Japan wächst und wächst und wächst…

Juni 22nd, 2017 | Tagged , , | Kein Kommentar bisher | 139 mal gelesen

Vorgestern gab das 国土地理院 – die Geospatial Information Authority of Japan bekannt, dass man zum ersten Mal seit rund 45 Jahren an einer Überarbeitung der topographischen Karte Japans arbeitet¹ – der Grund dafür ist eine zwar noch anhaltende, aber bereits jetzt schon bemerkenswerte Änderung: Die Insel 西之島 Nishinoshima (wörtlich: Insel des Westens) rund 1’000 Kilometer südlich von Tokyo (die Insel gehört allerdings wohlgemerkt zu Tokyo!) ist in den vergangenen vier Jahren um fast das zehnfache gewachsen. Bis vor vier Jahren handelte es sich um ein gerade Mal 0,3 Quadratkilometer großes Inselchen und einem 25 Meter hohen Hügel. Am Jahresende 2016 maß man bereits 2,7 Quadratkilometer, mit einem knapp 150 Meter hohen Berg in der Mitte.

Alte Karte und neue Karte von Nishinoshima (1:25000). Quelle: GSI

Alte Karte und neue Karte von Nishinoshima (1:25000). Quelle: GSI

Bei Nishinoshima handelte es sich um eine Caldera, die gerade so aus dem Meer schaute, aber aus selbiger strömen seit 2013 fast ununterbrochen gewaltige Lavamengen, und ein Ende ist Geologen zufolge noch nicht in Sicht. Anschauen kann man sich das Spektakel leider nicht so ohne weiteres – die nächstgelegene, bewohnte Insel Chichinoshima liegt gut 130 Kilometer entfernt, und die Gewässer um den Vulkan sind aufgrund der Gefahr, die von dem Vulkan ausgeht, gesperrt. Immerhin wird der unverhoffte Zuwachs zum Gebiet der Präfektur Tokyo dazu beitragen, die durchschnittliche Bevölkerungsdichte von Tokyo zu drücken…

Jüngere Luftbildaufnahme von Nishinoshima – By Unmanned Aerial Vehicle (UAV) – Geospatial Information Authority of Japan website (http://www.gsi.go.jp/gyoumu/gyoumu41000.html), CC 表示 4.0, Link

¹ Siehe hier

Teilen:  

Ungeliebte Einwanderer: Rote Feuerameisen tauchen in Japan auf

Juni 19th, 2017 | Tagged | Kein Kommentar bisher | 298 mal gelesen

Rote Feuerameise

Rote Feuerameise – By The photographer and www.AntWeb.org, CC BY 4.0, Link

In der vergangenen Woche ist das eingetreten, wovor sich die japanischen Behörden schon lange gefürchtet haben: Erstmals wurden in Japan Vertreter der ヒアリ hiari Roten Feuerameise (Solenopsis invicta) in Japan gesichtet. Das „invicta“ im lateinischen Namen bedeutet nichts Gutes, denn übersetzt heißt das „unbesiegbar“: Gegen die Tiere ist einfach noch kein Kraut gewachsen. Ursprünglich aus Südamerika stammend, haben sie sich rasend schnell im Süden der USA ausgebreitet, und auch in Südchina, Taiwan und Australien haben sie sich bereits niedergelassen.

Entdeckt wurden die Tiere im Containerhafen auf Port Island in der Hafenstadt Kobe. Am Wochenende wurden weitere 100 Tiere gefunden, aber wenigstens, so wurde jedenfalls in den Medien berichtet¹, wurde keine Königin gefunden. Entweder, weil es keine gibt, was natürlich gut wäre, oder weil sie gut versteckt ist. Man geht auch davon aus, dass es die Ameisen noch nicht bis in besiedelte Gebiete – jene sind rund 2 km vn besagtem Terminal entfernt – geschafft haben. Das Quarantänepersonal arbeitet deshalb mit Hochdruck daran, andere Exemplare zu finde, denn so viel steht fest: Sollten sie es bis in die Innenstadt von Kobe schaffen, wird es wohl sehr schwer, wenn nicht unmöglich, sein, sie wieder loszuwerden.

