Pokémon Go überall – nur nicht in Japan. Was ist da los?

Juli 19th, 2016 | Tagged , | 7 Kommentare | 580 mal gelesen

App Store Japan: Lauter Pokemon Go-Guides aber kein Pokemon Go

App Store Japan: Lauter Pokemon Go-Guides aber kein Pokemon Go

Nintendo scheint mit seiner Pokemon-App mal wieder einen besonderen Nerv getroffen zu haben. Wenn man den Fernsehberichten Glauben schenken darf, ist das Spiel ein absoluter Renner – jedenfalls dort, wo es zu haben ist. Und Japan gehört lustigerweise nicht dazu. Und nicht nur das – ein Datum für die Veröffentlichung steht noch nicht einmal fest. Gerüchten zufolge soll es im Juli so weit sein, aber so genau weiss man das scheinbar noch nicht.

Warum die Verspätung? Immerhin ist dies doch Pokemons Heimatland! Nun, zum einen wird vermutet, dass Nintendo noch untersucht, ob das Spiel möglicherweise von den Behörden reguliert werden könnte. Nachrichten von verunfallten Pokemon Go-Spielern im Ausland werden auch in Japan mit grossem Interesse vernommen, und die Idee, dass eine Behörde das Spiel verbietet, ist nicht ganz abwegig: 安全第一 – anzen daiichi (safety first) ist ein in Japan immer und überall wiederholtes Mantra. Ob sich mit Veröffentlichung des Spiels jedoch wirklich was zum Schlechten ändert, darf man bezweifeln: Schon jetzt läuft geschätzt die Hälfte aller Japaner mit den Klüsen auf den Miniapparat gerichtet durch die Gegend. Die andere Hälfte ist bemüht, jener Hälfte auszuweichen, und das ist im Stadtzentrum von Tokyo nicht immer ganz einfach.

Andere Gerüchte besagen, dass das Patent noch nicht anerkannt worden ist oder dass die Server-Architektur noch nicht steht. Da müssen sich die Fans dann also wohl oder übel noch gedulden. Da aber schon jetzt, auch dank der Nachrichten, ein Riesenrummel um das nicht erhältliche Spiel herrscht, dürfte die Veröffentlichung in Japan ungehend alle Rekorde brechen.

Zur gleichen Zeit werden in China (auch dort ist das Spiel noch nicht erhältlich) Stimmen laut, die vor dem Spiel warnen¹ – das ganze sei womöglich ein von Japanern und Amerikanern gemeinsam entwickeltes trojanisches Pferd, mit dem Google und wer auch immer die Google-Daten mitliest geschickt Menschen so manipulieren kann, dass sie unwissenderweise zu Kundschaftern werden. Das klingt nach einer gesunden Portion Paranoia, aber bei rechtem Licht betrachtet muss man nicht lange überlegen, um das Potential zum Mißbrauch zu erkennen. Und Spiel hin oder her – der Gedanke, dass mein Telefon, zwei Softwaregiganten und mir unbekannte Algorithmen mir befehlen, wo ich als nächstes hingehen soll, ist mir auch nicht gerade geheuer. Aber davon einmal abgesehen ist die Idee als solche schlichtweg bahnbrechend.

¹ Siehe unter anderem hier

Teilen:  

Dankt der Kaiser ab? Das baldige Ende einer Zeitrechnung

Juli 15th, 2016 | Tagged | 1 Kommentar | 385 mal gelesen

Name: Akihito.
Jahrgang: 1933.
Alter: 82 Jahre
Beruf: Japanischer Kaiser.
Berufsantritt: 1989.

Stimmen die Überlieferungen, so ist der jetzige Tennō der 125. in einer direkten Linie japanischen Kaiser – den ersten Kaiser kröhnte man wohl im 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung – obwohl es diesbezüglich auch Zweifel gibt. Bis 1945 war der Tennō nicht nur ein Kaiser, sondern gleichsam eine Gottheit und Hohepriester des Shintōismus. Seit 1945 ist der Tennō jedoch das, was der Bundespräsident für Deutschland ist. Der höchste Repräsentant des Landes. Und da der Kaiser ein Kaiser auf Lebenszeit ist, kann man gut nachvollziehen, dass derselbige sich mit 82 Jahren – nach Herzoperationen, Lungenentzündungen und dergleichen – etwas nach Ruhe sehnt. Dieses 生前退位 seizen taii, die „Abdankung zur Lebenszeit“, ist laut kaiserlichem Regelwerk nicht ausgeschlossen, aber eher selten: Das letzte Mal gab es so etwas vor gut 200 Jahren während der Edo-Zeit.

Der Kaiser nebst Thronfolger bei seiner Geburtstagsrede (2007)

Der Kaiser nebst Thronfolger bei seiner Geburtstagsrede (2007)

Was würde ein Wechsel des Kaisers bedeuten? Nun, das Problem ist das sogenannte 年号 nengō- System. Jedem Kaiser in China, Vietnam und Japan wurde seit Jahrtausenden jeweils ein Motto angetragen. Der jetzige Kaiser hat das Motto „平成“ heisei (etwa: Frieden überall). Und dieses Motto ist Basis der Zeitrechnung. Der jetzige Kaiser ist seit 1989 auf dem Thron, und deshalb ist 2016 das Jahr Heisei 28. Und: Öffentliche Behörden sind verpflichtet, das kaiserliche Datum zu benutzen. Und so findet man auf nahezu allen japanischen Formularen, aber auch in bedeutendem Masse im Internet, die kaiserliche Zeitrechnung. So muss man beim Geburtsdatum dann erstmal ankreuzen, ob man in der Taishō- (ab 1912), Shōwa-(ab 1925) oder Heisei (ab 1989)-periode geboren wurde, dazu kommt das Jahr der Regentschaft und dann der Rest. Die VR China und Vietnam haben dies mangels Kaisers vor langer Zeit abgeschafft, nur in Taiwan zählt man noch ähnlich, aber man bezieht sich dort auf das Gründungsjahr der Republik China.

