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Japanische Antwort auf „The Cove“ gewinnt Filmpreis in London

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"Behind the cove"-Filmposter

Es ist nun schon acht Jahre her, das ein Aufschrei durch die Welt ging, als der amerikanische Dokumentarfilm „The Cove“ erschien: Der Film handelte von der japanischen Kleinstadt Taiji in der Präfektur Wakayama und zeigte nur schwer erträgliche Szenen einer Jagd auf Delfine, die alljährlich in einer Bucht in besagter Stadt veranstaltet wird. Der Hype um den Film ging soweit, dass der Streifen sogar mit einem Oscar für den besten Dokumentarfilm bedacht wurde. Dabei handelte es sich teilweise um einen Pseudodokumentarfilm, da einfachste journalistische Regeln über den Haufen geworfen wurden – zum Beispiel, in dem unvollständig übersetzt und Dinge aus dem Zusammenhang gerissen worden. Egal: Die Aufruhr war gross, und selbst beim Tabibito Almanach gingen Kommentare wie „Dreckige Delfinkiller!“ ein.

Die Regisseurin Keiko Yagi, eine 50-jährige Japanerin, beschloss, der Sache etwas mehr auf den Grund zu gehen und drehte so einen Gegenfilm – konsequenterweise „Behind the Cove“ genannt. Das war 2015. In dieser Woche nun passierte etwas Unerwartetes – die Doku gewann tatsächlich einen Preis, und zwar beim London International Filmmaker Festival of World Cinema (IFFWC). Das ist zwar ein sehr kleines Festival, das erst seit 9 Jahren ausgerichtet wird, doch dass ein japanischer Film mit einer Gegendarstellung des so emotional diskutierten Themas überhaupt im Ausland Beachtung findet, ist durchaus eine Randnotiz wert.

Delfinstatue am Ortseingang von Taiji
Delfinstatue am Ortseingang von Taiji

Im Film geht es um den ganzen Hintergrund der Wal- und Delfinjagd, vor allem aber um die Waljagd. Und die hat in der Tat eine lange Tradition – nicht nur in Japan, sondern auch anderswo. In Taiji hält man diese Tradition noch immer hoch – ein ausgemustertes Walfangschiff findet man dort ebenso wie ein großes Museum zum Thema Walfang, nebst Wal- und Delfinshow (!) für die lieben Kleinen. Das Museum ist dabei durchaus interessant, wenn auch etwas angestaubt.

Den 105-minütigen Film „Behind the Cove“ kann man unter anderem auf Netflix sehen, und wer „The Cove“ gesehen hat, sollte sich auch diesen Film ansehen, um die andere Seite der Medaille zu verstehen.

Neue Erdbebengefahrenkarte für Tokyo erschienen

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Erdbebengefahrenkarte Tokyo 2018
Erdbebengefahrenkarte Tokyo 2018

​Wie ein Damoklesschwert hängt die Gefahr über der Meteopole Tokyo: die Erdbebengefahr (gefolgt von Taifunen, Vulkanausbrüchen und anderweitig hervorgerufenen Überschwemmungen. Nach dem schweren Tohoku-Erdbeben im März 2011 gingen japanische Geologen zum Beispiel davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit für ein sogenanntes 直下型地震 chokka-gata jishin, ein „Erdbeben direkt unter (der Hauptstadt)“ innerhalb der folgenden 4 Jahre bei 70% liegt. Leider beziehungsweise Gott sei Dank halten Erdbeben im allgemeinen aber immer noch nicht allzu viel von menschlichen Prognosen – das schwere Beben wird zwar mit „sehr großer Wahrscheinlichkeit“ kommen, aber die Frage ist nach wie vor: Wann?

Der Stadt Tokyo und den umliegenden Präfekturen kann man da nur danken, dass fortlaufend mit verschiedenen Szenarien gerechnet und entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden. Dazu muss man natürlich erst mal wissen, wo genau die Maßnahmen am nötigsten sind, und so wurde vor vielen Jahren eine Gefahrnkarte erstellt. Und der Ansatz ist gut, da lebensnah: Man untersucht in allen Gebieten der Stadt die Festigkeit des Untergrunds UND die Art der Bebauung – aus diesen Faktoren errechnet man einen Risikofaktor und ordnet anschliessend die Gebiete in 5 Kategorien ein. 5 ist die höchste Kategorie und bedeutet entsprechend höchste Gefahr. Ist ein Viertel also auf weniger standfestem Untergrund, zum Beispiel im Schwemmbereich eines Flusses gebaut, und besteht die Bebauung zu einem großen Teil aus älteren Holzhäusern mit sehr wenig Raum zwischen den Gebäuden, dann bedeutet dies in den meisten Fällen Kategorie 5. Insgesamt 1,6% der Stadt zählen zu dieser Kategorie, und diese Gebiete konzentrieren sich, das ist allgemein bekannt in Tokyo, im Nordwesten, zwischen dem Sumida- und alten und neuen Edo-Fluß (die Gegend beginnt unmittelbar nordwestlich vom Tokyo Sky Tree).

