Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Rosige Zeiten für Uniabsolventen: Rekord bei Anstellungszahlen

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Wie die Asahi Shimbun Digital heute bekannt gab¹, herrschen momentan rosige Zeiten für japanische Uniabgänger: Bei einer Befragung von knapp 5’000 Studenten an 62 Universitäten (staatlich und privat) kam heraus, dass am 1. Februar diesen Jahres bereits 91,9% der Studenten, die in diesem Frühjahr ihr Studium abschliessen, bereits einen Arbeitsvertrag für die Zeit nach der Uni in der Tasche haben. Das ist ein Rekordwert – so hoch lag die Zahl noch nie seit Beginn der Untersuchungen (die erste fand im Jahr 1999 statt).

Japanische Studenten beginnen in der Regel ein Jahr vor Abschluss des Studiums mit der 就職活動 shūshoku katsudō (Stellensuche), wobei gerade die grösseren Firmen gern aus ganz bestimmten Universitäten rekrutieren. Wer also an einer bestimmten Universität studiert, hat es leichter, sich bei Firma XYZ zu bewerben, zumal hier die Firmen und Universitäten oft eng zusammen arbeiten. Nach diversen Seminaren, Tests und Vorstellungsgesprächen erhalten die Studenten schliesslich eine Benachrichtigung über das 内定 naitei, was wörtlich so viel wie „Interner Beschluss“ bedeutet und einer quasi verbindlichen Zusage zur Einstellung gleichkommt. In schlechten Jahren kommt es schon mal vor, dass Firmen dieses „naitei“ widerrufen, aber das ist sehr selten, und da eine solche unübliche Handlung von den Medien aufgegriffen wird, bedeutet ein solcher Widerruf schlechte Presse und wird deshalb von den Firmen möglichst vermieden.

Überraschend sind die Zahlen nicht. Wie schon mehrfach berichtet, schlägt sich die Überalterung der Bevölkerung und der Mangel an Nachwuchs immer mehr im Arbeitsmarkt nieder. Viele Firmen haben ihre liebe Not, genügend Nachwuchs zu rekrutieren, und müssen sich deshalb schneller als üblich um die neuen Uniabsolventen balgen. Das ist für die Studenten natürlich positiv, da sie der Zukunft relativ sicher ins Auge schauen können. Man kann zudem davon ausgehen, dass der eine oder andere Arbeitgeber seine Hürden leicht gesenkt hat. Da der eigentliche Abschluss an einer japanischen Universität eher Formsache ist, können sich die Studenten deshalb auch vor Antritt der ersten Arbeitsstelle gemächlich ausruhen und dem Leben widmen. Übrigens liegt die Rate bei den Studentinnen mit 92,6% etwas höher als ihren Kommilitonen (91,4%).

¹ Siehe hier.

Kirakira-Namen: 18-jähriger „Prinz“ will nicht mehr „Prinz“ genannt werden

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Die Nachricht machte schnell Runde in den Nachrichten und sozialen Netzwerken: Ein 18-jähriger Junge aus der Präfektur Yamanashi hat seinen Vornamen ändern lassen. Der lautete nämlich 王子様 Ōjisama, was schlichtweg „(geehrter) Prinz“ bedeutet. Laut Angaben des Jugendlichen verpasste ihm seine Mutter den Namen in der Annahme, ihr geliebter Sohn werde auf jeden Fall einzigartig sein. Sein neuer Name lautet nun „Hajime“. Der Ex-Prinz hatte zudem die Courage, an die Öffentlichkeit zu gehen, seine Entscheidung zu begründen, und Eltern in Japan zu bitten, ihren Kindern doch bitte keine „キラキラ kirakira“-Namen (kirakira bedeutet „glitzernd“) zu geben, denn schliesslich seien es die Kinder, die den Namen das ganze Leben lang herumtragen müssten.

Laut Hajime wurde er aufgrund des Namens zwar nie wirklich schikaniert, aber es gab wohl genügend unerfreuliche Reaktionen vor allem von weiblichen Mitschülerinnen, wenn er sich mit dem Vornamen vorstellte. Das ist verständlich. Ōjisama hat diverse Konnotationen, darunter auch solche wie „Muttersöhnchen“ oder „verwöhnter Junge“ – kurzum, so möchte man wirklich nicht heissen.

Zu den Kirakira-Namen gehören die folgenden Namen, die – man glaubt es kaum – tatsächlich vergeben werden:

Schreibweise jap. Lesung Geschlecht Lesung Anmerkung
樹茶 きてぃちゃん weiblich Kitty-chan von Hello Kitty
主人公 ひーろー männlich Hero eigentlich shujinkō, wörtlich: die Hauptrolle
ラッキー星 らっきーすたー männlich Lucky Star Hmm…
手洗 てぃあら weiblich Tiara eigentlich jedoch „Tearai“ (Toilette) gelesen
てとり weiblich Tetori als Bezug auf das Spiel Tetris
weiblich No Eigentlich nur ein Genitivpartikel…
光宙 ぴかちゅう männlich Pikachu War ja klar, musste es ja geben.
黄熊 ぷう weiblich Pu von Pu der Bär (Winnie-the-Pooh))
苺愛 ベリー weiblich Berry Setzt sich aus „Erdbeere“ und „Liebe“ zusammen

Die Liste ist endlos. Und das Schlimme daran ist: Die meisten dieser Namen kann man nicht einmal ohne Weiteres lesen – die Lesung wurde mehr oder weniger willkürlich den Zeichen zugeordnet (eine japanische Besonderheit, die die ohnehin schon extrem komplizierte japanische Schriftsprache auf ein weiteres, absurdes Level hebt).

