“Spice” oder “Wie schnell reagiert die Legislative?”

Juli 23rd, 2014 | Tagged | 4 Kommentare | 922 mal gelesen

Warnung: 'Lass Dich vom Begriff Legal nicht täuschen!'.

Warnung: ‘Lass Dich vom Begriff Legal nicht täuschen!’. Quelle: yusa007.exblog.jp/22901858/goho

Seit etlichen Wochen schiesst sich die japanische Presse auf eine angeblich biologische, aber Untersuchungen zufolge wohl doch eher synthetische Droge namens Spice ein. Die ist in Japan seit ein paar wenigen Jahren zunehmend populär, wobei jedoch zunehmend populär nicht bedeutet, dass Millionen Menschen darauf “fliegen”. Spice ist hierzulande übrigens unter dem holprigen Namen 脱法ハーブ dappō haabu bekannt – wörtlich “Gesetz – fliehen – Kräuter”, bzw. Gras, dass das Gesetz umgeht. Den Spicehändlern ist der Name natürlich unangenehm – man bevorzugt die Bezeichnung 合法ハーブ – gōhō haabu, wörtlich “legales Gras”.

Entwicklungen dieser Art sind vor allem in Japan interessant zu beobachten. Schliesslich stellen Gesetz und öffentliche Meinung hier bereits Marihuana auf eine Stufe mit Heroin, Kokain und Co. Drogen sind in Japan Drogen und als solche allesamt absolut abzulehnen (ungeheure Mengen von Alkohol und Nikotin sind hingegen völlig in Ordnung – man muss natürlich Prioritäten setzen und klare Grenzen ziehen). Doch die Legislative in Japan ist, gelinde gesagt, relativ träge, und so dauert es jeweils eine ganze Weile, bis der Gesetzgeber der Stimme des Volkes (besser, der Stimme der Presse) folgt und handelt. Das war dereinst schon mit den magic mushrooms so – die wurden bereits 1993 in Deutschland verboten; waren aber in Japan erstaunlicherweise bis 2002 völlig legal. In Deutschland wurde der Handel mit Spice 2009 verboten – in Japan wird es bis zum Verbot wohl noch ein bisschen dauern. Sollten sich jedoch Unfälle wie der in der vergangenen Woche mehren, bei dem ein unter Spice stehender Autofahrer auf einer belebten Strasse die Kontrolle über sein Auto verlor, einen Passanten tötete und 6 zum Teil schwer verletzte, wird die Politik schneller als üblich reagieren müssen. Bis dahin werden diverse Spice-Automatenaufsteller oder Online-Versandhändler wie dieser hier noch versuchen, Kasse zu machen.

Da Spice aber bereits mit dem Namen “脱法” – dem Gesetz entrinnen – einen nach Illegalität riechenden Namen verpasst bekommen hat, wird die Droge (oder Nichtdroge, wie man es eben betrachtet) sowieso nicht weit kommen in Japan. Da bleibt man dann doch eher beim Alkohol.

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Buchrezension: “Der lange Atem” von Nina Jäckle

Juli 17th, 2014 | Tagged , , | Kein Kommentar bisher | 264 mal gelesen

"Der lange Atem" von Nina Jäckle. ISBN: 9783863510770

“Der lange Atem” von Nina Jäckle. ISBN: 9783863510770

Eigentlich habe ich mich innerlich dagegen gesträubt, dieses Buch zu lesen. Eine deutsche Autorin beschäftigt sich da aus der Ferne mit der nur gut drei Jahre zurückliegenden und damit noch recht jungen Dreifachkatastrophe im Nordosten Japans. Was soll das werden? Eine Anreihung von Vermutungen? Phantasievoll ausgeschmückte Berichte vom Leben nach dem Tsunami? Moralinsaure Abhandlungen über Fukushima? Wer lange in Japan lebt, die Sprache spricht und die Kultur kennt, und zudem auch noch die Katastrophengebiete – vor und nach der Katastrophe – gut kennt, dürfte ähnlich empfinden.

Das Buch erzählt über das Leben nach der Katastrophe aus der Sicht eines Phantombildzeichners, der anhand von Photos unidentifizierter, oder um genauer zu sein, unidentifizierbarer Opfer Gesichter rekonstruiert, um den namenlosen Toten ihren Namen zurückzugeben. Der Hintergrund ist real – noch heute versucht die japanische Polizei, unter anderem hier, auf diese Art Opfer zu identifizieren. Sicher, Phantombildzeichner sind einiges gewohnt, aber die schiere Menge der Opfer dürfte auch die abgebrühtesten ihrer Art auf eine Belastungsprobe gestellt haben.