Auch die Gebiete am Tama-Fluss sind mit Stufe 4 eher unsicher, während zum Beispiel die Gegend um Aoyama oder dem Kaiserpalast und dergleichen ziemlich sicher sind – der Untergrund ist relativ fest und die Bebauung eher modern und/oder locker. Die von der Stadt Tokyo erstellte Karte¹ wurde nun zum ersten Mal seit über 4 Jahren erneuert – und sie ist durchaus nützlich, zum Beispiel bei der Wohnortwahl, vor allem aber dann, wenn man überlegt, sich ein Haus zu kaufen. Und so schön urig und typisch Japanisch die Wohnviertel der Kategorie 5-Gebiete auch sind – man muss zu recht befürchten, dass sich bei einem direkten Erdbeben genau das wiederholt, was 1995 auch in Kobe geschah: Dass sich eine unaufhaltsame Feuerwalze durch die Wohnviertel frisst.

Zur Erinnerung, da themenrelevant: Ein älterer Artikel zur Korrelation von Ortsnamen/Bushaltestellenamen mit der Erdbebengefahrensituation.

¹ Siehe hier.

ETC – das japanische Mautsystem

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Mautstation in Japan: Violett = ETC, Grün: Bargeld
Mautstation in Japan: Violett = ETC, Grün: Bargeld

Wer mit dem Auto in Japan unterwegs ist, macht schnell Bekanntschaft mit ETC – dem japanischen Mautsystem. In Japan sind nahezu alle Autobahnen mautpflichtig, egal für wen. Das System nennt sich „ETC“ – das steht für „Electronic Toll Collect“. Wie auch bei den Eisenbahnen ist die Preisstruktur keinesfalls einheitlich – auf manchen Strecken bezahlt man einen festen Betrag, egal wie weit man fährt, auf anderen bezahlt man nach der Länge der gefahrenen Strecke. Es gibt zwei Arten der Bezahlung: In bar oder mit einer ETC-Karte, die in einem im Auto installierten Kartenlesegerät eingeschoben wird. Diese wiederum muss mit einer japanischen Kreditkarte verbunden sein, und da wird es auch schon kompliziert, da man die ETC-Karte nicht mit jeder x-beliebigen Kreditkarte verbinden kann. Man muss dazu ausgewählte Dienste wie zum Beispiel „Orico“ benutzen, und das erklärt dann auch, warum die meisten Japaner mehrere Kreditkarten haben (bei mir sind es nun auch schon drei japanische Kreditkarten – und das nicht etwa, weil ich Kreditkarten so mag, sondern weil es anders nicht geht).

Wer viel mit dem Auto unterwegs ist, sollte sich unbedingt eine ETC-Karte anschaffen, denn damit kann man die Schranken, und davon gibt es viele, mit 20 km/h (so steht es jedenfalls geschrieben, die meisten fahren mit 30 km/h durch) passieren. Ausserdem gibt es einen Rabatt auf ETC-Zahlung. Ganz durchsichtig ist das System dabei nicht. Fahre ich zum Beispiel bei mir in der Nähe auf die Autobahn, passiere ich erstmal eine Mautstelle an der Auffahrt, wo mein Startpunkt registriert wird. Nach einem guten Kilometer Autobahn kommt eine grosse Mautstelle, an der mir 350 Yen abgezogen werden. Kaum bin ich in Tokyo, werden mir dann gute 600 Yen abgezogen – das ist der Minimalbetrag für die 首都高 shutokō – die Stadtautobahn von Tokyo. Bleibe ich im Zentrum, ändert sich der Betrag kaum, aber sobald ich mich von Tokyo entferne, wird es immer teurer. Der Preis hängt dabei unter anderem davon ab, wann man unterwegs ist – nachts oder an Ruhe- und Feiertagen wird es zum Beispiel bis zu 30% billiger. Eine Zahl aber mal zum Vergleich: Von Tokyo bis Osaka zahlt man mit einem normalen Auto letztendlich rund 7’000 Yen, also gute 50 Euro, für insgesamt knapp 500 Kilometer.

