Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Harte Strafen für dies und das — und es kommt noch dicker

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In Sachen Strafkatalog ist man in Japan nicht zimperlich — das war schon immer so, und es wird auch nicht besser. Dazu zwei Fälle, die momentan aktuell sind:

So vermeldete Yahoo! Japan in seinen Nachrichten heute¹, dass die Polizei einen Mann festgenommen hat, weil er eine Reservierung in einem Restaurant vornahm, am Tag der Reservierung aber nicht erschien (und die Reservierung auch nicht rückgängig gemacht hat). Im konkreten Fall reservierte er in einer Trinkhalle ein Gängemenü für insgesamt 17 Personen, für 10,000 yen (rund 80 Euro) pro Person. Dabei benutzte er wohl laut Restaurantbesitzer einen falschen Namen. Es gab wohl im gleichen Zeitraum eine ähnliche Reservierung in einer anderen Niederlassung des gleichen Restaurants, ebenfalls unter falschem Namen, die dann ebenfalls nicht wahrgenommen wurde. Der Festgenommene verteidigte sich bei der Polizei mit der Aussage, dass er nur angefragt, nicht aber reserviert hätte.

Der Ärger des Restaurantbesitzers ist natürlich verständlich. Das Wirtschaftsministerium schätzt den Schaden durch nicht wahrgenommene Reservierungen in der Restaurantindustrie pro Jahr auf circa 200 Milliarden Yen², also rund 1,6 Milliarden Euro. Der Schaden ist auch nicht auf diesen Sektor begrenzt — auch Onlinehändler haben unter den plötzlichen und sehr häufigen Stornierungen zu leiden. Es gibt auch erste Versuche, den Schaden geringer zu halten — zum Beispiel durch die Erstellung schwarzer Listen, ähnlich eines Kreditscores quasi. Wer auf dieser Liste landet, kann eben nicht mehr reservieren (vorausgesetzt, das Restaurant hat Zugang zu der schwarzen Liste). Die Unsitte der unbedachten und viel zu häufigen Stornierungen einzudämmen erscheint sinnvoll, zumal es durchaus, wie scheinbar im obigen Fall geschehen, auch Fälle mit krimineller Energie gibt. Der Gedanke jedoch, festgenommen zu werden, weil man etwas reserviert hat und dann, aus welchen Gründen auch immer, die Reservierung nicht wahrnehmen konnte, ist allerdings beängstigend. Wer entscheidet wie darüber, ob es ein böswilliger Akt war? Der Restaurantbesitzer? Der Richter? Falls letzteres der Fall ist, hat man schlechte Karten in Japan, denn wer einmal vor dem Kadi landet, wird fast nie freigesprochen.

Auch der Hintergrund der zweiten Meldung ist eher ernster Natur – es geht um das Vermeiden von Unfällen durch das sogenannte ”ながら運転” (nagara unten), das “Fahren, während man durch etwas abgelenkt wird”. Konkret sind hier die Benutzung von Mobiltelefonen und Navigationssystemen, die oftmals auch als Fernseher fungieren, im Visier. Ab dem 1. Dezember soll die Strafe dafür erhöht werden. Wird man jetzt dabei erwischt, bekommt man einen Punkt und bezahlt 6’000 Yen, also rund 50 Euro. Ab dem 1. Dezember werden daraus 3 Punkte und 18,000 yen, also 150 Euro. Was die Punkte anbelangt: Diese sind 3 Jahre lang gültig, und wer zu irgendeinem Zeitpunkt 6 Punkte erreicht hat, wird erst mal den Führerschein los — dann ist eine spezielle Schulung fällig, ohne die man nicht wieder auf die Strasse darf. Es wird also wesentlich strenger.

¹ Siehe hier
² Siehe hier

Wiederaufbau der Burg von Kumamoto

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Schäden an der Burg von Kumamoto
Schäden an der Burg von Kumamoto

Vor drei Wochen hatte ich das Vergnügen, wieder etwas durch Kumamoto zu streifen – eine meiner Lieblingsstädte in Japan. Da ich seit den beiden schweren Erdbeben am 14. und 16. April 2016 nicht mehr dort war, hatte ich keine richtige Vorstellung darüber, wie es drei Jahr nach dem Beben dort aussehen würde.

Traurige Berühmtheit erlangte ja vor allem die Burg, die da mitten in der Innenstadt auf einem Hügel über selbiger thront. Eine imposante Feste, mit gewaltigen Mauern. Dabei ist das mit der Burg so eine Sache – denn diese hier gehört nicht zu den 現存十二天守 12 Überlebenden – dem dutzend Burgen in Japan, deren Hauptbau die Wirren der Zeit bis heute überstanden haben. Der Hauptbau ist ein Nachbau aus Beton, fertiggestellt 1960. Dennoch zählt man die Burg von Kumamoto zu den drei prächtigsten Burganlagen des Landes (die anderen sind die Burg von Himeji und die Burg von Matsumoto) – schliesslich sind 13 Bereiche original und “Wichtiger Kulturschatz Japans” (11 Nebengebäude, 1 Tor und 1 Mauerstruktur). Diese Burg ist etwas Besonderes. Während dem Betrachter beim Anblick japanischer Burgen Attribute wie “schmuck” oder “kunstvoll” einfallen, ist dieses Exemplar hier eher “imposant”, oder gar “furchteinflössend”. Hier bekommt man ungefähr einen Eindruck, welche Macht die ehemaligen Burgbesitzer wirklich hatten.

Das Erdbeben der Stärke 6,2 am 14. April 2016. Mauern stürzten ein, und ein paar “Giebelkarpfen” fielen vom Dach. Das war vergleichbar mit einem schweren Erdbeben 1889 – auch damals wurde die Burg deutlich beschädigt. Doch leider blieb es nicht dabei, denn eines der Nachbeben war stärker als das Hauptbeben: Keine 36 Stunden später gab es ein Beben der Stärke 7,3, welches Türme und weitere Mauern einstürzen liess – und das Dach der Burg abdeckte. Letzteres war allerdings ganz im Sinne der Erfinder, denn traditionelle japanische Dachziegel sind sehr schwer und haben das Potential, die zu bedeckende Struktur durch das eigene Gewicht schwer zu beschädigen. Deshalb werden die Ziegel so gelegt, dass sie sich bei schweren Vibrationen lockern und herunterfallen.