Selbst im Online-Banking zu finden: Das Kaiserjahr 28 statt 2016

Selbst im Online-Banking zu finden: Das Kaiserjahr 28 statt 2016

Dieses von außen sicher als Anachronismus anmutendes System ist zwar lästig, aber eine kulturelle Besonderheit, von der Japan so schnell nicht ablassen wird. Natürlich wird es viele Millionen Euro und Stunden kosten, auf „einen neuen Kaiser umzustellen“. Aber wenn man bedenkt, dass die Kaiser normalerweise, salopp gesagt, recht lange halten, wird sich das nicht ändern. Obwohl, der Thronfolger, Naruhito, ist auch schon 56 Jahre alt und geht damit quasi selbst auf das Rentenalter zu.

Gerüchten zufolge möchte der jetzige Kaiser übrigens nicht mit ansehen, wie während seiner Regentschaft der Pazifismusparagraph 9 der japanischen Verfassung abgeschafft wird. Seine im wesentlichen pazifistische Gesinnung hat der Kaiser ja schon des öfteren durchblicken lassen – in dem Sinne ist der jetzige Tenno eine sehr angenehme und zurückhaltend-bescheidene Persönlichkeit, die auf jeden Fall meinen Respekt verdient. So wenig ich auch sonst von Monarchien halte.

Teilen:  

Befürchtungen werden wahr: Pro-Verfassungsreform-Parteien gewinnen ⅔-Mehrheit im Oberhaus

Juli 10th, 2016 | Tagged , , | 5 Kommentare | 691 mal gelesen

Durften heute zum ersten Mal wählen: 18-20-Jährige

Durften heute zum ersten Mal wählen: 18-20-Jährige

Wie in diesem Beitrag erwähnt, ging es bei den heutigen Oberhauswahlen nicht darum, wer die Wahl gewinnt, denn das stand quasi mangels starker Opposition schon lange vorher fest, sondern darum, ob die Regierungsparteien bzw. deren nahestehenden Parteien nach dem Unterhaus nun auch im Oberhaus die ⅔-Mehrheit erreichen oder nicht. Denn – mit einer 2/3-Mehrheit in beiden Häusern kann die Regierungspartei die Verfassung ändern, wie sie will – und Pläne dazu gibt es bereits. Nur eine APO könnte dann noch die Regierungspläne stoppen.

Um eine ⅔-Mehrheit zu gewinnen, brauchte das Lager 67 Sitze bei dieser Wahl, denn 95 Sitze hatten sie schon (bei der Oberhauswahl wird nur die Hälfte der Mandate vom Volk gewählt). Und genau diese 67 Mandate hat man just in diesem Moment laut Auszählungsergebnis erreicht. Wenn die Regierungsparteien jetzt die Verfassung ändern wollen, finden sie wesentlich leichter die erforderliche 2/3-Mehrheit als vorher.

Sehen die Japaner die Gefahren nicht, die auf sie zukommen können, wenn die Liberalen nach Belieben die Verfassung ändern können? Viele sehen die Gefahr, doch die Liberalen waren nicht dumm und liessen das Thema Verfassungsänderung aussen vor. Stattdessen konzentrierte man sich auf das Thema Wirtschaft, und das interessiert den Großteil der Wähler mehr als die drohende Abschaffung des pazifistischen Charakters der Verfassung. Das veranschaulichte Eriko Imai von der in Japan sehr bekannten Popband SPEED wunderbar. Sie zog heute tatsächlich für die Liberalen ins Oberhaus, und bei einem kurzen Interview antwortete sie auf die Frage, was sie von der Verfassungsänderung halte, dass sie sich erst nach der Wahl dazu äussern möchte. Scheinbar hat sich diese Wolf-im-Schafspelz-Taktik heute ausgezahlt.

Teilen:  

Und die vollsten Bahnlinien von Tokyo sind…

Juli 8th, 2016 | Tagged , | 6 Kommentare | 1087 mal gelesen

158 verschiedene Bahnlinien, betrieben von insgesamt 48 verschiedenen Bahngesellschaften. 2,210 Bahnhöfe. Und 40 Millionen mal pro Tag macht es „Beep!“, wenn die Bahnfahrenden ihre Geldkatzen oder Handys über den IC-Kartenleser der Ticketschranken ziehen. Das ist der Nahverkehr im Raum Tokyo.

