Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Das Jahr der irren Taifune

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Zwillingstaifune 19 & 20. Quelle: Weathernews.jp
Zwillingstaifune 19 & 20. Quelle: Weathernews.jp

Dieses Jahr ist für Meteorologen ein ganz besonderes Jahr — es gab und es gibt viel zu berechnen und viel zu lernen. Zwei der bisher 20 Taifune, die sich in und um Japan herum getümmelt haben, sind da besonders interessant: Da wäre der Taifun #12 mit dem Namen Jongdari, der (wie meistens) in Mikronesien entstand und langsam gen Norden zog – am 25. Juli erreichte er Taifunstärke. Der Großteil der Taifune fällt aus Ost/Südost kommend in der Gegend um Okinawa oder Kyushu ein – manche jedoch treffen aus Südwesten kommend direkt auf Shikoku und/oder Honshu. So die Regionen um Osaka oder Tokyo betroffen sind, kommt der Taifun in der Regel aus Süden oder Südwesten. Jongdari war da anders: Nach einem weiten Schlenker über dem Pazifik näherte er sich der Hauptstadt aus Südost, also direkt vom Meer, so dass man in Tokyo schon das Schlimmste befürchtete, doch das blieb Tokyo letztendlich erspart, da der Taifun sich weiter drehte und letztendlich in Kansai auf Land traf (und direkt über Osaka hinweg zog). Zum Glück war Jongdari relativ schwach – die höchsten Windgeschwindigkeiten lagen bei unter 150 Stundenkilometern. Doch es blieb interessant, denn der Taifun umrundete regelrecht die Insel Amami südlich von Kyushu, bis er sich schließlich nach der 270 Grad-Drehung Richtung China verabschiedete und stark abschwächte. Dieser 逆走台風 gyakusō taifū (in etwa: „Geisterfahrer-Taifun“) ist eine absolute Seltenheit – das letzte Mal wurde so etwas bei einem Hurricane über der Karibik im Jahr 1999 beobachtet.

Fuhr in die entgegengesetzte Richtung: Taifun #12
Fuhr in die entgegengesetzte Richtung: Taifun #12

Die zweite Besonderheit bewegt sich just auf den Süden Japans zu: Ein Zwillingstaifun, bestehend aus Nummer 19 & Nummer 20. Schon Taifun Nummer 19, mit dem hippen Namen Soulik, hat einen Rekord eingestellt: Zum ersten Mal seit Beginn des genauen Taifun-Monitorings im Jahr 1951 ist fünf Tage lang in Folge täglich ein Taifun entstanden – Nummer 19 ist also der fünfte in 5 Tagen. Auch Nummer 20, Cimaron, ist rekordverdächtig: Nur ein Taifun hat sich seit 1951 schneller vom Tropischen Tief zum Taifun entwickelt als Cimaron. Und: Beide Taifune ziehen friedlich nebeneinander her direkt auf Japan zu, wo sie in der Zeit vom 23. bis zum 25. August zumindest für viele Verspätungen und hoffentlich möglichst wenig Schäden sorgen werden – momentan werden Windgeschwindigkeiten bis zu über 200 Stundenkilometer vorhergesagt. Leider werden die Zwillinge auch wieder eine enorme Hitzewelle mit sich bringen.

Ein kleines Wunder

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Es ist O-bon, die Zeit, in der die Seelen der Toten auf die Erde zurückkehren- und die meisten Japaner zu ihren Heimatorten und/oder dem Ort, an dem die Ahnen begraben sind. So auch Yoshiki, ein zwei Jahre alter Knirps, der mit seinen Eltern die Großeltern besuchte – diese leben auf einer kleinen Insel in der Seto-Binnensee, in der Präfektur Yamaguchi. Dort schnappte sich der Opa Yoshiki und seinen ein Jahr älteren Bruder und lief mit ihnen zum rund 400 Meter entfernten Strand, doch der Knirps hatte nach 100 Metern keine Lust mehr, drehte um und wollte nach Hause gehen. Dort kam er jedoch nicht an.

