Indoktrinierung mit Hotellektüre: APA-Hotels

Januar 19th, 2017 | Tagged | 3 Kommentare | 170 mal gelesen

Rechter Mist: Erhältlich in allen APA-Hotels

Rechter Mist: Erhältlich in allen APA-Hotels

In den letzten Jahren sprossen sie wie Pilze aus dem Tokyoter Boden: APA-Hotels. Wenn irgendwo im unmittelbaren Stadtzentrum, vor allem aber in der Region um die Ginza, auch nur ein 200 Quadratmeter großes Grundstück frei wurde, stand wenig später ein sehr schmales, aber 8 oder mehr Etagen hohes APA-Hotel drauf. APA-Hotels sind klassische Business-Hotels, mit winzigen, aber bezahlbaren Zimmern. APA steht übrigens für „Always Pleasant Amenity“.  Im September 2016 gab es bereits 413 APA-Hotels (man findet sie auch in der Provinz) mit insgesamt fast 70’000 Betten.

Gegründet und geleitet wird das APA-Imperium (dazu zählen nicht nur die Hotels, sondern auch Luxuswohnungen und Resorts) von Toshio Motoya 元谷外志雄, einem erzkonservativ-reaktionärem Schriftsteller, der unter dem Namen Seiji Fuji publiziert. Seine Frau wiederum ist Geschäftsführerin und Aushängeschild der Hotelsparte. In allen Hotelzimmern und Lobbys der APA-Hotels in Japan nun findet man ein kleines schwarzes Buch mit dem Titel 本当の日本の歴史 (hontō no nihon no rekishi) – „Die wahre Geschichte Japans“  – und es gibt sogar eine englische Übersetzung: „The Real History of Japan“. Allerdings mit dem Zusatz versehen „Theoretical Modern History II“. Was schon aufhorchen lässt, denn einerseits wird das Buch als „theoretische Geschichte“ bezeichnet, andererseits deklariert der Autor, dass es sich hier um die „wahre Geschichte“ handelt.

Laut Motoya aka Fuji sieht die Wahrheit unter anderem so aus:

The false Nanking Massacre has been inscribed on the International Memory of the Word Register despite Japan’s objections.

Ein Nanking-Massaker-Leugner also. Und nicht nur das – das gesamte Buch ist ein Sammelsurium rechtsextremen Gedankenguts, beim Lesen derer sich einem die Fußnägel kräuseln. Aus gutem Grund gibt es keine chinesische Übersetzung, doch da es auch Chinesen gibt, die Englisch oder gar Japanisch verstehen. Kat und Sid, eine Amerikanerin und eine Chinesin, haben der Hotelkette deshalb auf der chinesischen Plattform Weibo ein Video  gewidmet, und das hat enormen Anklang gefunden: Über 90 Millionen mal wurde das Video bisher gesehen. Die Chinesen sind nicht amüsiert: Man fordert zum Boykott der Hotelkette auf. Zu recht, wie ich finde, denn das ist eine besonders perfide Art der Indoktrinierung. Sicher ist es das Recht der Hotelbesitzer, dieses schwachsinnige Buch auszulegen – es ist aber auch das Recht der Japanbesucher, vor allem der chinesischen, zum Boykott aufzurufen.

Wer mehr über das Buch erfahren will, inklusive zahlreicher Zitate – bei Buzzfeed gibt es einen längeren Artikel auf Englisch und Japanisch.

 

 

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Premium-Freitag

Januar 16th, 2017 | Tagged | 3 Kommentare | 340 mal gelesen

Ganz tolles Ding: Der Premium Friday

Ganz tolles Ding: Der Premium Friday

Überstunden bis der Arzt kommt. Oder wieder geht. Noch immer ist das leider Alltag in Japan – wider aller Bemühungen, Firmen und Ämtern zu erklären, dass (zu viele) Überstunden weder dem Arbeitgeber noch dem Arbeitnehmer gutes tun. Beide Seiten verlieren, wenn die Angestellten zu viel arbeiten. Und so gibt es immer mal wieder neue Ideen, wie man das Problem lösen könnte. Vor ein paar Jahren zum Beispiel tauchte das Wort ノー残業デー No zangyō day auf – der „überstundenfreie Tag“. Als in meiner Firma damals noch viele Japaner arbeiteten, führten wir auch einen überstundenfreien Tag ein – jeweils am Mittwoch sollte es Punkt 7 („定時“ – teiji, „zur regulären Zeit) nach Hause gehen. Die Angestellten schafften es exakt eine Woche lang, sich daran zu halten.

Nun geistern wieder diverse karōshi-Fälle durch die Presse, also wird es mal wieder Zeit, etwas Aktionismus zu zeigen. So tauchen zum Beispiel die ersten Firmen auf, die ihren Angestellten Geld bezahlen, wenn sie sich mit Überstunden zusammenreißen (in einem konkreten Fall war davon die Rede, Angestellten 10’000 Yen (rund 80 Euro) pro Monat zu bezahlen, wenn sie weniger als 30 Stunden Überarbeit pro Monat leisten). Immerhin besser als das, was manche Firmen machen: Für eine Pauschale von 10’000 Yen pro Monat 25 oder mehr Überstunden verlangen.

Ende vergangenen Jahres nun entwarf das Wirtschaftsministerium eine neue Kampagne: Man propagiert nun den プレミアムフライデー Premium Friday. Firmen sollen demzufolge ihre Angestellten am letzten Freitag des Monats um 15 Uhr nach Hause schicken. Die Idee: Die Angestellten sollen sich dann um ihre Familien kümmern können. Oder einkaufen gehen – um die Wirtschaft anzukurbeln. Oder was auch immer. Wie üblich hat man aus diesem Grunde auch eine nagelneue Webseite ins Leben gerufen. Wesentlicher Bestandteil dieser Webseite ist es, den Besuchern zu erklären, was sie tun müssen, um das tolle Logo benutzen zu dürfen. Sicher sind bei der Erstellung des Logos, der Webseite und der Erklärungen zum rechtmäßigen Benutzens des Logos zahllose Überstunden draufgegangen, weil man während der vielen Meetings zur Vorbereitung in der regelmäßigen Arbeitszeit nicht zu Potte kam.

Ob das was bringt? Ein paar Firmen werden da vielleicht mitmachen. Aber was würde es schon bringen, wenn sich zum Beispiel ein Drittel aller Firmen im Raum Tokyo daran halten würde? Alle Geschäfte, Kinos, Restaurants und dergleichen würden brechend voll sein. Schöne Erholung! Anstatt also solche albernen Aktionen ins Leben zu rufen, sollte man lieber die Energie darauf verwenden, striktere Regeln für Firmen in Sachen Überstunden einzuführen – beziehungsweise die eigentlich schon bestehenden Regeln durchzusetzen.

 

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Das traurige (?) Ende der Yakuza

Januar 11th, 2017 | Tagged , | 2 Kommentare | 495 mal gelesen

Vorgestern lief in einem kleinen japanischen Spartensender (東海テレビ Tōkai Terebi) eine interessante Dokumentation über den Kampf der Yakuza mit der japanischen Verfassung. Der japanische Titel lautet „ヤクザと憲法“ – Yakuza to Kempō (Yakuza und die Verfassung). Wie ich später herausfand, wurde die Doku von VICE gedreht, und VICE ist bekannt für seine Vorliebe für japanische Yakuza (es gibt dazu dutzende Dokus auf YouTube). Doch diese Dokumentation war etwas anders als die anderen. Hier wurde man nicht in die schillernde Welt der Yakuza mit all ihren Tattoos, Ehrbezeugungen, seltsam anmutenden Ritualen und dergleichen eingeführt, sondern man erlebte auf bedrückende Weise, was es bedeutet, dieser Tage ein Mitglied der Yakuza in Japan zu sein.

Vor 26 Jahren wurde in Japan ein Gesetz mit dem klangvollen Namen 暴力団員による不当な行為の防止等に関する法律 – „Gesetz zur Vermeidung unerlaubter Handlungen durch Mitglieder von gewalttätigen Banden“ erlassen. Hinzu kommen noch einige andere Gesetze und Richtlinien sowie unzählige Initiativen. Immobilienmakler, Banken, Bildungseinrichtungen, Firmen – ja, selbst Hotels, Restaurants, Bestattungsunternehmen und dergleichen müssen sich seitdem dazu verpflichten, die Kundschaft nach einer möglichen Zugehörigkeit zu einer 指定暴力団 – shitei bōryokudan – als gewalttätig eingestuften Gruppierung (so das Neusprech für Yakuza) zu durchleuchten. So muss man zum Beispiel beim Eröffnen eines Bankkontos oder beim Anmieten von Räumlichkeiten versprechen, dass man eben nicht zu einer solchen Gruppierung zählt. Wer das nicht verspricht, bekommt weder ein Konto, noch eine Wohnung. Stellt sich im Nachhinein jedoch heraus, dass man gelogen hat, wird man wegen Betrugs vor Gericht gestellt.

Filmausschnitt 'Yakuza und die Verfassung' (Quelle: Tokai TV)

Filmausschnitt ‚Yakuza und die Verfassung‘ (Quelle: Tokai TV)

Das ganze geht noch weiter: Yakuza-Kinder bekommen keinen Kindergartenplatz. Bestattungsunternehmer akzeptieren keine Bestattung von Gangmitgliedern. Finanzen kann man nur noch mit Bargeld regeln. Selbst das Wahlrecht wird bekannten Yakuza entzogen. Das jedoch steht im Widerspruch mit Artikel 14 Absatz 1 der japanischen Verfassung:

Alle Staatsbürger sind vor dem Gesetz gleich, es gibt keine unterschiedliche Behandlung in politischer, wirtschaftlicher oder sozialer Beziehung aus Gründen der Rasse, des Glaubens, des Geschlechts, der sozialen Stellung oder Herkunft.

So lautet zumindest die Meinung der Yakuza und ihrer Anwälte. Bei einigen Punkten lässt sich sicherlich streiten – das Eröffnen eines Bankkontos zum Beispiel ist meines Wissens nach kein gesetzlich garantiertes Grundrecht. Doch Kindern den Zugang zum Kindergarten zu verwehren ist etwas anderes. Zumal es in Japan nicht damit getan ist, den Yakuza abzuschwören: Es gibt zwar Aussteigerprogramme, aber selbst Jahre nach dem Ausstieg ist es für Bandenmitglieder nahezu unmöglich, einem geregelten Leben nachzugehen.

Der Staat macht so Täter zu Opfer. Den meisten Japanern ist das nur recht: Die Mehrheit möchte die Yakuza verschwinden sehen, denn wie man es auch dreht und wendet – es handelt sich um organisiertes Verbrechen. Allerdings muss es auch Aufgabe des Staates sein, Aussteigern, und die gibt es durchaus, auch eine Chance zu geben. Denn das wird bei dem jungen Mann, den VICE dort begleitete, deutlich: Er erklärte, offensichtlich verzweifelt, dass er auf keinen Fall die Yakuza verlassen werde, denn das, was ihn außerhalb der Organisation erwartet, ist keinen Deut besser.