Aber zurück zum Buch. Gottseidank hält sich die Autorin mit dem Versuch, die japanische Kultur und Denkweise zu ergründen, zurück. Stellenweise tauchen Besonderheiten auf, an denen man ablesen kann, was genau recherchiert wurde oder auf welche Nachrichten zu jener Zeit die Autorin zurückgegriffen hat. Aber im wesentlichen lässt sie die Nationalität und Kultur aussen vor und beschreibt das allzu Menschliche: Der Schock über das plötzlich Verlorene. Die Ohnmacht, die Menschen befällt, wenn auf einen Schlag nichts so ist, wie es einmal war. Und das beginnt in dem Roman so:

Es war der elfte März, und das Meer atmete aus, ins Land hinein atmete es aus und dann atmete es tief wieder ein.

Diese einerseits recht allgemein gehaltene, und trotzdem sehr ausdrucksstarke Sprache war für mich das besondere an diesem Buch. An die Ich-Erzählweise hat man sich schnell gewöhnt, und auch daran, dass viele Sätze mit “Meine Frau” beginnen, was – da bin ich dann plötzlich konservativ, wenn ich das aus der Feder einer Autorin lese – mich anfangs irritierte. Doch die Art und Weise, wie sich Konflikte in dem Buch aufbauen, ist sehr gelungen beschrieben und treibt an zum Weiterlesen.

Was mich vor dem Lesen am meisten interessierte, war die Bedeutung, die Fukushima zugemessen werden sollte. Wir erinnern uns: Während in Japan fast 20,000 Menschen hauptsächlich durch den Tsunami ums Leben kamen, hallte nur der Name Fukushima durch die deutsche Presse und liess alles andere beinahe vergessen. Und siehe da, gleich zweimal ist da die Rede von mutierten Schmetterlingen oder Sätzen wie:

Aus den Wörtern Jod, Cäsium und Plutonium werden bald die Abzählreime sein, die Kinder lernen schnell.

Das klingt zwar sehr poetisch, aber genau das ist eben alles andere als Japanisch. Genau dies oder ähnliches wird nicht passieren, und die mutierten Schmetterlinge tauchten auch nur ein einziges Mal in den Nachrichten auf – mit genügend skeptischen Stimmen darüber. Den folgenden Satz mit Hinblick auf den nuklearen Teil der Katastrophe könnte man hingegen passender nicht schreiben:

Es sind noch lange nicht alle Verletzten geboren worden, heißt es.

Überhaupt – beim Lesen traf ich gelegentlich auf unübliche, nachdenklich stimmende Sätze, die mir in ihrer Art gefielen – darunter zum Beispiel diesen hier:

… und wer setzt sich hinter dich, rufen draußen die Kinder. Es ist das Meer, rufen die Kinder nicht.

Fazit: Dieser lediglich 170 Seiten lange Roman aus dem Verlag Klöpfer & Meyer ist eine nachdenlich stimmende und gut recherchierte Lektüre zum Thema 11. März 2011 – ob man nun viel mit Japan zu tun hat oder nicht.

Mehr über die Autorin Nina Jäckle erfährt man hier. Und das Buch gibt es natürlich beim gut sortierten Buchhandel oder bei Amazon.

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Benesseleaks | WM | Taifun “Neoguri”

Juli 11th, 2014 | Tagged , , | 4 Kommentare | 2700 mal gelesen

Zum Fortlaufen; Datenschutz bei Benesse

Zum Fortlaufen; Datenschutz bei Benesse

In dieser Woche ist mal wieder einiges los. Da wäre der Datenskandal um den Giganten unter den Bildungsanbietern – bekannt unter dem Namen Benesse – der scheinbar nur durch Zufall aufgedeckt wurde. Demzufolge wurden die Daten von mindestens 7.6 Millionen, maximal sogar bis 20.7 Millionen Kunden unrechtmässig an einen anderen Bildungsanbieter namens Justsystems weitergegeben¹. Skandale dieser Art sind eigentlich nichts Neues, aber die Dimensionen sind schon enorm: Bis zu 20.7 Millionen Kunden. Das ist also jeder sechste Japaner. Man vermutet, dass ein Insider die Daten kopiert und an einen Datenhändler verkauft hat. Jener hat diese dann an Justsystems verkauft, wobei Justsystems darauf besteht, von all dem nichts gewusst zu haben. Aber sicher doch! Da kauft man Millionen von Datensätzen von bekanntermassen bildungshungrigen Japanern, und fragt nicht, woher die Daten kommen bzw. – und das ist der Punkt, wo es strafbar wird – nicht nachfragt, ob denn die Kunden hinter den Daten wirklich der Datenweitergabe zugestimmt hätten. Haben wir zumindest nicht – ich kenne Benesse und deren aggressives Marketing aus meinem Beruf und hätte niemals meine Daten bei denen eingegeben, aber leider hatte ich das nicht meiner Frau mitgeteilt, und so werden wir womöglich auch bald Post von Justsystems bekommen.

