Safe Japan

Oktober 28th, 2014 | Tagged | 6 Kommentare | 573 mal gelesen

Als ich vergangenen Donnerstag gegen 22 Uhr von der Arbeit heimkehrte, war die Strasse vor meinem Haus komplett zugestellt mit Blaulicht. Also eigentlich eher Rotlicht, aber das würde ja irgendwie komisch klingen. Mehrere Feuerwehren waren dort, dazu Polizei, Krankenwagen, Einsatzleiterwagen, und scheinbar verspätet brauste auch noch ein TEPCO-Einsatzwagen mit Rotlicht und Sirene heran. Bei so etwas habe ich immer ein schlechtes Gefühl und möchte nur ungern in die unmittelbare Einsatznähe. Das hat seine Gründe. Man liess mich ohne Bedenken vorbei, und ich stieg die Treppen zu meinem Haus hoch. Die Nachbarn waren gerade draussen, und ich fragte, was da los sei. “Ach, da hat’s bei dem chinesischen Restaurant gebrannt!”.

Wie ich wenig später erfuhr, waren wohl alle anderen Bewohner der Anlage vorher zusammen fleissig zuschauen. Während die Kinder in den Häusern schliefen. In Deutschland und einigen anderen Ländern wären wohl alle als Gaffer verwarnt worden. In den USA wären wohl alle wegen Vernachlässigung der Kinder angezeigt worden. Nicht so in Japan: Hier geht man ganz unverkrampft damit um. Und war ganz überrascht, das ich überrascht war. Weniger über das “Feuerwehr gucken” als über das Alleinelassen der schlafenden Kinder. Aber zur Verteidigung muss ich sagen, dass sich japanische Eltern ansonsten sehr besorgt um ihren Nachwuchs kümmern. Es sei denn, es brennt irgendwo…

Letztendlich erinnerte mich das Ganze an die Tage, die ich auf einer russischen Datscha verbracht hatte. Dort brannte eines Nachts ein prächtiges Holzhaus ab. Und alle Datschenbewohner standen rundherum und wärmten sich quasi ihre Hände.

Immerhin gab es ein Happy-End: Kein Personen- und nur begrenzter Sachschaden. Das letzte grenzt an ein Wunder, da das Haus mit dem Restaurant (welches den Namen eigentlich nicht verdient, es ist eher eine heruntergekommene Kaschemme) ziemlich alt und natürlich komplett aus Holz gebaut ist.

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Zwei auf einen Streich – Abe verliert seine Minister

Oktober 21st, 2014 | Tagged | 9 Kommentare | 1102 mal gelesen

Der Fächer des Anstosses

Der Fächer des Anstosses

Heute gab es in Japan zur Abwechslung mal ein politisches Erdbeben – nicht ganz unerwartet, aber dennoch überraschend, da alles auf ein Mal stattfand. Gleich zwei Minister, genauer gesagt Ministerinnen, gaben heute ihren Rücktritt bekannt. Als da wären:

小渕 優子 Yūko Obuchi, Ex-Wirtschaftsministerin, stolperte über einen Spendenskandal, da sie Parteispenden für falsche Zwecke missbrauchte. Das ist, wie es scheint, in Japan Volkssport bei Politikern. Genauer gesagt wuchs die Diskrepenz zwischen Einnahmen und Ausgaben in ihrem Wahlbezirk auf rund 350,000 Euro an – Geld, bei dem nicht klar ist, wie es eigentlich verwendet wurde.

松島 みどり Midori Matsushima, Ex-Justizministerin, hingegen trat aufgrund eines Verstosses gegen das Wahlkampfgesetz zurück. Jenes Gesetz verbietet Geschenke mit geldwertem Vorteil jeglicher Art an (potentielle) Wähler. Trotzdem hielt und hält noch immer die Ministerin das Verteilen von Wegwerffächern, bedruckt mit ihrem Konterfei, an über 20’000 Besucher eines Voksfestes für unverfänglich, da die Fächer “kaum einen Wert haben”. Sie betonte beim Rücktritt auch eigens, dass ihr Rücktritt kein Schuldeingeständnis sei, sondern dass sie damit Schaden von der Regierung abwenden möchte. Eine noble Geste, quasi.

