Neuwahlen im Wirtschaftschaos: ABEr was denn nur!?

November 19th, 2014 | Tagged , | 5 Kommentare | 515 mal gelesen

Gestern wurden also die Quartalszahlen für das dritte Quartal des Jahres 2014 bekanntgegeben. Und siehe da – die Wirtschaft wuchs im dritten Quartal nicht um rund 2% wie eigentlich vorhergesagt, sondern sie schrumpfte um 1,6% im Vergleich zum Vorjahr. Was tun? Erst im April dieses Jahres wurde die Mehrwertsteuer von 5 auf 8% angehoben. Im folgenden, zweiten Quartal des Jahres brach logischerweise die Wirtschaft ein, da sich die Kunden mit Neuanschaffungen zurückhielten. Im Oktober des kommenden Jahres, 2015, sollte die Mehrwertsteuer erneut angehoben werden – auf 10%. Gleichzeitig sollte die Bank of Japan die Geldpresse anwerfen, um den Yen zu entwerten, damit das Land aus der Deflation herauskommt und japanische Produkte im Ausland wieder konkurrenzfähig werden. Das erhöht jedoch die Staatsschulden, und deshalb die Mehrwersteuererhöhung. Das ganze nennt man dann Abenomics, und das Experiment läuft seit fast 2 Jahren.

Offensichtlich funktioniert das Geheimrezept nicht so, wie es sollte. Das überraschte wohl Abe, nicht aber die meisten Ökonomen. Abe ruderte heute also zurück, und verschob die zweite Steuererhöhung um 18 Monate auf den April 2017, versehen mit der Bemerkung, dass sie dann aber wirklich kommen werde. Gleichzeitig löst er mit Wirkung zum 21. November das Unterhaus auf und ordnete Neuwahlen an, die bereits einen Monat später, am 21. Dezember stattfinden sollen. Das allerdings ist kaum überraschend, gab es doch schon seit ein paar Tagen recht deutliche Gerüchte.

Eine Niederlage für Abe und seine gewagte Wirtschaftspolitik, könnte man meinen. Das Gegenteil ist leider der Fall. Abe stellt dem Volk nach seinen eigenen Worten die Vertrauensfrage, indem er Neuwahlen ausruft. Die Neuwahlen wurden jedoch schon bereits von den Medien ganz treffend mit 4 Schriftzeichen charakterisiert: 一強多弱 ikkyō tajaku: “Ein Starker, viele Schwache”. Anders gesagt: Es gibt momentan keine wahre Opposition. Die vorher regierenden Demokraten haben sich von ihrer krachenden Niederlage im Dezember 2012 noch immer nicht erholt und haben es nicht geschafft, sich auch nur in irgendeiner Art und Weise zu profilieren. Alle anderen Parteien wiederum sind so klein und so verschieden, dass man sie nur unter “ferner liefen” verbuchen kann. Das wird sich innerhalb eines Monates nicht ändern.

Man braucht kein Orakel sein, um zu sehen, was da kommt: Die ohnehin schon immer sehr niedrige Wahlbeteiligung am 21. Dezember wird noch niedriger als sonst ausfallen. Abe wird die Wahl gewinnen, und weiter mit der Brechzange an der kränkelnden Wirtschaft Japans herumdoktern. Die Rettung könnte theoretisch aus China kommen, denn China bringt sehr viel Geld ins Land. Doch China ist gleichzeitig der Erzfeind der japanischen Rechten, und Abe ist ebenfalls in jenem Spektrum einzuordnen – ergo legt er sich lieber mit China an. Man darf gespannt sein, wie das ganze noch enden soll. Soviel steht allerdings fest: Selten war Japan so günstig für Urlauber aus dem Ausland.

