​Wenn eine ganze Stadt feiert

Juni 23rd, 2016 | Tagged , | Kein Kommentar bisher | 264 mal gelesen

Es war wieder soweit – 4 Jahre sind vergangen seit der letzten Fussball-EM, und ebenso seit dem letzten 三社祭 Sanja-Matsuri, dem 3-Schreine-Fest in Urayasu, vor den Toren von Tokyo. 2012 hatte ich mir das Spektakel auch angesehen – und 2008. Habe ja schliesslich neun Jahre dort gewohnt, genau in der Mitte der Stadt, wo es auch gleichzeitig am ruhigsten ist, da sich das ganze Geschehen hauptsächlich rund um die Bahnhöfe abspielt, und Urayasu hat drei davon. Und alle drei lagen ziemlich exakt genauso weit von meiner damaligen Wohnung entfernt – 2 Kilometer.

Beim Sanja-Matsuri in Urayasu

Beim Sanja-Matsuri in Urayasu

Urayasu kann man relativ leicht in vier Teile untergliedern: Tokyo Disneyland und Umgebung – eine Stadt innerhalb der Stadt, dann das Neuland entlang der Bucht – geprägt von großzügigen Neubauten, in denen passable Wohnungen bei einer halben Million Euro Kaufpreis beginnen. Dann der Nordteil, einst ein Fischerdorf – mit etwas rauher, aber herzhafter Atmosphäre und den letzten verbliebenen Fischern und Muschelpulern. Zu guter letzt noch die Mitte, die den todvornehmen Süden vom rauhen Nordteil kennt. Für die Hergezogenen und die, die sich nicht entscheiden komnten oder wollten.

Hier dürfen auch die Frauen ran -- das ist nicht überall so in Japan

Hier dürfen auch die Frauen ran — das ist nicht überall so in Japan

Vor zwei Jahren sind wir weggezogen. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Und seit einem Jahr war ich nicht mehr in der Stadt, dabei ist die nur eine Stunde mit dem Zug entfernt. Doch am Sonntag bekam ich umgehend das Gefühl, dass mein eigentlich öfter zurückkehren sollte. Sicher, Freunde kommen uns gelegentlich besuchen, oder man trifft sich in der Mitte, in Tokyo, aber allein mal wieder die salzige Meerluft zu schmecken – das merkt man freilich nicht mehr, wenn man dort lebt (man merkt es nur daran, dass einem sämtliche Fahrräder innerhalb eines Jahres unter dem Hintern wegrosten) – hat was. Und das Sanja-Matsuri erst: Dieses Fest ist ausserhalb von Urayasu relativ unbekannt, bei Touristen sowieso. Es ist auch schwer zu beschreiben, denn es gibt keine Hauptattraktion. Die eigentliche Attraktion ist die pure Grösse der Veranstaltung: Drei Schreine lassen da ihre mikoshi gleichzeitig, aber auf drei ganz verschiedenen Routen durch die Stadt tragen. Und ein Zug besteht dabei aus dutzenden mikoshi – grössere für die Männer und Frauen, winzige für die Kinder. Alle Einwohner sind draussen. Die Nachbarschaftsverbände stellen Zelte und Stühle raus. Die Strassen sind von Menschenmassen – nur wenige sind von ausserhalb – gesäumt, wenn der kilometerlange Zug unter gewaltigen, heiseren „mae da!“-Rufen der verschwitzten, bei den Männern nicht selten äußerst spärlich bekleideten Schreinträger durch die Stadt rollt. Und es ist ein Knochenjob: Die Balken, auf denen die Mikoshi platziert sind, packen nochmal ordentlich Gewicht zum eigentlichen Schrein hinzu. Die Träger stehen sehr eng, und alle dutzend Meter wird der Schrein hochgehoben, gar mehrfach hochgeworfen oder nur knapp über dem Boden horizontal hin- und hergedreht. Von Freitag bis Sonntags. Von 9 Uhr morgens bis 19 Uhr abends.

Mit ganzer Kraft dabei

Mit ganzer Kraft dabei

Dieses Matsuri gibt es seit den 1910ern, und bis in die 1950er war das ganze auch unter dem Namen けんか祭り kenka-matsuri (Zankfest) bekannt, da sich die Anhänger der drei verschiedenen Schreine gerne miteinander prügelten. Zeitweise wurde die Veranstaltung deshalb sogar verboten. Wenn man sich heute die Hauptakteure so ansieht, kann man sich noch immer gut und gerne vorstellen, das es durchaus rauher zugehen kann: Viele Yakuza sind dabei, und noch viel mehr やんちゃ yancha – kurz umschrieben etwas weniger angepasste Jugendliche. Doch es geht friedlich zu heutzutage. Sehr laut zwar und wenn man das erste Mal dabei ist leicht bedrohlich, aber friedlich. Unzählige Kinder sind auch dabei, und die werden soweit möglich und zur Freude der Kleinen mit einbezogen. Es herrscht shitamachi-Flair (下町shitamachi – „Unterstadt“ – hier wohnt der hart arbeitende, und trotzdem arme Teil der Bevölkerung). Genau diese Atmosphäre vermisse ich an meinem Wohnort doch tatsächlich ein bisschen – dort ist es nicht genug Stadt um eine Unterstadt zu entwickeln. Aber man kann ja nicht alles haben.