Eine deutsche oder englische Version der Doku habe ich leider noch nicht finden können, aber die japanische Version, inklusive Erklärung gibt es hier. Wer eine deutsche oder englische Version findet, bitte hier posten!

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Geschichten aus der Mongolei – Teil 3

Januar 7th, 2017 | Tagged , | 4 Kommentare | 532 mal gelesen

Dies ist der dritte und gleichzeitig letzte Teil des Mongolei-Reiseberichtes. Ab dem nächsten Beitrag wird sich wieder alles um Japan drehen. Teil 1 dieses Berichtes befindet sich hier, der zweite Teil hier.

Verabredet war, dass mich der Guide um 8:30 vom Hotel abholt. Vorher musste ich allerdings auschecken, und da hatte ich wirklich Glück, denn ich hatte das Hotel vom 25. bis zum 29. Dezember gebucht – dabei bin ich jedoch bis zum 30. Dezember in der Stadt, und werde nun am 28. Dezember außerhalb übernachten. Das Umbuchen war für das Hotelpersonal überhaupt kein Problem, was allerdings auch daran liegen könnte, dass im Winter kaum Gäste im Hotel übernachten. Ein flüchtiger Blick auf die Frühstücksliste offenbarte, dass es neben mir rund 5 andere Hotelgäste gibt — und das Hotel hat mehrere dutzende Zimmer auf jeder der 5 Etagen.

Kaum habe ich ausgecheckt – so gegen 8:10 – tippt mir jemand auf die Schulter. Hinter mir steht eine rund 35-jährige Frau mit breitem Lächeln und voller Wintermontur und fragt mich, ob ich der bin der ich bin. Bin ich. Und das ist also der Guide. Eine zierliche Mongolin mit deutlich amerikanischem Akzent. Wir machen uns kurz bekannt, und dann geht es zum 6-sitzigen Off-Roader, der vor dem Hotel wartet. Der Fahrer ist ein verschmitzt dreinschauender, rund 50 Jahre alter Mongole, der offensichtlich nicht viel Englisch spricht. Und schon geht es los. Bayaraa, die Führerin, setzt sich neben mich in die zweite Reihe und erklärt munter drauf los. Sie macht das schon lange, aber normalerweise nur im Sommer, da sie im Winter eigentlich selbst auf Achse ist. Und ich merke schnell, dass ich in Sachen Ulan Bator dank des Fahrers vom Vortag schon relativ gut informiert bin. Aber so kann ich dank ihrer sehr guten Englischkenntnisse noch hier und da etwas nachhaken. In einem kurzen Moment der Stille wird mir erstmal bewusst, wie viel Luxus ich gerade im Begriff bin zu genießen. Ich habe Fahrer, Fahrzeug und Führer ganz für mich allein, für zwei volle Tage. Der Spaß kostet mich 450 US-Dollar (darin ist alles, aber auch wirklich alles für die kommenden zwei Tage enthalten – so gesehen ist das kein zu hoher Preis, wenn man den Aufwand bedenkt). Wäre ich mit noch jemandem unterwegs, hätte es mich 330 Dollar gekostet, zu dritt dann noch weniger und so weiter – logisch, denn man würde sich ja alles teilen.

Wir brausen erstmal gen Osten, entlang der transmongolischen Eisenbahntrasse, nach Налайх (Nalaich) – einer Kohlestadt und eines der 9 Distrikte der Hauptstadt. Das etwa 30’000-Einwohner-Städtchen wäre gern unabhängig von der Hauptstadt, um die Stadt selbst verwalten zu können, aber den Gefallen tut ihr die Stadtverwaltung von Ulan Bator nicht. Der Ort ist übrigens berühmt-berüchtigt für illegalen Kohleabbau – und damit einhergehend für eine enorm hohe Anzahl tödlicher Grubenunglücke — mehr dazu siehe hier.

Blick auf das Kohlestädtchen Nalaich

Blick auf das Kohlestädtchen Nalaich

In den Ort selbst fahren wir allerdings nicht – wir biegen kurz davor ab gen Norden. Und wir fahren an einem interessanten Friedhof vorbei – die Hälfte des Friedhofes ist ganz „dünn besiedelt“, die andere ganz dicht. Des Rätsels Lösung: In der dicht besiedelten Sektion liegen ethnische Kasachen – Muslime – begraben, und die bestatten eben anders. Die Nomaden in der Mongolei bevorzugen übrigens auch heute noch die sogenannte Himmelsbestattung: Der Leichnam wird nach einer Zeremonie unter freiem Himmel zurückgelassen. Kümmern sich Geier um den Kadaver (und in der Mongolei gibt es zum Beispiel beeindruckend große Mönchsgeier), dann fährt die Seele gen Himmel. Kümmern sich jedoch Wölfe oder Hunde um den toten Körper, geht es direkt in die Hölle. Das Leben nach dem Tod ist in der Mongolei ein Lotteriespiel.

Oboo am Eingang zum Nationalpark

Oboo am Eingang zum Nationalpark

Nur wenige Kilometer später geht die Straße bergauf und führt direkt in den Горхи-Тэрэлж БЦГ (Gorchi-Tereldsch-Nationalpark) – einem 1993 gegründeten Nationalpark, der im Norden an den Khan Khentii-Nationalpark grenzt – hinter jenem liegt dann bereits die russische Grenze. Am Eingang zum Nationalpark gibt es einen Pass, der zwar nicht sehr hoch liegt, aber es ist trotzdem wesentlich kälter hier. Wie kalt weiss ich leider nicht, denn das Thermometer des Autos für die Außentemperatur misst nur bis -30 Grad – darunter wird ein Fehler angezeigt. Direkt an dem Pass steigen wir aus und laufen zu dem Oboo am Wegesrand – einem großen Steinhaufen, wie es sie zum Beispiel auch in Tibet gibt. Wer auf eine Reise mit gutem Ausgang hofft, soll hier einen Stein ablegen und drei Mal um den Haufen laufen. Leicht gesagt, denn bei dem Schnee findet man nicht ohne weiteres Steine. Es gibt aber auch eine andere Geschichte zu den Oboo: Angeblich legten Soldaten auf dem Weg in den Krieg einen Stein nieder, und nahmen einen Stein mit, wenn sie zurückkehrten. An der Menge der zurückgebliebenen Steine konnte man damit erkennen, wie viele Menschen nicht aus dem Krieg zurückkamen. Schaurig. Auf dem Oboo am Eingang zum Nationalpark lagen außerdem ein paar Opfergaben sowie drei Hunde, die auf Almosen warteten – und von der Führerin, die sich hier natürlich auskennt, auch bekamen.

Der Schildkrötenfelsen im Terelj-Nationalpark

Der Schildkrötenfelsen im Terelj-Nationalpark

Wir steigen wieder ein und fahren talwärts. Nach nicht allzu langer Zeit taucht vor uns ein gewaltiges Granitgebilde auf – der Мэлхий хад (Schildkrötenfelsen), ein rund 15 Meter großes Granitmassiv, das in der Tat eindeutig an eine Schildkröte erinnert. Zumindest, wenn man aus dieser Richtung kommt. Man kann übrigens bis auf den Hals der Schildkröte klettern, aber wenn man den ganzen Weg gehen will, sollte man nicht zu üppig gefrühstückt haben, denn am Ende der Strecke gibt es eine sehr enge Passage, durch die normal große Personen nur unter akrobatischen Verrenkungen durchkriechen können.
Die kurze Kletterei tat jedenfalls gut – Bewegung ist immer gut gegen Kälte. Immerhin ist hier die Luft wesentlich klarer als in und um Ulan Bator, und der Frostnebel lüftet sich auch gerade, so dass man die Umgebung immer besser sehen kann.

Hin und wieder unterhalten sich die Führerin und der Fahrer auf mongolisch. Logisch. Mongolisch schreibt man (fast immer) mit kyrillischen Buchstaben – aber es gibt zwei Buchstaben, die man hinzufügen musste: „Ө“ (in etwa: „ö“) und „Y“ (in etwa: „ü“). Das bedeutet also, dass ich Mongolisch „lesen“ kann. Meine Russischkenntnisse sind zwar eingerostet, aber noch gut genug, um schnell bestätigen zu können, dass Mongolisch außer der Schrift so gut wie nichts mit dem Russischen gemein hat. Kein Wunder – Mongolisch gehört zu einer völlig anderen Sprachfamilie (und zwar zur Uralo-Altaischen – also der Sprachfamilie, zu der auch Koreanisch, Japanisch, Ungarisch, Finnisch usw. gehören). Aus historischen Gründen gibt es allerdings ein paar russische Lehnwörter, wobei man häufig im Mongolischen den letzten Buchstaben weglässt: „Apteka“ (Apotheke) ist also „Aptek“ im Mongolischen, „fabrika“ ist „fabrik“, „maschina“ (Auto) ist „maschin“ und dergleichen. Es sind allerdings nicht genug Lehnwörter, um mal eben so drauflos zu raten. Mongolisch klingt jedenfalls ziemlich „hart“ – mit vielen Frikativlauten (wie das phonetische [x], also das „ch“ in „Bach“).

Meditationstempel. Mit Hund.

Meditationstempel. Mit Hund.



Wir fahren ein bisschen weiter und kommen an einem sogenannten Meditationstempel an, den man nach 5 Minuten Treppen steigen und einer Hängebrücke erreicht. Das besondere an diesem Bauwerk: Es sieht sehr alt aus, ist es aber nicht – man hat den ganzen Tempel mit sehr viel Liebe zum Detail vor rund 15 Jahren wiederauferstehen lassen. Die Mongolei bis Ende der 1920er ein klerikaler Staat mit sehr engen Verbindungen zu Tibet. Buddhistische Mönche hatten das Sagen. Die klügsten und oder besten Männer wurden zu buddhistischen Mönchen ausgebildet und, da einem Zölibat unterliegend, quasi dem mongolischen Genpool entzogen. Medizinische Versorgung gab es nicht, und damit war die Kindersterblichkeit extrem hoch und die Lebenserwartung gering. Lag ein Kind im Sterben, sagten die Mönche ihre Sprüche auf, und wenn das Kind tot war, war es eben der Wille der Götter. Doch dann erstarkten die Kommunisten, und die Bolschewiken aus dem Norden verwandelten die Mongolei in den 1930ern in das zweite sozialistische Land auf der Welt. Auf der Strecke blieben zehntausende hingemetzelte Mönche und tausende zerstörte Tempel und Klöster. Doch der Sozialismus bescherte dem Land feste Straßen, eine Eisenbahnlinie, ein Schulwesen, ein Gesundheitswesen, moderne Fabriken, Elektrizität und so weiter. Das Fazit der Führerin: Wären die Russen nicht gewesen, wären die Mongolen wahrscheinlich schon ausgestorben. Und das habe ich bei allen Mongolen, die ich während der kurzen Reise feststellen können: Man liebt die Nachbarn im Norden. Und man hasst die Nachbarn im Süden. Basta. Die meisten Sachen werden zwar dennoch aus China importiert, aber nur deshalb, weil dort alles billiger zu haben ist.

