Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Die Mutter aller Goldenen Wochen kommt! 10 freie Tage am Stück im Mai 2019

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Das Gerücht ging schon eine ganze Weile herum, doch Ende der vergangenen Woche wurde daraus nun Gewissheit: Im Jahr 2019 erlebt Japan eine Goldene Woche, wie es sie noch nie gegeben hat. Normalerweise besteht die Goldene Woche aus 4 Feiertagen (plus entsprechenden Wochenenden) zwischen dem 26. April und dem 5. Mai. Im kommenden Jahr wäre die Goldene Woche dabei etwas unglücklich ausgefallen, denn sowohl der ominöse Tag des Grüns als auch der Kindertag fallen auf ein Wochenende. Fällt ein gesetzlicher Feiertag auf einen Sonnabend, so hat man Pech gehabt. Fällt er auf einen Sonntag, dann wird der kommende Montag automatisch zum Ersatzfeiertag. 2019 hätte man somit erst drei Tage am Stück frei gehabt, gefolgt von drei Tagen Arbeit, gefolgt von 4 Tagen frei.

Genau in die Mitte der drei Arbeitstage fällt jedoch die Inthronisation des neuen Kaisers, denn der jetzige Kaiser bat darum, abdanken zu dürfen – ein Prozess, der in Japan so selten ist wie die Abdankung eines Papstes in Europa, der sich aber so schon seit einigen Jahren abgezeichnet hat.

Dass der Tag der Inthronisation nun zum Feiertag erklärt wird, war zu erwarten – so etwas geschieht ja nicht alle Tage (das letzte Mal war es 1988, und davor 1925!). Konsequenterweise hat die Regierung nun aber auch den Tag davor zum Feiertag erklärt, und um die 10 vollzumachen, auch den Tag danach. Und schon ist die Goldene Woche zehn Tage lang! Offiziell zumindest.

Eigentlich ein Grund zur Freude, aber die Reiseportalseite Expedia.co.jp hat sich die Reaktion der kaiserlichen Untertanen etwas näher angesehen und eine Umfrage veranstaltet¹. Der Umfrage zufolge freut sich nur knapp die Hälfte (54%) der Befragten über die lange, verordnete Auszeit – vor allem sind dies Beamte, Studenten und Angestellte. Spezialisten wie medizinisches Personal oder Anwälte, Hausfrauen und -männer sowie Teilzeitkräfte freuen sich eher weniger.

Auf die Frage hin, ob man gedenkt, dem Kalender entsprechend zu ruhen, sagte jeweils ein Drittel „Ja“, „Nein“ und „Weiß nicht“. Schockierend, wenn auch nicht überraschend ist jedoch das Ergebnis der Frage, ob die Befragten jemals seit Beginn ihrer Arbeit 10 Tage am Stück freigehabt hätten: Ganze zwei Drittel verneinten die Frage, und nur 27% gaben an, dass sie schon mehrfach 10 Tage oder länger frei hatten.

¹ Siehe unter anderem hier

Lacher des Monats: Fernsehprogramm Itte-Q der Fehlinformation bezichtigt

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Seit 2007 gehört die Fernsehsendung „世界の果てまでイッテQ“ zum festen Bestandteil des Privatsenders Nittere (Nippon Television, NTV). Das „Q“ steht für „Question“ und das ursprüngliche Konzept bestand darin, Leute in die Ferne zu schicken, damit sie dort viele Fragen stellen. Frei übersetzt bedeutet der Name „Geh‘ bis ans Ende der Welt und frage“. Gestartet als eine von vielen Fernsehshows, rückte das Format irgendwann zur Prime Time auf — 20 Uhr, Sonntag abends. Vor allem Kinder lieben das Programm, da es sich quasi zu einem regelrechten Zirkus entwickelt hat. Ging es früher wirklich hauptsächlich um abgelegene Gebiete dieses Planeten, geht es heuer mehr darum, irgendwelche Komiker zu zwingen, Bungee zu springen oder Insekten zu essen oder was auch immer. Im Ausland natürlich, um irgendwie noch dem ursprünglichen Format treu zu bleiben. Vorneweg: Viel Zirkus, viel Spektakel – einzig der Schnitt (Untertitel, Kommentare usw.) macht zuweilen Freude.

Ein bekanntes Wochenmagazin mokierte nun, dass eine Sendung komplett fabriziert gewesen sei — es ging um ein Festival in Laos, bei dem die Teilnehmer mit einem Fahrrad ein Wasserbecken überqueren müssen — auf einem schmalen Steg. Angeblich hätte sich der Sender das komplett ausgedacht, selbst das ganze Set zusammengezimmert und so weiter. Der Vorwurf lautete 捏造 netsuzō – das Fabrizieren falscher Nachrichten. Untermauert wird diese sensationelle Meldung mit Interviews und Rechercheergebnissen vor Ort. Den Fernsehsender lässt das kalt – er bestreitet den grössten Teil und will das Format fortsetzen.

