For the records: Wie man aus dem Ausland eine Kreditkarte in Deutschland bestellt

März 4th, 2015 | Tagged , | 11 Kommentare | 375 mal gelesen

Der Prozess war so holprig, dass ich mich dafür entschieden habe, eine kleine Anleitung für im Ausland lebende Deutsche zu hinterlassen. Das könnte mitunter sogar der Beginn einer losen Serie werden.

Aber erstmal zum Hintergrund: Obwohl ich im Ausland lebe, habe ich noch immer ein Konto in Deutschland. Das brauche ich einfach mal, denn es ist praktisch. Früher war das alles auch kein Problem: Ich hatte eine Maestro-Karte, und mit der konnte man – lange zumindest – auch in Japan und anderswo Geld abheben. Im Gegensatz zu Japan haben aber deutsche Bankkarten dummerweise eine begrenzte Gültigkeitsdauer (warum eigentlich!?). Und so sendete mir die Targobank, Nachfolgerin der Citibank, eine neue Karte zu: Ohne Maestro, sondern mit V-Pay. Und das ist nur in Europa brauchbar. Überweisungen nach Japan funktionierten auch nicht (Targobank sagt zwar, es geht – aber es funktionierte einfach nicht) – und selbst wenn sie funktionieren würden, hätte es bei jeder Überweisung elendig lange Kontrollanrufe von der japanischen Bank zur Folge. Paypal ginge theoretisch: Man hat ein Paypal-Konto in Deutschland, verbindet es mit seinem Konto in Deutschland, und dann noch ein Paypal-Konto in Japan (oder sonstwo), wo man es ebenfalls mit seinem Konto verbinden könnte. So kann man sich dann quasi selbst Geld überweisen. Jedoch: Paypal verlangt 3,4% Gebühren, und in Japan hat man dann immer noch das Problem, dass die Bank vor Ausführung der Überweisung von Paypal anruft und ein regelrechtes Verhör startet.

Die Targobank hatte wenigstens noch Abkommen mit der Citibank in anderen Ländern. So konnte man selbst mit der V-Pay-Karte bei der Citibank in Japan Geld abheben. Das ging bis Ende 2014 gut – denn danach wurde die Citibank von der SMBC geschluckt und das Abkommen wurde ungültig. Sprich, die Bankkarte ist in Japan nunmehr unbrauchbar.

Da stolperte ich über die Amazon.de-Kreditkarte der LBB. Soll wohl alles sehr einfach gehen – und siehe da, der Antrag ist in ein paar Minuten online erledigt. Am Ende kam dann aber doch – das war absehbar – der Stolperstein: Will man ein Konto eröffnen, muss man persönlich am Schalter erscheinen – oder PostIdent benutzen können. Und so ist es auch bei Kreditkarten: Sie werden mit PostIdent geliefert, es kann also nur der die Karte in Empfang nehmen, der sie bestellt hat. Vollmachten helfen nicht – man muss in Deutschland sein.

Gut ein Jahr forschte ich herum, wie man das umgehen kann. Im legalen Sinne, versteht sich. Bei drei Banken habe ich in Deutschland nachgefragt, und erstaunlicherweise lautete die Antwort immer gleich: Man muss nachweisen, dass man ist, wer man ist, und das kann wie folgt geschehen:

1) Man lässt sich die eigene Existenz von der Botschaft bestätigen
2) Man lässt sich die eigene Existenz von einer Bank vor Ort bestätigen
3) Man findet einen Notar, der dies erledigt

Meine weiteren Recherchen ergaben, dass 1) nicht (mehr!?) möglich ist. Bei der Recherche nach 2) erntete ich Stirnrunzeln bei den Banken in Japan, inklusive der eigentlich international ausgerichteten Citibank: Sowas habe man noch nie gehört, und das macht man einfach nicht. Auch das ist nicht ganz unerwartet: Warum sollte eine japanische Bank das auch machen? Und was für ein Formular soll dafür herhalten? So ein Formular gibt es einfach nicht.

Bleibt also 3). Ich soll also nachweisen, dass ich existiere – und wo ich wohne. Laut Information der Banken in Deutschland reicht dazu eine beglaubigte Übersetzung des Reisepasses. Das hielt ich allerdings ebenfalls für riskant, denn bekanntlich steht im Reisepass keine Adresse.

Meine Kreditkarte wurde derweilen wieder an die Bank zurückgesendet, und die Bank bat mich per Email, anzurufen. Und ich war recht perplex, denn a) beantwortete die LBB Emails schnell, und b) ging sofort immer jemand ans Telefon. Ich war zugegebenermassen beeindruckt. Ich hätte wohl ein paar Monate Zeit, meine Existenz zu bestätigen, wurde mir zugesichert.

Also suchte ich über DinJ einen Notar in Japan. So fand ich Karl Zucchi, ein in Gunma lebender öffentlich bestellter und beeidigter Übersetzer. Mit ihm kam ich schnell ins Geschäft. Ich schickte also einen Scan des japanischen Pendants eines Personalausweises zu ihm, klärte ein paar Details per Email und bekam ein paar Tage später per Post eine beglaubigte Übersetzung zugeschickt. Für Deutsche in Japan kann ich seine Dienst jedenfalls nur wärmstens empfehlen (nein, ich bekomme kein Geld für die Werbung).