Das mit dem Buddhismus, Schamanismus und dergleichen ist dabei eine spannende Angelegenheit. Ich frage die Führerin irgendwann, ob denn alle mongolische Namen eine Bedeutung hätten. Scheinbar ja, obwohl es durchaus auch etliche tibetanische, russische und andere Namen gibt. Eine alte Praxis scheint man jedoch allmählich einzustellen: Wenn zum Beispiel früher ein Kind sehr jung oder bei der Geburt verstorben war, gab man dem nächsten Kind einen sehr abstoßenden Namen (als Beispiel fiel das Wort „Schlampe“), um die bösen Geister von dem Kind abzulenken. Ob das denn nicht in der Schule für Probleme sorgte, wollte ich daraufhin wissen – und ja, natürlich hatten diese Kinder an solchen Namen schwer zu knabbern.

"Minimarkt" in Terelj

„Minimarkt“ in Terelj

Nach fast einer Stunde am Tempel geht es weiter. Überall sieht man Ger-Camps (die Bezeichnung „Jurten-Hotel“ passt da wohl am ehesten) sowie mehr oder weniger fertig gebaute Hotels. Terelj ist dank der Nähe zur Hauptstadt die touristischste Ecke weit und breit. Die Sommerfrische. Im Winter menschenleer. Wie sich all die neuen Bauten mit dem Nationalparkkonzept vertragen, weiss ich allerdings nicht. Bald kommen wir im Dörfchen Terelj selbst an – sehr malerisch gelegen an einem Flüsschen, nebst Luxushotel, Golfanlage und… einem blitzblanken Dorfladen nebst gelangweilter Verkäuferin. Den wir aber gleich wieder verlassen. Gleich am Dorf gibt es eine Furt, über die man im Sommer nur sehr schwer kommt, aber jetzt ist Winter und der Fluss ist vollkommen zugefroren. Danach geht es durch ein kleines Wäldchen – auf einem Weg, den man ohne Offroader auf gar keinen Fall passieren kann. Das mit den Bäumen hier ist ganz einfach: Prinzipiell gibt es in der Gegend nur sehr wenige, da es einfach zu wenig Niederschlag gibt. Auf einigen Bergen und entlang der Flüsse findet man jedoch welche. Wir verlassen aber bald den Fluss und fahren entlang einer durch den Schnee blendend weißen Hügelkette, bis wir irgendwann in ein kleines Tal einbiegen. Alle 500 Meter bis 1’000 Meter sieht man eins, zwei Jurten nebst Umzäunung. An der zweiten Jurte im Tal halten wir — unser Ziel. Ein Karree, mit drei Jurten auf der linken Seite und Bretterverschläge für das Viehzeug. Wir parken das Auto und betreten die rechte Jurte.

Die Gästejurte

Die Gästejurte

In der selbigen ist es bullig warm. Von einem mit Folie bespannten Loch in der Mitte dringt Tageslicht herein. In der Mitte stehen die beiden Hauptstreben der Jurte, und davor steht der Ofen, der gleichzeitig als Herd benutzt wird. Es gibt drei Betten, zwei kleine, farbenfrohe Schränke, einen Teppich an der Wand. Rechterhand sitzen drei kräftig genährte Frauen und schwatzen. Gegenüber der kleinen Eingangstür sitzt der Hausherr, ein hochgewachsener und sehr freundlich dreinschauender Mann. Wir werden einander vorgestellt und an den winzigen Tisch mit den Campingstühlen gebeten. Der Hausherr spricht sogar ein wenig Englisch. Erstmal gibt es eine Tasse des bereits bekannten сүүтэй цай (Suutei Tsai) – leicht gesalzener Milchtee, wobei die Milch eindeutig dominiert. DAS Getränk in der Mongolei. Die Frauen sind dabei, Бууз (Buuz) zu machen: Teigtaschen mit Fleischfüllung. Auch die habe ich schon in der Hauptstadt kennen- und schätzengelernt. Ich bin schon immer ein Riesenfan von chinesischen Xiǎolóngbāo gewesen, weshalb ich mich gerade im Paradies wähne: Mit einem kleinen Nudelholz werden runde Teigfladen gerollt, in die kommt dann ein Löffel frisches Fleisch, dann werden die Teigtaschen oben zusammengezwirbelt. Beim Dünsten bildet sich dann etwas Brühe in den Teigtaschen, die dann beim Essen langsam in den Mund strömt. Ein Gedicht.

Trinkwasservorrat (kommt vom Fluss)

Trinkwasservorrat (kommt vom Fluss)

Wir unterhalten uns ein wenig beim Essen. Irgendwann kommen wir auf das Thema Wölfe zu sprechen, da die in der Mongolei für die Nomaden eine rechte Plage sind. Ich frage, ob es hier auch Wölfe gibt (teilweise aus Eigeninteresse, denn die „Toilette“, ein Bretterverschlag mit Loch im Boden, halbem Dach und ohne Tür steht rund 50 Meter von den Jurten entfernt). Der Mann bejaht das, wird jedoch plötzlich ganz ernst und weist mich daraufhin, dass man beim Essen nicht über Wölfe spricht. Nun gut, dass muss man erstmal wissen. Nach dem Essen verabschiedet sich der Mann — er muss seine Tochter aus der 50 Kilometer entfernten Schule abholen, da ab morgen Ferien sind.

Die Führerin weist mir die mittlere, blitzsaubere Jurte zu. Da soll ich schlafen. Es gibt drei Betten, einen Ofen sowie eine Kiste der Reisefirma mit ein paar Büchern und anderen Sachen. Fahrer und Führerin werden in der linken Jurte übernachten. Die beiden benehmen sich dabei wie zu Hause, aber auch das werde ich noch merken: Das ist normal. Jurten werden nicht abgeschlossen, die Leute kommen und gehen – und alle benehmen sich wie zu Hause. Ganz normal.

Schnee und Eis. Unten: Gehöfte von vier Familien

Schnee und Eis. Unten: Gehöfte von vier Familien

Es ist jetzt 14 Uhr am Nachmittag. Ich hätte jetzt mit einem Pferd reiten können, aber das habe ich beim Gespräch mit der Reiseagentur abgewählt. Sicher, das macht auf jeden Fall Spaß. Aber meine Schuhe und Handschuhe sind definitiv nicht geeignet für einen längeren Ausritt bei diesen Temperaturen. Also gibt es nicht viel zu tun bis zum Abendessen. Bayaraa fragt, ob ich mich etwas ausruhen möchte. Oder ob ich einen Spaziergang machen möchte. Zum Ausruhen ist die Zeit zu schade. Also laufen wir den sanften Hügel hinter den Jurten hoch, durch herrlich knirschenden Schnee. Hinter dem Hügel lockt ein Berg – geschätzt rund 400 Meter hoch (wir befinden uns übrigens schon auf rund 1’500 Meter Höhe), und soweit sichtbar so gut wie baumfrei. Ich deute an, dass wir ja einfach weiterlaufen könnten. Und meine Begleiterin hat nichts dagegen. Ein mittelgroßer, schwarzer Hund mit Halsband läuft uns immer ein paar dutzend Meter voraus – er gehört zur Familie und scheint Spaß daran zu haben, uns zu führen. Und so geht es immer höher. Im Schnee etwas beschwerlich, wird es in den etwas steileren Passagen leichter, da dort der Schnee weggeweht wurde. Und so geht es rund anderthalb Stunden immer höher.

Oben stehen gleich zwei Oboo. Beide sind eine Mischung aus Steinhaufen mit grösseren Ästen darauf. In dem kleineren liegt ein bereits reichlich verwitterter Pferdeschädel, und auch der hat seine Bedeutung: Jemand hat den dort platziert, weil er sich wünscht, ein Rennpferd großziehen zu können. Auf dem Gipfel stehen ziemlich viele Bäume, aber man hat trotzdem – zumindest in drei Richtungen – eine famose Aussicht. Die Luft ist glasklar, und in den drei Richtungen gibt es weit und breit nichts Höheres. Ein erhabener Anblick, und ich bin Bayaraa dankbar, dass sie ohne Murren mitgelaufen ist, denn ich bin nicht sicher, ob ich hier, mitten in der Mongolei, allein hochgelaufen wäre, denn hier grasen auch Pferde und rennen Hunde herum. Und den Hundebesitzer hatten wir auch schon aus der Ferne gesehen. Der Hund, der uns von Anfang an begleitet, ist immer noch da und zeigt uns erstaunlich präzise den besten Weg durch den Schnee.

Oboo mit Pferdeschädel

Oboo mit Pferdeschädel

Doch es ist schon kurz vor vier, und kurz nach 5 Uhr wird es dunkel. Bis dahin sollten wir also besser zurück sein. Wir kommen an einer kleinen Herde Pferde vorbei, die am Hang nach Futter suchen. Kühe und Yaks sind klug genug, die kehren am Abend allein zur Behausung zurück. Schafe und Ziegen müssen heimgeführt werden. Pferde jedoch dürfen draussen bleiben, auch nachts. Wo sie allerdings gelegentlich, vor allem im Winter, Wölfen zum Opfer fallen. Und die Pferde sind recht agil. Erst vor ein paar Tagen, erzählte mir der Familienvater, war er drei Tage unterwegs, um seine Pferde zu suchen. Die hat er schließlich auch gefunden – und ist dann wieder nach Hause zurückgekehrt. Ohne Pferde. Er wollte nur wissen, wo sie ungefähr zu finden sind. Dieser Gedanke, zwei, drei oder mehr Tage draussen herumzureiten, um irgendwo seine Pferde zu suchen, ist betörend. Viele mongolische Nomaden ziehen übrigens nicht etwa kreuz und quer durch das Land, sondern bleiben in einem relativ überschaubaren Bereich. Auch meine Gastfamilie zieht jeden Sommer um – aber nur einen knappen Kilometer, zum nahegelegenen Fluss, denn dort ist es im Sommer rund 10 Grad kühler, und es gibt natürlich mehr Wasser und damit auch Futter. Ich frage meine Begleitung, wie mongolische Nomaden denn dann einen Partner zum Heiraten finden, wenn sie mehr oder weniger in der gleichen Gegend bleiben. Die Antwort ist logisch: Beim Pferdesuchen. Sie reiten tagelang ihren Pferden hinterher und müssen natürlich überall herumfragen, ob jemand die Pferde gesehen hat. Und so findet man sich eben. Irgendwie. Früher war es wohl auch dementsprechend verboten, jemanden aus der gleichen Gegend zu heiraten. Mongolische Pferde sind übrigens vergleichsweise klein, aber sehr robust und kräftig. Bayaraa warnt mich jedoch, dass es eine üble Beleidigung sei, die Pferde mit Ponys zu vergleichen. Also: Beim Essen nicht über Wölfe reden. Das Wort „Pony“ nicht in den Mund nehmen. Lässt sich einrichten. Und noch was: Weiße Pferde darf man nicht „weißes Pferd“ nennen, sonst werden die bösen Geister neidisch und raffen das Pferd dahin. Stattdessen muss man es „braunes Pferd“ oder irgendwie anders nennen.