Warum das nun so komisch ist? Ganz einfach. Das ganze Programm ist von vorn bis hinten やらせ yarase — gestellt. Zumindest, was die Reaktionen der Beteiligten betrifft. Besonders beliebt: Einem タレント (Tarento, = Talent) (Definition: Ein Schauspieler, der sich meist durch den Mangel des selbigen definiert) wird befohlen, dass er Bungee springen soll oder Skydiving machen soll und dergleichen. Das Talent jammert dann erst mal rum, dass er/sie wirklich Höhenangst habe und so weiter, um dann kurz darauf munter aus dem Flugzeug oder von was weiss ich zu springen. Oder Komödiant Degawa, ein im Prinzip wirklich urkomischer Geselle, der auf Englisch radebrechend durch eine amerikanische Großstadt zieht und nach einem Wasserfall sucht. Angeblich kann er sich absolut keine englischen Vokabeln merken und spielt deshalb den Deppen. Die Sachen sind dermaßen gestellt, dass es oftmals einfach nur weh tut.

Das ist nichts Neues. Wer glaubt, dass die stets um Perfektionismus bemühten Japaner bei Fernsehprogrammen eine Ausnahme machen und die Sache den Schauspielern und/oder gar dem Zufall überlassen, glaubt auch an den Weihnachtsmann. Der vermeintliche Scoop des Schmierblattes ist deshalb keiner. Natürlich sind fast alle Sachen fabriziert oder werden so in Szene gesetzt, dass es die Wahrheit weit hinter sich lässt. Wenn da über ein Festival in Laos berichtet wird, bei dem Leute mit einem Fahrrad über einen schmalen Steg radeln und dann ins Wasser fallen, wird doch klar, dass es sich hier nicht um eine nationale Tradition handelt, sondern eher um einen Dorfvorsteher, der irgendwann mal eine Idee hatte und das einem Fernsehsender meldete. Und mal ehrlich, was Politiker können, können Fernsehdirektoren schon lange.

Manche Folgen sind jedoch dennoch interessant, denn man entführt das Publikum hin und wieder immer noch in sehr abgelegene und sehenswerte Ecken des Planeten – das, gepaart mit etwas Humor, kann durchaus reizvoll sein.

Japan versinkt im Plastikmüll: Der „China-Schock“ und seine Folgen

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Müllberg in Tokyo¹
Müllberg in Tokyo¹

Wo wir erst neulich beim Thema Plastikmüll waren: Allmählich spitzt sich in Japan die Müllkrise zu, und diese Krise war eine mit Ansage. Bis zum vergangenen Jahr exportierte nämlich Japan fast seinen kompletten Plastikmüll nach China: Allein im Jahr 2017 waren es rund 625’000 Tonnen Müll. Knapp 430’000 Tonnen wurden direkt in die VR China exportiert, und knapp 200’000 Tonnen nach Hongkong, wobei diese Menge natürlich auch in der VR China landete. Japan war damit nicht allein — andere Länder luden ihren Müll ebenfalls dort ab — allein Großbritannien verfrachtete im Schnitt 1’200 Tonnen pro Tag nach China². Laut Global Trade Atlas importierte die VR China in den 2010ern circa 8 Millionen Tonnen Plastikmüll pro Jahr.

Sicher, das brachte dem Land Geld ein — doch China ist an einem Punkt angelangt, an dem es sich leisten kann, abzuwiegen, was wichtiger ist: Müll als Einnahmequelle oder die Zerstörung der eigenen Umwelt. 2017 entschied man sich für letzteres: Man beschloss, bis Ende des Jahres 2017 die Einfuhr von insgesamt 24 Abfallarten nahezu vollständig zu verbieten. Dazu zählen Plastikmüll (wie zum Beispiel Getränkeflaschen aus PET), unsortiertes Altpapier, Textilmüll und Stahlschlacke. Der Einfuhrstopp kam so abrupt, dass man in Japan vom 中国ショック China-Schock spricht.

Reflexartig verlegten sich japanische Recyclingfirmen auf kurzfristige Alternativen: Man suchte im ASEAN-Raum nach anderen Abnehmern und wurde natürlich fündig. Während man 2017 nur gut 10’000 Tonnen Plastikmüll nach Thailand verschiffte, waren es 2018 bis heute fast 150’000 Tonnen, und die Exporte nach Malaysia und Vietnam wuchsen ebenfalls um ein Vielfaches³. Doch die dortigen Regierungen folgen dem Beispiel Chinas. Malaysia hat bereits Ende Oktober 2018 die Notbremse gezogen und die Einfuhr vorerst gestoppt; auch Thailand will die Einfuhr stoppen, falls die Mengen eine gewisse Grenze überschreiten. Vietnam will die Einfuhrmengen deckeln, und angeblich überlegt auch Laos, Grenzen zu ziehen.

Japan kann die im Land produzierte Müllmenge nicht ohne fremde Hilfe bewältigen — dafür sind die Kapazitäten bei weitem nicht ausreichend. Schon seit Jahren zeichnet sich zum Beispiel ab, dass Tokyo in absehbarer Zukunft nicht mehr weiß, wohin mit dem Müll. Die ökologisch völlig zurecht beschlossenen Maßnahmen Chinas und anderer Länder werden nun — hoffentlich — die japanische Wirtschaft und Politik zum Handeln zwingen. Im Gespräch sind da zum Beispiel Pfandsysteme – so etwas gab es in Japan in den vergangenen Jahrzehnten überhaupt nicht. Und die Zeit drängt allmählich.

