Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Ab in den Süden

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Minihaus mit Graffiti. Letzteres ist eher eine Seltenheit in Japan.

Sommerloch, eine nicht enden wollende Hitzewelle und zu viel Arbeit in diesem Jahr – Zeit für einen zweiwöchigen, für japanische Verhältnisse also ziemlich langen Urlaub. Mit Kind und Kegel geht es in ein paar Tagen auf zu meinem fünften Kontinent auf der Reisekarte, und jener wird passenderweise auch 5. Kontinent genannt. Das dortige Wetter jedenfalls klingt für nun bereits ausgebackene Tokyo-Bewohner wie das Paradies: Nachts 15, tagsüber 22 Grad. Was will man mehr. Das Timing passt auch, da die Hitzewelle noch zwei Wochen oder mehr anhalten soll. Das macht sich in der Tat bemerkbar: Ich höre pausenlos Krankenwagen, habe in einer Woche in Zügen und Bahnhöfen Menschen zusammenbrechen sehen, und kenne bisher drei Orte in näherer Umgebung, bei denen die Klimaanlagen versagt haben. Kurze Rede, schwacher Sinn: Für die nächsten zwei Wochen wird es keine Nachrichten aus Japan geben, vielleicht aber einen Beitrag der Rubrik „Out-of-Japan“, um bei den ja schon obligatorischen 7 Beiträgen pro Monat zu bleiben.

Übrigens ist die Zahl der Japanbesucher im ersten Halbjahr dieses Jahres erneut gestiegen – um 15%. Wer momentan in Japan Urlaub macht, tut mir da ein bisschen leid. In Kyoto zum Beispiel herrschen seit Tagen 39 Grad, und das strengt an (mein persönlicher Rekord auf Reisen liegt bei 46 Grad, in Indien – aber das nur am Rande).

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern eine angenehme Blogruhe und, so hoffe ich zumindest, den einen oder anderen Urlaubstag.

Das Beitragsbild passt zwar nicht zum Thema, aber dieses Haus fiel mir schon lange auf und irgendwann muss das Bild einfach raus. Das Häuschen steht an einer der wichtigsten Strassen Tokyos, zwischen Ebisu und Shibuya.

Freihandelsabkommen zwischen Japan und EU ratifiziert

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Seit 2013 wurde es verhandelt, und die momentane Entwicklung der Weltwirtschaft hat den Prozess sicherlich beschleunigt: Heute ratifizierten die EU und Japan ein Freihandelsabkommen, bekannt unter dem Namen 日本・EU経済連携協定 Japan-EU-Wirtschaftspartnerschaftsabkommens beziehungsweise unter der Abkürzung ETA. Nun müssen nur noch das EU-Parlament sowie das japanische Parlament dem Abkommen zustimmen, so dass es bereits Anfang des nächsten Jahres in Kraft treten könnte (so nichts dazwischen kommt).

Betroffen sind von dem Freihandelsabkommen rund 600 Millionen Menschen – und 30% der Weltwirtschaftsleistung. Es ist also ein durchaus gewaltiges Abkommen, und somit für die USA und Post-Brexit-UK keine guten Nachrichten. Der Protektionismus seitens der Angloamerikaner wird sicherlich noch das eine oder andere Freihandelsabkommen forcieren, so dass die USA und Großbritannien aufpassen müssen, nicht ins Abseits zu geraten. Offensichtlich ist zum Beispiel auch China auf der Suche nach neuen bzw. starken Freunden.

Wie vor fast einem Jahr schon hier berichtet, bedeutet das Abkommen konkret für Japan zum Beispiel, dass Importzölle für Wein, Käse und etliche andere Produkte aus Europa drastisch reduziert oder gar abgeschafft werden. Im Gegenzug werden die Importzölle für Autos und Haushaltswaren aus Japan gesenkt bzw. abgeschafft – für den Verbraucher auf den ersten Blick eine feine Sache also, aber es wird natürlich auch negative Folgen haben, da der Wettbewerb somit härter wird.