Mongolische Pferde

Mongolische Pferde

Die Sonne geht langsam unter und taucht die Gegend in ein ganz besonderes Licht. Unsere langen Schatten laufen auf den Baumkronen eines kleinen Wäldchens entlang immer weiter Richtung Tal, und der Hund läuft treu vorneweg. Gegen 5 Uhr kommen wir an der ersten Jurte vorbei und machen einen weiten Bogen: Jurten werden generell von Hunden bewacht, und die sind auf Zack. Kommt man zu nahe und es ist niemand zu Hause (oder man kann kein Mongolisch…) kann es also brenzlig werden. Und in der Tat: Als wir in rund 50 Meter Entfernung vorbeilaufen, kommt ein mittelgroßer Hund raus, der uns zwar nicht anbellt, aber uns sehr genau beobachtet und stets zwischen Jurte und uns bleibt. Noch 300 Meter und es ist geschafft: Wir sind an Jurtenansammlung Nummer 2, unseren Jurten, angekommen. In der knappen halben Stunde seit die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist, wurde es spürbar kühler.

Jurten, Viehverschläge, kleine Hütten - und die Toilette (links)

Typisch: Jurten, Viehverschläge, kleine Hütten – und die Toilette (links)

„Zu hause“ angekommen gibt es von der Frau Gemahlin erstmal einen Milchtee. Und da noch viel Zeit ist bis zum Abendessen, holt jemand einen Packen Karten raus, und man erklärt mir die Regeln von хөзөр (Chösör), ein in der Mongolei beliebtes Kartenspiel. An die Reihenfolge (Ass – 2 – 3 – König – Dame etc.) muss man sich erstmal gewöhnen. Interessant ist auch das Ziel des Spieles: Jenes ist nämlich nicht, zu gewinnen, sondern nicht zu verlieren. Und der, der im Uhrzeigersinn vor dem Gewinner sitzt, hat verloren. Das klingt erstmal komisch, aber wenn man taktisch gut spielt, kann man hier auf zwei Ziele hinarbeiten: Entweder, selbst zu gewinnen (damit man nicht verliert), oder durch geschicktes Legen dafür sorgen, dass der Nachbar nicht gewinnt. Interessant. Immerhin weiss ich jetzt, dass „mä!“ auf Mongolisch „Nimm das!“ und „beriberi“ „Ich nehme das“ heißt (wer mehr wissen will – die Regeln gibt es hier auf Englisch).

Rindvieh mit rauchender Jurte

Rindvieh mit rauchender Jurte

Schnell sind fast zwei Stunden rum. Der Hausherr ist immer noch nicht zurück. Plötzlich geht die kleine Tür auf, und sechs oder mehr Kinder und ein paar Erwachsene strömen herein. Unangemeldet. Die Massen lassen sich nieder, wo es passt, und sind ziemlich laut. Man ignoriert mich völlig, und das ist ebenfalls interessant. Die Menschenmenge scheint eine Mischung aus Verwandtschaft und Nachbarn zu sein. Die Mutter überredet alle, zum Essen zu bleiben, denn „dann schmeckt es doch besser“. Auch der Gastvater ist inzwischen zurückgekehrt, mit seiner erstaunlich großen und pummeligen, sechs-jährigen Tochter. Jetzt ist Essenszeit, und jeder erhält eine dampfende Schale mit гурилтай шол (Guriltay Schol), einer Nudel-Fleisch-Suppe mit ohne Gemüse. Das ganze Fleisch ist übrigens immer von selbst gezüchteten Tieren, Nudeln und Teig immer handgemacht. Es scheint, dass die Menschen hier nur zwei Sachen einkaufen: Mehl und Salz. Basta.

Unser treuer Begleiter

Unser treuer Begleiter

Irgendwann werden die Kinder nach draußen gescheucht – junge und ältere – um die Kühe, die einfach so vor den Jurten herumlungern, ins Gehege zu scheuchen. Und so schnell wie alle gekommen sind, sind sie auch wieder verschwunden: Es wird plötzlich leise in der Jurte. Die Gemahlin kündigt noch an, dass sie schnell eins, zwei Kühe melken muss, und so gehen wir alle zusammen noch mal raus. Wo es jetzt richtig bitterkalt ist. Ich hatte mir vorgenommen, ein Foto vom Sternenhimmel zu machen. Es ist Neumond, doch die Sterne leuchten so hell, dass man draussen kein Licht braucht. Und die Mlchstraße ist sehr deutlich zu erkennen. So einen prachtvollen Sternenhimmel habe ich jedenfalls seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen – kein Wunder, bei der Kälte, der klaren Luft und der Tatsache, dass es weit und breit keinen Lichtsmog gibt. Aufnahmetechnisch stosse ich jedoch leider an die Grenzen der Ausrüstung: Lasse ich die Kamera in der Jurte, friert beim rausgehen sofort die Linse ein, und man sieht gar nichts. Lasse ich die Kamera nebst Tasche eine halbe Stunde draußen stehen, versagt die Batterie vollständig (und ist nach einer Weile in der Jurte wieder vollkommen erholt). Ausserdem liegt die maximale Belichtungszeit bei 30 Sekunden, was nicht vorne und nicht hinten reicht. Davon mal abgesehen muss ich allerdings sagen, dass meine Canon X8i die Kälte in der Mongolei ausgezeichnet weggesteckt hat.

Winterlandschaft

Winterlandschaft

Als wir wieder drin sind, sind Zehen und Finger gut durchgefroren. Man unterhält sich noch ein bisschen – über einen politischen Mordfall von vor 15 Jahren, der nun plötzlich auf mysteriöse Weise aufgeklärt wurde, und über eine von Nachbars Kühen, die schon so alt ist, dass sie keine Zähne mehr hat – und das der Nachbar sie doch langsam schlachten sollte. Mit Hilfe von Bayaraa unterhalte ich mich auch noch ein wenig mit der Tochter und frage sie, was sie denn in der ersten Klasse für Schulfächer hat. Darunter: Umwelt und Natur. Alle Achtung.

Gegen 9 Uhr ist Zapfenstreich. Draussen wird noch etwas herumgefuhrwerkt und an den Tieren gemacht, doch bald ist es zappenduster, bullig warm in der Jurte und still. Irgendwann in der Nacht werde ich wach, weil es doch etwas kälter geworden ist – aber nicht sehr kalt. Doch irgendjemand legt gegen 4 Uhr Holz nach.

Am nächsten Morgen gibt es wie immer Milchtee und dazu хайлмаг Chailmag – eine mongolische Spezialität aus Yakmilchrahm (selbst geschöpft), Zucker und Mehl. Das wird dann noch warm aufs Brot geschmiert – und es schmeckt. Kalorien? Bestimmt um die 10’000 pro Löffel. Aber eben auch lecker. Nach dem Frühstück heisst es dann auch schon Aufbruch – schliesslich hat die Familie auch noch einiges zu tun. Der Gastvater, Naraa ist sein Name, ist übrigens im Sommer häufig Anführer von Treckingtouren mit Pferden in der Gegend. Das macht sicher großen Spaß – Naraa ist sehr geduldig und hat seinen eigenen Sinn für Humor.

Chailmag - ganz frisch

Chailmag – ganz frisch

Wir brausen zurück, zum Dorf über den Pass, und dann fast in die gleiche Richtung zurück. Nur eine kleine Bergkette trennt uns nach weit mehr als einer Stunde Fahrt von der Familie. Wäre es normal kalt, hätten wir den ganzen Weg enorm abkürzen können, doch nach einiger Beratung mit den Nachbarn wurde klar, dass der Fluss vor der Bergkette an einigen Stellen eben noch nicht komplett zugefroren ist. Tagsüber sind es nur knapp -20 Grad, und das ist wärmer als üblich. Unser Ziel ist dieses Mal eine gigantische Dschingis-Khan-Statue mitten im Nirgendwo. Die ist keine zwanzig Jahre alt und wurde von einem Politiker und Wirtschaftsmagnaten initiiert. Der gilt zwar ebenfalls als korrupt, wie viele seiner Kollegen in der Mongolei, doch immerhin, erklärt die Führerin, tut er was für sein Land. Er hinterlässt zum Beispiel eine riesige, sichtbare Statue für den berühmtesten Sohn des Landes — der ja selbst so gut wie gar nichts Sichtbares hinterlassen hat. Die Statue ist beeindruckend, und das Museum im Sockel durchaus sehenswert. Wenige Fahrminuten entfernt essen wir schliesslich noch Mittag, bei einem Mongolen, der Flüge im Gyrokopter anbietet. Allerdings nicht im Winter. Schade eigentlich, denn die Preise sind sehr zivil.

Gigantische Dschingis-Khan-Statue

Gigantische Dschingis-Khan-Statue

Danach geht es langsam zurück in die laute, versmogte Hauptstadt. Da wir noch etwas Zeit haben und ich Souvenire für die Verwandschaft kaufen will, geht es in einen „Factory Store“ der Firma Gobi – die mongolische Marke für echte Kaschmirwollprodukte. Dort herrscht richtiger Trubel, denn es ist Jahresendschlussverkauf.

Nach einem Abend im sehr empfehlenswerten Beer House gleich hinter der riesigen russischen Botschaft bricht auch schon die letzte Nacht an. Am nächsten Tag wartet wieder, wie verabredet, der Taxifahrer vor dem Hotel und bringt mich zurück zum Flughafen. Er wird etwas wehmütig: Ab 2017 soll der neue Flughafen in Betrieb genommen werden – dieser liegt dann 50 Kilometer entfernt von der Hauptstadt – zu weit für ihn, um, wahrscheinlich oftmals vergeblich, dort auf Reisende hoffend jeden Tag im Flughafen auf einen der wenigen Flüge zu warten.

Und hier noch ein Alltagsgruß aus Ulan Bator, kurz "UB" genannt

Und hier noch ein Alltagsgruß aus Ulan Bator, kurz „UB“ genannt

Das waren sie also – 6 Tage in der Mongolei, mitten im Winter. Ich muss auf jeden Fall noch mal hierher – und so schön es im Winter auch ist, möchte ich das ganze dann doch auch mal gern im Sommer sehen. Etwas länger, wenn möglich. Sowohl der Fahrer als auch die Führerin gehören jetzt zu meinen Facebook-Kontakten, also ist doch schon mal ein Anfang gemacht…

Vielen Dank für’s Lesen, und beim nächsten Mal geht es wieder weiter mit Japan!