Die ETC-Karte selbst ist auf den Fahrzeugtyp abgestimmt, und beim Beantragen muss man auch das Nummernschild und die Fahrzeugnummer angeben. Betrug gibt es wohl trotzdem, doch in 90% der Betrugsfälle werden wohl laut Wikipedia einfach nur die Schranken durchbrochen. Alles in allem funktioniert das ETC (offizieller Name: ETC 2.0)-System ganz gut, aber das böse Erwachen erfolgt dann freilich bei der Kreditkartenabrechnung, denn all die kleinen Autobahnfahrten läppern sich natürlich zusammen.

Das Ende der Pflichtschokolade?

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Godiva-Anzeige in Japan
Godiva-Anzeige in Japan

Schokolade? Godiva! Das ist der Name, der den meisten Japanern einfällt, wenn sie an teure Schokolade denken. Aus irgendwelchen Gründen (die ich nicht völlig nachvollziehen kann) hat der belgische Chocolatier einen ausgezeichneten Stand in Japan, mit zahlreichen luxuriösen „Boutiquen“. Die Preise sind ziemlich saftig — bezahlt man zum Beispiel in Deutschland für eine Valentinstag-Pralinenschachtel wie diese hier offiziell 32 Euro, so kostet die gleiche Schachtel in Japan offiziell 52 Euro (siehe hier). Das lässt sich nur teilweise mit dem hohen Zoll (29.8% auf Kakaoprodukte, siehe hier) erklären.

Nun ist es in Japan seit Jahrzehnten üblich, männlichen Freunden, Partnern – und Arbeitskollegen, vor allem aber Vorgesetzten – am Valentinstag Schokolade zu schenken. Das gefällt nicht Allen: Diese 義理チョコ Giri Choko genannte Tradition, also die „aus Pflichtgefühl überreichte Schokolade“, bringt weibliche Angestellte oftmals in die Bredouille, schließlich müssen sie ihr hart erarbeitetes Geld für etwas ausgeben, was sie gar nicht machen wollen. Wenn die männlichen Vorgesetzten dann auch noch richtig unausstehlich sind, wird die Prozedur zur Qual. Die Männer schenken übrigens am Valentinstag nichts, denn dafür gibt es den „White Day“ am 14. März.

Godiva, selbstverständlich Profiteur des Valentintagswahnsinns, ersann nun einen veritablen Marketingtrick und schaltete ganzseitige Anzeigen in japanischen Zeitungen: Japan solle doch bitte mit dem „Giri Choko“ aufhören, denn der Valentinstag sei ein der Liebe gewidmeter Tag, und Schokolade soll man nicht ohne die dazugehörigen Gefühle einfach so verschenken, denn das widerspricht dem ganzen Prinzip des Valentintags.

Recht haben sie. Und diese Marketingaktion ist erstaunlich gewieft: Nicht nur, dass Medien diesen Artikel schnell aufgriffen – bei Frauen, den Hauptkunden von Godiva, punktet das Unternehmen mit dieser Anzeige natürlich ganz ungemein. Natürlich wird die „Giri Choko“-Masche natürlich trotzdem weitergehen, Godiva hin oder her. Als der (ausländische) Boss von Godiva Japan jedoch zum Thema interviewt wurde, kam natürlich auch die Frage, ob denn auch bei Godiva die Angestellten ihren Kollegen und Vorgesetzten Schokolade schenkten. Die Antwort: Rund um den Valentinstag sei man viel zu beschäftigt, da sei gar keine Zeit dazu.

Das Phänomen hält an: 92,5% der Japaner zählen sich zur Mittelschicht

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Mittelschicht? Oberschicht? Unterschicht?

Alljährlich führt die japanische Regierung eine Umfrage zur Lebenszufriedenheit der Landsleute durch, und seit Jahrzehnten weisen die Umfrage eine Konstante auf: Die Antworten auf die Frage, zu welcher Schicht sich die Befragten zählen würden. Obwohl Japan schon bei weitem bessere Zeiten gesehen hat, liegt der Anteil derer, die sich eher zur Mittelschicht zählen würden, bei guten 90%. Gerade einmal 5% zählen sich zur Unterschicht, und nur 1,1% zählen sich zur Oberschicht (der Rest, erstaunlich wenige, wohlgemerkt) war sich nicht sicher.