In den Medien sind die Ameisen natürlich sofort zum Lieblingsobjekt avanciert. Genüsslich übersetzt man dort den englischen Beinamen „killer ants“ in „殺人アリ“ (Mörderameise) und zeigt Zeitraffervideos, in denen man sieht, wie Ameisen einen toten Frosch bis auf die Knochen abdecken. Man muss kein Ameisenexperte sein, um zu wissen, dass viele Ameisenarten genau das tun – sich von Kadavern ernähren. Nicht umsonst haben sie Beinamen wie „Polizei des Waldes“ und dergleichen.

Die Feuerameisen sind zwar nicht groß – die Arbeiter sind wohl nur 2,6 bis 6 mm lang, aber sie haben es in der Tat in sich: Da die Tierchen sehr aggressiv sind und auch noch omnivor – sie kommen bestens mit dem von Menschen hinterlassenen Müll aus – werden allein in den USA schätzungsweise 14 Millionen (!) Menschen pro Jahr gebissen², und während der Großteil der Opfer mit verbrennungsähnlichen Wunden davon kommt, entwickeln zwischen 0,6 und 6% eine allergische Reaktion bis hin zum Tod. In dem Sinne kann man nur hoffen, dass die Tiere sich hier nicht ausbreiten. Mit der globalen Erwärmung wird die weitere Verbreitung allerdings nur eine Frage der Zeit sein.

¹ Siehe unter anderem hier
² Siehe Wikipedia

Teilen:  

Vergessen und dennoch da: Erhöhte Radioaktivität bei Tokyo

Juni 14th, 2017 | Tagged , | 2 Kommentare | 693 mal gelesen

Man hat in den letzten zwei, drei Jahren eigentlich kaum noch etwas darüber gehört oder gelesen, aber das bedeutet natürlich nicht, dass das Problem damit alleine verschwindet: Erhöhte Strahlenwerte, und zwar nicht nur in der unmittelbaren Umgebung des Reaktors in Fukushima, sondern auch in und um Tokyo. Nach dem Nuklearunfall gab es ja auch in Tokyo sehr unterschiedlich verteilte Strahlenwerte, wobei vor allem sogenannte „Hotspots“ in der Nachbarpräfektur Chiba auffielen, allen voran in den Städten Abiko, Kashiwa, aber auch in Urayasu.

Heute wurde bekanntgegeben, dass man an insgesamt 5 staatlichen Oberschulen im Stadtbereich von Kashiwa Strahlenwerte gemessen hat, die das gesetzlich erlaubte Limit von 0,23 Mikrosievert pro Stunde übersteigen. Und zwar teilweise deutlich – der höchste Wert lag bei über 0,7 μSv/h¹. Zwar wurde betont, dass die erhöhten Werte an Stellen gemessen wurden, wo normalerweise keiner hingeht (Abflußrinnen und dergleichen), aber gerade bei Schulen gibt es bekanntermaßen nur wenige Stellen, wo wirklich keiner hingeht.

Die Nachrichten kann man von einer positiven und einer negativen Seite sehen. Die negative Seite dürfte klar sein: Das Problem erhöhter Radioaktivität bleibt, allen Beteuerungen seitens der Politiker zum Trotz, bestehen. Und das wird noch sehr lange der Fall sein. Die positive Nachricht ist jedoch, dass das Monitoring zu funktionieren scheint – und das auf staatlicher und privater Seite. Die oben genannten Erkenntnisse stammen aus Messungen von staatlicher Seite. Aber in Kashiwa zum Beispiel gibt es auch Bürgermessungen, bei denen Freiwillige mit Geigerzählern vorgeschriebene Bereiche abgehen und dort – in einem Meter Höhe – mobile Messungen vornehmen. Diese werden dann auf einer Webseite veröffentlicht².