Matsushima hatte es mir schon vorher sehr angetan. Sie ist eine eifrige Verfechterin der Todesstrafe und findet, dass man zum Beispiel muslimischen Gefangenen in japanischen Gefängnisssen durchaus Schweinefleisch geben sollte – japanische Gefangene befragt man ja auch nicht, ob sie lieber Brot oder Reis möchten. Dementsprechend sei dies “umgekehrte Diskriminierung”. Dass es hier weniger um kulinarische Vorlieben geht als um Glaubensfragen, ist dabei Wurst. Schweinewurst, natürlich.

Abe hatte beide Ministerinnen erst vor einem guten Monat ins Kabinett geholt – quasi als Teil der Botschaft “Schaut her, wir sind modern und beteiligen viele (5) Frauen an der Regierung”. Bei einer eigens eingeraumten Pressekonferenz übernahm Abe heute jedoch zwangsläufig die Verantwortung, da er ja die Personalie durchgewunken hat. Verantwortung? Ja. Konsequenzen? Natürlich nicht. Dabei war Abe einer der Politiker, die am lautesten nach Neuwahlen schrien, als sich die damals regierenden Demokraten an ihren Skandalen versuchten.

Waren das nun alle Skandale? Natürlich nicht. Für wesentlich skandalöser halte ich das Verhalten von 山谷えり子 Eriko Yamatani, Sonderbeauftragte für das Referat Entführung (japanischer Staatsbürger durch Nordkorea). Sie hält das Trostfrauenproblem für eine Lüge und wurde im September dafür bekannt, dass sie sich mit Vertretern der 在特会 Zaitokukai (eine ultranationale Vereinigung, die es hauptsächlich auf seit Generationen in Japan lebende Koreaner abgesehen hat) traf. Und gemeinsam fotografieren liess. Darauf angesprochen, erwiderte sie – vor Reportern – dass sie nicht wusste, mit wem sie sich da traf. Als Reporter nachbohrten und fragten, ob sie die Aktivitäten der Zaitokukai kritisch betrachte (jene laufen schliesslich mit Postern durch die Strassen, auf denen Sprüche stehen wie “Ob gute Koreaner oder böse Koreaner – tötet sie alle!”¹), lehnte sie eine Stellungnahme ab. Und zwar drei Mal.

Ist es Unwissenheit? Oder einfach nur Unverfrorenheit? Sicher, deutsche Politiker zum Beispiel leisten sich auch das eine oder andere dicke Ding. Aber an japanische Politiker kommen sie in puncto Dreistigkeit bei weitem nicht heran.

Siehe hier.

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Live in Shibuya: Tocotronic

Oktober 17th, 2014 | Tagged | Kein Kommentar bisher | 349 mal gelesen

Zur Abwechslung mal ein Veranstaltungstipp: Am kommenden Mittwoch, dem 22. Oktober, spielt Tocotronic in Tokyo – und zwar im relativ kleinen Club Garret mittem in Shibuya. Organisiert wird das ganze interessanter- wie lobenswerterweise vom Goethe-Institut. Die Tickets kosten 2,500 yen Vorkasse und 3,000 yen vor Ort. Die Tickets kann man bei jedem Lawson kaufen (L 71896). Mehr dazu hier.

Gut, ich bin kein Fan-Fan von Tocotronic. Aber ein paar Lieder gefallen mir sehr, und es wird sicherlich sehenswert. Zumal ja solche Konzerte, wie hier bereits erwähnt, oftmals die Chance bieten, die Musik in beinahe intimer Atmosphäre zu geniessen: Die Clubs sind meist sehr klein, und da es natürlich nur wenige Fans deutschsprachiger Musik gibt, ist die Zuschauerzahl in der Regel überschaubar.

Und falls Tocotronic in den Genuss kommen, mal im Berufsverkehr mit den Bahnen hier in Tokyo zu fahren, werden sie sich bestimmt vor allem an dieses ihrer eigenen Lieder erinnern:

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Kindergarten – aber welcher?