Mizuame

水飴 mizuame – ‚Wasserbonbons‘ – aus Stärke gewonnener, sehr klebrige Zuckermasse, gibt es bei jedem Matsuri

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Und der Preis für den hartnäckigsten Politiker geht an…

Juni 16th, 2016 | Tagged , | 2 Kommentare | 443 mal gelesen

Masuzoe. Quelle: Chatham House/Wikipedia

Masuzoe. Quelle: Chatham House/Wikipedia

…Yōichi Masuzoe (舛添要一) – Ex-Arbeitsminister und seit gestern, dem 15. Juni 2016, auch Ex-Governeur von Tokyo. Der 67-jährige Jurist gab nach zehrenden Wochen nun – endlich, muss man sagen – auf. Es ging, gelinde gesagt, um Geiz und Völlerei. Masuzoe, seit Februar 2014 an der Macht in Tokyo, bestach seit geraumer Zeit durch üppige Spesenabrechnungen für teure Hotels, Kunstwerke, außerdienstliche Fahrten mit Chauffeur und vielem mehr. Das kam vor ein paar Wochen ans Licht und war für die Presse ein gefundenes Fressen. Zumal das ganze ja auch durchaus Tradition hat. Der vorherige Governeur, 猪瀬直樹 Naoki Inose, hielt sich genau ein Jahr im Amt, bevor auch er wegen Korruptions- und Veruntreuungsvorwürfen den Sessel räumen musste.

Masuzoes Verhalten hat mich persönlich etwas schockiert, denn bisher hielt ich ihn für einen raren Vertreter eines integren und seriösen Politikers. Den Eindruck versuchte er auch mit all seinen Kräften in den Pressekonferenzen aufrecht zu erhalten, doch das lief in den letzten Wochen ins Lächerliche: Masuzoe ersteigerte zum Beispiel diverse Kunstwerke und andere Sachen bei Internetauktionen und kaufte auch sonst gut ein – mit Steuergeldern. Dazu gehörten auch zwei Kleidungsstücke aus Seide, die er für umgerechnet 3’000 Euro in China erwarb. Die Erklärung dafür in der Pressekonferenz war etwas ganz Besonderes: Er betreibe fast täglich Kalligraphie, und er mache auch viel Judo. Wegen des Judo habe er ganz viele Muskeln, und gewöhnliche Kleidung bleibe beim Schönschreiben an den vielen Muskeln hängen. Nur chinesische Seide gleite so schön, dass sie beim Schreiben nicht stört. Ein Journalist wollte es daraufhin wissen und sagte: Warum schreiben Sie dann nicht mit ärmelloser Kleidung? Dazu kam prompt die Gegenfrage: „Und was, wenn es etwas kälter wird?“

Die Pressekonferenzen wurden allmählich beinahe legendär, und ob der Abgebrühtheit des Governeurs fielen auch bald fragen wie: „Herr Masuzoe, was muss eigentlich noch passieren, damit sie zurücktreten?“ oder „Woher nehmen sie eigentlich die Nerven?“. Quittiert wurde das jeweils mit einem vielsagenden Lächeln.

Letztendlich beauftragte Masuzoe zwei neutrale Anwälte (seiner Wahl!), die durchleuchten sollten, ob er illegal politische Spenden- (sprich Steuergelder) für persönliche Zwecke missbraucht habe. Das Ergebnis: Hat er nicht, aber der Gebrauch von rund 4,4 Millionen Yen (rund 32’000 Euro) sei zumindest moralisch etwas anrüchig gewesen. Vielen Politikern in der Stadtversammlung reichte das nicht, und so drohten sie mit einem Mißtrauensvotum, das er aller Wahrscheinlichkeit nach verloren hätte. Doch dem kam er jetzt zuvor.

Hungern wird der Ex-Governeur vorerst voraussichtlich nicht, denn zum Baschied bekommt er 22 Millionen aus der Stadtkasse. Ob die wegen unehrenhafter Entlassung gekürzt werden oder nicht kann dabei nur einer entscheiden: Masuzoe selbst, da er vorläufig die Amtsgeschäfte beibehält. Und Masuzoe sieht nach wie vor nicht ein, dass er etwas grundlegend falsches gemacht hat.

Der Rücktritt kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Der Posten wird jeweils für 4 Jahre vergeben. Das bedeutet – vorausgesetzt das sich der nächste Kandidat 4 Jahre lang halten kann – das genau während der Olympischen Spiele in Tokyo 2020 ein neuer Governeur gewählt werden muss.

In Verbindung mit dem Skandal fiel übrigens ein Wort besonders häufig: せこい (sekoi). Das hat furchtbar viele Bedeutungen – unter anderem „knauserig“ (im Englischen würde ich sekoi am ehesten mit „tacky“ übersetzen).

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​Ein ausländischer Bierbrauer in Japan

Juni 14th, 2016 | Tagged | 6 Kommentare | 471 mal gelesen

Was erspähten da doch neulich meine entzündeten Augen im hiesigen Supermarkt, in einer abgelegenen Ecke, in der normalerweise nur Bio-Lebensmittel feilgeboten werden: Kleine Bierflaschen mit eigenwilligen Etiketten, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Meine volle Aufmerksamkeit verdankten die Flaschen jedoch einem noch kleineren Etikett, mit dem magischen Wort „半額 hangaku“ – Halber Preis. Soll heissen, der Neuling kostete nicht 480 Yen, also fast 4 Euro, sondern nur 240 Yen. Ein Schnäppchen also, beinahe. Beziehungsweise genauso teuer wie normale japanische Biersorten.