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​Geschichten aus der Mongolei – Teil 2

Januar 3rd, 2017 | Tagged | 2 Kommentare | 525 mal gelesen

Im ersten Beitrag des neuen Jahres geht es nicht um Japan – sondern erneut um die Mongolei. Dies ist der zweite Teil – der erste Teil befindet sich hier.

Nach Gandan laufe ich gemächlich – nein, wegen der Kälte eigentlich eher schnell – zurück Richtung Blue Sky, dem markanten, segelförmigen Bürohochhaus. Daneben steht der Lama-Tempel. Der Plan: Lama-Tempel ansehen, dann zum Naturkundemuseum und danach den Tag in Ruhe ausklingen lassen. Die Wirklichkeit: Der Lama-Tempel hat zu wegen Montag. Das Naturkundemuseum hat zu – und allem Anschein nach nicht nur diesen Montag, sondern fortan alle Montage. Und auch die anderen sechs Wochentage. Sprich, das Gebäude verfällt, keine Spur von Leben. Der Alternativplan: Ins nahegelegene Geschichtsmuseum. Hat aber auch zu – genau, wegen Montag. Es ist beinahe so, als ob mir jemand sagen wollte, daß ich mich nicht so haben soll und gefälligst die Minusgrade genießen soll.

Also trotte ich weiter, Richtung Süden, denn dort steht noch ein weiterer, wohl sehr bedeutender Tempel. Der liegt einen guten Kilometer entfernt vom Zentrum, aber man merke, daß sich bei minus 20 Grad die Entfernungen gefühlt verdoppeln. Und entlang der vollgestopften Hauptstraße zu laufen macht auch nicht sonderlich Spaß. Kurz vor dem Tempel erinnere ich mich auch daran, daß bei der Kälte die Blase schneller drückt. Zum Glück gibt es direkt neben dem Tempel ein kleines, modernes – und warmes! – Einkaufszentrum.

Der Богд хааны ордон музей (Bogd-Khan-Tempel/Palast) ist definitiv die Mühe wert. Das einzige, was mich ärgert, ist die erforderliche Fotoerlaubnis: Der Eintritt kostet rund 2 Euro, die „Amateurfotoerlaubnis“ 20 Euro. Dieses Prinzip, was man zum Beispiel auch in der Belarus und der Ukraine (und sicher auch in Rußland) findet oder zumindest bei meinen letzten Besuchen fand, hat mir noch nie eingeleuchtet. Sicher, man möchte mehr Geld verdienen. Aber ich wage zu bezweifeln, dass das wirklich den gewünschten Effekt hat. Ich jedenfalls weigere mich aus Prinzip, das zu bezahlen. Es gab auch schon Orte, wo ich dann freilich trotzdem ein oder zwei Aufnahmen gemacht habe – keck aus der Hüfte geschossen – aber nicht hier – der ganze Tempel wimmelt nur so von kleinen Überwachungskameras. Dabei ist die Anlage sehr fotogen, da sie zwar gepflegt, aber nicht totgepflegt ist. Und außer mir gibt es nur einen weiteren Besucher, der leider zwei dumme Angewohnheiten hat – erstens, mit geöffnetem Mund Kaugummi zu kauen und zweitens, fast die gesamte Zeit in meiner Nähe zu sein.

Das Eingangstor des Bogd-Khaan-Tempels

Das Eingangstor des Bogd-Khaan-Tempels

Im Tempel / Palast (die Anlage ist quasi beides) bleibe ich letztendlich, bis man mich rauswirft – um 5 macht man im Winter zu. Die Artifakte im Tempelbereich sind interessant; noch interessanter sind jedoch all die Gegenstände des letzten Khan der Mongolei, der hier bis 1925 residierte. Das ist nicht einmal 100 Jahre her, und doch eine völlig andere Zeitrechnung. Zumindest in diesem Teil der Welt.
Um 5 ist es dann auch schon fast komplett dunkel. Ich kehre kurz zum benachbarten Einkaufszentrum zurück, um dort eine Tasse heißen Kaffees zu fassen, und entdecke dort zufällig einen Fast-Food-Laden mit dem Namen „German Prime Döner“. Bei rechtem Licht betrachtet gar nicht mal so verkehrt – die meisten Ausländer, die Deutschland länger als ein paar Tage lang besucht haben, kennen (und meistens schätzen) einen ordentlichen Döner Kebab. Und den findet man in der Türkei eben nicht (jetzt vielleicht schon – war schon seit über 10 Jahren nicht mehr da). Ich bin allerdings nicht zum Döner essen hergekommen, sondern wegen des Kaffees. Den gibt es zumindest in der Hauptstadt an allen Ecken und Enden – entweder als Espresso oder Americano – zu einem Preis, bei dem dem Durchschnittsmongolen die Ohren schlackern dürften. Starbucks hat es übrigens noch nicht hierher geschafft.

Der Rückweg ist eine Qual – es ist jetzt stockfinster, deutlich kälter ohne Sonne, leicht windig, und dank der großen Straße, an der ich entlang laufen muss, ist die Luft einfach furchtbar. Irgendwann tut mir die Nase weh – bei genauer Betrachtung kein Wunder, denn ein Nasenloch ist vereist. Ein Schluck Mineralwasser aus der Flasche im Rucksack gestaltet sich auch schwieriger als geplant: Der Inhalt, obwohl im Rucksack ständig in Bewegung, ist nahezu vollständig vereist. Und das sind nur rund minus 30 Grad – hier wird es aber in einem heftigen Winter bis minus 50 Grad kalt. Froh, gegen 6 zurück im Hotel zu sein, rufe ich den anonymen Taxifahrer vom Vortag an und erkläre ihm, wo ich hin will. Circa 50 Kilometer, 6 Stunden – er veranschlagt 120,000 Tröten. Knapp 50 Euro also. Das klingt fair, also verabreden wir uns für den nächsten Morgen.

Zehn Minuten vor der verabredeten Zeit gehe ich nach einem ausgiebigen Frühstück (ausgiebig bedeutet in meinem Fall ein Kaffee und ein Glas Milch – es gibt mehr, aber ich bin eher ein Spätstücker) in die Hotellobby, wo der Fahrer bereits wartet. Denn auch das bemerke ich schnell hier: Mongolen sind sehr pünktlich. Los geht’s – und zwar erst zu einem sowjetischen Denkmal, dem Зайсан толгой (Zaisan Tolgoi), dass im Süden der Stadt auf einem Hügel thront. Mit dem Auto kommen wir nur bis zur Hälfte, denn die Strasse ist komplett vereist. Allzu viel sieht man auch nicht von oben, denn heute ist der Smog wieder relativ stark (allerdings kein Vergleich zu Peking zum Beispiel). Das Denkmal? Nun ja, kennt man ein sowjetisches Monument, kennt man alle.

Das Zaisan-Denkmal: Typisch sowjetisch

Das Zaisan-Denkmal: Typisch sowjetisch

Wir unterhalten uns etwas über die peri- und postsowjetische Zeit. In Ostdeutschland würde man sagen, dass der Fahrer der Ostalgie nachhängt. Nach der friedlichen Revolution in der Mongolei geschah ähnliches wie in Ostdeutschland: Die Industrie ging nieder, viele verloren in der Stadt ihre Arbeit. Die russische Armee zog ab – ebenfalls damals ein großer Arbeitgeber. China sprang zwar als reicher Nachbar hier und da ein, aber Chinesen betrachtet man (auch) hier mit großem Argwohn.

Jetzt brausen wir quer durch die Stadt Richtung Norden. Rund 15 Kilometer nördlich des Zentrums befindet sich ein von der japanischen Regierung errichtetes Mahnmal – das Дамбадаржаа япон цэргийн цогцолбор (Japanischer Militärkomplex in Dambadarzhaa). Gedacht wird hier den japanischen Siedlern und Kriegsgefangenen, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges hier und in der Mandschurei steckenblieben und, auf die Rückkehr nach Japan wartend, aufgrund der Entbehrungen starben. Es ist eine ziemlich große Anlage, mitten im Nichts. Laut (japanischem) Reiseführer soll man vor dem Besuch die Familie anrufen, die die Anlage wartet, damit die den Wachhund zurückpfeifen, wenn man ankommt. Das sagt schon einiges aus. Der Fahrer macht das auch. In der Anlage befindet sich auch ein Minimuseum mit Karten, Fotos, Namensschildern und riesigen Blumengebinden diverser japanischer Ministerien. Es liegt auch ein Gästebuch aus – dort tragen Besucher ein, wann sie dort waren und in welcher Präfektur sie wohnen. Der letzte Eintrag ist zwei Wochen alt (das könnte stimmen: der Schnee in der Anlage ist tatsächlich jungfräulich).

Japanische Gedenkstätte bei Ulan Bator

Japanische Gedenkstätte bei Ulan Bator

Interessant ist jedoch die Fahrt zur Anlage. Denn wir fahren durch die sogenannten Ger-Viertel. Ger (in etwa „girr“ ausgesprochen) heißen die traditionellen Jurten, und die gibt es auch in den Außenbezirken von Ulan Bator. Ein Grund dafür ist, dass die Winterbevölkerung der Hauptstadt größer ist als die Sommerbevölkerung. Universitätsstudenten zum Beispiel lernen in den Sommermonaten draußen in der Provinz – und im Winter in der Hauptstadt. Das Problem dabei ist allerdings, daß alle Jurten und viele kleine, ärmlich erscheinende Häuser einzeln heizen – mit Kohle, Holz oder Dung. Das Ergebnis ist furchtbar schlechte Luft. Fast alle Kinder hier tragen deshalb spezielle Masken. Laut Fahrer ist diese Gegend die wahre Mongolei – nicht das glitzernde Stadtzentrum.

Smog im Ger-Viertel (an einem klaren Wintertag!)

Smog im Ger-Viertel (an einem klaren Wintertag!)

Wir fahren zurück ins Zentrum zum größten Markt der Stadt, dem Нарантуул зах (Narantuul-Markt), im mongolischen Volksmund „Schwarzmarkt“ genannt, weil es hier wohl, wenn man weiß, wo man suchen muss, wohl auch unerlaubte Sachen wie Munition und dergleichen geben soll. Das kann man sich bei der Größe und dem Labyrinthcharakter des Marktes auch gut vorstellen. Hier wird alles verkauft. Im hinteren Teil gibt es auch ein paar Buden für Schamanenzubehör, und die sind besonders interessant.

Der Narantuul-Markt. Das Tor ist extrem stilvoll.

Der Narantuul-Markt. Das Tor ist extrem stilvoll.

