Fukushima-Bazille oder Von geistig verarmten Lehrern

Dezember 5th, 2016 | Tagged , , | 1 Kommentar | 379 mal gelesen

Dass Kinder aus Fukushima, die 2011 nach der Erdbeben- / Tsunami- / AKW-Katastrophe in anderen Gegenden Japans zogen, um dem Strahlenrisiko zu entkommen, in manchen Schulen Probleme bekommen würden, war leider von vornherein klar. Zu groß ist in gewissen Teilen der japanischen Gesellschaft das Bedürfnis, andere Menschen zu stigmatisieren – egal ob Ausländer oder Japaner. Das war und ist bei den burakumin so, oder bei Koreanern, bei Opfern der Atombombenabwürfe oder bei Betroffenen der Minamata-Krankheit. Oder bei Kindern mit ausländischem Elternteil.

So kam in der vergangenen Woche ans Licht, dass ein Viertklässler in der Präfektur Niigata von seinen Mitschülern gehänselt wurde – indem sie an seinen Namen nicht das übliche „-kun“ (wird für Jungs verwendet) benutzten, sondern „-kin“ – mit dem Schriftzeichen „菌“ geschrieben. Und das steht für „Bazille“. Die Mitschüler spielten damit auf die Herkunft des Jungen an und das Gerücht, dass von der Reaktorkatastrophe Betroffene unrein sind und Krankheiten verbreiten könnte.

Dem Jungen war es irgendwann genug, und er beschloss, nicht mehr zur Schule zu gehen. Doch nachdem die Eltern nachbohrten, kam etwas besonders Abscheuliches ans Tageslicht. Der Junge hatte sich nämlich vorher bei seinem Lehrer darüber beklagt, „~kin“ genannt zu werden. Dem Lehrer war also die Problematik bewusst gewesen. Doch einige Zeit später nannte eben jener Lehrer vor anderen Schulkindern den Jungen ebenfalls „~kin“.

Die Eltern hörten davon und setzten sich mit der Schule in Verbindung. Der Lehrer stritt den Vorfall erst ab. Später verbesserte er sich und sagte aus, dass er „womöglich, aber unabsichtlich den allgemeinen Rufnamen“ benutzt haben könnte. Bei einer dritten Anfrage gab er letztendlich zu, den Jungen im Beisein anderer Schüler „~kin“ genannt zu haben.
Heute berief der Direktor der Schule eine außerordentliche Schulversammlung an und entschuldige sich öffentlich bei dem Jungen. Der Direktor, wohlgemerkt — nicht der besagte Lehrer.

Der Junge ist Viertklässler, genau wie meine Tochter. Wenn ich nur daran denke, dass ein Grundschullehrer (!!!) sich so benehmen kann, mache ich mir ernsthafte Sorgen. Auch in der Schule meiner Tochter gibt es einen „Spezi“ – ein Lehrer, dem jetzt endgültig der Führerschein abgenommen wurde, da er wiederholt ohne Führerschein (der ihn wegen diverser Delikte zuvor abgenommen wurde) erwischt wurde.

Schaut man sich Kommentare in den sozialen Netzwerken so an, findet man zahlreiche Japaner, die beklagen, dass das Niveau der Schullehrer stark gesunken sei. Man fühlt sich versucht, diesen Kommentaren Glauben zu schenken, aber ich bin mir da nicht ganz so sicher. Denn Vorfälle wie diese, insbesondere die Diskriminierung von Kindern vor anderen Schulkindern, gab es in Japan eigentlich schon immer – das ist nichts Neues. Man kann sich natürlich enttäuscht darüber zeigen, dass sich offensichtlich nicht viel geändert hat.

Fälle von Schikanierung von Fukushima-„Flüchtlingen“ sind keine Seltenheit, und die berichteten Fälle sind sicherlich nur die Spitze des Eisberges. Dass jedoch auch ein Lehrer daran beteiligt ist, macht diesen Fall besonders tragisch.

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Teure Olympische Spiele | Mercedes-Raamen

Dezember 1st, 2016 | Tagged , , | Kein Kommentar bisher | 323 mal gelesen

Auch heute gibt es wieder zwei Nachrichten auf ein Mal.

Die erste betrifft die Olympischen Spiele in Tokyo 2020: Vorgestern, am 29. November 2016, kamen IOC-Mitglieder, das Tokyo-Komitee für die Olympischen Spiele, Vertreter der japanischen Regierung sowie Vertreter der Stadtverwaltung von Tokyo in einem Hotel der Stadt zusammen, um den Stand der Dinge zu diskutieren. Dabei ging es unter anderem um die anhaltende Diskussion über die Auslagerung einiger Wettkampftstätten nach Tohoku sowie um die Kosten der Spiele. Und dort gab es einen Offenbarungseid. Während der Präsentation über die Spiele im Jahr 2013 hieß es, dass der ganze Spaß cirka 734 Milliarden Yen, also rund 6 Milliarden Euro kosten wird. Bei der Versammlung am Dienstag hiess es jedoch nun, dass man versuchen werde, nicht mehr als 2 Billionen Yen, also 16,5 Milliarden Euro, für die Spiele auszugeben, aber die neue Ratsherrin von Tokyo, Yuriko Koike, brachte auch schon 25 Milliarden Euro als mögliche Kosten ins Gespräch. Ein Grund für die Kostenexplosion war auch schnell gefunden (nicht von Koike, wohlgemerkt): Der alte Voranschlag habe eben noch nicht Kosten für Transport, Sicherheit usw. enthalten. Nun ja.

Der Kostenexplosion wird vermutlich der Vorschlag zum Opfer fallen, die Ruderer in die hunderte Kilometer weiter nördlich gelegene Präfektur Miyagi zu schicken – zu einer Anlage in 長沼 Naganuma. Man argumentierte, dass dies einen belebenden Effekt auf die von der Erdbeben- und Tsunamikatastrophe gebeutelte Region haben könnte, und dass der Ort zwar weit entfernt liegt, dies aber dank des Shinkansens kein Problem sein sollte, was soweit auch korrekt ist. So gesehen also keine so falsche Idee. Man darf jedoch gespannt sein, wie sich die Kosten weiter entwickeln werden. Und falls jemand beim Lesen dieser Zeilen gerade ein Déjà vu hatte — richtig, auch die Olympischen Sommerspiele 2012 in London wurden mit rund 6 Milliarden Euro veranschlagt, kosteten aber letzendlich fast 14 Milliarden. Dass man das in Tokyo für wesentlich weniger Geld hinbekommt, klang von vornherein relativ unwahrscheinlich.


Zur zweiten Nachricht: Wie jetzt bekannt wurde, wird Mercedes Benz in den nächsten Tagen und Wochen in seiner Hauptniederlassung in Roppongi, Tokyo, ラーメン Raamen verkaufen. Erklärtes Ziel ist es, Japaner zu überzeugen, dass Mercedes mehr als eine Luxusmarke für Gutbetuchte ist. Und so hat man sich die berühmte chinesisch-japanische Nudelsuppe als Kundenfänger ausgesucht, denn Raamen ist „Volksessen“, also quasi das, was dem Deutschen seine Curry- oder andere Wurst ist. Zwei Varianten wird es geben: 陸 riku (Land), mit Entenfleisch und Pilzen, sowie 海 Umi (Meer) auf Fischbrühenbasis. In letzerer Variante schwimmt dann auch Mochireis mit dem obligatorischen Stern eingebrannt. Eine Schüssel kostet wohl 1’200 Yen (10 Euro), also etwas mehr als üblich für Raamen, aber keinesfalls abschreckend teuer.

Mercedes Benz-Ramen. Quelle: WithNews

Mercedes Benz-Ramen. Quelle: WithNews

Ein veritabler Marketingtrick, denn erstens gibt es unzählige Raamenfanatiker in Japan, die man so in die Ausstellungsräume locken kann, und zum anderen gibt es genug Idioten wie mich, die sich darüber die Finger wund schreiben. Aber da ich selber Ramen-fan bin, war mir das ein paar Zeilen wert.