Oktober 14th, 2014 | 1 Kommentar | 1651 mal gelesen

Kindergarten in Urayasu

Kindergarten in Urayasu

Langsam wird es an der Zeit, meinen jüngsten auf die Gesellschaft loszulassen. Im nächsten Jahr wird er 4 Jahre alt, und die Vorstellung, ihn bis zur Einschulung allein zu erziehen, dürfte keinem so richtig gefallen. Nun hat man in Japan ziemlich viel Auswahl: Man kann sein Kind bereits im Alter von wenigen Monaten in eine Kinderkrippe (保育園 – hoikuen) stecken. Oder ab 3 Jahren in einen Kindergarten (幼稚園 yōchien). Oder einfach bis zur Einschulung zu Hause behalten. Kinderkrippen sind jedoch nicht allzu zahlreich vorhanden und werden nur von berufstätigen Müttern genutzt. Die meisten Mütter arbeiten jedoch nach der Geburt für ein paar Jahre nicht. Die Option, dass der Mann ein paar Monate oder gar Jahre Erziehungsurlaub nimmt / nehmen kann, ist in Japan quasi unbekannt und momentan auch undenkbar.

Dass mit den Kindergärten ist dabei gar nicht so einfach. Es gibt Gemeinden mit vielen Kindergärten und Gemeinden mit absolutem Mangel. Vor allem in Tokyo bekommt man oftmals keinen Kindergartenplatz, wenn man nicht arbeitet. Oder man wird auf eine Warteliste gesetzt und wartet so lange auf den Platz, bis das Kind gross genug für die Schule ist. Eine Liste von Fragen bestimmt dabei, wie dringend der Fall scheint. Leben die Großeltern in der Nähe? Ganz schlecht für die Warteposition. Nicht erwerbstätig? Kann man gleich vergessen.

Kleiner Bereich des hinteren Teils des 900-Seelen-Kindergartens

Kleiner Bereich des hinteren Teils des 900-Seelen-Kindergartens

In meinem vorherigen Wohnort Urayasu lief das so ab: Wir bewarben uns um einen Platz, damit unsere Tochter mit 3 in den Kindergarten gehen kann. Und verloren in der Kindergartenplatzlotterie. Also ein weiteres Jahr zu Hause. Dann wurde sie 4 Jahre alt und die Wahrscheinlichkeit, einen Platz zu bekommen, grösser. Im Wesentlichen hatten wir zwei Wahlmöglichkeiten: Kindergarten A oder B, beide ungefähr gleich weit entfernt und beide mit der Stadt als Träger. In unserer neuen Heimat sieht es da schon anders aus. Es gibt keine Lotterie, keine Warteliste – aber auch keine öffentlichen Kindergärten. Null. Alle Kindergärten hier sind privat, und sie verlangen alle mehr oder weniger das Gleiche: Rund 180,000 yen Einschulungsgebühr und ca. 30,000 yen (also rund 240 Euro) pro Monat. Plus Schulbuskosten. Plus Kindergartenuniformkosten (so es das gibt, und in den meisten Kindergärten gibt es das). Plus Exkursionskosten. Und so weiter und so fort.

Leider hilft es da wenig, über die hohen Kosten zu klagen, also schauen wir uns nach Kindergärten in der Nähe um, und im Umkreis von 4 Kilometern scheint es mindestens 4 zu geben. Ein Kindergarten entpuppte sich als ein Nachwuchshort für die Sekte Sōkagakkai – das erfuhren wir allerdings eher zufällig. Vorgestern schauten wir uns einen anderen an: Ein Riesenkindergarten für insgesamt 900 Kindern, aber schön versteckt zwischen Feldern und Wäldern, mit unglaublich vielen Spielmöglichkeiten draussen, Beeten, auf denen die Kinder Sachen anbauen und so weiter und so fort. Es war Liebe auf den ersten Blick. Sicherlich – die Anzahl der Kinder ist Wahnsinn, aber alles in allem sieht der Kindergarten so aus, als ob jemand, der Kinder sehr mag – und spielerisch Dinge erlernen lassen möchte – jenigen gebaut hat.

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Diszipliniert ist anders

Oktober 7th, 2014 | 2 Kommentare | 2613 mal gelesen

Heute zog der Taifun Phanfone durch die Hauptstadtregion. Angekündigt wurde der selbige mit soviel Trara, dass selbst die Tagesschau darüber berichtete. Gegen 9 Uhr sollte die Sturmzone Tokyo erreichen. Gegen halb neun regnete es stark, aber die Züge noch fuhren, machte ich mich trotzdem auf den Weg zum Büro. Und mit ganzen 5 Minuten Verspätung kam ich dort auch an. Den Rest des Taifuns bemerkte ich danach eigentlich kaum, und gegen halb eins war der Himmel blau. Alles halb so wild.