Ist in Japan der kommunistische Traum der klassenlosen Gesellschaft etwa Wirklichkeit geworden? Die Zahlen entspringen einer Umfrage und sind somit subjektiv. Die Zahlen sprechen hindes andere Bände – schenkt man diesen Glauben, ist die Anzahl der armutsgefährdeten Japaner in den vergangenen 10 Jahren um einige Prozentpunkte auf rund 16% angestiegen – jeden 6. Japaner könnte man demzufolge der Unterschicht zuordnen. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer: Die meisten wollen sich nicht zur Unterschicht gezählt wissen – entweder aus Stolz oder aus falschem Verständnis darüber, was es bedeutet, zur Mittel- oder Unterschicht zu zählen.

Leider ist es relativ unwahrscheinlich, dass sich die Lage in Bälde verbessern wird. Gerade Altersarmut ist ein großes Thema, und da der Anteil der älteren Bevölkerung stetig zunimmt, wird auch der Anteil der von Altersarmut Betroffenen steigen. Das dicke Ende kommt da auch erst noch. Während die jetzt in Rente Gehenden noch von den damals üblichen, durchaus sehenswerten Firmenrenten profitieren, wird es in 20 Jahren ganz anders aussehen – ein großer Anteil der jetzt 40- und 50-jährigen wird darauf angewiesen sein, was man privat zurücklegte, doch es gibt immer mehr Menschen, deren Geld nicht zu einer privaten Altersvorsorge reicht. Die staatliche Pflichtrente allein reicht da bei weitem nicht, um der Altersarmut zu entkommen.

Kapselhotels (oder: Nie Wieder)

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Kapselhotel in Japan
Kapselhotel in Japan

Es sind lange Nächte im Büro zur Zeit, denn es gibt viel, sehr viel zu tun. Und so habe ich mich in der vergangenen Woche mal wieder festgesessen und stand kurz vor Mitternacht vor der Entscheidung, nach Hause zu fahren oder nicht. Letzteres hätte bedeutet, dass ich wohl erst nach 1 Uhr angekommen wäre (nachts fahren die Öffentlichen etwas spärlicher), nur um gegen halb 9 wieder das Haus zu verlassen. Die Alternativen hiessen Taxi oder Hotel. Beides muss ich natürlich nicht selbst bezahlen, aber selbst das Taxi braucht seine Zeit. Hotel also. Hauptsache so nahe wie möglich am Büro. Mir fiel ein Schild ein, dass ich neulich erst gesehen hatte: „Bed & Sauna“. Offensichtlich ein nagelneues Kapselhotel. Also gebucht, für gerade mal 2,800 yen, hernach gegen 1 Uhr Abendbrot gegessen und schnell noch im Convenience Store Wäsche zum Wechseln gekauft.

Das Kapselhotel ist in der Tat sehr neu, und erwartungsgemäss sehr spartanisch. Auf einem Flur gibt es rund 40 Kapseln – 20 links, 20 rechts. 20 oben, und 20 unten. Männlein und Weiblein schlafen natürlich auf getrennten Etagen. Duschen und Sauna sind auch auf einem separaten Flur. Und nur zwei der 40 Kapseln scheinen besetzt zu sein. Wie schön – nach rund 16 Stunden Bildschirm und Meetings sollte das doch für ein paar Stunden reichen.

Es ist meine zweite Begegnung mit der Kapsel. Die erste, am Flughafen Haneda, war furchtbar – es war extrem warm, und ziemlich laut. In dieser hier war es relativ kühl. Die Kapsel selbst ist 2 Meter lang, also passe ich halbwegs rein. Also geduscht, kurzes Feierabendbier, und gegen halb drei ab in die Karnickelbucht. Ganz dunkel wird es leider nicht, da es keine Tür (oder besser: keinen Deckel) gibt, sondern nur eine Art Jalousie. Doch dann ging es los: Ein anfangs leises, sonores Brummen wurde immer aufdringlicher. Und alle 5 Minuten erschien ein Neuzugang im Stall, oft schnaufend, schlürfend, mit Tüten raschelnd oder schniefend. Ganz ruhig jetzt! Einfach ignorieren! Ich versuchte ganz fest, mit mir, der Welt, der Arbeit und dem nicht abreißenden Strom der neuen Alkovenbewohner ins Reine zu kommen. Doch aus dem Hinterhalt schlich sich ein Gedanke heran, auf leisen Sohlen, doch er wurde immer größer und so bunt und scheckig, dass ich ihn nicht mehr ignorieren konnte: „Psst!! Hier kannst Du eh nicht schlafen! Warum stehst Du nicht auf, fährst ins Büro und erledigst dort all die Sachen, die Du eh erledigen musst!“.