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Novum: Erstmals japanischer Twitter-Nutzer wegen Fehlinformation verurteilt

November 28th, 2016 | Tagged , , | Kein Kommentar bisher | 483 mal gelesen

Es dauerte keine volle Stunde, als nach dem schweren Erdbeben von Kumamoto am 14. April 2016 plötzlich die Telefone im Zoo von Kumamoto zu klingeln begannen. Die besorgten Anrufer wollten alle das gleiche wissen: Ob es denn stimme, dass ein Löwe aus dem Gehege ausgebrochen sei und nun frei durch die Stadt spaziere. Die Zoowächter konnten das nicht bestätigen und waren berechtigterweise verdutzt: Woher kamen plötzlich all diese Anrufe?

Der Grund für die Panik der Anrufer war ein einziger Tweet. Dieser beinhaltete das Foto eines Löwen, der gemächlich durch eine Straße spaziert, und die kurze Mitteilung

Gerüchte-Tweet: Angeblich ausgebrochener Löwe in Kumamoto

Gerüchte-Tweet: Angeblich ausgebrochener Löwe in Kumamoto

Das kann doch nicht wahr sein – wegen des Erdbebens ist ein Löwe aus dem nahegelegenen Zoo ausgebrochen. — Kumamoto

In Windeseile verbreitete sich die Mitteilung über Twitter – in wenigen Stunden wurde die Nachricht von über 25’000 Nutzern geteilt und damit von hunderttausenden gelesen. Menschen, die wie im Falle eines schweren Erdbebens üblich sich draussen in Evakuierungszentren trafen (üblicherweise sind das Parks oder Schulhöfe, Sportstätten usw.) gingen aus Angst vor dem Löwen schnell wieder in ihre halb zerstörten Häuser zurück – verständlicherweise bekamen es nicht wenige mit der Angst zu tun.

Wenn man sich das Bild im nachhinein ansieht, erkennt man umgehend, dass dies nicht in Japan aufgenommen sein kann: Das Grün und die Form der Ampel links gibt es so nicht in Japan, auch die Strassenmarkierungen sehen anders aus, und dann steht da auch noch ein Straßenname auf Englisch am Bordstein rechts unten. Sicher werden das auch viele erkannt haben, aber wenn man das Photo auf einem winzigen Handy-Display sieht – bibbernd, draussen in der Kälte, nach einem schweren Erdbeben – achtet man natürlich weniger auf die Details.

Der Verursacher schien ganz aus dem Häuschen und postete noch Sachen wie „So viele Retweets – das macht Spass!“ und „Über 20’000 – vielen Dank!“. Am nächsten Tag wurde sein Twitter-Konto gesperrt, und die Polizei in Kumamoto nahm ihre Arbeit auf. Am 20. Juli schließlich wurde ein 20-jähriger Angestellter in der weit von Kumamoto entfernten Präfektur Kanagawa festgenommen. Der Mann hatte nicht das Geringste mit Kumamoto zu tun und gab an, den Tweet nur aus Jux geschrieben zu haben. Das Bild mit dem Löwen hatte er im Internet gefunden – es wurde im April 2016 in Südafrika aufgenommen und es handelte sich um einen zahmen Löwen, der für Filmaufnahmen durch die Strasse schlenderte.

Mit dem schalen Scherz beschäftigten sich nun die Gerichte und kamen zu dem Schluss, dass es sich um „Behinderung der Behördenarbeit durch falsche Informationen“ handelt – belegt mit gut 2 Jahren auf Bewährung und einer Geldstrafe von über 4’000 Euro. Dies ist somit der erste Fall von デマ dema (kurz für Demagogie), der in Japan ein juristisches Nachspiel hatte. Und das ist auch gut so. Denn Demagogie hat in Japan vor allem nach schweren Naturkatastrophen Tradition und kostete zahlreichen Koreaner nach dem Erdbeben von Tokyo im Jahr 1923 das Leben, da verbreitet wurde, dass die in der Hauptstadt lebenden Koreaner die Brunnen vergiften würden. Auch nach dem Erdbeben in Tohoku 2011 und in Kumamoto 2016 gab es antikoreanische Demagogie, zum Beispiel in Form der Behauptung, dass Koreaner plündernd durch die Straßen zögen.

Der juristische Tatbestand der absichtlichen Fehlinformation ist brisant, denn es gibt mit Sicherheit eine Grauzone, die zum Beispiel für Journalisten gefährlich werden könnte. Doch allgemein betrachtet ist die Festnahme und Verurteilung in diesem Fall nur begrüßenswert, denn im Falle einer Katastrophe – dazu noch aus sicherer Entfernung – gefährliche Gerüchte in die Welt zu setzen sollte nicht ungestraft bleiben.

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Buntes Allerlei: Erdbeben | Schnee | Abe’s Fehlgriff und Geschichtsstunde

November 24th, 2016 | Tagged , , , | Kein Kommentar bisher | 751 mal gelesen

Unerhört: Schnee in Tokyo im November

Unerhört: Schnee in Tokyo im November

Irgendwann im vergangenen Jahr, im November oder Dezember, meldete das Wetteramt Schnee für Tokyo an. Das war recht ungewöhnlich, denn wenn es mal in Tokyo schneit (man erinnere sich – Tokyo liegt auf dem gleichen Breitengrad wie Tunis!), dann eher um den Februar herum. Und siehe da – es schneite nicht, und die falsche Vorhersage wurde damit begründet, „dass es nicht kalt genug war“. Aha. Heute hat es jedoch gereicht. Zwar blieb der Schnee im Zentrum von Tokyo kaum liegen, wohl aber in den Randgebieten, inklusive meines Gärtchens. Und das ist schon etwas besonderes: Das letzte mal, dass es im Zentrum von Tokyo im November geschneit hat, war 1962 – also vor 54 Jahren. Das Verkehrschaos war da, aber es hielt sich einigermaßen in Grenzen.


A propos Natur: Am Dienstag, dem 22. November, morgens kurz vor 6 Uhr, rüttelte es spürbar im Raum Tokyo — Grund dafür war ein Erdbeben der Stärke 6.9¹ vor der Küste von Fukushima – also genau da, wo man in den Jahrzehnten lieber kein grösseres Erdbeben erwarten möchte. Es wurde sogar eine Tsunami-Warnung herausgegeben, aber der Tsunami war letztendlich maximal 1.5 Meter hoch und richtete keine größeren Schäden an.  Auch im havarierten AKW gab es wohl keine besonderen Vorkommnisse. In den deutschen Medien las sich das jedoch alles so furchtbar, dass zahlreiche Bekannte ganz erschrocken über Facebook und Co. fragten, ob alles in Ordnung sei. Das freut mich natürlich sehr, aber andererseits war es letztendlich ein relativ harmloses Beben.


Und da wäre noch Ministerpräsident Abe, der in dieser Woche nach New York eilte, um als erstes Staatsoberhaupt eines anderen Landes mit Donald Trump reden zu können. Das schien Abe wohl sehr wichtig, um die Gemüter zu Hause zu beschwichtigen, denn wie hier geschildert, macht man sich auch in Japan große Sorge darüber, was Trump außen- und wirtschaftspolitisch alles anrichten wird. Scheinbar ist man noch optimistisch – nach einem kurzen Sturzflug ist die Börse seit Tagen im Höhenflug, doch es fällt schwer zu glauben, dass sich die Lage mit Trump verbessern wird. Heute kam jedenfalls ans Licht, dass Abe ein besonderes Souvenir im Gepäck hatte: Einen goldfarbenen Golfschläger der Firma Honma Golf Co. Damit wollte er die Besonderheit und Qualität der Marke „Made in Japan“ unterstreichen. Das ganze hatte nur einen Schönheitsfehler, wie die chinesischen Medien in dieser Woche genüsslich feststellten²: Honma Golf ging schon vor 11 Jahren pleite und wurde danach von chinesischen Geschäftsleuten übernommen. Das einzige, was an dem Golfschläger noch japanisch ist, ist der alte Firmenname „Honma“.


