Der Mandarake-Vorfall oder die Rückkehr des Prangers

August 19th, 2014 | Tagged , | 2 Kommentare | 384 mal gelesen

Mandarake-Webseite mit Übeltäter

Mandarake-Webseite mit Übeltäter

In der vergangenen Woche entbrannte eine interessante gesellschaftliche Diskussion in Japan, die man so auch schon aus anderen Ländern kennt: Das öffentliche Anprangern von Übeltätern. Dieser mittelalterliche Brauch ist ja bereits hinlänglich aus Großbritannien und den USA bekannt – vor allem im Zusammenhang mit Menschen, die durch Kindesmißbrauch polizeilich belangt wurden.

Der Anlass in Japan ist geringer, aber die Diskussion darum nicht minder aufschlussreich. Den Stein des Anstosses lieferte ein Ladendieb: Jener liess aus einer Filiale der Mandarake-Ladenkette einen rund 50 Jahre alten Spielzeugroboter mitgehen. Mandarake verkauft alles rund um Manga und japanische Spielzeuge, und der Roboter (“Buriki no Tetsujin #28″) wurde für 250’000 yen, also fast 2’000 Euro, zum Verkauf angeboten.

Videokameras haben den Täter erfasst, und Mandarake liess sich etwas Neues einfallen: Man veröffentlichte das Foto des vermeintlichen Täters auf der eigenen Webseite – stark verpixelt, wohlbemerkt. Dazu schrieb man, dass man das unverpixelte Foto hochladen werde, wenn sich der Täter bis Mitternacht in einer Woche nicht melde und das Diebesgut zurückgebe. Dies wurde von den Medien aufgegriffen, so dass auch die Polizei hellhörig wurde. Und letztendlich Mandarake bat, auf die Veröffentlichung zu verzichten. Rechtsexperten merkten an, dass die ungewöhnliche Maßnahme selbst ein Straftatbestand sein könnte (名誉毀損 – Diffamierung und/oder 恐喝 Erpressung). Die Seite auf Mandarake befindet sich hier.

Die Reaktionen sind gemischt, aber es dürfte klar sein, dass viele Menschen, allen voran Ladenbesitzer, der Maßnahme eher wohlgesonnen gegenübersteht. Ladendiebstähle (万引き manbiki) sind auch in Japan ein Problem, wenn es auch kleiner zu sein scheint als in Deutschland. Dort fühlte ich mich in manchen Läden so, als ob ich einfach nur als potentieller Dieb und nicht als Kunde betrachtet werde, aber in Japan bemerkt man als normaler Kunde – gottseidank – kaum etwas. Mir sind hier zumindest noch keine Ladendetektive aufgefallen, und auch sonst scheinen, von kleinen Kameras an allen Ecken und Enden mal abgesehen, die Sicherheitsmaßnahmen eher lasch zu sein. Höchstens der Kaviar ist in einer besonderen Box abgeschlossen, und CD- und DVD-Hüllen sind bei Book Off, dem Antiquariat für alles, leer, aber sonst… In Japan ist es mir sogar bereits eins, zwei Mal passiert, dass ich beinahe unbewusst zum Ladendieb wurde: Da die Läden manchmal so dicht beisammen stehen, dass man nicht merkt, wann man den Laden verlassen hat, stand ich auch schon mal mit unbezahlten Artikeln weit ausserhalb des Ladens – und hätte einfach nur weiterlaufen müssen. Was ich freilich lieber sein lasse.

Ist Mandarake nun also im Recht, so etwas zu tun? Irgendwo schon. Und doch: Sollte dies um sich greifen, wird es nicht lange dauern, bis irgendwann mal zu unrecht angeprangert wird. Und dann ist das Geschrei gross. Also lassen wir lieber die Kirche im Dorf oder den 神社 im 集落.

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Feldbericht: Präfektur Niigata

August 16th, 2014 | Tagged | 5 Kommentare | 902 mal gelesen

Auf die Frage an die Leser, wohin sie mich denn schicken würden, wollten mich ein paar Leser zur Atomruine nach Fukushima schicken – andere hingegen nach Niigata. Da ich es mir schwer vorstelle, ohne eigenes Vehikel in Fukushima viel ausrichten zu können, zog ich nun also nach Niigata.
Die Präfektur hatte ich in der Tat bisher vernachlässigt. Vor über 10 Jahren, damals noch lediglich ein Kurzzeitbesucher und so mit dem Railpass bewaffnet, fuhr ich einmal mit den Shinkansen nach Niigata Stadt und am Abend wieder zurück. Zu Beginn dieses Jahres folgte dann ein Skiausflug nach Yuzawa.

Die jetzige Tour war sehr kurz – drei Nächte, drei Tage, und zeichnete sich vor allem durch mangelnde Vorbereitung aus. So folgte ich dem Tipp, mir mal 燕三条 Tsubame-Sanjō anzusehen, da die Gegend bekannt für die Produktion hochwertiger japanischer Messer und anderer Metallerzeugnisse ist. Das stimmt zwar, aber um es vorzunehmen, lohnt sich ein Besuch nur, wenn man viel Zeit mitbringt und sich ordentlich vorbereitet, sprich, weiss, welche Manufakturen man besichtigen will. Für mich konnte das nur scheitern, da ich erst abends um 7 Uhr ankam und am nächsten Tag die Fähre von Niigata um 12:55 erreichen musste. Denn merke – es ist Obon, und da ist alles ausgebucht.