Da bekommt man schnell schlechte Laune: Rush Hour in Tokyo

Matthias Reichさん(@tabibito_tokyo)が投稿した写真 –

Und alljährlich erscheint eine Liste in Tokyo, der man entnehmen kann, welche Bahnlinien – im Durchschnitt, an einem Wochentag – am vollsten sind. Der Auslastungsgrad lässt sich dabei recht leicht in Prozent angeben – und dafür gibt es vom Verkehrsministerium erlassene, mehr oder weniger feste Definitionen:

Auslastung in % Definition (nach Verkehrsministerium)
100% Man kann entweder sitzen, sich an einer der Halteschlaufen festhalten oder neben der Tür stehen
150% Man kann bequem eine Zeitung aufschlagen und lesen
180% Wenn man sich viel Mühe gibt und faltet, kann man eine Zeitung lesen
200% Man steht dicht an dicht gedrängt, berührt auf allen Seiten Mitreisende und kann nur mit Mühe eine Zeitschrift lesen
250% Wenn sich der Zug neigt, neigt man sich mit. Man kann den Körper nicht mehr bewegen – einschliesslich der Hände.

Ein Blick auf die Top Ten in diesem Jahr ist für Tokyo-Kenner keine wirkliche Überraschung. Die Linien, die ich quasi täglich benutze, liegen auf Platz 6 und 7. Und die Nummer 1 ist keine Unbekannte – die 東西線 Tozai-Linie verbindet schliesslich Urayasu, meinem Wohnort von 2005 bis 2014, mit Tokyo. Es passierte auch in dieser Linie, dass im vergangenen Jahr eine Scheibe wegen Überfüllung zu Bruch ging. Die angegebenen Werte in der Liste unten sind wohlgemerkt Durchschnittswerte, denn die Türen und Waggons, von denen man sofort zu Treppenaufgängen am Bahnsteig gelangt, sind natürlich viel beliebter als die anderen Waggons (zur Erinnerung: Japanische Züge halten zentimetergenau an fest bestimmten Punkten). So sind dann bei einem Schnitt von 200% Teile des Zuges zu 150%, andere hingegen zu 250% überfüllt.

Rang Auslastung in % Spitzenzeit Linie Strecke
9. 178 7:34 – 8:34 JR総武線(快速) JR Sōbu (Rapid) 新小岩 Shinkoiwa → 錦糸町 Kinshichō
9. 178 7:45 – 8:45 千代田線 Chiyoda-Linie (Metro) 町屋 Machiya → 西日暮里 Nishi-Nippori
8. 182 7:39 – 8:39 JR東海道線 JR Tōkaidō 川崎 Kawasaki → 品川 Shinagawa
7. 185 7:50 – 8:50 田園都市線 Den’en Toshi-Linie 池尻大橋 Ikejiri-Ōhashi → 渋谷 Shibuya
6. 189 7:46 – 8:48 小田急小田原線 Odakyū Odawara-Linie 世田谷代田駅 Setagaya Daita → 下北沢 Shimokitazawa
5. 191 7:54 – 8:54 JR中央線(快速) JR Chūō-Linie (Rapid) 中野 Nakano → 新宿 Shinjuku
4. 192 7:34 – 8:34 JR横須賀線 JR Yokosuka-Linie 武蔵小杉 Musashi-Kosugi → 西大井 Nishi-Ōi
3. 197 7:50 – 8:50 JR京浜東北線 JR Keihin-Tōhoku-Linie 上野 Ueno → 御徒町 Okachimachi
2. 199 7:34 – 8:34 JR総武線(緩行) JR Sōbu (Kankō) 錦糸町 Kinshichō → 両国 Ryōgoku
1. 200 7:50 – 8:50 東西線 Tōzai-Linie (Metro) 木場 Kiba – 門前仲町 Monzen-Nakachō

In der Liste gibt es von Jahr zu Jahr keine großartigen Überraschungen, aber auf längere Zeit gesehen schon. Ich kann mich gut daran erinnern, dass Ende der 90er Jahre die 西武池袋線 Seibu-Ikebukuro-Linie jahrelang den Spitzenplatz einnahm, aber dann wurden die 大江戸線 Ōedo-Linie und die 副都心線 Fuku-Toshin-Linie gebaut sowie der Abstand zwischen den Zügen verändert, was für Entlastung sorgte. Dafür rücken nun Linien aus Richtung Kawasaki in die Top Ten vor – Kawasaki hatte Ende der 1990er nämlich rund 1,2 Millionen Einwohner und in diesem Jahr bereits 1,5 Millionen – diese zusätzlichen Einwohner müssen natürlich auch irgendwie zur Arbeit nach Tokyo gelangen, doch eisenbahntechnisch hat sich in der Gegend in den vergangenen 20 Jahren nicht allzu viel getan.

 Wenn man an der richtigen Tür im richtigen Waggon steht und aussteigt, sehen die Schranken so aus


Wenn man an der richtigen Tür im richtigen Waggon steht und aussteigt, sehen die Schranken so aus

30 Sekunden später sieht man die Schranken schon nicht mehr -- dann dauert alles etwas länger

30 Sekunden später sieht man die Schranken schon nicht mehr — dann dauert alles etwas länger

Teilen:  

Tragödie in Bangladesch – 7 japanische Freiwillige unter Anschlagsopfern

Juli 5th, 2016 | Tagged | Kein Kommentar bisher | 368 mal gelesen

Aktivitätsreport des Asia Arsenic Networks - diese Organisation kümmert sich um die Grundwasserreinigung in Bangladesch

Aktivitätsreport des Asia Arsenic Networks – diese Organisation kümmert sich um die Grundwasserreinigung in Bangladesch

