Burgen

    1
    469

    Japans Burgen und Schlösser I

    Burgen I | Burgen II | Burgen III

    Schlösser und Burgen damals

    Matsumoto-jo


    Gesamtansicht des Donjons von Matsumoto-jō

    „Burg“ bedeutet auf Japanisch „shiro 城„, wobei man aber (ehrfürchtig) mehr das Wort „oshiro お城“ benutzt. „Shiro“ kann sowohl als „Burg“ als auch als „Schloss“ übersetzt werden, weshalb man in Beschreibungen der japanischen Burgen oft auch das Wort „Schloss“ benutzt. Die traditionellen Burgen werden in Japan allerdings genaugenommen Jōkaku 城郭 genannt. Burgen werden in der Regel nach dem Ort benannt, in dem sie stehen. Das Schriftzeichen shiro wird dann (sprich „dschoo“) gelesen, also die Festung Himeji heisst demzufolge „Himeji-jō“. Das Schriftzeichen für Burg (siehe oben, das Zeichen rechts aussen) besteht aus dem Element tsuchi 土 (=Erde) und dem Zeichen naru 成 (=werden), also wortwörtlich „aus Erde gebaut“ – wobei die Gebäude selbst allerdings eher aus Holz errichtet wurden.

    Natürlich erfüllten die Burgen nahezu den gleichen Zweck wie in Europa – sie dienten den Herrschern bzw. Lehnherren als sicheres, verteidigungsfähiges Machtzentrum. Wie fast überall lag die Burg – so es die Topographie erlaubte – etwas höher; bzw. strategisch günstig; rundherum wohnten die Bessergestellten und weiter ausserhalb, in den shitamachi 下町 genannten „Unterstädten“, wohnten also die Plebejer. Auf den ersten Blick sehen sich alle Burgen ziemlich ähnlich – abgesehen von der unterschiedlichen Grösse. Eine ins Auge stechende Ausnahme bildet lediglich das Shuri-jō 首里城 auf Okinawa – hier passt die Bezeichnung Burg gar nicht, es ist eher ein kleiner Palast. Auch die Burgen in Hokkaidō unterscheiden sich sehr von den sonst üblichen Burgen – genauer gesagt gibt es nach japanischen Massstäben dort keine echten oshiro, da es viel später besiedelt wurde.

    Schlösser und Burgen heute

    In historischen Annalen tauchen insgesamt um die 25000 Verteidigungsanlagen in ganz Japan auf. Darunter findet man mindestens 427 Burgen (Angaben u.a. von http://www.asahi-net.or.jp/~NJ3T-WTNB/), wobei freilich die Dichte nach Norden hin abnimmt – auf Hokkaidō (ehemals Yezo genannt) gab es trotz der Grösse nur 16 Burgen, da Hokkaidō erst spät erschlossen wurde. Sehr viele Burgen findet man im „Kernland“, also im Gebiet zwischen dem heutigen Tōkyō und Kyūshū. Von diesen 427 Burgen ist allerdings nicht mehr viel übrig, und das hat mehrere Gründe. Von Bränden, Erdbeben oder der einen oder anderen nach einer Schlacht zerstörten Burg einmal angesehen, findet man drei Perioden, in denen die Zahl der Burgen arg dezimiert wurde.

    Edo-jo


    Teil des ehemaligen Burggrabens der Festung in Edo

    Die erste Welle der Zerstörung kam im 17. Jhd., als das Tokugawa-Shōgunat die Order erliess, dass in jeder Provinz nur eine Burg zu stehen habe. Daraufhin wurden viele, meist kleinere Burgen geschliffen, verlassen oder niedergebrannt. Die zweite Welle kam 1873: Die damalige Meiji-Regierung versuchte sich mit aller Gewalt, von der feudalistischen Vergangenheit zu lösen und liess in einem Anflug von Bildersturm 144 Schlösser schleifen. Da waren es nur noch 39. Von denen wiederum überlebten gerade mal 12 den zweiten Weltkrieg halbwegs unversehrt, da Schlösser naturgemäss meist im Stadtzentrum liegen, diese aber im Verlaufe des Krieges heftigst bombardiert wurden.

    Dazu zählte leider auch die Burg von Edo (der alte Name von Tōkyō) – seinerzeit wohl die grösste Festung der Welt. Sie lag im Stadtteil Chiyoda-ku. Im Zentrum liegt heute der Kaiserpalast, aber der Donjon (Hauptgebäude) ist nicht mehr da. Zu sehen sind nur noch diverse Jōmon 城門 (Tore), Yagura 櫓 (Türme) und imposante Gräben und Wälle. Einen imposanten Wall nebst Graben kann man rund um Ochanomizu 御茶ノ水, entlang der Chūō- 中央線 bzw. Sōbu-sen 総武線 („sen“ = Bahnlinie) sehen.