Zu Hause wurde die Beute während des Abendgelages geköpft. „Golden Ale“ nannte sich die erste Sorte (ich erbeutete auch noch Porter). Und der erste Schluck elektrisierte. Ah, genau so sollte Bier schmecken! Beinahe vergessen! Ohne zu überteiben war dies eines der besten in Japan soweit probierten Biere, und ich habe im Laufe der Jahre schon verdammt viel probiert. Kurz ein Blick aufs Etikett geworfen: „Brimmer Brewing“ sagte mir erstmal nichts, aber der Herstellungsort schon: Kawasaki. Und gerade mal 7 Kilometer von mir entfernt. Ein richtig gutes 地ビール Ji-biiru (lokales Bier) – aus meiner Stadt. Das muss ich natürlich weitererzählen, und deshalb gibt es auch diesen Artikel hier. Werbung quasi, aber unbezahlt, wohlbemerkt.

Von einem Kalifornier in Japan gebrautes Altbier

Von einem Kalifornier in Japan gebrautes Altbier

Da sich der Braumeister laut Webseite über Kundenmeinungen freut, wollte ich meine auch kundtun. Mir fehlte zwar etwas das porterhafte am Porter, aber das Golden Ale hatte mich wirklich verzückt. Prompt kam auch eine Antwort, die gleich noch erklärte, warum sein Porter das ist, was es ist, und dass ich doch mal vorbeischauen solle, wenn ich Zeit habe. Das habe ich gestern auch gemacht, da Kind 2 (nennen wir ihn lieber Sohn 1) noch bunt gescheckt mit Windpocken zu Hause festsitzt.

Die Brauerei ist klein, aber fein und liegt in Kuji, unweit des Tama-flusses. Draussen deutet nichts auf die Brauerei hin – es ist ein ganz normales, kleines Fabrikgebäude. Der Besitzer, Scott Brimmer, kommt aus Kalifornien, ist sehr sympathischund hat sein Handwerk in seiner Heimat gelernt – und dort rund 15 Jahre im Braugewerbe gearbeitet. Seine japanische Frau hatte er dort kennengelernt, und sie lebten vorerst auch dort, doch die gesundheitliche Lage der Schwiegereltern liess sie 2011 entschliessen, sich in Japan ein neues Leben aufzubauen. Und so gründeten die beiden eine kleine Brauerei. Einen grossen Teil der Apparaturen – vieles davon übrigens in Deutschland produziert – konnten sie aus der Konkursmasse einer Brauerei in Hiroshima aufkaufen.
Wer eine Braulizenz möchte, muss sich natürlich auch in Japan mit viel Bürokratie herumschlagen. So muss man zum Beispiel nachweisen, dass man das Handwerk studiert hat (egal wo, so lange alles übersetzt wird) und auch ein paar Jahre im Gewerbe gearbeitet hat. Des weiteren muss man glaubhaft nachweisen, dass man mindestens 60’000 Liter pro Jahr produzieren kann und wird – und, hier wird es interessant – man muss ebenfalls nachweisen, dass man bereits Abnehmer für mindestens 30’000 Liter pro Jahr hat. Man soll also die Katze im Sack verkaufen.

In der kleinen, aber feinen Brauerei

In der kleinen, aber feinen Brauerei

Die Brauerei hat mittlerweile bereits einen Preis als gut geführtes Startup sowie auch noch ein paar andere Preise gewonnen. 80% des Bierausstosses wird in Fässern an Bars und Restaurants in ganz Japan ausgeliefert, nur 20% werden in Flaschen abgefüllt. Auch deutsche Bars/Restaurants gehören zu den Kunden. Die hohen Preise für importierten Hopfen, Gerste, Hefe usw. sorgen dafür, dass diese kleinen Brauereien weitab von wettbewerbsfähigen Preisen liegen, aber das ist ja bei Minibrauereien in anderen Ländern auch der Fall und schwer zu ändern. Hinzu kommt noch die horrend hohe Biersteuer in Japan: Für jeden produzierten Liter müssen Brauer 225 Yen (fast 2 Euro) umgehend an den Staat entwenden. Es gab zwar Pläne, die Biersteuer zu senken (und im Gegenzug die Steuer für all die jämmerlichen Bierderivate zu erhöhen), aber dieser Plan versank still und leise im Mülleimer der Parlamente).

Vor kurzem beauftragte eine deutsche Schankwirtschaft in Tokyo (Name leider vergessen – scheint relativ neu zu sein) Brimmer Brewing damit, ein Altbier zu brauen, und das sollte ich doch mal unbedingt probieren und kundtun, ob das ans Original heranreicht. Nun komme ich nicht aus der D’dorf-Gegend und es ist wahrscheinlich über 10 Jahre her, dass ich ein Altbier genossen habe, aber die beiden Proben erinnerten mich stark an Altbier (nicht an Diebels, eher an die kleineren Sorten, die man fast nur in Düsseldorf bekommt) und waren ausgesprochen schmackhaft – mit viel Tiefgang. Und wie Scott so dastand und etwas kühles Altbier aus den 1’000-Liter-Tanks zur Verkostung abfüllte, sah er für mich wie einer der glücklichsten Menschen auf der Welt aus. Sicher, leicht wird er es auch nicht haben, aber man merkt ihm die Leidenschaft an, und das Ergebnis ist sehr gelungen. Und – die Brauerei expandiert: Scott plant gerade, das Nachbargebäude ebenfalls zu nutzen.

Auch Technik aus Deutschland ist am Start

Auch Technik aus Deutschland ist am Start

In diesem Sinne – solltet Ihr mal einen Zapfhahn in Tokyo oder anderswo entdecken, auf dem „Brimmer“ steht – immer ran an die Tränke! Es lohnt sich.

Es gibt übrigens auch mindestens zwei deutsche Braumeister in Japan (einer der Beiden, Stephan Rager, ist dabei „Hoflieferant“ der deutschen Botschaft). Auch deren Biere sind erstklassig, aber mehr nach süddeutschem Geschmack ausgerichtet.