In der Mongolei dominieren Buddhismus und Schamanismus – nicht selten auch eine Mischung von beiden (ähnlich dem Shintōismus und Buddhismus in Japan). Um es extrem zu vereinfachen: Beim Shintōismus geht es um das Göttliche in allen Dingen, beim Schamanismus um die Geister in allen Dingen. Auf den Schamanismus ist man stolz in der Mongolei, und ich habe Stimmen gehört, nach denen sich auch die jüngeren Mongolen wieder mehr für den Schamanismus interessieren. Allerdings ist auch das Christentum auf dem Vormarsch – vor allem seit der friedlichen Revolution, nach deren Wirren vor allem einige Hauptstädter plötzlich ohne Arbeit und ohne Geld (und dementsprechend auch ohne Essen) dastanden. Die ideale Voraussetzung für Seelenfänger, die mit dem Versprechen auf eine warme Mahlzeit Menschen in die neu entstandenen Kirchen lockten.

Mongolischer Käse. Alles andere ist Wurst.

Mongolischer Käse. Alles andere ist Wurst.

Sechs Stunden waren ausgemacht, von 9:30 bis 15:30. Jetzt ist es kurz nach Mittag, und es fällt allmählich schwer, zu entscheiden, was es noch so sehenswertes gibt in der Hauptstadt. Der Fahrer schlägt vor, raus nach Terelj zu fahren, aber das ist bereits für den nächsten Tag geplant. Also fahren wir noch zu einem anderen kleinen Markt mitten in der Innenstadt, in der es frisches Fleisch und frisches Gemüse, mongolischen Käse und dergleichen gibt. In der dem Markt angeschlossenen Kantine essen wir schließlich Mittag und fahren daraufhin noch schnell beim Bahnhof von Ulan Bator vorbei. Irgendwann mal, wenn ich groß bin, muss ich wirklich mal die Fahrt mit der Transmongolischen Eisenbahn von Moskau bis Peking machen… eigentlich hatte ich mir auch gedacht, mit der mongolischen Eisenbahn einen Tag lang Richtung Norden oder Richtung Süden zu fahren, dort dann irgendwo zu übernachten und am nächsten Tag zurückzufahren, aber die Züge fahren so selten und so merkwürdig, dass es keinen rechten Sinn ergeben hätte. Das ist natürlich schade, denn mit einem langsamen Zug gemächlich durch atemberaubende Landschaften zu fahren ist ein Luxus, den man in Japan kaum noch findet.

Bahnhof von Ulan Bator

Bahnhof von Ulan Bator

Gegen 14 Uhr quälen wir uns allmählich durch den ewigen Stau der Innenstadt zurück und verabschieden uns am Lama-Tempel- und Museum. Unterwegs deutet der Fahrer noch auf das eine oder andere Gebäude: „Das hier ist eine Ringer-Arena, finanziert von Asashōryū. Oder: „Die Tankstelle hier gehört zur Firmengruppe von Hakuhō“. Beide sind in Japan sehr bekannte Sumō-Ringer (beide haben den höchsten Rang, den Titel des Yokozuna, erreicht). Wie es aussieht, haben beide ihren in Japan schwer erarbeiteten Reichtum gut in der Heimat angelegt, und das ist natürlich eine schöne Sache. Dass vor allem Mongolen im japanischen Nationalsport Sumo so erfolgreich sind, ist kein Zufall: Traditionelles Ringen ist DER Volkssport der Mongolei, national zelebriert beim berühmten Sportfest „Nadaam“, das alljährlich im Juli in Ulan Bator stattfindet.

Gebäude des Lama-Tempels vor dem Blue Sky-Bürogebäude

Gebäude des Lama-Tempels vor dem Blue Sky-Bürogebäude

Heute hat das Чойжин ламын сүм музей (Choijin Lama Tempel-Museum) geöffnet, und ich bin scheinbar der erste Besucher, denn eine Angestellte schließt der Reihenfolge nach die einzelnen Gebäude für mich auf. Alles sehr beeindruckend – am beeindruckendsten ist aber der Kontrast zwischen den alten Tempelgebäuden und den Bürohochhäusern gleich daneben. Gefolgt wird das ganze von einem längeren Plausch mit der Angestellten des Museumsshops, denn die Frau spricht fließend Englisch, Russisch, Französisch und ein wenig Deutsch – das ganze artet in einen kurzweiligen Diskurs über vergleichende Linguistik aus und macht ziemlichen Spaß, zumal sie nebenher noch etliche Sachen über dem Tempel und die Mongolei an sich erklärt.

Schließlich geht es noch ins ebenfalls am Vortag verpasste Geschichtsmuseum, wo ein älteres deutsches Nebenpaar im gleichen Saal ihren deutsch sprechenden mongolischen Führer zusammenfaltet, weil der verkünden muss, dass aus der geplanten Folkloreveranstaltung am Abend leider nichts wird. Das ganze wird mit der drohend klingenden Bemerkung des Gemahls „Ich bin mir sicher, daß Sie bis zum Abend gebührenden Ersatz gefunden haben werden“ abgeschlossen. Ich frage mich unweigerlich, ob der Guide am Abend sich noch in einen Schamanen verwandeln und vor den beiden tanzen wird…

Den Abend lasse ich im Grand Khan Pub ausklingen. Dieser riesige, hochmoderne Pub war wohl bis zum vergangenen Jahr extrem angesagt und sowohl mittags als auch abends immer ausgebucht, doch seit 2016 steckt die Mongolei in einer mittelschweren Wirtschaftskrise, inklusive rund 30% Inflation, und seitdem ist der Grand Khan Pub, Barometer der mongolischen Wirtschaft, größtenteils leer.
In der Nacht geht es im Hotel Ulan Baator wieder hoch her: Im großen Saal wird lautstark gefeiert. Viele Teilnehmer sind betrunken – und verkleidet. Wie ich später erfahre, lassen mongolische Firmen das Jahr gern mit einer großen Sause ausklingen, bei der sich die Teilnehmer gern verkleiden.

Wie es aussieht, komme ich nicht um einen dritten Teil herum, und der wird am interessantesten, denn dann geht es raus aus der Hauptstadt in die Provinz – inklusive Übernachtung in einer Jurte bei einer Nomadenfamilie…

Und hier ist er: Teil 3 (letzter Teil).

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2016 – Ein Abgesang / Gesundes Neues Jahr!

Dezember 30th, 2016 | 6 Kommentare | 437 mal gelesen

An dieser Stelle, traditionsgemäss, der obligatorische Jahresrückblick. Hier also ein kurzer Abriß des ablaufenden Jahres 2016:

Politik
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Weltpolitisch gab es diverse bedenkliche Entwicklungen – so den Brexit, nach dessen Entscheidung die Initiatoren ganz plötzlich den Schwanz einzogen; eine US-Wahl mit zwei gleichermaßen unbeliebten Politikern und viel bösem Blut, einem philippinischen Präsidenten, der sich rühmt, selbst gemordet zu haben – und sein Land in die Nähe des eigentlichen Gegners, China, rückt – sowie ein türkischer Präsident, der wunderbar demonstriert, wie man langsam aber sicher eine Demokratie in eine Diktatur umbaut. Kurzum: Man bekommt das kalte Grausen.

In Japan hingegen hat sich nicht allzu viel getan. Bemerkenswert waren da eher die außenpolitischen Züge: So besuchte zum Beispiel zum ersten Mal ein US-Präsident Hiroshima und ein japanischer Ministerpräsident Pearl Habor. Schade nur, daß die Verteidigungsministerin direkt nach der Rückkehr aus Pearl Harbor den umstrittenen Yasukuni-Schrein besuchte… Innenpolitisch bleibt jedoch alles beim Alten: Die Liberaldemokraten haben noch immer keine Opposition zu befürchten.

Wirtschaft
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Auch wirtschaftlich gesehen gibt es nicht viel Neues aus Japan zu berichten. Es geht nicht richtig bergauf und nicht richtig bergab. Der Aktienmarkt schlägt zwar gelegentlich Purzelbäume, so zum Beispiel nach der Wahl Trumps zum Präsidenten, aber wirtschaftlich hat das ganze (noch) keine Bedeutung. Der Brexit wird allerdings langfristig dafür sorgen, dass der Yen relativ stark bleibt.

Beruf
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Status: Unverändert. Wie schon seit 11 Jahren.

Familie
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Ach, wenn ich meine Familie nicht hätte… Töchterchen wird morgen 10 Jahre alt, und der Herr Sohn wird im April eingeschult. Ich bin sehr neugierig, wie er sich dort macht – nach zwei Jahren in einem ziemlich freien Kindergarten.

Reise
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Reisetechnisch war dieses Jahr mal richtig zufriedenstellend. Im Juli/August ging es zum ersten Mal seit drei Jahren wieder nach Deutschland – und zwar mit Kind und Kegel, und dieses Mal sogar drei Wochen lang. So lang, dass auch ein Abstecher zum Länderpunkt 55 drin war: Spanien.

Der krönende Abschluss war schließlich ein Abstecher in die Mongolei (Fortsetzung folgt!), Land 56, der trotz der Kälte äußerst lohnenswert war. Kurzum: Reisetechnisch bin ich dieses Jahr beinahe zufrieden.

Blog +α
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Dieses Jahr gab es 84 neue Beiträge – genau wie im Vorjahr. Dabei gab es zwei Jubiläen: Zum einen wurde der Blog im März 2016 10 Jahre alt. Und kurze Zeit später wurde die 1’000-Beiträge-Marke überschritten. Mehr Blogstatistiken muss ich jetzt schuldig bleiben, da ich hier in China nicht auf Google Analytics zugreifen kann.

Der (wahrscheinlich) meistgelesenste Artikel war übrigens gleichzeitig der Artikel, der am meisten Vorbereitungszeit benötigte: Das Interview mit dem deutschen Botschafter in Japan.

Und dann wäre da noch die Veröffentlichung meines zweiten Buches, Was Sie dachten, NIEMALS über JAPAN wissen zu wollen: 55 erleuchtende Einblicke in ein ganz anderes Land. Da es ein Konzeptbuch ist und Teil einer Serie, gab es viele Vorgaben, aber ich denke, es ist dennoch lesbar geworden.

Ebenfalls neu ist die Facebook-Seite zum Blog, aber die steckt noch in den Kinderschuhen.

Auch die allgemeine Japan-Seite hat sich grundlegend geändert – alles sieht jetzt etwas moderner aus. Und ein paar neue Seiten sind hinzugekommen – zum Beispiel die über Yakushima.

Zum Abschluss bleibt mir nur, mich herzlichst bei allen Lesern und Kommentatoren bedanken, und ich hoffe, Ihr bleibt mir auch im kommenden Jahr treu!

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern ein gesundes Neues Jahr 2017, das Jahr des Huhns! Tapfer bleiben!

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Geschichten aus der Mongolei

Dezember 27th, 2016 | Tagged | 9 Kommentare | 635 mal gelesen

Hauptstädte zu besuchen, die aus nur einem Wort bestehen, ist out. Hauptstädte mit zwei Wörtern sind in. Nach Kuala Lumpur vor genau einem Jahr ging es dieses Jahr also nach Ulan Baator, Hauptstadt der Mongolei. Und zugleich die kälteste Hauptstadt der Welt: Die Jahresdurchschnittstemperatur beträgt -2 Grad. Und im Winter geht es richtig zur Sache mit Temperaturen bis zu minus 40 Grad. Aber egal, das soll uns nicht von einer Stippvisite abhalten.