Zu guter letzt noch eine Perle japanischer Wissensvermittlung. Beim Zappen fiel mir neulich ein Programm mit dem Namen 戦国鍋TV 〜なんとなく歴史が学べる映像〜 (Sengoku-nabe TV – ‚Videos, mit denen man irgendwie ein bisschen Geschichte lernen kann‘ auf. Eine Boygroup in Glitzergewändern sang da mit viel Humor und noch mehr Verrenkungen die Erbfolgen der verschiedenen japanischen Clans im 17. Jahrhundert herunter. Das war einfach zu göttlich anzuschauen. Leider scheint es das Programm nur 2 Jahre lang gegeben zu haben – produziert wurde es laut Wikipedia von 2010 bis 2012 vom lokalen Sender TV Kanagawa, aber zur Zeit gibt es manchmal Wiederholungen. Ob das unten folgende Video in Deutschland sichtbar ist und wenn ja wie lange, weiss ich leider nicht. Aber es versuche es trotzdem:

Fazit: Interessanter Ansatz. Könnte mir vorstellen, dass einige Leute wirklich dank dieser Sendung etwas gelernt haben.

¹ Siehe unter anderem hier
² Siehe unter anderem hier

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Das gewaltige Loch von Fukuoka – eine Beinahekatastrophe und Erfolgsgeschichte

November 16th, 2016 | Tagged , | 6 Kommentare | 1566 mal gelesen

Am 8. November 2016, um 5 Uhr morgens (zum Glück!) geschah es: In Rufweite des Shinkansen-Bahnhofs Hakata, mitten in der Millionenstadt Fukuoka, tat sich binnen Sekunden ein rund 30 Meter breites, fast kreisrundes und 15 Meter tiefes Loch auf. Einfach so. Die Strasse stürzte ein, die Fundamente der anliegenden Gebäude wurden freigelegt und zahlreiche Strom, Wasser, Daten- und andere Leitungen gekappt. Zu jeder anderen Stunde des Tages hätte es bei dem Unfall im sonst sehr verkehrsreichen Zentrum Tote und Verletzte gegeben, aber um 5 Uhr morgens schläft das Land zum Glück am tiefsten. Der plötzliche Einsturz wird mit dem Bau an einer U-Bahnlinie in Verbindung gebracht – und das kennt man ja bereits aus Köln, wo vor fast genau zwei Jahren etwas ähnliches geschah und dabei das Stadtarchiv verwüstete.

Der mit 42 Jahren recht junge Bürgermeister von Fukuoka, Sōichirō Takashima (jung zwar, aber immerhin schon 6 Jahre im Amt) erklärte die Behebung des Problems umgehend zur Chefsache, und machte daraus eine Erfolgsgeschichte: Heute, also genau eine Woche später, ist das Loch komplett verschwunden. Gerade so, als ob es nie dar war:

Gestern noch da, heute schon weg: Das gewaltige Lock von Fukuoka vor 6 Tagen und heute. Quelle: Kyodo

Gestern noch da, heute schon weg: Das gewaltige Lock von Fukuoka vor 6 Tagen und heute. Quelle: Kyodo

Die Aufgabe war nicht leicht, denn es strömte immer mehr Wasser nach, bis das Loch schliesslich zum Teich mutierte. Doch man benutzte eine Technik mit dem Namen 流動化処理土 ryūdōka shorido – „verflüssigte Erdbefestigung“, in Japan auch unter dem Markennamen Ecosoil bekannt. Diese Masse ist quasi wie Beton – nur dass sie auch unter Wasser erhärtet. Das Material wird ansonsten vor allem bei der Stilllegung alter Zechen benutzt.

Da kann man nur sagen: Hut ab. Ein Loch mitten in der Innenstadt, in dieser Grössenordnung, zu schliessen und dabei noch alle anderen Kabel, Rohre usw. wiederherzustellen ist eine reife Leistung. Vielleicht sollte man Takashima mal zum Flughafen BER abbestellen.

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Interview mit Botschafter Dr. Hans Carl von Werthern

November 10th, 2016 | Tagged , , , | 2 Kommentare | 1975 mal gelesen

Dieses Interview war schon länger in Planung und soll in dieser Form auch nicht das einzige bleiben – geplant ist eine ganze Reihe von Interviews mit Deutschen in Japan. Ein Interview mit dem Botschafter ist natürlich eine ganz besondere Angelegenheit, denn es handelt sich hier um den höchsten Repräsentanten Deutschlands in Japan, und damit um einen ganz eigenen Blickwinkel.

Das Interview fand am 29. September 2016 zwischen dem Botschafter und mir in der Kanzlei der Deutschen Botschaft in Tokyo statt. Zum besseren Verständnis jedoch erstmal eine kurze Biographie des jetzigen Botschafters.

Werdegang
1971 Abitur
1972 Amerikanisches High School Diplom, St. Albans School, Washington, D.C.
1973-1975 Wehrdienst
1979 Diplom-Volkswirt, Universität Mainz
1979-1984 Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität Mainz
1984-1986 Attaché (Ausbildung) im Auswärtigen Amt, Bonn
1986-1987 Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Hamburg
1987-1990 Botschaft Hanoi, Vietnam
1990-1992 Ständige Vertretung bei der NATO, Brüssel
1992-1994 Stv. Ausbildungsleiter für den Höheren Dienst, Auswärtiges Amt, Bonn
1994-1997 Botschaft Asunción, Paraguay
1997-2000 Stv. Leiter des Westeuropa-Referats, Bonn/Berlin
2000-2002 Referent für Europapolitik, FDP-Bundestagsfraktion, Berlin
2003 Royal College of Defence Studies, London
Magister in Internationalen Beziehungen, King’s College, London
2004-2005 Leiter des Arbeitsstabes “Deutschland in Japan 2005/2006”, Auswärtiges Amt, Berlin
2005-2007 Leiter des Ostasienreferats, Auswärtiges Amt, Berlin
2007-2010 Gesandter, Botschaft Peking, China
2010-2011 Beauftragter für Personal, Auswärtiges Amt, Berlin
2011-2014 Leiter der Zentralabteilung, Auswärtiges Amt, Berlin
seit März 2014 Botschafter in Tokyo
Interview mit Botschafter von Werthern