Public Viewing in Roppongi am 5. Juli

Public Viewing in Roppongi am 5. Juli

Jaja, die WM. In der vergangenen Woche hatte ich mich dazu durchgerungen, nach einem 14-stündigen Meeting- und Programmiermarathon in die letzte Bahn nach Roppongi zu setzen (eine Station vom Büro entfernt), um dort einer von Doitsunet organisierten Public Viewing-Party beizuwohnen. Deutschland gegen Frankreich. Ich habe keine Ahnung, wie viele Menschen dort waren, aber es waren schätzungsweise weit über 100 – ungefähr die Hälfte davon Landsleute. So viele Deutsche hatte ich seit rund einem Jahr nicht mehr auf einem Haufen gesehen. Die Stimmung war dem Ergebnis entsprechend gut, auch wenn die Wirte das auszunutzen wussten: Fassbier und Flaschenbier für 500 Yen (knapp 4 Euro) war a) nur nach grossen Gedränge und b) nur für begrenzte Zeit erhältlich – danach gab es nur noch Flaschenbier für den doppelten Preis. Aber egal: Die Stimmung war gut. Das nächste Spiel gegen Brasilien habe ich mir dann dummerweise aufgrund eines anstrengenden, folgenden Tages erspart – schliesslich begann das Spiel ja erst um 4 Uhr morgens in Japan. Tja, Pech gehabt: Hätte ich mal die richtigen Prioritäten gesetzt…

Wer in Tokyo weilt und das Finale am Montag morgen nicht allein sehen möchte, dem sei das Public Viewing in Shibuya anempfohlen – Anmeldung und mehr Infos siehe hier. Ob ich es wohl schaffe?

Mitten in der Regenzeit sucht momentan Taifun Nr. 8, Rufname Neoguri, Japan heim, und er nimmt gleich das ganze Land mit – von Okinawa bis hoch nach Hokkaido. 7 Tote hat er hinterlassen und zahlreiche Verwüstungen in Okinawa und Kyushu. In ein paar Stunden soll er Tokyo erreichen – allerdings schon deutlich geschwächt, so dass in Kanto ausser schwerem Regen am frühen Morgen nicht allzu viel passieren sollte. Und wenn wir eines gewohnt sind in den letzten paar Wochen, dann ist es Regen: Die diesjährige Regenzeit macht ihrem Namen wirklich alle Ehren. Dummerweise könnte die Regenzeit mit dem Durchzug des Taifuns abrupt aufhören, und was folgt, ist bedrückend schwüle Hitze. Nun ja, jedes Jahr das Gleiche.

¹Siehe unter anderem Japan Times vom 10. Juli 2014: Justsystems accused of abusing customer data from Benesse.

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So heult man sich viral

Juli 7th, 2014 | Tagged | 3 Kommentare | 3260 mal gelesen

Seit einigen Tagen macht ein YouTube-Video in Japan die Runden – es zeigt einen 47-jährigen Abgeordneten des Präfekturparlaments von Hyōgo (dort befindet sich unter anderem die Stadt Kōbe) bei einer Pressekonferenz. Hauptthema der anberaumten Pressekonferenz war die Tatsache, dass der Abgeordnete Nonomura im Verdacht stand, innerhalb eines Jahres rund 3 Millionen Yen (gut 20,000 Euro) veruntreut zu haben. Genauer gesagt ging es um zweifelhafte Spesenabrechnungen in 195 Fällen (nicht schlecht bei 365 Tagen im Jahr), da es meistens um Ausflüge zu heissen Quellen usw. ging. Letztendlich wurde er – aus mir nicht bekannten Gründen – vom Vorwurf freigesprochen, und so kam es zu der hier nunmehr schon legendären Pressekonferenz. Wer es nicht gesehen hat – hier ein Ausschnitt:

Es ist recht zusammenhangloses Zeug, was der gute Mann da zwischen den Heulkrämpfen zusammenstammelt: Vom Problem der Überalterung der Bevölkerung ist die Rede, davon, dass er einen Unterschied machen wollte und so weiter.
Vor dem Geheule wurde er zu den Vorwürfen befragt, doch seine Erklärungsversuche sind schlichtweg stupide: Er hätte gedacht, die Spesen nicht belegen zu müssen. Er dachte, es sei genug, sich Notizen von den Spesen zu machen (und daraufhin gefragt, ob er die Notizen noch habe, erwidert er dreist, er hätte sie weggeworfen). Er sei immer erster Klasse gefahren, um sofort aus dem Zug springen und loslegen zu können. Problem an der Sache: Er ist Präfekturpolitiker, doch sehr viele seiner Touren führten ihn in andere Präfekturen.

Kurz und gut – hier bellte ein getretener Hund, und der gute Mann ist an Dreistigkeit nicht zu überbieten. Wenn das die neue Politikergarde des Landes ist, dann gute Nacht Japan.nonomura

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Selbstverbrennung in Shinjuku und eine gewichtige Entscheidung

Juli 1st, 2014 | Tagged , | 14 Kommentare | 5637 mal gelesen

Auf diesem Blog ist das Thema eigentlich schon ein alter Hut, aber morgen wird es ernst: Mit einem gewieften Trick soll morgen die pazifistische Verfassung ausgehebelt werden. Artikel 9 der japanischen Verfassung besagt,

1) In aufrichtigem Streben nach einem auf Gerechtigkeit und Ordnung gegründeten internationalen Frieden verzichtet das japanische Volk für alle Zeiten auf den Krieg als ein souveränes Recht der Nation und die Androhung oder Ausübung von militärischer Gewalt als ein Mittel zur Regelung internationaler Streitigkeiten.

2) Zur Erreichung des Zwecks des Absatz 1 werden Land-, See- und Luftstreitkräfte sowie andere Kriegsmittel nicht unterhalten. Ein Kriegsführungsrecht des Staates wird nicht anerkannt.

Will heissen, Japan darf nicht Krieg führen. Und keine Armee unterhalten. Aber das möchten konservative Kreise und natürlich allen voran die politische Rechte schon lange ändern. Nun gibt es schon seit langem grossen Widerstand gegen eine Verfassungsänderung. Morgen soll dazu ein erster, grosser Schritt erfolgen. Es geht genau genommen um die Etablierung des 集団自衛権 (Shūdanteki Jieiken) – Recht auf kollektive Selbstverteidigung. Um konkret zu werden: Die USA sind Japans wichtigster Verbündeter. Greift eine andere Macht Japan an, ist die USA verpflichtet, beizuspringen. Greift jedoch eine andere Macht die USA an, ist es Japan verboten, aktiv dem Verbündeten zu helfen. Passiv, zum Beispiel mit militärischen Tankflugzeugen usw., ist dies zum Beispiel im 2. Irakkrieg jedoch schon erfolgt.

Ministerpräsident Abe und seine Regierung möchten nun in einer ausserordentlichen Sitzung des Parlamentes am 1. Juli diese Situation “korrigieren”. Da eine Verfassungsänderung jedoch ziemlich schwierig ist, greift man in die Trickkiste: Sicher, es gibt Artikel 9. Es gibt aber auch Artikel 65 in der Verfassung, und der besagt kurz und knapp:

行政権は、内閣に属する。 – Die vollziehende Gewalt liegt bei dem Kabinett.

Und so beschliesst man morgen also mit einer bequemen Mehrheit im Parlament, die Art und Weise, wie die Verfassung interpretiert wird, zu ändern: Artikel 65 sticht Artikel 9 aus. Ganz einfach. Dass nur ein Drittel der Bevölkerung dies für gut befindet und eine Hälfte schlichtweg dagegen ist¹, ist den regierenden Liberaldemokraten dabei so ziemlich egal.

Das ganze geht nicht ohne Proteste vonstatten: Heute demonstrierten tausenden – genaue Zahlen muss ich leider schuldig bleiben – vielerorts, unter anderem vor der Residenz des Ministerpräsidenten, gegen die heraufziehende Abstimmung. Schade nur, dass die Ministerpräsidenten schon seit ein paar Jahren nicht mehr in der Residenz wohnen, da es dort angeblich spuken soll. Aber das ist natürlich nur ein Gerücht.

Gestern, am 29. Juni 2014, kam es zudem zu einem aussergewöhnlichen Zwischenfall am Südausgang des weltweit belebtesten Bahnhofs – Shinjuku. Ein Mann postierte sich dort gegen 1 Uhr nachmittags mit einem Megaphon auf einer Fußgängerbrücke und begann, gegen die Entscheidung zu protestieren. Das ging eine Stunde lang so, und in dieser Zeit bereitete die Feuerwehr Luftkissen und ähnliches vor. Gegen 2 Uhr übergoss sich der Mann plötzlich mit einer braunen Flüssigkeit und zündete sich an (wer sich das unbedingt ansehen muss – es gibt natürlich alles auf YouTube² – schliesslich ist Shinjuku um diese Tageszeit voller Menschen). Die Feuerwehr war natürlich in Sekundenschnelle dabei, den Mann zu löschen. Jener kam schliesslich mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus, soll aber ansprechbar sein. Interessant ist dabei, dass das geplante Opfer zwar auf viel Interesse in ausländischen Medien stiess, in den japanischen Mainstream-Medien jedoch kaum ein Echo fand.