Die beglaubigte Kopie schickte ich nebst Begleitschreiben dann zur Bank, mit der Bitte, entweder die Karte nach Japan zu schicken, oder falls das nicht ginge, an meine Eltern in Deutschland. Ohne PostIdent. Und siehe da: Eine gute Woche später kam die Karte wohlbehalten an. Mit einem Aufkleber, dass ich telefonisch den Erhalt bestätigen soll. Das tat ich dann auch – via Skype – und wieder: Das Telefon klingelte zwei Mal, und … ein echter Mensch! … beantwortete das Telefon. Die Bestätigung dauerte ein wenig länger, da ich ja “ein Sonderfall” sei, aber letztendlich war alles in Ordnung.

Ein Jahr Recherche, viel Kopfschütteln und unzählige Fehlinformationen später halte ich also eine deutsche Kreditkarte in der Hand. Mit der ich Geld von meinem deutschen Konto in Japan abheben kann. Beziehungsweise könnte. Ich werde sie wohl nur sehr selten benutzen, aber jetzt weiss ich wenigstens, dass ich könnte, wenn ich wollte – vorher wäre das ganze schlichtweg nicht mehr möglich gewesen.

Ich hoffe, diese Information erspart irgendjemanden ein Jahr Recherche!

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Schülermord in Kawasaki / Das grosse soziale Gefälle

Februar 27th, 2015 | Tagged , | 10 Kommentare | 665 mal gelesen

Anteil der Hochschulabsolventen im Raum Tokyo: Rot: Sehr hoch, dunkelblau: Sehr niedrig. Quelle: http://kishibaru.cocolog-nifty.com/blog/gakureki_top.html

Anteil der Hochschulabsolventen im Raum Tokyo: Rot: Sehr hoch, dunkelblau: Sehr niedrig. Quelle: http://kishibaru.cocolog-nifty.com/blog/gakureki_top.html

Am 20. Februar 2015 machten Spaziergänger im Osten der Stadt Kawasaki einen grausigen Fund: Im hohen Gras versteckt lag die Leiche eines brutal mit einem Teppichmesser ermordeten Jungen. Schnell wurde die Identität des Jungen festgestellt: Es handelte sich um einen 13-jährigen Schüler der ersten Klasse einer Mittelstufenschule in Kawasaki. Als Täter kamen – ebenfalls ziemlich schnell – die Mitglieder einer Jugendgang in Verdacht. Insgesamt soll es sich wohl um 4 Täter handeln, alle zwischen 13 und 18 Jahren alt. Die Klarnamen dürfen aufgrund des Jugendschutzes nicht in den Nachrichten genannt werden, aber sie kursieren seit Tagen auf Twitter: Einer der Täter ist wohl Halb-Japaner / Halb-Amerikaner und ein weiterer ein in Japan lebender Koreaner.

Wie konnte es so weit kommen? Das Opfer wurde auf den Oki-Inseln in der Präfektur Tottori geboren und ging dort auch die ersten Jahre zur Schule, bis er mit den Eltern nach Kawasaki zog. Oki-Inseln? Das ist in etwa so, als ob jemand von einem winzigen Dorf nahe der polnischen Grenze in Mecklenburg-Vorpommern kommt. Der Junge war wohl sehr beliebt und hatte auch in Kawasaki schnell Anschluss gefunden. Bis er Bekanntschaft mit einer in der Gegend bekannten Gruppe von 不良 furyō (wörtlich: “nicht gut”) – Schüler, die sich, im negativen Sinne, aus dem geregelten sozialen Leben ausklinken – machte. Das ging wohl anfangs gut, bis die Gruppe ihn zum Ladendiebstahl anstiften und er nicht mitmachen wollte. Seitdem war er wohl wieder und wieder Gewalt ausgesetzt und kehrte unter anderem mit blauem Auge und anderen Verletzungen zu Hause auf. Laut Angabe wollte er die Gruppe verlassen, aber das liess die Gruppe wohl nicht zu, und die Gewalt eskalierte.

Wenige Tage vor dem Mord liess er einen Freund über “Line” (der japanischen “WhatsApp”-Variante) wissen, dass er fürchte, von der Gruppe ermordet zu werden. Der Klassenlehrer versuchte angeblich mehrere Male, die Mutter auf den Jungen anzusprechen, was wohl nie gelang. Sprich, es handelt sich um einen Mord mit Ansage, bei dem Schule und Elternhaus grandios versagt haben. Es ist zudem einfach unbegreiflich, dass alle vier Tatverdächtige, obwohl offensichtlich namentlich bekannt, seitdem auf der Flucht sind und noch nicht gefunden wurden.