Dabei ist es interessant, zu sehen, wie sich die Lage verändert. Auf den folgenden Karten werden die Messergebnisse bei Begehungen der Bahnhofsgegend von Kashiwa dargestellt. Grüne Punkte bedeuten Werte von 0,1μSv/h und darunter; blau bedeutet 0,1 μSv/h bis 0,23 μSv/h (Quelle: Siehe ²):

Radioaktivität rund um den Bahnhof Kashiwa im Mai 2013

Radioaktivität rund um den Bahnhof Kashiwa im Mai 2014

Radioaktivität rund um den Bahnhof Kashiwa im Mai 204

Radioaktivität rund um den Bahnhof Kashiwa im Mai 2015

Radioaktivität rund um den Bahnhof Kashiwa im Mai 2015

Radioaktivität rund um den Bahnhof Kashiwa im Mai 2016

Radioaktivität rund um den Bahnhof Kashiwa im Mai 2016

Radioaktivität rund um den Bahnhof Kashiwa im Mai 2017

Radioaktivität rund um den Bahnhof Kashiwa im Mai 2017

Der Trend ist deutlich erkennbar — aber man darf nicht vergessen, dass hier in einem Meter Höhe, entlang gut befahrener (und gereinigter) Straßen gemessen wird. In direkter Bodenhöhe oder an Orten, wo sich Abwasser sammelt, sieht die Lage wieder ganz anders aus.

¹ Siehe Nachrichten von gestern und heute hier (Japanisch) und hier (Englisch).
² Siehe zum Beispiel hier.

Teilen:  

46 Jahre versteckt – der japanische Untergrund

Juni 8th, 2017 | Tagged , | Kein Kommentar bisher | 447 mal gelesen

Fahndungsplakat Masaaki Ōsaka

Fahndungsplakat Masaaki Ōsaka

Am 18. Mai 2017 machte die Polizei von Hiroshima Hausdurchsuchungen bei mutmaßlichen Mitgliedern der extremistischen Gruppe 中核派 chūkakuha („Kernzelle“). Der eigentliche Name der Gruppe lautet 革命的共産主義者同盟全国委員会 kakumeiteki kyōsanshugisha dōmei zenkoku iinkai (Nationales Komitee der revolutionären kommunistischen Liga) und wird aus verständlichen Gründen gern abgekürzt. Das Programm der Gruppierung findet sich sogar auf Englisch im WWW¹.

Die 1957 gegründete Gruppe vertritt Marxismus in seiner Reinform und brandmarkte somit auch den Stalinismus oder das nordkoreanische Modell als eine Regierungsform, die ebenfalls nicht im Interesse der Arbeiterklasse handelt. Man organisierte Streiks und verlegte sich später auf Anschläge, einige davon tödlich. Der letzte Anschlag fand 2001 statt – weshalb die Meldung der Hausdurchsuchung recht überraschend kam.

Während der Durchsuchung versuchte ein älterer Mann zu fliehen, doch er kam nicht weit: Die Beamten nahmen ihn wegen des Verdachts der Behinderung der Staatsgewalt fest. Später erhärtete sich ein Verdacht: Der Festgenommene könnte womöglich der seit 46 (!) Jahren gesuchte 大坂正明 Masaaki Ōsaka sein. Jener wurde seit 1971 wegen der 渋谷暴動事件 Shibuya Bōdō Jiken – Shibuya-Unruhen gesucht. Damals demonstrierten vornehmlich Studente und Mitglieder der Kernzelle gegen das Abkommen über die Rückgabe von Okinawa mit der USA. Eine Polizeiwache wurde angegriffen, mehrere Polizisten schwer verletzt – und ein Polizist wurde erst mit Stahlstangen niedergeschlagen und danach angezündet. Er verstarb am nächsten Tag an seinen Verletzungen. Ōsaka galt als Haupttäter, konnte aber im Gegensatz zu 6 Mitangeklagten fliehen. Bis jetzt.

Da der Angeklagte sich nicht äußerte, wurde letztendlich eine DNA-Untersuchung veranlaßt, und so wurde in dieser Woche bekannt, dass es sich tatsächlich um den gesuchten Ōsaka handelt.

Der Fall erinnert etwas an den Lindsay-Fall vor 8 Jahren: Damals schaffte es der Mörder der britischen Englischlehrerin Lindsay auch, sich knapp 3 Jahre lang im Land zu verstecken – und er reiste sogar durch die Gegend. Beide zählen zum 蒸発 jōhatsu – „Verdunsten“-Phänomen, bei der Japaner, in vielen Fällen sind es hochverschuldete Ehepartner, einfach so verschwinden. Im Untergrund.