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Etwas Nihonium gefällig? Element 113 hat jetzt einen Namen

Juni 9th, 2016 | Tagged , | 3 Kommentare | 408 mal gelesen

Heute wurden die Namen von vier in den letzten Jahren entdeckten (sprich synthetisch hergestellte) Elementen bekanntgegeben¹: So wird in Zukunft Element 115 Moscovium (Mc), 117 Tennessine (Ts), 118 Oganesson (Og) – und Element 113 Nihonium (Nh) heissen. Der Name Japonium stand wohl auch zur Diskussion, aber man entschied sich dann doch für den Landesnamen in der Landessprache. Ganz offiziell ist das jedoch noch nicht: Das endgültige OK erfolgt erst in ein paar Monaten durch das International Union of Pure and Applied Chemistry, das erstmal feststellen muss, ob wirklich alle Kriterien erfüllt wurden (Wiederholbarkeit des Experiments usw. – man hat das Element aber bereits drei Mal erfolgreich hergestellt. Immerhin ist Nihonium auch das erste Element überhaupt, dass in Asien entdeckt wurde. Viel Freude hat man an dem Element zwar nicht – man kann nur ein paar Atome herstellen, und die zerfallen in ein paar Tausendstelsekunden wieder, aber das ist nicht verwunderlich, da alles oberhalb der 105 (wenn ich mich recht entsinne) diese Merkmale aufweist.

Nach Darmstadt, Berkeley und Ytterby kommt nun also auch Japan zu der Ehre. Und die japanischen Forscher des Riken-Instituts begründeten ihre Nameswahl damit, dass sie damit dem japanischen Volk für seine Unterstützung danken wollen. Recht so – Riken wird ja auch von Steuergeldern finanziert. Unüblich ist das nicht: In den vergangenen Jahren wurden Elemente häufig nach dem Entdeckungs/Forschungsort benannt. Und ich kann mir gut vorstellen, dass Kim Jong-un beim lesen solcher Nachrichten auf die Idee kommt, dass das nordkoreanische Volk ebenso ein Element benennen sollte. An der Herstellung vom Kim-Il-Sungium wird vielleicht sogar schon gebastelt, wer weiss.

Im Japanischen benutzt man übrigens nur für 15 Elemente Schriftzeichen – das ist etwas schade und schwer zu lernen, denn Namen wie den für Brom liessen sich um ein vielfaches einfacher merken, und man weiss auch gleich, woran man bei dem Element ist:

Schriftzeichen Lesung Bedeutung Übersetzung
水素 suiso Wasser-Element Wasserstoff
tetsu Eisen Eisen
白金 hakkin weisses Gold/Metall Platin
Kupfer Kupfer
gin Silber Silber
kin Gold Gold
水銀 suigin Wasser-Silber Quecksilber
亜鉛 aen Sub-Blei Zink
炭素 tanso Kohle-Element Kohlenstoff
酸素 sanso Säure-Element Sauerstoff
硫黄 Schwefe-Gelb Schwefel
en Blei Blei
窒素 chisso Stick-Element Stickstoff
臭素 shūso Stink-Element Brom
塩素 enso Salz-Element Chlor

Wer unbedingt möchte, kann noch eine Handvoll weiterer Elemente mit Schriftzeichen schreiben – so zum Beispiel ケイ素 (珪素) keiso Silicium) oder ヒ素 (砒素) hiso Arsen, aber da die Schriftzeichen eher selten sind, bevorzugt man die Katakana+素 (Element)-Schreibweise. Das Gros der Elemente wird jedoch gänzlich mit Katakana geschrieben. Da haben es die Chinesen leichter oder schwerer – je nachdem, wie man es nimmt: Germanium wird auf Japanisch ゲルマニウム (Gerumaniumu) geschrieben, auf Chinesisch hingegen 锗 zhě (was rein gar nichts mit Deutschland zu tun hat – man hat einfach ein Zeichen mit dem Element Metall zum Schriftzeichen bestimmt).

Japanische Periodensysteme und vieles mehr kann man übrigens kostenlos bei der Webseite des MEXT (Ministerium für Bildung, Wissenschaft usw.) herunterladen – siehe zum Beispiel unten:

Periodentafel auf Japanisch. Quelle: MEXT (Ministerium für Bildung und Wissenschaft)

Periodentafel auf Japanisch. Quelle: MEXT (Ministerium für Bildung und Wissenschaft)

¹ Siehe unter anderem hier.

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Drastische Massnahmen: Striktes Alkoholverbot für alle amerikanischen Matrosen

Juni 6th, 2016 | Tagged | 5 Kommentare | 583 mal gelesen

Einfahrt zum Militärstützpunkt von Iwakuni

Einfahrt zum Militärstützpunkt von Iwakuni

Da werden sich die tausenden US-Navy-Angehörigen in den Stützpunkten in ganz Japan aber bedanken: Ihr Oberkommando hat heute nach Gesprächen mit der US-Botschafterin Kennedy und Vertretern der japanischen Selbstverteidigungskräfte beschlossen, ab sofort ein striktes und unbegrenztes Alkoholverbot einzuführen. Dieses gilt nicht nur ausserhalb, sondern ausdrücklich auch innerhalb der Stützpunkte. Bedanken können sich die Matrosen bei Aimee Mejia, die vor ein paar Tagen auf Okinawa betrunken auf der falschen (für Mitteleuropäer: richtigen) Seite der Strasse fuhr und dabei zwei Zivilisten verletzte.