Auch am nächsten Tag kam er nicht zurück, und eine groß angelegte Suchaktion mit über 300 Polizisten und anderen Helfern begann. Auch Obata, ein 78-jähriger Rentner aus Oita, hörte davon und machte sich auf den Weg, um zu helfen. Das machte er nicht zum ersten Mal – er reiste schon oft als Freiwilliger im Land umher, wenn Hilfe gefragt war. Seit dem Verschwinden des Jungen waren nun schon 68 Stunden, also fast drei Tage, vergangen. Man befürchtete das Schlimmste, schließlich lagen die Temperaturen tagsüber konstant über 30 Grad, was gerade für Kleinkinder gefæhrlich ist.

Obata lief zum Haus der Großeltern und machte sich sofort, unabhängig von den anderen Helfern, auf die Suche. Keine 30 Minuten später und nur gute 500 Meter vom Haus entfernt antwortete eine Kinderstimme auf sein Rufen nach des Kindes Namen: 僕、ここ! (Boku, koko – Ich bin hier!). Und da saß der Junge, auf einem bemoosten Stein, in einem kleinen Bächlein, auf einem kleinen Berg. Nach Auskunft der Ärzte war er zwar leicht dehydriert, aber alles in allem in sehr guter Verfassung.

Es ist ein kleines Wunder, und natürlich begeistert sich ganz Japan an dieser herzzerreissenden Geschichte. Der Held der Geschichte, Obata, erklärte seinen schnellen Erfolg mit einfacher Psychologie: Kleine Kinder laufen selten abwärts, wenn sie allein sind, sondern eher aufwärts. Und was für Erwachsene wie ein dichter Busch aussieht, kann für einen Dreikäsehoch wie ein formidabler Pfad aussehen. Während also die Polizei naturgemäß vom schlimmsten ausging und die örtlichen Gewässer und dergleichen absuchte, setzte sich der Retter in die Lage des Kindes herein und wurde dort fündig, wo noch keiner gesucht hatte. Niemand war offensichtlich davon ausgegangen, dass ein zweijähriger auf den Beg hinter dem Haus klettern würde.

Man kann vor Obata einfach nur seinen Hut ziehen. Und hoffen, dass die Polizei davon lernt. Und der Junge hatte einfach nur ein Riesenglück. Instinktiv hatte er sich den schattigsten und feuchtesten Platz in der Gegend ausgesucht und überlebte so drei Tage lang unversehrt. Ein O-bon, das viele nicht vergessen werden – vor allem aber nicht die Eltern des Kindes.

Auf der Suche nach Natur…

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Sonnenblumenfeld bei Zama
Sonnenblumenfeld bei Zama

… sind viele gestresste Großstadtfamilien, und so lassen sich die Leute immer wieder etwas Neues einfallen. Die Stadt Zama, inmittem der Präfektur Kanagawa gelegen und damit leicht von Tokyo aus erreichbar, lockt die Tokyoter mit… Sonnenblumen. Die hier ひまわり himawari (wörrlich: Sonnendreher) genannten Blumen findet man in Japan in der Tat relativ selten – das ist kein Wunder, denn auf den wenigen, ebenen Ackerflächen baut man in der Regel lieber andere Sachen an – Reis zum Beispiel. Von daher ist ein Sonnenblumenfeld schon etwas Besonderes im Großraum Tokyo, und entsprechend ist der Trubel gross. Riesige provisorische Parkplätze wurden am Flußufer eingerichtet, und bis man dort eingewiesen wird, dauert es eine ganze Weile. Die Anbaufläche ist auch nur wenige Hektar gross, weshalb sich dort innerhalb eines Tages wahrscheinlich mehr Menschen als Sonnenblumen tummeln. Das erinnerte mich stark an die „Glühwürmchenschau“, die alljährlich ganz in meiner Nähe stattfindet, und bei der das Verhältnis Glühwürmchenartige:Humanoide bei 1:50 liegen dürfte. Und während einige Familienmitglieder ob der Sonnenblumenpracht (die Blüten waren dabei jedoch nur handtellergross) ganz entzückt waren, kann man mit so verhandene Erinnerungen an die endlosen ungarischen Sonnenblumenfelder dem Ganzen nicht allzu viel abgewinnen.

Feuerwerk in Atsugi
Feuerwerk in Atsugi

Einen echten Sommertipp habe ich dann aber doch noch: In der Nachbarstadt Atsugi findet Anfang August (in diesem Jahr war es der 4. August) ein ordentliches Feuerwerk statt, dass denen in der Innenstadt von Tokyo durchaus das Wasser reichen kann. Es dauert immerhin anderthalb Stunden und ist gut arrangier. Auch die Freßmeile auf dem Aeg dorthin kann sich sehen lassen. Nächstes Jahr gern wieder.

Abgasbetrug auch in Japan: Mazda, Yamaha und Suzuki am Pranger

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Als der Abgaswerteskandal bei Volkswagen aufflog, war mein erster Gedanke, dass VW ganz bestimmt nicht der einzige Autobauer ist, der die Werte auf die eine oder andere Weise manipulierte. Insgeheim habe ich seitdem darauf gewartet, dass ein amerikanischer Autobauer auffliegt – nun sind es jedoch drei weltweit bekannte japanische Marken, die laut Mitteilung des japanischen Transportministeriums heute als Übeltäter entlarvt wurden (Unregelmäßigkeiten wurden zuvor, im Juli bereits bei Nissan und Subaru festgestellt).

Natürlich wird man auch in Japan die Salamitaktik anwenden und nur so viel zugestehen, was unbedingt notwendig beziehungsweise längst offensichtlich ist. So ist zur Zeit auch nicht von Rückrufaktionen die Rede, da die Mauschelei wohl keinerlei Einfluss auf den eigentlichen Verbrauch hat. Doch die japanische Industrie hat, genauso wie die Deutsche, viel zu verlieren, denn beide verdanken ihre Absatzzahlen unter anderem ihren guten Ruf, und den setzt man lieber nicht aufs Spiel. Genau diese Befürchtungen gibt es jedoch, gerade in Japan, wo erst vor ein paar Monaten Kobe Steel Inc., ein großer Stahlproduzent, mit gefälschten Qualitätsprüfungen Schlagzeilen machte.

低燃費 teinenpi (geringer Benzinverbrauch) ist auch in Japan ein wichtiges Verkaufsargument, und so verwundert es nicht weiter, dass hier und da etwas getrickst wird. Es wäre jedoch zu begrüssen, wenn sich alle Autohersteller ihre Angaben zum Verbrauch von einem unabhängigen Institut zertifizieren lassen müssen – dann kann die Trickserei bis zu einem gewissen Grad vermieden werden, und der Verbraucher kann sich mehr auf die Angaben verlassen.

Übrigens wird der Kraftstoffverbrauch in Japan meistens in Kilometer pro Liter (und nicht, wie anderswo oft üblich, in Liter pro 100 Kilometer) angegeben – daran muss man sich auch erstmal gewöhnen.

LGBT-Debatte erreicht Japan

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Es ist ein Thema, das in Japan im Vergleich zu vielen anderen Industrieländern eher totgeschwiegen wurde: Die Debatte darum, wie die Gesellschaft mit Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender umgehen soll. Denkt man in Japan an Schwule, so fallen den meisten wahrscheinlich nur die Begriffe オネエ Onee (eigentlich: ältere Schwester) oder 新宿2丁目 Shinjuku 2-chōme (Stadtviertel in Tokyo, das berühmt ist für seine sexuelle Vielfalt) ein. Sofort denkt man auch an bekannte und bekennende LGBT-TV-Grössen, seien sie echt (Matsuko Deluxe, Haruna Ai, Ikko) oder Karikaturen („Hard Gay“). Doch so recht passt LGBT nicht ins japanische Schema einer glücklichen Familie: In Sachen Familie ist man nach wie vor eher konservativ eingestellt – so sind zum Beispiel uneheliche Kinder quasi undenkbar. Und gewisse Vorurteile halten sich sehr hartnäckig – dass Schwule zum Beispiel oft Geschlechtskrankheiten haben und dergleichen. Zumindest keine Bekennenden.

Ein paar unbedachte Bemerkungen diverser Politiker haben in den vergangenen Wochen jedoch eine Lawine ins Rollen gebracht – LGBT ist plötzlich Gesprächsthema. Allen voran wäre da Mio Sugita, eine Politikerin und Parlamentsabgeordnete der Liberaldemokraten, die bei einem Interview für ein Wochenmagazin unter anderem beklagte, dass den LGBT die Fähigkeit fehlt, zu reproduzieren (生産性がない seisansei ga nai). Tanigawa, ebenfalls Abgeordneter der Liberaldemokraten, offenbarte ein paar Tage zuvor seine Sicht der Dinge – nämlich dass LGBT ein „Hobby“ sei und es von daher nicht notwendig ist, Gesetze für LGBT zu ändern oder zu schaffen. Diese Ansicht ist freilich nicht neu – sie wurde auch schon 2016 von Fumi Kobayashi, Regionalpolitikerin aus Tokyo, verbreitet und dürfte dem entsprechen, was viele Japaner (und nicht nur die, natürlich) von LGBT halten.

Wie zum Beispiel auch in Russland und etlichen anderen Ländern, in denen Homosexualität gesellschaftlich wenig Akzeptanz findet, hört man öfter Kommentare wie „Ich verstehe nicht, warum es in westlichen Ländern so viele Schwule und Lesben gibt“ in Japan. Eine sehr naïve Bemerkung, die beweist, dass es an elementarem Wissen über LGBT fehlt – und dementsprechend auch an Verständnis. Ob die jetzige Debatte (wohlgemerkt nicht die erste) daran etwas ändert, wird sich zeigen.

Doch wo Schatten ist, ist auch Licht. Parteiobere der Liberaldemokraten distanzierten sich schnell von den Bemerkungen. Und die bekannte Ochanomizu Women’s University gab im Juli bekannt, dass sie ab 2020 auch Transgender zulassen werde (Anmerkung: In Japan gibt es zahlreiche Frauen-Universitäten und andere -schulen.

Out of Japan: Australien (Cairns)

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Unbefestigte Piste im Outback
Unbefestigte Piste im Outback

Als ob ich es geahnt hätte, haben wir dieses Jahr das perfekte Reiseziel gewählt: Australien, genauer gesagt den hohen Norden Australiens – Queensland. Perfekt deshalb, weil dort Winter ist – subtropischer Winter, mit angenehmen 25 Grad am Tag und 15 Grad in der Nacht. Eine wahre Erholung von der in diesem Jahr extremen Hitze in Japan. Die Stadt Cairns (gesprochen „kähns“) ist dabei von Japan aus sehr gut erreichbar: Es gibt Direktflüge von Narita, und das auch noch mit Easyjet, einem LCC, und der Flug dauert insgesamt nur gute 7 Stunden (fast so lang wie der Flug von Cairns an der Ostküste nach Perth an der Westküste!). Ausserdem beträgt die Zeitverschiebung nur eine Stunde, und damit ist Cairns ein sehr attraktives Ziel, wenn man kleine Kinder hat.

Im Stadtzentrum von Cairns
Im Stadtzentrum von Cairns

Flug gebucht, AirBnb gesucht und schnell gefunden, Mietwagen gebucht. Eine Woche vor Reiseantritt sicherheitshalber nochmal eine Suche mit den Suchbegriffen „Australien Visum“ gestartet, und siehe da: Man muss sich vorher „anmelden“, aber das geht alles elektronisch. Es scheint verschiedene Online-Formulare zu geben – einige kosten Geld, andere nicht. Das ganze ist etwas verworren, da sich die Dinge auch ständig zu ändern scheinen. Letzten Endes habe ich rund 50 Australische Dollar für die Anmeldung bezahlt; meine japanischen Familienangehörigen hingegen nichts. Ob das so richtig ist, weiss ich nicht. Jedenfalls klappte alles bei der Einreise. Ach ja: Ein Euro entspricht in etwa 1,50 Australische Dollar. Eine Währung mit einer interessanten Münzstrategie: Je mehr die Münzen wert sind, desto kleiner sind sie – 50 Cent-Münzen sind wahre Wuchtbrummen und machen das Portemonnaie richtig schwer, während 2-Dollar-Münzen echte Winzlinge sind.

Zwei Dinge fallen in Cairns erstmal auf: Platz. Man hat viel Platz. Die Strassen sind breit, die Häuser sind gross und haben meist nur ein Geschoss. Ein bisschen wie die USA auf dem Lande halt. Und die Entfernungen sind unvorstellbar. Sicher, jedes Kind weiss, dass Australien ein Kontinent ist. Dem wird man sich aber erst dann bewusst, wenn man wirklich da ist. Auf den Karten sieht alles irgendwie nah aus, dabei liegen tausende von Kilometern zwischen den Orten. Im Busch sah ich ein Verkehrsschild mit der Aufschrift „nächste Tankstelle in 560 Kilometern“ – das muss man sich erstmal vorstellen. Aber zurück zu Cairns: Was kann man hier anstellen?

560 Kilometer bis zur nächsten Tankstelle...
560 Kilometer bis zur nächsten Tankstelle…

Cairns ist subtropisch und hat etliches zu bieten. Die Stadt selbst ist relativ klein und uninteressant, da ziemlich neu. Doch von Cairns kann man wunderbar das Great Barrier Reef erreichen – und es gibt zahlreiche Reiseunternehmen, die sich darauf spezialisieren. Für eine vierköpfige Familie kostet ein Tagesausflug um die 550 AUD (kann man alles wunderbar online buchen). Da geht es morgens gegen 8 Uhr los, und man ist vor dem 5 o’clock tea zurück. So ziemlich alles ist inklusive – auch ein Crash-Kurs in Scuba-Diving: 20 Minuten Erklärung vor versammelter Mannschaft, dann keine 10 Minuten Einzeleinweisung, und schon heisst es „So, jetzt tauchen wir mal 20 Minuten, bis knapp 10 Meter Tiefe“. Das ist auch für sportliche Menschen ein ziemliches Abenteuer, denn das plötzliche Tauchen mit Gas ist gewöhnungsbedürftig. Die Korallenriffe sind natürlich sehr sehenswert, das steht ausser Frage, aber die industrielle Massenabfertigung der Tagestouristen ist nicht unbedingt jedermanns Sache. Es war auch nicht unbedingt erschlagend viel zu sehen – die Korallenriffe im Roten Meer und in Okinawa sind mir da lebhafter in Erinnerung, aber man kann natürlich auch nicht erwarten, dass sich die Fauna auf Befehl hin versammelt.

Tauchen im Great Barrier Reef
Tauchen im Great Barrier Reef

Aber es gibt noch viel mehr zu sehen – so zum Beispiel die Atherton Tablelands, ein sehr fruchtbares Plateau westlich von Cairns. Dazu zählt die Stadt um Atherton selbst, aber auch Kuranda – ein Nationalpark mit subtropischem Regenwald. In Kuranda gibt es drei Zoos – einen Känguru- und Koalazoo, einen Vogelpark und ein Schmetterlingszoo. Im Koalazoo kann man – schau mal einer an – sogar einen Koala auf den Arm nehmen (das geht wohl nur in Queensland – anderswo in Australien ist das verboten). Kostet nur 23 AUD, aber immerhin bekommt man ein Erinnerungsfoto. Wenn man mit Kindern dort ist, kommt man ums Koalapetting nicht drumrum, und ich kann bestätigen, dass sich ein Koala genauso anfühlt wie man es erwartet: Fluffig. In Kuranda gibt es auch Aboriginal- und andere Kunstmärkte sowie die üblichen Souvenirshops. Soll heissen, Kuranda ist das Touristenmekka der Region, und man hat es geschickt als solches ausgebaut: Man kann mit einer Schmalspurbahn hoch fahren oder mit einer Seilbahn, die über den Baumwipfeln schwebt. Man kann dort Safaris machen, Boot fahren usw. Wer Tiere mag und/oder mit Kindern reist, sollte sich auf jeden Fall Kuranda ansehen, denn hier kann man richtig mit Tieren auf Tuchfühlung gehen – seien es Papageien, Koalas, Kängurus und mehr. Apropos Tiere: Hartley’s Crocodile Adventure rund 40 km nördlich von Cairns ist ebenfalls sehr empfehlenswert.

Unbefestigte Piste im Outback
Unbefestigte Piste im Outback

Was man auf keinen Fall verpassen sollte ist ein Ausflug ins Landesinnere. In meinem Fall ging es zwar nur gute 200 Kilometer landeinwärts, zu einem Ort namens Chillagoe – schaut man sich die Entfernungen an, so liegt das relativ gesehen immer noch nahe der Küste – aber der Wechsel der Landschaft ist bereits sehr deutlich spürbar. Hier beginnt das „Outback“, es ist viel trockener, sehr sonnig, mit weitaus spärlicherer Vegetation und sehr wenig Menschen (der Ort Chillagoe selbst hat auch nur rund 200 Einwohner). Roter Sand, staubige Pisten, endlos lange „Road Trains“, unzählige Termitenhügel und eine endlose Weite – hier verlieren Raum und Zeit ihre bisherige Bedeutung, und man kann sich nur schwer losreissen (am liebsten wäre ich einfach losgezogen, um den Kontinent zu durchqueren).

Am Cape Tribulation
Am Cape Tribulation

Das oben genannte Kuranda ist zwar gut und schön, aber noch schöner wird es im Daintree National Park, gut 100 Kilometer nördlich von Cairns. Der Urwald dort gilt als letzter Urwald von Gondwana, der in seiner Vielfalt die Kontinentaldrift, das Sauriersterben und vieles mehr überstanden hat. Hier gibt es rund 1’800 Baumarten – mehr als in Nordamerika und Europa zusammengenommen, von denen 300 Früchte tragen (und von denen wiederum rund 10% essbar sind). Rund um das Cape Tribulation trifft der Urwald quasi direkt auf die Korallenriffs, und es gibt sogar kleine Mangrovenabschnitte. Sowie sehr schöne Strände, von denen man aber nicht allzu viel hat, da es hier vor giftigen Quallen, Haien und Krokodilen wimmelt. Irgendwas ist ja immer.

Um den Bogen zu Japan zu spannen: Cairns und Umgebung ist ideal, um der Sommerhitze von Tokyo zu entfliehen. Es regnet kaum, die Temperaturen liegen in sehr freundlichen Bereichen (sie entsprechen eher einem freundlichen, mitteleuropäischen Sommer), und man muss nicht allzu lange fliegen. Der Kontrast zur Enge in Japan ist ebenfalls sehr erholsam. Preislich sollte man sich allerdings warm anziehen: Vor allem Lebensmittel, aber auch Auswärtsessen (und Bier!) sind spürbar teurer als in Japan. Immerhin sind die Einheimischen aber auch sehr, sehr freundlich und haben einen unterhaltsamen Sinn für Humor. Und immer dran denken: Tipp #1 beim Umgang mit Haien: Immer jemanden dabei haben, der langsamer schwimmt als man selbst!

Ab in den Süden

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Minihaus mit Graffiti. Letzteres ist eher eine Seltenheit in Japan.

Sommerloch, eine nicht enden wollende Hitzewelle und zu viel Arbeit in diesem Jahr – Zeit für einen zweiwöchigen, für japanische Verhältnisse also ziemlich langen Urlaub. Mit Kind und Kegel geht es in ein paar Tagen auf zu meinem fünften Kontinent auf der Reisekarte, und jener wird passenderweise auch 5. Kontinent genannt. Das dortige Wetter jedenfalls klingt für nun bereits ausgebackene Tokyo-Bewohner wie das Paradies: Nachts 15, tagsüber 22 Grad. Was will man mehr. Das Timing passt auch, da die Hitzewelle noch zwei Wochen oder mehr anhalten soll. Das macht sich in der Tat bemerkbar: Ich höre pausenlos Krankenwagen, habe in einer Woche in Zügen und Bahnhöfen Menschen zusammenbrechen sehen, und kenne bisher drei Orte in näherer Umgebung, bei denen die Klimaanlagen versagt haben. Kurze Rede, schwacher Sinn: Für die nächsten zwei Wochen wird es keine Nachrichten aus Japan geben, vielleicht aber einen Beitrag der Rubrik „Out-of-Japan“, um bei den ja schon obligatorischen 7 Beiträgen pro Monat zu bleiben.

Übrigens ist die Zahl der Japanbesucher im ersten Halbjahr dieses Jahres erneut gestiegen – um 15%. Wer momentan in Japan Urlaub macht, tut mir da ein bisschen leid. In Kyoto zum Beispiel herrschen seit Tagen 39 Grad, und das strengt an (mein persönlicher Rekord auf Reisen liegt bei 46 Grad, in Indien – aber das nur am Rande).

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern eine angenehme Blogruhe und, so hoffe ich zumindest, den einen oder anderen Urlaubstag.

Das Beitragsbild passt zwar nicht zum Thema, aber dieses Haus fiel mir schon lange auf und irgendwann muss das Bild einfach raus. Das Häuschen steht an einer der wichtigsten Strassen Tokyos, zwischen Ebisu und Shibuya.

Freihandelsabkommen zwischen Japan und EU ratifiziert

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Seit 2013 wurde es verhandelt, und die momentane Entwicklung der Weltwirtschaft hat den Prozess sicherlich beschleunigt: Heute ratifizierten die EU und Japan ein Freihandelsabkommen, bekannt unter dem Namen 日本・EU経済連携協定 Japan-EU-Wirtschaftspartnerschaftsabkommens beziehungsweise unter der Abkürzung ETA. Nun müssen nur noch das EU-Parlament sowie das japanische Parlament dem Abkommen zustimmen, so dass es bereits Anfang des nächsten Jahres in Kraft treten könnte (so nichts dazwischen kommt).

Betroffen sind von dem Freihandelsabkommen rund 600 Millionen Menschen – und 30% der Weltwirtschaftsleistung. Es ist also ein durchaus gewaltiges Abkommen, und somit für die USA und Post-Brexit-UK keine guten Nachrichten. Der Protektionismus seitens der Angloamerikaner wird sicherlich noch das eine oder andere Freihandelsabkommen forcieren, so dass die USA und Großbritannien aufpassen müssen, nicht ins Abseits zu geraten. Offensichtlich ist zum Beispiel auch China auf der Suche nach neuen bzw. starken Freunden.

Wie vor fast einem Jahr schon hier berichtet, bedeutet das Abkommen konkret für Japan zum Beispiel, dass Importzölle für Wein, Käse und etliche andere Produkte aus Europa drastisch reduziert oder gar abgeschafft werden. Im Gegenzug werden die Importzölle für Autos und Haushaltswaren aus Japan gesenkt bzw. abgeschafft – für den Verbraucher auf den ersten Blick eine feine Sache also, aber es wird natürlich auch negative Folgen haben, da der Wettbewerb somit härter wird.

Sommer extrem | Ab auf den Bauernhof

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Bauernkino in der Mother Farm auf Chiba

Der Sommer in Japan wird wirklich allmählich extrem, dabei hätte er zum Beispiel im Raum Tokyo noch gar nicht anfangen sollen: Normalerweise ist die Regenzeit erst rund um den 20. Juli herum zu Ende. Die Folgen der Unwetter im Westen Japans vor einer knappen Woche werden auch erst allmählich deutlich: Die Zahl der Todesopfer ist bereits auf über 200 gestiegen, und viele Strassen und Bahnlinien sind noch immer unpassierbar. In anderen Landesteilen herrscht hingegen grosse Hitze: Am kommenden, verlängerten Wochenende (Montag ist „Tag des Meeres“) werden in Kyoto circa 38 Grad erwartet; auch in Tokyo werden es wohl um die 35 Grad werden. Dummerweise ist bereits die Klimaanlage in meinem Büro durchgeschmort, und die Behelfslösung, die uns der Vermieter installiert hat, reicht vorne und hinten nicht. Ein Ventilator hilft da wenig: Schwüle 30+ Grade sind einfach zu warm, ob Wind weht oder nicht.

Trotz der Hitze zog es uns am vergangenen Wochenende zur sogenannten „マザー牧場牧場 Mother Farm“ in den Bergen der Präfektur Chiba. Der einstige Landwirtschaftsbetrieb ist heuer eine Mischung aus Bauernhof, Themenpark und Zirkus und ist von der Lage her traumhaft – das weitreichende Gelände befindet sich auf einem Berg, von wo aus man die Bucht von Tokyo und die Berge der Bōsō-Halbinsel einsehen kann. Die Berge dort sind etwas besonderes – sie sind zumeist nur 200, 300 Meter hoch, aber verhältnismäßig steil und dicht gesät. Die Farm an sich macht Spass, aber es wird kräftig zugelangt: So ziemlich alles kostet extra und nicht gerade wenig. Auf eigene Weise interessant war eine kurzweilige Show, bei der die Besucher in einem klimatisierten Gebäude vor einer leeren Bühne sassen – mit einem riesigen Panoramafenster dahinter – dort marschierten alle möglichen Tiere auf. Bauernkino quasi. Für Menschen vom Land (auch ich habe als Stift einiges an Zeit auf dem Land verbracht) nichts Neues, aber dür Großstadtkinder natürlich etwas Besonderes, zumal die lieben Kleinen auch selbst Hand anlegen dürfen – beim Melken zum Beispiel.

Bergwelt von Chiba

Globale Erwärmung und was sie für Japan bedeutet

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ANN-Berichterstattung über Starkregen in Westjapan
ANN-Berichterstattung über Starkregen in Westjapan

Die Wetterereignisse der vergangenen Tage geben (leider mal wieder) Anlass dazu, über das Thema der Globalen Erwärmung nachzudenken, und was selbige konkret für Japan bedeuten wird. Viele Menschen denken da nämlich erstmal an steigende Meeresspiegel und häufigere und stärkere Taifune, doch in Japan ist ein anderes Phänomen sehr bedrohlich: Auf Japanisch wird dies 集中豪雨 shūchū gōu (lokales Starkregenereignis) genannt, und die Folgen stehen dem eines kräftigen Taifuns oder gar eines Tsunamis in nichts nach.

Der starke Regen der vergangenen Tage konzentrierte sich vor allem auf den Westteil der Insel Honshu und der Insel Shikoku sowie auf Hokkaido, mit besonders dramatischen Folgen in der Gegend um Hiroshima und Kurashiki (Präfektur Okayama) sowie in der Gegend um Uwajima (Präfektur Ehime). Nach jetzigem Stand verloren mindestens 110 Menschen ihr Leben, und dutzende gelten noch als vermisst. Das ist erst recht viel, wenn man bedenkt, dass der Katastrophenschutz in Japan sehr weit fortgeschritten ist – in jedem anderem Land der Erde hätten Regenfälle dieses Ausmasses weitaus mehr Verluste zur Folge.

Nun sind diese Starkregenereignisse keine Erfindung der Neuzeit und kein Beweis allein für die Globale Erwärmung. Im Jahr 1938 zum Beispiel, also vor 80 Jahren, sorgte extremer Regen in Kobe für Sturzfluten, die mehr als 600 Menschen das Leben kostete. 1957 kamen beim Isahaya-Regen in der Präfektur Nagasaki fast 1,000 Menschen ums Leben. Doch der Abstand solcher Ereignisse schrumpft spürbar. Erst letztes Jahr kamen 34 Menschen auf Kyushu ums Leben – einige Ortschaften sind noch immer nicht komplett wiederhergestellt. Und erst vor vier Jahren, im August 2014, rissen Schlamm- und Wassermassen 77 Menschen in den Tod – ebenfalls in Hiroshima, in den nördlichen Stadtvierteln Asakita und Asaminami, die auch dieses Jahr wieder getroffen worden. Die Opferzahl in diesem Jahr ist jedoch die höchste seit dem Beginn der Heisei-Zeit vor 30 Jahren, und sie lässt befürchten, dass man Nachrichten wie die der letzten Tage in Zukunft häufiger hören wird.

Eine vollständige Vorbeugung von Schäden ist in Japan leider nahezu unmöglich: Sicherlich, man sollte nicht an instabilen Berghängen oder Flüssen bauen, aber ein großer Teil japanischen Baulandes liegt genau in solchen Lagen. Letztendlich steckt man deshalb den Hauptteil der Energie in Vorwarnsysteme und Evakuierungsmechanismen, doch bei Regenfällen von über 250 mm innerhalb von 3 Stunden (so gemessen in Kochi vor ein paar Tagen) geraten auch diese Mechanismen eindeutig an ihre Grenzen.

Gleichzeitig kann man die Folgen der globalen Erwärmung auch am Gegenteil festmachen: Trotz Regenzeit trocknen Okinawa sowie die Gegend um Tokyo regelrecht aus — es fällt viel weniger Regen als üblich, und dieser fehlende Regen wird Wasserversorgungsprobleme im Sommer und Herbst, bis hinein in den Winter, mit sich bringen. Die Regenzeit in Tokyo zum Beispiel wurde am 29. Juni für beendet erklärt – drei Wochen vor dem normalen Ende der Regenzeit. Und so lassen sich momentan die Folgen der globalen Erwärmung für Japan so zusammenfassen: Es regnet weniger, aber wenn es mal regnet, dann verheerend. Wäre ich Zyniker, könnte ich also sagen, dass sich statistisch gesehen eigentlich nicht viel ändert. Die Ereignisse in Westjapan in den vergangenen Tagen werden nun auch in der Politik als Zeichen verstanden, doch es steht zu befürchten, dass sich die Atomkraftbefürworter gestärkt sehen und versuchen, aus dem Thema der Globalen Erwärmung Kapital zu schlagen.

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