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Razzia an der Universität Kyoto

November 14th, 2014 | Tagged , | 3 Kommentare | 1212 mal gelesen

Oft hatte ich den Eindruck, dass der Großteil der japanischen Studenten wenn überhaupt dann nur sehr mässig an Politik interessiert ist – von politischen Aktivitäten ganz zu schweigen. Aber es gibt sie noch – die Horte politischer Akitivität. Traditionsgemäss gehört die 京大 Kyōdai dazu – das ist die Kurzform von Kyoto Daigaku (Daigaku = Universität). Die Uni hat über 20,000 Studenten und gilt als die zweitbeste Universität Japans. Dementsprechend anspruchsvoll sind auch die Eintrittsprüfungen. Die Uni ist berühmt für ihre philosophische Fakultät, ihre erstklassigen Forschungseinrichtungen (6 Nobelpreisträger kommen von dieser Universität) und für aufmüpfige Studenten – die zum Beispiel 1951 forderten, den Tennō nur als ganz normalen Menschen anzusehen, worauf es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kam.

Einige der Studenten scheinen dabei der 中核派 Chūkaku-ha (wörtlich: “Kerngruppe”) anzugehören. Der eigentliche Name dieser mit den Kommunisten und einigen Gewerkschaften eng verbundenen Gruppierung lautet 革命的共産主義者同盟全国委員会 Nationales Kommittee der Revolutionär-kommunistische Liga) – eine trotzkistisch angehauchte Gruppierung, die in den vergangenen drei Jahrzehnten recht unauffällig war, aber in den 1980ern zum Beispiel im Mittelpunkt der gewaltsamen Proteste gegen den Bau des Flughafens von Narita stand. Unter anderem griffen die Anhänger zu jener Zeit das Büro der Liberaldemokraten mit einem auf einem LKW aufgebauten Flammenwerfer an.

Vor kurzem nahm die Polizei bei einer Demonstration drei Protestierer fest – und fand heraus, dass zwei der 3 Festgenommenen Studenten der Kyoto Universität waren. Und man fackelte nicht lange: Heute rückten 120 zum Teil martialisch ausgerüstete Polizeibeamte in ein Studentenwohnheim der Universität ein, und es gab heftige Proteste seitens der Studenten. Vor einigen Tagen (am 4. November 2014) setzten die Studenten sogar einen Ermittler in Zivilkleidung fest, der sich in das Wohnheim geschmuggelt hatte. Man übergab ihn schliesslich jedoch unversehrt seinen Kollegen.

Diese Bilder sind in Japan selten geworden. Und ich bin interessant, wie sich das weiterentwickelt. Im geheimen freuen mich die Bilder – stehen sie doch im Gegensatz zur Grundrichtung, auf die Japan gerade getrimmt wird: Stramm rechts.

Anbei ein Nachrichtenausschnitt zu den Unruhen. Die Studenten verlangen – zu Recht, aber scheinbar erfolglos – nache einem Durchsuchungsbefehl.

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6. Allgemeiner Blogger (und Blogleser)gipfel

November 12th, 2014 | Tagged | 6 Kommentare | 1469 mal gelesen

Bloggergipfel - mit Dank an Thuruk für das Logo!

Bloggergipfel – mit Dank an Thuruk für das Logo!

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, die Geschäfte packen die Weihnachtsdeko raus und den frierenden Bäumen werden wärmende Lichterketten umgehängt. Pünktlich zur Saison sind die japanischen Kühe mal wieder am Ende ihrer Kräfte, und man kann nur noch mit Ersatzbutter backen. Keine Frage: Es wird wieder Zeit für ein Bloggertreffen. Numero 6 ist es dieses mal. Bisher hat sich der Aufruf immer an aktive Blogger gerichtet, aber es ist auch jeder eingeladen, der in Tokyo oder Umgebung weilt und einfach nur wissen will, wer hinter all den Blogs steckt. Darum eine Frage in die Runde: Wer kann? Wer will?

Im vergangenen Jahr fand das Bloggertreffen am gleichen Tag wie der Adventsbasar in der Kreuzkirche statt, und die Idee war an sich nicht schlecht. Deshalb stelle ich einfach mal Sonnabend, den 29. November als Möglichkeit in den Raum.

Wer Interesse hat, bitte einen Kommentar und/oder eine Email hinterlassen (contact@tabibito.de) und alles andere regeln wir schon. Vorschläge sind ebenfalls willkommen (letztes Jahr war es Bowling), aber nach Möglichkeit sollte der Treffpunkt in der Nähe der Yamanote-Linie liegen.