Schnappschuss aus Tsubame

Schnappschuss aus Tsubame

Tsubame-Sanjō erwies sich als hervorragendes Beispiel misslungener Stadtplanung. Der Bindestrich lässt erahnen, dass es sich eigentlich um zwei Orte handelt: Tsubame im Norden, Sanjō im Süden. Zwischen den beiden Orten baute man irgendwann die Shinkansentrasse und eine Autobahn. Die Konsequenz: Rund um den Shinkansenbahnhof baute man grosse Einkaufszentren und Restaurants en masse, während die Innenstädte mehr und mehr herunterkamen – dort gibt es so gut wie keine Geschäfte mehr. Zumindest Tsubame ist nun offensichtlich klar überaltert, und das gilt für die Infrastruktur, die Häuser und vor allem für die Bewohner. Dass die Gegend so bekannt ist für die Messer- etc.-Produktion, lässt man sich übrigens nicht anmerken – normalerweise werden an den Bahnhöfen in Japan die lokalen Besonderheiten gepriesen, wenn nicht gar verkauft, aber der Bahnhof von Tsubame war einfach nur heruntergekommen.

Nun gut. Mit dem Bummelzug ging es nach einer Nacht in einem stinknormalen Businesshotel nach Yoshida und von dort mit einem anderen Bummelzug nach Niigata. Der dortige, zugebenermassen nicht sonderlich schöne, Bahnhof wird momentan umgebaut, was, ein schönes Chaos im und um den Bahnhof herum zur Folge hatte. Ein kurzes Mittagessen, und weiter ging es mit dem Bus zum Fährterminal. Aus Neugier hatte ich beschlossen, mit der schnellen Fähre hin (ca. eine Stunde, rund 6,500 yen) und der langsamen Fähre (2,720 yen, 2:40 Stunden) zurückzufahren. Die Fähren waren natürlich ausverkauft, aber das war vorher zu erwarten, weshalb ich telefonisch vorbestellt hatte.

Tragflächenboote sind zwar schön schnell, aber man kann natürlich nicht an Deck und sieht nicht viel. Eine Stunde später war ich schliesslich in 両津 Ryōtsu, dem Haupthafen der Insel Sado (佐渡島 Sado-ga-shima). Übersetzt bedeutet der Name “Beide Häfen” – das bezieht sich wahrscheinlich auf die Tatsache, dass der Ort eine schmale Landzunge zwischen Meer und einem See einnimmt. Allzu viel gibt es nicht zu sehen, und so ging es weiter mit dem Bus auf die andere Seite der Insel – nach 相川 Aikawa. Das dauert ebenfalls eine Stunde. Ein Blick aus dem Fenster in Ryōtsu offenbarte ein vertrautes Bild: Nahezu alle Geschäfte waren für immer geschlossen worden, der シャッター通り-Effekt (Rolläden-Strasse, bezeichnet das Geschäftssterben in Innenstädten, da man dort nur noch geschlossene Rolläden sieht) hätte ausgeprägter nicht sein können.

Erzhüttenruine aus der Vorkriegszeit

Erzhüttenruine aus der Vorkriegszeit

Die blitzförmige Insel Sado ist einfach aufgebaut: Gebirge entlang der beiden langen Enden, eine Ebene in der verbindenden Gerade. Dort fuhr der Bus entlang, bevor er gen Norden fuhr. Natürlich ist die Ebene auch am dichtesten besiedelt. Aikawa ist jedoch eher verschlafen, und als ich an der Endhaltestelle ausstieg, stand ich inmitten eines Fischerdörfchens mit nichts herum. Nun war es schon nach 3 Uhr nachmittags, aber mein erklärtes Ziel war es, die Gold-und Silbermine 金山 Kinzan nahe Aikawa zu sehen. Da es weder Busse noch Taxis in der Gegend gibt, lief ich erstmal los und stand nach wenigen hundert Metern bereits vor einer beeindruckenden Industrieruine: Verhüttungsanlagen aus der Zeit vor 1945. Mit Erklärungstafeln in Japanisch und Englisch, und in recht gepflegtem Zustand. Hier hat man sich richtig Mühe gegeben, und die ganze Anlage hat ihren morbiden Charme.

Diesen Berg hat man vor hunderten Jahren regelrecht gespalten

Diesen Berg hat man vor hunderten Jahren regelrecht gespalten

Wenn man von dort noch mal gut 1.5 km die Strasse entlang durch saftig-grüne Wälder bergauf läuft, kommt man zur eigentlichen Goldmine. Die hat man seit 1601 erschlossen, und zwar erst oberirdisch: Man hat, deutlich sichtbar, einen komplettem Berg quasi zweigeteilt. Dann ging es unter der Erde weiter, und einen Teil der Stollen hat man zum Museum ausgebaut. Das schöne daran: Draussen sind es im Sommer schwüle 30+ Grad – unter Tage hingegen 12 Grad. Sehr erfrischend. Die Mine und das drumherum sind alles in allem recht interessant: Heute liegt die Insel Sado zwar nicht am A**** der Welt, aber sehr, sehr nah dran (man muss schon eine Weile paddeln, bis man … In Nordkorea landet), aber vor hunderten Jahren tobte hier der Mob: Zehntausende Arbeiter und die komplette Industrie drumherum (Köche, Regierungsbeamte, Prostituierte…) waren hier zugange, denn so viele Goldquellen hatte Japan nun auch nicht).

Es war nun schon reichlich spät, das Hotel relativ weit weg und Busse Fehlanzeige, also rief ich ein Taxi. Das Hotel war ein typisch japanisches Ferienhotel – Vollpension, Onsen, japanische Zimmer. Sehr seltsam, dort allein zu übernachten. Das Abendessen war gewohntermassen üppig, und da die Gegend für den Fischfang bekannt ist, gab es natürlich auch sehr viel rohen Fisch. Wie auch am Vorabend. Und dem Abend davor. Und dem Abend vor jenem ebenso. Ich liebe rohen Fisch, und vor allem an den ersten beiden Abenden auf Izu war jener sehr erlesen, aber vier Tage in Folge ist herb. Aber mit einem feinen Sake von der Insel passt es schon. Noch ein kurzer Spaziergang am Strand vor Sonnenuntergang, ein ausgedehntes Bad in der heißen Quelle und schon war der Tag vorbei. Ach ja – nachts konnte man vom Hotel aus zwei Tintenfischfangtrawler sehen – zu erkennen am gleissenden Licht, das bis in die Wolken strahlt. Ein unheimlicher Anblick (die Tintenfischboote sieht man sogar aus dem Weltall – siehe hier).