Gegen vier war die Schlacht verloren. Ich kroch aus der Plastedose, fuhr ins Büro und arbeitete dort bis 19 Uhr. Nie wieder Kapsel!

​Erstmals Klage gegen Zwangssterilisation eingereicht

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Rassenpflege. Zwangssterilisation. Begriffe aus einer dunklen, seit langem vergangenen Epoche, möchte man meinen. Doch diese Epoche liegt in Japan gar nicht so lange zurück, und daran erinnert eine Schlagzeile von heute: Erste Frau fordert Entschädigung für Zwangssterilisation. Besagte Frau lebt im Norden, in der Präfektur Miyagi, und ist rund 60 Jahre alt. Eugenische Gesetze gibt es in Japan mindestens seit 1940. Eigentlich ist Abtreibung in Japan verboten, aber mit dem 優生保護法 yūsei hogo-hō wollte man ursprünglich erwirken, dass kein Leben durch eine Geburt geschädigt wird – weder das der Mutter noch das des Kindes. Schwangerschaften infolge einer Vergewaltigung konnten so rechtmäßig abgebrochen werden, um nur ein Beispiel zu nennen. Das Eugenikgesetz wurde 1948 komplett neu geschrieben und hatte unter dem obigen Namen bis 1996 bestand. Die Schriftzeichen erklären den Zweck ganz gut: „Bevorzugtes Leben – Schutz – Gesetz“. 1996 wurde das Gesetz stark abgeändert und unter dem neuen Namen 母体保護法 botai hogo-hō verabschiedet. „Yūsei“ wurde so zu „Botai“ – der „Mutterleib“.

Die Behörden legten das Gesetz, wie es scheint, sehr großzügig aus – vor allem was das Sterilisieren betraf. Wenn die zuständige Behörde befand, dass die potentielle Mutter aufgrund von Beeinträchtigen (wie zum Beispiel körperlicher oder seelischer Gebrechen, anscheinend aber auch sozialer Beeinträchtigungen) nicht in der Lage sein wird, ihren Pflichten als solcher ausreichend nachzukommen, wurde kurzerhand eine Zwangssterilisation angeordnet und durchgesetzt. Betroffen waren bis 1996 rund 16’500 Frauen – die jüngste war bei der Prozedur gerade mal 9 Jahre alt.

Die Klägerin entschloss sich nun als Erste, den Staat zu verklagen, da ihr ja, und der Vorwurf ist natürlich berechtigt, gegen ihren Willen ihre ganze Zukunft gewaltsam genommen wurde. Sie kam aus komplizierten, ärmlichen Verhältnissen, aber medizinische Tests hatten ihr gute Gesundheit attestiert. Trotzdem wurde sie zwangssterilisiert, und das schien vor allem in ihrer Gegend üblich zu sein – allein in der Präfektur Miyagi gab es rund 1’400 Fälle (von 16’500, in insgesamt 47 Präfekturen!). Die Begründung lautete auf 軽症魯鈍 keishō rodon – „leichter Stumpfsinn“.

Ob sie mit ihrer Klage Erfolg haben wird, ist alles andere als sicher. Auch in Deutschland klagten dereinst Betroffene der Nazi-Rassengesetze, aber die Klagen wurden im Prinzip mit der Begründung abgelegt, dass die Zwangssterilisationen zur Zeit der Durchführung durchaus im legalen Rahmen waren. Moralisch verwerflich, rechtlich jedoch unbedenklich, also. Ein trauriges Kapitel.

¹ Siehe unter anderem hier (Japanisch)

Alle Jahre wieder – Whiteout in Tokyo

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Ziemlich genau 4 Jahre ist es her, das Tokyo eingeschneit wurde. Heute war es wieder soweit: Während am Vortag noch bei 12 Grad die Sonne auf dem Pelz brannte, begann es heute vormittag an zu regnen und zu schneien. Ab Mittag war es selbst im Zentrum von Tokyo nur noch Schnee. Das Resultat zur Stunde, am Abend: Rund 20 cm Schnee in der Innenstadt – selbst die wichtigsten Strassen sind schneebedeckt.
Einige Autobahnabschnitte wurden gesperrt, einige Zuglinien fahren unregelmäßig oder gar nicht.