Es ist immer schmerzhaft, anzusehen, wie Menschen von Fanatikern einfach so aus dem Leben gerissen werden. Ganz besonders tragisch ist es dann noch, wenn es sich um Kinder handelt – oder um Menschen, die eigentlich vor Ort waren, um zu helfen. Dies war leider auch beim Terroranschlag in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, am 1. Juli der Fall: 7 der 28 getöteten Geiseln stammten aus Japan, und sie waren als Freiwillige an einem von der japanischen Regierung finanzierten Hilfsprojekt vor Ort. Leider waren sie auch nicht die ersten – bereits im Oktober vergangenen Jahres wurde der Mitarbeiter einer japanischen NPO in Bangladesch brutal ermordet. Die Gefahr liegt dabei auf der Hand: Wenn sich solche Anschläge häufen, werden sich weniger freiwillige Mitarbeiter und weniger Spenden finden, und das kann man den Menschen auch nicht verübeln. In Japan gibt es mindestens sechs Organisationen¹, die sich ausschliesslich auf Hilfe in Bangladesch spezialisiert haben, und die ersten haben bereits angekündigt, ihre Arbeit vor Ort vorerst auf Eis zu legen.

Leider kann man nicht allzu viel gegen solche Angriffe tun: Wenn Terroristen zuschlagen wollen, dann finden sie auch ihre Ziele. Einzig Bangladesch kann dafür sorgen, dass die Mitarbeiter geschützt sind, aber einen vollständigen Schutz wird es nie geben. Die NPO können nur eins tun — und das machen sie nun auch: Mitarbeitern anraten, häufig von Ausländern frequentierte Plätze zu meiden. Aber das ist leichter gesagt als getan.

¹ Siehe hier (Japanisch).

Teilen:  

Banzai! 63,4% zahlen wirklich ihre Rente!

Juli 1st, 2016 | Tagged , | 2 Kommentare | 416 mal gelesen

Besser gut aufheben: Das japanische Rentenbeitragsbuch

Besser gut aufheben: Das japanische Rentenbeitragsbuch

Eine sensationelle Nachricht drang heute aus dem Arbeits- und Wohlfahrtsministerium: Seit 4 Jahren steigt die Rate derer, die in die staatliche Rentenkasse einzahlen, an, und lag so im Jahr 2015 bei … Fanfaren bitte … 63,4%¹. Damit ist jedoch nicht der Anteil derer gemeint, die in die Rentenkasse an sich einzahlen, sondern der Anteil derer, der eigentlich einzahlen müsste — und letztendlich auch wirklich zahlt!

In dieser Hinsicht ist Japan schon sehr eigenartig. Es gibt für alles Regeln, und im Grossen und Ganzen hält man sich hier an die Gesetze, aber wenn es um Steuern und Beiträge geht, ist der Anteil derer, der nicht zahlt, enorm hoch. Im Falle der Rente ist ein Drittel eine gigantische Menge und ein massives Problem, denn die Nichtzahler müssen natürlich auch irgendwie im Alter versorgt werden — den zahlenden zwei Dritteln kann man jedoch nicht zumuten, deren Beiträge mitzuzahlen. Im rasch alternden Japan ist das besonders schwerwiegend. Solange man diese Beiträge nicht ernsthaft einfordert, helfen auch so schön klingende Projekte wie das umstrittene 年金積立金管理運用独立行政法人 nenkin tsumitatekin kanri un’yō dokuritsu gyōsei hōjin – kurz „GPIF“ (Government Pension Investment Fund)² nicht viel. Der GPIF ist übrigens der grösste Rentenfond der Welt und hantiert mit knapp einer Billion Euro.

Rente muss jeder, ob Japaner oder Ausländer, zahlen, der zwischen 20 und 60 Jahre alt ist. Fest Angestellten wird die Rente direkt vom Gehalt abgezogen – diese Rente wurde bis vor kurzem noch 厚生年金 kōsei nenkin („Wohlfahrtsrente“) genannt, und von ihr ging direkt die oben genannte 国民年金 Kokumin nenkin, wörtlich Volksrente, ab.

Diese Kategorie mit einbezogen gibt es in Japan rund 40 Millionen Menschen, die eigentlich auf den einen oder anderen Weg einzahlen müsste. Wenn die Statistik nun besagt, dass man von einem Drittel keine Beiträge einsammeln konnte, so beinhaltet das noch nicht mal die Menschen, deren Zahlungen aus Härte- oder anderen Gründen gestundet wurde. Nimmt man diese Gruppe mit in die Rechnung auf, so sind es lediglich 50% derer, die eigentlich einzahlen müssten, dieses aber nicht tun.

Das ist auch insofern erstaunlich, dass die Strafen eigentlich hart sind. Firmen bezahlen zum Beispiel bis zu 15% Strafzins, wenn sie mehr als zwei Monate mit der Weiterleitung der Beiträge im Verzug sind. Auch bei Privatpersonen werden saftige Zinsen draufgeschlagen. Nach ein paar Monaten wird dann auch sowohl Firmen als auch Privatpersonen mit Pfändung (差押え sashiosae) gedroht – doch die Statistik macht klar, dass das nicht funktioniert.