Interview mit Botschafter von Werthern

Tabibito: ​Herr Botschafter, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben. Sie waren vor Japan ja unter anderem in China, Vietnam und in Paraguay tätig. War Japan Ihr Wunschland? Oder wie hat es Sie letztendlich nach Japan verschlagen?
Botschafter von Werthern: ​ Ich war in Deutschland ab 2004 zuständig für ein Großprojekt, das sich „Deutschland in Japan 2005/2006“ nannte, und anschließend Referatsleiter für Ostasien; auch mit der Zuständigkeit für unsere Beziehungen zu Japan. Deswegen habe ich mir immer gewünscht, mal nach Japan versetzt zu werden. Dass ich als Botschafter kommen würde, habe ich mir eigentlich gar nicht zu erträumen gewagt. Deswegen könnte man sagen, dass die Berufung nach Japan die Erfüllung eines Wunsches ist, den ich eigentlich nie ernsthaft gehegt habe.
Tabibito: ​Dann brauche ich Sie wahrscheinlich nicht nach Ihrem ersten Gedanken fragen, der Ihnen durch den Kopf ging, als Sie gehört haben, dass es nach Japan geht.
Botschafter von Werthern: ​Ich war natürlich sehr, sehr froh, denn ich hatte damit eigentlich nicht gerechnet. Ich wusste, dass Japan einer der offenen Posten war, denn die Botschafterstelle war schon seit vier Monaten vakant. Aber es standen auch noch einige andere Posten zur Auswahl, wo ich natürlich auch gerne hingegangen wäre. Japan stand jedoch ganz oben auf meiner Liste.
Tabibito: ​ Haben Ihnen Ihre Erfahrungen in China eigentlich in Japan helfen können?
Botschafter von Werthern: ​ Ja, sehr. Ich habe in Peking beziehungsweise von Peking aus auch auf die Region im weiteren Sinne geschaut, inklusive der Beziehungen Chinas mit seinen Nachbarn, mit Japan und Korea, die Territorialkonflikte im Südchinesischen und im Ostchinesischen Meer. Ich finde, dass mir das geholfen hat, weil ich sozusagen auch die andere Seite gut kenne. Das hilft natürlich beim Verständnis des Konfliktes als solchem, aber auch beim Verständnis dafür, wie Japan auf manche Dinge reagiert.
Tabibito: ​Dazu aus aktuellem Anlass: Vor zwei Stunden ist in fünfhundert Metern Entfernung von der Botschaft eine anti-chinesische Demonstration vorbeigezogen. Haben Sie das in China eigentlich auch einmal erlebt?
Botschafter von Werthern: ​ Ja, es gab anti-japanische Demonstrationen, es gab auch anti-europäische, z.B. anti-französische Demonstrationen. So hat es 2008, als das olympische Feuer durch die Welt getragen wurde, einen sehr unschönen Vorfall in Paris gegeben. Da ist die chinesische Fackelträgerin – eine Rollstuhlfahrerin – angegriffen worden. Danach hat es wilde Proteste in China gegeben, zum Beispiel auch einen Boykott von Carrefour. Es hat auch anti-japanische Demonstrationen gegeben; zum Teil sicher auch staatlich gelenkt. Weder in China noch hier in Japan gefallen mir diese Dinge. Ich verstehe zwar nicht, was sie sagen, aber diese von der Intonation her hasserfüllten Brüllereien sind nicht nur unjapanisch, sondern auch unschön.
Tabibito: ​ Das war ja zum Glück nur ein sehr kleines Häufchen. Aber nun zu etwas anderem. Sie haben ja die Stelle an der Botschaft in Tokyo im Frühjahr 2014 angetreten. Keine drei Monate später waren Sie bereits in Fukushima vor Ort. Es ist schon eine Weile her, aber was war Ihr persönlicher Eindruck von der Lage vor Ort?
Botschafter von Werthern: ​Das war schon ein spannender Besuch in jeglicher Hinsicht. Ich war zum ersten Mal überhaupt im Leben im Inneren eines Atomkraftwerks, noch dazu im Inneren eines havarierten Atomkraftwerks. Uns wurde alles gezeigt, was wir sehen wollten – und wo man hin konnte, natürlich – einige Stellen sind natürlich immer noch viel zu gefährlich wegen der hohen Strahlung. Ich hatte das Gefühl, dass die Betreiber des Kraftwerks das Menschenmögliche tun, um dort die Schäden zu beseitigen. Nach eigener Aussage wird das aber mindestens vierzig Jahre dauern. Das hängt natürlich damit zusammen, dass die Probleme unglaublich groß sind. Also auch jetzt, zwei Jahre nach meinem Besuch, haben sie den Durchfluss des Grundwassers immer noch nicht im Griff. Und auch die Dekontaminierung des Grundwassers, sowie die Dekontaminierung der Erde außenrum, ist sehr, sehr schwierig und langwierig. Nachdem ich das gesehen habe, verstehe ich noch besser den Beschluss der deutschen Bundesregierung – kurz nach Fukushima ist der ja gefallen – den Zeitplan für den Ausstieg aus der Kernkraft vorzuziehen. Das hat die Bundeskanzlerin ja auch hier öffentlich gesagt im letzten Jahr. Sie hat sich gedacht: Wenn noch nicht einmal ein so hochtechnologisiertes und so hervorragend organisiertes Land wie Japan offensichtlich mit den Risiken der Atomkraft umgehen kann, wer soll das dann eigentlich können?
Tabibito: ​Warum denken Sie, dass Japan nicht damit umgehen kann? Ist es die Natur, ist es menschliches Versagen, ist es politisches Versagen?
Botschafter von Werthern: ​Es ist wie immer ein Zusammenspiel mehrerer Dinge. Ich habe dort auch gelernt, dass das Ausmaß der Katastrophe sehr viel geringer gewesen wäre, wenn man sich an die Auflagen der Aufsichtsbehörde gehalten hätte. Denn die Aufsichtsbehörde hat ja bestimmt, dass die Notfallgeneratoren nicht mehr vor dem Kernkraftwerk, sozusagen am Strand, stehen dürfen, sondern hinter das Kernkraftwerk, höher ins Gelände, verlegt werden müssen. Das haben sie auch getan. Aber die Schaltzentrale ist unten am Strand geblieben, und nachdem sie überflutet war, fiel das ganze Notstromkonzept dort aus. Es ist aber vielleicht wirklich so, dass wir mit den Risiken der Atomkraft gerade in einem Land, das immer wieder von Naturkatastrophen heimgesucht wird, letztendlich nicht jedes Risiko ausschließen können. Und das zeigt Fukushima. Von der auch hier völlig ungelösten Frage der Endlagerung mal ganz abgesehen.
Tabibito: ​Sie haben neulich den Deutsch-Japanischen Kooperationsrat zur Energiewende, kurz GJETC¹, mit ins Leben gerufen. Was wird da im Hinblick auf die Atomkraft geschehen?
Botschafter von Werthern: ​ Dieses Gremium wird sich hauptsächlich mit erneuerbaren Energien beschäftigen. Es geht nicht um Atomkraft, sondern um die Förderung der Erneuerbaren, also Windkraft, Sonnenkraft, Wasserkraft und so weiter. Da haben Deutschland und Japan ohnehin eine enge Zusammenarbeit vereinbart. Anfang des Jahres, als sich die Umweltminister hier getroffen haben, wurde ein Memorandum of Understanding unterschrieben. Dieser Energierat versammelt jetzt Experten und Leute, die ganz praktisch mit erneuerbaren Energiequellen zu tun haben, um Erfahrungen auszutauschen, voneinander zu lernen und in beiden Ländern möglichst die erneuerbaren Energien voranzutreiben.