Natürlich kann jeder seine Begleitung – ob handzurrend oder nicht – mitbringen!

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Der Frauenflüsterer – bald wieder in Tokyo

November 8th, 2014 | Tagged , | 12 Kommentare | 2205 mal gelesen

Man trifft sie gelegentlich – und leider besonders häufig in Japan: Arrogante Ausländer, die sich im Paradies wähnen, da es ja doch allzu leicht ist, mit dem Ausländerbonus alle möglichen Frauen herumzubekommen. Der König dieser Spezies scheint ein gewisser Julien Blanc zu sein, der sein Geld mit dubiosen Seminaren zum Thema Frauen anmachen verdient. Und zwar weltweit. Da tauchte vor nicht allzu langer Zeit ein Video von ihm auf, in dem der gute Herr erklärt, wie die Dinge in Japan mit den Frauen so laufen. Das Originalvideo ist schwer zu finden, und ich möchte auch keine weiteren Besucher seines Kanals hinzusteuern, aber ein kurzer Zusammenschnitt befindet sich hier auf einem japanischen Kanal:

Laut Twittermitteilung soll Julien Blanc wieder Mitte November nach Japan kommen. Und es gibt genügend Leute, die das gern verhindern würden – siehe unter anderem hier. Es gab und gibt sogar zahlreiche Petitionen gegen (und für!) den Mann – die unter anderem dafür gesorgt haben, dass Veranstaltungsorte in Australien ihm kündigten und sogar sein Visum gestrichen wurde. Eine ähnliche Petition ist auf dem Weg, die die japanische Einwanderungsbehörde auf den Mann aufmerksam machen soll.

Nun sind weder er noch die Besucher seiner Seminare wirklich einen Blogeintrag wert. Schaut man sich aber sein “Spiel” an – genannt “The Game” – kann einem nur Angst und Bange werden. Hier geht es nicht um Anmachtricks, sondern um mitunter schon grausame psychologische Spielchen, teilweise gepaart mit Gewalt beziehungsweise der Androhung der selbigen, um sich Menschen gefällig zu machen. Was mich jedoch wirklich verstört, ist das folgende Zitat:

… just grabbing girls and it’s like (motions) head on dick (pfft) head on dick, yelling ‘PIKACHU’ with a Pikachu shirt on….Every foreigner who is white does this. When you see that one foreigner in the crowd in Tokyo and your eyes will lock and you know that he knows and he knows that and it’s this guilty look like you both fucked a hooker or something.”

Na schön! Wenn auch nur ein Japaner glaubt, dass dem so ist – oder noch schlimmer – wenn auch nur einer der Besucher seiner Seminare das glaubt und deswegen auf den Weg nach Japan macht – dann ist das durchaus eine Stellungnahme wert. Klar, der Mann polarisiert. Er ist es nicht wert, ernstgenommen zu werden. Aber es ist gibt leider Leute, die ihn durchaus Ernst nehmen. Und die Frauen, die ihm nichtsahnend über den Weg laufen, sind gelinde gesagt auch nicht beneidenswert. In diesem Sinne: You’re not welcome.

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Geschafft: Japan ist Whiskyweltmeister

November 5th, 2014 | Tagged | 2 Kommentare | 1980 mal gelesen

Yamazaki Sherry Casket - ein anderer Jahrgang, wohlgemerkt

Yamazaki Sherry Casket – ein anderer Jahrgang, wohlgemerkt

Schon seit den 1920ern versuchten sich vereinzelte Brauereien in Japan an der Whiskybrennerei – und dies sollte sich in diesem Jahr erstmals richtig auszahlen: In der neuesten Ausgabe der Jim Murray’s Whisky Bible wurde doch tatsächlich ein japanischer Whisky als bester Whisky des Jahres gekürt. Es ist auch keine kleine, geheime Brennerei, sondern ein Gigant unter den Getränkeherstellern: Suntory schaffte die Überraschung mit seinem Yamazaki Single Malt Sherry Cask 2013. So weit, so gut – doch leider wurden “nur” 18,000 Flaschen hergestellt, und die sind mittlerweile, zumindest in Japan, bereits restlos ausverkauft. Schade eigentlich, denn mit einem Preis von rund 17,000 yen ist der Gewinner noch nicht einmal so teuer.