Politische Auffassung hin oder her – dass Japan der Krieg in der eigenen Verfassung verboten wird, hat seine Gründe. Prinzipiell ist ja gegen das Recht auf Selbstverteidigung nichts einzuwenden. Aber der Gedanke an das folgende Szenarie macht schon bange: Irgendwie schafft Nordkorea es, ein amerikanisches Schiff zu versenken oder es erklärt den USA einfach so den Krieg. Japans Falken beschliessen, dass der Bündnisfall damit geschaffen ist, und lassen die zur Armee verwandelten Selbstverteidigungskräfte anlanden. Und schon stehen japanische Soldaten zwischen China und Südkorea. Beziehungsweise dort, wo meinetwegen jeder sein darf – nur kein japanischer Soldat.

¹ Siehe Nikkei Shimbun vom 29. Juni 2014
² Siehe unter anderem hier

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Gas vs. Strom

Juni 29th, 2014 | Tagged | 4 Kommentare | 5359 mal gelesen

Eigenheimbesitzer in Japan (aber sicher auch anderswo) kommen oft in das Vergnügen unangemeldeter Besuche von Aussendienstvertrieblern, die einem alles mögliche ums Haus andrehen wollen. Interessant ist dabei der Energiesektor: Da wäre das Schema A, bei dem Hausbesitzer dazu überredet werden sollen, weniger oder gar kein Gas zu benutzen, sondern sich nur auf Elektrizität zu verlassen (das nennt sich dann オール電化 All Denka – Alles Strom). Man wirft also den Boiler raus und produziert heisses Wasser mit einem Inverter und auf Vorrat. Der Vorteil: Man bekommt so einen besonderen Stromtarif, bei dem man nachts weniger als ein Drittel des Tagespreises für Strom zahlt. Man produziert also den Tagesbedarf heissen Wassers nachts. Wer ganz auf Gas verzichten möchte, schmeisst dann auch noch den Gaskocher raus und kauft sich dafür einen Induktionsherd. Die höchste Stufe schliesslich ist das Anschaffen einer Solaranlage. Die Warmwasserzubereiter, das beliebtestes Model heisst エコキュート Eco Cute (ein Wortspiel: Kyūtō = Boiler und das englische “cute” werden fast gleich ausgesprochen), wurden eine Zeit lang sogar vom Staat bezuschusst. Solaranlagen wurden ebenfalls vor vielen Jahren im Rahmen der 100’000-Dächer-Initiative bezuschusst, aber die Zeiten sind vorbei, und das einspeisen von Solarenergie ins Netz lohnt sich heutzutage nicht mehr.

Aber dann sind da noch die Gasleute, die nicht ohne weiteres aufgeben: Sie versuchen Hausbesitzern eine sogenannte エネファーム Ene-Farm zu verkaufen. Die extrahiert Wasserstoff aus dem Stadtgas und verbrennt diesen dann, womit a) warmes Wasser erzeugt und b) nebenher Strom erzeugt wird. Das klingt natürlich auch verlockend, auch wenn dieses System Nachteile hat. Ohne Strom funktioniert die Ene-farm nicht.

Von diesen Modellen kann man halten, was man will. Bei schweren Erdbeben ist eine Stromlösung sicherlich praktischer, denn Strom wird als erstes wiederhergestellt. Und Eco-Cute-Anlagen können im Notfall als Wasserspeicher herhalten. Da die Anschaffungskosten jedoch für alle Geräte recht hoch sind, muss man schon sorgfältig rechnen, um herauszufinden, ob sich so etwas lohnt. Hinzu kommt freilich eine gesunde Abneigung gegen TEPCO, dem einzigen Stromanbieter im Raum Tokyo und Hauptverantwortlicher für die Atomkatastrophe von Fukushima.

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Chauvinismus hautnah

Juni 24th, 2014 | Tagged , | 16 Kommentare | 7413 mal gelesen

Das war schon starker Tobak, der am 18. Juni bei der Vollversammlung der Abgeordneten von Tokyo geboten wurde. Die mit 35 Jahren a) erstaunlich junge und b) erstaunlicherweise nicht männliche Abgeordnete Shiomura appellierte gerade an die Versammlung, etwas gegen die seit vielen Jahren anhaltende, besorgniserregend niedrige Geburtenrate zu tun – zum Beispiel durch das Fördern von Aktivitäten für Mütter und Kinder sowie Beihilfen für Paare, die nicht ohne weiteres Kinder zeugen können. In Japan ist das – nicht verwunderlich – eine Steilvorlage: Es kamen Zwischenrufe wie “Du solltest schnell Kinder zeugen” oder “Solltest Du nicht besser schnell heiraten?”. Gelächter folgte. Die Abgeordnete beendete noch flink ihre Rede, aber man konnte Ihr ansehen, dass die Sprüche sie ziemlich mitgenommen haben.