Sind die “furyō” wirklich so gefährlich? Japan ist doch eigentlich bekannt für seine Sicherheit – oder? Nun, mit der Sicherheit ist das so eine Sache. Es gibt auch – beziehungsweise vor allem – in den Ballungsgebieten sehr starke soziale Gefälle. Zufälligerweise habe ich erst vor zwei Wochen eine kleine Radtour durch Kawasaki gemacht. Von mir im Westen der Stadt bis zur Bucht von Tokyo sind es gute 30 Kilometer, und das Stadtbild wandelt sich beträchtlich: Während der Westen relativ ruhig – und sehr wohlhabend – ist, sieht es, je weiter man nach Osten fährt – immer schlimmer aus. Sicher, der Bahnhof Kawasaki mit all den Bürohochhäusern und Einkaufszentren liegt im Osten der Stadt, aber man braucht sich nicht weit davon zu entfernen, um zu sehen, dass hier die soziale Lage etwas prekärer ist. Dort liegen die “Substandard”-Schulen (in Japan misst man den Bildungsstandard an Schulen mit 偏差値 Hensachi – “Standardabweichung”), und dort ist der Anteil der Bewohner mit Hochschulabschluss deutlich geringer als zum Beispiel im Osten der Stadt.

Über das soziale Gefälle in Japan ist im Ausland erstaunlich wenig bekannt, was aber nicht bedeutet, dass es nicht ausgeprägt ist. Und oben genannter Vorfall zeigt, dass mit den furyō nicht zu spassen ist. Dass ein Einzelner, auch in jungen Jahren, einen Menschen ermordet, ist tragisch und kommt überall vor. Dass eine Gruppe Jugendlicher einen der Ihren so hinmetzelt, ist schwer begreiflich. Hoffentlich hat der Fall Konsequenzen.

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Die besten Haikus zum Lachen 2015

Februar 24th, 2015 | 1 Kommentar | 492 mal gelesen

Es ist mal wieder soweit – die 100 besten Senryus stehen zur Auswahl beim diesjährigen サラリーマン川柳コンクール Sarariman-Senryū-Wettbewerb, ausgetragen von der der Daiichi Seimei Hoken (“Erste Lebensversicherung”). Der Wettbewerb findet nunmehr zum 28. Mal statt. Die zehn besten Haikus werden Ende Mai bekanntgegeben, und bis zum 20. März hat jedermann die Möglichkeit, hier aus den 100 besten Senryūs den persönlichen Favoriten zu nominieren.

Das schöne an den Senryūs (Spaß-Haiku) ist, dass sie ein Spiegel der Zeit sind und in alter Versform wiedergeben, was die Leute heutzutage so denken. Moderne und Humor, verpackt in 5-7-5 Silben. Leider kann ich nicht mehr einschätzen, ob das wirklich für Japanisch-Unkundige lustig ist, aber auf japanisch sind die Senryū allemal amüsant. Diese Sarariman-Senryū sind allesamt von Sarariman – ursprünglich: Vertriebler im Außendienst, heute auch allgemein für Schlipsträger unterhalb der Führungsebene – geschrieben – also von Männern. Dieses Jahr stehen übrigens nicht überraschend 妖怪ウォッチ Yōkai-Watch (der Renner bei japanischen Kindern, auf Deutsch: “Die Gespenster-Uhr”) und アナと雪の女王Ana to Yuki no joō (“Die Eiskönigin – Völlig unverfroren” – wer hat sich eigentlich diesen bescheuerten deutschen Titel ausgedacht!?) ganz hoch im Kurs. Kein Wunder: Erst recht wenn man Kinder hat konnte man diesen beiden Sachen im vergangenen Jahr kaum entkommen.

Hier also ein paar meiner Favoriten:

記念日に 「今日は何の日?」 「燃えるゴミ!!」
Am Hochzeitstag: “Welcher Tag ist heute?” “Der Tag, um den brennbaren Müll rauszustellen!”

是非欲しい 家庭内での 自衛権
Möchte ich unbedingt haben – das Recht zur Selbstverteidigung – im eigenen Haus!

妻の声 AEDより 効果あり
Die Stimme meiner Frau – mehr Wirkung hat – als ein Defibrillator!

壁ドンを 妻にやったら 平手打ち
Kabe-don bei meiner Frau versucht – fing ich mir eine Backpfeife ein

あゝ定年 これから妻が 我が上司
Oh je – ab in die Rente – ab jetzt ist meine Frau mein Vorgesetzter!

あの上司 記憶の容量 フロッピー
Jener Vorgesetzte – sein Gedächtnis so umfassend – wie eine Floppy Disk

妻なのか… 妖怪なのか… ウォッチする
Ist das meine Frau? Oder ein Gespenst? Ich beobachte sie*

*Enthält die oben erwähnten Wörter “Yōkai” (Gespenst) und “Watch”

ひどい妻 寝ている俺に ファブリーズ
Grausame Gattin… während ich schlafe, sprüht sie Fabreeze auf mich

アナ雪を 歌う妻見て 寒くなり
Wenn meine Frau das Lied von der Eiskönigin singt fröstelt es mir

オレオレと アレアレ増える 高齢化
Ore-ore” und “Are-are” nehmen zu – mit dem Alter*

*are are – wenn einem der Name einer Person oder einer Sache nicht einfällt, sagt man “Are” (das da!)

Letzterer hat es mir besonders angetan… sehr schön!

Ältere Artikel zu den Senryu auf diesem Blog: Die besten Senryu 2013, 2009 und 2007.

