Das Herz am RECHTEN Fleck?

Mai 20th, 2013 | Tagged | 5 Kommentare | 212 mal gelesen

Hashimoto Tōru. Quelle: Wikipedia

Hashimoto Tōru. Quelle: Wikipedia

Eindeutig nationalistische Aussagen sind in Japan ein alltägliches Phänomen, doch selten schlugen Aussagen so hohe Wellen wie die des Politstars, Bürgermeisters von Ōsaka und Gründungsmitglieds und Vorsitzenden der Partei “日本維新の会” (Partei zur Erneuerung Japans), 橋下 徹 Hashimoto Tōru. In der vergangenen Woche gab Hashimoto bei einer Pressekonferenz seine Meinung zum Thema 慰安婦 (ianfu – Trostfrauen) kund. Zur Erinnerung: Im Zweiten Weltkrieg rekrutierte die japanische Verwaltung in den besetzten Gebieten Frauen, auf das jene in Militärbordells in der Etappe den Soldaten dienen sollten. Diese wurden euphemistisch “Trostfrauen” genannt, und sie waren nicht freiwillig dort: Wer Pech hatte, wurde ausgesucht und dementsprechend monate- bis jahrelang von unzähligen Soldaten vergewaltigt. Alles unter staatlicher Kontrolle der Besatzungsmacht. Viele Trostfrauen kamen aus China oder Korea, aber es waren zum Beispiel auch niederländische Trostfrauen betroffen, die zumeist in Indonesien aufgegriffen wurden. Einige Trostfrauen leben heute noch, doch es sollte bis Ende der 1990er dauern, bis sich die japanische Regierung zaghaft entschuldigte. Reparationen hindes? Fehlanzeige. Und etliche Politiker, auch in der jetzigen Regierung, distanzieren sich von der Entschuldigung und versuchen, zu relativieren.

So auch der knapp 40-jährige Anwalt und von vielen Japanern als charismatisch eingeschätzter Hashimoto. Er sah die Sache mit den Trostfrauen ganz “pragmatisch” und sagte, dass in der damaligen Zeit Trostfrauen “notwendig waren” – als Ventil für die Soldaten und um zu verhindern, dass die Armee Greueltaten an Zivilisten verübt (was sie freilich trotzdem tat). Diese Aussagen wurden natürlich sofort von chinesischen und koreanischen Medien aufgenommen und aufs schärfste verurteilt. Auch im weiten Ausland fanden Hashimotos Aussagen Beachtung und ernteten durch die Bank weg Kritik. Doch Hashimoto dachte nicht daran, seine Aussagen zurückzunehmen oder zu bedauern – im Gegenteil, er legte bei mindestens zwei weiteren Gelegenheiten nach. Interessanterweise wurden dieses Mal auch die japanischen Medien richtig aufmerksam und machten die Aussagen zum Tagesthema. Dies wiederum blieb vom Rechtspopulisten, ehemaligen Governeurs von Tokyo und Co-Parteivorsitzendem oben genannter Partei, Ishihara, nicht unbemerkt, und so trafen sich beide auf eine Aussprache am Sonntag. Das Ergebnis des Treffens war die Einsicht, dass man offensichtlich in der Beurteilung der Geschichte Differenzen aufweist, sowie – eine Entschuldigung. Natürlich kein echter Kotau, sondern eher ein kleinliches “Ich habe nicht damit gerechnet, dass meine Aussagen auf solche Resonanz stoßen würden”.

Welch Ironie! Ishihara Shintarō, ein Rechtspopulist vor dem Herrn, pfeift seinen jungen Parteigenossen wegen einer nationalistischen Aussage zurück! Was ist denn da passiert? Nun, man darf bezweifeln, dass Ishihara seine Gesinnung in seinem hohen Alter geändert hat. Grund für die Aussprache dürfte eher die Erkenntnis sein, dass die Aussagen in Japan weit höhere Wellen schlugen als üblich. In einer heute veröffentlichten Umfrage¹ gaben 71% der Befragten an, nicht mit den Aussagen einverstanden zu sein. Nur 21% gaben an, den Aussagen zuzustimmen. Das muss jeden Vertreter einer Partei, die im Parlament vertreten ist und Ambitionen hat, alarmieren.

Nun habe ich mit Japanern über die Aussage gesprochen, und ich war überrascht, Einverständnis zu hören. Und das von Leuten, die eigentlich weder rechts noch links denken. “Aber im Krieg ist das doch bestimmt nun mal so! Das ist eben Krieg!”. Richtig. Im Krieg herrschen eigene Regeln. Aber Verbrechen an der Menschlichkeit zu begehen, um Verbrechen an der Menschlichkeit zu vermeiden (und das noch nicht einmal erfolgreich), ist eine seltsame Argumentation. Das Einverständnis, dies sollte ich noch erwähnen, erfolgte dabei jedoch unter der Voraussetzung, dass Hashimoto nicht bewusst war, dass die Trostfrauen zwangsrekrutiert wurden. Dies allerdings war ihm durchaus bewusst.

Bei einer Pressekonferenz am heutigen Tag² vermerkte Hashimoto nun zur Resonanz im eigenen Land: Dass Japanern nun also diese Problematik bewusst ist, hat doch auch seine gute Seite sowie: Vielleicht reifen so auch die Japanisch-Koreanischen Beziehungen. Seine Aussagen als solche nimmt er dabei jedoch nachwievor nicht zurück. Nun, zumindest mit der ersten Aussage hat er recht. Ob so aber die ohnehin schon sehr angespannten Beziehungen mit China und Südkorea reifen, darf bezweifelt werden. Die Nachbarn werden sich eher bestätigt fühlen in ihrer Vermutung, dass man in Japan offensichtlich nicht dazu lernt.

¹ Siehe hier: Mainichi JP: 毎日新聞調査:橋下氏慰安婦発言「妥当でない」71%
² Siehe hier: Sankei Shinbun: 一転取材応じた橋下市長 慰安婦・風俗発言撤回せず

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Anfeuern auf Japanisch – mit Schmackes!

Mai 18th, 2013 | Tagged , | Kein Kommentar bisher | 245 mal gelesen

Sportfest an der Grundschule

Sportfest an der Grundschule

Vor gut über einem halben Jahr hatte ich das Vergnügen, über ein typisch japanisches Sportfest in einem Kindergarten zu berichten. Heute geht es um die nächsthöhere Stufe: Ein 運動会 undōkai (Sportfest) an einer japanischen Grundschule. Normalerweise finden diese im ganzen Land im Oktober statt, aber in unserer Stadt wurde irgendwann entschieden, dass der Mai wettertechnisch günstiger sei.