Sonnenuntergang an der Westküste von Sado

Sonnenuntergang an der Westküste von Sado

Der folgende Tag sollte nicht minder vollgepackt sein. Erst ging es mit dem Bus immer die Küste entlang bis 佐和田 Sawata, der Inselhauptstadt. Die ist in etwa so aufregend wie Kleinmachnow (obwohl, das ist ungerecht: Kleinmachnow ist interessanter). Zum nächsten Bestimmungsort, 小木 Ogi, fahren nur drei Busse am Tag. Eigentlich wollte ich mir auch Ogi ansehen anstelle von Sawata. Ich frage einen Taxifahrer, wieviel er für die 30 Kilometer verlangen würde, und er sagte 10’000 Yen, also 75 Euro. Das überraschte mich etwas, denn in vielen Gegenden Japans kann man bei langen Strecken eigentlich verhandeln – nicht so in diesem Fall. Das ist selbst mir zu viel – der Bus kostet 820 Yen – also schreibe ich Ogi ab.

Blick im Morgengrauen auf den Nordteil der Insel

Blick im Morgengrauen auf den Nordteil der Insel

Die Busfahrt von Sawata nach Ogi sollte sich jedenfalls lohnen, denn die Aussicht ist, so man auf der rechten, meerzugewandten Seite sitzt, spektakulär. Saftig-grüne Reisfelder, dahinter das durch Klippen durchstossene Meer und dahinter wiederum über 1’000 m hohe Berge. Im Bus spielen wir derweilen Ringelpietz mit Anfassen: Ich sitze, da ich einer der ersten im Bus war. Und ich schaue ent- und gespannt aus dem Fenster. Dann bemerke ich eine sehr junge, schwangere Frau und biete ihr meinen Sitzplatz an. Bei der nächsten Bushaltestelle werden die beiden einzelnen Plätze vor ihr frei. Ein Pärchen vor mir bemerkt das natürlich auch. Die Frau deutet ihrem Mann an, dass er mir den Platz anbieten sollte, da ich ja meinen gerade geräumt habe. Selbstlos, wie viele japanische Männer halt sind (Hauptsache, ICH habe einen Platz), tut er das mit einem verächtlichen Nicken ab, und schon sitzen die beiden. Auch sie sind nicht von der Insel, und ich habe natürlich nichts dagegen, dass sie da nun sitzen, aber dann geht es los: Er schläft sofort ein, und sie spielt auf ihrem Handy Blubberblasen zerplatzen lassen. Ja, wunderbar! Wenigstens wissen sie ihren Urlaub zu nutzen. Kurze Zeit später wird wieder ein Platz frei, ich sitze wieder, und stehe wieder als einziger auf, als eine tattrige Dame im Schneckentempo den Bus besteigt.

Typisch Sado: Reisfelder, Meer und Berge

Typisch Sado: Reisfelder, Meer und Berge

Kaum in Ogi angekommen, heisst es auch schon, die Autofähre zu besteigen. Da passen gut 1’000 Menschen rein, und offensichtlich auch ein paar Yakuza, die dort schön tätowiert aber leider auch leicht unterbelichtet Sprüche von sich geben. Das sollte an der Stelle mal gesagt sein: Bisher habe ich in all den Jahren in Japan unter den jungen Yakuza noch keine allzu hellen Lichter erlebt, aber das liegt auf der Hand – schliesslich werden die Brüder nicht von den Unis rekrutiert sondern quasi auf, nun ja, speziellen “Bildungswegen”, eher praxisbezogen sozusagen, auf die Arbeit vorbereitet.

Gute 2.5 Stunden später sind wir in 直江津 Naoetsu, einer tristen Industriestadt in Niigata. Die spärlichen Zugverbindungen schenken mir auch hier wieder über eine Stunde Aufenthalt, und ich stromere durch die Innenstadt. Das einzig neue dort ist der Bahnhof, ein kleines Hotel davor und die hässlichste Stahlskulptur, die ich je gesehen habe. Ansonsten stirbt auch hier offensichtlich die Innenstadt – fast alles ist auf ewig geschlossen. Das kleine Viertel mit den dutzenden Snack-Kaschemmen scheint sich dem entgegenzustemmen, aber auch von denen haben etliche schon aufgegeben. Oh, Niigata!

Naoetsu: Waschmaschinen-Direkteinleitung. Das Meer ist ja nicht weit.

Naoetsu: Waschmaschinen-Direkteinleitung. Das Meer ist ja nicht weit.

Noch eine Stunde geht es dann weiter mit dem Zug, Richtung Nagano, aber der Zielbahnhof liegt auf halber Strecke. Er heisst 妙高高原 Myōkō-Kōgen (Kōgen = Plateau). Ein Wintersportort unterhalb des markanten, rund 2’500 Meter hohen Myōkō-Berges. Das ganze erinnert an ein Wintersportort in der Schweiz, nur etwas heruntergekommener, denn auch hier sind die Besucherzahlen ganz offensichtlich während der letzten Jahrzehnte erheblich gesunken. Mein Hotel ist klein und ein Familienbetrieb – die Besitzer sind sehr freundlich, und zum Abend gibt es unter anderem – wer hätte das gedacht – rohen Fisch.

Die Bergwelt  von Niigata

Die Bergwelt von Niigata

Und der Blick Richtung Nagano...

Und der Blick Richtung Nagano…

Am nächsten Tag sollte es eigentlich den ganzen Tag regnen, aber ich habe Glück. Ich laufe ein paar hundert Meter, denn ich will mit einer Seilbahn auf 1’200 Meter Höhe fahren. Plötzlich hält ein Auto – nicht aus der Gegend – an, und die Beifahrerin fragt mich, wo ich hinmöchte. Die Frage ist berechtigt, denn der Bahnhof ist rund 5 km entfernt. Ich bin gerührt und bedanke mich herzlichst, aber ich bin auch dickköpfig und will erst Seilbahn fahren. Danach werde ich dann erwartungsgemäß mit einem 5 km Fußmarsch belohnt, aber das war sehr gut zeitlich abgestimmt. Kaum hatte ich den Bahnhof erreicht, fing es an, in Strömen zu regnen.