    In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts begann man, einige Schlösser wiederaufzubauen. Und zwar mit Stahlbeton. Das heisst, von weitem sehen sie schön und imposant aus, von nahem aber weniger charmant. Aber das ist besser als gar nichts. Die Innenräume sind freilich auch sehr modern – komplett mit Klimaanlage und Fahrstuhl. Bekanntes Beispiel dafür ist das Schloss in Ōsaka. Die grössten, erhalten gebliebenen Schlösser sind unbestritten das Schloss Himeji (nahe Kōbe) und das in Matsuyama (auf Shikoku).

    Aufbau

    Japanische Burgen haben eine besondere Charakeristik und sind mit europäischen Burgen nicht zu vergleichen. Sie bestehen aus mehreren Gebäuden und Türmen, umgeben von grosszügig angelegten Festungsanlagen wie Gräben und Wälle. Das Hauptgebäude besteht aus mehreren Ebenen und Etagen, wobei sich diese nach oben hin mehr oder weniger verjüngen. Anzahl der Etagen („-kai 階“) und Ebenen („-sō 層“) muss nicht immer übereinstimmen – manche Schlösser haben Zwischenetagen und somit mehr Etagen als Ebenen.

    Kumamoto-jo
    Aufbau am Beispiel des Kumamoto-jō:
    Shōtenshukaku 小天守閣 – der kleine Donjon.
    Daitenshukaku 大天守閣 – der Haupt-Donjon
    Chidori hafu 千鳥破風 – Regenpfeifergiebel
    Shachihoko 鯱 – der Giebelkarpfen
    Ishigaki 石垣 – der Steinsockel

    Das Hauptgebäude einer Burg nennt sich Tenshukaku 天守閣, wörtlich übersetzt „Himmelsschutzkabinett“. Auf nahezu allen hier bekannten Bildern japanischer Schlösser ist das Tenshukaku zu sehen, da es am höchsten und imposantesten ist. Es wird auch „Donjon“ genannt (französisch/lateinisch für Innenburg/Kirche).

    Das Dach des Tenshukaku hat eine charakteristische Form – teilweise sind dies Irimoya 入母屋 genannte Dächer. Die dreieckigen Giebel (siehe Abbildung links) werden Chidori Hafu 千鳥破風 genannt – wortwörtlich heisst das soviel wie „Regenpfeifer-Giebel“. Hier und da findet man auch chinesische Dachgiebel, genannt Kara-hafu 唐破風. An den Giebelecken findet man häufig sogenannte Shachihoko 鯱 siehe unten!). Im Tenshukaku selbst ist nahezu alles aus Holz; die Treppen zwischen den Etagen sind oft sehr steil. In den Wänden findet man kleine Fenster, genannt Hazama 狭間 genannte Schießscharten.

    Kleinere Zimmer findet man eher selten – zumindest in den Schlössern, wie sie jetzt zu sehen sind. Von der obersten, kleinsten Etage abgesehen, ist es ziemlich dunkel im Inneren, da es berechtigterweise keine grossen Fenster gibt. Da es natürlich auch kein Fensterglas gibt, wird es im Winter entsprechend kalt. Oft gibt es einen kleinen Donjon, der mit dem grossen durch eine überdachte Passage verbunden ist (z.B. in Kumamoto, siehe Abbildung, oder in Matsumoto).

    Das Tenshukaku bzw. der Donjon steht fast immer auf einem Steinsockel, dem Ishigaki 石垣. Diese Mauern sind charakteristischerweise nicht senkrecht, sondern werden zum Sockel hin breiter – allerdings ist das Gefälle sehr steil. In vielen Schlössern findet man in den unteren Etagen grössere Öffnungen – sogenannte Ishiotoshi 石落し – wörtlich „Steinfalle“ – um Steine, oder was auch immer bereit stand, auf potentielle Eindringlinge regnen zu lassen. Im Steinwall befindet sich – meist gut geschützt – der eigentliche Eingang.

    Das Hauptgebäude steht im Honmaru 本丸, dem Innenhof der Burg (hon= haupt-, maru= rund), welcher wiederum von weiteren Steinwällen und Anlagen umgeben ist – dem ni no maru 二の丸 („Zweites Rund“), san no maru 三の丸 („Drittes Rund“) etc. In manchen Fällen gibt es bis zu 4 Wälle in mehr oder weniger grossem Abstand. Der äusserste Wall wird allgemein auch als tsume no maru 詰の丸 („Letzter Wall“) bezeichnet. Die Anlagen um die Burg müssen nicht rund sein – sie sind oft sogar eckig. Gerade auf den inneren Wällen befinden sich häufig sogenannte yagura 櫓 – mehr oder weniger kleine, aber nie sehr hohe Türme. Die alte Schreibweise für Yagura 矢倉 gibt Aufschluss über deren Nutzung: „Pfeillager“. Die Yagura dienten somit der Lagerung von Waffen, Nahrungsmitteln usw. Selbstredend hatten die Burgen eigene Brunnen, so dass sie im Belagerungsfall mit Trinkwasser versorgt waren.