Der Ex-Prinz brachte noch ein weiteres, wichtiges Argument an: Er sei sich nicht sicher, dass sein alter Name angemessen sei, wenn er mal 80 Jahre alt sein würde. Das ist verständlich.

Übrigens darf jeder über 15-jährige in Japan, auch ohne Zustimmung der Eltern, seinen Vornamen ändern lassen. Man muss nur glaubhaft nachweisen, dass man aufgrund des gegebenen Namens negative Auswirkungen im sozialen Umfeld befürchtet.

Der Fuji-Kaiyu-Express kommt: Direkt von Shinjuku nach Kawaguchiko

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Fuji-Q-Highland und der Fuji-san, Kawaguchi-ko
Fuji-Q-Highland und der Fuji-san, Kawaguchi-ko

Wie jetzt bekannt wurde¹, wird das Streckennetz der Region um Tokyo nun permanent um eine weitere, und für Touristen sehr attraktive Verbindung erweitert: JR East und Fujikyu Railway haben nämlich beschlossen, einen neuen Expresszug mit dem Namen 富士回遊 Fujikyū Kaiyū (auf Englisch Fuji Excursion getauft) auf die Gleise zu schicken. Jener wird ab dem 16. März 2019 an Wochentagen zwei Mal (um 8:30 und 9:30) sowie an Wochenenden drei Mal (7:35, 8:30 und 9:30 Uhr) vom Bahnhof Shinjuku bis nach 河口湖 Kawaguchiko fahren – der Ort ist quasi der Eingang zu den 富士五湖 (Fuji-Goko, 5-Seen am Fuji). Natürlich fährt der Zug auch in der gleichen Frequenz zurück – Abfahrt in Kawaguchiko ist wochentags um 15:05 und 17:38 Uhr; am Wochenende kommt dann noch ein Zug um 16:00 Uhr hinzu. Unterwegs hält der Express in Tachikawa, Hachiōji, Ōtsuki, Tsuru, Mt. Fuji sowie am Vergnügungspark Fujikyu-Highland. Das schöne daran ist, dass der Zug für die Strecke nur 1 Stunde und 52 Minuten brauchen wird – und man nicht umsteigen muss. Man kann jetzt schon in circa 2 Stunden die Strecke bewältigen, aber entweder muss man dann zwei Mal umsteigen, oder mit dem Bus fahren. Der Preis für die einfache Fahrt wird rund 5’000 yen betragen.

Ob der Japan Rail Pass benutzt werden kann, ist fraglich, denn selbiger gilt nur für JR-Strecken – die Strecke von Kawaguchiko bis Ōtsuki jedoch gehört der privaten Fujikyu-Eisenbahngesellschaft. Für Reisende mit schmalem Budget könnte so der Bus die billigere Alternative sein, denn der kostet nur 1,950 yen und bewältigt die gleiche Strecke in 1 Stunde und 45 Minuten, vorausgesetzt, die Strassen sind nicht allzu verstopft. Ausserdem muss beachtet werden, dass alle Plätze im Fuji Excursion 指定席 – shiteiseki (reservierte Plätze) sind – man muss also vorher reservieren, sonst kommt man gar nicht erst in den Zug.

Die fünf Seen am Fuji werden zunehmend von Touristen überrannt, sind aber dennoch ein Muss für Japan-Reisende, denn hier gibt es viel zu sehen und zu erleben – neben den Seen und dem Fuji-san sind unter anderem der Kachikachi-Yama und der Fuji-Q-Vergnügungspark sehr zu empfehlen. Zu den besten Ecken (zum Beispiel dem westlichsten der 5 Seen, dem 西湖 Saiko), kommt man allerdings immer noch relativ schwer – und im Laufe eines Tagesausflugs schon gar nicht.

Fuji-san, vom 西湖 Saiko aus gesehen
Fuji-san, vom 西湖 Saiko aus gesehen

¹ Siehe Pressemitteilung und Webseite

Haneda: Ein Flughafen, auf Flugzeugen gebaut

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International Airport Haneda

85 Millionen Fluggäste pro Jahr und circa 1’200 Landungen und Abflüge pro Tag – der Internationale Flughafen Haneda hat Narita schon lange den Rang abgelaufen und zählt zu den größten Flughäfen der Welt. Haneda ist zudem sehr beliebt – zum einen, weil der Flughafen sehr zentral liegt, zum anderen, weil er sehr modern ist.