¹ Siehe Webseite des GJETC und Nachrichten zum Start

Tabibito: ​ Sie haben im Jahr 2015 an der Akita International University eine Rede zum Thema „Deutsch-französische Versöhnung und was man daraus lernen kann“ gehalten. Was kann Japan davon lernen? Ist da irgendwas übertragbar?
Botschafter von Werthern: ​Eins-zu-eins ist sicher nichts übertragbar. Die Situation sowohl unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg als auch in der Zwischenzeit bis heute ist in Ostasien und in Europa doch sehr unterschiedlich. Die Essenz dessen, was ich damals und bei anderen Gelegenheiten gesagt habe, ist aber dies: Die deutsch-französische Erfahrung, dass zwei Länder, die über Jahrhunderte hinweg Erzfeinde waren und viele Kriege gegeneinander geführt haben, jetzt so eng zusammenarbeiten, wie zwei souveräne Länder nur zusammenarbeiten können; dass auch die Zivilgesellschaften eng miteinander verflochten und verbunden sind – diese Erfahrung macht auch für andere Länder oder andere Regionen in der Welt Hoffnung. Wir sagen nicht, dass wir in Europa oder gar die Deutschen es richtig gemacht haben und die anderen falsch – das wäre nicht nur überheblich, sondern auch nicht richtig. Aber gerade letztes Jahr, siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, haben wir oft darüber gesprochen, welche Erfahrungen wir gemacht haben. Wir bieten diese Erfahrungen an, aber Japan und die Japaner müssen daraus ihre eigenen Schlüsse ziehen, wenn sie das überhaupt wollen.
Tabibito: ​Angela Merkel hat rund einen Monat später beim Forum in der Asahi Pressezentrale genau das gleiche Thema angesprochen. Warum gilt das als so wichtig?
Botschafter von Werthern: ​ Zu besonderen Jahrestagen stellt man sich die Frage: „Was können wir lernen, was haben wir mitgenommen?“ So, wie wir uns 2014 die Frage gestellt haben „Befindet sich die Welt möglicherweise in einer Situation, die mit 1914 vergleichbar ist, als der Erste Weltkrieg ausgelöst wurde?“, so hat man sich 2015 eben die Frage gestellt: „Was ist eigentlich 1945 gewesen und warum ist es hier so und dort anders gewesen und welche Schlüsse können wir daraus ziehen?“ Im Wesentlichen lag das an diesem Jubiläum. Und nicht zuletzt hat Premierminister Abe zu dem gleichen Jubiläum im August eine viel beachtete Erklärung abgegeben. Auch in Europa ist natürlich in allen Hauptstädten des Endes des Zweiten Weltkrieges gedacht worden.
Tabibito: ​Was müsste Ihrer Meinung nach eigentlich passieren, damit, die Beziehung zwischen Japan und China sich ähnlich entwickelt wie die zwischen Deutschland und Frankreich oder Deutschland und Polen? Ist das überhaupt möglich in der jetzigen Konstellation?
Botschafter von Werthern: ​Wir hatten in Europa eine wahrscheinlich historisch einmalige Chance. Und insofern hatten wir Deutsche 1945 und in den Jahren danach auch ein unglaubliches Glück, dass wir direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Nachbarn wie Frankreich hatten, die die Hand zur Versöhnung ausgestreckt haben. Schon knapp zwanzig Jahre später, bei der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags 1963, war das Verhältnis zu Frankreich schon schwieriger. Und der Élysée-Vertrag wäre auch beinahe nicht zustande gekommen. Es war wirklich eine historische Chance, die weder für Deutschland heute wiederholbar wäre, noch ist sie für Japan und China wiederholbar. In Europa ist es uns vielleicht besonders gut gelungen, und das ist immer noch weit davon entfernt, vollständig gelungen zu sein, dass wir Deutsche gelernt haben, uns als Täter im Zweiten Weltkrieg zu verstehen – dass wir gelernt haben, in Europa uns selber und die Konflikte mit unseren Nachbarn in der Vergangenheit auch durch die Augen der anderen zu sehen. Jemand hat mal gesagt: „Die Erinnerung an die eigene Vergangenheit ist immer dann unvollständig, wenn sie nicht auch die Erinnerung der Opfer mit umfasst.“ Ich glaube, das haben wir in Deutschland in einem langen, sehr, sehr schmerzhaften und umstrittenen Prozess inzwischen einigermaßen hinbekommen. Und das ist eine Regel, die überall anwendbar sein sollte: Wir müssen versuchen, auch durch die Augen des Anderen sehen zu lernen. Dadurch wären, glaube ich, Fortschritte möglich.
Tabibito: ​Japan und Korea zum Beispiel scheinen ja da noch immer gerade mal auf halbem Wege zu sein. Im August wurde der Oberbürgermeister von Freiburg im Breisgau gefragt, ob er in einem Park der Stadt eine Trostfrauen-Statue aufstellen könne. Und er sagte erst mal ja, hat das aber wieder später zurückgezogen. Was wäre eine diplomatische Antwort auf diese Problematik mit der Trostfrauen-Statue?
Botschafter von Werthern: ​ Die Antwort hat der Oberbürgermeister von Freiburg ja selber gefunden. Er hat gesagt, dass ihm die internationale Implikation nicht klar war, als er dieses Angebot bekommen und ihm zugestimmt hat. Es war ihm nicht klar, welche Gefühle er damit in Japan verletzen würde. Und deswegen hat er diese Entscheidung dann auch zurückgenommen. Das passt schon auch ein bisschen auf die Antwort auf die letzte Frage. In diesem Fall hat man nur auf Korea geschaut und nicht auf Japan. Wenn man beide Winkel in den Blick nimmt, dann findet man auch bessere Antworten. Im Übrigen haben sich Japan und Korea ja in der sogenannten Trostfrauen-Frage doch sehr aufeinander zubewegt. Die Vereinbarung vom 28. Dezember letzten Jahres, die jetzt auch zu großen Teilen umgesetzt worden ist, ist doch nicht nur objektiv eine erfreuliche Entwicklung, sondern wird so auch in Japan und Korea von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung als positiv angesehen.

​Wie das entstanden ist, weiß ich nicht, aber natürlich haben sich viele schon lange die Frage gestellt, warum es eigentlich zwei Demokratien und zwei Marktwirtschaften wie Japan und Korea nicht schon viel früher geschafft haben, im Angesicht eines immer übermächtiger werdenden China näher zueinanderzufinden.

Tabibito: ​Man könnte fast meinen, dass diese doch recht plötzliche und späte Einigung quasi unter dem Druck Chinas entstanden ist. Würden Sie dem zustimmen?
Botschafter von Werthern: ​Wie das entstanden ist, weiß ich nicht, aber natürlich haben sich viele schon lange die Frage gestellt, warum es eigentlich zwei Demokratien und zwei Marktwirtschaften wie Japan und Korea nicht schon viel früher geschafft haben, im Angesicht eines immer übermächtiger werdenden China näher zueinanderzufinden. Aber ob das – ich würde es nicht unbedingt Druck, sondern vielleicht einfach nur Vernunft nennen – eine Rolle gespielt hat, kann ich letztlich nicht beurteilen.

Die Diskussion in Japan heute erinnert mich sehr stark an die Diskussion in Deutschland nach der Wiedervereinigung Anfang der 90er-Jahre, als wir ja auch von der internationalen Staatengemeinschaft aufgefordert wurden, uns stärker an friedenserhaltenden Maßnahmen zu beteiligen.

Tabibito: ​ Die jetzige japanische Regierung versucht momentan, die Verfassung zu ändern. Und zwar geht es vor allem um die Änderung, wenn nicht gar Abschaffung, des sogenannten Pazifismus-Paragrafen 9. Dazu entstand vor zwei Jahren eine interessante Initiative, angestoßen von einer Hausfrau aus Kawasaki. Diese versuchte, genau diesen Paragrafen als Friedensnobelpreis-Kandidaten vorzuschlagen. Was halten Sie eigentlich von der Idee an sich, die Verfassung zu ändern?
Botschafter von Werthern: ​ Nach unserem Staats- und Verfassungsverständnis sind Verfassungsänderungen etwas völlig Normales. Auch das deutsche Grundgesetz ist unzählige Male verändert worden. Allerdings haben wir da den Kernbestand der ersten 19 Artikel, in denen unter anderem grundlegende Menschenrechte festgelegt sind, die nicht verändert werden dürfen. Nach unserem Verständnis ist eigentlich eine Verfassung, die seit fast siebzig Jahren unverändert ist, etwas unnormal. Wenn ich es richtig verstanden habe, will die Regierung auch nicht den Kernbestand des Artikels 9 verändern, also das Verständnis, dass Japan eine friedliche Nation ist und keinen Angriffskrieg mehr führen will, genauso, wie sich Deutschland das ja festgeschrieben hat, sondern Japan möchte in der Lage sein, sich auch mit militärischen Mitteln an internationalen Friedensmissionen zu beteiligen. Das begrüßen wir sehr. Die Diskussion in Japan heute erinnert mich sehr stark an die Diskussion in Deutschland nach der Wiedervereinigung Anfang der 90er-Jahre, als wir ja auch von der internationalen Staatengemeinschaft aufgefordert wurden, uns stärker an friedenserhaltenden Maßnahmen zu beteiligen. Damals dachten in Deutschland auch viele, dass das eine Rückkehr zum alten Militarismus bedeutet. Man muss derlei Veränderungen in der eigenen Bevölkerung sehr sorgfältig diskutieren, und man muss es eben auch dem Nachbarn verständlich machen.
Tabibito: ​Ich denke, da ist noch viel nachzuholen. Denn ein Grundtenor der Rhetorik ist zurzeit, dass sich Japan angeblich im Falle eines Angriffs nicht verteidigen dürfte. Der Eindruck scheint in vielen Schichten der Bevölkerung entstanden zu sein, die das nun befürworten.
Botschafter von Werthern: ​Dass sich Japan selber verteidigt, ist schon immer möglich gewesen durch die Interpretation des Artikels 9 und die Aufstellung der Selbstverteidigungskräfte.

Aber irgendwann werden die Zinsen wieder steigen, und dann wird der japanische Staat ein echtes Problem haben.