Sommer extrem | Ab auf den Bauernhof

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Bauernkino in der Mother Farm auf Chiba

Der Sommer in Japan wird wirklich allmählich extrem, dabei hätte er zum Beispiel im Raum Tokyo noch gar nicht anfangen sollen: Normalerweise ist die Regenzeit erst rund um den 20. Juli herum zu Ende. Die Folgen der Unwetter im Westen Japans vor einer knappen Woche werden auch erst allmählich deutlich: Die Zahl der Todesopfer ist bereits auf über 200 gestiegen, und viele Strassen und Bahnlinien sind noch immer unpassierbar. In anderen Landesteilen herrscht hingegen grosse Hitze: Am kommenden, verlängerten Wochenende (Montag ist „Tag des Meeres“) werden in Kyoto circa 38 Grad erwartet; auch in Tokyo werden es wohl um die 35 Grad werden. Dummerweise ist bereits die Klimaanlage in meinem Büro durchgeschmort, und die Behelfslösung, die uns der Vermieter installiert hat, reicht vorne und hinten nicht. Ein Ventilator hilft da wenig: Schwüle 30+ Grade sind einfach zu warm, ob Wind weht oder nicht.

Trotz der Hitze zog es uns am vergangenen Wochenende zur sogenannten „マザー牧場牧場 Mother Farm“ in den Bergen der Präfektur Chiba. Der einstige Landwirtschaftsbetrieb ist heuer eine Mischung aus Bauernhof, Themenpark und Zirkus und ist von der Lage her traumhaft – das weitreichende Gelände befindet sich auf einem Berg, von wo aus man die Bucht von Tokyo und die Berge der Bōsō-Halbinsel einsehen kann. Die Berge dort sind etwas besonderes – sie sind zumeist nur 200, 300 Meter hoch, aber verhältnismäßig steil und dicht gesät. Die Farm an sich macht Spass, aber es wird kräftig zugelangt: So ziemlich alles kostet extra und nicht gerade wenig. Auf eigene Weise interessant war eine kurzweilige Show, bei der die Besucher in einem klimatisierten Gebäude vor einer leeren Bühne sassen – mit einem riesigen Panoramafenster dahinter – dort marschierten alle möglichen Tiere auf. Bauernkino quasi. Für Menschen vom Land (auch ich habe als Stift einiges an Zeit auf dem Land verbracht) nichts Neues, aber dür Großstadtkinder natürlich etwas Besonderes, zumal die lieben Kleinen auch selbst Hand anlegen dürfen – beim Melken zum Beispiel.

Bergwelt von Chiba

Globale Erwärmung und was sie für Japan bedeutet

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ANN-Berichterstattung über Starkregen in Westjapan
ANN-Berichterstattung über Starkregen in Westjapan

Die Wetterereignisse der vergangenen Tage geben (leider mal wieder) Anlass dazu, über das Thema der Globalen Erwärmung nachzudenken, und was selbige konkret für Japan bedeuten wird. Viele Menschen denken da nämlich erstmal an steigende Meeresspiegel und häufigere und stärkere Taifune, doch in Japan ist ein anderes Phänomen sehr bedrohlich: Auf Japanisch wird dies 集中豪雨 shūchū gōu (lokales Starkregenereignis) genannt, und die Folgen stehen dem eines kräftigen Taifuns oder gar eines Tsunamis in nichts nach.

Der starke Regen der vergangenen Tage konzentrierte sich vor allem auf den Westteil der Insel Honshu und der Insel Shikoku sowie auf Hokkaido, mit besonders dramatischen Folgen in der Gegend um Hiroshima und Kurashiki (Präfektur Okayama) sowie in der Gegend um Uwajima (Präfektur Ehime). Nach jetzigem Stand verloren mindestens 110 Menschen ihr Leben, und dutzende gelten noch als vermisst. Das ist erst recht viel, wenn man bedenkt, dass der Katastrophenschutz in Japan sehr weit fortgeschritten ist – in jedem anderem Land der Erde hätten Regenfälle dieses Ausmasses weitaus mehr Verluste zur Folge.