Zwei französische Autorinnen haben zu diesem Thema etwas recherchiert (und fotografiert) und dazu ein Buch verfasst – The Vanished: The „Evaporated People“ of Japan in Stories and Photographs – erhältlich auf Französisch und Englisch, wie es scheint. Ihren Recherchen zufolge entscheiden sich alljährlich rund 100’000 Japaner, „abzutauchen“. Sie sind einfach nicht mehr auffindbar, schlagen sich mit Gelegenheitsarbeiten herum und wohnen in Absteigen, in denen man sich nicht registrieren braucht. Sie leben quasi außerhalb der Matrix, und die Familienangehörigen wissen davon nichts.

Ob das Buch gut ist oder nicht, weiss ich (noch) nicht, aber ich werde es mir sicher demnächst mal durchlesen, denn dieser Aspekt der japanischen Gesellschaft ist sehr interessant – und kaum durchleuchtet.

¹ Siehe hier

Teilen:  

Und die 10 beliebtesten Reiseziele in Japan sind…

Juni 5th, 2017 | Tagged , , | 4 Kommentare | 863 mal gelesen

Vor einem guten Monat erfolgte auf diesem Blog eine Leserumfrage über die beliebtesten Reiseziele in Japan (die Umfrage und der Artikel befinden sich hier). Die Frage lautete:

WAS SOLLTE MAN IN JAPAN UNBEDINGT GESEHEN HABEN?

Rund 400 Stimmen wurden abgegeben. Natürlich muss man die Umfrage mit Vorsicht genießen – schließlich habe ich die Auswahl getroffen, und über die lässt sich natürlich streiten (zum Beispiel indem man Ise in der Präfektur Mie mit Shibuya in Tokyo austauscht). Interessant ist das Ergebnis trotzdem, wenn auch nicht unbedingt überraschend: Der schwimmende Torii von Miyajima bei Hiroshima landete mit großem Abstand auf Platz 1, vor Shinjuku in Tokyo. Die Antworten würden sicher auch anders aussehen, wenn man zum Beispiel nur Städte nennt (Tokyo, Kyoto, Kobe…).

Unschlagbar die Nummer 1 in der Beliebtheitsskala: Der schwimmende Torii von Miyajima

Unschlagbar die Nummer 1 in der Beliebtheitsskala: Der schwimmende Torii von Miyajima

Hat man Japan nicht richtig gesehen, wenn man diese 10 Sehenswürdigkeiten nicht abgeklappert hat? Klare Antwort: Nein, das kann man so nicht sagen. Ich habe es auch erst beim vierten oder fünften Japanaufenthalt nach Miyajima geschafft, war dafür aber zu der Zeit schon in Gegenden, die das Gegenteil von Touristenattraktionen darstellen (Yokkaichi zum Beispiel), unterwegs.

Da es die Möglichkeit gab, die Liste zu ergänzen, gab es auch über 25 andere Vorschläge, wie zum Beispiel Akihabara in Tokyo (ausgelassen wegen Shinjuku) oder Yakushima in der Präfektur Kagoshima (ausgelassen wegen zu weit weg).

Die gesamte Liste von 1 bis 10 findet man ab sofort auf dieser Seite.

Ich danke noch mal Allen für’s Mitmachen – und die zwei Bücher sind auch schon verlost (und auf dem Weg).

Teilen:  

Personen, um die man in Japan einfach nicht herumkommt – heute: Matsuko DeLuxe

Juni 2nd, 2017 | Tagged , | 4 Kommentare | 547 mal gelesen

In einer losen Folge möchte ich an dieser Stelle einmal Personen vorstellen, um die man in Japan einfach nicht drumherum kommt. Weil sie allgegenwärtig sind, etwas Besonderes geleistet haben und/oder meinungsbildend sind.

Heute geht es um マツコ・デラックス Matsuko Deluxe, einem Schriftsteller und Fernsehunterhalter, der seit vielen Jahren als seine eigene Kunstfigur durch die Landschaft tobt. Der 44-jährige Mann taucht nur in weiten Frauenkleidern auf und hat eigenen Angaben zufolge die perfekten Körpermasse: 180/180/180. Begonnen hat Matsuko Deluxe, Baujahr 1972, seine Karriere als Schriftsteller, mit Beiträgen für ein Schwulenmagazin.

