Buschdoktoren am Werk

April 16th, 2015 | Tagged , | 4 Kommentare | 604 mal gelesen

Ich brauche nur eine Viertelstunde von meinem Haus immer die Strasse herunterlaufen, bis ich vor einem trutzburgähnlichen Gebäudeensemble stehe: Das 聖マリアンナ医科大病院 St. Marianna University School of Medicine Hospital. Eine Universitätsklinik. Das klingt schön, wenn man es sich auf Deutsch auf der Zunge zergehen lässt. Doch kaum sind wir in diese Gegend gezogen, hörten wir schon die ersten, warnenden Stimmen: Geht um Gottes Willen niemals zum St. Marianna! Das sind alles ヤブ医者 – Yabu-Isha (Buschdoktoren). Das Krankenhaus ist wohl so schlimm, dass Bürger die örtlichen Kōmeitō-Abgeordneten drängten, etwas zu tun – und so baute schliesslich die Sōka-Gakkai-Sekte in der Nähe ein anderes, vom Ruf her wesentlich besseres Krankenhaus.

Die Gerüchte scheinen sich zu bewahrheiten. Seit gestern geistert das Krankenhaus durch alle Nachrichten¹. Bei einer Untersuchung wurde festgestellt, dass 20 Psychiater ihren Abschluss auf unrechtmässige Art und Weise erworben hatten. Allen 20 Ärzten wurde nun die Lizenz entzogen, und es tauchen Geschichten über unrechtmässige Einweisungen und mehr auf. Da fragt man sich freilich, wer denn überhaupt in dieses Krankenhaus geht, wenn der Ruf so schlecht ist.

Aber das ist nichts Neues in Japan: Die Unterschiede zwischen den Ärzten und den Krankenhäusern sind riesig, und das schlägt sich durchaus auch in den Preisen nieder. Wobei das nicht bedeutet, dass schlechte Krankenhäuser billig sind. Sie sind ebenfalls sauteuer – aber die richtig “guten” sind nochmal um einiges teurer. Aber gut: Ich hoffe doch, so bald kein Krankenhaus von innen sehen zu müssen. Und wenn doch, dann lieber nicht das St. Marianna, auch wenn es gleich um die Ecke liegt.

¹ Siehe unter anderem hier.

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Über 150 Delfine stranden in Ibaraki – ein Menetekel?

April 11th, 2015 | Tagged , | 2 Kommentare | 599 mal gelesen

Heute morgen sind in der Nähe von Kashima in der Präfektur Ibaraki 156 Breitschnabeldelfine gestrandet. Ein paar konnten von Ortsansässigen gerettet werden, aber es waren einfach zu viele der bis zu 300 Kilogramm schweren Tiere – die meisten verendeten schliesslich am Strand¹.

Nun stranden alljährlich Delfine und Wale an Stränden in den unterschiedlichsten Gegenden der Welt, auch in Japan, aber die Menge ist ungewöhnlich. Schnell tauchte in japanischen Medien jedoch die Nachricht auf, dass zum Beispiel am 4. März 2011 über 50 Delfine unweit der diesjährigen Stelle strandeten. Was eine Woche später geschah, ist ja hinlänglich bekannt.

Eine der Theorien für die Massenstrandungen besagt, dass plötzliche Änderungen im Magnetfeld der Erde dazu führen können, dass die Tiere ihren Orientierungssinn verlieren. So etwas kann auch vor, während und nach Erdbeben vorkommen. Aber ein stichfester Beweis für diesen Zusammenhang scheint zu fehlen.

Soll man sich also kirre machen lassen? Lieber nicht. Aber etwas unheimlich ist das ganze natürlich schon. Von daher kann es nicht schaden, wenn man bei der Gelegenheit mal seine Strategie für den Ernstfall überlegt. Hat man genügend Toilettenpapier? Instantnahrung? Wasser?



¹ Eine Zusammenfassung mit Twitterfotos sowie eine Zusammenfassung von Argumenten pro und contra die Erdbebentheorie findet man hier (Japanisch).