¹ Das Foto entstand 2016, nach den Neujahrsfeiertagen, und bedeutet nicht, dass es aufgrund der jetzigen Probleme überall so aussieht. Es zeigt aber sehr wohl, wie viel Müll sich in der Hauptstadt innerhalb weniger Tage ansammeln kann.

² Siehe unter anderem hier

³ Zahlen laut JETRO (siehe hier)

Geisterschriftzeichen

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Geisterschriftzeichen: Bedeutung und Lesung unbekannt
Geisterschriftzeichen: Bedeutung und Lesung unbekannt

Eigentlich ist es kein Wunder: Japanische Computer sowie ein paar Schriftzeichennachschlagewerke enthalten sogenannte 幽霊文字 yūrei moji (Geisterzeichen), die man mit dem Computer und nunmehr auch mit Handys schreiben kann – über die aber ansonsten nichts bekannt ist: Weder eine Lesung, noch eine Bedeutung oder Quellen, in denen dieses Schriftzeichen jemals vorkam. Bei der schieren Menge an Schriftzeichen kann so etwas schon mal geschehen. Die erste Sammlung von Schriftzeichen für den Computergebrauch wurde in den 1970ern kompiliert und war 1978 fertig. Der erste JIS-Code (JIS = Japanese Industrial Standard, das Pendant zur DIN in Deutschland). Die Schriftzeichen wurden von vier Quellen bezogen:

  1. 日本生命 (Nihon Seimei, Nippon Life Insurance Co.) – Japanischer Lebensversicherer, unter anderem als Quelle für Personennamen
  2. 情報処理学会 (Jōhō Shori Gakkai) Datenverarbeitungsgesellschaft
  3. 国土地理協会 (Kokudo Chiri Kyōkai) Gesellschaft für Landesgeographie, als Quelle für Ortsnamen
  4. 旧行政管理庁 (kyū Gyōsei Kanrichō) (ehemaliges) Verwaltungsamt.

Heraus kam ein Zeichensatz von 6’879 Schriftzeichen sowie den lateinischen Buchstaben, den beiden japanischen Alphabeten und einiges mehr. Aus diesem ursprünglich JIS X 0208 oder auch ISO-2022-JP genannten Standard entwickelten sich verschieden kodierte Zeichensätze – Microsoft machte daraus Shift-JIS, Apple sein eigenes JIS, und dann gibt es da auch noch EUC-JP und ein paar andere, weniger bekannte Methoden. UTF-8 setzt sich zwar mehr und mehr durch, aber die anderen Standards sind noch immer oft zu finden.

JIS wurde inzwischen drei Mal grundlegend überarbeitet, doch die sogenannten Geisterzeichen wurden nie (und werden wohl auch nie) gelöscht. Im Wesentlichen gibt es zwei Arten dieser Geisterzeichen: Solche, bei denen man ganz einfach keine Quellen findet, sowie jene, bei denen es zwar eine Quelle gibt, diese aber falsch zu sein scheint, sprich, in der Quelle hat sich früher irgendwann einmal jemand verschrieben. Ein Beispiel der ersten Gruppe ist 妛, bestehend aus den Radikalen „Berg“, „Eins“ und „Frau“. In Japan gibt es exakt einen Ortsnamen, der das Schriftzeichen 妛 (Akebi) benutzt – wie die „Eins“ (der waagerechte Strich in der Mitte) da hineingeraten ist, ist unklar. Insgesamt hat man soweit 12 Zeichen dieser Kategorie zugeordnet – so auch das Zeichen 駲 oben im Bild. Gibt es, aber gibt es gar nicht.

Zur zweiten Kategorie zählen über einhundert Schriftzeichen, bei denen man heute davon ausgeht, dass es Varianten bestehender Zeichen sind – ob diese Varianten fälscherlichweise entstanden oder nicht ist dabei nicht mehr nachvollziehbar. 穃 zählt dazu – früher fand man dieses Zeichen auf einer Karte, doch heute wird der Ort mit 榕 geschrieben, und dies ist wahrscheinlich das richtige Zeichen.

Das Phänomen der Geisterschriftzeichen ist faszinierend: Man stelle sich Wörter im Duden vor, neben denen steht: „Bedeutung und Herkunft des Wortes sind unbekannt“…

Oberstes Südkoreanisches Gericht bestätigt Reparationsforderungen an japanische Firmen

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Hauptquartier von Nippon Steel in Marunouchi, Tokyo
Hauptquartier von Nippon Steel in Marunouchi, Tokyo

Es war ein Paukenschlag und leitet ein neues Kapitel der schlechten Beziehungen zwischen Japan und Südkorea ein: Heute entschied der Oberste Gerichtshof von Südkorea, dass die Schadensersatzforderungen gegenüber japanischen Firmen aufgrund geleisteter Zwangsarbeit durch Koreaner in den letzten Jahres des Zweiten Weltkrieges rechtens sind. Im konkreten Fall ging es um die Klage von vier ehemaligen südkoreanischen Zwangsarbeitern gegen 新日鉄住金 Nippon Steel & Sumitomo Metal. Die Klage wurde bereits 2005 eingereicht – man gab den Klägern 2013 in Südkorea recht, doch Nippon Steel zog dagegen vor Gericht – und unterlag heute nun in höchster Instanz, womit das Urteil rechtskräftig ist.