Suntory stellt ja mehrere Whiskysortimente her – am bekanntesten wären da der oben genannte 山崎 Yamazaki, 響 Hibiki und 白州 Hakushū. 響 Hibiki galt dabei anfangs als das Flaggschiff, und wenn ich mich recht erinnere, kam Hakushū erst später dazu. Yamazaki habe ich, wenn ich mich recht erinnere, nur ein Mal probiert, und das ist lange her. Hakushū hat es mir persönlich angetan, da der selbige mit ziemlich viel Charakter daherkommt – einige Sorten gehen beinahe in Richtung Laphroaig, nur mit etwas weniger Knüppel auf den Kopf.

Vielleicht sollte ich mich dann doch wohl etwas mehr auf dem heimischen Whiskymarkt umschauen. Zeit wird es – mein heissgeliebter 18 Jahre alter Glendronach neigt sich dem Ende zu und ist in Japan nicht mehr erhältlich. Dem Triple Cask Balvenie 16 yrs droht ein ähnliches Schicksal. Fehlt nur noch jemand in Japan, der meine Liebe zum gelegentlichen Whisky teilt – da fällt mir doch sage und schreibe nur eine einzige Person ein.

Mehr zum Hauptgewinn des Yamazaki siehe unter anderem beim Spiegel und Time Magazine.

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Safe Japan

Oktober 28th, 2014 | Tagged | 7 Kommentare | 2817 mal gelesen

Als ich vergangenen Donnerstag gegen 22 Uhr von der Arbeit heimkehrte, war die Strasse vor meinem Haus komplett zugestellt mit Blaulicht. Also eigentlich eher Rotlicht, aber das würde ja irgendwie komisch klingen. Mehrere Feuerwehren waren dort, dazu Polizei, Krankenwagen, Einsatzleiterwagen, und scheinbar verspätet brauste auch noch ein TEPCO-Einsatzwagen mit Rotlicht und Sirene heran. Bei so etwas habe ich immer ein schlechtes Gefühl und möchte nur ungern in die unmittelbare Einsatznähe. Das hat seine Gründe. Man liess mich ohne Bedenken vorbei, und ich stieg die Treppen zu meinem Haus hoch. Die Nachbarn waren gerade draussen, und ich fragte, was da los sei. “Ach, da hat’s bei dem chinesischen Restaurant gebrannt!”.

Wie ich wenig später erfuhr, waren wohl alle anderen Bewohner der Anlage vorher zusammen fleissig zuschauen. Während die Kinder in den Häusern schliefen. In Deutschland und einigen anderen Ländern wären wohl alle als Gaffer verwarnt worden. In den USA wären wohl alle wegen Vernachlässigung der Kinder angezeigt worden. Nicht so in Japan: Hier geht man ganz unverkrampft damit um. Und war ganz überrascht, das ich überrascht war. Weniger über das “Feuerwehr gucken” als über das Alleinelassen der schlafenden Kinder. Aber zur Verteidigung muss ich sagen, dass sich japanische Eltern ansonsten sehr besorgt um ihren Nachwuchs kümmern. Es sei denn, es brennt irgendwo…

Letztendlich erinnerte mich das Ganze an die Tage, die ich auf einer russischen Datscha verbracht hatte. Dort brannte eines Nachts ein prächtiges Holzhaus ab. Und alle Datschenbewohner standen rundherum und wärmten sich quasi ihre Hände.

Immerhin gab es ein Happy-End: Kein Personen- und nur begrenzter Sachschaden. Das letzte grenzt an ein Wunder, da das Haus mit dem Restaurant (welches den Namen eigentlich nicht verdient, es ist eher eine heruntergekommene Kaschemme) ziemlich alt und natürlich komplett aus Holz gebaut ist.

