr fand das Bloggertreffen am gleichen Tag wie der Adventsbasar in der Kreuzkirche statt, und die Idee war an sich nicht schlecht. Deshalb stelle ich einfach mal Sonnabend, den 29. November als Möglichkeit in den Raum.

Wer Interesse hat, bitte einen Kommentar und/oder eine Email hinterlassen (contact@tabibito.de) und alles andere regeln wir schon. Vorschläge sind ebenfalls willkommen (letztes Jahr war es Bowling), aber nach Möglichkeit sollte der Treffpunkt in der Nähe der Yamanote-Linie liegen.

Natürlich kann jeder seine Begleitung – ob handzurrend oder nicht – mitbringen!

Teilen:  

Der Frauenflüsterer – bald wieder in Tokyo

November 8th, 2014 | Tagged , | 12 Kommentare | 4650 mal gelesen

Man trifft sie gelegentlich – und leider besonders häufig in Japan: Arrogante Ausländer, die sich im Paradies wähnen, da es ja doch allzu leicht ist, mit dem Ausländerbonus alle möglichen Frauen herumzubekommen. Der König dieser Spezies scheint ein gewisser Julien Blanc zu sein, der sein Geld mit dubiosen Seminaren zum Thema Frauen anmachen verdient. Und zwar weltweit. Da tauchte vor nicht allzu langer Zeit ein Video von ihm auf, in dem der gute Herr erklärt, wie die Dinge in Japan mit den Frauen so laufen. Das Originalvideo ist schwer zu finden, und ich möchte auch keine weiteren Besucher seines Kanals hinzusteuern, aber ein kurzer Zusammenschnitt befindet sich hier auf einem japanischen Kanal:

Laut Twittermitteilung soll Julien Blanc wieder Mitte November nach Japan kommen. Und es gibt genügend Leute, die das gern verhindern würden – siehe unter anderem hier. Es gab und gibt sogar zahlreiche Petitionen gegen (und für!) den Mann – die unter anderem dafür gesorgt haben, dass Veranstaltungsorte in Australien ihm kündigten und sogar sein Visum gestrichen wurde. Eine ähnliche Petition ist auf dem Weg, die die japanische Einwanderungsbehörde auf den Mann aufmerksam machen soll.

Nun sind weder er noch die Besucher seiner Seminare wirklich einen Blogeintrag wert. Schaut man sich aber sein “Spiel” an – genannt “The Game” – kann einem nur Angst und Bange werden. Hier geht es nicht um Anmachtricks, sondern um mitunter schon grausame psychologische Spielchen, teilweise gepaart mit Gewalt beziehungsweise der Androhung der selbigen, um sich Menschen gefällig zu machen. Was mich jedoch wirklich verstört, ist das folgende Zitat:

… just grabbing girls and it’s like (motions) head on dick (pfft) head on dick, yelling ‘PIKACHU’ with a Pikachu shirt on….Every foreigner who is white does this. When you see that one foreigner in the crowd in Tokyo and your eyes will lock and you know that he knows and he knows that and it’s this guilty look like you both fucked a hooker or something.”

Na schön! Wenn auch nur ein Japaner glaubt, dass dem so ist – oder noch schlimmer – wenn auch nur einer der Besucher seiner Seminare das glaubt und deswegen auf den Weg nach Japan macht – dann ist das durchaus eine Stellungnahme wert. Klar, der Mann polarisiert. Er ist es nicht wert, ernstgenommen zu werden. Aber es ist gibt leider Leute, die ihn durchaus Ernst nehmen. Und die Frauen, die ihm nichtsahnend über den Weg laufen, sind gelinde gesagt auch nicht beneidenswert. In diesem Sinne: You’re not welcome.

Teilen:  

Geschafft: Japan ist Whiskyweltmeister

November 5th, 2014 | Tagged | 3 Kommentare | 3654 mal gelesen

Yamazaki Sherry Casket - ein anderer Jahrgang, wohlgemerkt

Yamazaki Sherry Casket – ein anderer Jahrgang, wohlgemerkt

Schon seit den 1920ern versuchten sich vereinzelte Brauereien in Japan an der Whiskybrennerei – und dies sollte sich in diesem Jahr erstmals richtig auszahlen: In der neuesten Ausgabe der Jim Murray’s Whisky Bible wurde doch tatsächlich ein japanischer Whisky als bester Whisky des Jahres gekürt. Es ist auch keine kleine, geheime Brennerei, sondern ein Gigant unter den Getränkeherstellern: Suntory schaffte die Überraschung mit seinem Yamazaki Single Malt Sherry Cask 2013. So weit, so gut – doch leider wurden “nur” 18,000 Flaschen hergestellt, und die sind mittlerweile, zumindest in Japan, bereits restlos ausverkauft. Schade eigentlich, denn mit einem Preis von rund 17,000 yen ist der Gewinner noch nicht einmal so teuer.

Suntory stellt ja mehrere Whiskysortimente her – am bekanntesten wären da der oben genannte 山崎 Yamazaki, 響 Hibiki und 白州 Hakushū. 響 Hibiki galt dabei anfangs als das Flaggschiff, und wenn ich mich recht erinnere, kam Hakushū erst später dazu. Yamazaki habe ich, wenn ich mich recht erinnere, nur ein Mal probiert, und das ist lange her. Hakushū hat es mir persönlich angetan, da der selbige mit ziemlich viel Charakter daherkommt – einige Sorten gehen beinahe in Richtung Laphroaig, nur mit etwas weniger Knüppel auf den Kopf.

Vielleicht sollte ich mich dann doch wohl etwas mehr auf dem heimischen Whiskymarkt umschauen. Zeit wird es – mein heissgeliebter 18 Jahre alter Glendronach neigt sich dem Ende zu und ist in Japan nicht mehr erhältlich. Dem Triple Cask Balvenie 16 yrs droht ein ähnliches Schicksal. Fehlt nur noch jemand in Japan, der meine Liebe zum gelegentlichen Whisky teilt – da fällt mir doch sage und schreibe nur eine einzige Person ein.

Mehr zum Hauptgewinn des Yamazaki siehe unter anderem beim Spiegel und Time Magazine.

Teilen:  

« Ältere Einträge