Etwas kamerascheu: Der Myōkō-Berg

Etwas kamerascheu: Der Myōkō-Berg

Am Bahnhof spricht mich plötzlich ein sehr alter, adrett aussehender Mann an. Richtig, ihn hatte ich erst am Vortag im gleichen Hotel gesehen. Er spricht recht gut Englisch und sagt, er ist ursprünglich Chemiker, und er hatte im Hotel von der Angestellten (mit der ich mich lang und breit am Abend an der Hotelbar unterhalten hatte) gehört, dass ich Geograph sei, und er hätte da gern meine Meinung zu einem Thema. Es ging ihm um die ideale Endlagerstätte für atomaren Müll, denn er müsse bald darüber einen Vortrag halten. Die Unterhaltung sollte eine geschlagene Stunde – bis Nagano – dauern. Im Laufe der Fahrt stellte sich heraus, dass er emeritierter Professor der Tokyo University (kurz: Tōdai, DIE Eliteuniversität Japans) ist. Die Diskussion war recht interessant – ich war lediglich etwas enttäuscht, als er mir zum Ende erklärte, dass jetzt Obon-Ferien sind und deshalb die Züge so voll sind. Und das, nachdem ich ihm erzählte, dass ich nunmehr seit 10 Jahren in Japan lebe. Und ihm etliche geologische Sachverhalte auf Japanisch erklärte, da er die englischen Fachbegriffe nicht kannte. Das schien ihm vom Automatismus “Ausländer = über Japan vollkommen unaufgeklärtes Wesen” nicht abzuhalten.

So auch noch nicht gesehen: Goldfische (und Karpfen) zwischen den Bahngleisen

So auch noch nicht gesehen: Goldfische (und Karpfen) zwischen den Bahngleisen

Und das war sie auch schon – die dreitägige Kreuz-und-quer-Tour. Wie immer viel zu kurz, aber besser als gar nichts. Fazit über die Insel Sado: Ein sehr schönes, abgelegenes, wildes Reiseziel. Aber ohne eigenes Vehikel (die Insel ist ein Paradies für Rad-, Krad- und Autofahrer) ist es ziemlich schwer, herumzukommen.

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Angriffslustiger Jaguar

August 8th, 2014 | Tagged , | 1 Kommentar | 870 mal gelesen

Neulich fiel mir in Roppongi eine riesengrosse Werbung für Jaguar auf: Der Werbeslogan:

ドイツもこいつも、刺激が足りない。
[doitsu mo koitsu mo, shigeki ga tarinai]

Sehr frei übersetzt: “All den anderen fehlt einfach der Pfiff”.
Ein ganz gewöhnlicher Werbeslogan, erst recht für einen Autohersteller der gehobenen Klasse. Die Wörter “doitsu” und “koitsu” gehören zu den ko-so-a-do-Wörtern, mit denen man ausdrückt, wo sich was oder wer befindet:

ko- bedeutet “hier”, also beim Sprecher
so- bedeutet “da”, quasi in Sichtweite des Sprechers
a- bedeutet weiter weg, meist ausserhalb der Sichtweite
do- wird dafür benutzt, zu fragen, wo etwas ist.

Dementsprechend gibt es kochira/sochira/achira/dochira (hier, dort, da drüben, welches?) oder eben koitsu (der Typ hier), soitsu (der Typ da), aitsu (der – nichtanwesende – Typ) und doitsu (eigentlich: welcher Typ?”). Ich benutze bewusst das Wort “Typ”, da “aitsu” usw. wirklich in dieser Nuance benutzt werden.

Jaguar-Werbung in Japan

Jaguar-Werbung in Japan

Zurück zur Werbung: “doitsu mo koitsu mo” bedeutet eigentlich “all die Typen”. Das schöne am obigen Slogan ist allerdings, dass man “doitsu” mit Katakana schreibt, und das macht man eigentlich nur bei Fremdnamen. So geschrieben, bedeutet “doitsu” schliesslich “Deutschland”.

Mit diesem meines Erachtens durchaus einfallsreichen Spruch versucht sich Jaguar, an der deutschen Konkurrenz zu reiben. Da haben sie allerdings reichlich viel zu tun, da deutsche Autos – allen voran Mercedes, seit einiger Zeit sehr stark auch Audi sowie BMW und Porsche – in Japan über alle Masse hinaus beliebt sind. Von daher kann das der deutschen Konkurrenz ziemlich egal sein. Die ist sowieso nicht faul und bringt in Japan recht ansprechende Werbung heraus: Siehe unten, mit Super Mario:

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Hilfe: Reiseziel gesucht

Juli 31st, 2014 | 12 Kommentare | 3106 mal gelesen

Zwei Tage Shimoda auf Süd-Izu mit Kind und Kegel stehen schon mal fest. Danach geht es unter Umstände allein weiter für drei oder vier Tage. Aber wohin? Auf die Tokyoter Insel Niijima? Keine Übernachtung mehr frei. Nach Kamikōchi zum Bergwandern in die japanischen Alpen? Vielleicht. Aber sollte ein Taifun durchziehen, hat sich das schnell erledigt. Oder nach Niigata, vielleicht sogar auf die Insel Sadogashima? Oder die Pazifikküste hoch bis ans AKW in Fukushima, um vielleicht eine Reportage über die jetzige Lage zu schreiben? Oder mit langsamen Zügen durch Shizuoka und Toyama zuckeln? Ich bin noch immer unentschlossen.
An dieser Stelle deshalb ein Aufruf: Wohin würdet Ihr mich schicken? Was könnt Ihr unbedingt empfehlen abseits der üblichen Sehenswürdigkeiten? Einzige Bedingung: Es sollte nicht weiter als 300 km von Tokyo entfernt liegen.

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Junge Psychopathen

Juli 29th, 2014 | Tagged , | 17 Kommentare | 3400 mal gelesen

Briefe des Kobe-Mörders

Briefe des Kobe-Mörders

Es war 1997, und ich hatte gerade damit begonnen, Japanisch zu lernen. Unsere Lehrerin legte uns damals gelegentlich Nachrichtenartikel vor, und einer blieb mir in bleibender Erinnerung – es ging um einen Mordfall in Kōbe. Der Mörder gab sich den Namen 酒鬼薔薇 聖斗 Sakakibara Seito und hatte es vor allem auf Kinder abgesehen. Drei Kinder wurden von dem Täter zum Teil schwer verletzt, zwei überlebten nicht. Seinem letzten Opfer, einem 11-jährigen Jungen, trennte der Mörder den Kopf ab und legte ihn, nachdem er die Augen entfernt und das Gesicht verstümmelt hatte, mit einem Bekennerschreiben im Mund vor die örtliche Schule. Das Bekennerschreiben ebenso wie Briefe an die Presse waren ziemlich kryptisch, wohl formuliert und furchteinflössend da vom Inhalt her abgrundtief böse. Die Besonderheit an der Tat: Der Mörder war gerade mal 14 Jahre alt (eine sehr ausführliche Beschreibung des Vorfalls gibt es hier auf Japanisch und hier, wenngleich viel kürzer, auf Englisch).

Vorgestern kam es zu einem anderen Mord, der mich sofort an den Artikel zurückdenken liess. In Sasebo, bei Nagasaki, ermordete eine 15-jährige Mittelstufenschülerin ihre Klassenkameradin und trennte der Leiche danach in ihrem eigenen Zimmer den Kopf und die linke Hand ab. Da sie die Tat in einem einschlägigen Forum (das berüchtigte 2-Channel) schilderte und die Klassenkameradin vermisst wurde, führte die Spur am nächsten Morgen zur Täterin. Die bereute in einem ersten Gespräch mit der Polizei wohl nichts und gab an, schon immer mal so etwas machen wollte. Wahrscheinlich kein Zufall ist bei diesem Geschehen die Tatsache, dass im selbigen Sasebo vor 10 Jahren, also 2004, eine 12-jährige Schülerin eine Mitschülerin erstach. Im vorgestrigen Fall wurde klar, dass die beiden in die gleiche Klasse gingen und gleiche Leidenschaften teilten. Die Mutter der Täterin verstarb vor einem Jahr an Krebs, und der Vater heiratete kurz darauf eine andere Frau.

Aus diesen Fällen kann man natürlich keine grossen Schlüsse ziehen, aber diese Fälle sind natürlich furchteinflössend – zumal sie ja von Kindern begangen wurden, die nicht wegen Mordes angeklagt werden können. Auch der Kōbe-Mörder ist seit Jahren auf freiem Fuss und angeblich nahezu vollständig resozialisiert. Da er zur Tatzeit minderjährig war, darf sein wahrer Name nicht bekanntgegeben werden. Aber dass die Leute Angst haben, er könnte heute in unmittelbarer Nachbarschaft leben, ist natürlich verständlich: Und so bietet Google, wenn man nach dem oben genannten Zwischenfall (offizielle Bezeichnung: “Kōbe Serienkindermord-Vorfall”) sucht, sofort als Suchhilfe den Begriff “wahrer Name” an: Den findet man freilich nicht, aber es ist klar dass viele Menschen nach eben dieser Information suchen.

Ob ein Kind, dass eine solche Tat begangen hat, je ein “normaler” Mensch, was auch immer das sein mag, werden kann, wage ich hindes nicht zu beurteilen. Als Mensch sage ich ja, als Vater zweier Kinder wohl doch eher nein…

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“Spice” oder “Wie schnell reagiert die Legislative?”

Juli 23rd, 2014 | Tagged | 4 Kommentare | 4281 mal gelesen

Warnung: 'Lass Dich vom Begriff Legal nicht täuschen!'.

Warnung: ‘Lass Dich vom Begriff Legal nicht täuschen!’. Quelle: yusa007.exblog.jp/22901858/goho

Seit etlichen Wochen schiesst sich die japanische Presse auf eine angeblich biologische, aber Untersuchungen zufolge wohl doch eher synthetische Droge namens Spice ein. Die ist in Japan seit ein paar wenigen Jahren zunehmend populär, wobei jedoch zunehmend populär nicht bedeutet, dass Millionen Menschen darauf “fliegen”. Spice ist hierzulande übrigens unter dem holprigen Namen 脱法ハーブ dappō haabu bekannt – wörtlich “Gesetz – fliehen – Kräuter”, bzw. Gras, dass das Gesetz umgeht. Den Spicehändlern ist der Name natürlich unangenehm – man bevorzugt die Bezeichnung 合法ハーブ – gōhō haabu, wörtlich “legales Gras”.

Entwicklungen dieser Art sind vor allem in Japan interessant zu beobachten. Schliesslich stellen Gesetz und öffentliche Meinung hier bereits Marihuana auf eine Stufe mit Heroin, Kokain und Co. Drogen sind in Japan Drogen und als solche allesamt absolut abzulehnen (ungeheure Mengen von Alkohol und Nikotin sind hingegen völlig in Ordnung – man muss natürlich Prioritäten setzen und klare Grenzen ziehen). Doch die Legislative in Japan ist, gelinde gesagt, relativ träge, und so dauert es jeweils eine ganze Weile, bis der Gesetzgeber der Stimme des Volkes (besser, der Stimme der Presse) folgt und handelt. Das war dereinst schon mit den magic mushrooms so – die wurden bereits 1993 in Deutschland verboten; waren aber in Japan erstaunlicherweise bis 2002 völlig legal. In Deutschland wurde der Handel mit Spice 2009 verboten – in Japan wird es bis zum Verbot wohl noch ein bisschen dauern. Sollten sich jedoch Unfälle wie der in der vergangenen Woche mehren, bei dem ein unter Spice stehender Autofahrer auf einer belebten Strasse die Kontrolle über sein Auto verlor, einen Passanten tötete und 6 zum Teil schwer verletzte, wird die Politik schneller als üblich reagieren müssen. Bis dahin werden diverse Spice-Automatenaufsteller oder Online-Versandhändler wie dieser hier noch versuchen, Kasse zu machen.

Da Spice aber bereits mit dem Namen “脱法” – dem Gesetz entrinnen – einen nach Illegalität riechenden Namen verpasst bekommen hat, wird die Droge (oder Nichtdroge, wie man es eben betrachtet) sowieso nicht weit kommen in Japan. Da bleibt man dann doch eher beim Alkohol.

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Buchrezension: “Der lange Atem” von Nina Jäckle

Juli 17th, 2014 | Tagged , , | 3 Kommentare | 2073 mal gelesen

"Der lange Atem" von Nina Jäckle. ISBN: 9783863510770

“Der lange Atem” von Nina Jäckle. ISBN: 9783863510770

Eigentlich habe ich mich innerlich dagegen gesträubt, dieses Buch zu lesen. Eine deutsche Autorin beschäftigt sich da aus der Ferne mit der nur gut drei Jahre zurückliegenden und damit noch recht jungen Dreifachkatastrophe im Nordosten Japans. Was soll das werden? Eine Anreihung von Vermutungen? Phantasievoll ausgeschmückte Berichte vom Leben nach dem Tsunami? Moralinsaure Abhandlungen über Fukushima? Wer lange in Japan lebt, die Sprache spricht und die Kultur kennt, und zudem auch noch die Katastrophengebiete – vor und nach der Katastrophe – gut kennt, dürfte ähnlich empfinden.

Das Buch erzählt über das Leben nach der Katastrophe aus der Sicht eines Phantombildzeichners, der anhand von Photos unidentifizierter, oder um genauer zu sein, unidentifizierbarer Opfer Gesichter rekonstruiert, um den namenlosen Toten ihren Namen zurückzugeben. Der Hintergrund ist real – noch heute versucht die japanische Polizei, unter anderem hier, auf diese Art Opfer zu identifizieren. Sicher, Phantombildzeichner sind einiges gewohnt, aber die schiere Menge der Opfer dürfte auch die abgebrühtesten ihrer Art auf eine Belastungsprobe gestellt haben.

Aber zurück zum Buch. Gottseidank hält sich die Autorin mit dem Versuch, die japanische Kultur und Denkweise zu ergründen, zurück. Stellenweise tauchen Besonderheiten auf, an denen man ablesen kann, was genau recherchiert wurde oder auf welche Nachrichten zu jener Zeit die Autorin zurückgegriffen hat. Aber im wesentlichen lässt sie die Nationalität und Kultur aussen vor und beschreibt das allzu Menschliche: Der Schock über das plötzlich Verlorene. Die Ohnmacht, die Menschen befällt, wenn auf einen Schlag nichts so ist, wie es einmal war. Und das beginnt in dem Roman so:

Es war der elfte März, und das Meer atmete aus, ins Land hinein atmete es aus und dann atmete es tief wieder ein.

Diese einerseits recht allgemein gehaltene, und trotzdem sehr ausdrucksstarke Sprache war für mich das besondere an diesem Buch. An die Ich-Erzählweise hat man sich schnell gewöhnt, und auch daran, dass viele Sätze mit “Meine Frau” beginnen, was – da bin ich dann plötzlich konservativ, wenn ich das aus der Feder einer Autorin lese – mich anfangs irritierte. Doch die Art und Weise, wie sich Konflikte in dem Buch aufbauen, ist sehr gelungen beschrieben und treibt an zum Weiterlesen.

Was mich vor dem Lesen am meisten interessierte, war die Bedeutung, die Fukushima zugemessen werden sollte. Wir erinnern uns: Während in Japan fast 20,000 Menschen hauptsächlich durch den Tsunami ums Leben kamen, hallte nur der Name Fukushima durch die deutsche Presse und liess alles andere beinahe vergessen. Und siehe da, gleich zweimal ist da die Rede von mutierten Schmetterlingen oder Sätzen wie:

Aus den Wörtern Jod, Cäsium und Plutonium werden bald die Abzählreime sein, die Kinder lernen schnell.

Das klingt zwar sehr poetisch, aber genau das ist eben alles andere als Japanisch. Genau dies oder ähnliches wird nicht passieren, und die mutierten Schmetterlinge tauchten auch nur ein einziges Mal in den Nachrichten auf – mit genügend skeptischen Stimmen darüber. Den folgenden Satz mit Hinblick auf den nuklearen Teil der Katastrophe könnte man hingegen passender nicht schreiben:

Es sind noch lange nicht alle Verletzten geboren worden, heißt es.

Überhaupt – beim Lesen traf ich gelegentlich auf unübliche, nachdenklich stimmende Sätze, die mir in ihrer Art gefielen – darunter zum Beispiel diesen hier:

… und wer setzt sich hinter dich, rufen draußen die Kinder. Es ist das Meer, rufen die Kinder nicht.

Fazit: Dieser lediglich 170 Seiten lange Roman aus dem Verlag Klöpfer & Meyer ist eine nachdenlich stimmende und gut recherchierte Lektüre zum Thema 11. März 2011 – ob man nun viel mit Japan zu tun hat oder nicht.

Mehr über die Autorin Nina Jäckle erfährt man hier. Und das Buch gibt es natürlich beim gut sortierten Buchhandel oder bei Amazon.

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Benesseleaks | WM | Taifun “Neoguri”

Juli 11th, 2014 | Tagged , , | 4 Kommentare | 4711 mal gelesen

Zum Fortlaufen; Datenschutz bei Benesse

Zum Fortlaufen; Datenschutz bei Benesse

In dieser Woche ist mal wieder einiges los. Da wäre der Datenskandal um den Giganten unter den Bildungsanbietern – bekannt unter dem Namen Benesse – der scheinbar nur durch Zufall aufgedeckt wurde. Demzufolge wurden die Daten von mindestens 7.6 Millionen, maximal sogar bis 20.7 Millionen Kunden unrechtmässig an einen anderen Bildungsanbieter namens Justsystems weitergegeben¹. Skandale dieser Art sind eigentlich nichts Neues, aber die Dimensionen sind schon enorm: Bis zu 20.7 Millionen Kunden. Das ist also jeder sechste Japaner. Man vermutet, dass ein Insider die Daten kopiert und an einen Datenhändler verkauft hat. Jener hat diese dann an Justsystems verkauft, wobei Justsystems darauf besteht, von all dem nichts gewusst zu haben. Aber sicher doch! Da kauft man Millionen von Datensätzen von bekanntermassen bildungshungrigen Japanern, und fragt nicht, woher die Daten kommen bzw. – und das ist der Punkt, wo es strafbar wird – nicht nachfragt, ob denn die Kunden hinter den Daten wirklich der Datenweitergabe zugestimmt hätten. Haben wir zumindest nicht – ich kenne Benesse und deren aggressives Marketing aus meinem Beruf und hätte niemals meine Daten bei denen eingegeben, aber leider hatte ich das nicht meiner Frau mitgeteilt, und so werden wir womöglich auch bald Post von Justsystems bekommen.

Public Viewing in Roppongi am 5. Juli

Public Viewing in Roppongi am 5. Juli

Jaja, die WM. In der vergangenen Woche hatte ich mich dazu durchgerungen, nach einem 14-stündigen Meeting- und Programmiermarathon in die letzte Bahn nach Roppongi zu setzen (eine Station vom Büro entfernt), um dort einer von Doitsunet organisierten Public Viewing-Party beizuwohnen. Deutschland gegen Frankreich. Ich habe keine Ahnung, wie viele Menschen dort waren, aber es waren schätzungsweise weit über 100 – ungefähr die Hälfte davon Landsleute. So viele Deutsche hatte ich seit rund einem Jahr nicht mehr auf einem Haufen gesehen. Die Stimmung war dem Ergebnis entsprechend gut, auch wenn die Wirte das auszunutzen wussten: Fassbier und Flaschenbier für 500 Yen (knapp 4 Euro) war a) nur nach grossen Gedränge und b) nur für begrenzte Zeit erhältlich – danach gab es nur noch Flaschenbier für den doppelten Preis. Aber egal: Die Stimmung war gut. Das nächste Spiel gegen Brasilien habe ich mir dann dummerweise aufgrund eines anstrengenden, folgenden Tages erspart – schliesslich begann das Spiel ja erst um 4 Uhr morgens in Japan. Tja, Pech gehabt: Hätte ich mal die richtigen Prioritäten gesetzt…

Wer in Tokyo weilt und das Finale am Montag morgen nicht allein sehen möchte, dem sei das Public Viewing in Shibuya anempfohlen – Anmeldung und mehr Infos siehe hier. Ob ich es wohl schaffe?

Mitten in der Regenzeit sucht momentan Taifun Nr. 8, Rufname Neoguri, Japan heim, und er nimmt gleich das ganze Land mit – von Okinawa bis hoch nach Hokkaido. 7 Tote hat er hinterlassen und zahlreiche Verwüstungen in Okinawa und Kyushu. In ein paar Stunden soll er Tokyo erreichen – allerdings schon deutlich geschwächt, so dass in Kanto ausser schwerem Regen am frühen Morgen nicht allzu viel passieren sollte. Und wenn wir eines gewohnt sind in den letzten paar Wochen, dann ist es Regen: Die diesjährige Regenzeit macht ihrem Namen wirklich alle Ehren. Dummerweise könnte die Regenzeit mit dem Durchzug des Taifuns abrupt aufhören, und was folgt, ist bedrückend schwüle Hitze. Nun ja, jedes Jahr das Gleiche.

¹Siehe unter anderem Japan Times vom 10. Juli 2014: Justsystems accused of abusing customer data from Benesse.

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So heult man sich viral

Juli 7th, 2014 | Tagged | 3 Kommentare | 5107 mal gelesen

Seit einigen Tagen macht ein YouTube-Video in Japan die Runden – es zeigt einen 47-jährigen Abgeordneten des Präfekturparlaments von Hyōgo (dort befindet sich unter anderem die Stadt Kōbe) bei einer Pressekonferenz. Hauptthema der anberaumten Pressekonferenz war die Tatsache, dass der Abgeordnete Nonomura im Verdacht stand, innerhalb eines Jahres rund 3 Millionen Yen (gut 20,000 Euro) veruntreut zu haben. Genauer gesagt ging es um zweifelhafte Spesenabrechnungen in 195 Fällen (nicht schlecht bei 365 Tagen im Jahr), da es meistens um Ausflüge zu heissen Quellen usw. ging. Letztendlich wurde er – aus mir nicht bekannten Gründen – vom Vorwurf freigesprochen, und so kam es zu der hier nunmehr schon legendären Pressekonferenz. Wer es nicht gesehen hat – hier ein Ausschnitt:

Es ist recht zusammenhangloses Zeug, was der gute Mann da zwischen den Heulkrämpfen zusammenstammelt: Vom Problem der Überalterung der Bevölkerung ist die Rede, davon, dass er einen Unterschied machen wollte und so weiter.
Vor dem Geheule wurde er zu den Vorwürfen befragt, doch seine Erklärungsversuche sind schlichtweg stupide: Er hätte gedacht, die Spesen nicht belegen zu müssen. Er dachte, es sei genug, sich Notizen von den Spesen zu machen (und daraufhin gefragt, ob er die Notizen noch habe, erwidert er dreist, er hätte sie weggeworfen). Er sei immer erster Klasse gefahren, um sofort aus dem Zug springen und loslegen zu können. Problem an der Sache: Er ist Präfekturpolitiker, doch sehr viele seiner Touren führten ihn in andere Präfekturen.

Kurz und gut – hier bellte ein getretener Hund, und der gute Mann ist an Dreistigkeit nicht zu überbieten. Wenn das die neue Politikergarde des Landes ist, dann gute Nacht Japan.nonomura

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Selbstverbrennung in Shinjuku und eine gewichtige Entscheidung

Juli 1st, 2014 | Tagged , | 14 Kommentare | 7166 mal gelesen

Auf diesem Blog ist das Thema eigentlich schon ein alter Hut, aber morgen wird es ernst: Mit einem gewieften Trick soll morgen die pazifistische Verfassung ausgehebelt werden. Artikel 9 der japanischen Verfassung besagt,

1) In aufrichtigem Streben nach einem auf Gerechtigkeit und Ordnung gegründeten internationalen Frieden verzichtet das japanische Volk für alle Zeiten auf den Krieg als ein souveränes Recht der Nation und die Androhung oder Ausübung von militärischer Gewalt als ein Mittel zur Regelung internationaler Streitigkeiten.

2) Zur Erreichung des Zwecks des Absatz 1 werden Land-, See- und Luftstreitkräfte sowie andere Kriegsmittel nicht unterhalten. Ein Kriegsführungsrecht des Staates wird nicht anerkannt.

Will heissen, Japan darf nicht Krieg führen. Und keine Armee unterhalten. Aber das möchten konservative Kreise und natürlich allen voran die politische Rechte schon lange ändern. Nun gibt es schon seit langem grossen Widerstand gegen eine Verfassungsänderung. Morgen soll dazu ein erster, grosser Schritt erfolgen. Es geht genau genommen um die Etablierung des 集団自衛権 (Shūdanteki Jieiken) – Recht auf kollektive Selbstverteidigung. Um konkret zu werden: Die USA sind Japans wichtigster Verbündeter. Greift eine andere Macht Japan an, ist die USA verpflichtet, beizuspringen. Greift jedoch eine andere Macht die USA an, ist es Japan verboten, aktiv dem Verbündeten zu helfen. Passiv, zum Beispiel mit militärischen Tankflugzeugen usw., ist dies zum Beispiel im 2. Irakkrieg jedoch schon erfolgt.

Ministerpräsident Abe und seine Regierung möchten nun in einer ausserordentlichen Sitzung des Parlamentes am 1. Juli diese Situation “korrigieren”. Da eine Verfassungsänderung jedoch ziemlich schwierig ist, greift man in die Trickkiste: Sicher, es gibt Artikel 9. Es gibt aber auch Artikel 65 in der Verfassung, und der besagt kurz und knapp:

行政権は、内閣に属する。 – Die vollziehende Gewalt liegt bei dem Kabinett.

Und so beschliesst man morgen also mit einer bequemen Mehrheit im Parlament, die Art und Weise, wie die Verfassung interpretiert wird, zu ändern: Artikel 65 sticht Artikel 9 aus. Ganz einfach. Dass nur ein Drittel der Bevölkerung dies für gut befindet und eine Hälfte schlichtweg dagegen ist¹, ist den regierenden Liberaldemokraten dabei so ziemlich egal.

Das ganze geht nicht ohne Proteste vonstatten: Heute demonstrierten tausenden – genaue Zahlen muss ich leider schuldig bleiben – vielerorts, unter anderem vor der Residenz des Ministerpräsidenten, gegen die heraufziehende Abstimmung. Schade nur, dass die Ministerpräsidenten schon seit ein paar Jahren nicht mehr in der Residenz wohnen, da es dort angeblich spuken soll. Aber das ist natürlich nur ein Gerücht.

Gestern, am 29. Juni 2014, kam es zudem zu einem aussergewöhnlichen Zwischenfall am Südausgang des weltweit belebtesten Bahnhofs – Shinjuku. Ein Mann postierte sich dort gegen 1 Uhr nachmittags mit einem Megaphon auf einer Fußgängerbrücke und begann, gegen die Entscheidung zu protestieren. Das ging eine Stunde lang so, und in dieser Zeit bereitete die Feuerwehr Luftkissen und ähnliches vor. Gegen 2 Uhr übergoss sich der Mann plötzlich mit einer braunen Flüssigkeit und zündete sich an (wer sich das unbedingt ansehen muss – es gibt natürlich alles auf YouTube² – schliesslich ist Shinjuku um diese Tageszeit voller Menschen). Die Feuerwehr war natürlich in Sekundenschnelle dabei, den Mann zu löschen. Jener kam schliesslich mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus, soll aber ansprechbar sein. Interessant ist dabei, dass das geplante Opfer zwar auf viel Interesse in ausländischen Medien stiess, in den japanischen Mainstream-Medien jedoch kaum ein Echo fand.

Politische Auffassung hin oder her – dass Japan der Krieg in der eigenen Verfassung verboten wird, hat seine Gründe. Prinzipiell ist ja gegen das Recht auf Selbstverteidigung nichts einzuwenden. Aber der Gedanke an das folgende Szenarie macht schon bange: Irgendwie schafft Nordkorea es, ein amerikanisches Schiff zu versenken oder es erklärt den USA einfach so den Krieg. Japans Falken beschliessen, dass der Bündnisfall damit geschaffen ist, und lassen die zur Armee verwandelten Selbstverteidigungskräfte anlanden. Und schon stehen japanische Soldaten zwischen China und Südkorea. Beziehungsweise dort, wo meinetwegen jeder sein darf – nur kein japanischer Soldat.

¹ Siehe Nikkei Shimbun vom 29. Juni 2014
² Siehe unter anderem hier

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