Das allein würde wahrscheinlich nicht für ein striktes Alkoholverbot ausreichen, doch es könnte sehr wohl das Fass zum überlaufen bringen: Vor cirka 3 Wochen ermordete ein 32-jähriger amerikanischer Stützpunktangestellter (Zivilangestellter, wohlgemerkt) eine 20-jährige Frau auf Okinawa. Und dies nur ein paar Tage, nach dem seine Frau ihr erstes Kind geboren hatte. Der Amerikaner ist geständig und sitzt nun in Untersuchungshaft.

Vorfälle dieser Art kommen für beide Seiten sehr ungelegen, denn Abe und viele andere Politiker wollen die Stützpunkte im Land behalten, doch seit nunmehr 20 Jahren versucht man, zumindest den Futenma-Stützpunkt aus dicht besiedelten Gebiet in Okinawa an die Küste zu verlegen, doch dagegen gibt es seit Bekanntwerden der Pläne vehementen Widerstand. Und natürlich gibt es auch Stimmen, die fordern, amerikanische Stützpunkte ganz aus Japan zu verbannen – nach Guam zum Beispiel. Um diese Stimmen zu besänftigen, greift man deshalb zu dieser drastischen Massnahme. Sie beinhaltet nicht nur ein Alkoholverbot, sondern auch eine Ausgangssperre an sich: Selbst wer ausserhalb des Stützpunktes wohnt, darf jetzt nur noch zu wichtigen Besorgungen (Einkaufen, Tanken usw.) raus in die Öffentlichkeit.

Dann hoffen wir mal, dass es nicht zur Meuterei kommt — zehntausende Militärangehörige müssen jetzt nämlich die Suppe auslöffeln, die ihnen eins, zwei Verrückte eingebrockt haben. Und quasi wie im Gefängnis leben.

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Neues und grandioses Gesetz gegen Volksverhetzung tritt in Kraft

Juni 1st, 2016 | Tagged , | 4 Kommentare | 607 mal gelesen

Bisher war das in Japan kein Problem und absolut legal: Mit Postern und Megaphonen durch Wohnviertel ziehen und dabei laut verkünden, dass alle ethnischen Koreaner aufgehängt oder anderweitig ermordet werden sollen. Solche Demonstrationen sind in der Regel klein – die Teilnehmerzahlen sind oft zweistellig, wenn es hochkommt dreistellig. Doch Bekundungen dieser Art reichen trotzdem aus, um in den vor allem von zahlreichen ethnischen Koreanern bewohnten Vierteln wie zum Beispiel 大久保 Ōkubo (bei Shinjuku) für Verunsicherung zu sorgen. Das ist auch klar: Wer möchte zum Beispiel seinen Kindern so etwas zumuten? Gruppierungen wie die berüchtigte 在特会 Zaitokukai suchte sich natürlich gezielt Wohngebiete mit hohem Koreaneranteil beziehungsweise im Falle von Kyoto sogar eine koreanische Schule aus, denn das Ziel ist das gleiche wie bei allen anderen extremistischen, menschenverachtenden Gruppierungen: Man will Angst und Verunsicherung schüren.

In Japan waren bisher Verleumdungen und Drohungen strafbar, doch Volksverhetzung nicht. Japan ratifizierte 1995 das Internationale Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung (UN-Rassendiskriminierungskonvention und wurde mehrfach angemahnt, etwas gegen Volksverhetzung zu unternehmen, doch das hielt man bislang nicht für nötig. Jetzt wurde jedoch wenigstens eine Maßnahme gegen die im Neujapanischen ヘイトスピーチ hate speech genannte Krankheit Volksverhetzung getan: Nach einjähriger Diskussion im Parlament beschlossen Regierung und Opposition am 24. Mai gemeinsam, ein Gesetz gegen Volksverhetzung zu verabschieden – das ヘイトスピーチ対策法 hate speech taisaku-hō (Gesetz zu Massnahmen gegen Volksverhetzung).

Auf einer Anti-Korea-Demo in Japan

Auf einer Anti-Korea-Demo in Japan

So weit, so gut. Das ganze hat jedoch einen gewaltigen Haken: Das Gesetz verbietet Volksverhetzung nämlich gar nicht, und Strafen sind dementsprechend auch nicht vorgesehen – lediglich Massnahmen zur Eindämmung. Und die sollen am 3. Juni zu greifen beginnen. Dank dieses Gesetzes war es heute jedoch zum Beispiel dem Bürgermeister von Kawasaki möglich, einer ultrarechten Gruppierung eine Demonstration im Viertel Sakuragi zu verwehren. Dieses Viertel ist Kawasaki’s eigenes Koreanerviertel, und so kann die Demo nur einen Zweck haben: Gift zu sprühen und Hass zu verbreiten. Am 5. Juni sollte es soweit sein: Eine Hassdemonstration mit dem Titel 川崎発!日本浄化デモ第3弾 Aufbruch in Kawasaki: Die Säubert-Japan-Demo – dritte Auflage sollte in zwei Parks (Fujimi-Park und Inage-Park) stattfinden, doch zum ersten Mal gab eine Kommune dem Antrag nicht statt. Immerhin etwas. Wenn man sich jedoch mal wieder die Kommentare unter den betreffenden Meldungen (zum Beispiel hier) durchliest, merkt man schnell, dass nicht das Zaitokukai das Problem ist, sondern die zahllosen Unterstützer im Dunkeln, die sich nur feige-anonym im Internet dazu äussern. Rassismus in Japan ist ein nachwievor latentes Problem, und so richtig will keiner der etablierten Politker etwas dagegen unternehmen. Anders kann ich es mir nicht erklären, wie man ein Gesetz zur Volksverhetzung verabschiedet, ohne jene zu sanktionieren.