Das bedeutet, dass in Südkorea nun zwangsvollstreckt werden kann. Die zugesprochene Entschädigung liegt bei rund 75’000 Euro pro Kläger und damit im Vergleich zu amerikanischen Urteilen eher niedrig, doch das Urteil wird nun eine Klagewelle auslösen. Insgesamt geht es um rund 70 japanische Firmen, die damals Zwangsarbeiter einsetzten (und die eine rechtliche Nachfolge haben), und die damit potentiell betroffen sein könnten. Nippon Steel, immerhin der drittgrößte Stahlkocher der Welt, ist in Südkorea kaum tätig und muss deshalb gewiss nicht um seine Existenz bangen, doch bei anderen Firmen wird man nun nervös, da sich nun ein beachtliches Geschäftsrisiko auftut. Ein Sprecher von Nippon Steel bezeichnete das Urteil dementsprechend als höchst bedauerlich. Tarō Kōno, der japanische Außenminister, wies als Reaktion auf das 日韓請求権協定 Nikkan Seikyūken Kyōtei hin – die Japanisch-Koreanische Vereinbarung über Reparationszahlungen (der offizielle Name des Abkommens ist unendlich lang) – die Regierung hält das Urteil deshalb für unrechtmäßig, da es gegen die Vereinbarung verstößt. Diese wurde 1965 getroffen – als Ergebnis zahlte Japan rund 300 Millionen Dollar an Südkorea (der Staatshaushalt Südkoreas lag damals bei rund 3,5 Millionen Dollar!).

Die Beziehungen zu Südkorea sind bereits seit geraumer Zeit angespannt – nicht zuletzt wegen der Trostfrauenproblematik. Obwohl dort ebenfalls eine Vereinbarung getroffen wurde, wurde selbige von Südkorea einseitig wieder aufgehoben.

Das Urteil kommt in Japan auch vor diesem Hintergrund natürlich schlecht an: Es wird bei vielen Menschen den Eindruck hinterlassen, dass Japan tun und machen kann was es will – Südkorea wird immer und immer wieder auf das Thema zurückgreifen. Die Entscheidung kann aus oben erwähnten Gründen auch die Wirtschaftsbeziehungen stark beschädigen. Es darf bezweifelt werden, dass Japan dabei weniger leiden wird als Südkorea, zumal Japan erst in dieser Woche mit dem Besuch Abes in Peking angedeutet hat, dass es eine Vertiefung der Beziehungen zur Volksrepublik China anstrebt.

Natürlich muss man aber auch die koreanische Seite betrachten: Schätzungen zufolge mussten allein 1944/45 knapp 700’000 Koreaner unter meist unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit in Japan leisten – mehr als ein Zehntel überlebte die Torturen nicht. Und während Korea nach der japanischen Besatzung – und einige Jahre später nach dem Korea-Krieg, komplett in Schutt und Asche lag, rappelten sich die großen japanischen Konglomerate relativ schnell wieder hoch.

Trotzdem muss irgendwann mal ein Schlußstrich gezogen werden – nur wann? Auch Griechenland und Polen verlangen neue Reparationszahlungen von Deutschland – fast 75 Jahre danach. Man fragt sich unweigerlich, ob es da wirklich noch primär um das Wohl der Betroffenen geht – oder um politisch motivierte Manöver, um gewisse Schichten in der Bevölkerung zu bedienen. Ein Gedanke, den ich eigentlich nicht weiterdenken möchte. Die Gerichtsentscheidung wird jedenfalls die Emotionen hochkochen lassen: In Südkorea sowieso, aber auch in Japan, wo nun gründlich Panik gemacht wird.