Direktflüge aus Japan gibt es im Winter nicht – logisch, wer ist schon so blöd, im Winterzu fliegen. Also ging es erstmal mit Air China nach Peking. Der Flug startete um 7:10 von Haneda – das dumme ist dabei, dass nichts zeitig genug nach Haneda fährt, um den Flug sicher zu erreichen. Also hiess es – wieder mal – am Abend hinzufahren um dortzu übernachten. Dieses Mal entschied ich mich dafür, direkt im Terminal zu übernachten, im „First Cabin“-Hotel. Das sind Kojen, in die gerade eben so ein Bett passt, mehr nicht. Es gibt auch keine Türen, nur eine Art Jalousie, die man aber auch nicht bis nach ganz unten ziehen kann. 5’300 Yen kostet die Nacht dort. Vom Preis her also nicht schlecht. Wenn man nicht das Pech hat, dass der Mitgefangene in der Koje gegenüber, den Waden nach zu urteilen eine sehr stramme Gestalt, so laut und unregelmäßig schnarcht, dass man Angst hat, er könne jeden Moment verrecken. Außerdem ist es viel zu warm in dem Gefängnis. Sprich – es ist eine echte Qual.

Mehr Kapsel als Zimmer: First Cabin im Flughafen Haneda

Mehr Kapsel als Zimmer: First Cabin im Flughafen Haneda

Halbwegs pünktlich fliegt das Flugzeug am nächsten Tag ab – und vier Stunden später und zum ersten Mal seit 19 Jahren bin ich wieder in Peking. Ich habe aber nur knapp anderthalb Stunden. Also rein in den Transitbereich, nochmals Sicherheitskontrolle, ewig lange zum Gate laufen und verzweifelt nach Kaffee suchen. Da, ein Starbucks! Bekannt für seine freundlichen Angestellten! Aber nicht in China. Drei Angestellte quatschen, und nur äußerst widerwillig bemüht sich eine Angestellte, sich mit mir abzugeben. Wie kann ich auch das Gespräch stören? Eine knappe Stunde später geht es weiter. Das Flugzeug ist nur halbvoll, und die meisten Passagiere scheinen Mongolen zu sein. Nach gut zwei Stunden befinden wir uns im Anflug auf eine traumhafte, aber karge Winterlandschaft. Mit famoser Weitsicht. Die endet aber kurz vor dem Flughafen, und die Ursache kann man aus dem Flugzeug heraus sehr gut erkennen: Riesige Schlote, die Unmengen an Rauch in den windstillen Winterhimmel spucken. Man erkennt sogar wunderbar die Inversionsgrenze: Hier kommt der Qualm nicht weiter und muss sich entsprechend im Tal verbreiten. Smog also.

Smogverursacher in Ulan Baator

Smogverursacher in Ulan Baator

Der Flughafen ist winzig klein, und unser Flugzeug das einzige Flugzeug dort. Hier scheint ja im Winter wirklich die Post abzugehen. Lange muss ich an der Einreise nicht warten. Ein Kärtchen hatte ich schon im Flugzeug ausgefüllt, und ein Visum brauchen die meisten nicht. Die Grenzbeamtin lächelt sogar ein wenig. Und als ich zum Gepäckband laufe, liegen alle Gepäckstücke schon fertig zum abholen da. Fantastisch. Es ist 3 Uhr Machmittags, und die Sonne strahlt.

Kaum erreiche ich die Ankunftshalle, kommen die ersten Taxifahrer angelaufen. „Taxi! Taxi!?“ Ja ja, keine schlecht Idee, aber ich möchte erstmal Luftholen… und Geld abheben. Ein Taxifahrer ist hartnäckig und läuft in anständigem Anstand hinter mir her und gibt gelegentlich Tipps in gebrochenem Englisch. „ATM – there!“ und so weiter. Immerhin funktioniert der erste Automat und ich bin stolzer Besitzer von 250’000 Tögrög – rund 100 Euro. Der größte Schein ist dabei der 20’000 Tögrög (ich muss das erst ein paar Mal schreiben, bis ich mich an den Namen gewöhnt habe)-Schein. Sofort kaufe ich mir an einem Kiosk für 1’000 Tröten ein Feuerzeug, denn das hat mir die chinesische Securitate in Peking abgenommen.

Dschingis-Khan-Flughafen

Dschingis-Khan-Flughafen

Da ich im Flugzeug nicht faul war und etwas in meinem japanischen Reiseführer über die Mongolei recherchiert hatte, wusste ich, dass es keinen offiziellen Flughafenzubringer gibt – nur einen ganz normalen Linienbus, der wohl unweit vom Flughafen durch ein Wohngebiet fährt. Vielleicht sollte ich also erstmal hören, was der Taxi-Fahrer verlangt. Was, 30’000 Tröten? Abgemacht! Und schon führt er mich zu seinem zerbeulten, aber grossen, schwarzen Nissan, an dem absolut gar nichts hindeutet, dass es sich um ein Taxi handelt. Andere Taxis sehe ich allerdings auch nicht. Die Mongolei – das Land der Stealth-Taxis! Später fühlte ich mich in meiner Beobachtung bestätig, als ich unzählige Male sah, wie frierende oder eilig aussehende Mongolen verzweifelt in die Automenge winken, um ein Taxi zu ergattern – da an den meisten Taxis aber nichts dransteht, ist das ein seltsames Lotteriespiel.

Mein Fahrer schaut zwar etwas grimmig, aber er kann ein bisschen Englisch und ist letztendlich sogar etwas gesprächig. Und schon rauschen wir los, auf einer Schnellstraße ohne jegliche Markierung und ohne Regeln. Es geht so chaotisch zu, dass ich mich ernsthaft frage, ob hier Links- oder Rechtsverkehr herrscht. Eigentlich sieht es nach Rechtsverkehr aus, aber der Fahrer sitzt rechts von mir (des Rätsels Lösung: Die meisten Autos kommen gebraucht aus Japan über Rußland in die Mongolei).

Es geht vorbei an einem riesigen Kraftwerk, und an Neubauten, die, je näher wir dem Stadtzentrum kommen, immer älter, sprich sozialistischer, aussehen. Im unmittelbaren Zentrum gesellen sich moderne Glas- und Stahlbauten hinzu. Nach einer guten halben Stunde sind wir am Ziel – am altehrwürdigen (seit 1961) Hotel Ulan Baator. Einst die erst Adresse der Stadt, wurde das Hotel natürlich längst von Kempinski & Co. eingeholt. Ich bezahle, und der Fahrer gibt mir seine Visitenkarte – falls ich wieder einen Fahrer brauche. Ist gemacht.

Hat Stil: Ulan Baator-Hotel

Hat Stil: Ulan Baator-Hotel

Das Hotel ist wunderbar 1960-sozialistisch. Herrlich. Die Angestellten am Empfang sind professionell, und 15 Minuten später stehe ich in meinem Zimmer. Sieht soweit ganz gut aus. Und der Ausblick auf die Mischung aus sowjetischer und postsowjetischer Architektur ist großartig. Also schnell die Sachen abgestellt und raus zu einem Spaziergang in der Nachbarschaft – hier gibt es vor allem Regierungsgebäude und Bürohäuser. Und die Temperaturen sind mit minus 20 Grad knackig. Um 5 Uhr wird es allerdings schon dunkel (und es wird allmählich wirklich kalt), also zurück ins Hotel, und etwas später raus zum Abendessen. In der Nähe gibt es ein ziemlich exquisit aussehendes Restaurant – mit Garderobe, auch das ist typisch russisch/sowjetisch – wo eine Platte mit gemischten mongolischen Spezialitäten, sprich Hammelfleisch mit Hammelfleisch, dazu etwas Hammelfleisch – letztendlich nicht einmal 10 Euro kostet.

Umgebung des Hotels

Umgebung des Hotels

Nach einer verdienten Nachruhe geht es gegen 9 Uhr, kurz nach Sonnenaufgang, los zu einem ausgedehnten Stadtspaziergang. Bei anfangs minus 30 Grad. Vorher will ich aber ein Reisebüro aufsuchen, das angeblich sehr gut sein soll, um auszuloten, was ich während der 5 Tage hier auch außerhalb der Hauptstadt anstellen kann. Theoretisch ist es auch ganz einfach: Ich steige in den Trolleybus der Linie 5, der immer geradeaus fährt, und steige an einer gewissen Haltestelle, deren Namen ich sogar kenne, aus. Angeblich bezahlt man beim Besteigen des Busses 500 Tröten. Also steige ich ein, und ein junger Mann vor mir am Eingang nimmt mir den Schein aus der Hand… dreht sich um und verschwindet nach hinten. Das kommt mir seltsam vor. Ich laufe hinterher, tippe ihn an und sage das russische Wort für Fahrkarte (man merke allerdings: Ausser der Schrift hat Mongolisch nichts mit dem Russischen zu tun): Billet! Er schaut mich fragend an, und ich texte ihn auf Englisch zu: „You took my money, so where is the ticket then?“ Nun scheint es ihm zu brenzlig zu werden, er greift in seine Jackentasche und gibt mir den Schein zurück. Den ich dann, wie ich inzwischen beobachten konnte, in eine Box am Eingang werfen werde. Währenddessen sind wir wahrscheinlich an meiner Haltestelle vorbeigefahren. Irgendwie kommt mir jedenfalls die Fahrt zu lang vor, so dass ich irgendwo in einem Außenbezirk aussteige und wieder zurückfahre. Dieses Mal passe ich besser auf und erwische die richtige Haltestelle.

Gandan-Tempel

Gandan-Tempel

Im Reisebüro erklärt mir ein netter Engländer meine Optionen: Sie sind stark begrenzt, denn im Winter fährt kaum was und fliegt nichts. Immerhin habe ich seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich entschliesse mich letztendlich für eine 2-Tages-Tour in einen Nationalpark in der Nähe von Ulan Baator, mit Übernachtung bei einer Nomadenfamilie in einer Jurte usw. Warum nicht. Hauptsache etwas raus aus der Hauptstadt.

Gandan-Tempel

Gandan-Tempel

Es geht zu Fuß weiter, zum wichtigsten Tempel nicht nur der Stadt, sonder des ganzen Landes – dem Gandan-Tempel. Und der sieht sehr tibetisch aus, nebst tibetanischen Gebetsrollen. Die Tempelanlage ist wunderschön, zumal ich sie dank der Kälte ganz für mich allein habe. Letztendlich verbringe ich dort eine gute Stunde. Als ich gehen will, kommt ein Mongole auf mich zu und spricht mich auf russisch an – er habe wunderschöne Bilder, die er selbst gemalt hat und verkauft. Alle auf Leder gemalt. Eigentlich kaufe ich nichts von fliegenden Händlern, aber seine Sachen gefallen mir ziemlich gut. 10 Minuten später bin ich um 1 Bild, zwei Bildchen (mangels Wechselgeld) und einem Set mongolischer Münzen, die ja nicht mehr im Umlauf sind (ich bin Münzsammlet, wohlgemerkt) reicher und um 40’000 Tröten ärmer, habe aber kein schlechtes Gefühl dabei.