Wiederaufbau der Burg von Kumamoto: Hier ist schweres Gerät im Einsatz
Wiederaufbau der Burg von Kumamoto: Hier ist schweres Gerät im Einsatz

Mit dem Wiederaufbau wartete man nicht lange – im Juni 2016 wurde mit den Arbeiten begonnen. Geplant war, die Reparaturen am Hauptbau 2019 abzuschliessen. Seit Oktober 2019 kann man auch wieder zum Hauptbau gehen – der ist noch nicht ganz fertig, aber fast. Allerdings ist die Anlage momentan nur an Wochenenden begehbar. Man schätzt allerdings, dass man mit den Reparaturen am Rest der Anlage erst gegen 2036 fertig sein wird. Man kniet sich also rein, aber die zu leistende Arbeit ist enorm – und sehr kostspielig. Bleibt nur zu hoffen, dass Kumamoto auf absehbare Zeit von schweren Erdbeben verschont bleibt.

Microsoft-Experiment in Japan offenbart: Weniger Arbeit ist mehr

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Microsoft HQ via Techspot.com
Microsoft HQ via Techspot.com

Von IT-Riesen wie Microsoft oder Amazon sollte man eine Vorreiterrolle erwarten, und dem werden die Konzerne mitunter auch mal gerecht. So haben sich die Arbeitsbedingungen bei Amazon Japan, der IT-Abteilung, wohlgemerkt, innerhalb des vergangenen Jahrzehnts dramatisch verbessert. Auch bei Microsoft bewegt man sich: Im August führte man in Japan ein interessantes Experiment durch¹ – mit insgesamt 2’300 fest angestellten Mitarbeitern. Die Regeln waren relativ einfach:

  1. Freitage wurden zu bezahltem Urlaub – Mitarbeiter hatten so eine 4-Tage-Woche
  2. Mitarbeiter sollten, soweit möglich, Meetings und Emails mit internen Chatsystemen ersetzen
  3. So ein Meeting erforderlich war, sollten die Teilnehmer auf maximal 5 Personen und die Zeit auf 30 Minuten begrenzt werden

Die Ergebnisse sprachen für sich: Im Vergleich zum August des vergangenen Jahres

  1. Stieg der Umsatz pro Kopf um knapp 40%
  2. Sank die Menge verbrauchten Papiers um fast 60%
  3. Sank die verbrauchte Strommenge um über 20%
  4. Waren 92% der Beteiligten mit der Situation zufrieden

Angesichts der obigen Zahlen sollte das eigentlich ein no-brainer sein: Experiment geglückt, alle zufrieden, also implementieren. Doch daraus wird nichts: Microsoft gab an, dass man die 4-Tage-Woche nicht dauerhaft einführen werde, womöglich aber gelegentlich darauf zurückgreift.

Ein Blick hinter die Kulissen hilft die Situation besser zu verstehen. Zum einen ist der Monat August einer der umsatzschwächsten Monate in Japan, da viele in der Mitte des Monats rund eine Woche Urlaub machen, und sich aufgrund der Hitze die Räder sowieso ein bisschen langsamer drehen. Ausserdem ist zum einen nicht klar, wie viel Arbeit im August im Vergleich zum Vorjahr liegenblieb, und da wäre dann auch noch der psychologische Aspekt zu berücksichtigen: Wie viele Angestellte erhofften sich ein positives Resultat und arbeiteten deshalb, bewusst oder unbewusst, konzentrierter als sonst? Nur eine Langzeitstudie kann dazu wirklich Auskunft geben.

Fakt ist jedoch, dass Japan in Sachen Produktivität schlecht darsteht. In einem Vergleich von 35 OECD-Ländern² belegt Japan bei der Arbeitsstundenproduktivität nur Platz 20 – man befindet sich also, trotz der (meist) fortgeschrittenen Technologie und permanent verbesserten Arbeitsabläufe im hinteren Mittelfeld. Microsoft hat hier bei den Meetings genau den richtigen Hebel angesetzt. In der durchschnittlichen japanischen Firma gibt es viel zu viele Meetings, mit viel zu vielen Teilnehmern. Und nicht nur dass – oft sind die Meetings unstrukturiert, meistens gibt es nicht mal eine Agenda, und, auch das ist leider bei weitem keine Seltenheit, nur ein einziges Ergebnis: Dass man sich wieder treffen sollte, um das Gespräch fortzuführen. Hinzu kommt, dass bei Meetings noch immer die Anwesenden mit viel Papier gefüttert werden. Eigentlich sollte das ein Relikt aus vergangener Zeit sein.

Die Studie platzt jedoch genau in eine Zeit, in der auch die Politik immer mehr über den Sinn und Unsinn überlanger Arbeitszeiten diskutiert. Das ist der positive Effekt des Ganzen, und das sollte auf der Agenda der Manager und Politiker stehen: Unnötiges vermeiden, Arbeitszeiten verkürzen, und vor allen den männlichen Angestellten das längere Zusammensein mit der Familie schmackhaft zu machen. Vielleicht geht es ja dann auch irgendwann mit der Geburtenrate wieder etwas aufwärts.

¹ Siehe hier
² Siehe hier

Burg Shuri auf Okinawa fast vollständig niedergebrannt

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Shuri
Shuri

Die Bilder des Tages stimmten einfach nur traurig: Kurz vor dem Sonnenaufgang des 31. Oktober 2019 brach in der Burg Shuri auf der Hauptinsel von Okinawa ein Großbrand aus, der schnell um sich griff und wesentliche Teile der Burg, zum großen Teil aus Holz gebaut, vernichtete. Luftaufnahmen vom Nachmittag zeigten, dass von einigen Gebäuden, darunter auch dem Hauptgebäude, wirklich nur noch Asche übrig ist.

Gute 450 Jahre lang war die Burg eindrucksvolles Zeugnis des Ryukyu-Königreiches, das bis zum 19. Jahrhundert nicht zu Japan gehörte, sondern eine Sonderstellung zwischen China und Japan einnahm. Mit eigener Kultur, eigener Sprache, eigener Architektur (der Burg Shuri habe ich hier ein komplette Seite gewidmet).

Die Burg wurde nach dem Ort benannt, in dem sie sich befand (oder war es andersrum?), doch die heutige Inselhauptstadt wurde immer größer und verleibte sich irgendwann Shuri ein. Die Burg von Shuri ist imposant: Die Festungsmauern sind gewaltig, doch was einen dann im Inneren erwartete, ist völlig anders als im Rest des Landes: Ein schöner, breiter Platz, umsäumt von sehr fotogenen, durchweg dunkelroten Holzpalästen. Eines der Bauwerke, bei denen man sich erstmal hinsetzen und das Ganze auf sich wirkn lassen möchte.