Nun sind diese Starkregenereignisse keine Erfindung der Neuzeit und kein Beweis allein für die Globale Erwärmung. Im Jahr 1938 zum Beispiel, also vor 80 Jahren, sorgte extremer Regen in Kobe für Sturzfluten, die mehr als 600 Menschen das Leben kostete. 1957 kamen beim Isahaya-Regen in der Präfektur Nagasaki fast 1,000 Menschen ums Leben. Doch der Abstand solcher Ereignisse schrumpft spürbar. Erst letztes Jahr kamen 34 Menschen auf Kyushu ums Leben – einige Ortschaften sind noch immer nicht komplett wiederhergestellt. Und erst vor vier Jahren, im August 2014, rissen Schlamm- und Wassermassen 77 Menschen in den Tod – ebenfalls in Hiroshima, in den nördlichen Stadtvierteln Asakita und Asaminami, die auch dieses Jahr wieder getroffen worden. Die Opferzahl in diesem Jahr ist jedoch die höchste seit dem Beginn der Heisei-Zeit vor 30 Jahren, und sie lässt befürchten, dass man Nachrichten wie die der letzten Tage in Zukunft häufiger hören wird.

Eine vollständige Vorbeugung von Schäden ist in Japan leider nahezu unmöglich: Sicherlich, man sollte nicht an instabilen Berghängen oder Flüssen bauen, aber ein großer Teil japanischen Baulandes liegt genau in solchen Lagen. Letztendlich steckt man deshalb den Hauptteil der Energie in Vorwarnsysteme und Evakuierungsmechanismen, doch bei Regenfällen von über 250 mm innerhalb von 3 Stunden (so gemessen in Kochi vor ein paar Tagen) geraten auch diese Mechanismen eindeutig an ihre Grenzen.

Gleichzeitig kann man die Folgen der globalen Erwärmung auch am Gegenteil festmachen: Trotz Regenzeit trocknen Okinawa sowie die Gegend um Tokyo regelrecht aus — es fällt viel weniger Regen als üblich, und dieser fehlende Regen wird Wasserversorgungsprobleme im Sommer und Herbst, bis hinein in den Winter, mit sich bringen. Die Regenzeit in Tokyo zum Beispiel wurde am 29. Juni für beendet erklärt – drei Wochen vor dem normalen Ende der Regenzeit. Und so lassen sich momentan die Folgen der globalen Erwärmung für Japan so zusammenfassen: Es regnet weniger, aber wenn es mal regnet, dann verheerend. Wäre ich Zyniker, könnte ich also sagen, dass sich statistisch gesehen eigentlich nicht viel ändert. Die Ereignisse in Westjapan in den vergangenen Tagen werden nun auch in der Politik als Zeichen verstanden, doch es steht zu befürchten, dass sich die Atomkraftbefürworter gestärkt sehen und versuchen, aus dem Thema der Globalen Erwärmung Kapital zu schlagen.

Lass die Kugel rollen: Casinos in Japan werden immer wahrscheinlicher

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Bald auch in Japan? Casino in Macao.

Die Idee gibt es seit Jahren, und schaut man auf Singapur oder Macao, dann ist das ganze für Staat und Gemeinden natürlich schon verlockend: Der professionelle Betrieb von Casinos. Dem stand bisher das japanische Glücksspielgesetz im Weg, das das Spielen um Geld schlichtweg verbietet. Allerdings sind die Löcher in dem Gesetz seit eh und je riesengroß und machen das Gesetz zur Farce – natürlich kann man in jeder Pachinko- oder Pachislo-Bude Geld gewinnen. Das Glücksspielgesetz bewirkt lediglich, dass die Spieler ein paar Meter um die Ecke laufen müssen, um ihren Gewinn, so erfolgreich, einzutreiben.

Die neue Gesetzesvorlage passierte heute nun den parlamentarischen Ausschuß des Oberhauses, so dass das Gesetz bereits morgen im Oberhaus verabschiedet werden kann. Das ist dank satter Mehrheit der Regierungskoalition auch äußerst wahrscheinlich. Das Gesetz soll die japanischen Bürger vor der Spielsucht bewahren und legt deshalb Grenzen – für den Betrieb der bisher nicht erlaubten – Casinos fest. Die Eckpunkte sollen wie folgt aussehen.