Weiter geht’s zu Teil 2.

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Yomiuri – der Gigant

Dezember 19th, 2016 | Tagged | 5 Kommentare | 499 mal gelesen

Neulich hatte ich ein Meeting mit Vertretern der 読売新聞 Yomiuri Shimbun (shimbun = „neues + hören“ = Zeitung) in deren nagelneuen Hauptquartier direkt am nördlichen Ende des Kaiserpalastes. Der Zeitungsverlag ist ein Gigant – zum Imperium zählen nicht nur diverse Zeitungen und Magazine, sondern auch einer der stärksten Baseballvereine Japans, ein Vergnügungspark („Yomiuri Land“), ein Fernsehsender (Nittere 日テレ – Yomiuri gehört zumindest das mit Abstand grösste Aktienpaket) und vieles mehr. Yomiuri ist seit vielen Jahren die Tageszeitung mit der weltweit höchsten Auflage, und das mit Abstand, wie man an der folgenden Tabelle sehen kann (Quelle: Wikipedia):

Tageszeitung Land Auflage
2013 2008
Yomiuri Shimbun Japan 9,690,000 10,021,000
Asahi Shimbun Japan 7,450,000 8,038,000
Mainichi Shimbun Japan 3,322,000 3,857,000
The Times of India India 3,322,000 2,951,000
Dainik Jagran India 3,113,000 2,523,000
Reference News China 3,073,000 2,751,000
The Nikkei Japan 2,769,000 3,056,000
Bild Germany 2,658,000 3,142,000
People’s Daily China 2,603,000 2,315,000
Chunichi Shimbun Japan 2,533,000 2,761,000

Die beiden auflagenstärksten Tageszeitungen kommen also aus Japan, aber die Zahlen zeigen deutlich, dass es in Japan mit den Auflagen deutlich bergab geht, während es – nicht überraschend – in Indien (und vorerst auch noch in China) stark bergauf geht. Die Zeitungsverlage von Yomiuri, Asahi und Nikkei stehen übrigens dicht an dicht beieinander, was aber in Tokyo, wo sich Gewerbezweige auch heute noch gern im gleichen Stadtviertel tümmeln, durchaus üblich ist.

Von der Kantine des Hauptquartiers hat man einen bemerkenswerten Blick auf den Kaiserpalast und den Rest der Gegend südlich des Palastes.

Westteil des Kaiserpalastes, dahinter: Shinjuku

Westteil des Kaiserpalastes, dahinter: Shinjuku

Bei der Gelegenheit durfte ich mir auch noch den enormen newsroom der Yomiuri ansehen (in dem Fotografieren allerdings strikt verboten ist). Im selbigen, bestückt mit einem riesigen Konferenztisch, dutzenden Bildschirmen und Uhren an den Wänden, tobt jeden Abend eine regelrechte Schlacht, wenn es darum geht, was am nächsten Tag auf das Titelblatt soll. Bei knapp 10 Millionen Lesern sollte das in der Tat gut überlegt sein. Um 1 Uhr abends muss dann alles entschieden sein – danach kann nichts mehr geändert werden. Für die Redakteure ist das sicher keine leichte Sache, denn die meisten müssen natürlich bis zum Schluss dableiben.

Redaktion der Japan News

Redaktion der Japan News

Die konservativ ausgelegte Yomiuri Shimbun verlegt auch gleichzeitig eine der beiden übriggebliebenen Tageszeitungen auf Englisch in Japan: Die hieß früher „Daily Yomiuri“, heute heißt sie schlicht „The Japan News“ (die andere, übriggebliebene Zeitung ist die „The Japan Times„). Übriggeblieben deshalb, weil es bis vor ca. 10 Jahren noch mehr gab.

Die beiden englischen Tageszeitungen in Japan sind vor allem auf japanische Leser angewiesen — die paar Ausländer reichen nicht aus, um eine anständige Tageszeitung zu betreiben. Zumal sie mit den üblichen Problemen von Tageszeitungen in den meisten Ländern zu kämpfen haben: Die Werbekundschaft bricht weg, und die Leserschaft wird immer digitaler, so dass auch die großen japanischen Zeitungen begonnen haben, ihre Ausgaben zu digitalisieren – kostenpflichtig natürlich.

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Willkommen in der Spielhölle

Dezember 12th, 2016 | Tagged , , | 4 Kommentare | 582 mal gelesen

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich in einem Cafe im 2. Stock am Fenster auf einen Gast aus Deutschland wartete. Ich sah, wie besagte Person aus dem Bahnhof kam und die Straße entlang ging. Dabei kam sie so nahe an einer Pachinko-Halle vorbei, dass sich die automatische Tür öffnete. Aus der Tür heraus drang umgehend ein mörderischer Lärm – und mörderischer Zigarettenqualm. Sie stolperte regelrecht und wäre fast auf den Bürgersteig gepurzelt. Dabei hatte sie die Halle noch nicht einmal betreten…

Gestern hatten wir uns mit guten Freunden aus unserem alten Wohnort verabredet – in der Mitte, in einem sehr bekannten Vergnügungs- und Einkaufsviertel (Odaiba). Nach ein paar Runden Bowling, Tischtennis und dergleichen zog es die lieben Kleinen in ein ゲームセンター Game Center. Einer der Orte, die ich in Japan versuche, zu vermeiden. Der ganz normale Wahnsinn eines Japanischen Game Centers kommt übrigens in der Komödie Wasabi ganz gut rüber. Das Game Center im Diver City in Odaiba gehört zu den größeren, und braucht nur ein paar wenige Schritte vom Empfang laufen, um mitten drin zu stehen. Das ganze sieht dann so aus, und um die Atmosphäre auch möglichst authentisch zu geniessen, sollte man beim Betrachten des Videos die Laustärke auf Maximal stellen:

gamecenter

Alle Achtung: 100 Dezibel im Game Center

Alle Achtung: 100 Dezibel im Game Center

Schnell mal eine App zur Geräuschpegelmessung heruntergeladen, und siehe da: Der Pegel liegt bei konstanten 99 Dezibeln. Da darf man mal ganz kurz raten, wo die gesetzliche Obergrenze für den Geräuschpegel in Game Centers in Japan liegt, in denen auch Kinder spielen dürfen. Immerhin ist das ein bisschen leiser als in Pachinko-Hallen, denn dort geht es bis 110 Dezibel hoch.

Als Vergleich einmal die Beschreibung der Laustärke in der Süddeutschen:

80 bis 100 dB (A) erreichen vorbeifahrende LKWs, Motorsägen oder Winkelschleifer. Hier droht bei Dauerlärm bereits der Gehörschaden.

beziehungsweise von 110 Dezibel:

Bei 110 dB (A) ist die Schmerzgrenze erreicht. Kreissägen und Presslufthämmer liegen in diesem Bereich, aber auch der Lärm in Diskotheken oder die Musik aus dem Walkman.

Kein Ort also, an dem man sich freiwillig länger aufhalten möchte. Bei Kindern ist jedoch etwas ganz erstaunliches festzustellen: Sonst überaus geräuschempfindlich, scheint ihnen dank Reizüberflutung die Lautstärke im Game Center völlig egal zu sein. Wieso sich jedoch so viele japanische Paare zum Date im Game Center treffen, ist mir persönlich etwas schleierhaft, denn eine Unterhaltung ist dort fast unmöglich. Aber vielleicht bin ich da auch nur zu altmodisch. Auf jeden Fall habe ich nach einer guten Stunde im Game Center die Stille der japanischen Schnellstraßen und Einkaufsviertel sehr genossen.

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Weihnachtskrampf Teil Soundso

Dezember 8th, 2016 | 8 Kommentare | 634 mal gelesen

Es ist jedes Mal das Gleiche – Weihnachten kommt mit großen Schritten auf einen zu, und man versucht, irgendwie zumindest ein kleines bisschen Weihnachtsstimmung aufkommen zu lassen. Und wie jedes Jahr scheitere ich daran. Es geht einfach nicht. Wie auch im letzten Jahr waren wir beim Weihnachtsmarkt in Center Kita, und der war dieses Mal sogar noch enttäuschender. Es gibt noch nicht einmal weihnachtliches Essen, von etwas Stolle mal absehen. Zum Weihnachtsmarkt in Roppongi traue ich mich schon gar nicht mehr, denn die Zielgruppe ist offensichtlich ganz was anderes, und mit Kindern kommt man sich dort völlig fehl am Platz vor. Auch einen Adventskranz konnte ich noch nicht auftreiben. Kränze gibt es seltsamerweise zuhauf, nur nicht Adventskränze. Vielleicht sollte ich doch mal irgendwann selber einen basteln? Immerhin haben wir aber einen formidablen Weihnachtsbaum, den wir im letzten Jahr gekauft haben und nun mühsam zu trimmen versuchen, damit er ja nicht zu gross wird.

Instantnudeln mit Erdbeeren, Zucker und Vanillemayonnaise

Instantnudeln mit Erdbeeren, Zucker und Vanillemayonnaise

Weshalb ich aber doch wieder auf das Thema Weihnachten zurückkomme, ist ein Fund im hiesigen Convenience Store. Zur Erklärung erstmal: Zu Weihnachten isst man in Japan gern ショートケーキ shŌto kēki (shortcake) – eine mehrlagige Torte aus leichtem Teig, süßer Sahne und Erdbeeren. Denn jetzt beginnt die Erdbeersaison in Japan. Der Instantnudelhersteller Meisei kam nun auf den grandiosen Gedanken, diesen Klassiker mit einem anderen Klassiker zu paaren – Instantnudeln eben. Et voilà: Da haben wir den Salat. Instantnudeln mit gefriergetrockneten Erdbeeren, Kristallzucker und, denn das gehört zu der „Ippei-chan“-Reihe einfach dazu, Mayonnaise – in diesem Fall mit Vanillegeschmack. Der Hersteller hat übrigens schon vorher etwas ähnliches versucht: Instantnudeln mit Schokoladensauce.

Würde sich jemand mit diesen Nudeln neben mich setzen – ich würde es wahrscheinlich probieren. Aber zum selber kaufen fehlt mir einfach mal der Mut, zumal ich das ganze nicht zuordnen kann. Zum Mittagessen ist es zu süss, zum Snack zu viel. Ansonsten kann ich aber die meisten anderen Varianten von Ippei-chan ruhigen Gewissens empfehlen. Das war es dann also auch gleich: Das diesjährige Weihnachtshighlight in Japan.

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