Homo Tohoku

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Zu den Einwohnern der bergreichen Tohoku-Gegend (der Nordosten von Honshu) habe ich schon lange ein ambivalentes Verhältnis – spätestens, als ich mal drei Wochen lang mit Teilnehmern der Region im Rahmen eines Jugendsportaustauschprogramms durch Deutschland tourte. Sagen wir mal so: Man merkt den Leuten an, dass sie aus einer rauen, kalten Gegend stammen. Die Kollegen aus Kyushu sind da in der Regel ganz anders gestrickt. Bei meiner neuerlichen Tour durch die Gegend in der vegangenen Woche konnte ich befriedigt feststellen, dass meine Vorurteile auf erdenen Füßen ruhen. Besonders erquicklich war da die Übernachtung in einer 宿坊 shukubō, einer Tempelherberge (in der zumeist Pilger nächtigen). Die Herbergsmutter war ziemlich mürrisch. Das Abendessen wurde für 18:30 vereinbart, und als ich eins, zwei Minuten zuvor die knarksende Treppe herunterlief, rief eine andere Angestellte schon „konee na“ („der kommt wohl nicht“). Die Tatsache, dass ich quasi in dem Moment um die Ecke bog und dementsprechend den Ausruf hören konnte, war den beiden egal. Beim Abendessen schließlich gab es neben mir nur einen einzigen Gast – einen laut schlürfenden und schmatzenden Japaner älteren Semesters. Einer der Gründe für einen Aufenthalt in einer Tempelherberge ist dabei das 精進料理 shōjin ryōri, die nicht selten vegane, zumindest aber vegetarische Tempelküche. Meinem lauten Nachbarn wurde ein Tablett voller Schüsseln vorgesetzt und umgehend erklärt, woraus sich das Mahl zusammensetzt. Danach war ich an der Reihe – und wurde nach einigem Zögern gefragt, ob sie was zum Essen erzählen sollte. Da mein Nachbar weit weg sass, konnte man von der vorherigen Erklärung nicht viel hören. Natürlich will ich wissen, welche seltsamen Wurzeln und Pasten ich mir da gleich zu Gemüte führen würde – deshalb bin ich ja hier! Die Erklärung war dann schließlich relativ knapp und lieblos. Naja.

Shukubō am Dewa-Sanzan
Shukubō am Dewa-Sanzan

Es gab auch andere typische Tohoku-Begegnungen – doch wie immer zählten dazu auch einige sehr positive. Besondere angetan war ich von der älteren Ehefrau eines Tempelherren. Mir fiel bei kurzer Recherche auf, dass sich am Dewa-Sanzan, an den drei heiligen Dewa-Bergen in Yamagata, ein kleiner Tempel befindet, der die älteste Sokushinbutsu-Mumie der Gegend (Anfang des 16. Jahrhunderts!) beherbergt. Und dieser lag quasi auf meinem Weg. Also machte ich einn Abstecher dahin, nur um enttäuscht festzustellen, dass der Tempel geschlossen ist. Wie so häufig wohnt der Hausherr nebst Familie jedoch gleich daneben – und neben der Tür befand sich ein Schild, dass Besucher aufforderte, zu klingeln. Eine älter Frau öffnete, und ich trug ihr mein Leid vor. Sie meinte daraufhin, dass der Tempel in der Regel geschlossen ist und man bei einem Besuchswunsch vorher telefonieren muss. Doch sie könne den Tempel für mich aufschliessen, aber da der Herr des Hauses nicht da ist, könne ich keine ausführlichen Erklärungen erwarten. Sprach’s, holte den Schlüssel, machte den Tempel auf und hernach den großen Holzkasten, in dem die Mumie, in betender Gestalt, versteht sich, hockte, und schaltete das Licht an. Und begann hernach mit einer sehr ausführlichen, fast 15 Minuten dauernden Erklärung. Selbst Fragen, die ich danach zum Thema stellte, antwortete sie völlig souverän und sehr freundlich-geduldig. Letztendlich erlaubte sie mir sogar noch, das Innere von außen heraus zu fotografieren. Ich war begeistert.

Auch ein anderer Herr blieb mir in Erinnerung. Er betreibt ein Ramenrestaurant, und kein gewöhnliches: Es handelt sich um スッポンラーメン suppon raamen. Suppon ist der japanische Name für chinesische Weichschildkröten, deren Fleisch zwar fürchterlich schmeckt, dafür aber als Allheilmittel (und wohl auch als Potenzmittel) gilt. Seine Suppon-Ramen hat sich der Besitzer sogar patentieren lassen. Äußerst hungrig und neugierig konnte ich die Gattin überreden, mir eine Schale zuzubereiten (ich war der einzige Gast, und Mittag war schon lange vorbei). Des Gatten und Koches Patent besteht darin, die Suppe so zuzubereiten, dass sie geniessbar ist. Und sie ist es. Die Fleischbeilage hingegen schmeckt nicht überraschend äußerst penetrant. Nach einer kurzen Unterhaltung stellten wir fest, dass Verwandte der Familie quasi gleich bei mir um die Ecke wohnen. Danach erfuhr ich umgehend alles, was ich noch nie über Suppenschildkröten wissen wollte. Alles in allem ein sehr liebenswertes Paar.

Mal was anderes: Schildkrötenramen
Mal was anderes: Schildkrötenramen

Und so habe ich mir meine ambivalente Meinung behalten können. Und ich muss jedes Mal daran denken, dass meine Frau auch des öfteren über maulfaule Norddeutsche geklagt hat. Muss wohl am Klima liegen.