    Zum jeweils nächsten Ring führen verschiedenartige Eingänge wie der koguchi 虎口 (wörtl. „Tigerpforte“) oder die umadashi 馬出 („Pferdeausgang“). Oft sind die Eingangsbereiche verschachtelt – man geht durch das Tor und steht vor einer Mauer, muss also erst nach links, dann wieder gleich nach rechts usw. – wohl um zu vermeiden, dass jemand dort einfach so durchgaloppiert. Meist sind diese Nischen viereckig und werden deshalb Masugata 枡形 (rechteckig) genannt.

    Des weiteren findet man weiter ausserhalb manchmal noch dorui 土塁 genannte Erdwälle und Gräben: mizuhori 水堀 genannte Wassergräben oder auch einfach nur leere Gräben – die karahori 空堀.

    Shachihoko – der „Giebelkarpfen“

    Shachihoko in Matsumoto


    Shachihoko am Giebel des Schlosses von Matsumoto

    Ja, hier ist sie! Die erste deutsche Shachihoko-Fan-Homepage! Endlich mal etwas Neues! Im Ernst – ein Shachihoko ist ein sehr liebenswertes Detail, das man an vielen Burgen, Palästen und Toren in Japan finden kann. Doch was ist ein „shachihoko“?

    Shachi(hoko) = laut Wörterbuch die Bezeichnung des „Rissosdelphins“ (Grampus orca alias Orca alias Killerwal). Eine gängigere Lesung dieses Zeichens ist „Shachi“. Der Shachihoko, allerdings meist kurz „Shachi“ genannt, ist ein Fabelwesen mit dem Kopf eines Tigers und dem Körper eines Fisches. Da dieser Shachi ein Meeresbewohner ist, assozierte man ihn automatisch mit Wasser. Und was macht Wasser? Genau, es löscht Feuer! Da die Schlösser in Japan wie einst alles aus Holz und Lehm erbaut wurden, war Feuer ein ernstzunehmendes Problem. Deshalb galt der Shachi als Amulett gegen Feuerschäden und wurde an den Giebeln der Paläste, Schlösser und Turmtore angebracht. Doch auch in ganz alten Bauernhäusern findet sich etwas Ähnliches: Dort gab es stets eine Feuerstelle im Haus; darüber hing ein Kessel von der Decke. An der Kette von der Decke zum Kessel befindet sich traditionellerweise ein stilisierter Fisch – kein „Shachihoko“, sondern ein schnöder Fisch wohlgemerkt.

    Wen’s interessiert – das Schriftzeichen „Shachi“ – siehe oben links – gehört zu der recht kleinen Menge der Schriftzeichen, die man in Japan entwickelt hat. Chinesen können also damit nichts anfangen, obwohl die Schriftzeichen eigentlich von dort kommen. Allerdings hat man es sich bei dem Zeichen einfach gemacht: Die linke Hälfte ist das Zeichen für „Fisch“, die rechte Hälfte bedeutet alleinstehend „Tiger“ – und fertig ist das Fabelwesen.

    Shachi in Nagoya


    Der wohl bekannteste Shachihoko Japans: In Nagoya

    Der Shachi spielt im Japanischen in zwei Redewendungen eine Rolle: Die erste lautet Shachihokodachi mo gei no uchi 鯱鉾立ちも芸の中 und bedeutet folgendes: Jemand hat keine verborgenen Talente und versucht zu mogeln, indem er einen Kopfstand als Kunststück zu verkaufen versucht. „Shachihokodachi“ – siehe Photos der Shachihoko – bedeutet, sich auf den Bauch zu legen und die Beine anzuheben. „Gei“ bedeutet Kunst, und „uchi“ = zu etwas gehören. Sprich, ein Kopfstand bzw. solch eine Figur, ist auch eine Art Kunst. Dieses Sprichwort kann man benutzen, um jemanden zu ärgern.

    Die zweite Redewendung lautet kane no shachihoko wo nirande 金の鯱を睨んで. Wortwörtlich übersetzt heisst das „den goldenen Shachihoko anstarren“, die Bedeutung allerdings ist „auf Schusters Rappen“…hmmm…vielleicht, weil man, wenn man läuft, Zeit hat, den Shachi anzusehen!?