Wer wissen will, wie es auf einer japanischen Kundgebung der Ultrarechten so zugeht — einfach mal hier auf Youtube vorbeischauen – es gibt genug Material. Achtung – es wird laut.

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20 Jahre Japan

Mai 27th, 2016 | Tagged , | 17 Kommentare | 599 mal gelesen

2. Mai 1996 - der Anfang

2. Mai 1996 – der Anfang

Da hätte ich doch beinahe ein weiteres Jubiläum vergessen: 20 Jahre Japan, zu begehen am 2. Mai 2016! Immer, wenn ich gefragt werde, wie lange ich eigentlich in Japan sei, ist die Frage nicht so einfach zu beantworten. Denn hergezogen bin ich zwar 2005, aber das ganze ging eigentlich schon 1996 los.

Damals hatte ich eine wilde Horde Japaner kennengelernt, und irgendwann beschlossen, dass es doch mal interessant wäre, seine Fühler in fernere Gefilde auszustrecken. Mit ungewisser Aufenthaltsdauer: Bis zu einem halben Jahr sollt doch drin sein, dachte ich mir mit meinem jugendlichen, 21-jährigen Leichtsinn so.
Gesagt, getan. In den Semesterferien ging ich, damals mangels Alternativen, auf Baustellen jobben, um ein paar Yen zusammenzukratzen. Interessanterweise war der damals billigste Flug einer mit Air India, mit kostenlos ausdehnbaren Stopovers in Mumbai und Delhi, und das liess ich mir natürlich nicht entgehen: Eine gute Woche Mumbai und ein Tag Delhi fielen so auch noch an. Dann ging es endlich nach Tokyo. Immerhin konnte ich ja schon die Hiragana vollständig und die Katakana stotternd lesen. Und wahrscheinlich so um die 50 Schriftzeichen, wenn es hochkommt.

Große Sprünge waren damals nicht möglich, das merkte ich ziemlich schnell. Tokyo, Izu, Nikko – das war es in etwa auch schon. Sowie ausgedehnte Spaziergänge durch Tokyo (von Nerima bis zum Meer usw). Die Idee, dort fast ein halbes Jahr zu bleiben, verwarf ich ziemlich schnell wieder als reichlich unvernünftig – hauptsächlich auch, weil ich meiner Gastgeberin und ihrer Familie nicht so lange auf die Nerven gehen wollte, und so wurde letztendlich gerade mal ein Monat daraus. Ohne Internet, ohne Telefon, ohne Computer… eigentlich eine sehr interessante Zeit.

Mit Air India nach Narita

Mit Air India nach Narita

In bleibender Erinnerung ist mir noch immer eine Taxifahrt: Nach einer Feier mit Freunden mit Omiya verpassten wir den letzten Zug und beschlossen so, ein Taxi zu nehmen. Meine Begleiterin war sturzbetrunken und unfähig zu reden. Der Taxifahrer wusste nicht, wo oben und unten ist (ich hatte natürlich keine Ahnung, dass das in Tokyo völlig normal ist), und konnte natürlich kein Wort Englisch. Und ich wusste nicht, was „links“ und „geradeaus“ auf Japanisch heisst, so dass ich ihn eine halbe Stunde lang mit „rechts!“, „nicht rechts!“ und wildem Gefuchtele durch die Gegend manövrierte. Immerhin: Wir kamen irgendwann an.

Was sich seitdem geändert hat, ist schwer zu sagen. Es ist definitiv leichter für Ausländer geworden. Und eine Lektion habe ich gelernt: Ohne Japanischkenntnisse ist dieses Land eigentlich nicht zu begreifen (das reichte dann auch als Motivation, danach jeden an der Uni angebotenen Japanischkurs mitzunehmen, obwohl das gar nicht zu meinem Lehrplan gehörte). Hin und wieder jedoch blitzen noch heute Erinnerungen auf: Besonders an Orte natürlich, die sich ins Gedächtnis eingeprägt hatten und heute völlig anders aussehen (Roppongi zum Beispiel, obwohl ich das damals schon nicht mochte).

Schade nur, dass ich damals der festen Überzeugung war, dass zu viel Fotografieren die eigentliche Reisefreude trübt. So entstanden in Indien gerade mal knappe 20 Bilder, und in Japan maximal ein 36-Aufnahmen-Film.

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Senryū-Wettbewerb 2016: Die Gewinner und mehr

Mai 24th, 2016 | Tagged , , | 5 Kommentare | 666 mal gelesen

sararimanAuch in diesem Jahr fand er wieder statt – der サラリーマン川柳コンクール Sarariman-Senryū-Wettbewerb, ausgetragen von der der Daiichi Seimei Hoken (“Erste Lebensversicherung”). Und zwar zum 29. Mal. Die Gewinner wurden heute bekanntgegeben, und bis März hatte jeder die Möglichkeit, aus den 100 besten Senryūs den persönlichen Favoriten zu nominieren. Da diese Senryu immer ein herrlicher Spiegel der Zeit sind und zudem noch eine gute Sprachübung, möchte ich an dieser Stelle wieder eine kurze Auswahl vorstellen:

退職金もらった瞬間 妻ドローン
Taishokukin moratta shunkan tsuma dorōn
Kaum erhalte ich mein Altersgeld, die Gattin zur Überwachungsdrohne mutiert

Der Sieger des diesjährigen Wettbewerbs. Drohnen sind auch in Japan ein ganz grosses Thema, und dieses Haiku deutet an, dass so manche japanische Ehefrau sicherlich sehr genau darüber wacht, was der Göttergatte mit dem (zumindest bei grossen japanischen Firmen) sehr üppigen Altersgeld macht.