Nuklearkatastrophe in Fukushima – die Sperrzone heute

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Ehemalige Spielhalle im Sperrgebiet von Fukushima
Ehemalige Spielhalle im Sperrgebiet von Fukushima

Über sieben Jahre sind nun schon ins Land gegangen seit der Dreifach-Katastrophe vom 11. März 2011. Dreifach hart hat es dabei 浜通り Hamadōri, den Ostteil der Präfektur Fukushima, getroffen. Die Katastrophe begann mit einem Erdbeben der starken sechs auf der japanischen Skala (7 ist die höchste Stufe), gefolgt von einem verheerenden Tsunami, der wiederum bekanntermassen einen Super-GAU im AKW Fukushima I auslöste. 81’000 Menschen in der Gegend mussten die Region verlassen – in vielen Fällen fluchtartig. Das Interesse der ausländischen Medien war groß, aber wie es nun mal so ist, hört man mit zunehmender zeitlicher Entfernung immer weniger von der Lage vor Ort. Das Mißtrauen in die japanische Informationspolitik trägt sicherlich auch dazu bei, dass das Interesse verloren geht.

Sperrgebiet - die Autobahn und die Staatsstrasse 6 verlaufen parallel von Nord nach Süd
Sperrgebiet – die Autobahn und die Staatsstrasse 6 verlaufen parallel von Nord nach Süd

Das Hauptanliegen der Regierung ist seit Jahren klar: Man möchte so vielen Bewohnern wie möglich die Rückkehr in die Heimat ermöglichen. Dahinter steckt sicherlich nicht nur reine Menschenliebe, sondern auch die Botschaft, die man senden möchte: Seht her, wir schaffen das (mit dem Hintergedanken: War doch alles nicht so schlimm. Also zurück zur Kernkraft!). So wurden stückweise bereits Orte freigegeben, die nach dem GAU vorerst zur Evakuierungszone gehörten, so zum Beispiel Namie oder große Teile von Tomioka. Eine 337 Quadratkilometer grosse Fläche wird jedoch auch jetzt noch, im Jahr 2018, als 帰還困難区域 kikan konnan kuiki bezeichnet – wörtlich „Heimkehr-problematisch-Gebiet“. Ein etwas euphemistischer Begriff, suggeriert er doch, dass es zwar ein Problem gibt, aber da ja Probleme immer irgendwie lösbar sind, wird man das schon irgendwie schaffen. Die Zone definiert sich durch die durchschnittliche Strahlungsbelastung. Überschreitet die jährliche Strahlenbelastung 20 Millisievert, gilt das Gebiet als (vorläufig) unbewohnbar. Die natürliche Strahlenbelastung liegt bei circa 2 Millisievert – es geht also um einen zehnfach höheren Wert.

Geigerzähler: 2,64 µSv/h sind viel....
Geigerzähler: 2,64 µSv/h sind viel….

Seit geraumer Zeit sind jedoch wieder ein paar wichtige Strassen befahrbar, die direkt durch die Sperrzone führen – die Jōban-Autobahn, die Tokyo mit Sendai verbindet, sowie die Staatsstraße Nummer 6, die Iwaki im Süden von Ostfukushima mit Minamisōma nördlich des AKW verbindet. Auf letzterer dürfen aufgrund der hohen Strahlenbelastung jedoch keine Zweiräder fahren; Fußgängern ist der Zutritt ebenfalls verboten. Zudem sind alle Straßen, die von der Nr. 6 abgehen, abgesperrt und mit Posten versehen – wer dort hineinwill, braucht einen Passierschein. Besagte Straße führt gerade einmal 2 Kilometer am havarierten AKW vorbei. Lange sollte man und darf man auch nicht in der Zone aussteigen (wenige Minuten, nachdem ich ausgestiegen bin, kam bereits ein Polizeiwagen – das jedoch wieder umkehrte, als ich weiterfuhr).

Die Sperrzone sieht natürlich immer noch wüst aus, und die Strahlung liegt bei mehr oder weniger konstanten 2 Mikrosievert pro Stunde – mein Geigerzähler schlug entsprechend in der gesamten Sperrzone Alarm, denn normal sind Werte um 0.1 Mikrosievert pro Stunde. Beim Durchfahren, wohlgemerkt – man muss nicht lange Suchen, um Werte von 10 Mikrosievert zu finden. Die Dekontaminierungsbemühungen machen dabei einen durchaus spürbaren Unterschied: Kaum fährt man zum Beispiel in den nun freigegebenen Ort Namie nur wenige Kilometer nördlich vom AKW ein, sinkt die Belastung nahezu schlagartig auf 0.12 Mikrosievert/Stunde.

Eine von tausenden Straßensperren in Reaktornähe
Eine von tausenden Straßensperren in Reaktornähe

Im jetzigen Sperrgebiet hat man soweit erstmal alles so gelassen, wie es am 11. März 2011 nach dem Erdbeben war. Hier und da sieht man schwere Erdbebenschäden, andernorts ist die Natur mit Druck dabei, ihr Terrain zu erobern. Manche Läden sehen jedoch so aus, als ob man nur ein Mal Staub wischen und dann wieder eröffnen könnte. Das ist beachtlich. In nahezu jedem anderen Land der Erde wären die Gebäude geplündert und die Scheiben eingeworfen worden. Das soll nicht heissen, dass so etwas in Japan gar nicht geschah – es gab vereinzelte Berichte von Plünderungen nach dem grossen Beben.