Tabibito: ​Sie haben ja vor einiger Zeit auch Volkswirtschaft studiert.
Botschafter von Werthern: ​ Vor sehr langer Zeit, ja.
Tabibito: ​Was sagt der Volkswirt in Ihnen in Anbetracht der japanischen Schuldensituation?
Botschafter von Werthern: ​Die Schulden sind, wenn man die reinen Zahlen anschaut, schon atemberaubend: Fast 240 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Andererseits gibt es das Argument, dass die japanischen Staatsschulden fast zu 100 Prozent von Japanern selbst gehalten werden – es gibt also keine Auslandsverschuldung, sodass die Gefahr eines Zusammenbruchs dadurch, dass sich zum Beispiel Ausländer von japanischen Staatspapieren trennen, und dass es dadurch riesige Wechselkursverwerfungen und mehr gibt, nicht besteht. Trotzdem muss natürlich auch eine Verschuldung, die im Inland gehalten wird, bedient werden. Das geht verhältnismäßig leicht, wenn die Zinsen niedrig sind. Aber irgendwann werden die Zinsen wieder steigen, und dann wird der japanische Staat ein echtes Problem haben. Dies umso mehr, da ja noch enorme demografische Probleme hinzukommen – größere, als wir sie in Deutschland kennen. Denn die Japaner bekommen genauso wenige Kinder wie wir, aber sie werden noch viel älter, und das wird eine weitere Belastung des Staatshaushaltes mit sich führen. Und da ist der Rat der Experten teuer.
Tabibito: ​Die Deutsche Botschaft kümmert sich wie, ja, wie jede Botschaft in jedem Land, zu einem gewissen Grade um die deutschen Staatsbürger in Japan. Über wie viele Deutsche sprechen wir da?
Botschafter von Werthern: ​ Wir wissen es nicht genau. Wir schätzen etwa 6.000. Wir ermutigen alle Deutschen, sich bei der Botschaft online zu registrieren. Das geht auch ganz leicht über die gemeinsame Website von Botschaft und Generalskonsulat (www.japan.diplo.de). Denn wir möchten gerne die Deutschen erreichen im Falle einer Katastrophe. Ich halte das auch deswegen für wichtig, weil der deutsche Anteil an den Ausländern in Japan verschwindend gering ist. Also wenn die Japaner, sagen wir mal im Fall einer großen Katastrophe, an Ausländer denken, denken sie zunächst an Chinesen, Koreaner und so weiter. Das heißt, uns als Botschaft wird in einem solchen Fall eine große Verantwortung zukommen. Und dafür wäre es gut, wenn wir wüssten, wie wir unsere Landsleute erreichen können. Es registrieren sich aber nicht alle, und man ist dazu auch nicht verpflichtet.
Tabibito: ​ Es gibt ja seit geraumer Zeit den „Fonds für hilfsbedürftige Deutsche“ in Japan, einst als Dittman-Fond bekannt. Was macht der Fond? Was geschieht da eigentlich?
Botschafter von Werthern: ​Der BDF genannte Fond kümmert sich um Deutsche, die hier in Japan in Not geraten. Auf den ersten Blick kommt einem das etwas merkwürdig vor, es gibt aber doch immer wieder Fälle. Zum Beispiel deutsche Frauen, die mit japanischen Männern verheiratet waren, inzwischen geschieden oder verwitwet sind, und die Mühe haben, die Ausbildungskosten für ihre Kinder zu bezahlen. Es gibt natürlich auch ein paar, glücklicherweise nicht sehr viele, deutsche Familien, die mit Krankheit oder sonstigen Dingen zu kämpfen haben, wo einfach die Finanzierung und manchmal auch die Basis dafür fehlt, um sich hier im Sozialsystem oder überhaupt in der japanischen Gesellschaft zurechtzufinden. Da hat der BDF eine wirklich sehr wichtige Aufgabe, die natürlich auch unsere Arbeit in der Botschaft sehr erleichtert, indem er Geld sammelt und es diesen Familien zur Verfügung stellt, sowie ihnen auch mit Rat und Tat zur Seite steht.
Tabibito: ​ Wie viele Leute, schätzen Sie, werden so unterstützt?
Botschafter von Werthern: ​Das weiß ich gar nicht, denn ich bin nicht Mitglied des BDF, und das unterliegt natürlich auch der Schweigepflicht. Um zum Beispiel einem Kind die Schulausbildung oder auch ein Studium zu bezahlen, ist in Japan eine Menge Geld notwendig. Deswegen macht der BDF auch jedes Jahr im Residenzgarten sein Sommerfest, zu dem man zugegebenermaßen ziemlich teure Tickets kaufen kann. Das Geld geht eben alles in die Arbeit des BDF und – wenn ich ein bisschen Reklame dazu machen darf – ist auch eine schöne Gelegenheit, bei normalerweise gutem Wetter, deutsches Essen und Getränke im Residenzgarten zu genießen und an einer Tombola teilzunehmen, wo es auch schicke Preise gibt.
Tabibito: ​Um einmal zur Botschaftssituation von vor vier Jahren zu kommen. Sie haben ja gesagt, dass sich die Botschaft zum Beispiel im Falle einer neuen Katastrophe um die Mitbürger im Land kümmert, nur haben das viele Deutsche, ob das nun gerechtfertigt ist oder nicht, sich vor fünf Jahren, ja, im Stich gelassen gefühlt, weil die Botschaft relativ schnell im Vergleich zu anderen Botschaften nach Ōsaka umgezogen ist und auch viele Leute keine Benachrichtigung erhalten haben. Wenn jetzt wieder ein schweres Erdbeben geschieht, und wenn dann vielleicht auch noch das AKW in Niigata wieder in Betrieb gegangen ist und havariert – würde irgendwas anders laufen? Es gab ja zum Beispiel Town-Hall-Meetings mit Ihrem Vorgänger. Gab es irgendwelche Konsequenzen oder Schlüsse, dass irgendetwas anders gemacht werden wird?

Natürlich ist ein solcher Vorfall wie 2011 nicht im Voraus planbar. Es bricht immer – das ist völlig unvermeidlich – erst mal das große Chaos aus.

Botschafter von Werthern: ​Wir haben versucht, so viel wie möglich aus der damaligen Situation zu lernen. Ich habe ja, als ich hier ankam, auch noch ein Town-Hall-Meeting gehalten, und habe zum Beispiel die Deutschen aufgefordert, sich bei uns zu registrieren, habe versucht, auf die vielfältigen Fragen einzugehen. Wir halten auch in der Botschaft seitdem jedes Jahr eine große Krisenübung ab, in der wir – auch weil unsere Belegschaft ja ständig wechselt – versuchen, uns ganz praktisch auf eine solche Situation einzustellen. Also das wird sozusagen unter echten Bedingungen gespielt. Wir haben ja einen Verteidigungsattaché hier. Die Soldaten wissen, wie man solche Übungen macht und wie man da auch Szenarien einspielt, die realistisch sind. Da kommt so mancher, einschließlich meiner Person, schon ins Schwitzen. Aber es ist gut, dass wir uns darauf einstellen. Wir wollen in Zukunft diese Übungen auch ausweiten, indem wir zum Beispiel die deutsche Schule in Yokohama oder das Goethe-Institut, die Handelskammer und so weiter, deren Rolle wir bisher nur gespielt haben, auch einbeziehen, sodass ich glaube, dass wir verhältnismäßig gut vorbereitet sind. Natürlich ist ein solcher Vorfall wie 2011 nicht im Voraus planbar. Es bricht immer – das ist völlig unvermeidlich – erst mal das große Chaos aus. Aber je besser man sich darauf eingestellt hat, desto schneller kriegt man das Chaos dann auch in den Griff. Zu Ihrer Bemerkung über die Verlagerung der Botschaft nach Ōsaka-Kōbe – da war ich ja noch nicht hier, aber wenn ich es recht verstehe, stand man damals vor der Frage „Was passiert, wenn die radioaktive Wolke nach Tokio kommt? Ist es dann nicht besser, wir operieren von einem Gebiet aus, in dem wir einigermaßen sicher sind, als dass die Botschaft, wenn sie hier geblieben wäre, vielleicht völlig außer Funktion gesetzt wäre?“ Es hätten dann alle im Keller gesessen und gar nichts mehr tun können. Damals ist die Entscheidung gefallen, dass es vernünftiger ist, zu verlagern. Aber natürlich ist das auch immer eine Frage der Kommunikation. Andere haben es anders entscheiden. Im Nachhinein sind wir natürlich auch klüger. Aber im Nachhinein sieht immer alles leichter aus, als wenn man in der Situation steht.
Tabibito: ​Dann wollen wir hoffen, dass es so schnell nicht wieder zu der Situation kommt.
Botschafter von Werthern: Dazu kann ich nur Amen sagen.
Tabibito: ​ Dann möchte ich mich herzlich bei Ihnen für das Interview bedanken.
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Was passiert wenn… Trump gewinnt?