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Zwei auf einen Streich – Abe verliert seine Minister

Oktober 21st, 2014 | Tagged | 9 Kommentare | 3039 mal gelesen

Der Fächer des Anstosses

Der Fächer des Anstosses

Heute gab es in Japan zur Abwechslung mal ein politisches Erdbeben – nicht ganz unerwartet, aber dennoch überraschend, da alles auf ein Mal stattfand. Gleich zwei Minister, genauer gesagt Ministerinnen, gaben heute ihren Rücktritt bekannt. Als da wären:

小渕 優子 Yūko Obuchi, Ex-Wirtschaftsministerin, stolperte über einen Spendenskandal, da sie Parteispenden für falsche Zwecke missbrauchte. Das ist, wie es scheint, in Japan Volkssport bei Politikern. Genauer gesagt wuchs die Diskrepenz zwischen Einnahmen und Ausgaben in ihrem Wahlbezirk auf rund 350,000 Euro an – Geld, bei dem nicht klar ist, wie es eigentlich verwendet wurde.

松島 みどり Midori Matsushima, Ex-Justizministerin, hingegen trat aufgrund eines Verstosses gegen das Wahlkampfgesetz zurück. Jenes Gesetz verbietet Geschenke mit geldwertem Vorteil jeglicher Art an (potentielle) Wähler. Trotzdem hielt und hält noch immer die Ministerin das Verteilen von Wegwerffächern, bedruckt mit ihrem Konterfei, an über 20’000 Besucher eines Voksfestes für unverfänglich, da die Fächer “kaum einen Wert haben”. Sie betonte beim Rücktritt auch eigens, dass ihr Rücktritt kein Schuldeingeständnis sei, sondern dass sie damit Schaden von der Regierung abwenden möchte. Eine noble Geste, quasi.

Matsushima hatte es mir schon vorher sehr angetan. Sie ist eine eifrige Verfechterin der Todesstrafe und findet, dass man zum Beispiel muslimischen Gefangenen in japanischen Gefängnisssen durchaus Schweinefleisch geben sollte – japanische Gefangene befragt man ja auch nicht, ob sie lieber Brot oder Reis möchten. Dementsprechend sei dies “umgekehrte Diskriminierung”. Dass es hier weniger um kulinarische Vorlieben geht als um Glaubensfragen, ist dabei Wurst. Schweinewurst, natürlich.

Abe hatte beide Ministerinnen erst vor einem guten Monat ins Kabinett geholt – quasi als Teil der Botschaft “Schaut her, wir sind modern und beteiligen viele (5) Frauen an der Regierung”. Bei einer eigens eingeraumten Pressekonferenz übernahm Abe heute jedoch zwangsläufig die Verantwortung, da er ja die Personalie durchgewunken hat. Verantwortung? Ja. Konsequenzen? Natürlich nicht. Dabei war Abe einer der Politiker, die am lautesten nach Neuwahlen schrien, als sich die damals regierenden Demokraten an ihren Skandalen versuchten.

Waren das nun alle Skandale? Natürlich nicht. Für wesentlich skandalöser halte ich das Verhalten von 山谷えり子 Eriko Yamatani, Sonderbeauftragte für das Referat Entführung (japanischer Staatsbürger durch Nordkorea). Sie hält das Trostfrauenproblem für eine Lüge und wurde im September dafür bekannt, dass sie sich mit Vertretern der 在特会 Zaitokukai (eine ultranationale Vereinigung, die es hauptsächlich auf seit Generationen in Japan lebende Koreaner abgesehen hat) traf. Und gemeinsam fotografieren liess. Darauf angesprochen, erwiderte sie – vor Reportern – dass sie nicht wusste, mit wem sie sich da traf. Als Reporter nachbohrten und fragten, ob sie die Aktivitäten der Zaitokukai kritisch betrachte (jene laufen schliesslich mit Postern durch die Strassen, auf denen Sprüche stehen wie “Ob gute Koreaner oder böse Koreaner – tötet sie alle!”¹), lehnte sie eine Stellungnahme ab. Und zwar drei Mal.