Die Maßnahmen in der Gegend sind beachtlich: Tausende, wenn nicht zehntausende Trucks sind unterwegs, um radioaktiv verseuchtes Material, meist Bode, abzutragen und zu Sammelzentren zu fahren. Zudem werden überall die Küstenschutzanlagen erneuert beziehungsweise verstärkt – die Gegend um den Reaktor ist eine riesengroße Baustelle. Und dennoch – laut dieser Quelle¹ betreffen die Maßnahmen gerade einmal 27 Quadratkilometer bzw. 8% der jetzigen Sperrzone – in den verbliebenen 92% hat man noch nicht einmal angefangen. Und das ist ja auch nur ein Teil der gewaltigen Herausforderungen. Schließlich wären ja da noch der Reaktor selbst sowie abertausende Tonnen hoch kontaminierten Wassers und Erdreiches.

Dass man den Menschen so schnell wie möglich ihre Heimat zurückgeben möchte, ist schön und gut – doch auf der Agenda steht auch die sofortige Wiederbelebung der Landwirtschaft (Fukushima ist seit jeher stark landwirtschaftlich geprägt). Das bereitet Bauchschmerzen, allen Beteuerungen, dass die verbliebene Radioaktivität kein Problem darstelle, zum Trotz.

¹ Siehe hier

Fischmarkt: Fertig. Shibuya: Es gibt viel zu tun.

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Noch gibt es das: Das alte Shibuya
Noch gibt es das: Das alte Shibuya

Nach jahrelangen Bauarbeiten und unendlichen Querelen hat heute der niegelnagelneue Fischmarkt in Toyosu seine Pforten geöffnet. Zwar sind noch einige Sachen nicht vollends geklärt(kontaminiertes Erdreich, Risse im Fundament, einlaufendes Grundwasser), aber was soll’s: Im alten Fischmarkt von Tsukiji sah es auf jeden Fall nicht besser aus. Nun müssen also sämtliche Reiseführer über Tokyo umgeschrieben werden, denn Tsukiji war eine der Huaptattraktionen der Stadt. Zwar bleiben vorerst viele Restaurants vor Ort, doch der alte Markt ist so baufällig, dass wohl sehr bald mit dem Abriss begonnen wird. Egal, was danach kommt – die Atmosphäre dieses gigantischen, alten Marktest ist dahin.

In Shibuya hingegen gibt es noch immer extrem viel zu tun. Schon jetzt sind die Veränderungen im Vergleich zur Jahrtausendwende enorm – weitere fünf Jahre später wird man Shibuya jedoch kaum wiedererkennen. Und die Bauarbeiten sind wie ein Eingriff am offenen Herzen, denn hier kreuzen mehrere wichtige Bahnlinien ihre Wege – sowie ein paar wichtige Straßen, inklusive der Stadtautobahn. Man kann deshalb nur häppchenweise absperren – alles andere würde die Hauptstadt in Chaos stürzen. Und natürlich fallen diverse, einst interessante Ecken der Stadtplanung zum Opfer – so zum Beispiel die Abschnitte entlang der Gleise nördlich des Bahnhofs der Yamanote-Linie. Das ganze läuft nicht so reibungslos ab wie mancher vermuten würde: Gerade gegen die völlige Umgestaltung des 宮下公園 Miyashita-Parks gab es auch Demonstrationen, doch letztendlich half das alles nichts. Große Teile des Parks sind bereits eingeebnet und abgesperrt; die Obdachlosen vertrieben. Einzig die kleinen, stark heruntergekommenen Häuschen südlich des Parks, siehe Photo oben, stehen noch – mit Sicherheit aber nicht mehr sehr lange.

Der japanische Grundbesitzer, dem wir vor ein paar Jahren ein Stück Land abgekauft haben, um dort ein Häuschen zu bauen, kann sich noch an Zeiten erinnern, in denen sein Großvater mit dem Pferd nach Shibuya ritt. Rein rechnerisch muss wohl in den 1950ern gewesen sein. Keine Idee mutet heute jedoch absurder an als auf einem Klepper in Shibuya einzureiten…

Das neue Shibuya
Das neue Shibuya

Eins zwei drei… meins. Wie der Döner verjapanisiert wurde

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Fehlen bei japanischen Festen nicht mehr: Dönerbuden
Fehlen bei japanischen Festen nicht mehr: Dönerbuden

Oh ja, ich kann mich noch an meinen ersten Döner erinnern. Ich kann mich sogar an den Tag erinnern: 10. November 1989. Einen Tag nach dem Mauerfall, stilecht in Westberlin natürlich. Den Geschmack fand ich damals interessant (den von MacDonalds hingegen nicht). Ein ausgewachsener Döner kostete damals 2,30 DM. Später gehörte ein Döner jahrelang zum Speiseplan – ist schließlich lecker und recht preisgünstig und damit genau das richtige für einen Studenten. Auch die Bekanntschaft mit „echtem“ Kebab im Nahen Osten hat daran nichts geändert. Döner Kebab ist eben deutsches Fast Food, und keine Nachahmung.