Leider komplett niedergebrannt: Der Seiden genannte Hauptbau
Leider komplett niedergebrannt: Der Seiden genannte Hauptbau

Shuri hätte fast den Zweien Weltkrieg überlebt – leider nur fast. In den letzten Tagen der gnadenlosen Gefechte zwischen amerikanischen Einheiten und den kaiserlichen Soldaten brannte der Komplex restlos nieder. Der originalgetreue Neubau wurde 1992 fertiggestellt, und die Mühe zahlte sich im Jahr 2000 aus, als die Burg zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. Der Brand in der Nacht vernichtetete jedoch den prächtigen 正殿 seiden (Hauptbau) sowie den Nord- und Südflügel. Vier weitere angrenzende Gebäude wurden ebenfalls stark beschädigt. Anwohner schauten dem Brand hilflos zu, vielen trieb der Anblick Tränen in die Augen, denn auf die Burg war man – zurecht – sehr stolz.

Immerhin gab es bei dem Brand weder Verletzte noch Tote. Stunden nach dem Brand äußerten die ersten Politiker den festen Willen, die Burg wieder aufzubauen. Das wird man sicherlich auch machen – doch es wird Jahre dauern. Bis dahin ist Okinawa leider um eine wichtige Sehenswürdigkeit ärmer.

Das Innere des seiden
Das Innere des seiden

Kaiserkrönung

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Regierungsflugzeug der Elfenbeinküste in Kumamoto
Regierungsflugzeug der Elfenbeinküste in Kumamoto

Vor genau einer Woche, am 22. Oktober 2019, fand sie nun also statt: Die Thronzeremonie des neuen Kaisers. Ein seltenes Ereignis, denn schliesslich fanden die letzten beiden Krönungen davor 1925 und 1989 statt. Zwei Zeremonien in einem Jahrhundert sind in dem Sinne dann also doch eher selten. Und ich habe deshalb auch ein bisschen ein schlechtes Gewissen – sollte ich mich nicht ein bisschen mehr dafür begeistern? Aber so richtige Stimmung mochte nicht aufkommen, und das ging nicht nur mir so: Die meisten Japaner nutzten den freien, verregneten Tag, um das zu tun, was man an einem verregneten, freien Tag so macht: Einkaufen gehen bzw. fahren. Die Strassen waren dicht. Und der Großteil schaute sich die Zusammenfassung der Zermonie in den Abendnachrichten an, wenn überhaupt. Zu deren und zu meiner Entlastung sollte ich aber auch anmerken, dass es nur eine “Zeremonie light” war – die Parade verlegte man mit Rücksicht auf die Opfer des letzten Taifuns auf einen anderen Tag. Und so gab es auch nicht allzu viel zu sehen: Interessante Roben und Kopfbedeckungen, und eine kurze Ansprache des neuen Tenno aus seinem Paladin. Sowie Ministerpräsident Abe, der, so will es der Brauch, allein vor dem Tenno stehend, drei Mal laut 万歳 banzai! rief.

Das selbst im Ausland einigermassen bekannte Banzai bedeutet “10’000 Jahre”, und so lange soll der Kaiser nach dem Willen des Rufers leben. Banzai! wurde auch zum gefürchteten Schlachtruf japanischer Soldaten in den letzten grossen Kriegen. Und da es bei der Thronzeremonie nun nicht furchtbar viel Material gab, beschäftigten sich einige Nachrichtensendungen damit, ob Abe sein “banzai” ordentlich machte. Eindeutige Meinung: Ja, das war ein amtliches, ordnungsgemäß vorgetragenes Banzai und war damit wesentlich besser als das, was seine Vorgänger anboten. Die bauten sich nämlich vor den Kaiser auf, streckten beide Hände in die Höhe und zeigten dem Imperator die Handinnenflächen, ganz so, als ob sie sich zu ergeben gedenken. Das ist falsch, denn die Handinnenflächen müssen, bei abgespreiztem Daumen, aufeinanderzeigen (man zeigt dem Kaiser also die Handkanten). So. Jetzt hätten wir das auch geklärt.

Natürlich kam zu den Feierlichkeiten allerlei Prominenz. Gäste aus 192 Ländern wurden eingeladen, und Gäste aus 185 Ländern kamen letztendlich, darunter auch sehr viel blaues Blut, und zwar nicht nur aus Europa, sondern auch von asiatischen und afrikanischen Königshäusern. Das sind so viele Gäste, dass diese auf vier verschiedene Dinnerpartys verteilt werden müssen. Der Tenno hat es auch nicht einfach.

Ganz begeistert war man, dass pünktlich zur Krönungszeremonie der Regen kurz nachgab und der Himmel für einen Moment aufriss. In Teilen von Tokyo war sogar ein Regenbogen zu sehen. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn wir wussten ja schon immer, das Japan ein göttliches Land ist.

Ein Rätsel gab es für mich allerdings: Was in drei Teufels Namen machte das Regierungsflugzeug der Elfenbeinküste im 1’000 Kilometer entfernten Flughafen von Kumamoto (siehe Foto oben)? Wollten die Gäste ein bisschen mit dem Shinkansen fahren? Ging unterwegs der Sprit aus? Man weiss es nicht genau. In diesem Sinne aber erstmal ein dreifach geschmettertes Helau. Nein, ich meine natürlich Banzai. Hoch lebe der Kaiser!

Nachtrag:
Bei genauerer Recherche hat sich herausgestellt, dass es keinerlei Anleitung oder Regeln zum “Banzai” gibt – demzufolge kann man auch nicht festlegen, was richtig und was falsch ist.

Südkyushu-Tour 2019

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Nun ist sie zu Ende – die Kyushu-Rundfuhrt, wahrscheinlich die Nummer 6, wenn ich mich nicht verzählt habe. Diese Tour stand ganz im Zeichen von 火山 (kazan, Vulkan) und 秘境 hikyō – abgelegen Orten. Wie so oft begann die Tour in Kumamoto, mit zwei Abstechern zum Aso-Massiv: Einerseits zu einem Ort namens 押戸岩 Oshitoiwa, der als einer der Drehorte der Verfilmung “Attack on Titan” Berühmtheit erlangte. Wer in Deutschland die Teufelsmauer kennt, wird hier ein bisschen enttäuscht sein, aber die Aussicht auf das Aso-Massiv ist den Abstecher allemal wert, zumal der Aso momentan (um genau zu sein, seit April 2019) regelmässig und deutlich sichtbar Asche spuckt – zum Leidwesen der Anwohner.