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4 x 6 = 24? Denkste!

Februar 17th, 2015 | Tagged , | 23 Kommentare | 928 mal gelesen

Mathelehrbuch der 2. Klasse

Mathelehrbuch der 2. Klasse

Neulich kam Töchterchen, zweite Klasse Grundschule, etwas geknickt nach Hause. Eigentlich mag sie ja Mathe, aber dieses Mal gab es keine 100 Punkte, sondern nur 85. Das ist zwar nicht weiter tragisch, schliesslich könnten es cirka 85 Punkte weniger sein, aber das Problem lag daran, dass Töchterchen den Grund für den Punkteabzug nicht verstand.

“Ein Blumenstrauß beinhaltet 6 Blumen. Es gibt vier Sträuße. Wie viele Blumen gibt es insgesamt?”

Als Antwort schrieb Töchterchen also “4 x 6 = 24″. Und eben das ist falsch. Genau wie die folgende Aufgabe:

“Es gibt 9 Bänke. Auf einer Bank finden 7 Menschen Platz. Wie viele Menschen können insgesamt sitzen?”

9 x 7 = 63? Aber nicht doch.

Mathe war früher eigentlich meine Stärke. Beziehungsweise hatte ich keine größeren Probleme damit. An die Anfänge kann ich mich jedoch natürlich nicht mehr erinnern, und von daher hat es nicht viel zu sagen, wenn mir die Begründung für den Punkteabzug völlig unbekannt vorkommt. Ach so, ja, die Begründung lautet wie folgt:

Bei der Multiplikation schreibt man zuerst die Anzahl einer Einheit, und danach wie oft das ganze vorkommt. Richtig ist also:

6 (eine Blume mal 6) x 4 = 24 Blumen

(7 Menschen x 1 Sitzplatz) x 9 Bänke = 63

Auf Japanisch sieht die Regel so aus:

「1つ分の数」×「いくつ分」

Sprich: Anzahl der Untereinheiten * Wie viele Einheiten.

Schau an! Das Ergebnis mag noch so richtig sein – man legt Wert auf die Reihenfolge! Flugs mal etwas recherchiert, und siehe da: Es gibt sogar einen richtig langen Eintrag bei Wikipedia zur Problematik der Reihenfolge bei Multiplikationen. Und dort liest man gar Erstaunliches: Das MEXT (Bildungsministerium) zum Beispiel empfiehlt, die oben genannte, “richtige” Reihenfolge zu lehren. Letztendlich überlässt jedoch das MEXT den Schulen (bzw. Lehrern) die Entscheidung, OB die “falsche” Reihenfolge als Punktabzug zu werten ist oder nicht. Wie bitte? Da geht man also an Schule X in Japan, lernt dort das Einmaleins und dass 7 mal 9 = 63 ist – dann wird man an eine andere Schule versetzt und erfährt dort, dass 7 mal 9 nicht das gleiche ist wie 9 mal 7?

Im Wikipedia-Eintrag erfährt man auch, dass in den USA wohl die umgekehrte Reihenfolge unterrichtet wird – “Verstösse” jedoch nicht geahndet werden.

Warum man nun in Japan so viel Wert darauf legt, diese “Regel” (deren Sinn sich mir wirklich nicht vollständig erschliesst) durchzusetzen, ist mir unbekannt. Da bin ich dann wohl doch zu sehr ergebnisorientiert. Sicher, Regeln helfen – wenn sie helfen. Aber in diesem Fall scheint die Regel nur eins zu tun: Die Kinder zusätzlich zu verwirren. Im japanischen Internet scheinen sich sehr viele Eltern – zurecht – darüber zu ereifern. Der Tenor – und das gilt nicht nur bei Mathematiklehrbüchern – lautet: “Warum müssen Kinder, exakt nach unsinnigen Inhalten in Lehrbüchern schreiben, um keine Punkte zu verlieren?”. Gute Frage. Aber die Qualität japanischer Schullehrbücher lässt im Großen und Ganzen sowieso zu wünschen übrig. Da werden keine frei denkenden Menschen gebildet, sondern Ja-Sager.

Interessanterweise sollte noch vermerkt werden, dass im ganzen Mathelehrbuch der 2. Klasse kein Wort von dieser Regel steht. Das wird wohl nur in Begleitmaterialien erwähnt. Und entweder hat die Lehrerin die Regel nicht gut erklärt, oder meine Tochter war mit etwas anderem beschäftigt. Die Chancen stehen 49:51. Oder 51:49?

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Gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Japan bald gleichgestellt?

Februar 13th, 2015 | Tagged , , , | 2 Kommentare | 665 mal gelesen

Heute, am 12. Februar 2015, gab es bei einer Pressekonferenz der Bezirksverwaltung von Shibuya-ku (Tokyo) eine kleine Sensation¹: Dort gab man nämlich bekannt, dass man einen Antrag auf Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften im Stadtbezirk Shibuya eingereicht hat – über den soll dann im März 2015 entschieden werden. Das bedeutet zwar nicht, dass gleichgeschlechtliche Paare in Japan heiraten dürfen, aber das Rathaus von Shibuya würde, so der Antrag Erfolg hat, eben jenen Paaren eine Bescheinigung ausstellen, die ihnen erlauben würde, im Bezirksgebiet wie Ehepartner behandelt zu werden.