Ist es Unwissenheit? Oder einfach nur Unverfrorenheit? Sicher, deutsche Politiker zum Beispiel leisten sich auch das eine oder andere dicke Ding. Aber an japanische Politiker kommen sie in puncto Dreistigkeit bei weitem nicht heran.

Siehe hier.

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Live in Shibuya: Tocotronic

Oktober 17th, 2014 | Tagged | Kein Kommentar bisher | 372 mal gelesen

Zur Abwechslung mal ein Veranstaltungstipp: Am kommenden Mittwoch, dem 22. Oktober, spielt Tocotronic in Tokyo – und zwar im relativ kleinen Club Garret mittem in Shibuya. Organisiert wird das ganze interessanter- wie lobenswerterweise vom Goethe-Institut. Die Tickets kosten 2,500 yen Vorkasse und 3,000 yen vor Ort. Die Tickets kann man bei jedem Lawson kaufen (L 71896). Mehr dazu hier.

Gut, ich bin kein Fan-Fan von Tocotronic. Aber ein paar Lieder gefallen mir sehr, und es wird sicherlich sehenswert. Zumal ja solche Konzerte, wie hier bereits erwähnt, oftmals die Chance bieten, die Musik in beinahe intimer Atmosphäre zu geniessen: Die Clubs sind meist sehr klein, und da es natürlich nur wenige Fans deutschsprachiger Musik gibt, ist die Zuschauerzahl in der Regel überschaubar.

Und falls Tocotronic in den Genuss kommen, mal im Berufsverkehr mit den Bahnen hier in Tokyo zu fahren, werden sie sich bestimmt vor allem an dieses ihrer eigenen Lieder erinnern:

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Kindergarten – aber welcher?

Oktober 14th, 2014 | 1 Kommentar | 3568 mal gelesen

Kindergarten in Urayasu

Kindergarten in Urayasu

Langsam wird es an der Zeit, meinen jüngsten auf die Gesellschaft loszulassen. Im nächsten Jahr wird er 4 Jahre alt, und die Vorstellung, ihn bis zur Einschulung allein zu erziehen, dürfte keinem so richtig gefallen. Nun hat man in Japan ziemlich viel Auswahl: Man kann sein Kind bereits im Alter von wenigen Monaten in eine Kinderkrippe (保育園 – hoikuen) stecken. Oder ab 3 Jahren in einen Kindergarten (幼稚園 yōchien). Oder einfach bis zur Einschulung zu Hause behalten. Kinderkrippen sind jedoch nicht allzu zahlreich vorhanden und werden nur von berufstätigen Müttern genutzt. Die meisten Mütter arbeiten jedoch nach der Geburt für ein paar Jahre nicht. Die Option, dass der Mann ein paar Monate oder gar Jahre Erziehungsurlaub nimmt / nehmen kann, ist in Japan quasi unbekannt und momentan auch undenkbar.

Dass mit den Kindergärten ist dabei gar nicht so einfach. Es gibt Gemeinden mit vielen Kindergärten und Gemeinden mit absolutem Mangel. Vor allem in Tokyo bekommt man oftmals keinen Kindergartenplatz, wenn man nicht arbeitet. Oder man wird auf eine Warteliste gesetzt und wartet so lange auf den Platz, bis das Kind gross genug für die Schule ist. Eine Liste von Fragen bestimmt dabei, wie dringend der Fall scheint. Leben die Großeltern in der Nähe? Ganz schlecht für die Warteposition. Nicht erwerbstätig? Kann man gleich vergessen.