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Staatlich finanzierter Heuschnupfen

April 7th, 2015 | Tagged , | 7 Kommentare | 1115 mal gelesen

Sicheltannen - hier in Kashima (Chiba)

Sicheltannen – hier in Kashima (Chiba)

Jedes Jahr im Februar geht es los: Die Zahl der Maskierten steigt sprunghaft an. Manche können einem regelrecht Angst einjagen, wenn sie plötzlich mit kompletter Gesichtsmaske und Taucherbrille vor einem stehen. Die japanische Variante von Zorro? Oder haben die Leute panische Angst vor radioaktiven Partikeln, wie einige Reporter nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima mutmassten? Eher nicht. Der Grund lautet in den meisten Fällen 杉 Sugi, inoffiziell Japanische Zeder und offiziell Sicheltanne genannt. Der vulgäre Lateiner nennt sie Cryptomeria japonica. Und dieser Baum ist der Verursacher einer besonders heftigen Variante des Heuschnupfens. Schätzungen gehen davon aus, dass 25 bis 40 Millionen Japaner unter Sicheltannenheuschnupfen leiden. Wenn eine Krankheit hier den Namen “Volkskrankheit” verdient hat, dann diese. Viele können zwischen Februar und April kaum noch aus ihren Augen schauen und schweben irgendwo zwischen dieser und einer anderen Welt. Wenn ich es genau bedenke, kenne ich in meinem Umkreis wahrscheinlich mehr Menschen mit dieser Pollenallergie als Menschen ohne.

Heute habe ich bei der Sendung TV Tackle von Takeshi “Beat” Kitano erfahren (und das Fernsehen lügt ja bekanntlich nicht), dass man in Japan trotz allem Jahr für Jahr 15 Millionen neue japanische Zedern pflanzt. Ganz offiziell – 70% der Zedernforst wird zudem mit Steuergeldern bezahlt. Das sind viele Millionen Euro pro Jahr. Als man – wie oben beschrieben von weitem identifizierbare – Pollenallergieopfer mit diesen Fakten konfrontierte, waren diese verständlicherweise hellauf begeistert: Die eigene, alljährlich wiederkehrende Krankheit wird mit ihren eigenen Steuergeldern lanciert. Der Verdruss ist verständlich. Sicher, die Bäume werden grösstenteils in den Bergen gepflanzt, aber man hat festgestellt, dass die Pollen gut und gerne 300 km weit fliegen können.

Natürlich gibt es Gründe für die Baumwahl: Die Bäume wachsen sehr schnell, sind äusserst stabil und das Holz eignet sich hervorragend zum Bauen, und in Japan wird ja bekanntlich sehr, sehr viel mit Holz gebaut. Keine schnell wachsenden Bäume = erhöhte Hangrutschgefahr (die fast überall in Japan latent ist) = Eigenversorgung mit Holz als Baumaterial in Gefahr. Aber makaber ist das Ganze schon, denn die Kosten für das Gesundheitssystem sowie die Arbeitsausfälle dürften erstaunliche Dimensionen erreichen. In diesem Sinne wird sich so schnell also wohl nichts ändern.

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Shibuya – Umbau eines Wespennestes

April 3rd, 2015 | Tagged | 5 Kommentare | 1198 mal gelesen

Mitten in Shibuya

Mitten in Shibuya

Fünf mal in der Woche habe ich das Vergnügen, in 渋谷 Shibuya umzusteigen. Mit täglich rund 3 Millionen Mitmenschen. Das ist also so, als würde ganz Berlin an einem einzigen Bahnhof tagtäglich ein-, aus- oder umsteigen. In Sachen Passagierdurchlauf ist Shibuya damit weltweit die Nummer 2 unter den Bahnhöfen (die Nr. 1 liegt nur 4 km davon entfernt, und die Nr. 3 keine 10 Kilometer).

Hikarie in Shibuya

Hikarie in Shibuya

Umsteigen im Berufsverkehr in Shibuya ist nichts für schwache Nerven, vor allem wenn man zwischen einer der 4 Bahnlinienbetreiber umsteigt – zum Beispiel von der 田園都市線 Denentoshi-Linie oder der 京王線 Keiō-Linie zur JR (Yamanote und etliche andere Linien). Shibuyas Bahnhof und durchaus auch diverse Gebiete in der näheren Umgebung sind zum Teil eng und schmutzig. Es gibt nicht wenige Obdachlose und allerlei zwielichtiges Gesindel. Oder wie der Berliner sagen würde: Der Ort hat Charakter.

Wird bald verschwinden: Das alte Tokyu Plaza

Wird bald verschwinden: Das alte Tokyu Plaza

Doch seit etlichen Monaten, bzw. eigentlich schon Jahren, wird auf Teufel komm raus gewerkelt und gebastelt. Stück für Stück, aber es ist sehr faszinierend, wie man in Shibuya auf engstem Raum riesige Baustellen managt. Vor 4 Jahren wurde zum Beispiel das Hikarie eröffnet – ein 182 Meter hoher Koloss mit unzähligen Büros, Restaurants und Läden. Nun schliesst das altehrwürdige Kaufhaus Tokyu Plaza nach immerhin 49 Jahren – nicht für immer, denn das Kaufhaus soll neu gebaut werden und in 3 Jahren wiedereröffnen.

Umstrittener ist der Plan, den winzigen Streifen Grün namens 宮下公園 Miyashita-Park, der gleich am Bahnhof beginnt, umzubauen – siehe unter anderem hier: Battle over Shibuya park heats up as Tokyo Olympics loom. Damit ist auch die Verbindung mit der kommenden Olympiade hergestellt, denn natürlich möchte man zu diesem Anlass Shibuya auf Vordermann bringen.

Shibuya-Fluss

Shibuya-Fluss

Schade an der Sache ist, dass es dem gemeinhin recht unbekannten 渋谷川 Shibuya-Fluss nicht besser ergehen wird als vorher: Der Fluss verläuft in Shibuya gänzlich unterirdisch, und das soll wohl auch so bleiben. Sicher, der Fluss ist klein und an normalen Tagen in seinem oberirdischen Teil Richtung Ebisu nur wenige Zentimeter tief, aber bei Starkniederschlagsereignissen (Stichwort Taifun) wächst die Wassertiefe schnell auf ein paar Meter an. Deswegen finden auch in Shibuya die beeindruckendsten Bauarbeiten dort statt, wo man es nicht sieht: Unter der Erde. Zum Umbau gehört nämlich auch ein neues Auffangbecken direkt unter dem Bahnhof.

Wer mehr über den Umbau Shibuyas wissen möchte – es gibt eigens dafür eine Webseite. Natürlich nur auf Japanisch. Bis Olympia sind es ja schliesslich noch ein paar Jahre.

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“Sendeunfall” bei Asahi: Vergreift sich der Staat an den Medien?

April 1st, 2015 | Tagged , , | 6 Kommentare | 1414 mal gelesen

Koga mit selbst gemachtem Schild. Photo mit freundlicher Genehmigung von Ryusaku Tanaka

Koga mit selbst gemachtem Schild. Photo mit freundlicher Genehmigung von Ryusaku Tanaka (Blogos.com)

Das, was da am 27. März in der Nachrichtensendung 報道ステーション Hōdō Station auf TV Asahi, einem der grossen Privatsender Japans, live in der Sendung geschah, war schon drehbuchreif: Da schweifte auf einmal der Stammkommentator 古賀茂明 Shigeaki Koga vom Thema ab. Eigentlich ging es um die Lage im Mittleren Osten, doch Koga merkte plötzlich an, dass dies sein letzter Auftrat als Sidekick des Moderators 古舘伊知郎 Ichirō Furutachi sein werde. Die Begründung: Er wäre vom Sender und Furutachi’s Produktionsfirma geschasst worden. Er hätte schon zuvor verbale Prügel vom Kantei, dem japanischen Pedant zum Kanzleramt, bezogen, aber dank der Unterstützung vieler Menschen bis hierher durchgehalten.

Furutachi war sichtlich überrascht, sprang aber sofort in die Diskussion ein und sagte “Aber das stimmt doch so gar nicht. Und ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich, so sich eine Gelegenheit ergibt, wieder mit Ihnen zusammen arbeiten möchte”. Koga entgegnete: “Aber Sie haben doch selbst gesagt, dass es Ihnen leid tut, dass sie nichts dagegen (gemeint ist seine Absetzung) tun konnten. Ich habe das alles aufgenommen … und wenn es sein muss, werde ich das veröffentlichen”, woraufhin Furutachi ebenso mit der Veröffentlichung von “allem” drohte¹.