  • Maximal drei Casinos dürfen in Japan betrieben werden (die Anzahl kann frühestens nach 7 Jahren revidiert werden)
  • Jedes Casino muss Teil eines Integrierten Vergnügungsparks (IR) sein
  • Der Eintritt soll 6’000 Yen kosten – das soll jedoch hauptsächlich für japanische Staatsbürger gelten und ist teurer als das, was die teuersten Kasinos in Singapur verlangen
  • Japanische Staatsbürger dürfen maximal 3 Mal pro Woche beziehungsweise maximal 10 Mal pro Monat spielen
  • Japanische Staatsbürger müssen ihre „MyNumber“ (eine Personenkennziffer, die den Abgleich aller Daten – Steuern, Banken, Arbeit usw. – ermöglich) angeben
  • 30% der Einkünfte der Casinos müssen an den Staat abgeführt werden

Mit diesen Regelungen soll offensichtlich dafür gesorgt werden, dass hauptsächlich ausländischen Spielern die Geldkatze gemolken werden soll, und da schielt man natürlich vor allem auf chinesische Besucher, die gern ihr Geld in Macaos Casinos lassen und dies sicher auch gern in Japan tun werden. Die Regelungen für japanische Spieler sind hingegen verhältnismäßig lasch: Die MyNumber-Klausel wird vielleicht den Einen oder Anderen abschrecken, aber nur 10 Mal pro Monat ins Kasino gehen zu dürfen wird vor Glücksspielsucht kaum abschrecken. Man darf jedoch gespannt sein, wo die Casinos entstehen werden. Eines der 3 würde jedoch auf jeden Fall nach Shirahama (südlich von Osaka) passen.

Fahrradtrip durch Kawasaki & Yokohama

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Aus urlaubstechnischen Gründen habe ich mir nun doch mal eine sogenannte action camera zugelegt – und die erlaubte mir nun, etwas zu machen, was ich schon lange mal machen wollte — meinen Weg zum Bahnhof zu filmen. Einfach mal so. Der nächstgelegene Bahnhof ist zwar nur rund 2 Kilometer entfernt (bewusst gewählt — denn mit zunehmender Entfernung ist es ruhiger), aber so das Wetter mitspielt, fahre ich zu einem anderen Bahnhof – dem knapp 5 Kilometer entfernten たまプラーザ Tama Plaza, dem nördlichsten Bahnhof von Yokohama. Eigentlich seltsam, da Kawasaki, mein Wohnort, zwischen Yokohama und Tokyo liegt, doch so bin ich in nur 20 Minuten in Shibuya. Die Fahrt zum Bahnhof hat es allerdings in sich – es geht permanent rauf und runter, und ein paar Kreuzungen unterwegs sind auch nicht ohne. Die Gegend ist übrigens ziemlich wohlhabend, und dazu passt auch der Stadtteilname auf halbem Wege: 美しが丘 Utsukushigaoka – der „Schöne Hügel“. Fast nur Einfamilienhäuser, und viel Grün.

Es geht übrigens ziemlich langsam voran, denn heute morgen waren es vor 9 Uhr schon 30 Grad…

Noch zwei Anmerkungen: Das Datum auf dem Video stimmt nicht, wie man unschwer an der Zeit erkennen kann. Und die Kamera ist am Lenker angebracht, nicht am Helm, weshalb die Dinge manchmal näher erscheinen, als sie wirklich sind.

Sittiche machen sich jetzt auch in Japan breit | Kleines Vogelquiz ​

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In Europa, darunter selbst auch in Deutschland, machen sich die Sittiche breit — die gefiederten Freunde kommen eigentlich aus südlicheren Gefilden, fühlen sich aber zunehmend auch in nördlicheren Breiten wohl. Hauptsächlich handelt es sich dabei wohl um Mönchssittiche und Halsbandsittiche. Die wurden bisher in Japan maximal als Haustiere gehalten.