¹ Siehe unter anderem hier (Japanisch)
² Hier ist die offizielle Seite des GPIF (Englisch)

Teilen:  

Oberhauswahlen mit einem tiefgesteckten, aber wichtigen Ziel

Juni 28th, 2016 | Tagged | 2 Kommentare | 381 mal gelesen

Kore de ii no nihon?Am 10. Juli ist es mal wieder soweit. Turnusgemäss werden Japaner zur Wahlurne gerufen, um die wählbaren Oberhausmandate neu zu wählen. 121 Sitze, beziehungsweise genau 50% der Sitze, um genau zu sein. So nichts aussergewöhnliches geschieht, findet diese Wahl alle 3 Jahre statt. Für die regierenden Liberaldemokraten um Ministerpräsident Abe wird auch diese Wahl wieder ein Spaziergang, denn es gibt zwar mittlerweile eine ganze Reihe von Oppositionsparteien, doch keine von denen kann auf nennenswerte Ergebnisse hoffen – dieser Zustand hält bereits seit 5 Jahren an, und noch ist kein Ende in Sicht. Die davor regierenden Demokraten haben dies scheinbar auch eingesehen und deshalb ihre Ziele und ihre Botschaft an einem wichtigen Punkt festgemacht. Der Wahlkampfspruch lautet „Auf keinen Fall eine Zweidrittelmehrheit zulassen!“, und der wird mit der これでいいの日本? („Willst Du das wirklich, Japan?“)-Kampagne unters Volk gebracht.

Eine Zweidrittelmehrheit zu erreichen ist natürlich Abes Ziel bei dieser 24 Oberhauswahl, und das Ziel ist, leider, realistisch. 136 der 242 Sitze hält die Regierung bereits jetzt, also mehr als 50%. Und was passiert, wenn daraus mehr als 66% werden? Wie in vielen anderen Demokratien mit einer Verfassung reicht in Japan eine einfache Mehrheit im Parlament, um Gesetze zu erlassen, zu ändern oder abzuschaffen. Da es bei der Verfassung jedoch ans Eingemachte geht, benötigt man häufig, und aus gutem Grund, eine Zweidrittelmehrheit. Dem ist auch in Japan so, und diese Mehrheit braucht man in Japan in beiden Parlamenten – dem Ober- und dem Unterhaus. Denn das Oberhaus kann die Verfassung zwar nicht ändern, aber es hat Vetorecht und kann somit das Unterhaus daran hindern, die Verfassung zu ändern. Im Unterhaus halten die Regierungsparteien bereits eine Zweidrittelmehrheit – erreichen sie dies also auch im Oberhaus, besteht das Vetorecht nur noch auf dem Papier.

Was aber werden die Regierungsparteien mit ihren nahezu unbegrenzten Möglichkeiten machen? Drei Verfassungsänderungen stehen auf dem Plan – die Artikel 9, 11 und 13 sollen geändert werden, und jede Veränderung wird einen grossen, nochnicht vollständig ansehbaren Einfluss auf die japanische Außenpolitik (Artikel 9) und Gesellschaft (Artikel 11 und 13) haben. Das Rentensystem soll zum Beispiel umgekrempelt werden (GPIF) und das transpazifische Freihandelsabkommen (TTP) ratifiziert werden. Gegen beide Unterfangen gibt es erheblichen Widerstand beziehungsweise Unwollen, da viele Menschen das Gefühl haben, nicht genügend informiert zu werden.

Doch der Brexit, der auch in Japan mit grossem Interesse verfolgt wird, scheint der Regierungspartei genau recht zu kommen. Im Grossen und Ganzen wird die Abenomics genannte Wirtschaftspolitik mit Argwohn betrachtet, doch den zahlreichen Oppositionsparteien traut man offensichtlich keine kompetentere Wirtschaftspolitik zu. Und um auf Nummer sicher zu gehen, zaubern die Liberalen auch noch einen Joker aus dem Ärmel und streuen das Gerücht in den Medien, dass die Demokraten unter Naoto Kan nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima erlassen haben sollen, dass das Wort „Kernschmelze“ auf gar keinen Fall benutzt werden solle, obwohl man längst wusste, dass es eine gab. Die betroffenen Politiker bestreiten das vehement, doch 5 Jahre nach dem Geschehen und so kurz vor der Parlamentswahl sieht das ganze einfach nur nach einem Versuch aus, die Demokraten noch weiterzu diskreditieren.

Zweidrittelmehrheit hin oder her – man muss kein Hellseher sein, um vorherzusehen, dass die Wahlbeteiligung auch bei der kommenden Wahl wieder kläglich sein wird. Das merkz man schon am – für japanische Politikerverhältnisse gelungenem – Video der Kampagne oben: Das Video ist schon mindestens eine Woche verfügbar, hat aber gerade mal 6’000 Views. Das ist so gut wie gar nichts.

Teilen:  

​Wenn eine ganze Stadt feiert

Juni 23rd, 2016 | Tagged , | 1 Kommentar | 435 mal gelesen

Es war wieder soweit – 4 Jahre sind vergangen seit der letzten Fussball-EM, und ebenso seit dem letzten 三社祭 Sanja-Matsuri, dem 3-Schreine-Fest in Urayasu, vor den Toren von Tokyo. 2012 hatte ich mir das Spektakel auch angesehen – und 2008. Habe ja schliesslich neun Jahre dort gewohnt, genau in der Mitte der Stadt, wo es auch gleichzeitig am ruhigsten ist, da sich das ganze Geschehen hauptsächlich rund um die Bahnhöfe abspielt, und Urayasu hat drei davon. Und alle drei lagen ziemlich exakt genauso weit von meiner damaligen Wohnung entfernt – 2 Kilometer.