Kleiner Bereich des hinteren Teils des 900-Seelen-Kindergartens

Kleiner Bereich des hinteren Teils des 900-Seelen-Kindergartens

In meinem vorherigen Wohnort Urayasu lief das so ab: Wir bewarben uns um einen Platz, damit unsere Tochter mit 3 in den Kindergarten gehen kann. Und verloren in der Kindergartenplatzlotterie. Also ein weiteres Jahr zu Hause. Dann wurde sie 4 Jahre alt und die Wahrscheinlichkeit, einen Platz zu bekommen, grösser. Im Wesentlichen hatten wir zwei Wahlmöglichkeiten: Kindergarten A oder B, beide ungefähr gleich weit entfernt und beide mit der Stadt als Träger. In unserer neuen Heimat sieht es da schon anders aus. Es gibt keine Lotterie, keine Warteliste – aber auch keine öffentlichen Kindergärten. Null. Alle Kindergärten hier sind privat, und sie verlangen alle mehr oder weniger das Gleiche: Rund 180,000 yen Einschulungsgebühr und ca. 30,000 yen (also rund 240 Euro) pro Monat. Plus Schulbuskosten. Plus Kindergartenuniformkosten (so es das gibt, und in den meisten Kindergärten gibt es das). Plus Exkursionskosten. Und so weiter und so fort.

Leider hilft es da wenig, über die hohen Kosten zu klagen, also schauen wir uns nach Kindergärten in der Nähe um, und im Umkreis von 4 Kilometern scheint es mindestens 4 zu geben. Ein Kindergarten entpuppte sich als ein Nachwuchshort für die Sekte Sōkagakkai – das erfuhren wir allerdings eher zufällig. Vorgestern schauten wir uns einen anderen an: Ein Riesenkindergarten für insgesamt 900 Kindern, aber schön versteckt zwischen Feldern und Wäldern, mit unglaublich vielen Spielmöglichkeiten draussen, Beeten, auf denen die Kinder Sachen anbauen und so weiter und so fort. Es war Liebe auf den ersten Blick. Sicherlich – die Anzahl der Kinder ist Wahnsinn, aber alles in allem sieht der Kindergarten so aus, als ob jemand, der Kinder sehr mag – und spielerisch Dinge erlernen lassen möchte – jenigen gebaut hat.

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Diszipliniert ist anders

Oktober 7th, 2014 | 2 Kommentare | 4521 mal gelesen

Heute zog der Taifun Phanfone durch die Hauptstadtregion. Angekündigt wurde der selbige mit soviel Trara, dass selbst die Tagesschau darüber berichtete. Gegen 9 Uhr sollte die Sturmzone Tokyo erreichen. Gegen halb neun regnete es stark, aber die Züge noch fuhren, machte ich mich trotzdem auf den Weg zum Büro. Und mit ganzen 5 Minuten Verspätung kam ich dort auch an. Den Rest des Taifuns bemerkte ich danach eigentlich kaum, und gegen halb eins war der Himmel blau. Alles halb so wild.

Interessanterweise hat man jedoch im Nachbarbezirk, Minato-ku (der Shinkansen-Bahnhof Shinagawa liegt dort zum Beispiel) zum ersten Mal überhaupt grossflächige Evakuierungswarnungen herausgegeben: Insgesamt 23’000 Haushalte wurden aufgefordert, die Wohnungen zu verlassen und in Evakuierungszentren (in der Regel sind das Schulen) Schutz zu suchen. Der Grund: Im gleichen Bezirk gibt es unzählige Böschungen, die zwar fast ausnahmslos bebaut sind, aber trotzdem ins Rutschen kommen können. Jedoch: Laut Japan Times kam genau 1 (ein!) Haushalt der Warnung nach – der Rest scherte sich nicht darum, war nicht zu Hause oder hat es nicht mitbekommen. Einer von 23’000 Haushalten! Alle Achtung. Und passiert ist letztendlich … nichts.

Wie es aussieht, hat Japan mit seinen Frühwarnsystemen noch allerhand zu tun. Wenn etwas wirklich Schlimmes passiert, wie der Vulkanausbruch am Ontake-san in der vergangenen Woche mit über 50 Toten oder die massiven Erdrutschen in Hiroshima im August dieses Jahres mit 74 Toten (siehe Wikipedia) gibt es keine Warnung, oder wenn dann erst viel zu spät, doch dann gibt es andererseits Warnungen, die, wie im heutigen Fall aus verständlichen Gründen, ignoriert werden beziehungsweise überzogen scheinen. Fazit: Es scheint an Geographen zu mangeln. Hey, hier ist einer!

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