Das ist insofern eine Sensation, als gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Japan einfach kein Thema sind: Dieses Angelegenheit wird lauthals totgeschwiegen, und weder Politiker noch Medien scheinen grossartig Interesse daran zu haben, sich dafür zu erwärmen. Sicher, die Fernsehprogramme sind voll mit Männern in Frauenkleidern (Ai Haruna, Matsuko Deluxe oder Mitz Mangrove, um nur einige zu nennen) oder schrägen Typen wie Hard Gay, die mit dem Darstellen von Stereotypen ihr Geld verdienen, aber Homosexualität, obwohl nicht illegal, steht einfach nicht zur Debatte.

Da gleichgeschlechtliche Partner in Japan nicht heiraten dürfen, entgehen ihnen zahlreiche für verheiratete Menschen übliche Privilegien. Das geht bei Bürg- und Erbschaften los und hört bei Patientenverfügungen und steuerlichen Vergünstigungen bestimmt nicht auf. Wie man in Shibuya-ku nun auf den Gedanken gekommen ist, als erste Kommune Japans gleichgeschlechtlichen Paaren entgegenzukommen, ist unklar. Sollte der Entwurf jedoch angenommen werden – und sollte Shibuya auf Dauer die einzige Kommune Japans bleiben – kann sich das ohnehin schon trendige Stadtviertel wahrscheinlich einen neuen Fortschrittsstern ans Revers heften.

¹ Siehe NHK News (Japanisch) und Japan Times (Englisch).

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Hokuriku-Shinkansen: Der Countdown läuft

Februar 9th, 2015 | Tagged , | 2 Kommentare | 807 mal gelesen

Aus aktuellem Anlass (nun ja, ich war heute mit dem Shinkansen unterwegs) wird es Zeit, der baldigen Eröffnung einer neuen Shinkansenstrecke ein paar Zeilen zu widmen. Alle paar Jahre wird in Japan eine neue Trasse eingeweiht – zuletzt im März 2011, als die Hauptachse des Kyushu-Shinkansens sowie die Erweiterung des Tohoku-Shinkansens bis Aomori eingeweiht wurden. Das ging leider etwas in den Nachrichten unter, denn 6 Tage nach Eröffnung des Aomori-Shinkansens gab es das schwere Erdbeben, und die Strecke musste erstmal für ein paar Wochen geschlossen werden. Die Eröffnung der kompletten Kyushu-Strecke fand am Tag nach dem Beben statt.

In 33 Tagen ist es dann wieder soweit: Das Netz wird am 14. März 2015 um einen neuen Abschnitt erweitert – die Rede ist vom 北陸新幹線 Hokuriku-Shinkansen. Bisher war in dieser Richtung, von Tokyo aus gesehen, immer in Nagano Schluss, doch die neue Strecke führt von Nagano weiter bis ans Japanische Meer – genauer gesagt geht es über Toyama bis nach Kanazawa. Landschaftlich sollte man von der Strecke nicht allzu viel erwarten – sicherlich, die Landschaft als solche ist eigentlich spektakulär, denn es geht erst die Südalpen und dann das Meer entlang, aber die neuen Shinkansenstrecken enthalten so viele und so lange Tunnel, das man meinen möchte, man sitzt in der U-Bahn. Zugegebenermassen einer verdammt schnellen U-Bahn.

Was hat man aber nun von dem neuen, knapp 230 Kilometer langen Teilstück? Wer heutzutage mit der Bahn von Tokyo bis Kanazawa fährt, braucht 4 Stunden und 15 Minuten – die einfache Fahrt kostet rund 16’000 Yen. Mit dem neuen Shinkansen braucht man nur 2½ Stunden – und bezahlt nur noch rund 14’000 Yen: Der Grund: Für die jetzige Strecke muss man einen weiten Umweg (über Nagoya) fahren. Will man heuer nach Toyama, braucht man momentan 3 Stunden und 45 Minuten und bezahlt rund 11’000 Yen – der neue Shinkansen ist da mit 12’730 Yen etwas teurer, dafür aber in 2 Stunden und 15 Minuten vor Ort. Fazit: Toyama und Kanazawa rücken näher an die Hauptstadt, und das ist gut: Vor allem Kanazawa ist ein unterschätztes Reiseziel in Japan.

Bei Kanazawa soll es übrigens nicht bleiben: Die Strecke wird letztendlich weitergehen – über Fukui bis Tsuruga und dann schliesslich weiter bis Osaka oder Kyoto, aber bis dahin wird noch eine Menge Wasser den Tone-Fluss herunterfliessen.