An Matsuko muss man sich erstmal gewöhnen. Seine Stimme, seine Erscheinung, seine Körperfülle, sein Lachen, dass durch Mark und Bein dringt. Matsuko sprengt – vollkommen bewusst – alle Geschlechtergrenzen. Er ist nicht Mann, er ist nicht Frau – er ist Matsuko (ein Frauenname). Das ist in Japan, wo gleichgeschlechtliche Liebe zwar bekannt und nicht verboten ist, wohl aber totgeschwiegen wird, eine besondere Leistung, auch wenn Matsuko bei weitem nicht der Erste ist (andere bekannte Personen aus dem Genre sind Haruna und Ikko, um nur zwei zu nennen). Das „der“ ist dabei gewußt gewählt – er bevorzugt die Anrede mit männlichen Personalpronomen.

Bemerkenswert ist seine Allgegenwar im japanischen Fernsehen. Lediglich am Sonntag hat Matsuko sendefrei, an den anderen Tagen hat er eins, an manchen Tagen auch zwei Programme, die alle am Abend oder in der Nacht laufen. Dafür braucht man sehr, sehr viel Energie, zumal er in allen Programmen mehr oder weniger die Hauptrolle spielt.

Matsuko kann man mögen oder nicht. Manchmal kann ich ihn mir antun, aber jeden Tag wäre zu viel. Persönlich ganz interessant finde ich 夜の巷を徘徊する yoru no chimata o haikai suru („durch die nächtlichen Gassen ziehen“) – läuft jeden Freitag in der Nacht auf TV Asahi und zeigt Matsuko, wie er mit dem Kamerateam (das auch in die Sendung einbezogen wird) durch diverse Gassen streift und wahllos in Geschäfte reinspaziert. Das kann er gut – er ist äußerst direkt, nicht selten unverschämt, aber meistens auf seine Art erfrischend. Er scheut sich auch nicht vor Konflikten – bleibt aber in seinen Ansichten meistens recht neutral. In Berlin jedenfalls würde man ihn einfach „ein Orijinal“ nennen.

Matsuko Deluxe ist dabei gleichzeitig der lebende Beweis, dass es vollkommen okay ist in Japan, schwul zu sein: Solange man nur schrecklich schrill und extravagant ist.

Hier zur bildlichen Veranschaulichung drei ziemlich amüsante Werbespots mit Matsuko Deluxe:

Teilen:  

Das Verschwörungsgesetz und was es bedeutet

Mai 25th, 2017 | Tagged , , | 3 Kommentare | 667 mal gelesen

Es war abzusehen: Trotz unübersehbarer Proteste seitens der Opposition, aber auch durchaus in der Bevölkerung (inklusive Proteste vor dem Parlament) drückte Ministerpräsident Abe am Dienstag, dem 23. Mai 2017, seine Gesetzesvorlage zum 共謀罪 Kyōbōzai („Konspirationsstraftatbestand“) durch das Unterhaus. Mit einer bequemen Mehrheit aufgrund der erdrückenden Macht der Regierungskoalition.

Was bedeutet dies nun genau? Hauptsächlich geht es darum (besser gesagt: sollte es eigentlich darum gehen), der Polizei und dem Staatsschutz („公安“ kōan) bereits bei Verdacht auf eine anstehende Straftat weitreichende rechtliche Mittel in die Hand zu legen. Vor allem durch Überwachung der verdächtigen Subjekte. Erhärtet sich der Verdacht, kann die Staatsanwaltschaft dann bereits vor der eigentlichen Tat ans Werk gehen. Hauptsächlich sollen damit Terroraktionen verhindert und dem organisierten Verbrechen der Boden entzogen werden. Weltweit sind diese Bemühungen unter dem 2000 von der UNO ratifizierten völkerrechtlichen Vertrag „Übereinkommen gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität“, auch „Palermo-Konvention“ genannt, geregelt – in erster Linie ging es dabei um die grenzüberschreitende Bekämpfung von Menschenhandel, aber auch Terror. Ein Verschwörungsgesetz braucht man dafür jedoch eigentlich nicht – im deutschsprachigen Raum kommt man zum Beispiel auch sehr gut ohne aus.