Doch seit einigen Wochen mehren sich in Tokyo und der benachbarten Präfektur Kanagawa (mit den Millionenstädten Yokohama und Kawasaki) Anwohnerbeschwerden über eine Vogelart, die nicht nach Japan gehört: Den Halsbandsittich. Die grünen Vögelchen gehören zu den Edelsittichen und damit zur Familie der Papageien, und sie sind reichlich laut und zankhaft. In einem Fall wurde darüber berichtet, das sich bis zu 1’000 Exemplare in einem Park am Abend versammeln und einen Heidenlärm verursachen. Da die Tiere auch als Haustiere beliebt sind, geht man davon aus, dass sich die Population aus entflohenen Haustieren zusammengerottet hat. Das klingt anfangs etwas unwahrscheinlich, zumal Vögel in Japan als Haustiere verhältnismäßig ungewöhnlich sind, aber wenn man bedenkt, dass die Sittiche bis zu 30 Jahre alt werden können, ist es wahrscheinlich schon möglich.

Nun könnte man unken, dass besagte Neozoen ein paar Farbtupfer in die arg krähenlastigen japanischen Großstädte bringen könnte. Was den Lärm anbelangt, wird der Unterschied zu den Raben auch nicht allzu groß sein.

Deshalb zu dem Thema auch mal ein kleines Quiz:

1) Das Schriftzeichen für „Vogel“ schlechthin ist

und das Zeichen für „Krähe“

Ein feiner Unterschied, aber woher stammt dieser Unterschied?

2.) Auf allen japanischen Geldscheinen ist ein Sittich versteckt. Aber wo?

Garantiert nicht sittichfrei: Japanische Geldscheine

Anmerkung: Das Beitragsfoto zeigt übrigens Mönchssittiche (so weit ich weiss) und keine Halsbandsittiche. Das Foto entstand in Barcelona, wo die Sittiche zahlreich und lautstark vertreten sind.

JW-10 – die „Mutter“ der japanischen Eingabegeräte

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Word Processor JW-10
Word Processor JW-10

Jüngst hat es uns mal in das (kostenlose) Technikmuseum von Toshiba direkt am Hauptbahnhof von Kawasaki verschlagen. Das Museum als solches war relativ voll und in weiten Teilen nur mäßig interessant, doch in einem Raum hat man Haushaltsgeräte und Computer verschiedener Jahrzehnte ausgestellt, und dieser Bereich, ist, so man ein wenig „nerdig“ veranlagt ist, sehr interessant. Unter anderem steht doch auch ein JW-10 rum.

In den Handel kam das Gerät 1979, und es war einer der ersten sogenannten ワープロ Waapro – kurz für „Word Processor“ und definitiv ein aussterbendes Wort dieser Tage. Das Monstrum wiegt 220 Kilogramm, hat eine 10-MB-Festplatte (für die Zeit war das sehr ordentlich) und kostete schlappe 6,3 Millionen Yen. Anmerkung am Rande: Die Kaufkraft hat sich kaum verändert, 6,3 Millionen Yen waren damals ziemlich genauso viel wert wie heute — in Euro umgerechnet sind dies rund 45,000 Euro.

Der JW-10 sollte die Eingabe japanischer Schrift revolutionieren. In der Tat gab es schon seit 1915 Schreibmaschinen, mit denen japanisch geschrieben werden konnte (siehe japanische Wikipedia), doch der Anblick lässt erahnen, dass es schlichtweg unmöglich war, damit mal eben schnell etwas zu verfassen. Aus mehr als 2’200 Zeichen auswählen dauert länger als aus 26 Zeichen auswählen – egal, wie viel Übung man darin hat.

Die Hauptidee hinter dem JW-10 war die Umwandlung von Kana in Kanji, und zwar auch innerhalb von Worten: Während man vorher für das Adjektiv „素晴らしい“ erst ein Schriftzeichen, dann das nächste, und dann drei verschiedene Hiragana eingeben musste, konnte man mit dem JW-10 das ganze Wort in Hiragana schreiben, also „すばらしい“, und hernach die Schriftzeichenumwandlungstaste drücken. Wenn man Glück hatte, kannte das Gerät dieses Wort und wusste also, welche Schriftzeichen es liefern muss.