Kopfbahnhof von NihongiSchaut man sich die Haltestellen der neuen Strecke an, so findet man dort unter anderem den Namen 上越妙高 Jōetsu-Myōkō. Dieser Bahnhof befindet sich in der Präfektur Niigata – im Nichts. Rundherum gibt es rein gar nichts. Der Bahnhof kam mir etwas seltsam vor, als ich selbst im vergangenen Sommer in Richtung Myōkō-Kōgen unterwegs war – einem sehr malerischen Wintersportort auf über 1’000 Meter Höhe. Als ich mich dort schliesslich mit einem Bewohner über die Shinkansenanbindung unterhielt, war jener entsprechend etwas vergnatzt: Der Shinkansenbahnhof trägt zwar den Namen Myōkō, ist aber vom ziemlich bekannten Wintersportort so weit entfernt, dass die Trasse für Besucher des Ortes kaum einen Nutzen trägt.

Auf halbem Wege zwischen dem eigentlichen Bahnhof von Myōkō-Kōgen und dem neuen Shinkansenbahnhof befindet sich übrigens der etwas ungewöhnliche Bahnhof von 二本木 Nihongi (wörtlich: “Zwei Bäume” – im Gegensatz zu Roppongi in Tokyo: “Sechs Bäume): Züge können den Bahnhof nur in der Richtung verlassen, aus der sie gekommen sind. Will heissen, die Züge müssen einen kleinen Berg hochfahren, um nach Nihongi zu kommen – und fahren zumindest einen Teil der Strecke wieder zurück, bevor sie die Richtung ändern.

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Der gezügelte Appetit auf Sex

Februar 6th, 2015 | Tagged | 8 Kommentare | 1221 mal gelesen

Älterer JFPA-BerichtSeit 2002 gibt es sie – die Untersuchung zum “Leben und gegenseitigem Bewusstsein von Männern und Frauen” (男女の生活と意識に関する調), durchgeführt und veröffentlicht von der JFPA 一般社団法人日本家族計画協会 (Japan Family Planning Association Inc.)¹. Ein Teil der Untersuchung beschäftigt sich mit der Frage, wie Japaner Sex gegenüberstehen². Und die Zahlen verblüffen mich alljährlich aufs Neue: Der Umfrage unter 3,000 Japanern zufolge haben rund 45% der 16-bis 29-jährigen Frauen entweder kein Interesse am Sex oder finden es abstoßend – bei den Männern sind es rund 20%. Nicht überraschend ist, dass vor allem die Gruppe der 16 bis 19-jährigen reichlich desinteressiert ist. Wie und wo sollten sie auch Gelegenheit dazu haben im straff organisierten Oberschulenleben und der Tatsache, dass es einfach nicht drin ist, sich zu Hause zu besuchen.

Im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren zeichnet sich jedoch ein Trend sehr deutlich ab: Japanische Männer zwischen 25 und 29 Jahren haben immer weniger Interesse an Körperkontakten abseits der völlig überfüllten Berufsverkehrsmittel. Waren 2008 noch unter 8 Prozent von ihnen desinteressiert, so waren es dieses Jahr bereits rund 22%. Den Begriff des 草食男子 (sōshoku danshi – wörtlich: “Grasfressender Mann”) gibt es ja nun schon eine Weile, und er charakterisiert Männer, die wenig bis kaum Interesse am anderen Geschlecht zeigen. Nun aber macht der Begriff des 絶食男子 (zesshoku danshi – Abstinenzler) die Runde.

Woran liegt’s? An der aufgrund der wirtschaftlich nicht gerade vorteilhaft aussehenden Lage und dem damit steigenden Erfolgsdruck? An mangelnder Aufklärung? An der Angst davor, eine Familie mit Kindern und allem drum und dran zu gründen – eine wichtige Angelegenheit, die von der Politik und der Gesellschaft sträflich vernachlässigt wird? Oder liegt es gar an der extrem Hedonismus- und Egoismus-fördernden Werbung, die heuer nur mehr das Sterile, Reine propagiert? Jemand sollte mal eine Zählung durchführen, wie oft deutsche Werbung traute Zweisamkeit propagiert – und wie oft das in Japan zu sehen ist: In Japan kommen in der Werbung normalerweise nur ganze Familien mit Kindern vor – in der Regel aber glückliche Singles oder Frauen, die nur unter sich glücklich sind.

An der Religion kann es sicher nicht liegen, denn die beschäftigt sich nicht mit Sex und verbietet ihn entsprechend auch nicht. Die Gründe sind sicher vielschichtig, aber der Trend als solcher stimmt schon etwas traurig. Eine sexlose Gesellschaft kann nicht gedeihen. Und eine Gesellschaft, die ihren Mitgliedern nicht mal Zeit dazu lässt, über Sex nachzudenken beziehungsweise keine Gelegenheiten schafft, hat ein arges Problem. Aber das ist in Japan mittlerweile ein alter Hut.

¹ Die Webseite der JFPA findet man hier.
² Einen Abstrakt des diesjährigen Berichtes findet man bei der Mainichi Shinbun.