November 8th, 2016 | Tagged , | 5 Kommentare | 1819 mal gelesen

Wie wahrscheinlich in den meisten anderen Ländern auch ist man sich in Japan ziemlich einig in der Meinung über Ronald Trump. Bei der Umfrage von Yahoo! Japan, wen man am geeignetsten für den Posten des amerikanischen Präsidenten hält, lag Clinton mit 78,9% uneinholbar weit vorn¹. Beachtlich: Bisher haben fast eine Viertel Millionen Leser bei der Umfrage mitgemacht. Man verfolgt das Geschehen in den USA also auch in Japan, und — man hat regelrecht Angst davor, was kommen könnte, wenn Trump gewinnt. Einen sonderlich japanfreundlichen Eindruck hat der Kandidat nämlich soweit nicht gemacht, und das wird sich sicherlich auch nicht ändern. Eine Aussage lautete zum Beispiel

If somebody attacks Japan, we have to immediately go and start World War III, okay? If we get attacked, Japan doesn’t have to help us. Somehow, that doesn’t sound so fair.

(das Schöne an Trumps Reden ist, dass man sie nicht übersetzen muss – da reichen selbst rudimentäre Englischkenntnisse)
Das Zitat ist umso besorgniserregender, wenn man bedenkt, dass Trump eine besondere Vorliebe für Diktaturen hat. Wem wird er also eher vor den Kopf stossen – den Chinesen? Oder den Japanern? Was allerdings noch bei dem Zitat auffällt, ist seine Fähigkeit, ob nun gewollt oder ungewollt, den Zusammenhang zu ignorieren. Richtig – das Sicherheitsabkommen mit Japan ist in der Tat einseitig. Allerdings lassen sich die Amerikaner die Stationierung ihrer Soldaten in Japan auch ziemlich gut bezahlen. Ein anderes Zitat gibt ebenfalls Anlass zur Sorge:

I’m not angry at China and I’m not angry at Japan. They send us hundreds of thousands — millions of cars. We give them nothing. You look at a trade imbalance: we send them beef, and they don’t even want to take the beef. We send them wheat and they send us cars. The numbers are staggering.

Bereits vorher hatte Trump gedroht, dass man 38% Importzoll auf japanische Autos erlassen werde, wenn Japaner 38% Importzoll für amerikanisches Rindfleisch verlangen. Bekanntermassen ist Trump auch kein Freund des geplanten Transpazifischen Freihandelsabkommens, womit er allerdings ziemlich vielen Japanern einen Gefallen tun würde, denn das Abkommen hat auch in Japan viele Feinde.

Dementsprechend wurde heute die Nachricht, dass das FBI die Ermittlungen gegen Hillary Clinton wegen ihres unprofessionellen Umgangs mit dienstlichen Emails nicht wieder aufnehmen wird, positiv aufgenommen: Der Nikkei schoss in die Höhe, und auch der Dollar legte wieder etwas zu. Insgeheim hofft, nein, bangt Japan, dass der Trump-Spuk am 8. November vorbei ist.

Und nun zur allgemeinen Unterhaltung noch ein putziges Trump-Video aus Japan:

trump-video

¹ Siehe hier.

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Karōshi oder: Die Scheinheiligkeit mancher grosser Unternehmen

November 4th, 2016 | Tagged | 4 Kommentare | 1742 mal gelesen

Es gibt sie noch immer in Japan – Fälle von Menschen, die aufgrund exzessiver Arbeit tot umfallen oder sich dafür entscheiden, ihrem Leben mit eigener Hand ein Ende zu bereiten. Das japanische Wort dafür, 過労死 karōshi, hat es sogar in den englischen und deutschen Wortschatz gebracht, obwohl Tod durch überarbeitung ganz sicher kein rein japanisches Phänomen ist (in China und Korea sieht die Lage weitaus ernster aus).

Doch wer bestimmt, was karōshi war und was nicht? Die Anerkennung von Überarbeitung als Todesursache spielt eine enorm wichtige Rolle für die Angehörigen, aber auch für die Gesellschaft sowie, theoretisch zumidnest, für die verbliebenen Kollegen der Firma. Wird nämlich Überarbeitung als Todesursache anerkannt, können die Angehörigen sehr leicht zivilrechtlich gegen die Firma vorgehen und Schadensersatz fordern. Und nicht nur das – die Firma wird von den Behörden abgemahnt und aufgefordert, Massnahmen gegen Überarbeitung zu treffen.

Doch die Einschätzung ist schwer, vor allem, wenn die Person bereits vorher krank – Depressionen eingeschlossen – war, zumal noch zahlreiche andere Faktoren eine Rolle spielen können. Das Hauptaugenmerk gilt dabei natürlich der geleisteten Anzahl von Überstunden vor dem Tod, doch selbst das ist nicht so einfach, da nicht viele Japaner ihre Arbeit mit nach Hause nehmen. Und die Latte ist hoch angesetzt: Erst bei 80 Überstunden und mehr pro Monat geht man davon aus, dass der Tod durch Überarbeitung wahrscheinlich ist.

Publik werden letztendlich nur wenige Fälle. Da muss es schon eine grosse, bekannte Firma betreffen – so geschehen im Oktober, als sich eine 26-jährige Angestellte von 電通 Dentsū das Leben nahm. Dentsū ist ein Gigant in der japanischen Werbebranche. Firmen, die es ernst meinen und viel Geld haben, gehen zu Dentsū. Dort zu arbeiten ist entsprechend eine Ehre, und offensichtlich kein Zuckerschlecken. Nachdem der Freitod der jungen Angestellten als karōshi anerkannt wurde, gab es seltsamerweise keinerlei Stellungnahme vom sonst eher sendungsfreudigen Unternehmen, doch der Druck der Medien wurde schliesslich so gross, dass man sich dann doch zu einer Reaktion bewegen liess. Und zwar liess man vernehmen, dass man die Anzahl der maximal erlaubten Überstunden pro Monat von 70 Stunden auf 65 Stunden reduzieren wird. Angestellte dürfen also nur noch maximal 3 Stunden pro Werktag länger arbeiten. Soweit, so gut. 65 ist besser als 70. Das ganze hat nur einen, kleinen Haken: Die Betroffene hat laut Untersuchung im Monat vor ihrem Tod 131 Überstunden im Monat gearbeitet – die Firma versuchte das zu vertuschen und meldete knapp 70 Stunden. Das bedeutet, dass die von Dentsū (und vielen anderen japanischen Unternehmen) gesetzte Überstundenobergrenze das Papier nicht wert ist, auf dem sie gedruckt steht. Ob die Zahl denn nun 70 oder 65 – beide Zahlen sind sowieso zu hoch – lautet, spielt also keine Rolle.

Zur Verteidigung muss man sagen, dass Massnahmen zur Vermeidung des Todes durch Überarbeitung durchaus zu greifen begonnen haben. Doch man ist noch weit davon entfernt, das Überstundenproblem gelöst zu haben – an die sonstigen Folgen wie geringe Hochzeits- und Geburtenraten, Verluste durch ineffektives Arbeiten und so weiter denkt man momentan scheinbar noch nicht.

Mit dem Begriff „Tod durch Überarbeitung“, das ist nichts weiter als die wortgetreue Übersetzung des Begriffes karōshi (過 = zu viel, 労 = Arbeit, 死 = Tod), muss man übrigens vorsichtig sein. Der Begriff versetzt nämlich den Betrachter in den Glauben, das hier jemand zu viel gearbeitet hat und deswegen gestorben ist/sich das Leben genommen hat. Wäre dies der Fall, müssten Bauern oder Barbesitzer (oder wenn wir weiterdenken, Mütter) der Reihe nach tot umfallen. Nein, karōshi beruht in der Regel auf Schikane in der Firma, beziehungsweise auf eine untragbare Arbeitsatmosphäre, inklusive exzessiver, aber oft unnötig erweiterter Arbeitszeiten. An der Zahl der Überstunden herumzuschrauben ist deshalb nur bedingt effektiv – wichtiger ist, Managern zu erklären, dass eine Arbeitsatmosphäre, die zu karōshi und Depressionen führt, schlecht für die Arbeiter und schlecht für die Firma ist. Und da gibt es in Japan noch viel zu tun.