Interessanterweise hat man jedoch im Nachbarbezirk, Minato-ku (der Shinkansen-Bahnhof Shinagawa liegt dort zum Beispiel) zum ersten Mal überhaupt grossflächige Evakuierungswarnungen herausgegeben: Insgesamt 23’000 Haushalte wurden aufgefordert, die Wohnungen zu verlassen und in Evakuierungszentren (in der Regel sind das Schulen) Schutz zu suchen. Der Grund: Im gleichen Bezirk gibt es unzählige Böschungen, die zwar fast ausnahmslos bebaut sind, aber trotzdem ins Rutschen kommen können. Jedoch: Laut Japan Times kam genau 1 (ein!) Haushalt der Warnung nach – der Rest scherte sich nicht darum, war nicht zu Hause oder hat es nicht mitbekommen. Einer von 23’000 Haushalten! Alle Achtung. Und passiert ist letztendlich … nichts.

Wie es aussieht, hat Japan mit seinen Frühwarnsystemen noch allerhand zu tun. Wenn etwas wirklich Schlimmes passiert, wie der Vulkanausbruch am Ontake-san in der vergangenen Woche mit über 50 Toten oder die massiven Erdrutschen in Hiroshima im August dieses Jahres mit 74 Toten (siehe Wikipedia) gibt es keine Warnung, oder wenn dann erst viel zu spät, doch dann gibt es andererseits Warnungen, die, wie im heutigen Fall aus verständlichen Gründen, ignoriert werden beziehungsweise überzogen scheinen. Fazit: Es scheint an Geographen zu mangeln. Hey, hier ist einer!

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Tag der Einheit – aber bitte ohne Pöbel!

Oktober 2nd, 2014 | Tagged | 11 Kommentare | 3295 mal gelesen

In den vergangenen Jahren wurde es zu einer Tradition: Das Fest am Tag der deutschen Einheit, organisiert von der deutschen Botschaft in Tokyo – und zugänglich für jedermann! Ein echtes Fest quasi, so richtig mit Kindern (und dem einen oder anderen Angetütelten). Aber – ein neuer Botschafter ist im Land, und das haben die Deutschen in Japan nun davon. Zitat der Mitteilung der Botschaft in Tokyo:

Liebe Landsleute,

Sie warten möglicherweise an dieser Stelle auf die generelle Einladung zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober. Ich habe mich nach sorgfältiger Überlegung aber entschieden, zu der Einladungspraxis zurückzukehren, die vor meinem Vorgänger üblich war. Ich möchte nämlich gerne, dass wir noch mehr japanische Gäste erreichen als in der Vergangenheit.

Ich kann mir vorstellen und habe auch schon gehört, dass sich einige von Ihnen, die keine Einladung erhalten haben, darüber wundern oder auch ärgern. Das kann ich gut nachvollziehen. Ich bitte Sie dennoch um Verständnis für die Entscheidung, die Steuer- und Sponsorengelder, die wir für den Empfang zur Verfügung haben, im Sinne einer ausgewogenen Balance zwischen den verschiedenen Gästegruppen und vor allem auch zur Stärkung der deutsch-japanischen Begegnung noch zielgerichteter einzusetzen.

Nun gut. Leider habe ich es nie persönlich zu der Feier geschafft (dabei liegt mein Büro keine zwei Kilometer entfernt), aber vom Hörensagen her war die Veranstaltung wohl sehr beliebt und natürlich eine gute Gelegenheit, andere Leute kennenzulernen. Sowie mit den Kindern etwas deutsche Atmosphäre zu schnuppern. Ehrlich, das gibt’s! Jedes Mal, wenn ich im Goethe-Institut in Tokyo bin – so alle zwei, drei Jahre ein Mal – fühle ich mich wie in einer anderen Welt.

Die Begründung halte ich allerdings nicht für sehr gelungen: “Steuer- und Sponsorengelder …. im Sinne einer ausgewogenen Balance zwischen den verschiedenen Gästegruppen und vor allem auch zur Stärkung der deutsch-japanischen Begegnung … einzusetzen”. Ja, wer ist denn nun eingeladen?

Eigentlich ist es schade, denn gerade die öffentliche Veranstaltung hat, da bin ich mir absolut sicher, zur Stärkung der deutsch-japanischen Begegnung beigetragen. Feier in der Botschaft? Offen für alle? Weltoffener kann man sich kaum präsentieren.