Beim Sanja-Matsuri in Urayasu

Beim Sanja-Matsuri in Urayasu

Urayasu kann man relativ leicht in vier Teile untergliedern: Tokyo Disneyland und Umgebung – eine Stadt innerhalb der Stadt, dann das Neuland entlang der Bucht – geprägt von großzügigen Neubauten, in denen passable Wohnungen bei einer halben Million Euro Kaufpreis beginnen. Dann der Nordteil, einst ein Fischerdorf – mit etwas rauher, aber herzhafter Atmosphäre und den letzten verbliebenen Fischern und Muschelpulern. Zu guter letzt noch die Mitte, die den todvornehmen Süden vom rauhen Nordteil kennt. Für die Hergezogenen und die, die sich nicht entscheiden komnten oder wollten.

Hier dürfen auch die Frauen ran -- das ist nicht überall so in Japan

Hier dürfen auch die Frauen ran — das ist nicht überall so in Japan

Vor zwei Jahren sind wir weggezogen. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Und seit einem Jahr war ich nicht mehr in der Stadt, dabei ist die nur eine Stunde mit dem Zug entfernt. Doch am Sonntag bekam ich umgehend das Gefühl, dass mein eigentlich öfter zurückkehren sollte. Sicher, Freunde kommen uns gelegentlich besuchen, oder man trifft sich in der Mitte, in Tokyo, aber allein mal wieder die salzige Meerluft zu schmecken – das merkt man freilich nicht mehr, wenn man dort lebt (man merkt es nur daran, dass einem sämtliche Fahrräder innerhalb eines Jahres unter dem Hintern wegrosten) – hat was. Und das Sanja-Matsuri erst: Dieses Fest ist ausserhalb von Urayasu relativ unbekannt, bei Touristen sowieso. Es ist auch schwer zu beschreiben, denn es gibt keine Hauptattraktion. Die eigentliche Attraktion ist die pure Grösse der Veranstaltung: Drei Schreine lassen da ihre mikoshi gleichzeitig, aber auf drei ganz verschiedenen Routen durch die Stadt tragen. Und ein Zug besteht dabei aus dutzenden mikoshi – grössere für die Männer und Frauen, winzige für die Kinder. Alle Einwohner sind draussen. Die Nachbarschaftsverbände stellen Zelte und Stühle raus. Die Strassen sind von Menschenmassen – nur wenige sind von ausserhalb – gesäumt, wenn der kilometerlange Zug unter gewaltigen, heiseren „mae da!“-Rufen der verschwitzten, bei den Männern nicht selten äußerst spärlich bekleideten Schreinträger durch die Stadt rollt. Und es ist ein Knochenjob: Die Balken, auf denen die Mikoshi platziert sind, packen nochmal ordentlich Gewicht zum eigentlichen Schrein hinzu. Die Träger stehen sehr eng, und alle dutzend Meter wird der Schrein hochgehoben, gar mehrfach hochgeworfen oder nur knapp über dem Boden horizontal hin- und hergedreht. Von Freitag bis Sonntags. Von 9 Uhr morgens bis 19 Uhr abends.

Mit ganzer Kraft dabei

Mit ganzer Kraft dabei

Dieses Matsuri gibt es seit den 1910ern, und bis in die 1950er war das ganze auch unter dem Namen けんか祭り kenka-matsuri (Zankfest) bekannt, da sich die Anhänger der drei verschiedenen Schreine gerne miteinander prügelten. Zeitweise wurde die Veranstaltung deshalb sogar verboten. Wenn man sich heute die Hauptakteure so ansieht, kann man sich noch immer gut und gerne vorstellen, das es durchaus rauher zugehen kann: Viele Yakuza sind dabei, und noch viel mehr やんちゃ yancha – kurz umschrieben etwas weniger angepasste Jugendliche. Doch es geht friedlich zu heutzutage. Sehr laut zwar und wenn man das erste Mal dabei ist leicht bedrohlich, aber friedlich. Unzählige Kinder sind auch dabei, und die werden soweit möglich und zur Freude der Kleinen mit einbezogen. Es herrscht shitamachi-Flair (下町shitamachi – „Unterstadt“ – hier wohnt der hart arbeitende, und trotzdem arme Teil der Bevölkerung). Genau diese Atmosphäre vermisse ich an meinem Wohnort doch tatsächlich ein bisschen – dort ist es nicht genug Stadt um eine Unterstadt zu entwickeln. Aber man kann ja nicht alles haben.

Mizuame

水飴 mizuame – ‚Wasserbonbons‘ – aus Stärke gewonnener, sehr klebrige Zuckermasse, gibt es bei jedem Matsuri

Teilen:  

Und der Preis für den hartnäckigsten Politiker geht an…

Juni 16th, 2016 | Tagged , | 2 Kommentare | 563 mal gelesen

Masuzoe. Quelle: Chatham House/Wikipedia

Masuzoe. Quelle: Chatham House/Wikipedia

…Yōichi Masuzoe (舛添要一) – Ex-Arbeitsminister und seit gestern, dem 15. Juni 2016, auch Ex-Governeur von Tokyo. Der 67-jährige Jurist gab nach zehrenden Wochen nun – endlich, muss man sagen – auf. Es ging, gelinde gesagt, um Geiz und Völlerei. Masuzoe, seit Februar 2014 an der Macht in Tokyo, bestach seit geraumer Zeit durch üppige Spesenabrechnungen für teure Hotels, Kunstwerke, außerdienstliche Fahrten mit Chauffeur und vielem mehr. Das kam vor ein paar Wochen ans Licht und war für die Presse ein gefundenes Fressen. Zumal das ganze ja auch durchaus Tradition hat. Der vorherige Governeur, 猪瀬直樹 Naoki Inose, hielt sich genau ein Jahr im Amt, bevor auch er wegen Korruptions- und Veruntreuungsvorwürfen den Sessel räumen musste.