Koga kommentierte die politische Lage jeden Freitag in der Sendung, und er wusste, wovon er redete – er war einst selbst Amtsträger im Wirtschaftsministerium. Nun ist Asahi und auch die Nachrichtensendung dafür bekannt, nicht besonders angetan von Abe’s Politik zu sein, aber Koga war da wesentlich undiplomatischer und ein Kritiker vor dem Herrn. Als es um Abe’s Entscheidung ging, indirekt den Kampf gegen den Islamischen Staat zu unterstützen, hielt er sogar ein im Stil von “Je suis Charlie” aufgesetztes Schild mit der Inschrift “I am not Abe” in die Kamera.

Am 30. März folgte das Dementi aus der Kanzlei: Man habe keinerlei Einfluss auf den Sender genommen, das sei alles gelogen. Dass die japanische Rechte natürlich genüsslich über den Vorfall herzieht, ist nicht verwunderlich, denn man hat sich schon vor vielen Jahren auf die linksliberale Asahi eingeschossen.

Koga warnte schon vor geraumer Zeit, dass es drei Schritte bis zum Verlust der Pressefreiheit bräuchte²:

  1. Die Regierung unterdrückt mediale Berichterstattung
  2. Medien üben daraufhin Zurückhaltung aus
  3. Autokraten gewinnen die Wahlen aufgrund mangelnder Informationen

Dabei warnte Koga, dass Japan sich bereits mitten in der zweiten Stufe befindet.

Was trieb also Koga dazu, alle Tabus zu brechen und “on air” seinem Frust freien Lauf zu lassen? Ist er paranoid? Oder ist er einer der letzten Rufer in der Wüste? Soll man ihm glauben? Soll man der Regierung glauben? Ist er ein Held oder ein Spinner? Naturgemäss tendiere ich zu ersterem. Denn der Regierung ist alles zuzutrauen – erst recht seit das Gesetz zum Schutz von Geheiminformationen erlassen wurde, um nur ein Beispiel zu nennen. Es wird auf jeden Fall interessant sein, den Werdegang Kogas zu verfolgen.

Eine Anmerkung hätte ich noch: Sucht man nach einem Videomitschnitt der besagten Szene, muss man schon sehr tief graben: Es tauchen tausend Videos auf, aber die meisten sind editiert und schlichtweg Hetze. Es ist schon ein bisschen wie bei “1984”: Man versucht mit allen Mitteln das Geschehene ungeschehen zu machen – als hätte es den Vorfall nie gegeben. Stattdessen findet man nur verzerrte Splitter.


¹ Den genauen Wortlaut gibt es hier (Japanisch): Huffingtonpost.jp: 古舘伊知郎氏、番組降板する古賀茂明氏と口論 報道ステーション(全文) (29. März 2015)
² Asahi Shimbun: Abe critic claims on air he was axed from TV program at behest of management (29. März 2015)

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Und weg war der Grabscher

März 28th, 2015 | Tagged | 13 Kommentare | 1821 mal gelesen

Als ich heute morgen zur Arbeit fuhr, war die Bahn wie immer vollgequetscht. Man kann sich tagtäglich darüber aufregen, man kann es aber auch als 修行 Shūgyō ansehen – als asketische Übung. Wer weiss, wenn man das ohne Murren übersteht, wird man ja vielleicht irgendwann ein besserer Mensch. Oder man läuft irgendwann Amok. Ich weiss es nicht. Es gibt allerdings auch Zeitgenossen, denen das Fahren in einer vollbesetzten Bahn auf gewisse Art Vergnügen bereitet. Gemeint ist der homo gropus – der Gemeine Grapscher. So weit ich weiss, ist dies ein mehr oder weniger japanisches Phänomen, da man nur hier das ideale Habitat so gehäuft vorfindet: Übervolle Züge, in denen man schon am nächsten Bahnhof nicht mehr weiss, welcher Arm und welches Bein eigentlich das eigene ist, sowie junge Mädchen in Schuluniformen.