Japan möchte die Palermo-Bedingungen erfüllen – vor allem mit Blick auf die anstehenden Olympischen Spiele 2020 in Tokyo. So weit, so gut. Der im Gesetz gesteckte Rahmen für die Anwendung dieses Gesetzes hat es allerdings in sich: Insgesamt 277 Straftatbestände dürfen dank des Verschwörungsgesetzes (oder besser Antikonspirationsgesetzes?) bereits im Ansatz „untersucht“ werden. Dazu zählt zum Beispiel die Entnahme seltener Pflanzen aus japanischen Wäldern. Süffisant fragte ein Oppositionspolitiker bei der viel zu kurzen Gesetzeslesung im Unterhaus, ob man jetzt wohl auch als Terrorverdächtiger gilt, wenn man im Wald Pilze sammeln geht. Die glasklare und konochentrockene Antwort der Regierung: Ja.

Zurecht protestieren zahlreiche helle Köpfe dagegen. Man befürchtet, zu Recht, eine massive Beschneidung der Bürgerrechte, wenn der Staat schon bei solchen Lappalien massiv abhören und observieren darf. Allein die Aussage „Ich gehe morgen im Wald Pilze sammeln“ könnte da die Staatsschützer auf den Plan rufen und zum Beispiel den Internetanschluss und das Telefon anzapfen. Kritiker monieren zudem, dass es bereits genügend rechtliche Mittel gibt, Terrorgefahren, und darum sollte es ja eigentlich gehen in Japan, im Vorfeld zu erkennen und zu vereiteln.

Doch das Gesetz hat nun das Unterhaus passiert, und da Abe auch im Oberhaus eine Zweidrittelmehrheit hält, wird es wohl auch diese letzte Hürde problemlos meistern. Und das mit Sicherheit vor Ende dieser Legislaturperiode, also vor dem 18. Juni.

Das wirft in mir wieder mal die Frage auf, was das 最高裁 saikōsai, der Oberste Gerichtshof in Japan eigentlich macht. Während das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe munter ein Gesetz nach dem anderen kassiert, hat man den Eindruck, dass Abe nach Herzenswillen schalten und walten kann – ohne Angst vor dem Obersten Gericht zu haben, das auch in Japan durchaus die Macht hat, Politiker und deren Vorhaben zu stoppen.

Teilen:  

KFC Japan verkauft Pizza Hut – Bewegung in der Branche?

Mai 22nd, 2017 | Tagged , | 5 Kommentare | 601 mal gelesen

Wie jetzt bekannt wurde, hat Kentucky Fried Chicken, auch in Japan äußerst beliebt, im Mai alle seine japanischen Pizza-Hut Filialen an eine Investorengruppe verkauft. Für wie viel ist zwar nicht genau bekannt, aber man weiß zumindest, dass Pizza Hut dem Unternehmen während der vergangenen 10 Jahre insgesamt rund 24 Millionen Euro Verlust eingefahren hat.

Man fragt sich warum. Dominiert wird die Pizzalieferservice-Industrie von den drei Granden Domino’s Pizza, Pizza-la und Pizza Hut. Der Wettbewerb ist ziemlich hart – das merkt man an den nicht enden wollenden Marketing-Bemühungen der drei Giganten. Doch als Endverbraucher, erst recht mit europäischem oder amerikanischem Hintergrund, wundert man sich dann doch, dass ein Pizza-Lieferservice in Japan in finanzielle Schieflage geraten kann. Denn so viel steht fest: Die Preise sind schlichtweg exorbitant. Zumindest wenn man satt werden möchte. Immer wieder wird die Kundschaft mit Coupons gelockt oder mit Angeboten wie „Kauf eine und bekomm die zweite Umsonst“ gelockt. Doch letztendlich bezahlt man doch immer wieder irgendwie 25 Euro und bekommt dafür… ein niedliches, kleines Stück Pizza, das vorn und hinten nicht reicht, solange man nicht gerade auf strenger Diät ist. Wer mit Pizza vom Lieferservice in Japan satt werden möchte, wird da oft enttäuscht. Für das gleiche Geld kann man in den meisten Restaurants regelrecht schlemmen.

Typisches Lockangebot: 30% auf die beliebtesten Pizzen. Man zahlt sich dennoch dumm und dämlich in Japan

Typisches Lockangebot: 30% auf die beliebtesten Pizzen. Man zahlt sich dennoch dumm und dämlich in Japan

Wenn man sich mit Freunden trifft oder die Arbeitsbesprechungen mal wieder etwas länger dauern, kommt man gelegentlich trotzdem nicht drumrum, aber jedes Mal stelle ich fest, dass die コスパ kosupa – eine wunderschöne japanische Biz-Talk-Abkürzung, die für „Cost-Performance“ steht – für Pizza in Japan einfach mal nicht stimmt.