Masuzoes Verhalten hat mich persönlich etwas schockiert, denn bisher hielt ich ihn für einen raren Vertreter eines integren und seriösen Politikers. Den Eindruck versuchte er auch mit all seinen Kräften in den Pressekonferenzen aufrecht zu erhalten, doch das lief in den letzten Wochen ins Lächerliche: Masuzoe ersteigerte zum Beispiel diverse Kunstwerke und andere Sachen bei Internetauktionen und kaufte auch sonst gut ein – mit Steuergeldern. Dazu gehörten auch zwei Kleidungsstücke aus Seide, die er für umgerechnet 3’000 Euro in China erwarb. Die Erklärung dafür in der Pressekonferenz war etwas ganz Besonderes: Er betreibe fast täglich Kalligraphie, und er mache auch viel Judo. Wegen des Judo habe er ganz viele Muskeln, und gewöhnliche Kleidung bleibe beim Schönschreiben an den vielen Muskeln hängen. Nur chinesische Seide gleite so schön, dass sie beim Schreiben nicht stört. Ein Journalist wollte es daraufhin wissen und sagte: Warum schreiben Sie dann nicht mit ärmelloser Kleidung? Dazu kam prompt die Gegenfrage: „Und was, wenn es etwas kälter wird?“

Die Pressekonferenzen wurden allmählich beinahe legendär, und ob der Abgebrühtheit des Governeurs fielen auch bald fragen wie: „Herr Masuzoe, was muss eigentlich noch passieren, damit sie zurücktreten?“ oder „Woher nehmen sie eigentlich die Nerven?“. Quittiert wurde das jeweils mit einem vielsagenden Lächeln.

Letztendlich beauftragte Masuzoe zwei neutrale Anwälte (seiner Wahl!), die durchleuchten sollten, ob er illegal politische Spenden- (sprich Steuergelder) für persönliche Zwecke missbraucht habe. Das Ergebnis: Hat er nicht, aber der Gebrauch von rund 4,4 Millionen Yen (rund 32’000 Euro) sei zumindest moralisch etwas anrüchig gewesen. Vielen Politikern in der Stadtversammlung reichte das nicht, und so drohten sie mit einem Mißtrauensvotum, das er aller Wahrscheinlichkeit nach verloren hätte. Doch dem kam er jetzt zuvor.

Hungern wird der Ex-Governeur vorerst voraussichtlich nicht, denn zum Baschied bekommt er 22 Millionen aus der Stadtkasse. Ob die wegen unehrenhafter Entlassung gekürzt werden oder nicht kann dabei nur einer entscheiden: Masuzoe selbst, da er vorläufig die Amtsgeschäfte beibehält. Und Masuzoe sieht nach wie vor nicht ein, dass er etwas grundlegend falsches gemacht hat.

Der Rücktritt kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Der Posten wird jeweils für 4 Jahre vergeben. Das bedeutet – vorausgesetzt das sich der nächste Kandidat 4 Jahre lang halten kann – das genau während der Olympischen Spiele in Tokyo 2020 ein neuer Governeur gewählt werden muss.

In Verbindung mit dem Skandal fiel übrigens ein Wort besonders häufig: せこい (sekoi). Das hat furchtbar viele Bedeutungen – unter anderem „knauserig“ (im Englischen würde ich sekoi am ehesten mit „tacky“ übersetzen).

Teilen:  

​Ein ausländischer Bierbrauer in Japan

Juni 14th, 2016 | Tagged | 6 Kommentare | 610 mal gelesen

Was erspähten da doch neulich meine entzündeten Augen im hiesigen Supermarkt, in einer abgelegenen Ecke, in der normalerweise nur Bio-Lebensmittel feilgeboten werden: Kleine Bierflaschen mit eigenwilligen Etiketten, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Meine volle Aufmerksamkeit verdankten die Flaschen jedoch einem noch kleineren Etikett, mit dem magischen Wort „半額 hangaku“ – Halber Preis. Soll heissen, der Neuling kostete nicht 480 Yen, also fast 4 Euro, sondern nur 240 Yen. Ein Schnäppchen also, beinahe. Beziehungsweise genauso teuer wie normale japanische Biersorten.

Zu Hause wurde die Beute während des Abendgelages geköpft. „Golden Ale“ nannte sich die erste Sorte (ich erbeutete auch noch Porter). Und der erste Schluck elektrisierte. Ah, genau so sollte Bier schmecken! Beinahe vergessen! Ohne zu überteiben war dies eines der besten in Japan soweit probierten Biere, und ich habe im Laufe der Jahre schon verdammt viel probiert. Kurz ein Blick aufs Etikett geworfen: „Brimmer Brewing“ sagte mir erstmal nichts, aber der Herstellungsort schon: Kawasaki. Und gerade mal 7 Kilometer von mir entfernt. Ein richtig gutes 地ビール Ji-biiru (lokales Bier) – aus meiner Stadt. Das muss ich natürlich weitererzählen, und deshalb gibt es auch diesen Artikel hier. Werbung quasi, aber unbezahlt, wohlbemerkt.