Logischerweise ist bei der Mailingliste DinJ (Deutschsprachige in Japan) ein, wie sagt man so schön auf Neudeutsch: shitstorm losgetreten wurden. Die Wogen werden sich glätten, aber ein bisschen schade ist es schon.

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Vulkanausbruch mit zahlreichen Todesopfern am Ontake-san

September 29th, 2014 | Tagged | 1 Kommentar | 3265 mal gelesen

Karte aktiver Vulkane in Japan - Quelle: https://gbank.gsj.jp/volcano/cgi-bin/map.cgi

Karte aktiver Vulkane in Japan – Quelle: AIST

Japan hat bekanntermassen einiges an Naturkatastrophen zu bieten – Erdbeben, Taifune, Tsunamis, Vulkane. Damit beschäftigt man sich zwangsläufig, wenn man länger im Land lebt. Erdbeben sind von der Natur her am schlimmsten, da sie nur schwer vorhersagbar sind. Taifune kann man kommen sehen, und das gleiche gilt für Tsunamis. Es fällt jedoch relativ leicht, die Vulkane im Land zu vergessen – obwohl es über 100 aktive Vulkane im Land gibt. Sicher kann man sich da eigentlich nur in Kansai und Shikoku fühlen, denn im Rest des Landes wimmelt es nur so von Vulkanen.

Nun sind Vulkanausbrüche heutzutage halbwegs leicht vorhersagbar. Sie kündigen sich nicht selten durch Schwarmbeben an oder durch das plötzliche Entstehen oder Verschwinden von heissen Quellen und/oder Fumarolen in der Gegend. Es liegt in der Natur der Sache, dass in Japan tausende Wissenschaftler nur damit beschäftigt sind, die aktiven Vulkane zu überwachen. 5 Warnstufen gibt es dabei – von “alles ruhig” (Stufe 1) bis “evakuieren” (Stufe 5). Eine Übersicht der aktuellen Lage gibt es auf der Seite des Meteorologischen Amtes zu sehen (siehe hier).

Am Sonnabend, dem 27. September 2014, geschah jedoch etwas, was nur schwer vorhersehbar war: Am 3,067 m hohen 御岳山 Ontake-san, jener liegt auf der Grenze der Präfektur Gifu und Nagano unweit der Stadt Takayama, traten plötzlich giftige Gase aus, gefolgt von einer mittelprächtigen Eruption. Der Ontake-san war seit rund 7 Jahren ruhig, ist eigentlich ein Rang-2-Vulkan (nicht akut gefährlich) und hatte die Warnstufe 1, die dann schliesslich am Sonnabend auf 3 und später kurzzeitig auf Stufe 5 erhöht wurde. Die Folgen waren fatal: Es befanden sich rund 250 Wanderer und Bergsteiger vor Ort. Bis jetzt zählte man 31 Menschen mit Herz- und Atemstillstand – vier von ihnen sind mittlerweile geborgen worden – und verstorben. Die Bergung ist schwierig, da Hubschrauber aufgrund der Asche nur bedingt einsatzfähig sind.

Es sind die ersten Todesopfer von Vulkanausbrüchen in Japan seit 1993 (damals forderte ein pyroklastischer Strom am Unzen, Präfektur Nagasaki, zahlreiche Menschenleben) – die Wahrscheinlichkeit, in Japan durch einen Vulkanausbruch zu Schaden zu kommen, sind damit recht gering. Doch trotz allem sollte man nicht vergessen, wo wir eigentlich sind: Am pazifischen Feuerring, mit etlichen aktiven Vulkanen auch in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt.

Empfehlen kann ich hier den Nachrichten-Artikel zum Thema auf BBC – das Video ist sehr eindrucksvoll.