Mein Askese-Training dauert ziemlich genau 20 Minuten. Am zweiten Bahnhof ereignete sich das gleiche Schauspiel wie immer: Die Tür geht auf, und die Leute quellen aus dem dampfenden Zuginneren auf den Bahnsteig. Darunter eine Oberstufenschülerin in grüner Schuluniform. Die heftete sich umgehend an einen jungen Mann und begann, auf ihn mit tränenerstickter Stimme einzureden: “Bleib stehen! Was sollte das! Willst Du jetzt etwa weglaufen?” Sie sprach nicht laut, aber es fiel trotzdem auf. Ein älterer Mann direkt daneben packte daraufhin den Mann am Arm. Und winkte einen Angestellten heran. Der sofort seine Kollegen rief. Und schon hatte sich eine Traube um den Mann gebildet. Sieh an, ein Grapscher! Er protestierte nicht mal großartig sondern wirkte irgendwie benommen. Und auch wenn ich normalerweise so etwas nicht sagen möchte: Hätte man 99 zufällig ausgewählte Männer neben ihn aufgestellt und mich gefragt, wem ich das am ehesten zutrauen würde, hätte ich, und da bin ich mir ziemlich sicher, mit dem Finger auf ihn gezeigt. Er sah genau so aus, wie man sich einen Grapscher vorstellen würde.

Das Eisenpferd liess sich dadurch nicht aufhalten: Die Tür ging zu, und weiter ging es – fahrplanmässig. Der Grapscher wird für eine Weile beschäftigt sein. Und das Schulmädchen wird auch nicht viel vom Tag haben.

Nun hört man ja einiges über das Grapscherproblem: So soll es mitunter Gaunerpärchen geben, bei denen eine Frau im Zug plötzlich Zeter und Mordio schreit und wahllos einen Passagier der Grapscherei bezichtigt. Der männliche Part bietet dann daraufhin ganz uneigennützig an, dass man sich gegen Zahlung einer gewissen Summe weiteren Ärger ersparen kann. Es soll auch vorkommen, dass sich Gruppen von Schulmädchen einen Spass daraus machen und jemanden absichtlich auf die Pelle rücken (vor allem wohl am liebsten alleinfahrenden Ausländern), um das ahnungslose Opfer in die Bredouille zu bringen. Ob da was dran ist? Letzteres weiss ich aus zweiter Hand, aber das wird wohl eher selten vorkommen. Aber bei der Art und Weise, wie die japanische Justiz arbeitet (nahezu jeder, der vor Gericht gestellt wird, wird auch verurteilt), weiss ich nur eins: Wegen Grapscherei möchte ich in diesem Land ganz sicher nicht belangt werden. Schon gar nicht, wenn man gar nichts gemacht hat. Dazu gibt es übrigens sogar einen vergleichsweise anspruchsvollen japanischen Film: それでもボクはやってない – “Ich war es aber wirklich nicht”, bei dem ein Mann zu Unrecht als Grapscher belangt wird.

Dem einen oder anderen mag das vielleicht übertrieben erscheinen, aber aus reiner Vorsichtsmaßnahme passe ich in vollbesetzten Zügen gut darauf auf, dass beide Hände oben sind. Sicher ist sicher.

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Wenn die Kirschen blühen. Nein, nicht die Bäume.

März 24th, 2015 | Tagged , | 2 Kommentare | 1828 mal gelesen

rakutenAb morgen soll es also losgehen mit der Kirschblüte in Tokyo, und das kann ich nur bestätigen – in der Ecke Ebisu / Hiroo geht es wirklich schon los. Schade nur, dass es gleichzeitig um einiges kälter wird.

Aber es geht hier nicht um die allseits bekannten Kirschblüten, sondern um eine andere Art von さくら Sakura – dieser Begriff bezeichnet nämlich auch gefälschte Produktrezensionen (die Kirschblüte dient ja nur zu Zier, und so verhält es sich eben auch mit den angeblich authentischen Benutzerkritiken). Heute kam ans Licht, dass sich über 100 Firmen, die ihre Produkte bei Rakuten verkaufen, eines zweifelhaften Services in Osaka bedienten: Jene unterhält Untersuchungen zufolge cirka 6’000 Benutzerkonten bei Rakuten, über die sie dann vorteilhafte Käuferrezensionen für zahlende Kunden schreiben lässt.