Blick von Oshitoiwa zum rauchenden Aso
Blick von Oshitoiwa zum rauchenden Aso

Übernachtet wurde dieses Mal in der sehr neuen und sehr empfehlenswerten Pension Himawari in Minami-Aso, bei einem extrem freundlichen Pensionsherren, der mich am nächsten Morgen zu einem interessanten Ort brachte: Ein Veranstaltungsgelände auf halber Höhe der alten Kraterwand, mit einer grossen Bühne mit dem Aso im Hintergrund. Hier finden gelegentlich Festivals statt, und wenn nicht, kann man seine eigene CD mitbringen und sich vor grandioser Kulisse für 1’000 Yen pro Stunde beschallen lassen. 1’000 Yense hatte ich mehrfach dabei, CDs leider nicht. Prinzipiell ist die Idee sehr verlockend.

Die Bühne -- hier kann man in voller Lautstärke seine Lieblingsmusik hören
Die Bühne — hier kann man in voller Lautstärke seine Lieblingsmusik hören

Danach ging es mit dem Auto bis zur Seilbahnstation am Aso. Die Seibahn wurde leider beim schweren Erdbeben zerstört, aber die weitere Kraterregion ist aufgrund der erhöhten Aktivität sowieso gesperrt. Die dünne Ascheschicht, die gerade von zahlreichen Angestellten beseitigt wurde (und das gehört seit Monaten zur Routine) zeugte davon. Vom Aso ging es wieder runter ins Tal und danach Richtung Süden nach 椎葉 Shiiba, einem Dorf mitten in den Bergen. Das Dorf zählt zu einer der drei bekanntesten 秘境 (abgelegenen Ecken), was man aber nicht ernst nehmen muss, denn letztendlich gibt es in Japan zehntausende sehr abgelegene Ecken. Da Shiiba komplett von hohen Bergen umgeben ist, geht in einigen Teilen des Dorfes die Sonne selbst im Sommer um 3 Uhr unter. Man rühmt sich eines alten Gebäudekomplexes und eines kleinen Museums, das die lokalen Gebräuche erklärt. Interessant: Ein alter Kompass, mit dem je nach Jahreszeit bestimmt wird, in welchem Bereich momentan Wildschweine gejagt werden dürfen und wo nicht. Uralter Bestandsschutz, in dem Sinne.

Altes Wohnhaus in Shiiba
Altes Wohnhaus in Shiiba

Eine ältere Frau am alten Gebäudekomplex war scheinbar froh über jeden Besucher und wich mir eine geraume Zeit nicht von der Seite. Sie liess mich eine Frucht namens Akebi (Schokoladenwein) probieren und gab mir noch Samen einer speziellen Pflanze (Hanaokura) mit. Direkt neben dem alten Haus gab es ein wohnzimmerähnliches Soba-Restaurant, und dort zu essen war keine schlechte Idee, denn auf dem Weg von Shiiba weiter Richtung Süden gab es nichts, aber auch absolut gar nichts. Erst nach rund 50 Kilometern begann wieder bewohntes Gebiet, und gegen Abend erreichte ich schliesslich Ebino, eine kleine Stadt ganz im Westen von Miyazaki. Offensichtlich hatte Ebino schon bessere Zeiten gesehen: Meine Herberge, das Matsuo Ryokan, war uralt, und das bezieht sich auch auf die Futons, das Mobiliar und die Angestellten. Viele freie Flächen, heruntergekommene Gebäude und geschlossenen Läden sprechen eine deutliche Sprache: Hier geht’s seit langem bergab. Besucher bleiben aus, und die jungen Leute ziehen, so sie können, weg, in die Großstädte. In Japan leider ein sehr häufiges Bild.

Vergnügungsviertel von Ebino: Der Lack ist ab...
Vergnügungsviertel von Ebino: Der Lack ist ab…

Am nächsten Morgen sah es stark nach Regen aus, und die Vorhersage bekräftigte die schlimmsten Befürchtungen: Drei Tage Regen. Vor der Fahrt zum Berg also noch schnell einen Regenschirm gekauft, und siehe da, kaum trete ich aus dem Laden, fängt es auch schon an zu regnen. Egal – mit dem Auto geht es weiter Richtung Süden zum Ebino-Plateau, das immerhin auf rund 1’200 Meter Höhe liegt. Un siehe da: kein Regen. Ich beschliesse also trotz Vorhersage den Aufstieg, lasse aber sicherheitshalber die Kamera im Auto und nehme stattdessen den Regenschirm mit. Logischerweise wird es in den folgenden Stunden natürlich nicht regnen – ganz im Gegenteil, es wurde sogar teilweise heiter. Gegen 10 Uhr beginne ich mit dem Aufstieg, der nur circa 90 Minuten dauern soll. Das hier ist das Kirishima-Massiv, Teil des gleichnamigen Nationalparks. Kirishima besteht aus einer Kette größerer und kleinerer Vulkane. Der höchste Gipfel ist der Karakunidake und 1’700 Meter hoch – vom Parkplatz am Ebino-Plateau deshalb leicht und schnell erreichbar. Drei der Vulkane in Kirishima sind momentan gesperrt, darunter der gut 1’400 m hohe 新燃岳 Shin-Moetake (“neuer brennender Berg”), und genau der muss sich natürlich unter einer Wolkendecke befinden. Der Aufstieg ist leicht. Im unteren Bereich ist es etwas waldig, und ein deutlicher Schwefelgeruch liegt in der Luft. Auf halber Höhe, so ab der 7. Station, wird die Vegetation spärlicher. Und die 10. Station, also der Gipfel, befindet sich auf der zum Krater hin ordnungsgemäß senkrecht abfallenden Kraterwand. Keine 60 Minuten hatte der Aufstieg letztendlich gedauert – für eine Bergwanderung definitiv zu kurz.

Krater des Karakunidake
Krater des Karakunidake

Nach dem Abstieg ging es flott weiter Richtung Süden, zur Bucht von Kagoshima. Hier und dort sieht man beeindruckende Fumerolen entlang der Strasse, und natürlich gibt es hier zahlreiche heisse Quellen.

Der nördliche Teil der Bucht von Kagoshima ist kreisrund und war selbst ein gigantischer, heute mit Wasser gefüllter Krater (bekannt als Aira-Kaldera). Und in der Mitte der Bucht steht der imposante Sakurajima-Vulkan, der bis zu einer massiven Eruption im Jahr 1914 eine Insel war. Auch der Sakurajima ist derzeit recht aktiv – nahezu die gesamte Halbinsel ist mit einem zarten Grauschleier bedeckt, und an der Aussichtsplattform im Süden auf gut 300 Meter Höhe spürt man die Vulkanasche deutlich in der Luft. Wie es mit dem Sakurajima weitergeht, ist schwer zu sagen: Seit ein paar Monaten ist er aktiver als üblich – mal zieht die Asche dabei direkt in die nahegelegene Großstadt Kagoshima, mal in die andere Richtung.

Sakurajima: Die Wolke rechts ist eine Aschewolke
Sakurajima: Die Wolke rechts ist eine Aschewolke

Nach der Umrundung des Vulkans ging es erstmal Richtung Osten, auf die andere Seite der Ōsumi-Halbinsel, und zwar nach Shibushi. Warum Shibushi? Hauptsächlich zog mich der Name dort hin, denn in Shibushi steht das 志布志市志布志支所 (shibushi-shi shibushi shisho) – in Hiragana geschrieben sieht das noch schlimmer aus: しぶしししぶしししょ. Die Shibushi-Zweigstelle des Rathauses der Stadt Shibushi. Und als ob das nicht genug wäre, lautet die Adresse der Zweigstelle Shibushi-shi Shibushi-chō Shibushi (das erste und zweite “shi” im Stadtnamen wird dabei auch noch mit dem gleichen Schriftzeichen geschrieben!).

Dieser Zug verbindet Shibushi mit dem Rest der Welt - und bei starkem Regen fährt er nicht.
Dieser Zug verbindet Shibushi mit dem Rest der Welt – und bei starkem Regen fährt er nicht.

Shibushi ist hauptsächlich als Hafenstadt bekannt – Passagierfähren fahren von Tokyo, Osaka und Okinawa hierher. Das Stadtzentrum als solches ist allerdings “tot” – auch hier, wie in Ebino, sind viele Gebäude in der Innenstadt verfallen, heruntergekommen oder ganz verschwunden – der Bevölkerungsrückgang durch Wegzug und geringe Geburtenrate hat hier voll zugeschlagen. Dabei gibt es durchaus eine interessante Ecke in der Stadt – in der alten Burgunterstadt findet man viele alte, schöne Häuser mit traditionellen Gärten, und das beste daran ist, dass die Häuser zu einem grossen Teil wirklich noch bewohnt sind.

Nach einer Nacht im Nirgendwo, weit weg vom Zentrum von Shibushi, aber nahe an einer grossen, heissen Quelle, ging es nach Süden – Ziel war das 佐多岬 Sata-Kap, die südlichste Spitze der 本土 hondo, der 4 japanischen Hauptinseln, wie sie damals auch in Deutschland im Geographieunterricht gelehrt wurden. Man spricht hier übrigens nicht vom südlichsten Punkt von Kyushu, denn in Japan bezeichnet Kyushu weniger die Insel Kyushu, sondern die Region, und die schliesst etliche Inseln weiter südlich (wie zum Beispiel Yakushima, Tanegashima oder Amami) mit ein. Gegen halb elf fuhr ich los – bis zum Kap sind es gute 70 Kilometer quer durch die Berge, und da es noch früh war, dachte ich naiverweise, dass ich unterwegs etwas essen könne. Pustekuchen: Innerhalb der nächsten 5, 6 Stunden Autofahrt gab es nichts, aber auch absolut gar nichts – weder ein Restaurant, noch einen Laden, noch einen Convenience Store. Mit anderen Worten: Auf der Osumi-Halbinsel ist der Hund begraben. Aber mitten im nirgendwo steht eine grosse Anlage der JAXA, der japanischen Weltraumagentur, nebst Raketenabschußrampe. Und nach einer kurzen Anmeldung darf man sogar rein.

Uchinoura Space Center der JAXA
Uchinoura Space Center der JAXA

Kap Sata war schön – vor allem die Vegetation, die dort plötzlich ins tropisch-subtropische wechselt. Bis zum Leuchtturm kommt man zwar nicht, dafür aber zu einem Aussichtspunkt, von dem man die Bucht von Kagoshima, die Satsuma-Halbinsel (auf der anderen Seite der Bucht) sowie bei gutem Wetter Iojima, Yakushima, Tanegashima und ein paar weitere Inseln sehen kann.

Kap Sata
Kap Sata

Noch immer mit leerem Magen ging es auf der anderen Seite der fast menschenleeren Halbinsel gen Norden bis nach 根占 Nejime, wo ich gegen 16 Uhr dann doch auf den ersten Convenience Store seit dem Morgen traf. Das Timing war gut, denn die einzige Autofähre des Tages setzt 17 Uhr über. Die Überfahrt auf die andere Seite der Bucht nach Yamagawa dauert rund 60 Minuten, kostet 2’900 Yen und ist landschaftlich spektakulär – Wasser, Berge, darunter ein paar Vulkane — was will man mehr.

Von Yamagawa bis zur Kleinstadt 指宿 Ibusuki sind es nur 15 Minuten mit dem Auto. An der Pension angekommen, öffnet eine Chinesin mit Kleinkind auf dem Arm die Tür und sagt, ich solle ihr mit dem Auto folgen, sie fahre mit dem Fahrrad vor. Eine Minute später landen wir vor einem ziemlich alten, aber sehr sauber gehaltenen Wohnhaus: Das ist meine Herberge, und ich kann mir aussuchen, ob ich wie, wo und warum schlafen werde. Küche, Waschmaschine, Fahrrad — alles da und zur freien Verfügung, und das mitten im Zentrum von Ibusuki, keine 10 Minuten zu Fuss vom Hauptbahnhof entfernt.

Wirkt etwas ausgestorben: Zentrum von Ibusuki
Wirkt etwas ausgestorben: Zentrum von Ibusuki

Nachts geht es zu einem Ausflug in das zur Hälfte ausgestorbene Zentrum — im Vergleich zu Shibushi sieht es hier aber noch halbwegs gut aus. Und: Endlich essen. Nach dem Essen mache ich noch einen kleinen Abstecher in ein Kneipenrestaurant, das örtliche Spezialitäten anbietet, aber auch Sake. Selbiger wird in dieser Region übrigens nicht hergestellt, denn dazu ist es zu warm – der Sake würde einfach schlecht werden. Stattdessen gibt es hier die stärkere (meistens um die 25%ige) gebrannte Variante, den 焼酎 shōchu – in Kagoshima gern auch aus Süßkartoffeln gebrannt. Sushi und Sashimi gibt es auch, und ich unterhalte mich eine Weile mit dem Sushimeister. Eigentlich satt, bestelle ich drei Stück leicht mit dem Brenner traktierte (das nennt man 炙り aburi) Shimesaba-Sushi – eine Sushi-Art, diie ich seit jeher liebe. Und siehe da: Das war wahrscheinlich der beste Shimesaba, den ich je gegessen habe, und ich habe schon viel gegessen (Anmerkung: Shimesaba ist eine leicht in Essig marinierte Makrelenart). Als Extra legt er noch zwei Stück mit frischem カツオ katsuo – Bonito, sieht aus wie ein kleiner Thunfisch) dazu – erst am Morgen in der Gegend gefangen. Aha, so muss der also schmecken! Gibt es in Tokyo auch, aber selten fangfrisch und deshalb oft nicht komplett roh, sondern von allen Seiten ganz kurz angebraten serviert.

Leicht angebratenes Makrelensushi - ein Gedicht!
Leicht angebratenes Makrelensushi – ein Gedicht!

Am nächsten Morgen geht es frisch und fromm zum Fuss des 開聞岳 Kaimondake, der mit gut 920 m Höhe mit Abstand kleinste der “100 bekanntesten Berge Japans”. Warum er trotzdem zu den “Top 100” zählt, wird sofort klar: Er hat eine fast perfekte Kegelform und steht am Ende einer langen Halbinsel direkt am Wasser. Und er ist von oben bis unten grün. Natürlich kann man ihn besteigen, aber man beginnt fast bei Meeresspiegelhöhe. Bis zum Gipfel sind es so rund 4 km, bei einem Höhenunterschied von knapp 900 Metern. Kurz vor mir trafen ein halbes Dutzend Busse voller Schüler ein – ich ahnte Böses. Egal. Erstmal hoch. Keine 30 Minuten später, durch relativ dichten Wald, kam ich bereits an der 5. Station an. Bei den meisten japanischen Bergen unterteilt man selbige in zehn Stationen – und zwar oft nach der Zeit, die man braucht, den Berg zu besteigen. Braucht man also von unten bis oben 10 Stunden, so sollte man nach 6 Stunden an der 6. Station ankommen. Ergo: Nach nur weiteren 30 Minuten sollte ich eigentlich oben ankommen. Bald merkte ich aber, dass dieser Berg nach der Wegeslänge eingeteilt wurde: Alle 400 m eine Station. Doch je mehr man sich der Spitze nähert, desto steiler wird es – von der 5. Station bis zum Gipfel dauerte es eine ganze Stunde. Und die Spitze war gut besucht: Rund 20 Leute waren bereits oben, machten Kaffee oder Instantnudeln warm. Alle 5 Minuten riss die Wolkendecke auf und gab für ein paar Sekunden den Blick auf die Umgebung frei.

Der Kaimondake
Der Kaimondake

Ich machte mich, ohne etwas zu kochen, nach nur knapp 10 Minuten auf den Weg nach unten, denn ich musste bis 19 Uhr im rund 230 km entfernten Kumamoto sein. In der Nähe der 8. Station des durchgängig engen Weges traf ich zu allem Übel auf gut 230 Oberschüler — Insassen der oben erwähnten Busse. Das hiess also (fast) 230 Mal grüssen, ein paar mehr oder weniger dumme Kommentare hören und sich irgendwie an der Schlange vorbeischlängeln. Der Gipfel war aufgrund der dichten Vegetation bereits mit 20 Menschen schon voll — ich konnte mir nicht ausmalen, wie es dort oben mit 230 Leuten aussieht.

Wanderweg auf den Gipfel
Wanderweg auf den Gipfel

Zu allem Übel stellte ich auch noch schnell und schmerzhaft fest, dass der Kaimondake zu jenen Bergen zählt, bei denen der Aufstieg einfacher ist als der Abstieg: Der Boden ist nahezu durchgängig von fast runden, bröseligen Tuffstein bedeckt, auf dem man ganz flink ausrutscht. Um das zu bestätigen, habe ich mich auch zwei Mal mit Schmackes hingelegt, und der eigenen Gesundheit zuliebe hernach langsamer angehen lassen. Und so dauerte der Abstieg zwei Stunden, und ich sah aus, als ob ich einen Monat auf dem Berg gelebt hätte. Da half nur: Rein ins Auto, und ab in die nächstgelegene heiße Quelle zum Duschen, Baden und Umziehen. Und da es schon fast 15 Uhr ist, ging es – noch immer ohne etwas zu Essen, mit dem Auto zügig Richtung Norden. Meine Verabredung in Kumamoto mit guten Freunden, die ich schon fast 20 Jahre lang kenne, war 19 Uhr. Um 18:55 war ich da.

Die schöne Burg von Tomioka
Die schöne Burg von Tomioka

Am nächsten Tag sollte es endlich mal nach 天草 Amakusa gehen – einer Ansammlung kleinster bis ziemlich grosser Inseln westlich von Kumamoto. Bis zum Hauptort sind es gute 70 km Landstrasse, aber schon die Anfahrt ist grandios, denn es geht lange direkt am Meer entlang – mit ungetrübtem Blick auf den Unzen-Vulkan in der Nachbarpräfektur Nagasaki. Amakusa stellte ich mir lange als eine Ansammlung abgelegener Inseln mit wenig Leuten vor – das war falsch. Es ist ziemlich viel los auf den Inseln. Aber erstmal wollte ich nicht den gleichen Fehler wie an vorangegangenen Tagen machen – sondern richtig und zu einer halbwegs zivilen Zeit Mittag essen. Einer meiner Freunde, die ich am Vorabend traf, stammt von Amakusa und empfohl mir das Fischrestaurant とらや Toraya. In der Tat – es sieht urig aus, die Ware schwimmt fleissig im Fischtank vor sich hin, und es scheint in der Tat beliebt zu sein. Was ich dann aber für 2,500 yen (rund 20 Euro) als “Gehobenes Nigiri” (die günstigeren Sets kosteten 1,200 bzw. 1,800 yen) vorgesetzt bekam, war grausam: Riesige Auflagen zähen Fisches, den man kaum runterbekam. Die einzige “gehobenere” Sorte war Uni (Seeigel), und selbst der war nicht wirklich frisch. Schade eigentlich.

Die Kirche von Sakitsu auf Amakusa
Die Kirche von Sakitsu auf Amakusa

Weiter ging es zu einer kleinen Inselfahrt. Überrascht hat mich die Burg von Tomioka auf einer Halbinsel im Nordwesten der Hauptinsel – eine wunderschöne und sehr gepflegte Anlage. Weniger Glück hatte ich mit den beiden berühmten Kirchen im Süden der Hauptinsel. Die Gegend ist bekannt für japanische Christen, die sich nach dem Verbot ihrer Religion hier versteckten und den Glauben aufrecht zu halten versuchten. Die Kirche von Ōe wurde gerade restauriert – man sah rein gar nichts – und die Kirche von 崎津 Sakitsu entpuppte sich als Neubar aus dem Jahr 1936. Allerdings liegt die Kirche wunderbar an einer kleinen Bucht. Man wähnt sich (fast) in Norwegen.

Reiseroute
Reiseroute

1’200 Kilometer Südkyushu. Eine Gegend, die mich jedes Mal aufs Neue begeistert. Und es gibt trotz verschiedener Reisen in der Gegend noch sehr, sehr viel zu entdecken. Nächstes Mal ist aber erstmal wieder Nordkyushu dran – dort war ich schliesslich nur ein Mal unterwegs…

Mehr wie immer später auf diesen Seiten!

Schwerster Taifun seit 60 Jahren: Hagibis sorgt für Chaos

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Das Zentrum des Taifuns über Tokyo; Rot = 50mm und mehr Regen pro Stunden
Das Zentrum des Taifuns über Tokyo; Rot = 50mm und mehr Regen pro Stunden

Vor rund 4 Stunden, gegen 21 Uhr, verliess Taifun Hagibis die japanische Hauptstadt. Das Monster sorgte erst für schwere Regenfälle und Überschwemmungen in der Präfektur Mie, und zog danach entlang der Pazifikküste genau Richtung Tokyo. Gegen 19 Uhr trat der Sturm auf Land – bei der Izu-Halbinsel in der Präfektur Shizuoka, von wo er mit rund 30 Kilometer pro Stunde über Kanagawa hinweg gen Tokyo zog. Es folgten Saitama, Gunma, Fukushima und Miyagi.

Die Bilanz soweit:

• 2 Tote
• 9 Vermisste
• 36 Flüsse, die in insgesamt 10 Präfekturen über die Ufer traten
• Circa eine halbe Million Menschen ohne Strom
• Bis zu 1000mm (also 1 Meter) Regen innerhalb von 24 Stunden
• Mindestens zwei Dämme, die geöffnet werden mussten, um einen Bruch zu vermeiden

Man muss allerdings mit dramatischeren Zahlen rechnen, denn das wahre Ausmass wird erst morgen früh sichtbar werden.

Das Hauptaugenmerk liegt unter anderem auf dem Tamagawa, dem Tama-Fluss, der Tokyo von Kawasaki trennt. Man ist sich der Gefahr durch den Tama-Fluss bewusst und hat riesige Retentionsflächen geschaffen – an vielen Stellen gibt es bis zu 500 Meter zwischen den Deichen, obwohl der Fluss in normalen Zeiten nur ein paar dutzend Meter breit ist. Doch heute war es zu viel: Der Fluss trat nachts bei Musashi-Kosugi und Futako-Tamagawa, zwei extrem beliebte Wohngegenden, über die Ufer.

In Sachen Sicherheitsaufwand dürfte Hagibis alle Rekorde gebrochen haben: Alle Flüge wurden gestrichen, alle Bahnlinien stellten spätestens gegen Mittag den Verkehr ein. Autobahnen wurden gesperrt. So ziemlich alle Läden, auch die 24-Stunden-Convenience Stores wurden geschlossen. Es kam zu Hamsterkäufen – Brot und Wasser waren am 11. und 12. Oktober absolute Mangelware im Grossraum Tokyo. Die Hauptstadt kam komplett zum Stillstand. Auch medial wurde der Taifun zum Grossereignis: Alle Sender berichteten streckenweise nonstop nur über das Geschehen.

Das besondere an diesem Taifun war, dass vor dem Eintreffen des Zentrums bereits unglaubliche Mengen Regen fielen – in Tokyo rund 500 mm innerhalb von 24 Stunden, also so viel, wie in Berlin innerhalb eines Jahres fällt. Das Taifunzentrum gab vielen Flüssen danach den Rest. Hinzu kam, dass der Landfall mit der Flut einherging, was zu einer Springflut führte.

Und als ob das alles noch nicht reichen würde, gab es auch noch ein stärkeres, deutlich spürbares Erdbeben.

Als Geograph muss ich allerdings definitiv meinen Hut vor den japanischen Stadtplanern ziehen: Angesichts der Gewalt des Taifuns ist der Schaden verhältnismässig gering. Allerdings ist dies der zweite schwere Taifun, der in dieser Saison direkt auf Tokyo trifft. Das ist kein Zufall: Ein Taifun nährt sich von warmen Meerwasser, und die Meerestemperatur vor der japanischen Pazifikküste ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen.

Luftdruck im Zentrum des Taifuns: 955  mBar. Das ist wenig. Je niedriger, desto stärker ist der Taifun
Luftdruck im Zentrum des Taifuns: 955 mBar. Das ist wenig. Je niedriger, desto stärker ist der Taifun

Taifun Hagibis meets Tokyo | Unreife Lehrer schlimmer als Zöglinge

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Eigentlich war der Plan, am Sonnabend, dem 12. Oktober, nach Kumamoto zu fliegen – mit Familie. Dort stehen gewisse Zeremonien an. Da die Kinder bis späestens Mittwoch wieder in der Schule sein müssen, sollte es eine kurze Reise sein – drei Tage und vier Nächte. Wäre da nicht Taifun Hagibis, der mit nunmehr nahezu hundertprozentiger Sicherheit direkt auf Tokyo treffen wird – und zwar am späten Nachmittag des 12. Oktober. Die potentielle Gefahr des enorm starken Taifuns hat bereits ANA und ein paar andere Airlines dazu bewogen, alle, aber auch wirklich alle Flüge am Sonnabend zu streichen. Man kann zudem davon ausgehen, dass auch Züge, inklusive Shinkansen, nicht fahren werden. Tokyo wird am Sonnabend dicht gemacht. Da bleibt nur die bange Frage, ob am folgenden Tag bereits einiges fahren oder fliegen kann. Und wie es nun mal so ist, erreicht man bei der Fluggesellschaft Niemanden, und auch der Flugticketverkäufer ist zur Zeit ratlos. Es wird chaotisch. Noch mehr Sorgen dürften allerdings die Bewohner von Chiba haben – der Süden der Präfektur hat sich noch lange nicht von den Folgen des Taifuns, der vor einem Monat durchzog und dabei einen nicht unwesentlichen Teil der Infrastruktur zerstörte, erholt – viele Häuser sind deshalb noch immer ohne Dach und nur provisorisch mit blauen Planen abgedeckt. Da kann man nur hoffen, dass es nicht so dicke kommt, wie es momentan aussieht.


Momentan beherrscht noch ein weiteres Thema die japanischen Nachrichten. Der Fall ist eigentlich zu unglaublich um wahr zu sein: Die Familie eines unter 30-jährigen, männlichen Grundschullehrers machte öffentlich, dass der Lehrer von vier seiner Kollegen schikaniert wird. Und das nach bester japanischer Schulmanier – zum Mobbing gehörten Sachen wie Curry auf dem nackten Leib schmieren, Chilisauce in seine Augen zu tropfen, aber auch Sachen wie den Lehrer dazu zu zwingen, anstößige Nachrichten an andere Kollegen zu schicken. Zudem wurde der Lehrer auch verbal stark eingeschüchtert, um sicher zu gehen, dass er keine Anzeige erstattet. Seiner Familie gegenüber war er zum Glück aufgeschlossen, weshalb die Sache nun ans Licht kam. Nun meldeten sich drei weitere Opfer der Viererbande zu Wort – auch sie berichteten von Schikanen. Und da kommt immer mehr ans Licht: Die Anführerin der Gruppe ist eine erfahrene Lehrerin. Die Schikanen wurden teilweise mit Video aufgenommen, um so die Opfer mit der Drohung einer Veröffentlichung der Videos einzuschüchtern. Und die Lehrer beteiligten sogar Schüler an den Schikanen, indem sie die Grundschüler aufriefen, den Unterricht ganz bewusst zu sabotieren.

Sicher, Lehrer sind auch nur Menschen, und Mobbing unter Lehrern ist bestimmt kein rein japanisches Problem. Doch gerade Japan sollte in Sachen Schikane unter Schülern beonders sensibilisiert sein, schliesslich bringen sich hier jedes Jahr mehrere Kinder um, da sie die Schikane nicht mehr aushalten. Dies dürfte die richtige Zeit in Japan sein, laut über die Berufsqualifikationen und Eignungstests von Lehrern nachzudenken, denn irgendwas läuft da grundlegend verkehrt.

11. Bloggergipfel in Tokyo

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Eigentlich hatte ich schon ernsthaft überlegt, es nach dem 10. Bloggergipfel sein zu lassen. Da es aber nun aber bereits erste Anfragen gab, ringe ich mich noch einmal durch. In diesem Sinne: Das Jahresende naht, und deshalb ist es mal wieder Zeit für ein neues Bloggertreffen! Der Name “Bloggergipfel” soll dabei niemanden abschrecken – gerne sind auch Blogvoyeure eingeladen.

Wie jedes Jahr geht es um unbeschwertes Zusammensein und darum, neue Leute kennenzulernen oder alte Freunde wiederzusehen. Nichtblogger sind genauso eingeladen wie Japaner und/oder japanische Partner. Allein teilzunehmen ist auch kein Problem.

Wer Interesse hat – bitte einfach den kurzen Fragebogen ausfüllen! Sobald sich ein Datum herauskristallisiert hat, werde ich mich bei allen melden und das ganze womöglich wie letztes Jahr als Facebook-Event managen.

Und noch eine Bitte: Bitte teilt den Aufruf, soweit möglich – es gibt mit Sicherheit einige Interessierte, die hier nicht täglich vorbeischauen, und neue Gesichter sind immer willkommen!

Kaiser begnadigt über eine halbe Million Straftäter

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Am 22. Oktober ist es soweit: Der neue Kaiser nimmt Platz auf dem Chrysanthementhron und beginnt so ganz offiziell die Reiwa-Ära. Da das nicht häufig vorkommt und ein Grund zum Feiern ist, wurde besagter Tag natürlich zum Staatsfeiertag erklärt. Und nicht nur das: Seit jeher ist es, nicht nur in Japan, Brauch, das ganze mit einer Amnestie abzurunden. Da will man auch dieses mal keine Ausnahme machen – in den folgenden Tagen wird die Regierung einen Erlass unterzeichnen, nach dem schätzungsweise 500’000 bis 600’000 Straftäter begnadigt werden¹. Das klingt nach viel, immerhin sind das fast 0.5% der Gesamtbevölkerung, doch wenn man genauer hinschaut, entpuppt sich das ganze a) als heiße Luft und b) als interessanter Einblick auf das japanische Rechtssystem. Wer nun meint, dass sich die Gefängnistore öffnen werden, irrt, denn die Begnadigung ist an gewisse Bedingungen geknüpft:

1. Es darf sich nicht um schwere Straftaten gehandelt haben
2. Die Begnadigung betrifft nicht Straftäter, die mit Freiheitsentzug bestraft wurden
3. Die Straftat muss mehr als drei Jahre zurückliegen.
4. Es darf keine Vorstrafe vorliegen

Mit anderen Worten – nur die werden begnadigt, die quasi wegen diverser Vergehen zu Geldstrafen verurteilt wurden. Was soll dann also die Begnadigung? Nun, wer wegen eines Deliktes verurteilt wurde, darf für 5 Jahr nicht an staatlich anerkannten Prüfungen, zum Beispiel im Rahmen einer Berufsaus- oder weiterbildung, teilnehmen. Von der Amnestie profitieren in dem Sinne eigentlich nur die, die genau das im Zeitraum von 3 bis 5 Jahren nach der Straftat vorhatten. Immerhin bedeutet das aber auch, dass jegliche Einträge über den Straftäter gelöscht werden sollen – wie eingangs erwähnt sind jedoch Vorstrafen (前科 zenka) davon ausgeschlossen.

Nun klingt eine halbe Million wirklich nach sehr viel – doch das ist nichts im Vergleich zum Vorgänger: Nach dem Ableben des Showa-Tenno 1989 wurden rund 10 Millionen (!) Menschen begnadigt²; ein Jahr darauf, bei der Inthronisierung des Heisei-Tenno, noch einmal 2,5 Millionen Menschen. Und da beliess man es auch nicht bei leichten Strafen – man milderte auch die Strafen von vielen Gefängnisinsassen ab (die Aussetzung von Todesurteilen, wie früher ebenfalls üblich, fand allerdings 1989/90 nicht statt). Diese relativ harmlose Amnestie entspricht sicher dem Zeitgeist. Amnestien machen Sinn in Systemen mit willkürlicher Gewalt gegenüber den Staatsbürgern. In einer Demokratie mit einem geordneten Rechtssystem wirkt eine Amnestie eher wie ein Anachronismus, und gerecht ist das ganze schon gar nicht. Wer vor 3 Jahren und einem Tag verurteilt wurde, wird begnadigt – wer vor knapp 3 Jahren verurteilt wurde nicht. Das klingt nach Ungerechtigkeit.


¹ Siehe hier
² Siehe hier

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