Da es in Japan auch an brauchbaren Tiefkühlpizzen mangelt, kommt der Pizzafreund letztendlich nicht darum herum, sich die belegten Fladenbrote selbst zu basteln. Und siehe da – es schmeckt wesentlich besser, und die kosupa ist auch akzeptabel.

Von den ネタ neta Belägen möchte ich hier gar nicht erst anfangen. じゃがバターベーコン jaga butter bacon (Kartoffel-Butter-Schinken) oder die unsäglich süßen ジューシー厚切テリヤキチキン Juicy atsugiri Teriyaki Chicken müssen wirklich nicht sein.

Wer dennoch in Japan unbedingt Pizza bestellen möchte, sollte es bei Salvatore Cuomo versuchen. Die sind wenigstens halbwegs genießbar. Aber auch da muss man bei den Größen aufpassen: Eine Pizza mit 27 cm Durchmesser (Größe M) wird dort mit „Genug für 1.5 Personen“ beschrieben, ist hauchdünn und kostet in der einfachsten Variante 13 Euro.

Teilen:  

Haben es „weiße“ Männer in Japan wirklich leichter?

Mai 18th, 2017 | Tagged | 10 Kommentare | 994 mal gelesen

Dieser interessanten Frage wurde einmal in der Kolumne „Spare a thought for the Western men trapped in Japan“ in der Digitalausgabe der Japan Times nachgegangen (Link) – garniert mit einem Titelfoto, das einen 32-jährigen Deutschen zeigt, der nach 12 Jahren XY-Tours in Japan seine grosse Liebe fand, von ihr aber nach einem Jahr fallengelassen wurde, weil sie der Meinung war, dass er keine Perspektive in Japan habe.

Eine interessante Frage. Vorab aber vorsichtshalber eine Anmerkung zum Begriff „weisser Mann“ im Titel (Japankenner können das überspringen). In Japan unterscheidet man im Wesentlichen in アジア人 ajia-jin (Asiate), 黒人 kokujin (Schwarzer) und 白人 hakujin (Weißer). Das ist in Japan nicht abwertend gemeint und linguistisch verständlich. Alle Umschreibungen des Begriffes im Titel würden zu lang oder zu unkorrekt werden, schliesslich leben „die weissen Menschen“ westlich, östlich und südlich von Japan.

Als Mann hört und liest man so oft darüber, wie leicht es doch weiße Männer in Japan hätten. Sie hätten einen Ausländerbonus (den Chinesen und Koreaner jedoch nicht haben), könnten jede Frau rumkriegen und allein mit halbwegs passablen Englischkenntnissen Geld scheffeln bis de Arzt kommt. Zudem leben sie in Japan in einem veritablen Patriarchat, was für Männer natürlich, so sagt man zumindest, eine Spitzensache sei. Ist dem wirklich so?

Was das Geldscheffeln mit Englischkenntnissen angeht – nein, eher nicht. Sicher, man kann sich mit Unterrichten irgendwie über Wasser halten, doch wirklich reich wird man davon nicht. Nicht mehr. Die Englischindustrie hat, trotz fortlaufenden Bildungshungers der Insulaner, auch schon bessere Zeiten gesehen. Und gnadenlose Ausbeutung von Ausländern in einigen Privatschulen gab es auch schon immer und gibt es immer noch. Wenn man Pech hat.

Roppongi - wer hier auf Brautschau geht, sollte wissen, worauf er sich einläßt

Roppongi – wer hier auf Brautschau geht, sollte wissen, worauf er sich einläßt

Doch wie sieht es mit den Frauen aus? Genau hier liegt das Problem. Sicher, wenn man in punkto „aufreißen“ die richtigen Wasserlöcher kennt (Stichwort Roppongi), muss nicht gerade blendend aussehen, ein guter Unterhalter sein oder mit Geistesblitz brillieren. Irgendein Deckel findet sich dort allemal für jeden Topf. Doch allzu viele ausländische Männer scheinen sich da blenden zu lassen. Der Fokus auf „kawaii“ (niedlich) sollte nicht davon ablenken, dass natürlich auch japanische Frauen ihre eigene Agenda haben. Die sieht in vielen Fällen nur zwei Optionen vor: Entweder soll der exotische Lover dazu dienen, Japan entfliehen zu können (um nach etlichen Jahren dann festzustellen, dass man ganz unbedingt wieder zurückziehen muss, ob das dem Mann gefällt oder nicht). Oder man hat den typischen japanischen Weg im Sinn: Der Mann soll möglichst viel Geld verdienen, denn die Frau denkt nach der möglichen Geburt von Kindern gar nicht daran, zu arbeiten (was zu einem grossen Teil leider an der Gesellschaft liegt, die einen solchen Schritt nicht gerade fördert). Ein schönes Haus, ein dickes Auto, viele Geschenke und gutes Essen sollen es dann aber natürlich dennoch sein. Nach der Geburt der Kinder ist der Mann oftmals vorerst sowieso passé, was aber nicht so schlimm ist, wenn er in einer japanischen Firm arbeitet, denn dann kommt er eh kaum nach Hause.

A propos Arbeit: Egal ob man japanisch spricht oder nicht, man ist und bleibt immer der Exot. Das kann in einigen Firmen gut sein, in vielen Firmen ist es jedoch eher schlecht: Verwehrte Aufstiegschancen haben schon so manchen verzweifeln lassen, zumal japanische Firmen nach wie vor immer noch nicht nach dem Leistungsprinzip, sondern nach dem Senioritätsprinzip funktionieren. Da kann man noch so gut sein – man steigt einfach in den nächsten 10 Jahren nicht auf. Wenn man bis dahin nicht an der Arbeitsmoral der Kollegen verzweifelt, die tagsüber sinnlos rumrödeln und dann versuchen, das ganze mit täglichen und sinnlosen, oft unbezahlten Überstunden wieder wettzumachen – vom ausländischen Mitarbeiter wird oft verlangt, dabei mitzumachen.

Doch wie in jedem Fall gibt es zum Glück auch Ausnahmen. Und das eine Frau lieber einen Partner wählt, der „Potential“ hat, ist einfach nur menschlich. Doch während es genügend Ausnahmen gibt, bei den Partnerinnen wie auch bei den Arbeitsplätzen, sollten glühende Japanfans, die mit dem Gedanken spielen, sich „mal eben“ in Japan niederzulassen, gewarnt sein. Japan ist eben kein Schlaraffenland – auch hier muss man sich gehörig ins Zeug legen. C’est la vie.

Teilen:  

Ehre was Ehre gebührt

Mai 11th, 2017 | Tagged , | 6 Kommentare | 585 mal gelesen

Schon lange wollte ich mich an die Arbeit machen und einige neue Seiten erstellen, die sich um den kulinarischen Aspekt Japans kümmern. Der vor vielen Jahren erstellte Artikel über die Japanische Küche ist zwar als Einstieg schön und gut (und oft gelesen), aber es gibt so viel mehr darüber zu schreiben. Neulich war es dann auch so weit: Während der Goldenen Woche landeten wir in einem Soba-Restaurant, in dem der Meister die Nudeln selbst herstellt. Und zwar nicht nur den Teig – selbst das Mehl (siehe Mahlstein im Hintergrund auf dem Photo). So viel Hingabe zum Essen, wie man sie oft in Japan findet, gebührt Ehre.

Soba-Meister bei der Arbeit. Im Hintergrund: Der Mahlstein.

Soba-Meister bei der Arbeit. Im Hintergrund: Der Mahlstein.

Die Seiten werde ich dann, so angemessen, auch mit ein paar Rezepten garnieren, so zum Beispiel auf der Seite über Ramen – ein meiner Meinung nach im Ausland definitiv noch nicht ausreichend bekanntes Gericht. Aber auch Grundzutaten wie Katsuobushi sollen nicht zu kurz kommen.

Aber keine Sorge: Der Blog wird sich demnächst nicht plötzlich nur ums Essen drehen – dies sind nur Ergänzungen zum Japan-Almanach. Wer jedoch sehr an japanischer Küche interessiert ist, sollte öfter mal auf der Hauptseite des Japan-Almanachs oder auf der Facebook-Seite vorbeischauen. In diesem Sinne: itadakimasu!

Teilen:  

« Ältere Einträge