Die Grundschule hat sechs Jahrgänge in Japan – die Kinder sind also 6 bis 12 Jahre alt. In der Grundschule meiner Tochter gibt es 5 Klassen pro Jahrgang, mit durchschnittlich 30 Kindern pro Klasse. Das macht also insgesammt 900 Schüler – diese Grundschule ist für japanische Großstadtverhältnisse normal bis groß. Das ganze ist eine “Leistungsschau” – und die zieht sich an unserer Grundschule 6 Stunden lang hin. Los geht es morgens um 9 (am Sonnabend), mittags gibt es eine Stunde Pause, und dann geht es weiter bis 16 Uhr. Dafür ist der folgende Montag schulfrei. Soweit die Eltern nicht arbeiten müssen, lassen sich die meisten Eltern das Sportfest nicht entgehen. 900 Kinder mal 2 Elternteile minus ein paar Väter, die arbeiten müssen, plus diverse Großeltern und andere Verwandte. Macht also 900 Kinder plus mindestens 1’800 Verwandte, die sich auf dem zugegebenermaßen großen Schulhof versammeln. Normalerweise bringt man in Japan dazu Picknickdecken und Essen mit und läßt sich so zur Mittagspause das Essen auf dem Schulhof schmecken. Nicht so an unserer Schule: Vor ein paar Jahren gab es einen Zwischenfall, bei dem sich ein paar Eltern auf dem Schulhof betranken und dann in die Wolle bekamen. Die Schüler dieser Eltern sind wohl noch an der Schule, weshalb die Schulleitung beschlossen hat, das übliche Prozedere zu verbieten – bis die Problemelternkinder nicht mehr an der Schule sind.

Beim Sportfest handelt es sich um eine Mischung aus Spielen (meist für die niedrigen Jahrgänge), Wettläufen und Tanzen. Der Höhepunkt ist dabei immer die リレー riree (vom englischen “Relay” – Staffellauf). Nicht alle Kinder dürfen dabei mitmachen – nur ausgewählte, sprich die schnellsten Schüler. Bei Sportfesten werden die Schüler übrigens in zwei Gruppen unterteilt (die Unterteilung erfolgt je nach Schule unterschiedlich): Die sogenannten 紅白 kōhaku. kō (auch “beni”) gelesen bedeutet rot; haku (auch “shiro” gelesen) bedeutet weiß. Rot und Weiß sind in Japan Festlichkeitsfarben. Und bei Wettkämpfen zwischen zwei Gruppen unterteilt man die Lager stets in “rot” und “weiß”. “Ah, bestimmt wegen der japanischen Flagge!” könnte man hier altklug einwerfen, aber der Grund ist eher historischer Natur: Während des Gempei-Krieges im 12. Jahrhundert trugen die Genji-Truppen weiße Fahnen und die Taira (das -pei in Gempei) trugen rot.

Die Sportfeste sind prinzipiell eine schöne Idee: Die Kinder lernen, sich zusammenzuraufen, treiben nebenbei Sport und können sich aneinander messen. Die Eltern haben ihren Spaß beim Zusehen – und können sich andere Eltern angucken. Eine gute Sache also. Am interessantesten war – für mich zumindest – der 応援合戦 Ōen-Gassen – der “Anfeuerungswettbewerb”, bei dem eigens ausgewählte “Einheizer” ihre Gruppe dazu anhalten, sich gegenseitig anzufeuern. Das sieht dann so aus wie im Video unten (Anmerkung: Wer sich nicht die ganzen 10 Minuten ansehen will – richtig interessant wird es ab der 7. Minute). Diese Anfeuerungswettbewerbe sind auch im Baseball üblich und möglicherweise eine amerikanische Erfindung, aber ganz so sicher bin ich mir da nicht. Auch die Anfeuerungswettbewerbe gehen in die Punktwertung ein. Heute gewann Weiß.

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Aggi Aggi Aggi!!!

Mai 15th, 2013 | Tagged | 17 Kommentare | 562 mal gelesen

Und ich schulde jedem, der ohne Nachzuschlagen weiß, was der Titel bedeutet, eine Banane. Abzuholen in Tokyo.

Seit ein paar Wochen bringt mich der neue Fahrplan meiner Bahnlinie in den Hochgenuß eines allmorgendlichen Spektakels. Zwei Stationen fahre ich mit der Bahn, bevor ich umsteige. Vorher hielt die Bahn nicht zwischendurch, doch nun hält sie. Und so tauchte er in meinem Leben auf, einfach so: Apeman [ˈeɪpmæn]. Ich bin gut erzogen, also schimpfe ich einen Mitmenschen nicht “Affe”. Also Apeman, das klingt besser. Und mal ehrlich: Wie soll man sonst ein Wesen nennen mit wulstigen Augenbrauen und nach hinten gekämmter Stirn – einem Wesen, das beim Laufen die Arme leicht anwinkelt und bei dem zugleich die Handinnenflächen nach hinten zeigen? Ein Wesen, das sich nur durch unartikuliertes Grunzen äußert?

Apeman verfolgt das gleiche Interesse wie ich: Er möchte direkt an der Treppe zum Ausgang aussteigen. Das hat seine Gründe, gerade in Japan: Wenn hunderte Leute gleichzeitig aussteigen, macht es einen Riesenunterschied, ob man vorn ist (10 Sekunden bis zum Ausgang) oder in der Mitte (2 Minuten bis zum Ausgang). 110 Sekunden hin. 220 Sekunden hin und zurück. 5 Mal die Woche, 50 Wochen pro Jahr. Macht 15 Stunden pro Jahr, die man eingepfercht zwischen hunderten anderen verbringen soll. So einfach kann Mathematik sein. Wieso Züge in Deutschland zum Beispiel nicht an einem bestimmten, immer gleichen Punkt am Bahnsteig halten, wird dabei für mich immer ein Rätsel bleiben. Was denkt sich ein Lok- oder Triebwagenführer in Deutschland, wenn er in den Bahnhof einfährt? “Och, heute ist Montag, da halte ich mir hier!” ?? Ich weiß es nicht.

Apeman ist brachial. Steht jemand anderes an der Bahntür, wird der andere erstmal weggedrückt. Geht die Tür auf, grunzt Apeman, springt wie angestochen aus der Bahn, rennt dabei zwei, drei Leute um (und nicht selten ziemlich brutal), stürzt die Rolltreppe hinunter, durch die Schranke hindurch, vorbei an den Fahrkartenautomaten, durch die Schranke der nächsten Linie und dann wieder die Rolltreppe herunter.