Es muss vor circa 15 Jahren gewesen sein, als ich den ersten Dönerladen in Japan entdeckte. Das war in Akihabara, glaube ich, und am Tresen stand ein Türke aus Berlin, so wie es sein soll. Und es wurden schnell mehrere – vor allem in Akihabara, aber auch anderswo. Und es war nur eine Frage der Zeit, bis Dönerbuden auch bei den japanischen Festen (Omatsuri, Hanabi-Taikai (Feuerwerksshows) und dergleichen auftauchten, neben den üblichen Buden für Karaage, Yakisoba, Butterkartoffelb und dergleichen. Das ging soweit, dass sie sogar beim sehr lokalen, kleinen Schreinfest auftauchten.

Auch heute sah ich wieder einen Dönerstand – am wunderschönen Fuchū-shi Kyōdo-no-mori-Park im Westen von Tokyo. Der heutige Stand war jedoch ein Novum, aber kein unerwartetes: Die erste Dönerbude, die ganz allein von einem Japaner betrieben wird. Da gab es dann auch Sachen wie „Döner mit Majoran-Mayo“ und fünf verschiedene Schärfegrade für den Döner. Einen Kunden sah ich mit einem Döner abziehen, und letzterer sah eher kläglich aus, aber Döner in deutscher Pracht und Größe habe ich auch anderswo in Japan noch nicht gesehen. Und so wird es weitergehen – japanische fliegende Händler werden sich vermehrt dieser Spezialität annehmen und so lange so komische Sachen daraus machen, dass vom Original kaum mehr als der Name übrig bleiben wird.

Es wäre nicht das erste (eigentlich orientalische) Essen, das seinen Weg nach Japan findet. So ist zum Beispiel das ägyptische Mulukhiyah in Japan sehr beliebt – hier heisst es モロヘイヤ (moroheiya). Die grünen Blätter werden meist als Suppe gereicht, und natürlich denkt heute Jeder, das Moroheiya ein traditionelles japanisches Gemüse ist…

Der Anfang vom Ende einer uralten japanischen Tradition: Plastiktüten

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Wahrscheinlich gab es sie schon vor dem ersten, legendären Tennō, und bevor man lernte, Eisen zu schmieden und Schriftzeichen zu pinseln: Plastiktüten. Eine uralte japanische Tradition besagt, dass dem Kunden, und sei sein Einkauf auch noch so klein, auf jeden Fall eine – レジ袋 reji bukuro – Plastiktüte gereicht werden müsse, andernfalls wird der Himmel auf die Erde stürzen. Kleine Anmerkung am Rande: Eine auch noch so kleine Plastiktüte OHNE Einkauf zu erhalten, zum Beispiel, um etwas Wichtiges bei einem plötzlichen Regenguss zu retten, geht übrigens nicht!

Dieser Quelle¹ zufolge sieht die Statistik in Japan wie folgt aus:

Jahresverbrauch: 30,5 Milliarden Plastiktüten
Pro Kopf und Jahr: 250 Plastiktüten
Pro Sekunde in Japan: 967 Plastiktüten

und das entspricht in etwa:

1) Zwei vollen Erdöltankern
2) 3 Milliarden Plastikflaschen

Ausländische Besucher amüsieren sich über diesen Brauch zurecht, doch seit mehr und mehr bekannt wird, in welchem Maße sich Plastikmüll nun schon auf dem Planeten breit gemacht hat, weicht die Belustigung immer mehr einem Entsetzen. Muss das wirklich sein? Eine Plastiktüte, immer und überall? Doch das Bewusstsein seitens der Industrie scheint sich nun langsam (doch schon!) zu ändern. Und da sich weder Politiker noch Verbraucher ändern, muss es natürlich die Industrie tun. Ein paar Vorreiter gibt es dabei schon: Supermarktketten wie OK oder Lopia verlangen bereits seit Monaten, wenn nicht gar Jahren, einen Obulus für Tüten, doch das Gros geht schon seit jeher bei den Convenience Stores über den Tresen. Branchenprimus 7-Eleven gab nun jedoch bekannt, eine Gebühr für die Tüten zu verlangen. Das würde schlagartig den Verbrauch mindestens halbieren. Und das gute daran ist natürlich, dass 7-Eleven damit Kosten spart beziehungsweise gar Geld verdienen kann – in dem Sinne also ein no-brainer, erst recht für den Einzelhandelskoloss 7-Eleven. Man kann davon ausgehen, dass die Konkurrenz sehr schnell mitziehen wird, denn es ist schwer vorstellbar, das die Menschen zu einen anderen Convenience Store traben werden, um kostenlos Tüten zu erhalten.

Natürlich ist der Schritt gutzuheißen. Er zeigt aber auch ein typisches Japanphänomen: Während in der westlichen Welt nur allzu oft Verbraucher und anschliessend notgedrungen auch die Politiker Veränderungen herbeiführen und so die Wirtschaft zum Handeln zwingen, vertraut man in Japan noch immer gern auf die Kraft der Märkte. Das geht auch manchmal gut – aber es dauert dann in den meisten Fällen oftmals etwas länger…

¹ Siehe hier

  • Gezwitschertes

  • Tabibito meets Facebook

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