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Tokyo: Ausflugstipp “Nōryōsen”

September 25th, 2014 | Tagged | 6 Kommentare | 4012 mal gelesen

Rainbow  Bridge von unten

Rainbow Bridge von unten

Aus beruflichen, obgleich angenehmen Gründen ging es am vergangenen Freitag auf eine lustige Bootsfahrt in der Bucht von Tokyo. Die 屋形船 Yakatabune genannten, kleinen Boote kannte ich bereits – die sind oft mit Tatami ausgelegt und halten für Trinkgelagene auf der See her. Dieses Boot war jedoch anders: Es war ein grosses, einstmals bestimmt als Fähre genutztes Boot für geschätzte 1,000 oder mehr Personen. Mit grosser norwegischer Flagge auf dem Schornstein, aber das muss nicht unbedingt bedeuten, dass das Boot auch von dort kommt. Findige Geschäftsleute haben den Kahn nun zum Partyboot umgestaltet: Mit Bühne, Bierausschank und zahlreichen Essensständen. Das Boot legt, wie es scheint täglich, vom Takeshiba-Pier (nahe Hamamatsu-chō, Yamanote-Linie) um 19:15 ab und fährt hernach immer die Küste entlang bis zum Flughafen Haneda und wieder zurück. Mit lauter Musik auf einem der Decks, einem zugegebenermassen etwas nervigen MC und hunderten Leuten in Partylaune. Odaiba, Rainbow Bridge, Anflugschneise des Flughafens, grell leuchtende Industrieanlagen usw. – die Fahrt ist recht kurzweilig und dauert gute zwei Stunden. Der Preis ist zudem mehr als zivil: 2,600 yen pro Person, und das beinhaltet All-You-Can-Drink.

Zur Information: Das ganze nennt sich 納涼船 Nōryō-sen (“Sommerabendbrisen-Linie”) und findet vom 1. Juli bis zum 30. September statt. Bestimmt auch nächstes Jahr. Wie es ausschaut, scheinen etliche Passagiere das ganze auch als Gelegenheit zur Brautschau zu begreifen – für romantische Nächte mit dem Partner dürfte das dann wohl eher doch ungeeignet sein. Zum Leute kennenlernen und feiern ist das Boot jedoch eine runde Sache.

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Walfang einstellen? Aber warum denn nur?

September 18th, 2014 | Tagged | 15 Kommentare | 5148 mal gelesen

Am 31. März dieses Jahres verbot der UN-Gerichtshof Japan, weiterhin Wale zu fangen¹ – mit der Begründung, dass die Behauptung Japans, Wale aus rein wissenschaftlichen Zwecken zu fangen, nicht den Tatsachen entspricht. Ein Moratorium auf Walfang besteht ja bereits seit 1986, und Japan ist eigentlich daran gebunden, zumal das Land ja bereits 1951 und damit nur 5 Jahre nach Inkrafttreten das Internationale Übereinkommen zur Regelung des Walfangs unterschrieben hatte. Doch bekanntermassen betrieb man weiter Walfang – in antarktischen Gewässern sowie im Nordpazifik östlich der Kurilen. Internationale Proteste sowie skurrile Gerüchte wie die erst neulich in den sozialen Medien die Runde machende Meldung Japanese whaling crew ‘eaten alive by killer whales, 16 dead’ hat japanische Politiker dabei bisher nicht die Bohne gekümmert.

Heute, am 17. September, hat Japan bei der Walfangkommissionssitzung in Slowenien erklärt, es werde alles in seiner Kraft stehende versuchen, um das Verbot aufheben zu lassen². Der japanische Vertreter zeigte sich dabei optimistisch, das Gericht überzeugen zu können, dass der Walfang tatsächlich aus wissenschaftlichen Gründen erfolgt – um die Population sowie den Einfluss der Meeressäuger auf das Ökosystem zu messen.

Aha. Es ist immer wieder amüsant, in japanischen Nachrichtensendern zu verfolgen, wie die Medien versuchen, dem Walfang eine gewisse Legitimität zuzusprechen. Das ist logisch betrachtet gar nicht so einfach, denn jedes Kind weiss, dass es in allen gut sortierten Supermärkten und Fischhändlern Walfleisch zu kaufen gibt.

Wahrscheinlich ist der Ansatz “Japan verbieten, Wale zu fangen” einfach von Grund auf falsch, denn auf solche Verbote von ausserhalb hat man in Japan (aber nicht nur dort) schon seit jeher eher trotzig reagiert. Da wird der Imageschaden einfach billigend in Kauf genommen. Ich hielte da einen anderen Ansatz für richtiger: Japan den Verkauf und Verzehr von Walfleisch zu verbieten. Denn ohne den Verkauf von Walfleisch wären Japans Politiker ganz sicher nicht bereit, Unsummen in diese Art “Forschung” zu investieren.


¹Siehe unter anderem hier (Englisch).
²Siehe unter anderem hier (Japanisch).