Überrascht uns das? Natürlich nicht. Ist das ein japanisches Phänomen? Auf gar keinen Fall. Man denke nur an die auch in Deutschland gängige Praxis, Facebook-Likes und dergleichen käuflich zu erwerben. Diese Praxis ist, genau wie die “sakura” genauso verwerflich wie verständlich. Natürlich sind positive Kritiken die beste Werbung, und der Wettbewerb ist hart, so dass man selbst mit einem guten Produkt einen sehr schweren Start hat.

Heuchlerisch erschien mir jedoch die Empörung seitens Rakuten: Man werde die Firmen bestrafen, und man vermutet, dass es um einen Schaden in Millionenhöhe geht. Wirklich? Letztendlich profitierte doch auch Rakuten von der ach so authentischen positiven Bewertung, oder?

Ach, Rakuten, Du “bequemer Himmel” (das ist die wortwörtliche Übersetzung; eigentlich bedeutet das Wort “Optimismus”), Beherrscher der New Economy in Japan mit einem Jahresumsatz von über 4 Milliarden Euro: Dank Unternehmen wie Dir ist IT in Japan auf dem Niveau, auf dem es eben ist: Ein verdammt niedriges. Das System ist hoffnungslos umständlich und veraltet, das Layout ein Alptraum und die Art und Weise, wie alles funktioniert (oder auch nicht) einfach nur umständlich. Auch wir haben ein Mal in der Firma einen Rakuten-Shop betrieben, aber Gottseidank haben wir das Kapitel beendet: Sicher, man kann Gewinn machen. Den kann man dann aber auch gleich wieder in den sprunghaft steigenden Verwaltungsaufwand investieren. So gesehen ist Rakuten eine wahre Jobmaschine in Japan – und wie es scheint, zu einem gewissen Anteil dank der vielen Kirschen…

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Halbe Japaner in der Süddeutschen

März 20th, 2015 | Tagged | 4 Kommentare | 2132 mal gelesen

Miss Universe Japan

Miss Universe Japan auf Twitter

Ein Freund wies mich auf einen heute in der Süddeutschen Zeitung erschienenen Beitrag mit dem Titel “Miss Japan” ist nicht japanisch genug hin, und den Ball fange ich gern. Es geht um die neue Miss Japan – die allerdings keine “ganze” Japanerin ist, sondern “nur” eine “halbe” (genannt ハーフ Half). Die 20-jährige Ariana Miyamoto, natürlich bildhübsche Frau hat eine japanische Mutter und einen afroamerikanischen Vater.

Wie im Artikel beschrieben, löste die Wahl einen – wie sagt man doch so schön auf neudeutsch – shitstorm aus: Besonders auf Twitter und im berüchtigten 2-channel-Forum gab es viel negatives zur Wahl zu lesen. Grundtenor: Wie kann eine nur zur Hälfte aus Japan kommende Frau Japan bei der Miss Universe-Wahl repräsentieren? Ja, wie nur? Ariana ist in Japan geboren wurden und hier aufgewachsen. Wahrscheinlich ist sie japanischer als viele ihrer Klassenkameradinnen. Und doch sieht sie anders aus. Und weiss wahrscheinlich etwas mehr über andere Kulturen. Und sie ist nun mal verdammt hübsch, also warum sollte sie nicht antreten?

Die Reaktion war zu erwarten. Schon bei dem brutalen Mord an einem Mittelstufeschüler vor ein paar Wochen wurde im Internet brutal auf der Tatsache herumgeritten, dass der mutmassliche Haupttäter ein “halber” Japaner ist. Es ist mehr als offensichtlich, dass man im recht homogenen Japan noch seine lieben Probleme hat mit den “anderen”. Dabei ist das Verhältnis eigentlich gespalten: Die meisten Japaner hegen das Vorurteil, dass halbe Japaner (zumindest wenn ein Elternteil nicht aus Asien stammt) einfach irgendwie total süss oder hübsch aussehen. Doch gleichzeitig gibt es durchaus viele, die sich dann abends vor ihren PC setzten und Gift und Galle spucken.