Ich nehme die gleiche Route. Und ich stehe seit Jahren an der gleichen Tür. Das kann Apeman natürlich nicht wissen, da meine Linie ja vorher vorbeifuhr an seinem Bahnhof. Jetzt weiß er es. Jetzt weiß er auch, dass normalerweise zwei Leute an der Tür stehen können. Das gefällt ihm nicht, und das äußert sich in einem Grunzen. Wie ein Gecko klebt dabei seine linke Hand auf meiner Türhälfte direkt vor meinem Gesicht. Und die Tür geht auf…

Leider ist Apeman von Weitsicht (und Rücksichtnahme) weitestgehend unbelastet. Während die Treppe neben der Rolltreppe völlig frei ist (typisch Japan) und die Rolltreppe ganz offensichtlich verstopft von den Fahrgästen des vorangegangen Zuges, stürzt sich Apeman brutal die Rolltreppe herunter. Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf. Ich lasse Apeman beim Aussteigen den Vortritt, um seinen Stil zu bewundern. Doch ich bin schneller an der Schranke. Das versteht er nicht ganz und rammt mich. Raus aus der Schranke, und wir rennen zur nächsten Schranke. Er nimmt die Aussenkurve, und rammt mich erneut an der Schranke. Wieder Rolltreppe. Gleiches Schauspiel. Neulich hatte es mir beim vierten Mal gereicht, und ich rief ihm ein いい加減にしろ” (ii kagen ni shiro – in etwa: “Reiß Dich zusammen!”) zu. Schön mit gerolltem “r”, wie es sich gehört. Apeman schaute mich eine Millisekunde ganz verdutzt an. Und lief weiter in seine Richtung. Danach sah ich Apeman eine ganze Woche lang nicht. Doch jetzt ist er wieder da, fit wie eh und je. Und ich steige in meine Bahn ein, setze mich hin, gehe in mich und denke mir ganz leise: 俺、何やってんだろう. Was zum Geier mache ich hier eigentlich.

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Huffington Post ab jetzt auch in Japan

Mai 10th, 2013 | Tagged | 4 Kommentare | 422 mal gelesen

Huffington Post Japan

Na, da tut sich doch was im japanischen Medienbereich: DIE berühmteste Internetzeitung der USA, wenn nicht sogar der Welt, gibt es seit vorgestern, also dem 7. Mai, auch in Japan. Die Chefredakteurin und Gründerin des als Politblog gestarteten Projekts, Arianne Huffington, reiste deshalb eigens nach Japan, um den Startschuß zu gehen. Da man als Ausländer ohne Rückhalt durch hiesige Vertreter der jeweiligen Branche nicht weit kommt, hat sich Huffington zu einer Zusammenarbeit mit einem japanischen Mediengiganten, der Asahi Shimbun, zusammengeschlossen. Und der Zusammenschluss ist auf jeden Fall sinnvoll – für beide Seiten, denn Asahi Shimbun und andere japanische Zeitungen müssen allmählich sehen, dass sie Land gewinnen, denn der Kahlschlag in der Presse ist auch in Japan eklatant.

Auch in der japanischen Version sollen sich Leser ausführlich an aktuellen Diskussionen beteiligen. In der Japan Times, einer der beiden verbliebenen englischsprachigen Tageszeitungen, wurde angemerkt:

Although Japan’s Internet discussion sites tend to be filled with ultranationalistic and defamatory comments, she promised that won’t be an issue with Huffington Post Japan.

“Our editors will evaluate and decide … so it’s not a free-for-all. It’s complete quality control,” she said, adding that comments on articles will also be monitored.

(Quelle: Japan Times: Huffington in Tokyo for launch of Japanese-language version of HuffPost, 9. Mai 2013)

Nun – das ist begrüßenswert, aber die Redakteure, die sich durch den Wust der Diskussionsbeiträge wühlen müssen, tun mir jetzt schon leid, denn was man selbst bei Kommentaren auf grossen Plattformen wie Yahoo! Japan zu sehen bekommt, sprüht oft nur so vor Haß und Verleumdung.

Ich wünsche der HuffPost jedenfalls einen guten Start und werde sicherlich häufiger vorbeischauen. Eine möglichst unabhängige Nachrichtenquelle auf Japanisch und aus dem Ausland stammend ist ein Novum, und ich bin gespannt, wie es ankommen wird. Als Pessimist bin ich allerdings, nun ja, nicht überaus optimistisch. Sie werden es schwer haben. Und im schlimmsten Fall sich anpassen. Ich hoffe, die Redaktion bleibt standhaft und besteht aus fähigen Leuten. Und ich bin gespannt, welche Agenda die Huffington verfolgen wird. Hoffentlich keine amerikanische. Und hoffentlich keine traditionell japanische.

Die japanische Version der Huffington Post gibt es ab sofort hier.

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Ausflug ins Grüne – Yatsugatake

Mai 7th, 2013 | Tagged , | 5 Kommentare | 395 mal gelesen

Yatsugatake-Massiv, von Nobeyama aus gesehen

Yatsugatake-Massiv, von Nobeyama aus gesehen

Es ist Goldene Woche – Kind hat Ferien, es gibt vier freie Tage am Stück, und die möchte man dann doch nicht komplett zu Hause verbringen. So denken 130 Millionen Japaner alljährlich, und so zieht alles durchs Land, was genug Zeit und etwas Kleingeld übrig hat. So auch wir, und es war gleichzeitig ein guter Anlaß, gute Freunde wiederzusehen und gemeinsam durch die Gegend zu streifen. Das Ziel dieses Jahr war das 八ヶ岳 Yatsugatake-Massiv, das sich zwischen den Präfekturen Nagano und Yamanashi auf 30 km Länge hinzieht. Die Gipfel im Massiv sind bis zu 2’899 Meter groß.

Eigentlich ist Reisen in der Goldenen Woche ein Alptraum, denn alles ist hoffnungslos überfüllt. Erst recht, wenn man recht spontan entschieden hat und dadurch keine Fahrkarten reservieren konnte. Die Reise begann auch gleich gut am Herkunftsbahnhof beim Fahrkartenkauf. “Zwei Erwachsene, ein Schulkind, bis Kōfu bitte” sagte ich der Schalterdame, und die schaute mich gleich mitleidig an: “Oh je – es gab einen Personenschaden in Shinjuku, deswegen stehen alle Linien in die Richtung, und wir wissen nicht, wann es weitergeht. Wollen Sie trotzdem…?”. Personenschaden – das kann ein Selbstmörder sein oder einfach zu viel Gedränge auf dem Bahnsteig, und letzteres ist beim mit 1.4 Milliarden Passagieren pro Jahr weltweit meistfrequentierten Bahnhof Shinjuku kein Kunststück. Mit 30 Minuten Verspätung und viel Herumsteherei unterwegs ging es dann jedoch trotzdem los. Wir trafen uns mit unseren Freunden in Hachiōji (Westen Tokyos), um von dort in den ebenfalls aus Shinjuku kommenden und verspäteten Expresszug umzusteigen. Platzkarten hatten wir nicht, und die Waggons mit den nicht reservierbaren Plätzen waren proppevoll. Aber immerhin dauerte die Fahrt nur eine Stunde, und schon waren wir dort. In Kōfu ging es erstmal zum Hōtō-Essen – das sind sehr breite, dicke Nudeln in einer sehr gesunden Suppe, mit halben Kürbissen, Kartoffeln, Mohrrüben, Tarō-Kartoffeln, Bohnen und was-weiß-ich. Sehr angenehm, wenn man sehr breite, dicke Nudeln mag, und eine der Spezialitäten der Präfektur.