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Weg mit Geb!

September 10th, 2014 | Tagged | 18 Kommentare | 4973 mal gelesen

Ja, guten Morgen auch, Frau Erika Mustermann Geb Gabler!

Ja, guten Morgen auch, Frau Erika Mustermann Geb Gabler!

Und hier ist er – der zweite Teil der äusserst losen Serie Spass mit dem deutschen Reisepass im Ausland. Bis auf Bloggerkollegin Anika werden dabei wohl nur sehr wenige Leser mit dem Titel dieses Beitrages etwas anfangen können.

Würde die folgende Geschichte nicht für die Betroffenen für etliche Unannehmlichkeiten sorgen, wäre sie glattweg einfach nur saukomisch: Es geht um das Kürzel “Geb.” (kurz für Geboren/Geborene), das in deutschen Ausweisen und Reisepässen de facto zum Bestandteil des Namens wird. Das ist natürlich kein Problem in der grossen deutschen Wohlstandssphäre, doch da der Rest der Welt noch immer nicht begriffen hat, dass Deutsch natürlich eine unbedingt zu beherrschende Weltsprache ist, kann der Rest der Welt mit dem “Geb.” natürlich nichts anfangen: Da dies im Pass als Bestandteil des Namens aufgeführt wird, wird das “Geb.” zum Teil des Namens. Und das hat Auswirkungen.

In Japan mussten seit jeher Ausländer die sogenannte Alien Registration Card mit sich herumtragen. Der Name auf der Karte muss natürlich mit dem im Visum und damit dem Namen im Reisepass übereinstimmen. Man war soweit jedoch meistens recht kulant: Eine kurze Beschreibung der Bedeutung des Kürzels reichte aus, um das “Geb.” nicht auf der Karte tragen zu müssen. Doch seit man in Japan vor 2 Jahren damit begonnen hat, die alte Karte durch die neue Zairyu-Karte zu ersetzen, haben sich auch die Spielregeln geändert: Japanische Behörden sind nunmehr darauf angewiesen, keine Ausnahmen mehr zuzulassen. Und damit wird das “Geb” einfach mal so zum festen Bestandteil des Ausländerdaseins in Japan. Mit Folgen, denn bei allen möglichen Verträgen (Mietvertrag, Handy usw.) muss der Name genau mit dem auf der Zairyu-Karte übereinstimmen. Inklusive “Geb.” Aus Hashimoto Katja Maria wird so ganz schnell also eine Hashimoto Geb Müller-Bruckdorfshausen Katja Maria – ob sie will oder nicht. Und so wird man dann auch bei Behördengängen laut aufgerufen. Dass das japanisch “gebbu” ausgesprochene “Geb” dann auch noch dem Wort für “Rülpser” (geppu) ähnlich ist, fällt dann kaum noch ins Gewicht.

Weg mit Geb!

Weg mit Geb!

Das stösst den Betroffenen verständlicherweise sauer auf. Wer will schon mit einem ellenlangen und zudem noch falschen Namen durch die Landschaft laufen! Und so haben sich ein paar Betroffene zur Gründung der Gruppe Weg mit Geb! zusammengeschlossen. Und das soweit sogar mit Erfolg: Die deutsche Botschaft in Tokyo weiss davon, und heute wurde die Gruppe in einem Artikel der Japan Times vorgestellt¹. Eine Online-Petition, adressiert an Frank-Walter Steinmeier, ist auch auf dem Weg².

Sicher, gegen das Problem in Japan anzukämpfen ist eine Sache. Aber die Petition an sich erst geht den richtigen Weg: Das “Geb” sollte von Ausweisen und Reisepässen verschwinden – oder wenn das nicht geht, zumindest anders ausgewiesen werden, denn bei Dokumenten dieser Art sollte man schon korrekt sein – und “Geb.” ist einfach mal korrekt gesehen nicht Bestandteil des Namens!

In diesem Sinne – und als geistige Unterstützung in Form dieses Artikels – wünsche ich der Aktion den Erfolg, den sie verdient. Es sind nur drei Buchstaben, aber die Probleme, die daraus entstehen, sind beachtlich.

Mehr dazu auch bei Anikas Ginkgoleafs.

¹ Siehe Mind the ‘geb’: Little word is a big problem for Japan’s German residents
² Siehe bit.ly/mindthegeb (Change.org)

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