Die Causa Ariana kann man jedoch auch von einer positiven Seite sehen: Sie hat es geschafft, sich durchzusetzen. Sie wurde, zumindest offensichtlich von der Jury, als würdige Vertreterin Japans angesehen. Und sie stösst eine weitere Debatte los – der allerdings leider der nötige Ernst fehlt, denn es ist keine konstruktive Debatte, sondern entweder Lobhudelei oder sinnloses Eindreschen.

Rassismus ist in Japan weit verbreitet und gesellschaftlich tief verankert. Das wird sich so schnell nicht ändern. Andererseits ist es so wie mit anderen Themen auch: Die Extreme finden überdurchschnittlich viel Gehör in den Medien. Das bedeutet nicht, dass alle Japaner so sind, denken oder handeln.

Hier noch ein relevanter Artikel zum Thema auf diesem Blog: Rassistische Kinderliteratur und ein anderer lesenswerter Artikel hier: Japan’s blackface problem: the country’s bizarre, troubled relationship with race.

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Geschichte schreiben lassen: Japan macht 15 Millionen USD locker für US-Universitäten

März 17th, 2015 | Tagged , | 2 Kommentare | 2122 mal gelesen

Um die einzig wahre Geschichtsschreibung in puncto Japans Rolle im Zweiten Weltkrieg herrscht ja nun schon seit dem Tag, an dem der Krieg endete, Streit zwischen den betroffenen Staaten. Das ist nichts Neues und trotzdem ein immer wieder kehrendes Thema, auch auf diesem Blog. Der Streit um die Deutungshoheit wird dabei offensichtlich in jüngster Zeit mehr und mehr ausserhalb des ehemaligen Kriegsgebietes ausgetragen. Ein Beispiel dafür ist das Errichten von Gedenkstätten für die sogenannten “Trostfrauen” in Glendale, Kalifornien und New Jersey durch koreanische Initiatoren. Japanfreundliche Gruppen hatten im vergangenen Jahr erfolglos dagegen vor US-Gerichten geklagt¹.

Vor allem die “Trostfrauenfrage” zieht sich wie ein roter Faden durch Japans Aussenpolitik und Geschichtsauffassung. Während man vor allem in Korea und China darauf beharrt, dass es systematisch und von staatlicher Ebene organisierte Versklavung und Zwangsprostitution von Frauen in den von Japan besetzten Gebieten gab – und Japan sich dafür nicht angemessen entschuldigt, von Reparationsleistungen ganz zu schweigen, hat, debattiert man in Japan noch immer, dass das ganze eine gewaltige Lüge und viel zu sehr aufgebauscht sei. Schliesslich war Krieg, und sowas kommt eben vor im Krieg – nicht nur in Japan. Und von “systematisch” und “Versklavung” beziehungsweise “Zwangsprostitution” könne sowieso keine Rede sein. Die Debatte wurde nun auch noch durch einen Vorfall im vergangenen Jahr befeuert: Dabei stellte sich wohl heraus, dass ein von der links-liberalen Asahi-Shimbun veröffentlichter Artikel des Journalisten Takashi Uemura, der zu dem Schluss kam, dass Japan durchaus in der Schuld steht, teilweise gefälschte Daten enthielt. Nein, wir reden nicht von einem Artikel, der in der vergangenen Woche erschien, sondern vor sage und schreibe 23 Jahren. Es begann eine sehr hässliche Hetzjagd auf Asahi Shimbun und den Journalisten, der an einer Universität als Dozent arbeitet.

Südkorea, aber auch China lassen seit etlichen Jahren nichts unversucht, die Problematik ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, und wie man am obigen Beispiel sieht, durch teils recht einfallsreiche Methoden (so darf man zu Recht fragen, was ein an die Trostfrauen in Ostasien erinnerndes Mahnmal eigentlich in der USA zu suchen hat). In Japan deutet man diese Aktionen verständlicherweise als Rufmord – und dem will man entgegentreten. Ebenfalls mit allen Mitteln. So staunten die Mitarbeiter des grossen US-Schulbuchverlages McGraw-Hill Education nicht schlecht, als im vergangenen Jahr plötzlich Vertreter der japanischen Botschaft in der Redaktion standen und forderten, dass der Verlag doch bitte seine Beschreibung über die Rolle Japans im 2. Weltkrieg umschreiben solle². McGraw-Hill Education dachte freilich nicht daran.