'Ist das Ihr Kind auf dem Trekker?' - 'Öhm, wie kommen Sie darauf!?'

‘Ist das Ihr Kind auf dem Trekker?’ – ‘Öhm, wie kommen Sie darauf!?’

Shōsenkyō oder nicht, lautete die Entscheidung danach. Oder: Mit Bus und Seilbahn fahren, oder mit dem Zug. Die lange Schlange an der Bushaltestelle versprach nichts Gutes, und so ging es mit dem Expresszug weiter bis nach 小淵沢 Kobuchisawa und von dort mit einer Ferkeltaxe bis zum Bahnhof 清里 Kiyosato, einem Ortsteil der Stadt Hokuto, und immerhin schon auf über 1’200 Meter Höhe gelegen. Ohne eigenes Gefährt kommt man von dort allerdings nicht weg, und so gingen wir zum nahegelegenen Park 萌え木の村 Moegi-no-mura (wörtlich: Wachsender-Baum-Dorf) – ein liebevoll angelegter Park, in dem man versucht, die Landwirtschaft mit dem quengelnden Nachwuchs oder andersrum vertraut zu machen. Der Eintritt ist frei, es gibt viel in der Gegend produziertes Essen und alles in allem ist die Idee nett und für Kinder durchaus schön. Seit 1971 gibt es die Anlage, und sie ist unter anderem einem amerikanischen Priester namens Paul Rusch zu verdanken, der von 1925 bis zu seinem Tod 1979 in Japan lebte (mehr dazu siehe hier).

Nach ausreichender Bespaßung ging es zurück zum Bahnhof, nur um festzustellen, dass der vor unserer Nase abfahrende Zug der letzte für die folgenden 1.5 Stunden sein sollte. Wir beschlossen ein frühes Abendessen und liefen zu einem uns empfohlenen Restaurants, das sich wohl auf Aufläufe spezialisiert. 17:15 waren wir dort, und laut Schild sollte 17:30 geöffnet werden. Wir warteten, und 10 Minuten später warteten mit uns schon um die 10 Leute hinter uns. Ein gutes Zeichen! Kurz vor 17:30 steckte eine Frau den Kopf raus und sagte “Bitte warten Sie noch ein bisschen!”. Es wurde 17:30. Dann 17:40. Unser Zug sollte 18:30 fahren, das wird knapp. Um 17:45 macht man auf. Wir sind die ersten, werden in die hinterste Ecke platziert, und dann nimmt man die Bestellungen auf. Von allen anderen Gästen zuerst. Wir machen uns um die Zeit Sorgen, und als die Bedienung endlich zu unserem Tisch kommt, fragen wir vorsichtshalber: “Unser Zug fährt 18:30. Schaffen wir das?” Die Antwort ist recht barsch: “Nein, das wird wohl nichts”. Also trollen wir uns hungrig. Entweder mag man in dem Restaurant keine Hektik, keine Ausländer, oder keine Kinder. Scheinbar war letzteres der Fall: Als wir das Restaurant verliessen, sahen wir einige kleine Aushänge: “Bitte im Restaurant keine Windeln wechseln”. “Bitte Kinder nicht frei herumlaufen lassen” und noch ein paar andere Verbotsschilder. Geschenkt.

In diesem Restaurant bleibt wohk die Küche kalt

In diesem Restaurant bleibt wohk die Küche kalt

Also fahren wir einen Bahnhof weiter, denn dort übernachten wir. Wir rufen die Pension an, denn das sollen wir so tun, damit man uns abholen kann. Wir haben nun aber noch nichts gegessen. Die Frau am Telefon sagt: “Sie können beim Onsen (Anmerkung: Heiße Quelle) etwas essen. In dem Fall kommen wir einfach zum Bahnhof, geben Ihnen die Freikarten für die heiße Quelle, und wenn Sie dort fertig sind, rufen Sie uns nochmal an, und wir holen sie von der heißen Quelle ab”. Das ist in der Tat sehr zuvorkommend. Gesagt, getan. Ein älterer Mann holt uns mit dem Auto ab, gibt uns die Freikarten, und chauffiert uns zum 200 Meter vom Bahnhof entfernten Onsen. Dort ist scheinbar Himmel und Hölle in Bewegung – das Onsen ist hoffnungslos überfüllt, aber da wir schon mal dort sind… In der angrenzenden Speisehalle essen wir noch ein paar Kleinigkeiten, während sich mein 2-jähriger dazu entscheidet, alle anderen Anwesenden im Saal, und das sind nicht wenige, durch seine Gesänge in einer auch den Eltern völlig unbekannten Sprache, sein Gerenne und sonstiges Rowdytum zu unterhalten. Ich hätte ja gern behauptet, ich kenne das grölende Kind nicht, aber die Herkunft lässt sich schwer verleugnen, zumal ich der einzige Ausländer bin.

Gegen 9 Uhr spuckt uns das Riesen-Onsen aus in die Dunkelheit. Der Pensionsmensch hatte uns zuvor erklärt, dass es nur 200 Meter bis zur Pension seien, wir ihn aber trotzdem anrufen sollen, da es wegen der Dunkelheit schwer zu finden sei. Wir versuchen kurz unser Glück allein, aber es ist in der Tat dunkel wie im Bären*****, also rufen wir ihn an. Er fährt los – mehrere hundert Meter bis zu einer Brücke, dann links, rechts, links, hinein in den Wald und immer einen Waldweg entlang. Als der endete, fährt er einen noch schmaleren Weg entlang. Das waren die längsten 200 Meter, die ich je gesehen habe. Wir hätten es bis heute nicht gefunden. Das Zimmer ist nett eingerichtet. Eine Pension wohlgemerkt, also europäischer Stil, mit echten Betten. Und was passiert also, wenn man zwei an Futon gewöhnte Kids auf Betten losläßt? Heissa! Es dauert eine Stunde, bis sie sich endgültig beruhigen und schlafen legen. Der alte Mann, wohl der Herbergsbesitzer, meinte vorher zu mir: “Wenn Sie rauchen wollen oder ein Bier trinken wollen, kommen Sie einfach ins Wohnzimmer!”. Gesagt, getan, als alles schlief. Das Wohnzimmer sieht aus wie ein Museum. Der Pensionsbesitzer und seine agile Frau sitzen mit zwei Stammgästen (wie ich später erfahre) am Tisch und schauen fern, während sie abwechselnd einen ordentlich großen Labrador kraulen. Wie eine Familie sitzen sie da, und verwickeln mich sofort in ein Gespräch. Das angenehme ist, dass die Leute nicht aufdringlich sind und mich als Ausländer behandeln, sondern “ganz normal” mit mir reden. Das ist relativ selten in Japan und sehr angenehm. Man ist wirklich “at home”, und der alte Mann nötigt mich noch zu Kartoffelchips (nicht willkommen) und einer Dose Japans besten Bieres (sehr willkommen) auf. Wer also mal zufällig in der Gegend weilt und nicht unbedingt auf Tatami und Futons aus ist – das Casa de Poco in Kai-Ōizumi (甲斐大泉駅) ist als Bed & Breakfast eine durchaus empfehlenswerte Option. Eine Nacht inklusive Frühstück kostet 6’000 Yen und ein großes Onsen und der Bahnhof sind in Laufweite. Einziger Nachteil: Man kann dort nicht zu Abend essen, und allzu viele Möglichkeiten dazu gibt es nicht in der Nähe.

Japans höchstgelegener Bahnhof: Nobeyama

Japans höchstgelegener Bahnhof: Nobeyama

Am nächsten Tag ging es nach einem mehr oder weniger englischen Frühstück los zu einem Spaziergang in der Gegend. Da der Ort so hoch liegt, beginnt hier der Frühling erst einen Monat später als in Tokyo. Sprich, alles was Blüten hat blühte. Mit schneebedeckten Bergen im Hintergrund und rundherum. Nur der Fuji-san liess sich nicht blicken, denn dafür war es schon zu diesig. Der zweithöchste Berg Japans, der fast 3’200 Meter hohe Kita-dake, war jedoch schön zu sehen, und so auch ein großer Teil der anderen Gipfel der japanischen Südalpen. Wir fuhren mit der kleinen 小海線 Koumi-Linie zwei Stationen weiter bis zum Bahnhof 野辺山 Nobeyama – der liegt bereits in der Präfektur Nagano und ist mit 1’345 Meter Höhe (Schweizer werden darüber lächeln) der höchstgelegene Bahnhof Japans. Wie schön. Nach dem nördlichsten Bahnhof Japans (in Wakkanai) und dem Bahnhof mit dem längsten Namen (Chōjagahamashiosaihamanasukōenmae) ist nun also auch das abgehakt. Leider gibt es jedoch im Ort selbst nicht viel zu sehen. Es gibt eine Panoramaplattform in einem kleinen Park mit Blick auf das Yatsugatake-Massiv, doch der Ausblick wird wunderbar von schwer ignorierbaren Stromleitungen und einer Schnellstraße gestört. Nun müssen wir also zwei Stunden Zeit bis zum nächsten Zug totschlagen, aber das geht letztendlich ganz schnell: Wir suchen ein Restaurant, laufen dorthin, bestellen… und warten ewig auf das Essen. Man hat scheinbar alle Zeit der Welt, aber das ist mir schon seit langem aufgefallen: Der Zeitdruck und die Geschwindigkeit in japanischen Städten ist eine Sache – das Leben auf dem Land eine andere. Dort braucht man für alles etwas länger, und man merkt schnell, wie sehr man sich doch an das Leben in einer Großstadt gewöhnt hat: Kommt das Essen erst 10 Minuten oder später, wird man nervös. Aber das Warten sollte sich lohnen: Ich vergriff mich an ein Gericht namens 石焼薫タンラーメン – Ramen (Nudelsuppe) mit geräucherter Rinderzunge im Steintopf, und es war mal etwas Neues und sehr empfehlenswert.

Passabel: Geräucherte-Rinderzunge-Ramen

Passabel: Geräucherte-Rinderzunge-Ramen

Weiter ging es danach mit der gleichen Bahnlinie Richtung Norden, anderthalb Stunden lang quer durch … Landschaft, bis nach 佐久平 Saku-Daira – von dort kann man mit dem Shinkansen weiterfahren. Das taten wir auch, und die Kinder waren natürlich begeistert. Bis zum Einsteigen, denn natürlich war der Shinkansen hoffnungslos überfüllt, so dass wir die 75 Minuten bis Tokyo stehend verbrachten. Aber wer sich darauf einläßt, in der Goldenen Woche zu verreisen, muss immer damit rechnen. Es hat sich trotzdem gelohnt, und diese (oder eine ähnliche Tour) kann ich nur empfehlen. Das ganze ist auch als Tagesausflug von Tokyo machbar (und Railpass-Benutzer haben es gut, denn alle Bahnlinien sind JR und damit nutzbar), aber ein oder zwei Übernachtungen sind mehr als gerechtfertigt. Ich werde irgendwann wiederkommen, wenn es etwas wärmer ist: Die Berge im Yatsugatake-Massiv reizen mich.

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Kostet der Fuji-san bald Eintritt?

Mai 2nd, 2013 | Tagged | 2 Kommentare | 523 mal gelesen

Just hat das ICOMOS (International Council on Monuments and Sites) beschlossen, das der Fuji-san würdig ist, zum Weltkulturerbe erklärt zu werden¹. Als Begründung diente unter anderem die Symbolwirkung für Japan, die Natur und der Einfluss des Berges auf die japanische Kunst. Die gesamte Fläche ist 70’000 Hektar groß und beinhaltet somit den Berg selbst sowie die nähere Umgebung inklusive der 5 Seen im Norden. Ausgeschlossen wurde 三保松原 – Miho-no-Matsubara am Meer, da diese Region doch zu stark vom Menschen “verschandelt” wurde.