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I am Kenji oder das grosse Missverständnis des Herrn Abe

Februar 3rd, 2015 | Tagged | 8 Kommentare | 1376 mal gelesen

Am Sonntag morgen japanischer Zeit wurde es traurige Gewissheit: Auch 後藤 健二 Gotō Kenji, freier Fotograf, wurde Opfer von ISIS – hingemeuchelt wie etliche andere Geiseln auch. Eine Zeit lang sah es so aus, als ob er seinem Schicksal entkommen könnte: Der Islamische Staat forderte erst 200 Millionen US-Dollar, exekutierte dann Gotōs Freund und Bekannten Yukawa und erklärte sich schliesslich bereit, Gotō freizulassen, wenn Jordanien die dort zum Tode verurteilte irakische Terroristin Sajida Mubarak Atrous al-Rishawi freiliesse. Das brachte die jordanische Regierung in die Zwickmühle, denn der Islamische Staat hält auch einen Jordanier gefangen – einen Piloten, der bei einem Angriff auf den Islamischen Staat abstürzte. Jordanien änderte also die Bedingungen und forderte erstmal ein Lebenszeichen des Piloten. Die Tagesschau meldete daraufhin – fälschlicherweise – dass der Islamische Staat mit dem Austausch 2 gegen 1 einverstanden wäre, aber dem war nicht so. Offenbar wurde das dem Islamischen Staat zu viel, und so wurde Gotō enthauptet. Er hinterlässt unter anderem 3 Töchter – die jüngste wurde erst vor ein paar Wochen geboren.

Gotō war freier und erfahrener Fotograf, der vor allem über das Leid der Frauen und Kinder in Kriegsgebieten berichtete – aus Syrien, Irak, Sierra Leone, Südsudan und so weiter und so fort. Gerade mal 47 Jahre alt wurde er. Sein Tod trat nun in Japan eine Debatte los. Hat die Regierung genug getan, um seinen Tod zu verhindern? Die Lösegeldforderung wurde (zu recht) umstandslos abgelehnt. Nun gibt es Stimmen, die kritisieren, dass die Regierung nicht einmal versuchte, zu verhandeln. Es gibt auch – wenn auch versteckte – Kritik an Jordanien: Hätte Jordanien nicht plötzlich seinerseits Bedingungen gestellt, würde Gotō vielleicht noch leben. Das schlimmste, und das war zu befürchten, ist jedoch die angebliche Lektion, die Ministerpräsident Abe aus dem Vorfall zu ziehen versucht: Er sieht sich in seinem Vorhaben bestätigt, die seiner Meinung nach nicht mehr zeitgemässe, pazifistische Verfassung Japans zu ändern, damit Japan aktiv ins Kriegsgeschehen eingreifen kann. Gotōs Witwe sowie seine Mutter sprachen sich umgehend dagegen aus: Gotō wollte mit seiner Arbeit schliesslich nur eins zeigen: Dass Krieg nur Leid und Unheil über die Schwächsten bringt. Seinen Tod nun zu instrumentalisieren, um Japan zum Krieg zu befähigen, ist Zynismus pur. Und Abes Begründung einfach nur falsch: “So etwas lässt sich nur verhindern, wenn Japan aktiv am Kampf gegen den Islamischen Staat teilnehmen kann”. Weniger Opfer, weniger Gewalt, wenn sich das Land in einen Krieg fernab der Heimat begibt? Das ist schwer vorstellbar.

Es gibt auch Kritik daran, dass Abe ankündigte, den Islamischen Staat und alle Beteiligten bedingungslos zur Rechenschaft ziehen zu wollen. Die Kritiker sind der Meinung, dass Abe mit dieser Äusserung alle im (arabischen) Ausland befindlichen Japaner zur Zielscheibe macht. Über diesen Punkt mag man nun streiten: Propaganda auch in der westlichen Welt hin oder her – der Islamische Staat ist ganz sicher kein Wohlfahrtsverein und seine Taten mit gesundem Menschenverstand schwer zu begreifen. Dazu Stellung zu beziehen ist sicher besser, als stillschweigend alles zu dulden.

Ein paar Fotos und Berichte (leider alles auf Japanisch) kann man auf Gotos Webseite sehen: ipgoto.com.

In diesem Sinne – Rest in Peace, Gotō-san. Ein bewundernswerter Mann mit viel Herz und Mut, der dieses Ende auf keinen Fall verdient hat. Ich wünschte, Ministerpräsident Abe hätte sich ein bisschen mehr mit der Arbeit dieses Mannes auseinandergesetzt.

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Rauer Ton im Krankenhaus

Januar 30th, 2015 | Tagged , | 6 Kommentare | 1723 mal gelesen

In dieser Woche tauchte ein – anfangs zumindest heimlich aufgenommenes – Video bei YouTube auf, das momentan ziemlich hohe Wellen schlägt. Der Hintergrund: Ein brasilianischer Vater brachte sein krankes Kleinkind in die Notaufnahme eines Krankenhauses der Stadt Iwata in der Präfektur Shizuoka (dort leben sehr viele japanischstämmige Brasilianer). Die Ärzte schauten sich das Kind an und meinten hernach, das sei nichts Schlimmes, und der Vater solle am nächsten Tag noch mal bei einem regulären Arzt vorbeischauen. Daraufhin verlangte der Vater ein 診断書 shindansho – Attest, doch der Arzt weigerte sich, das Dokument auszustellen – mit der Begründung, so etwas gibt es in der Notaufnahme nicht.