Doch die Rechenleistung war damals natürlich noch beschränkt, und die gängige Silbe „こう“ in ein Schriftzeichen umzuwandeln brachte das System bereits an die Grenzen, denn es musste nun dutzende Schriftzeichen (die man alle „こう“ lesen kann) in den virtuellen Speicher schieben, was zu einem memory swap-ähnlichen Phänomen führte: Das Gerät hing sich auf, beziehungsweise war kurz davor und zwang den Schreiber dazu, eine Pause einzulegen.

Heute sind all diese Sachen selbstverständlich. Zum Glück. Gerade in der japanischen Sprache haben Computer vieles wirklich einfacher gemacht — allerdings mit dem negativen Nebeneffekt, dass viele Japaner kaum noch vernünftig mit der Hand schreiben können (mir geht es nicht anders: Lesen ist kein Problem, aber wenn man plötzlich mit der Hand schreiben soll, vergisst man vieles, was man früher problemlos schreiben konnte).

Die Webseite des Museums gibt es hier: 東芝未来科学館 Tōshiba Mirai Kagakukan.

Schweres Erdbeben mit Epizentrum direkt in Osaka: Zwischenbilanz

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Heute morgen, am 18. Juni 2018, gab es um 7:58 in der Kansai-Gegend ein schweres Erdbeben. Das Epizentrum lag dabei direkt unter Japans zweitgrösstem Ballungsgebiet, Osaka. Auf der nach oben offenen Richterskala wurde die Stärke mit 5,9 angegeben; nach der japanischen Skala (die sich mehr nach der Wirkung richtet) wurde im Nordteil eine schwache 6 (6-), im Südteil der benachbarten Kaiserstadt Kyoto eine starke 5 (5+) gemessen. Als Faustregel kann man in Japan sagen, dass nennenswerte Schäden bei einer 6 beginnen – die meisten Bauwerke und Strukturen stecken Erdbeben bis einschließlich 5 halbwegs gut weg.

Da das Epizentrum nicht im offenen Meer lag, gab es von Anfang an keine Sorgen um einen Tsunami. Und: Die Stärke des Erdbebens nach der japanischen Skala im Vergleich zur Richter-Skala war der Tatsache geschuldet, dass das Epizentrum mit einer Tiefe von 10 km nur knapp unter der Erdoberfläche lag. Entgleisungen von Zügen, Zusammenbrüche von Brücken oder Einstürze größerer Bauwerke gab es zum Glück nicht, doch nach jetzigen Kenntnissen sind 3 Todesopfer zu beklagen. Zudem gab es rund 300 Verletzte. Die meisten Züge der Region wurden für weite Teile des Tages erstmal angehalten, um die Infrastruktur auf Schäden zu untersuchen, aber der Grossteil fuhr am Abend wieder. Seit dem Beben am Morgen gab es zudem im Laufe des Tages ein dutzend Nachbeben, aber diese waren alle nicht von nennenswerter Stärke.

Das Beben von heute war das schwerste Erdbeben in Japan seit dem Erdbeben von Kumamoto am 14. April 2016 und eine Erinnerung daran, dass auch Osaka nicht sicher ist: Seit langem ist bekannt, dass es direkt unter der Großstadt einige größere Verwerfungen gibt. Die waren seit langem nicht mehr aktiv, aber das bedeutet nicht, dass sie nicht mehr existieren. Das gleiche läßt sich übrigens auch über die Präfektur Gunma nördlich von Tokyo sagen: Dort gab es erst gestern, am 17. Juni, ein größeres Erdbeben der Stärke 4,6 – das ist für die Präfektur, die bei vielen Japanern als (vergleichsweise!) erdbebensicher gilt, sehr ungewöhnlich.

Stadtzentrum von Osaka
Stadtzentrum von Osaka

Neue Airbnb-Regeln in Japan ab 15. Juni und was sie bedeuten

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Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Gesetzgeber in Japan auf Sharing Economy-Vertreter wie Uber und Airbnb reagiert — das ist verständlich, und aus diversen Gründen geschieht das auch anderswo, siehe zum Beispiel Uber in Deutschland und so weiter. Während bisher nahezu jeder bei Airbnb in Japan sein Zimmerchen zur Verfügung stellen konnte, ändert sich dies nun ab dem 15. Juni 2018 (sprich, ab Freitag), denn dann ist jeder Host dazu verpflichtet, eine 届出番号 todokede bangō einzureichen – eine „Registrierungsnummer“. Denn: Ab jenem Tag fallen Airbnb-Unterkünfte unter die 住宅宿泊事業(民泊) jūtaku shukuhaku jigyō (auch: „Minpaku“)-Verordnung. „Minpaku“ bedeutet „Volks-“ und „-haku (paku)“ bedeutet Übernachten. Kurzum bedeutet dies für Airbnb-Hosts nun, dass sie die gleichen Regeln einhalten müssen, die auch Hoteliers einhalten müssen, als da unter anderem wären:

  1. Mindestens 3.3 m² Wohnraum pro Gast
  2. Gesicherte Ventilation sowie die Einhaltung von Hygienestandards
  3. Sicherheitsmaßnahmen für Katastrophenfälle
  4. Registrierung und Meldung von Gästen
  5. Gebrauchsanleitungen, Wegebeschreibungen und dergleichen in Fremdsprachen
  6. Maßnahmen zur Geräuschregulierung
  7. Maßnahmen zur Abfallbeseitigung

und so weiter. Die Tourismusbehörde hat die Informationen netterweise auch auf Englisch zur Verfügung gestellt – siehe hier.

Die eigentliche Liste ist lang und beinhaltet etliche Stolpersteine. So dürfen Airbnb-Hosts ab jetzt maximal an 180 Tage im Jahr vermieten, und, auch das ist neu, die Gastgeber müssen persönlich die Gäste „empfangen“ bzw. „überprüfen“. Das geht zwar auch über Videoschaltung, in dem der Host ein Tablet bereitstellt, aber das mehr oder weniger anonyme Übernachten geht nicht mehr. Ausserdem dürfen Kommunen ihre eigenen Regeln erlassen, und können so zum Beispiel Airbnb in einigen Vierteln ganz verbieten oder noch strenger reglementieren.

Um die Registrierung abzuschliessen, mussten Hosts sehr viele Formulare einreichen und Inspektionen vorbereiten – wer das nicht bis zum 15. Juni geschafft hat, wird von Airbnb aus dem Sortiment genommen. Viele haben auch von sich aus Airbnb bereits verlassen – entweder, weil die Registrierung noch nicht durch ist, oder die Aussichten auf eine erfolgreiche Registrierung gering sind. Das hat Folgen: Geschätzte 80% der Airbnb-Unterkünfte in Japan sind durch das neue Gesetz einfach verschwunden, und es ist nicht abzusehen, wie sich die Lage weiterentwickeln wird. Wer übrigens bereits eine Unterkunft gebucht hat, die jetzt nicht mehr beherbergen darf, wird wohl von Airbnb mit Coupons entschädigt.

Doch was bedeutet dies nun konkret für Japanbesucher? Nun, in erster Linie sind dies schlechte Nachrichten. Noch vor 10 Jahren haben rund 8 Millionen Touristen im Jahr Japan besucht – im Jahr 2017 waren es 29 Millionen (offizielle Zahlen, hier erhältlich). Das sind also 3.5 mal so viele Besucher. Es wird enger, und das gilt auch für den Hotelsektor. Japanische Hotels sind zudem dafür bekannt, dass sie entweder extrem eng oder reichlich teuer sind – Airbnb bot da eine willkommene, meist günstige und zudem auch noch abwechslungsreiche Alternative.

Besonders schmerzlich werden kleinere Gruppen, sprich Familien mit Kindern und dergleichen, Airbnb vermissen: In üblichen Businesshotels kann man mit Kindern zum Beispiel kaum absteigen, und die richtigen Hotels ausserhalb der Städte oder gar Ryokans (traditionelle Herbergen) sind einfach für viele zu teuer. Airbnb-Unterkünfte hatten zudem den Vorteil, dass man oft in Gegenden übernachten konnte, in die man sonst kaum kommen würde, und da man sich dort meist selbst verpflegen und seine Wäsche waschen kann, konnte man gleich doppelt Geld sparen. Laxere Regeln bedeuteten auch, dass auch weniger betuchte Japaner mit Airbnb vermieten konnten – diese Zeiten sind jetzt vorbei. Eigentlich schade.

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