じいちゃん建てても孫がばあちゃんち
Jiichan tatetemo mago ga baachanchi
Obwohl der Opa das Haus gebaut, nennen es die Enkel „Omas Haus“

Der Zweitplazierte. Und auch das ein schöner Spiegel der Gesellschaft in Japan. Japanischlerner sollten das -chi am Ende bemerken: Das ist Kindersprache und eine Abkürzung von „uchi“ (Haus).

君だけは俺のもの マイナンバー
Kimi dake ha ore no mono da yo my number
Du bist das einzige, was nur mir gehört – My Number

Der drittplatzierte. Ledige, jeden Tag bis Mitternacht arbeitende junge Schlipsträger werden darüber wohl nur gequält lächeln können.

娘来て 「誰もいないの?」オレいるよ
Musume kite „dare mo inai no?“ Ore iru yo
Kommt die Tochter vorbei „Niemand da?“ – Doch, ich!

Dieser Haiku fand auch sehr viel Zuspruch und deutet daraufhin, dass der durchschnittlich rackernde japanische Schlipsträger so gut wie nie zu Hause ist — und damit zu Hause quasi Luft ist.

「できません‼︎」 言えるあなたは 勝ち組です
„Dekimasen!!“ ieru anata wa kachigumi desu
Der, der „das kann ich nicht“ sagen kann, ist der eigentliche Gewinner

Dieser hier ist herrlich: Die meisten wagen es nicht, „nein“ zu sagen, wenn sie vom Vorgesetzten gebeten werden, etwas zu machen – ob sie es können oder nicht. Die Arbeiter, die alles annehmen, bezahlen natürlich den Preis dafür: Schnell sind zahllose Überstunden die Folge (siehe alte Managerregel: Wenn Du etwas sehr schnell erledigt haben möchtest, frage den, der am beschäftigsten ist!).

本物の ビール3本 わが爆買い
Honmono no biiru sanbon wagabakugai
Drei richtige Dosen Bier – so sieht mein „Kaufrausch“ aus

Über „bakugai“ habe ich ja erst im letzten Artikel berichtet. Wie praktisch.

我が家では イエスかハイの 二択制
Wagaie de wa yes ka hai no nitakusei
„Yes“ oder „hai“: Bei uns zu Haus‘ gibt es zwei mögliche Antworten

辞書にない 難読難解 生徒の名
Jisho ni nai Nandoku nankai seito no na
Schwer zu lesen, schwer zu entziffern – steht in keinem Wörterbuch: die Vornamen meiner Schüler

Diesem Thema habe ich in meinem Buch sogar ein ganzes Kapitel gewidmet.

Ältere Artikel zu den Senryu auf diesem Blog: Die besten Senryu 2015, 2013, 2009 und 2007.

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Unbeliebtes China oder können 83% der Japaner irren?

Mai 20th, 2016 | Tagged , | 9 Kommentare | 811 mal gelesen

Alljährlich und beginnend mit der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit der VR China vor 44 Jahren veranlasst das japanische Außenministerium eine Umfrage, in der unter anderem untersucht wird, was der Durchschnittstaro über eben jene Volksrepublik denkt¹. In diesem Jahr war das Ergebnis so schlecht wie nie: 83,2% der Befragten gaben an, der VR China und deren Bewohnern gegenüber „nicht wohlgesonnen“ oder „eher nicht wohlgesonnen“ zu sein. Das war früher anders: Bis zum Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 war es eher andersrum – bis zu 80% blickten dabei wohlwollend auf die Festlandschinesen. Logisch, könnte man hier einwerfen: In jener Zeit war es ja normalen Chinesen gar nicht möglich, nach Japan zu kommen – man konnte den Genossen gemütlich aus der Ferne zusehen und freute sich wahrscheinlich, dass sich das Riesenreich allmählich wirtschaftlich öffnete.

Veränderung der Unbeliebtheitsskala gegenüber China. Quelle: Aussenministerium

Veränderung der Unbeliebtheitsskala gegenüber China. Quelle: Aussenministerium

Mit dem Tian’anmen-Vorfall war das plötzlich vorbei: Der Anteil derer, der eher mißtrauisch auf das Treiben in China sah, war schlagartig in der Mehrheit. Und in den vergangenen Jahren kann man auch nicht gerade von einer Sonnenscheinpolitik Chinas gegenüber Japan sprechen: Die Gebietsansprüche sind enorm, auch gegenüber Japan (Senkaku-Inseln) und werden immer aggressiver vertreten. Doch das ist nicht das einzige Problem: Japanische Produkte sind in der explosionsartig entstandenen Mittelschicht Chinas aufgrund des Misstrauens in die heimischen Produkte enorm beliebt, doch da auch ein noch so gewiefter japanischer Windelhersteller mal nicht eben zusätzliche 100 oder mehr Millionen Chinesen mit Windeln versorgen kann, kommt die Produktion nicht hinterher, zumal es nach wie vor schwer ist, sich auf dem gut protektionierten chinesischen Markt niederzulassen. Aus diesem Grund begann vor ein paar Jahren ein regelrechter Einkaufstourismus gen Japan.

Geht weg wie warme Semmeln: Merries-Windeln.

Geht weg wie warme Semmeln: Merries-Windeln.