Das ganze mag ja vielleicht noch gehen, wenn die Zwischenrufer sich später zu erkennen geben würden, aber genau das passierte natürlich nicht. Man ortete die Übeltäter zwar in der Fraktion der regierenden Liberaldemokraten, doch die Fraktion hielt dicht und versuchte gar noch, die Schuld von sich zu weisen und zu behaupten, dass das auch aus einer anderen Fraktion gekommen sein könnte.

Der Druck wurde letztendlich zu gross. Die Szene fand auch im Ausland Beachtung (siehe unter anderem hier), und bei change.org fanden sich schnell über 70’000 Menschen, die forderten, den Vorfall aufzuklären. Heute trat nun Suzuki von den Liberaldemokraten vor und entschuldigte sich öffentlich(keitswirksam) bei Shiomura. Die befand, zu recht, dass die Entschuldigung etwas spät komme.

Chauvinismus in Japan ist eine, nun ja, interessante Angelegenheit. Denn: Chauvinistische Sprüche oder das Blondinen-Witze-ähnliche Blödeln bis Beleidigen von Frauen hört man in Japan eigentlich kaum. Das mag daran liegen, dass man in Japan keine Witze erzählt. In Japan ist der Chauvinismus, so habe ich jedenfalls nicht selten den Eindruck, boshafter, er sitzt tief, ganz tief in der Gesellschaft verankert, die von der weiblichen Hälfte recht klare Erwartungen hat: Viel lernen, gute Bildung – um einen attraktiven Ehepartner zu finden, Kinder zu zeugen und fortan sich um Haus, Kinder und Mann zu kümmern. Und – das schreibe ich nicht zum ersten Mal – die Gesellschaft hat die Arbeitsumwelt in Japan so geformt, dass ich aufgrund der vielen Widrigkeiten dem weiblichen Geschlecht gegenüber nicht wenige Japanerinnen gern diesem Schema unterwerfen.

shiomura

Doch momentan brandet eine interessante Diskussion in Japan auf. Bei der verheerend geringen Geburtenrate und der fortschreitenden Überalterung der Gesellschaft wird Japan es sich womöglich nicht mehr allzu lange leisten können, einfach so auf die Hälfte ihrer Bevölkerung auf dem Arbeitsmarkt zu verzichten. Und das deutet sich schon mehr und mehr an: Natürlich ist die folgende Beobachtung sehr subjektiv, aber ich glaube schon, mehr und mehr Frauen zu sehen, die in berufen arbeiten, die eigentlich traditionell Männerdomäne sind: Auf Baustellen, als Bus- und Taxifahrer, Paketzusteller, Zugfahrer usw. Unnötig anzumerken, dass die Frauen dabei den Männern in nichts nachstehen. Und ein schwacher Trost bleibt den japanischen Frauen letztendlich: Zu Hause haben ganz klar sie die Hosen an.

Anbei noch – eigentlich war das ja lange Zeit Tradition auf diesem Blog – das Wort des Tages: 野次yaji – der Zwischenruf bzw. der Zwischenrufer.

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Edelbäcker

Juni 17th, 2014 | Tagged , , | 5 Kommentare | 9220 mal gelesen

Bäckerei Tokutarō

Bäckerei Tokutarō

Man könnte meinen, es sei ein neuer Trend – aber dem ist nicht ganz so: Bäckereien, viele davon regelrechte Edelbäckereien, gibt es schon lange in Japan, denn man weiss auch hier gutes Brot zu schätzen. Oder sagen wir mal so: Gutes Backwerk. Denn dass es zahlreiche Bäcker gibt, heisst noch lange nicht, dass es auch gutes Brot gibt. Von Brötchen mal ganz zu schweigen, denn die gibt es wirklich so gut wie gar nicht.

In meinem vorherigen Wohnort gab es in einem nahegelegenen Villenviertel ein älteres Ehepaar, dass aus Zeitvertreib eine Bäckerei betrieb. Mit winziger Terasse, auf die ein kleiner Tisch und zwei Stühle passten. Der Verkaufsraum war höchstens 5 m² gross, und da an allen Seiten Regale standen, passten maximal drei Leute gleichzeitig rein. Trotz allem schafften es die beiden, dort ca. 10 Brotsorten und rund 20 Sorten mit kuchenähnlichen Sachen herzustellen. Und wer zu spät kam, schaute ins Leere. Die Bäckerei war dabei richtig gut: Manchmal gab es Roggenbrot, und die mit Frischkäse und getrockneten Tomaten gefüllten, stets ofenfrischen Brote waren auch sehr empfehlenswert.

In meiner jetzigen Gegend habe ich soweit drei akzeptable Bäcker ausmachen können. Einer tat es mir dabei schon vom Namen her an: “Bäckerei (sic!) Tokutarō”. Leider konnte das Backwerk nicht vollständig mit dem illustren Namen mithalten – sicher, alles war geniessbar, aber nicht unbedingt umwerfend.

Dabei sollte erwähnt werden, dass die meisten Japaner bei Brot nicht an Deutschland denken, sondern eher an Frankreich, Italien oder England. Und bei Konditoreiwaren – vom Stollen mal abgesehen – ist Deutschland gleich völlig ausgeschlossen. Es gibt alle möglichen, je nach Konditorei auch sehr erlesene Sachen, aber einen schnöden Butterstreuselkuchen, Bienenstich oder Napfkuchen usw. sucht man hier vergeblich. In Deutschland wurde mir früher dabei klar, warum dem so ist: Die meisten Japaner kann man mit deutschem Kuchen und deutschen Torten nicht so recht hinter dem kotatsu hervorlocken. Will heissen: Als Deutscher kann man sich natürlich schnell darüber mokieren, dass eine als deutsche “Bäckerei” aufgemachte Bäckerei nichts so recht Deutsches anbieten will, es sei denn, es ist kurz vor Weihnachten. Aber die Lösung ist nunmal einfach. Es würde sich nicht verkaufen.

Und so bleiben Dinge wie Mohnkuchen, Rhabarber- und Stachelbeerkuchen usw. in weiter Ferne (Mohn habe ich hier schon mal gesehen, aber frischen Rhabarber oder gar Stachelbeeren bisher noch nie). Aber wie sagt man so schön: Irgendwas ist ja immer.

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Um ein Kind zu erziehen…

Juni 10th, 2014 | Tagged | 8 Kommentare | 12732 mal gelesen

…braucht es ein ganzes Dorf. So jedenfalls lautet ein afrikanisches Sprichwort, dass nunmehr auch in Deutschland geläufig ist. Und ich finde das Sprichwort in der Form in Ordnung. Sicher, es ist Aufgabe der Eltern, dem Kind den moralischen Kompass einzustellen. Aber Kinder sollten am besten in einer Gesellschaft aufwachsen, in der auch die Gesellschaft bei der Erziehung eine Rolle spielt. Eine positive natürlich. Aber wie komme ich auf diesen geistigen Erguss?

Am Sonnabend ging es mit den Kindern im Zug zu einer Stadt ganz in der Nähe. Der Zug war relativ voll – Sitzplätze gab es nicht mehr. Mein jüngster, 3 Jahre und stolze 16 kg schwer, forderte also von meiner nur drei Mal schwereren Frau, stehend im Zug auf den Arm genommen zu werden. Normalerweise fragt er, so ich dabei bin, mich. Aber er war müde, und der permanente Regen ist ihm wahrscheinlich auch schon aufs Gemüt gegangen. Nun bin ich eigentlich nicht übervorsichtig, aber ich halte es trotzdem für keine gute Idee, wenn meine Frau den Brocken in einem schwankenden Zug auf dem Arm halten muss. Eine etwas schnellere Kurve, ein unvorsichtiger Fahrgast, eine kurze Bremsung – und schon fliegen 16 Kilogramm durch den Zug. Kein schöner Gedanke. Da ich aber 5 mal mehr wiege (und etwas mehr Kraft habe), biete ich ihm einen Kompromiss an: Komm hierher, ich trage Dich. Wie gesagt, normalerweise ist das kein Problem beziehungsweise von Sohnemann im Zug sogar bevorzugt, weil er sich dann an den Halteriemen festhalten kann.

Am Sonnabend war es jedoch alles etwas anders. Es musste Mama sein. Ganz unbedingt. Niemand Anderes. Und weil wir ja erst 3 Jahre alt sind und einen Dickschädel haben, der dem meinen in nichts dasteht, steigern wir uns schön in die ganze Sache rein. Gut. Wir haben also zwei Dickschädel in einem relativ vollen Zug: Einer will das, und der andere will genau das vermeiden. Sonst schaffen wir ja womöglich noch einen Präzedenzfall.