Von einem Kalifornier in Japan gebrautes Altbier

Von einem Kalifornier in Japan gebrautes Altbier

Da sich der Braumeister laut Webseite über Kundenmeinungen freut, wollte ich meine auch kundtun. Mir fehlte zwar etwas das porterhafte am Porter, aber das Golden Ale hatte mich wirklich verzückt. Prompt kam auch eine Antwort, die gleich noch erklärte, warum sein Porter das ist, was es ist, und dass ich doch mal vorbeischauen solle, wenn ich Zeit habe. Das habe ich gestern auch gemacht, da Kind 2 (nennen wir ihn lieber Sohn 1) noch bunt gescheckt mit Windpocken zu Hause festsitzt.

Die Brauerei ist klein, aber fein und liegt in Kuji, unweit des Tama-flusses. Draussen deutet nichts auf die Brauerei hin – es ist ein ganz normales, kleines Fabrikgebäude. Der Besitzer, Scott Brimmer, kommt aus Kalifornien, ist sehr sympathischund hat sein Handwerk in seiner Heimat gelernt – und dort rund 15 Jahre im Braugewerbe gearbeitet. Seine japanische Frau hatte er dort kennengelernt, und sie lebten vorerst auch dort, doch die gesundheitliche Lage der Schwiegereltern liess sie 2011 entschliessen, sich in Japan ein neues Leben aufzubauen. Und so gründeten die beiden eine kleine Brauerei. Einen grossen Teil der Apparaturen – vieles davon übrigens in Deutschland produziert – konnten sie aus der Konkursmasse einer Brauerei in Hiroshima aufkaufen.
Wer eine Braulizenz möchte, muss sich natürlich auch in Japan mit viel Bürokratie herumschlagen. So muss man zum Beispiel nachweisen, dass man das Handwerk studiert hat (egal wo, so lange alles übersetzt wird) und auch ein paar Jahre im Gewerbe gearbeitet hat. Des weiteren muss man glaubhaft nachweisen, dass man mindestens 60’000 Liter pro Jahr produzieren kann und wird – und, hier wird es interessant – man muss ebenfalls nachweisen, dass man bereits Abnehmer für mindestens 30’000 Liter pro Jahr hat. Man soll also die Katze im Sack verkaufen.

In der kleinen, aber feinen Brauerei

In der kleinen, aber feinen Brauerei

Die Brauerei hat mittlerweile bereits einen Preis als gut geführtes Startup sowie auch noch ein paar andere Preise gewonnen. 80% des Bierausstosses wird in Fässern an Bars und Restaurants in ganz Japan ausgeliefert, nur 20% werden in Flaschen abgefüllt. Auch deutsche Bars/Restaurants gehören zu den Kunden. Die hohen Preise für importierten Hopfen, Gerste, Hefe usw. sorgen dafür, dass diese kleinen Brauereien weitab von wettbewerbsfähigen Preisen liegen, aber das ist ja bei Minibrauereien in anderen Ländern auch der Fall und schwer zu ändern. Hinzu kommt noch die horrend hohe Biersteuer in Japan: Für jeden produzierten Liter müssen Brauer 225 Yen (fast 2 Euro) umgehend an den Staat entwenden. Es gab zwar Pläne, die Biersteuer zu senken (und im Gegenzug die Steuer für all die jämmerlichen Bierderivate zu erhöhen), aber dieser Plan versank still und leise im Mülleimer der Parlamente).

Vor kurzem beauftragte eine deutsche Schankwirtschaft in Tokyo (Name leider vergessen – scheint relativ neu zu sein) Brimmer Brewing damit, ein Altbier zu brauen, und das sollte ich doch mal unbedingt probieren und kundtun, ob das ans Original heranreicht. Nun komme ich nicht aus der D’dorf-Gegend und es ist wahrscheinlich über 10 Jahre her, dass ich ein Altbier genossen habe, aber die beiden Proben erinnerten mich stark an Altbier (nicht an Diebels, eher an die kleineren Sorten, die man fast nur in Düsseldorf bekommt) und waren ausgesprochen schmackhaft – mit viel Tiefgang. Und wie Scott so dastand und etwas kühles Altbier aus den 1’000-Liter-Tanks zur Verkostung abfüllte, sah er für mich wie einer der glücklichsten Menschen auf der Welt aus. Sicher, leicht wird er es auch nicht haben, aber man merkt ihm die Leidenschaft an, und das Ergebnis ist sehr gelungen. Und – die Brauerei expandiert: Scott plant gerade, das Nachbargebäude ebenfalls zu nutzen.

Auch Technik aus Deutschland ist am Start

Auch Technik aus Deutschland ist am Start

In diesem Sinne – solltet Ihr mal einen Zapfhahn in Tokyo oder anderswo entdecken, auf dem „Brimmer“ steht – immer ran an die Tränke! Es lohnt sich.

Es gibt übrigens auch mindestens zwei deutsche Braumeister in Japan (einer der Beiden, Stephan Rager, ist dabei „Hoflieferant“ der deutschen Botschaft). Auch deren Biere sind erstklassig, aber mehr nach süddeutschem Geschmack ausgerichtet.

Teilen:  

« Ältere Einträge