Nun wurde heute also bekannt, dass die japanische Regierung im laufenden Jahr 9 Universitäten in den USA mit 15 Millionen Dollar Forschungsgelder ausstatten möchte³. So etwas gab es seit 40 Jahren nicht mehr. Und nein, hier geht es nicht um die Erforschung von Einzellern, sondern um “korrekte” historische Forschung. Prinzipiell kann man dagegen nichts einwenden, obwohl mir der Gedanke, dass die Regierung eines Landes Universitäten eines anderes Landes mit Geld beschenkt, damit diese die Geschichte ins rechte (ja, rechte!) Licht rücken, nicht sehr behagt. Zu den Begünstigten zählt auch das weltberühmte MIT. Aber was sollen Japans Rechte auch machen? China und Korea werden auf keinen Fall lockerlassen in ihren Bemühungen, Japans Geschichte in ihrem Sinne zu verbreiten. Wenn ich jedoch daran denke, dass ich für so etwas Steuer zahle, wird mir ganz blümerant.


¹ Siehe hier: LA Times: Federal judge upholds ‘comfort women’ statue in Glendale park
² Siehe unter anderem NY Times: U.S. Textbook Skews History, Prime Minister of Japan Says
³ Japan Times: To counter China and South Korea, government to fund Japan studies at U.S. colleges

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Der Osten macht sich im Osten breit

März 13th, 2015 | Tagged | 16 Kommentare | 2340 mal gelesen

Wenn man lange genug in Japan wohnt – und ein “Freund voller Fleischtöpfe” ist, um mal Bertold Brechts Leben des Galilei zu zitieren – kennt man nach nicht allzu langer Zeit seine Bezugsquellen für Stoff jeglicher Art. Wo man welchen Käse bekommt zum Beispiel. Oder anständiges Bier. Oder Mohn. Ganze Muskatnüsse. Wacholderbeeren. Rhabarber. Die Liste würde lang werden. Wahrscheinlich könnte ich damit einen kostenpflichtigen Infodienst gründen.

Trotzdem gibt es manchmal Überraschungen. Radeberger zum Beispiel ist mir im vergangenen Jahr zum ersten Mal aufgefallen, und es ist sogar, vergleichsweise, mit rund 2 Euro pro kleiner Dose recht bezahlbar. Köstritzer Schwarzbier war übrigens schon lange vorher in Japan, aber ich hab es mit dem Schwarzbier nicht so. Überrascht hat mich jedoch vor ein paar Tagen, was mich da aus dem Regal eines Spezialitäten-aus-aller-Welt-Laden anstarrte:

spreewaldhof

Sieh mal einer an – Spreewaldhof! Aus der Heimat! Kostet zwar drei Mal so viel wie in Deutschland, aber das läßt sich nun mal nicht ändern. Ob ich es gekauft habe? Letztendlich nicht, da ich kein grosser Fan von Konservenessen bin. Immerhin ist Ostdeutschland damit in Japan bereits durch zwei Sorten Bier, Spreewaldhof und dem Ampelmännchen vertreten. Als nächstes bitte ich dann um Bautz’ner Senf und Nudossi.

Und doch gibt es noch immer Dinge, die ich auch in 10 Jahren noch nicht gefunden habe. Räucherspeck zum Beispiel. Nein, keine Pancetta oder Lard, sondern schlichter Räucherspeck. Ich habe mich mal mit einem Metzger in Japan darüber unterhalten, und er meinte, dass die Schweine in Japan keine so dicke Schwarte haben. Ach, und wo wir schon bei Konserven sind: Anständige Tiefkühlpizzen vermisse ich, dass gehörte früher einfach zu meiner Diät und musste ersatzlos gestrichen werden. Das ist aber wahrscheinlich letztendlich auch besser so.

Wer hat noch Tipps zu deutschen Lebensmitteln in Japan – abseits von Seijō Ishii, National Azabu und Meidi-ya? Dann nur her damit!

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