Damit gab sich der besorgte Vater jedoch nicht zufrieden. Verständlicherweise. Wie sich später herausstellte, hatte er 5 Kinder, und eines der Kinder war bereits sehr jung verstorben. Und so redete er in brüchigem, aber höflichen Japanisch weiter auf den Arzt ein: “Was passiert nun, wenn es doch etwas Schlimmes ist?” fragte er den Arzt, worauf jener lapidar “Dann verklag uns doch” antwortete. Als der Arzt einen Anruf auf sein Handy empfing, gab er den Vater mit einem gemurmelten くそ野郎 kusoyarō (wörtlich: Scheißkerl) an seinen Kollegen weiter. Dabei fiel wohl auch das Wort 死ね (Verrecke!). Der Vater hatte dummerweise schon vorher die Kamera seines Handys angeschaltet, und so existiert alles schön auf Video.

Nach einer Weile kam eine Krankenschwester, die portugiesisch kann, hinzu und begann zu vermitteln. Der Vater offenbarte schliesslich, dass er filmte, und das ist dem Arzt sichtbar peinlich. Das ganze ist für den Arzt freilich ganz dumm gelaufen: Man kann davon ausgehen, dass er sich sicher war, dass der Zugewanderte die Schimpfwörter nicht versteht. Verstand er aber.

Ist das nun Fremdenfeindlichkeit? Schwer zu sagen. Aber eins ist es auf jeden Fall: Ein akuter Fall von flatus cerebri auf Seiten des Arztes. So redet man nicht. Nicht mit Patienten, egal ob sie die gleiche Sprache sprechen oder nicht. Und schon gar nicht mit dem besorgten Vater eines kleinen Kindes.

iwata-krankenhaus

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Absoluter. Leerstand.

Januar 27th, 2015 | Tagged | 6 Kommentare | 1702 mal gelesen

Zerfallendes Haus - hier in Tsubame, Niigata

Zerfallendes Haus – hier in Tsubame, Niigata

Laut einer Untersuchung von SankeiBiz¹ wurde festgestellt, dass es im Jahr 2013 in Japan geschlagene 8,2 Millionen leerstehende Häuser gab. Das ist ungefähr ein Sechstel aller Wohnhäuser – und diese Zahl steigt alljährlich um cirka 200’000. Das bedeutet, so der Trend sich fortsetzt, dass im Jahr 2030 rund ein Viertel aller Häuser leer stehen wird. Wird sich der Trend fortsetzen? Mit Sicherheit wird er das, denn sowohl die Überalterung als auch die Landflucht halten an. Das Problem mit dem Leerstand liegt dabei darin, dass die Häuser nicht abgerissen werden, sondern einfach zerfallen – sonst würden sie in der Statistik nicht auftauchen.

Das ganze steht im krassen Widerspruch zur Bauwut in und um Tokyo, wo nach und nach die letzten Grünflächen zugunsten neuer Siedlungen und Einzelhäuser verschwinden. Wer sich das vorher und nachher ansehen möchte, braucht nur mal nach 日吉 Hiyoshi (im Norden von Yokohama) zu fahren: Dort hat die Landnahme, trotz teils grosser Hangneigungen, die gesamte Natur verdrängt. Wer wissen will, wie es dort vorher aussah, braucht dann nur mit dem Zug rund 15 km Richtung Süden, zum Beispiel nach 戸塚 Totsuka, zu fahren. Dort gibt es noch etwas Grün – nur: wie lange noch?

Zerfallen: Ja. Verlassen? Noch nicht. Und zwar in Hiroo, mitten in Tokyo

Zerfallen: Ja. Verlassen? Noch nicht. Und zwar in Hiroo, mitten in Tokyo

Der Leerstand stellt in vielen Gegenden ein Problem dar. Mal davon abgesehen, dass 10, 20 Jahre alte, langsam zerfallende Häuser nicht schön aussehen, können diese zum Beispiel bei Feuer- oder Erdbebenkatastrophen durchaus zur Gefahr werden. Leider stehen die meisten leerstehenden Häuser dort, wo keiner mehr wohnen will, aber selbst in Tokyo oder Saitama oder Yokohama findet man sie. Die Bewohner sind entweder verstorben, in Altersheime gezogen oder in die Stadt verzogen. Ein Haus komplett abzureissen kostet schnell ein paar Millionen Yen (also zehntausende Euro), und das können sich vor allem alte Leute natürlich nicht immer leisten.

Das bedeutet allerdings auch, dass man mittlerweile ältere Wohnhäuser auf dem Land spottbillig kaufen kann – aber diese Geschichten kennt man ja auch aus der Mark Brandenburg zum Beispiel. Somit hat Otto Normalverbraucher mit seiner Familie nicht viel von der Tatsache, dass es so viel Leerstand gibt: Die Häuser wurden aus gutem Grunde verlassen. Für jemanden, der seine letzten Jahre in Abgeschiedenheit auf dem Land verbringen möchte, wird Japan jedoch mehr und mehr zum Paradies. Solange man die Unannehmlichkeiten wie weite Strecken bis zu Geschäften, Krankenhäusern, Von-der-Aussenwelt-abgeschnitten-sein im Winter usw. wegstecken kann.

¹ Siehe hier: 日本で増え続ける空き家 税金、撤去費用…金銭面のハードル高く

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