Was machen Japaner in diesem Fall? Sie geben nach. Warum? Damit das Kind still wird und nicht die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Was macht ein störrischer, deutscher Vater? Er versucht seinem Sohn, zu erklären, warum das, was er gerade machen möchte, keine gute Idee ist. Was beim Dickkopf natürlich in Heulkrämpfe ausartet (die echten Tränen kommen natürlich beim Aussteigen: ‘Tschuldigung! Papa! Papa!? Paaapaaaaa!!!!). Neben schreiendem Sohn und mit gedämpfter Stimme auf Deutsch auf das Kind einredenden Vater steht also die japanische Mama: Leicht blass um die Nasenspitze und sichtlich pikiert. “Ist doch gut jetzt! Jaja, ich trag Dich!”. Kontraproduktiv. Absolut kontraproduktiv. Ich kenne die Lösung: Ich begebe mich mit Sohn allein ins nächste Abteil. Da sieht er Mama nicht mehr und kann ganz schnell abgelenkt werden und wird damit ruhig.

Zu spät. Eine Mutter mit Tochter, jene ist rund 12 Jahre alt und hat das Down-Syndrom, bietet Mutter und kreischendem Sohn ihren Sitzplatz an und lässt sich auch nicht überzeugen, dass das nicht nötig sei. Man beachte: Mutter mit Kind mit Down-Syndrom.

Und die Moral von der Geschicht’: Das “Nicht-Auffallen” und “Nicht-zur-Last-fallen” überträgt sich in Japan auch auf die Kindererziehung. Aber ich kenne meinen Sohn: Er wird das auszunutzen wissen… Ob ich ihm deshalb, wenn er irgendwo wieder ein grosses Gewese macht, alles durchgehen lasse, da andere Leute eventuell pikiert sein könnten? Wahrscheinlich nicht. Dabei sollte ich anmerken, dass er, so wir nur zu zweit unterwegs sind, er das drolligste und artigste Kind der Welt ist. Aber das dürfte überall auf unserem Planeten das gleiche sein.

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Vorgeschmack auf Japan in 20 Jahren

Juni 7th, 2014 | Tagged | 2 Kommentare | 11977 mal gelesen

Allzu viel passiert momentan nicht. Es schüttet seit gestern wie aus Eimern, aber das darf es auch – schliesslich hat gerade die Regenzeit begonnen. Softbank, seit kurzem die Nr. 1 auf dem japanischen Mobilfunkmarkt, hat einen bahnbrechenden, neuen Roboter vorgestellt, der angeblich auf die Gefühlslage seines Gegenübers eingehen kann. Und das leitet auch schon wunderbar über auf das nächste Thema – eine potentielle Zielgruppe des gefühlsduseligen Roboters. Gemeint ist eine Schlagzeile in der Online-Ausgabe der Japan Times vom heutigen Tage: Mehr als 250 Demenzkranke gelten in Japan als vermisst¹. Die japanische Polizei veröffentlichte demnach Zahlen, dass 2012 knapp 10’000 Demenzkranke als vermisst gemeldet wurden, und im Jahr 2013 mehr als 10’000, beziehungsweise gute 700 Menschen mehr als im Vorjahr. Zwei Drittel der als vermisst Geltenden wurden dabei am gleichen Tag gefunden; ein knappes Drittel hingegen nach 2 bis 7 Tagen. Und: Ein Drittel wurden von Familienangehörigen gefunden, der Rest von der Polizei. Bei 32 Personen dauerte es über zwei Jahre, bis sie gefunden wurden. Paranoide Anmerkung: Wenn sich Demenzkranke 2 Jahre lang einer Suche entziehen können, wie leicht ist es dann für Verbrecher?

Die Zahlen halte ich für alarmierend, denn sie sind erst ein Vorgeschmack dessen, was auf die rapide alternde japanische Gesellschaft hinzukommt. Auch wir haben in den vergangenen Jahren 3 Mal Demenzkranke “gefunden” – zwei Mal in der Nachbarschaft, weshalb andere Leute, die diese bereits kannten, sie übernahmen, und in einem Fall etwas weiter entfernt, wobei wir in letzterem Fall die verirrte Frau bei der Polizeistation abliefern mussten, da sie nicht aus der Gegend zu stammen schien. Dieses Phänomen dürfte jedenfalls in den nächsten zwei, drei Jahrzehnten stark zunehmen, und man darf darauf gespannt sein, wie Gesellschaft und Politik darauf reagieren werden. Immerhin gilt zu bedenken, dass es auch zahlreiche Demenzkranke gibt, die keine unmittelbaren Angehörigen mehr haben – und dementsprechend nicht als vermisst gemeldet werden.

¹ Siehe hier: More than 250 people with dementia missing in Japan

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