Aus dem Archiv hervorgekramt: Fuji-san, von Yamanashi aus gesehen

Aus dem Archiv hervorgekramt: Fuji-san, von Yamanashi aus gesehen

Offiziell aufgenommen wird der Fuji-san bei der diesjährigen Sitzung des World Heritage Committee vom 17.-27. Juni in Phnom Penh (Kambodscha). Es läßt sich erahnen, was dann passieren wird: Die Zahl der Fuji-Bezwinger wird noch weiter ansteigen. Zur Zeit darf der Gipfel von Laien aufgrund der Witterungsbedingungen nur vom 1. Juli bis zum 26. August bestiegen werden, und dies tun pro Jahr über 320’000 Menschen. Vier offizielle Routen stehen zur Auswahl, wobei rund 60% der Leute die Yoshida-Route wählen. Somit sind pro Tag (beziehungsweise eher in der Nacht, da die meisten den Berg nachts besteigen) bis zu 7’000 Menschen auf der gleichen Route unterwegs². Das bringt zahlreiche Probleme mit sich, denn 7’000 Menschen hinterlassen nun mal ihre Spuren, und das nicht selten in Form von Müll. Diese Zahl wird mit der Aufnahme in die Weltkulturerbeliste sicherlich ansteigen.

Aus diesem Grund werden erste Stimmen laut, den Zugang zum Gipfel zu regulieren. Dies könnte man zum Beispiel durch die Einführung einer Bergsteigegebühr (入山料 – Nyūzanryō) durchsetzen. Yahoo! Japan hat diesbezüglich eine Leserumfrage gestartet³, und das Ergebnis ist eindeutig: Von knapp 64’000 Lesern stimmten 87,3% für eine solche Gebühr.

Nun bin ich persönlich kein großer Fan solcher Gebühren, denn der Fuji-san ist Natur, und Natur sollte frei betretbar sein. Andererseits braucht der Fuji-san bei solchen Menschenmassen auch viel “Pflege”, um das Müllproblem und die Wegesicherung in den Griff zu bekommen. In diesem Sinne würde die Gebühr tatsächlich sinnvoll sein – so das Geld für die richtigen Zwecke eingesetzt wird. Und so würde ich wahrscheinlich auch eher dafür stimmen. Erst recht, da ich ja bereits das Vergnügen hatte, den Berg zu besteigen.

Ich wage zu beweifeln, dass die Gebühr noch dieses Jahr umgesetzt wird. Aber sie wird mit hoher Wahrscheinlichkeit kommen.

¹Siehe unter anderem Nikkei Shinbun
²Siehe Fuji-Aufstieg (Wikipedia)
³Siehe Fuji-san-Umfrage auf Yahoo! Japan

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Dramatisch: Letzter Häagen-Dazs-Laden verschwindet aus Japan

April 26th, 2013 | Tagged | 9 Kommentare | 702 mal gelesen

Lange Schlangen vor Häagen-Dasz in Urayasu

Lange Schlangen vor Häagen-Dasz in Urayasu

Ist es ein Menetekel? Verlassen die Ratten das sinkende Schiff? Man weiß es nicht. Da bin ich also fast jedes Wochenende an der Eiscremebude von Häagen-Dazs bei uns im örtlichen Einkaufszentrum vorbeigelaufen – ohne zu wissen, dass dies die einzige Niederlassung in ganz Japan ist! Wie konnte ich das nur verschlafen. Und diese Niederlassung hat heute dicht gemacht, was seit Bekanntgabe vor einigen Tagen zu langen Schlangen vor dem Laden führte.

Wer es nicht kennt: Häagen-Dazs ist ein amerikanischer Eisproduzent. Und der alberne Umlaut im seltsamen Namen hat rein gar nichts zu bedeuten. Der ist nur da drin, weil man in den USA so sehr auf diakritische Zeichen steht, da man sie ja selbst im Alphabet vermisst. Soll man der Wikipedia glauben schenken, stammt “Häagen” von “Kopenhagen” ab und “Dazs” wurde nur angeheftet, damit es besser klingt. Fertig ist die Marketingmasche.

Die Masche scheint zu ziehen, denn die Marke gibt es (fast) weltweit, und sie fehlt in keinem japanischen Supermarkt. Das Eis zeichnet sich durch zwei Sachen aus: Es ist schweinesüß und sauteuer. Ein Minibecher kostet um die 200 Yen – und das ist ordentlich, denn es gibt auch zahlreiche Eissorten für 80 Yen und weniger. Aber das ist natürlich das Kalkül der Marke, und es geht gut auf: In Japan mag man es gern etwas luxuriöser, und Luxus muss natürlich seinen Preis haben.

Der 4-Euro-Becher. Quelle: Herstellerseite

Der 4-Euro-Becher. Quelle: Herstellerseite

Dazu zählen geschickte Aktionen wie ein Tie-up mit 7-Eleven, der großen Convenience-Store-Kette: Ein Eisbecher, der nur in den Filialen von 7-Eleven verkauft wird, und nirgendwo anders. Stolzer Preis der Sorten “Opera” und “Chocolat Rouge”: 420 Yen, also rund 4 Euro. Inklusive Goldstaub obendrauf. Wie’s schmeckt? Opera schmeckt nicht. Chocolat Rouge ist in Ordnung…

Aber es verschwindet ja auch nur die letzte Filiale. Natürlich bleibt das Eis erhalten, und ich bin mir ziemlich sicher, dass Japan einer der wichtigsten Märkte der Inhaber General Mills und Nestlé ist. Mich dünkt, am Bahnhof Zoo in Berlin auch mal eine Niederlassung gesehen zu haben… aber im Supermarkt hatte ich sie früher zumindest nie bemerkt. Dazu sollte ich vielleicht auch erwähnen, dass ich Deutschland in Sachen Eis vermisse. Von Matcha-Eis (Grüner Tee) einmal abgesehen halte ich Japan eiscremetechnisch für ein Entwicklungsland.

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Buhmann Japan?

April 22nd, 2013 | Tagged | 3 Kommentare | 530 mal gelesen

Laut Bericht der Tagesschau war auf der diesjährigen Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds ein neuer Buhmann gefunden worden: Japan. Japan löst damit das vor sich hin schwächelnde Europa ab, das so lange in der Kritik stand wegen seiner, sagen wir mal, interessanten Krisenpolitik in puncto Euro.
Warum nun also Japan? Der Artikel sagt dazu kurz und bündig:

Die Rolle des Buhmanns hat jetzt Japan übernommen. Um die schwächelnde Wirtschaft in Schwung zu bringen, setzt die japanische Regierung auf die Abwertung des Yen. Das macht japanische Produkte billiger, ist aber keine Lösung der grundsätzlichen Probleme des Landes, findet der Internationale Währungsfonds.

Langfristige Preisentwicklung

Langfristige Preisentwicklung in Japan – Quelle: Global-Rates.com

In Sachen Wirtschaftspolitik bin ich absoluter Laie, aber man muss kein Spezialist sein, um zu erkennen, das Japan damit nicht die Lösung grundsätzlicher Probleme wie zum Beispiel die enorme Staatsverschuldung oder die demographische Entwicklung gefunden hat. Allerdings ist die Kritik an der jetzigen Wirtschaftspolitik durchaus interessant. Schon seit Mitte der 80er Jahre, also bereits 30 Jahre lang, kämpft Japan weniger mit der Inflation als mit der Deflation, und die, so scheinen sich die Wirtschaftswissenschaftler einig zu sein, bekommt der Wirtschaft auf Dauer nicht. In den 90er Jahren begann die Wirtschaft zu stagnieren, und im nächsten Jahrzehnt wurde es nicht besser. Hinzu kamen nun zu allem Überfluß auch noch weltwirtschaftlich relevante Ereignisse wie der Lehman-Shock, die Euro-Krise, das schwere Erdbeben im Nordosten und sich in jüngster Zeit rapide verschlechternde Beziehungen zu China.

Wechselkurs Dollar-Yen – Quelle: Finanzen100

Die Deflation und die weltwirtschaftliche Lage führte dabei in den letzten Jahren zu Kursentwicklungen, die dem Land nur noch mehr schadeten. Der Dollar war rund um das Jahr 2000 zum Beispiel um die 130 Yen wert – 2012 hingegen weniger als 80 Yen. Bekam man für einen Euro vor dem Lehman-Schock 2008 noch 160 Yen, waren es 2012 teilweise unter 100 Yen. Will heissen, der Yen wurde um mehr als 50% teurer. Natürlich werden damit auch japanische Produkte teurer. Die Produktion wurde in Japan damit immer weniger lukrativ da zu kostspielig, so dass mehr und mehr Firmen ihre Produktionsstätten (und mittlerweile sogar ihre Administration) ins Ausland verlegen. Es gab halbherzige Versuche der japanischen Regierung, den hohen Yen etwas zu zügeln, und es gab Hilferufe an andere Wirtschaftsmächte, dabei zu helfen, die Währung zu zügeln. Ohne Erfolg.

Die jetzige Regierung unter Abe setzte nun also die Brechstange an: Man will auf Teufel komm raus aus der Deflation und entsprechend den Yen abwerten. Diese Politik wird seid Anfang an Abenomics genannt (im Tagesschau-Artikel wird dies fälschlicherweise mit

Die Wirtschaftspolitik von Premier Abe hat schon einen eigenen Namen.

beschrieben – denn dieser Name ist nicht neu, und die Idee schon gar nicht, denn dieses Wortspiel leitet sich von der ähnlichen Reaganomics ab).

Nachdem also begonnen wurde, die Notenpresse anzuwerfen, steht der Yen bei 120:1 zum Euro und 100:1 zum Dollar. Vor 5 Jahren hätte man das noch als 円高 endaka – “hoher Yen” bezeichnet, doch nun schreit man bei der IWF-Tagung Zeter und Mordio. Etwas verfrüht, wie ich finde. Sicher, die Notenbankpressen anzuwerfen kann nicht die Lösung der Probleme sein. Die Frage ist nur – hat Japan noch eine andere Wahl? Noch sind die Effekte positiv: An der Börse herrscht seit dem – wohlgemerkt kontrollierten – Falls des Yens eine Hausse, wie man sie schon lange nicht mehr gesehen hat, und es herrscht sogar so etwas wie Aufbruchsstimmung. Das merkt man am Geschäftsklima – und an den Kaufhäusern, die plötzlich wieder voll sind. Viele hatten schon ihre Aktien abgeschrieben.
Wie lange die Party andauert, wird wohl keiner genau vorhersagen können. Für ein Japan bashing ist es jedoch, meiner Laienmeinung nach, etwas zu früh. Und von der EU und den USA muss Japan wirtschaftspolitisch momentan eher nicht jede Kritik für bare Münze nehmen.

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Deutsche Steuern im Ausland zahlen?

April 17th, 2013 | Tagged | 16 Kommentare | 676 mal gelesen

Der Gedanke ging mir schon mehrmals durch den Kopf: Was, wenn die Politiker in Deutschland plötzlich auf die Idee kommen¹, es den USA gleichzutun und eine Art Citizenship-Based Taxation (CBT) einzuführen – also eine Besteuerung von Einkommen basierend auf Staatsbürgerschaft, nicht Wohnort. Will heißen, Deutsche, die im Ausland wohnen, müssen, so sie den deutschen Pass besitzen, alljährlich Steuererklärungen einreichen und je nach Fall nachzahlen. Es gibt bisher nur zwei Staaten auf der Erde, die so etwas von ihren Bürgern verlangen – die USA und… wir haben es gewiss erahnt, Eritrea².

Bei dem Gedanken kräuselten sich mir umgehend die Nackenhaare: Lebenshaltungskosten in Japan, gepaart mit deutschen Steuersätzen? Na dann, gute Nacht! Und googelt man so ein bisschen vor sich hin, stößt man zum Beispiel auf den – zugegebenermaßen plumpen Versuch einer Petition PRO Besteuerung aller Auslandsdeutschen. Die Begründung ist so oberflächlich und obstrus geschrieben, dass man gar nicht weiterlesen möchte. Aber es wird immer Leute geben, deren Vorstellungskraft nicht sehr weit reicht.

Verständlich ist die momentane Aufruhr bezüglich Steuersünder natürlich. Sein Vermögen außerhalb des Landes zu parken und mit allerlei Tricks und Finten versuchen, bloß keine oder möglichst wenige Steuern an sein eigenes Land zu bezahlen ist schlichtweg unmoralisch. Es ist eine – milde – Form des Verrats, begünstigt durch die allzu menschliche Gier nach Geld. Und immerhin lebt eine ganze Heerschar von Bankern und Anwälten von diesem System. Wo sollen die alle hin, wenn die Steueroasen austrocknen? Wovon sollen die Britischen Jungferninseln leben, wenn das alles nicht mehr geht? Von ihren paar Jungfern ganz bestimmt nicht!

Schaut man sich CBT-Regeln an, scheint jedoch alles nicht so heiß gegessen zu werden wie es gekocht wird: Der Freibetrag ist mit 95’000 USD pro Jahr relativ groß, und Steuern sowie zu einem gewissen Anteil auch Miete usw., die man im Gastland bezahlt, werden in die Berechnung einbezogen.

Sollte Deutschland diese Regel auch einführen, wüßte ich nicht, wovor es mich eher gruseln würde: Den Kosten? Den Papierkram, den man alljährlich zusätzlich durchgehen müsste. Eventuell noch mit Übersetzungen der Einkommensbescheide inklusive Apostille? Oder vor dem Wissen, dass ich in Japan arbeite und in Deutschland Steuern zahle, im Gegenzug aber rein gar nichts von meiner Auslandsvertretung erwarten kann, da diese im Krisenfall ihre Bürger schlichtweg im Stich läßt und sich einfach verkrümelt? Ich weiß es nicht.

Natürlich kann man Auslandsdeutschen vorhalten, dass sie ihrer Heimat etwas schulden – womöglich dadurch, dass sie zum Beispiel für lau zur Universität gingen. Das Argument hat etwas wahres, aber wenn man sich den Brain-Drain ansieht, der momentan von Südeuropa Richtung Deutschland (unter anderem) vonstatten geht, wäre diese Argumentation etwas fadenscheinig.

Ach ja: Entgegen anderslautender Gerüchte können Amerikaner ihre Staatsbürgerschaft “abgeben” und sich somit der CBT entziehen. Interessanterweise werden diese Personen einmal im Quartal im Federal Register quasi an den Pranger gestellt – siehe hier: Quarterly Publication of Individuals, Who Have Chosen To Expatriate. Eine gelinde gesagt interessante Praxis.

¹ Siehe unter anderem hier: Steuerpflicht für alle! (Zeit Online)
² Siehe International Taxation by Citizenship (Wikipedia)

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Einschulung

April 12th, 2013 | Tagged , | 27 Kommentare | 889 mal gelesen

Am Dienstag war es soweit. 6 Jahre Zuckerschlecken sind nun vorbei – was folgt, sind 12 Jahre Schule. Naja, theoretisch 9 Jahre, denn die letzten drei Jahre sind nicht Pflicht, aber in Japan absolvieren rund 97%¹ aller Jugendlichen auch die Oberstufe, die damit also nicht als Vorbereitung zum Unibesuch, sondern wirklich als quasi-sozialer Zwang fungiert. Ob die Schüler dann an der Oberstufe auch was lernen, steht auf einem anderen Blatt, aber ich schweife ab.

Meine Tochter wurde am 1. Januar 6 Jahre alt, und alle Kinder, die zwischen dem 1. April des vorangegenen Jahres und dem 31. März dieses Jahres 6 Jahre alt wurden, sind am 8. oder 9. April “einberufen” worden. Ja, die Schule startet in Japan Anfang April – und so auch die Universität und so auch die Arbeit in den Firmen. Gegen 9 Uhr machten wir uns auf den Weg zur Schule. 20 Minuten Fußmarsch, und dann waren wir dort. Der Weg ist vertraut – der Kindergarten liegt direkt daneben. Nur, dass man Kindergartenkinder zum Kindergarten begleiten muss, Schulkinder hingegen nicht zur Schule begleiten darf. Ausser bei der Einschulung, versteht sich.

Klassenzimmer in der Grundschule

Klassenzimmer in der Grundschule

Die Schule ist mittelgross. 6 Jahrgänge werden dort unterrichtet, unterteilt in 5 Klassen pro Jahrgang, und im Durchschnitt 30 Schüler pro Klasse. Das geht sogar noch – Klassen können in Japan bis zu 40 Schüler haben. Die Schulhöfe sind im unter chronischen Platzmangel leidenden Japan übrigens großzügig angelegt. Das hat durchaus seine Gründe – Schulhöfe dienen oft auch als Evakuierungsplätze im Katastrophenfall. Am Eingang stehen 5 große Schilder, eins pro Klasse (組 – Kumi), darauf die Namen aller Schüler. Und zwar in Hiragana geschrieben, denn die Kinder können ja noch keine Schriftzeichen lesen (dafür aber meistens schon zwei, manchmal sogar drei Alphabete). Dieser Moment ist spannend, da fast alle Kinder des benachbarten Kindergartens auf diese Schule wechseln. Etliche Kinder kennen sich entsprechend, und erst jetzt erfahren die Kinder (und Eltern), mit wem die Kinder in eine Klasse kommen. Meine Tochter hat Glück: 2 ihrer 3 besten Freundinnen sind in der gleichen Klasse. Der Lehrer tut mir jetzt schon leid.

Es gibt eine kurze Registrierung, und schon wird unsere Tochter freudestrahlend von zwei 5-Klässlerinnen in Empfang genommen. Die beiden wohnen bei uns im Haus. Neben mir steht ein 11 oder 12-jähriger Junge – ein ハーフ – wörtlich Halber, also ein Kind zwischen einem Japaner und einem Ausländer. In seinem Fall ganz offensichtlich ein afrikanischer oder afro-amerikanischer Ausländer. Er sieht fröhlich aus, das beruhigt micht. Zusammen mit den anderen Eltern werden wir vom Frischfleisch getrennt und laufen in die Turnhalle. Dort soll die Einschulungszeremonie stattfinden. Und die geht recht flott voran, zumindest anfangs. Begrüßung. Alle aufstehen. Man brüllt 礼! (rei!) (in etwa: Gruß), und alle verbeugen sich. Kurze Reden, Aufstehen, Rei! Hinsetzen. Aufstehen. Rei! Fast wie ein Fahnenappell im Altersheim. Die Kinder marschieren in die Halle, in Klassen unterteilt und sichtlich verschüchtert. Selbst meine Tochter, kein großer Freund der Stille, kneift die Lippen zusammen. Ob sie was ahnt? Andere Schüler begrüßen die Neuankömmlinge mit einem einstudierten, unterhaltsamen Programm. Diverse Vertreter unterschiedlicher Organisationen begrüßen die Kleinen. Auch der Direktor hält eine Rede, und gar nicht mal schlecht, denn er redet die an, die am betroffensten sind: Die Kinder. Nicht die Eltern. Das ist mir sympathisch, denn viele andere Reden sind offensichtlich weniger an die Kinder gerichtet.
Nach 45 Minuten ist die Zeremonie auch schon wieder vorbei. Die Kinder verlassen die Halle. Was folgt, ist Elternaufklärung: Es möchten doch ja alle das Schulessen (knappe 40 Euro pro Monat) bezahlen. Die PTA rekrutiert neue Mitglieder. Und so weiter. Darauf folgen die offiziellen Klassenphotos.

Nach dem Phototermin gehen die Kleinen, noch immer etwas gedrückt, in ihre Klassenzimmer, Der Lehrer erklärt dies und das, die Eltern stehen im Raum oder drumherum. Nach rund 2 Stunden ist die Einschulung vorbei und alle dürfen gehen. Ab morgen ist Alltag. Schule von 8:00 bis 14:00 Uhr. Die ersten Schulbücher sind auch schon da, und sie sind voller Pokémon und Doraemon und wie sie alle heißen. Willkommen in Japan. Willkommen in der Schule, Tochterherz! Tapfer bleiben!

Schule ist schön! Erst recht, wenn sie vorbei ist... oder!?

Schule ist schön! Erst recht, wenn sie vorbei ist… oder!?

¹ Siehe offizielle Statistik des MEXT (Bildungsministerum)

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