Mein Schwager, seines Zeichens jemand, der über mehrere Filialen einer Drogeriekette wacht, schildert dieses 爆買い bakugai (in etwa: Kaufrausch) genannte Verhalten so: Die Filiale hat noch nicht einmal geöffnet, aber schon parkt ein Bus voll mit Chinesen vor der Tür. Sobald die Filiale aufmacht, dauert es keine 2 Minuten, bis sämtliche Bestände eines gewissen Produkts (zum Beispiel Windeln der Marke Merries) restlos ausverkauft sind. Keiner spricht ein Wort Japanisch, aber das Personal wird mitunter unfreundlich angeraunzt, wenn die Menge nicht ausreichte. Mitunter klappen die Busgesellschaften etliche Filialen kurz hintereinander ab, und es wird gekauft, was in den Bus passt.

Das ist bzw. war aber nicht nur in Drogerien so – auch Luxusartikel sind sehr gefragt. Laut Untersuchung des Tourismusamtes² gibt angeblich ein Besucher aus China im Durchschnitt über 2,000 Euro in Japan aus – und das garantiert nicht nur für Hotel und Souvenirs. Es werden Waren gehamstert und schliesslich mit Gewinn in China weiterverkauft (deutsche Japanbesucher geben im Schnitt nur 1’200 Euro aus und Koreaner nur 500 Euro).

Ein positives Problem, möchte man meinen, denn ohne den für viele unheimlichen Besucherstrom würde es der ohnehin schon lange kränkelnden Wirtschaft noch schlechter gehen. 83,2% der Japaner geht das jedoch offensichtlich gegen den Strich. Man muss allerdings kein Psychologe oder Soziologe sein, um zu erahnen, dass es einfach Angst ist – Angst vor dem immer stärker werdenden Nachbarn, der mit Japan bald machen kann, was er will – denn Japan liegt an der Peripherie und ist wohl oder übel gezwungen, sich mit der Volksrepublik zu arrangieren. Das merkt man allein daran, dass wiederum 70% der Befragten angaben, gute Beziehungen zu China für sehr wichtig zu erachten.


¹ Die Umfrageergebnisse werden hier veröffentlicht. Gefragt wird auch nach Koreanern (64,7% sind jenen nicht wohlgesonnen).
² Ergebnisse siehe hier.

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Umgekehrter Kulturschock im Anmarsch

Mai 16th, 2016 | Tagged | 14 Kommentare | 814 mal gelesen

Im Juli geht es endlich mal wieder in die Heimat – und dieses Mal sogar richtig lange, also fast 3 Wochen. Das wird auch langsam Zeit – schliesslich war ich seit drei Jahren nicht mehr dort. Und wie immer freue (?) ich mich auf den sogenannten reverse culture shock, der umso schlimmer ausfällt, je länger man weggeblieben ist, denn der Mensch hat ja die famose Eigenschaft, gute Erinnerungen den schlechten hervorzuziehen. Vor drei Jahren kam ich zum Beispiel in meinem Heimatort in den Genuss des Kulturschocks. Eines Abends beschloss ich, allein etwas durch die dunklen Gassen zu schlurfen und wenn möglich kurz in einer Bar aufzuschlagen, um mal wieder richtig die Eingeborenen beobachten zu können. Das ich dabei jemanden Bekannten treffen würde, war ziemlich unwahrscheinlich: Ich bin mit 14 Jahren aus der Stadt weggezogen, und ich habe ein lausiges Personengedächtnis: Selbst wenn jemand von meiner alten Klasse neben mir sitzen würde, würde ich den- oder diejenige mit Sicherheit nicht wiedererkennen. Irgendwann traf ich tatsächlich auf eine pubähnliche Einrichtung mit – meine alte Biologielehrerin hätte dazu „Muschepupu-Beleuchtung“ gesagt – eines dieser famosen und aberwitzigen Wörter, die man nie im Leben zuvor gehört hat, aber sofort weiss, was gemeint ist. Im Etablissement war ich prompt enttäuscht: Zwei Daddelautomaten dudelten leise vor sich hin. Die Dinger hatte ich in der Tat völlig vergessen. Hinter dem Tresen stand eine Dame, wahrscheinlich um die 30, und am Tresen sassen drei Gäste – ganz offensichtlich Stammgäste, die sich und die Bedienung lange kannten. Das ist kein Wunder in einem 30’000-Seelenort. Das Beisammensein der vier sah recht intim aus, und es war schon elf Uhr abends und werktags – da drängte sich natürlich die berechtigte Sorge auf, dass hier gleich Zapfenstreich gemacht wird. Also fragte ich, mangels Hinweisen auf Öffnungszeiten, freundlich nach, wie lange denn heute geöffnet sei. Die Antwort kam prompt: “ Na die janze Nacht will ick hier nich mit Dir rumhängen!“ Rums. Direkt in die Fresse. Hier herrschen klare Verhältnisse, und dem Gast wird sofort klargemacht, dass er hier nur nämlicher ist.

Nun ist (Rand)berlin ohnehin nicht berühmt für seine Kundenfreundlichkeit. Und letztendlich tröstete ich mich mit dem Gedanken, mit dem ich auch meine Frau damals in der Ukraine, Weißrussland und ähnlichen Gefilden auf Reisen tröstete: „Sieh es mal so: Wenn Dich hier jemand anlächelt, dann ist es wenigstens ein echtes Lächeln!“

Natürlich geht es nicht nur mir so. Mein englischer Geschäftspartner weilt zum ersten Mal seit 20 Jahren ein paar Monate auf der heimischen Insel. Seinen Worten zufolge funktionieren dort zuverlässig 9 von 10 Dingen überhaupt nicht, was ihn zur allabendlichen, verzweifelten Frage bringt: Wie können die Leute hier nur leben?

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