    Shachi sind schwer vor die Linse zu bekommen, da sie an den Giebelspitzen befestigt sind. Aber wer mal in Japan weilt, sollte mal darauf achten…in manchen Museen sind sie auch zu finden.

    弘前 Hirosaki

    Hirosaki Hirosaki ist eine kleine Stadt im hohen Norden Honshū’s in der Präfektur Aomori. In unmittelbarer Nähe befindet sich der Berg Iwaki – immerhin über 1600 Meter hoch. In unmittelbarer Nähe zum Zentrum befindet sich inmitten eines wunderschönen Parks das Schloss von Hirosaki.

    Beziehungsweise was davon übrigblieb. Das eigentliche Schloss hatte drei Ebenen und fünf Etagen. Fertiggestellt wurde es 1611, um dann nur 16 Jahre später vom Blitz getroffen zu werden und dadurch abzubrennen. Gebaut wurde es von und für den Tsugaru-Clan 津軽氏. Tsugaru ist der alte Name für diese Region. Erst 1810 machte man sich an einen Wiederaufbau, doch das Bakufu (die damalige Regierung) genehmigte nur den Bau eines wesentlich kleineren Schlosses. Das äusserte sich darin, dass lediglich ein einstiger Yagura (siehe Aufbau) zum Donjon umgebaut wurde. Dieser Donjon – obwohl eigentlich nicht der echte – ist heuer der einzige Donjon, der nördlich der Kantō-Region (Region um Tōkyō) existiert. Genauer gesagt ist es der einzige Donjon, der „original“ ist – zwar gibt es andere zu sehen, aber diese sind nach dem Krieg wieder aufgebaute Schlösser.

    Schloss von Hirosaki


    Einst ein Yagura, jetzt ein Donjon: Hirosaki-jō

    Der Schlosspark in Hirosaki ist ziemlich gross und wirklich sehr schön – es gibt einige Wassergräben, schöne Brücken und Steinwälle. Und einen schönen Ausblick auf den Iwaki-san. Dann steht man vor dem Donjon. Und schaut sich verwirrt um. Ist er das? Ist er das wirklich? Was einem dann als erstes einfällt ist das Wort „kawaii!!“ (=niedlich). Der Donjon sieht aus wie ein etwas extravagantes Einfamilienhaus. Es sieht doch eher aus wie ein Yagura.

    Das allerdings macht das Samuraiviertel ( tsugaru-han buke yashiki 津軽藩武家屋敷) am anderen Ende des Parks wieder wett. Dort wohnten, wie der Name bereits sagt, einst die Samurai. Viele der Häuser sind durch moderne ersetzt worden, doch die Grundzüge und ein paar alte Samuraihäuser existieren noch und sind einen Spaziergang wert.

    Im Donjon gibt es ein Museum über Rüstungen und Waffen der Samurai. Das allerdings scheint im Winter generell geschlossen zu sein. Eintritt ist ansonsten wohl 200 ¥. Im Park gibt es angeblich um die 5000 Kirschbäume, weshalb dieser Ort prädestiniert für hanami 花見, der „Kirschblütenschau“, ist.

    Desweiteren gibt es am Parkrand das Nebuta-mura ねぶた村, ein Open-Air-Folkloremuseum über die Region. Eintritt ist 500 ¥. Wer Kultur und ein deftiges Mahl nebst Bier miteinander verbinden möchte, sollte unbedingt ins Yamauta Live House 山唄ライブハウス gehen. Es ist in Rufweite vom Bahnhof. Neben gutem, traditionellen Essen und Bier und Sake gibt es traditionelle Livemusik, gespielt auf den typisch japanischen dreisaitigen Shamisen 三味線. Auf den Speisekarten gibt es auch einen kleinen Sprachführer für den lokalen Dialekt, dem sogenannten Tsugaru-ben 津軽弁. Wenn man bedenkt, was einem dort geboten wird, sind die Preise wirklich akzeptabel. Mehr Infos zur Stadt Hirosaki selbst und die Anfahrt siehe Hirosaki.


    Alles über die faszinierenden Burgen bzw. Schlösser Japans – wann sie gebaut wurden, was noch wo steht, welche Details es zu beachten gibt usw.

    TEILEN
    Vorheriger ArtikelWetter
    Nächster ArtikelBurgen II
    Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

    1 KOMMENTAR

    1. Vielen Dank für die Erläuterung über den Aufbau und die Aufteilung der gängigen japanischen Burgen. Ich werde dies bei einem kleinen „Nachbau“-Projekt zu schätzen wissen. :)

    HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT