Sommer, Sonne, Sonnenschein…

Juli 28th, 2015 | Tagged , , | 12 Kommentare | 493 mal gelesen

Strand kommt immer gut, Zumindest für die Kinder. Hier am Pazifik, bei Kamakura

Strand kommt immer gut, Zumindest für die Kinder. Hier am Pazifik, bei Kamakura

… und schon fällt man in das Sommerloch. Das geht noch einfacher mit zwei kleinen Kindern, die von Mitte Juli bis Ende August Ferien haben, und während dieser Ferien natürlich tagein, tagaus bespaßt werden wollen. Das ist leichter gesagt als getan, denn der Sommer hat sich kraftvoll zu Wort gemeldet mit Temperaturen, die in den letzten Tagen zumindest in Tokyo regelmäßig über 36 Grad liegen.
Was macht man also mit den lieben Kleinen? Freunde treffen ist eine Sache. Man kann sie auch in Museen oder Galerien schleifen, wo es etwas kühler ist, aber das ist auf Dauer nicht sehr unterhaltsam. Der Kindergarten unseres Jüngsten bietet ein Übernachtungsprogramm an, bei der Mütter mit ihren Kindern im Kindergarten übernachten können. Und nachts mit dem Kindergartengründer einen bechern können.
Neulich, im Okamoto Tarō-Museum

Neulich, im Okamoto Tarō-Museum


Nein, das ist dann erst später, wenn die Kinder schlafen. Wie das allerdings so vonstatten geht, kann ich mir nicht so recht vorstellen, denn der Kindergarten beherbergt rund 1,000 Kinder. Interessanterweise sind die Väter aber sowieso von vornherein von der Aktion ausgeschlossen. Das ist zwar schade, aber das ändert bei mir nichts, da ich sowieso zur Arbeit muss. Und das sieht im Sommer so aus:

8:45 – bei praller Sonne und 32 Grad mit dem Fahrrad 4,5 km zum Bahnhof fahren
9:00 – im vollbesetzten, auf 22 Grad heruntergekühlten Zug nach Shibuya fahren
9:25 – bei 32 Grad in Shibuya mit Tausenden anderen gleichzeitig ca. 200 Stufen Treppe steigen
9:30 – im vollbesetzten, auf 22 Grad heruntergekühlten Zug nach Ebisu fahren
9:32 – bei 33 Grad gut 10 Minuten und stets schattensuchend vom Bahnhof zum Büro laufen
9:45 bis 20:45 – im auf 26 Grad heruntergekühlten Büro staunen, wie heiss es draussen aussieht

und danach das gleiche wieder zurück. Währenddessen kann sich meine Frau ausdenken, was sie am besten am nächsten Tag mit den Kindern anstellt, die natürlich am nächsten Morgen wieder punkt 6:30 auf der Matte stehen und im Chor sagen: “Und was machen wir heute?” Das sind die Momente, bei denen ich mir nicht sicher bin, wer mehr bezahlt werden sollte. 4 Wochen Ferien noch. Und während dieser Zeit habe ich sogar selbst eine Woche Urlaub. Allerdings werde ich ein paar Tage davon ganz allein auf einer einsamen Insel verbringen: Yakushima. Aus Recherchegründen, versteht sich.

Wer ein paar Geheimtipps abseits von Disneyland, Ueno-Zoo (um Gottes Willen…) und dergleichen hat — immer her damit!

Teilen:  

Massenhafte Denunzierung von Koreanern

Juli 22nd, 2015 | Tagged , | 2 Kommentare | 703 mal gelesen

Seit ein paar Tagen grassieren im japanischen Internet Gerüchte, wonach sogenannte 在日コリアン Zainichi Korean – in vielen Fällen seit Generationen in Japan lebende ethnische Koreaner – ab dem 9. Juli diesen Jahres ihr Aufenthaltsrecht verlieren und deportiert werden sollen¹. Weiterhin besagen die Gerüchte, dass man für das Denunzieren eines zu deportierenden Koreaners eine Kopfprämie bekommt – die Angaben schwanken, aber am häufigsten liest man von rund 400 Euro. Demzufolge erhielt die Ausländerbehörde wohl eine Flut von “Meldungen angeblich illegal in Japan lebender Koreaner”.

Als Stichtag wird in dem Zusammenhang der 9. Juli genannt, aber der Hintergrund ist ein anderer: Es gibt rund 360’000 Koreaner mit besonderer Aufenthaltsgenehmigung in Japan, und die mussten – wie alle anderen in Japan lebenden Ausländer auch – bis zu jenem Tag ihren alten Ausweis umtauschen. Ein paar Wochen vor dem Stichtag gab es aber wohl noch geschätzte 150’000 Koreaner, die noch nicht umgetauscht hatten.

Schaut man sich ein bisschen im Netz um, erscheinen die obigen Nachrichten auf nahezu allen Nachrichtenseiten – mit dem heutigen Tag (21. Juli 2015) als Datum. Schaut man sich jedoch etwas genauer um, findet man eben dieses Gerücht bereits viel früher, nämlich bei Yahoo! Japans “知恵袋 Chiebukuro”², der japanischen Version von Yahoo Answers. Und man findet natürlich auch “Schritt-für-Schritt-Gebrauchsanleitungen”³ dafür, wie man illegale Ausländer online an die Behörden melden kann.

Defamierungen dieser Bevölkerungsgruppe gehören zum Alltag in Japan – leider. Da ist das obige eigentlich nichts Neues. Aber es hinterlässt trotzdem einen sehr faden Nachgeschmack, denn das grenzt an Denunziantentum – ein Merkmal von Gesellschaften, die ein ordentliches Problem haben. Um es mal ganz vorsichtig auszudrücken.

¹ Siehe zum Beispiel hier (Japanisch) oder hier (Englisch)
² Siehe hier.
³ Siehe zum Beispiel hier

Teilen:  

Sicherheitsgesetz durchgeprügelt – was nun, Abe?

Juli 17th, 2015 | Tagged | 5 Kommentare | 928 mal gelesen

Ministerpräsident Abe hat gestern ernst gemacht und wie schon seit geraumer Zeit angekündigt das Sicherheitsgesetz im Unterhaus durchwinken lassen¹. Kein Problem dank einer satten Mehrheit seiner Partei. Während der Verkündung des Ergebnisses kam es zu tumultartigen Zuständen im Unterhaus – fühlten sich doch die Vertreter der Opposition quasi übergangen. Am Abend kam es schliesslich zu einer grösseren Demonstration vorwiegend junger Japaner vor dem Parlamentsgebäude.

Doch was wird nun passieren? Ohne das Gesetz war es Japan nicht erlaubt, militärisch aktiv zu werden – so lange es nicht, und das ist wichtig zu wissen – direkt angegriffen wird. Das wird durch den Pazifismusartikel in der Verfassung so bestimmt. Und das wurde und wird von vielen falsch verstanden, denn Japan war und ist durchaus berechtigt, sich militärisch zu verteidigen. Das neue Sicherheitsgesetz besagt “lediglich”, dass Japan jetzt auch im Bündnisfall aktiv werden darf. Das ist natürlich keine Neuheit für Bewohner von zum Beispiel NATO-Mitgliedsländern, doch für Japan ist das natürlich ein wesentlicher Unterschied.

Also: Cui bono (Wem nützt es)? Und warum jetzt? Natürlich hat man hauptsächlich China im Auge, das ja nun schon seit Jahren seine Grenzen in Ostasien auslotet – egal ob mit Japan, Südkorea, den Philippinen oder Vietnam. Wäre bisher zum Beispiel ein amerikanisches Schiff ausserhalb des japanischen Hoheitsgebietes von einem chinesischen Flugzeug angegriffen worden, hätte Japan rein gar nichts machen können, um militärisch beizustehen – wegen der Verfassung. Aber halt… die Verfassung ist doch noch die selbe? Richtig. Obwohl vielfach, sogar in den eigenen Reihen, davor gewarnt wurde, dass das Sicherheitsgesetz gegen die Verfassung verstösst, wischte Abe diese Bedenken einfach beseite. So als ob es die Verfassung gar nicht gäbe. Er hat es damit tatsächlich geschafft, selbst erzkonservative Vertreter der Intelligentsia gegen sich und das Vorhaben aufzubringen. Vom gemeinen Volk ganz zu schweigen.

Es gibt so viele Ungereimtheiten bei diesem Gesetz und der Vorgehensweise, dass man sich wirklich wundern muss. Das ganze ergibt eigentlich nur einen Sinn, wenn man sich vorstellt, dass die USA Abe dazu gedrängt hat, für den Bündnisfall vorzusorgen. Im Gegenzug macht die USA vielleicht Zugeständnisse bezüglich ihrer heftig umstrittenen Militärstützpunkte auf Okinawa – seit Jahren ein gewaltiger innenpolitischer Zankapfel. Ob dem so ist, wird sich wahrscheinlich in den nächsten Monaten herausstellen, denn das Projekt der Umsiedlung des Stützpunktes Camp Schwab nach Henoko geht in seine heisse Phase – man will den Stützpunkt nämlich gänzlich los werden.

Es fielen vorher Argumente wie “was Japan macht, ist einfach nur Realpolitik” oder “es ist ja nicht so, dass Japan dann in Bälde China angreift”. Nein, das ist natürlich nicht zu erwarten. Aber an der Verfassung und am Volk vorbei Gesetze zu erlassen ist etwas anderes. Interessant wäre dabei auch noch ein Interview, dass Abe just heute zum Thema überteuertes Olympiastadion gab: “Man müsse der Sache auf den Grund gehen, denn man muss schon darauf hören, was das Volk sagt”. Sagt Abe. Ausgerechnet Abe, dem es erklärterweise völlig egal ist, was Volk (und Gelehrte) zu seinem Gesetzesentwurf sagen.

Wer mehr zum Thema lesen möchte, dem sei dieser exzellente Artikel zur Lektüre empfohlen: The Daily Beast: Are These the Last Days of Japan’s Prime Minister Abe?.

Und für die Japanisch-Kenner oder -Lernenden auch noch zwei Schmankerl: Parodie auf “Der Untergang” (in Originalsprache — die Untertitel nehmen Bezug auf Abe):

Und dann wäre da noch “Akari-chan”, die das Sicherheitsgesetz auseinandernimmt:

¹ Siehe Tagesschau.de: Gegen die Verfassung und gegen das Volk

Teilen:  

Spaß im japanischen Schilderwald

Juli 14th, 2015 | Tagged | 13 Kommentare | 1077 mal gelesen

Tja, was das nun wohl bedeuten mag!?

Als stolzer Nichtbesitzer eines Führerscheins kehre ich mich eigentlich nicht so viel um Strassenverkehrsschilder. Natürlich kenne ich 98%, da ich ja viel mit dem Fahrrad unterwegs bin, aber die Hausaufgabe meiner Tochter lautete letzten Freitag, Verkehrszeichen zu fotografieren und ein besonders Interessantes auszuwählen und zu beschreiben. Also ging es auf Fotosafari, und wie es nun mal so ist, schaut man mit gezieltem Auftrag gleich viel aufmerksamer auf Dinge, die man sonst eher links liegen lässt. Etwas Neues kam nicht ans Licht — aber es bestätigte das, was ich schon von Anfang an mit Erstaunen in Japan beobachtete: Sehr viele japanische Verkehrsschilder setzen voraus, dass man Japanisch kann. Beziehungsweise, um genauer zu sein, Schriftzeichen lesen kann. Wer das nicht kann, hat einfach mal ein bisschen Pech gehabt. Besonders häufig und wichtig sind dabei die Wörter 徐行 jokō (Geschwindigkeit drosseln) und 止まれ Tomare (Stop), wobei diese beiden Wörter nicht nur auf Verkehrszeichen stehen, sondern auch riesengross auf Strassen gepinselt werden. Das wäre eine Erkenntnis. Das in Japan Linksverkehr herrscht, ist natürlich auch eine wichtige Erkenntnis, aber die gewinnt man als Japanbesucher natürlich innerhalb weniger Stunden – spätestens wenn man fast überfahren wird, weil man doch mal nicht nach links und rechts geschaut hat und entsprechend kein Auto von rechts erwartete. Die dritte Erkenntnis ist eigentlich die, die mich am meisten überraschte: In Japan gibt es keine Haupt- und Nebenstrassenschilder. Das wird heutzutage durch Ampeln geregelt oder eben durch ein gross auf die Strasse gepinseltes Tomare. Öfter fehlt jedoch beides, und in dem Fall scheint man in Japan einfach nach dem Motto zu gehen “Was breiter ist, ist Hauptstrasse”. Aber vielleicht mache ich ja doch irgendwann mal den Führerschein (bin nicht ganz abgeneigt, auch wenn es an Zeit mangelt) und dann werde ich ganz bestimmt schlauer. Obwohl: Japaner sind Weltmeister im Überfahren roter Ampeln, da es nur geahndet wird, wenn die Polizei direkt daneben steht. Erst vor zwei Wochen hat mein Schwager einen Lieferdienst-Mopedfahrer umgefahren, der bei tiefrot und Karacho über die Kreuzung bretterte. Ich war nach einer Minute und damit noch vor dem Krankenwagen am Unfallort, und es sah recht übel aus. Gottseidank stellte sich letztendlich alles als halb so wild heraus, aber meine Theorie steht: Es gibt nur deswegen so wenige tödliche Unfälle in Japan, weil man nirgendwo, zumindest in den Städten, nicht richtig Gas geben kann, da überall viel Verkehr ist.

Teilen:  

Die Olympischen Spiele und das liebe Geld

Juli 10th, 2015 | Tagged , | 8 Kommentare | 1019 mal gelesen

Mit grossen Schritten rücken sie heran – die Olympischen Sommerspiele 2020. Nur noch 5 Jahre sind es bis dahin, und immerhin hat man in Japan jetzt damit begonnen, sich um die Kosten zu streiten.

Die ursprüngliche Planung sieht vor, dass die Spiele rund 820 Milliarden Yen kosten werden – das sind beim jetzigen Stand gute 6 Milliarden Euro¹. Dem gegenüber stehen erwartete Einnahmen von gut 2,5 Milliarden Euro. Von vornherein also sind die Olympischen Sommerspiele für Tokyo ein Zuschußgeschäft. Doch die Zahlen erweisen sich jetzt schon – hört, hört! – als nur gering belastbar. Der grösste Zankapfel ist da momentan der Neubau des 新国立競技場 Shinkokuritsu Kyōgijō (wörtlich: “Neuer Staatlicher Wettkampfort). Das Olympiastadium befindet sich im Herzen von Tokyo und soll von jetzt an gebaut werden. Die Ausschreibung hatte die englische Stararchitektin Zaha Hamid gewonnen. Eigentlich waren für den Neu- und Umbau der Wettkampfstätten in und um Tokyo insgesamt 300 Milliarden Yen eingeplant, doch nun gab man bekannt, dass allein der Neubau des Olympiastadiums 250 Milliarden Yen, also sage und schreibe 1,8 Milliarden Euro, kosten werde. Das ist in etwa das 5-fache dessen, was das Olympiastadium in Peking kostete. Einer der Hauptgründe für den plötzlichen Kostenanstieg ist das extravagante Design. 370 Meter lang und 70 Meter hoch soll das, ich sage mal wanzenähnliche, Gebilde werden – das Herzstück besteht aus zwei riesengrossen Stahlbögen, entlang derer ein einfahrbares Dach verlaufen soll.

Projektentwurf Olympiastadion. Quelle: Japan Sport Council

Projektentwurf Olympiastadion. Quelle: Japan Sport Council

Muss das sein? Müssen wir soviel Geld dafür ausgeben? Und von wem soll das Geld eigentlich kommen? Warum hat man nicht einen japanischen Architekten gewählt? So und ähnlich lauten die Fragen. Dabei hat man schon zurückgesteckt und den Bau um rund 20% verkleinert. In dieser Woche wurde nun entschieden, dass das Teil gebaut wird, basta.

Wer vom neuen Berliner Flughafen oder der Elbphilharmonie gehört hat, kann darüber nur müde lächeln. Obwohl 1,8 Milliarden Euro für ein Stadion in der Tat kein Pappenstiel sind. Wahrscheinlich werden aber noch etliche andere Überraschungen auf die Veranstalter hinzukommen. Woher das Geld jedoch letztendlich kommen soll, ist eine Frage, die mich auch interessiert – schliesslich ist Japan bis über beide Ohren verschuldet. Neben der Tatsache, dass das Land aus tausenden Inseln besteht, noch eine Gemeinsamkeit mit Griechenland…

¹ Eine Zusammenfassung der ursprünglichen Planung der Spiele findet man hier

Teilen:  

Striktes Japan: Tischmanieren

Juli 7th, 2015 | Tagged | 4 Kommentare | 1160 mal gelesen

ogasawara-ryuHeute bin ich über ein Buch gestolpert mit dem schlüssigen Titel “Ogasawara-ryu Etiquette for Washoku, the Cuisine of Japan -The Etiquette of the Samurai”¹ – ein Ratgeber zur Etikette bei Tisch in Japan. Mit 24 Seiten ist das ganze eher eine Broschüre als ein Besuch, verfasst von zwei Ogasawaras – ein Clan, der seit 32 (!) Generationen in Japan bestimmt, was wie gemacht werden darf und was nicht – von Tischmanieren bis zur hohen Kunst des Bogenschiessens. Entsprechend sind diese “Kniggen” als 小笠原流 – Ogasawara-Schule bekannt.

Die Washoku-Knigge (和食 washoku – traditionelle Japanische Küche) bestimmt zum Beispiel, dass man nicht aus der Suppenschale trinken und gleichzeitig mit den Stäbchen darin rumrühren soll (sieht man sehr oft). Ebenso soll man nicht die Suppenschale am Rand anfassen, sondern sie auf der flachen Hand halten. Soweit, so gut. Gleichzeitig gilt es aber auch als Frevel, wenn man in einem reservierten Restaurant zu spät aufkreuzt oder während des Essens auf Toilette geht – das ist dem Koch gegenüber unhöflich (und da wird die Knigge auch schon recht elitär, denn man muss schon eine ordentliche Stange Geld ausgeben, um in ein Restaurant zu gelangen, in dem man dem Koch gegenüber so viel Respekt bezeugt).

Der Shanghaiist mutmasst dabei – nicht ganz zu unrecht – das das Buch vor allem auf chinesische Besucher abzielt. Demzufolge gab es bereits die ersten Berichte, wonach chinesischen Kunden aufgrund schlechter Tischmanieren der Zutritt zu japanischen Edelrestaurants verwehrt wurde. Das ganze kennt man bereits von heissen Quellen – eine Zeit lang wurde zum Beispiel Ausländern (vor allem aber Russen) – der Zutritt zu heissen Quellen (onsen) auf Hokkaido verwehrt, da es wohl zu viele Beschwerden von Onsen-versierten Japanern gab. Es fällt dabei schwer, die heissen Quellen und Restaurants pauschal zu verurteilen, denn regelmässiger Besuch ausländischer und nicht selten unkundiger Kundschaft kann in der Tat geschäftsschädigend wirken, da die (in der Regel zahlreichere) japanische Kundschaft schnell deswegen wegbleiben kann. Ein generelles Verbot ist natürlich trotzdem Blödsinn – schliesslich kann man die Kundschaft “erziehen”, indem man zum Beispiel ein Merkblatt in Englisch, Chinesisch oder Russisch anbietet.

Doch um auf das Essen zurückzukommen: Sicher, es gibt eine Handvoll eiserner Regeln, die man sich in der Tat unbedingt merken sollte – vor allem was den Umgang mit Stäbchen anbelangt, da gewisse Handhabungen an ein Beerdigungsritual erinnern. Andere Regeln kann man erahnen: So zum Beispiel, dass es sich nicht geziemt, Miso-Suppe in den Reis zu kippen oder andersrum (das Ergebnis nennt man 猫飯 nekomeshi – “Katzenreis”, und man muss kein Japan-Experte sein, um zu verstehen, warum das so heisst). Schwieriger wird es bei der Frage, was man nun alles wirklich essen kann und was nicht (da Garnitur): Kann man zum Beispiel die kleine Chrysanthemenblüte essen, die da im Sashimi herumlungert? Spontan würde man natürlich eher auf “Nein” tippen, aber die richtige Antwort lautet: “Klar. Immer rein damit”. Im Zweifelsfall sollte man aber doch lieber die Finger davon lassen: Es gab wohl in Japan einen Fall, in dem man in einem teureren Restaurant ein Gericht auf Gartenhortensienblättern servierte. Gartenhortensien sind allgegenwärtig während der Regenzeit in Japan. Ein Kunde (Japaner wohlgemerkt) ass die Garnitur mit und verstarb daraufhin, da Gartenhortensien nicht nur schön, sondern auch hochgiftig sind.

Ich hoffe jedoch, dass auch mehr und mehr Japaner Kniggen zum Thema ausländisches Essen lesen. Intolerant wie ich bin, stehen mir jedes Mal die Nackenhaare zu Berge, wenn japanischer Kunden bei meinem Lieblingsitaliener Pasta schlürfen als äßen sie eine japanische Nudelsuppe.

Siehe hier. Offensichtlich nur als Kindle-Version erhältlich.

Teilen:  

Anschlag auf ein Nationalsymbol: Selbstverbrennung im Shinkansen

Juli 1st, 2015 | Tagged , | 9 Kommentare | 1363 mal gelesen

Will man Japan ins Mark treffen, dann gibt es nur wenige Dinge, bei denen man das so leicht erreichen kann wie beim Shinkansen. Das Shinkansen-Netz gibt es seit 1964, also seit 51 Jahren, und die Beliebtheit ist ungebrochen – das Netz wird auch heute noch ausgebaut, und tagtäglich benutzen durchschnittlich 400,000 Fahrgäste die Züge. Und: Bisher gab es noch nie in der langen Geschichte einen tödlichen Unfall. Bis heute: Im Nozomi, dem schnellsten Shinkansen zwischen Tokyo und Osaka, lief ein laut Augenzeugen etwas verwahrloster, älterer Mann den Gang im ersten Wagen auf und ab, sprach einen Fahrgast mit “Wie sieht’s aus mit einer Zigarette?” an (alle Abteile sind Nichtraucherabteile, wohlgemerkt) und blieb schliesslich neben einer jungen Frau in der ersten Reihe stehen. Dieser legte er dann ein paar 1’000-Yen-Scheine auf den Tisch und sagte “Habe ich gefunden. Kannst Du behalten!”. Als die Frau ablehnte, sagte er ihr “verschwinde von hier, sonst wirst Du verletzt”. Anschliessend goss er sich eine brennbare Flüssigkeit über den Körper und zündete sich an.

Im Abteil brach Panik aus – die Fahrgäste versuchten aus dem Abteil zu fliehen, doch die enorme Rauchentwicklung führte schliesslich dazu, dass nicht nur der 71-jährige Selbstmörder aus Tokyo, sondern auch eine unbeteiligte, gut 50 Jahre alte Frau aus Yokohama noch vor Ort verstarb. Im fahrenden Shinkansen. Zudem gab es rund 20 Verletzte, vornehmlich mit Rauchvergiftung. Der Zug wurde schliesslich angehalten und Löschkräfte drangen zum Waggon vor, aber viel war nicht mehr zu tun: Von dem Mann blieb wohl nicht viel übrig, und der Waggon selbst fing nicht Feuer. Genauer gesagt war von aussen rein gar nichts zu sehen.

Dieses tragische Ereignis ist ein Schock – Shinkansen sind Japans Stolz und – vollkommen zurecht – ein Symbol für Pünktlichkeit, Sicherheit, Sauberkeit und Effizienz. Und obwohl natürlich sofort etliche Leute nach Massnahmen krähen – so ist das heutige Ereignis natürlich nicht mehr als ein freak accident – man kann sich nicht vor allen Dingen schützen.

Die Shinkansen rollten nach drei Stunden wieder, und nur wenig später war der Selbstmörder identifiziert – ein ehemaliger Abrissunternehmer, der vor kurzem in Rente ging und als unauffällig und nett galt. Was ihn zu der Tat wohl bewogen hat? Seine Geste mit dem Geld deutet auf Geldnot hin. Einen Abschiedsbrief hat man noch nicht gefunden, aber ein politischer Hintergrund würde mich überraschen.

Aus gegebenem Anlass an dieser Stelle mal ein gut gemachtes Video, in dem erklärt wird, wieso die Shinkansen so sauber sind, wie sie sind:

Teilen:  

Wo sind nur die Höschen hin?

Juni 26th, 2015 | Tagged , | 5 Kommentare | 1516 mal gelesen

Kurz, kürzer, Bloomer: Das war Japan. Quelle: http://djminamo.blog99.fc2.com/blog-entry-106.html

Kurz, kürzer, Bloomer: Das war Japan. Quelle: http://djminamo.blog99.fc2.com/blog-entry-106.html

Neulich unterhielt sich meine Frau mit einer, nun ja, Kollegin, und man kam auf die sogenannten ブルマー burumaa zu sprechen – der Begriff leitet sich vom englischen Wort “Bloomer” ab: Damenpumphosen. Die sind allen Japanerinnen, die vor den 1990ern die Schulbank drückten, ein Begriff. Und ja – obwohl ich keine Animes schaue – sind diese mir doch in Erinnerung geblieben, als ich beim Zappen auf irgendein Volleyballanime stiess. Bis in die 1990er waren diese Hosen Pflichtkleidung im Sportunterricht für alle Grund- und Mittelstufenschülerinnen, also bis zu 14-jährigen Mädchen. In einigen Fällen waren diese sogar in der Oberstufe Pflicht.

Damenpumphosen waren schon lange Pflicht, doch in den 1970ern kam die ultrakurze Variante, auch als ちょうちんブルマー Chōchin Bloomer bekannt, in Mode. Angeblich aufgrund der zunehmend in Mode kommenden Sportart Volleyball. Nicht gänzlich unverständlich entwickelte sich daraufhin schnell ein regelrechter Fetisch, was jedoch, auch das ist verständlich, den 13, 14-jährigen Mädchen ziemlich auf den Wecker ging, denn in der Regel (sorry, die Zote muss sein) zieht man in dem Alter, beziehungsweise eigentlich in fast jedem Alter, so etwas nicht freiwillig an.

Die Hosen verschwanden jedoch letztendlich in den 1990ern. Und die heute erwachsenen Frauen wundern sich heute, wie so etwas eigentlich möglich war: Wie konnte es sein, dass man gezwungen war, so etwas anzuziehen? Das wäre doch heute undenkbar! Das wirft die berechtigte Frage auf, ob da etwa das japanische Patriarchat ins Schwanken geraten ist. Man kann sich nur zu gut vorstellen, wie damals ein paar Lustgreise feixend beschlossen, dass alle Mädchen dieses minimalistische Kleidungsstück anziehen müssen, ob sie wollen oder nicht. Das ist heute vorbei – der Trend geht zu längeren Kleidungsstücken, zudem noch beschleunigt durch die regelrecht panische Angst japanischer Frauen vor dem geringsten Sonnenstrählchen, dann man könnte ja den hellen Taint einbüssen, so man ihn überhaupt hat. Japan ist wahrscheinlich das einzige nicht-muslimische Land, in dem Burkini der absolute Renner sind. Aber — dazu muss man kein Mädchen sein — ist es verständlich, dass Frauen heute aufatmen, dass die ultrakurzen Bloomer irgendwann verschwanden.

Teilen:  

Abe kauft sich Zeit

Juni 23rd, 2015 | Tagged , | 9 Kommentare | 1433 mal gelesen

Auf die Gefahr hin, meine Leser zu langweilen, kommt hier schon wieder… Politik. Denn es tut sich so einiges – die nächsten Monate könnten spannend werden. Im Wesentlichen dreht sich alles um den 安全保障関連法案 Anzen Hoshō Kanren Hōan – den Gesetzesentwurf zur (Landes)sicherheit, mit dem man quasi die pazifistische Verfassung aushebeln möchte. Erst sah es so aus, als ob Abe mittels einer bequemen Mehrheit im Parlament den Gesetzesentwurf irgendwie durchmogeln kann. Doch es regt sich Widerstand. Anfangs manifestierte sich der erst durch Rentner, die vor Bahnhöfen davor warnten, dass Japans friedliebender Charakter in Gefahr ist. Hinzu kam eine Graswurzelbewegung, ins Leben gerufen von einer Hausfrau, mit dem gleichen Ziel – den Pazifismusartikel in der Verfassung zu erhalten. Daraus wiederum entstand eine Bewegung zahlreicher Honoratioren im In- und Ausland, die sich darum bemühen, die japanische Verfassung mit dem Friedensnobelpreis zu krönen. Keine schlechte Idee, wie ich finde.

In der vergangenen Woche schlossen sich nun zahlreiche Forscher zusammen, um vor Abes Plänen zu zu warnen: Sein Vorhaben sei 違憲 – iken – verfassungswidrig. Abe tobte – wer hat da die Wissenschaftler auf den Plan gerufen? Doch das war nicht alles. Seit der vergangenen Woche gibt es zudem Demonstrationen in Tokyo – oft organisiert und hauptsächlich besucht von jungen Japanern. Sehr jungen Japanern – einige Sprecher waren noch nicht mal im wahlfähigen Alter.

Heute trat Abe konsequenterweise auf die Bremse: Er verlängerte die diesjährige Parlamentssitzungsperiode um 95 Tage bis Ende September. So lange wurde die Sitzungsperiode im Nachkriegsjapan noch nie verlängert. Das Ziel ist klar: Abe möchte eine ausreichende Mehrheit sowie die Bevölkerung hinter sich sehen, denn seine Umfragewerte sind stark gefallen. Momentan erklären sich weniger als 40% der Bevölkerung mit Abes Arbeit zufrieden; nur 29% sind dabei für die Neuinterpretation der Verfassung und 53% dagegen¹. Abe wird freilich stur bleiben und auf sein Ziel hinarbeiten, aber dank des immer stärker werdenden Widerstandes könnte in den nächsten Monaten so einiges passieren.

Interessant ist in diesem Licht da die heutige Meldung zum Anlass des 50-jährigen Jahrestages der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen (Süd)korea und Japan. Abe sprach bei einer von der südkoreanischen Botschaft in Tokyo abgehaltenen Zeremonie² und versicherte dort, dass er an einer auf Freundschaft fussenden Beziehung mit Südkorea arbeiten möchte – zusammen mit der südkoreanischen Präsidentin. Dies sei schliesslich wichtig, um Friede und Stabilität in der Region zu gewähren. Auch aus Südkorea kamen heute ermunternde Töne von der Präsidentin. Meldungen dieser Art hat man seit Jahren nur noch selten gehört und lassen aufhorchen. Buhlt Abe da um Verständnis für sein Gesetzesvorhaben beim Nachbarn? Oder will er damit der eigenen Bevölkerung zeigen, dass er ja nichts Böses im Schilde führt? Es bleibt abzuwarten. Ich jedenfalls vertraue dem Burschen nicht.

¹Siehe hier.
²Siehe unter anderem hier.

Teilen:  

Japanische Erwachsene werden jünger

Juni 19th, 2015 | Tagged , , | 6 Kommentare | 1547 mal gelesen

Unter 20 Jahre? Dann bleibt der Hahn trocken!

Unter 20 Jahre? Dann bleibt der Hahn trocken!

Gestern, am 17. Juni 2015, geschah etwas ziemlich seltenes im japanischen Oberhaus: Eine Gesetzesnovelle wurde einstimmig beschlossen. Es geht um eine Änderung des Wahlgesetzes, die besagt, dass das Wahlalter von 20 auf 18 Jahre gesenkt wird. Somit haben die japanischen Parteien schlagartig 2,4 Millionen neue potentielle Wähler hinzugewonnen. Zwar nicht umgehend, denn traditionell verstreicht erstmal ein volles Jahr, bis die Änderung wirklich umgesetzt wird, aber immerhin. Zum letzten Mal wurde das Wahlalter übrigens 1945 herabgesenkt – von 25 auf 20 Jahre.

Im internationalen Vergleich¹ lag Japan mit seinem hohen Wahlalter ziemlich abgeschlagen auf den hinteren Rängen – üblich sind 18 Jahre. Und es ist nicht verwunderlich, dass nun umgehend eine alte Debatte aufflammt: Ab wann ist man in Japan volljährig? Noch sind es 20 Jahre, wobei vor ein paar Jahren schon die Grenze für das Jugendstrafrecht gesenkt wurde. Doch Verträge abschliessen, Alkohol kaufen geschweige denn trinken und vieles Weitere ist für unter 20-jährige noch immer tabu. Das Absenken des Wahlalters allerdings ist eine Sache – unter 20-jährige in den Genuss von Alkohol kommen zu lassen eine andere.

Dass das Alter so hoch liegt, ist für Japaner natürlich völlig normal – schliesslich war das quasi schon immer so. Von daher gehört dies auch zu den Fakten über das eigene Land, mit denen man so ziemlich jeden Japaner regelrecht schocken kann: “In Deutschland darf man mit 16 Jahren Bier trinken”² ruft jedes Mal ungläubige Blicke hervor.

¹ Siehe hier.
² Siehe Internationaler Vergleich Alkoholersterwerbsalter.

Teilen:  

« Ältere Einträge