Da das Schneemalheur abzusehen war, haben fast alle Firmen ihre Mitarbeiter früh nach Hause geschickt, was natürlich zu chaotischen Zuständen führte. Meine Strategie, wie immer etwas länger im Büro zu bleiben und sich dann irgendwie durchzuschlagen scheint aufzugehen: Bus und Bahn fahren, wenn auch etwas langsamer, und ich kann in meiner sonst gut gefüllten Bahnlinie sogar sitzen – beim Anblick des Waggoninneren kamen mir fast die Tränen…

​Wie pünktlich sind japanische Züge wirklich?

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Das japanische Eisenbahnsystem ist weltweit bekannt für seine außerordentliche Pünktlichkeit (und für oftmals brechend volle Bahnen). Doch ist dem wirklich so? Wer jeden Tag zur Stoßzeit Züge im Raum Tokyo benutzt, mag sich darüber durchaus wundern. So fahre ich zum Beispiel tagtäglich mit der privaten Den’entoshi-Linie (sowie eine Station mit der Yamanote-Linie). Und zwar, zumindest morgens, immer zur gleichen Zeit. Ergo müsste ich jeden Tag zur gleichen Zeit ankommen – dem ist allerdings nicht so, obwohl die eigentliche Fahrtzeit nur 22 Minuten beträgt. Das merkwürdige an der Sache ist, dass ich zwar fast ausnahmslos exakt auf die Minute abfahre – im Schnitt aber etwa zwei Mal pro Woche später als üblich ankomme. Meistens beträgt die Verspätung nur ein paar Minuten; rund ein Mal pro Woche ist sie jedoch länger – mitunter hilft da nur, eine andere Route zu benutzen.

Das Transportministerium von Japan hat nun erstmals eine Studie veröffentlicht¹, in der die Pünktlichkeit der Züge in Tokyo (und 50km Umland) genau untersuchte. So stellte man fest, dass die Chuo-Linie, betrieben von der ehemals staatlichen JR East (für die älteren Semester: kokutetsu) Spitzenreiter ist: An 19 Werktagen im Monat gab es mindestens eine Verspätung. Knapp die Hälfte der unter 10-minütigen Verspätungen wurden durch Passagiere verursacht, die trotz Abfahrtssignals versuchten, einzusteigen. In 16% der Fälle waren Türen, die noch einmal geöffnet werden mussten (da etwas rausragte), die Ursache – und in rund 10% der Fälle waren es Passagiere, die wegen Unpässlichkeit geborgen werden mussten. Berufspendler erleben an den meisten Tagen alle drei Ursachen – vorweg das berühmte 駆け込み乗車 kakekomijōsha, das „auf den Zug aufspringen“.

In Japan gibt man sich große Mühe, die Menschenmassen geschickt zu dirigieren
In Japan gibt man sich große Mühe, die Menschenmassen geschickt zu dirigieren

Einige Bahnlinien bekämpfen das Problem mit langfristigen Strategien – die Odakyu-Linie ist zum Beispiel seit Jahren dabei (und kurz vor Abschluss), die Trasse vierspurig auszubauen, so dass die schnelleren Züge die langsamen überholen können. Ausserdem wird ein großer Teil der Strecke unter die Erde verlegt. Bei der Den’entoshi-Linie hat man zwar letzteres erledigt, aber der Ausbau in eine viergleisige Trasse ist Zukunftsmusik – es gibt kein Platz zum Ausbau.

Bei den längeren Verspätungen, die bis zu einem halben Tag dauern, sind Waggon- oder Trassenschäden, Schwelbrände in Tunneln, Selbstmorde, Taifune und Erdbeben die Hauptursachen.
Die Erkenntnisse der Studie sind zwar keine wirkliche Überraschung, und sie entmystifizieren die japanischen Bahnen auch nicht. Würde man die Statistiken anders angehen – zum Beispiel durchschnittliche Verspätung pro Passagierkilometer, würde Japan mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit weltweit den Spitzenplatz einnehmen.

Die Studie zeigt zudem, dass sich die Situation in den letzten 40 Jahren dramatisch entspannt hat: Lag die Auslastung der Züge auf den wichtigsten Linien der Hauptstadt vor 40 Jahren noch bei 220%, so hat sie sich jezt bei rund 165% eingependelt.

¹ Die Studie kann hier heruntergeladen werden (PDF, Japanisch)

Das grandiose Mißverständnis der Japaner Teil soundso

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Am 12. Januar kam es nur vier Kilometer von der Stadt Sanjō-Tsubame (Präfektur Niigata) entfernt zu einer der längsten Verspätungen der japanischen Bahngeschichte: Ein Vorortzug mit rund 430 Passagieren der JR East-Linie blieb mitten auf dem Feld in einer Schneewehe stecken, und so sehr man sich auch mühte — man konnte auf die Schnelle nichts dagegen machen. Der Zug blieb geschlagene 15½ Stunden dort stehen (dies schloss eine Nacht mit ein), bis man die Passagiere evakuieren konnte. Das Zugpersonal hatte es dabei nicht leicht: Einige Passagiere wollten den Zug verlassen, um sich bis zur Stadt durchzuschlagen, aber die Anweisungen an das Personal lauteten, niemanden gehen zu lassen, da es draußen zu gefährlich wäre. Das hatte seinen guten Grund, denn die Schneefälle in der Nacht waren enorm und ein Fußweg, egal ob während des Tages oder in der Nacht, wäre sehr gefährlich gewesen.

Die Haltung des Personals wurde kontrovers diskutiert. Zwar hatte der Zug Strom und sogar eine Toilette, ausserdem konnte JR East Notrationen und Wasser bis zum Zug bringen, aber einige Passagiere empfanden das fast schon als Freiheitsberaubung. Dem Triebwagenführer selbst wurde jedoch Heldentum bescheinigt, musste er doch über 15 Stunden lang mehr als 400 Passagiere beschwichtigen (und wer weiss, wie viele Male er sich in der Zeit entschuldigte). Die Lage war einfach verfahren: Es schneite heftig, aber der Zug hatte eine Schneevorrichtung integriert, und es wurde entschieden, dass der Zug weiterfahren kann. Er kam aber nur ein paar Hundert Meter weit, danach wurden die Schneefälle so heftig, dass auch kein Schaufeln mehr half. Und da es sich um eine eingleisige Strecke handelte, gab es schnell weder ein Vor noch ein Zurück.

Im Wochenmagazin Mr.サンデー (Mr. Sunday), einem Nachrichtenrückblick mit Hintergrundanalysen auf Fuji TV, wurde gestern, am 14. Januar, ausführlich darüber berichtet. Unter anderem berichtete man über die Hilfsbereitschaft unter den Zugpassagieren während der langen Stunden: Der Zug war nämlich voll, nicht alle konnten sitzen. Also wechselten sich ein paar Passagiere ab, man tauschte Handybatterien aus und so weiter und so fort. Man interviewte zu dem Thema auch eine Oberschülerin, die ganz beeindruckt von der Solidarität unter den Passagieren war – mit dem Fazit, es war zwar lang, aber alles in allem eine gute Erfahrung. Doch dann fiel der Kommentar des Tages einer der Sprecherinnen:

Diese Hilfsbereitschaft unter den Menschen ist etwas, das es so nur in Japan gibt.

Und hier liegt es — eines der grandiosen Mißverständnisse. Nein, Hilfsbereitschaft und Gastfreundlichkeit sind keine japanischen Erfindungen. Viele Japaner wissen das, aber es ist sehr beachtlich, wie japanische Medien immer und immer wieder versuchen, dieses verquere Bild zu vermitteln. Das ist für einen ausländischen Betrachter jedes Mal verstörend, zumal es mit der Hilfsbereitschaft im Alltag nicht gerade rosig aussieht – erst recht nicht in vollbesetzten Zügen.

Der Grund, warum mir das übel aufstieß, war eine Anekdote, die mir ein guter Freund erst im vergangenen Herbst erzählte: Als sein Zug auf freier Strecke aufgrund eines umgestürzten Baumes stecken blieb, kamen ziemlich bald die Bewohner eines nahegelegenen Dorfes und luden Familien mit kleinen Kindern zu sich ein – ausserdem organisierten sie Fahrgemeinschaften, damit die Leute weiterkamen. Natürlich gibt es überall Hilfsbereitschaft, und auch Gastfreundlichkeit. Zum Glück.

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