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Shibuhallo – wenn Fasching auf Japan trifft

November 1st, 2016 | Tagged , , | Kein Kommentar bisher | 2037 mal gelesen

Halloween ist in Japan seit ein paar Jahren schwer im Kommen — und das nicht nur bei den Kindern. 2012 kamen ein paar Clubs im Tokyoter Trendviertel auf die Idee, sich zusammenzuschliessen und regelrechte Kostümballe zu veranstalten. Und es gibt viele Clubs in Shibuya. Nach zwei Jahren lag die geschätzte Teilnehmerzahl bei über 50’000, doch diese Zahl hat sich 2015 und auch 2016 vervielfacht — wobei es schwer ist, genaue Zahlen zu schätzen, denn bei weitem nicht alle gehen wirklich in die Clubs. Stattdessen brodelt die ganze Gegend zwischen Bahnhof und dem oberen Ende der Dogenzaka. Und dieses Jahr dauert das ganze Spektakel auch noch 4 Tage – vom 28. Oktober bis zum 31. Oktober.

Da ich sowieso in Shibuya umsteigen muss, habe ich mir heute mal das Spektakel kurz selbst angesehen. Die Stimmung rund um den Bahnhof war ausgelassen, und es war extrem voll. Schätzungen gehen davon aus, dass die berühmte „Scramble-Crossing“ genannte Kreuzung pro Tag von einer halben Millionen Menschen überquert wird – während des mittlerweile liebevoll シブハロ shibuharo, von SHIBUya HALLOween genannten Events hingegen von einer Millionen Menschen. Die sind natürlich nicht alle gleichzeitig da, daher die ungenauen Teilnehmerzahlen.

Trotz der enormen Menschenmassen verlief das ganze bisher immer recht friedlich – mit Ausnahme einer Festnahme im Jahr 2015, als ein paar Vermummte einen Polizisten angriffen. Der Vorfall fand in den Medien viel Beachtung, da vielen diese neue Grossveranstaltung ohnehin suspekt ist. Die Polizei hingegen kann nur gelobt werden: Die auf ihren typisch japanischen Polizeiwagen stehenden Beamten mit ihren Mikrofonen sind bereits unter dem Namen „DJ Police“ berühmt geworden und versuchen nach Leibeskräften, die Kreuzung freizuhalten und für ein bisschen Ordnung zu sorgen, was nicht so einfach zu sein scheint. Anbei ein kurzes Video, heute gedreht (leider hatte ich nur mein Handy dabei):

Mir fielen jedenfalls viele Ausländer auf — überall hörte man koreanisch, chinesisch, aber auch Englisch und andere Sprachen. Ganz offensichtlich hat sich die Veranstaltung über die Landesgrenzen hinweg herumgesprochen. Und warum auch nicht: Shibuhallo ist Tokyos jüngste Attraktion und ich hoffe sehr, dass es nicht zu Zwischenfällen kommt, denn dann könnte die Veranstaltung sehr schnell verboten werden. Übrigens sieht das ganze weniger wie Halloween sondern mehr wie Fasching aus: Gruselkostüme sieht man zwar oft, aber noch häufiger sind harmlosere Verkleidungen.

Bei der Recherche zu aktuellen Zahlen bin ich auf diese Seite hier gestossen, wo auch auf die negativen Begleiterscheinungen aufmerksam gemacht wird. Dazu zählen die enormen Müllberge, aber auch die potentielle Terrorgefahr. Ungefährer Wortlaut: „Da die Menschen verkleidet sind, sieht man nicht, ob sie Ausländer sind oder nicht, oder ob sie gefährliche Waffen dabei haben“. Dieser Satz macht mich wirklich sprachlos. Scheinbar ist das Gedächtnis hier sehr kurz, denn der schlimmste (und eigentlich einzig nennenswerte) Terrorangriff wurde eben nicht von Ausländern verübt, sondern von *reinrassigen* Japanern – den Verrückten der Aum-Sekte.

Anbei noch ein paar Fotos:

  • Shibuhallo 2016
  • Shibuhallo 2016 - Bahnhofsvorplatz
  • Shibuhallo 2016
  • Shibuhallo 2016
  • Shibuhallo 2016
  • Shibuhallo 2016
  • Shibuhallo 2016
  • Diese Polizisten sind echt
  • Diese auch: DJ Police bei der Arbeit
  • Shibuhallo 2016
  • Diese Polizistinnen sind jedenfalls nicht echt
  • DJ Police
  • Mitgehangen, mitgefangen
  • Shibuhallo 2016
  • Armeeeinheiten sind auch dabei
  • Mehr Fasching als Halloween
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Abgeschminkt: Tokyu Railways verprellt Frauen in Tokyo

Oktober 28th, 2016 | Tagged | 2 Kommentare | 1850 mal gelesen

Seit es Eisenbahnen in Japan gibt, versuchen sich die Eisenbahngesellschaften an der Erziehung ihrer Fahrgäste. Das ganze geschieht mal mehr, mal weniger provokant, und nach Meinung der meisten Tokyo-Besucher ziemlich erfolgreich, denn trotz der Menschenmengen sind die Leute vergleichsweise diszipliniert. Natürlich gibt es trotzdem Sachen, die den Leuten auf den Zeiger gehen – das ist kein Wunder bei den vollen Zügen. Darüber gibt es sogar richtige Ranglisten, zum Beispiel diese hier¹:

  1. Beim Ein- und Aussteigen die Türen blockieren
  2. Mehr als einen Sitzplatz vereinnahmen
  3. Seniorensitz nicht freimachen, wenn eine bedürftige Person kommt
  4. Kopfhöhrer benutzen, aus denen Musik nach aussen dringt
  5. Ohne Maske niesen oder husten
  6. Sich im Zug schminken
  7. Schweres Parfüm benutzen
  8. Obwohl es andere stört, am Handy herumspielen
  9. Mit Tasche auf dem Rücken einsteigen
  10. Obwohl es andere stört, Zeitungen oder Magazine lesen

Eine interessante Reihenfolge, bei der meine persönliche Nummer 1 fehlt – meist ältere Männer, ganz selten auch mal Frauen, die plötzlich austicken und einen Fahrgast aufs übelste Beschimpfen – davon gibt es hier ein schönes Video, und ich erlebe das im Schnitt ein Mal im Monat, irgendwo im selben Waggon.

Zur Zeit veranstaltet 東急電鉄 Tokyū Railways eine Kampagne gegen vermeintliche und echte Unsitten im Zug und auf den Bahnhöfen – auf YouTube und in den Eisenbahnwaggons selbst. Eine Folge verursachte nun einen Aufschrei unter den weiblichen Fahrgästen. Die Sprecherin beginnt die Belehrung mit den Worten, dass „die Frauen in der Grossstadt (都会 tokai) alle sehr schön seien, manchmal aber nicht so schön anzusehen sind“. Trotzdem sollen sich die Damen nicht im Zug schminken, denn das will niemand sehen. Das ganze kommt ziemlich aggressiv herüber. Von der unnötigen Betonung des Wortes „Grossstadt“ mal abgesehen, fragen sich viele Frauen – zu recht, finde ich – was das eigentlich soll, und ob das wirklich so schlimm ist, wenn sich jemand im Zug schminkt. Also mich stört es nicht. Im Gegenteil: Ich bewundere die Frauen manchmal, denn es wackelt auch in japanischen Zügen ordentlich, und es wundert mich immer wieder, dass die Damen beim Aussteigen um den Mund herum nicht aussehen wie Robert Smith von The Cure.

Man kann es mit den Belehrungen auch übertreiben. Verständlicher ist da allerdings das nächste Video – in dem geht es gegen Fahrgäste, die beim Herumlaufen an ihrem Handy herumspielen: „Wie in einer Fernsehserie sind wir aneinandergerempelt. Das war jedoch kein Schicksal, sondern ein Smartphone auf Beinen“. Das ist in der Tat wirklich nervend:

Und dennoch – nirgendwo in der Welt habe ich diszipliniertere Fahrgäste gesehen, vor allem wenn man bedenkt, wie voll die Züge hier tagtäglich sind und wie viel Stress das in Menschen verursachen kann.

abgeschminkt

¹ Siehe hier

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