Wie aber die Wochenzeitschrift Shūkan Gendai vor kurzem in einem Artikel darlegte¹, ranken sich durchaus interessante Geschichten um Haneda, zumal die Geschichte des Flughafens selbst viel länger zurückliegt als viele denken. Das erste Flugfeld entstand bereits 1917, also vor über 100 Jahren. Der Name „Haneda“ (wörtlich: Federfeld) existierte schon vorher – damals gab es dort einen bekannten Sportplatz. Mittels Neulandgewinnung wurde das Areal schliesslich erweitert. Auch während des Zweiten Weltkrieges wurde Haneda genutzt – hauptsächlich militärisch, versteht sich. Neben zahlreichen regulären Flugzeugen standen hier auch schwere Waffen sowie Prototypen herum. Dazu zählte auch das legendäre, um 1937 von der heutigen Tokyo University entwickelte und aufgrund der roten Tragflächen liebevoll 真紅の翼 (Shinku no tsubasa – „Tiefrote Flügel“) genannte Flugzeug. Der eigentliche Name war furchtbar lang (in etwa: Experimentelles Langstreckenflugzeug) und wurde vorerst zu 航研機 Kōkenki abgekürzt, der Kosename folgte später. 1938 stellte dieses Flugzeug den einzigen japanischen Weltrekord in der Luftfahrtgeschichte auf: Es flog innerhalb von gut 62 Stunden 10’651 Kilometer am Stück, und hätte somit locker einen Nonstopflug nach Deutschland schaffen können. Letztendlich wurde jedoch nur ein Exemplar gebaut.

Im Jahr 1945 war Schluss damit: Japan wurde bis auf Weiteres der Bau und die Entwicklung von Flugzeugen verboten, und alles, was in Haneda an Fluggeräten und Ausrüstung noch herumstand, wurde im 鴨池 Kamoike (wörtlich: Ententeich), einem kleinen See auf dem heutigen Flughafengelände, versenkt. Jahrzehnte später wurde eben jener See zugeschüttet – und heute verläuft eine der Landebahnen von Haneda direkt über jenem Gelände. So gesehen schlummern im Boden von Haneda noch ungeborgene Schätze – ein Flughafen, auf Flugzeugen gebaut. Eine Replika des oben genannten Rekordfliegers kann man heute übrigens in der Präfektur Aomori im Luftfahrtmuseum von Misawa besichtigen.

¹ Siehe hier

Ist AirBnb in Japan sicher? Oder etwa nicht?

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Airbnb in Kyoto (Beispiel)
Airbnb in Kyoto (Beispiel)

In Kommentaren auf meiner Webseite, aber auch in anderen Foren, sehe ich immer wieder die Bemerkung, dass AirBnb in Japan keine Option, da zu unsicher, sei. Um möglicherweise falschen Gerüchten entgegenzutreten, nun also ein Update zur Situation.

Das Gerücht also: „AirBnb in Japan ist unsicher, da der Host möglicherweise urplötzlich storniert, weil er plötzlich keine Gäste mehr aufnehmen darf“. Wie kam es dazu? Nun, Japan erliess zum 15. Juni 2018 neue Gesetze, die vor allem auf 民泊 minpaku im Allgemeinen und auf Airbnb im Speziellen abzielen sollten – das ganze hatte ich ausführlich in diesem Artikel beschrieben. Durch das neue Gesetz wurden diverse Hürden geschaffen, die von den Hosts erstmal gemeistert werden mussten. Viele Hosts mussten deshalb diverse bauliche Massnahmen, zum Beispiel für den Brandschutz, ergreifen und sich des Weiteren mit der Bürokratie herumschlagen. Da die Frist relativ kurz war, haben es viele nicht rechtzeitig geschafft, und wer es nicht rechtzeitig schaffte, wurde kurzerhand von der Plattform rausgeworfen (nicht wirklich – die Angebote wurden lediglich abgeschaltet, bis die erforderlichen Genehmigungen vorlagen). Das Angebot schrumpfte quasi über Nacht von über 52’000 auf gerade mal 12’800, und da sich AirBnb keinen Uber-ähnlichen Ärger einhandeln wollte, kam es durchaus auch zu Zwangsstornierungen. Wer also nach Inkrafttreten des Gesetzes in einer Unterkunft übernachten wollte, die er vor dem Stichtag gebucht hatte, sah der Sache etwas unsicher entgegen.

Im Februar 2019 wurde nun bekanntgegeben, dass die Zahl der angebotenen Übernachtungsmöglichkeiten auf Airbnb bei rund 42’000 liegt¹ – Tendenz stark steigend. Das liegt zu einen daran, dass viele Anbieter, die beim grossen Kahlschlag deaktiviert wurden, wieder zurückkamen, zum anderen aber auch daran, dass auch gewöhnliche Ryokan und Hotels auf das Portal drängen. Letzteres wird sicherlich zunehmen, denn die Hoteliers erkennen natürlich, dass man Airbnb & Co. ernst nehmen muss, und man honoriert auch die im vergangenen Jahr geschaffene Rechtssicherheit. Hinzu kommen auch noch grosse Sportereignisse wie die Rugby-WM in diesem Jahr sowie die Olympischen Spiele im nächsten Jahr sowie die Tatsache, dass die Zahl der ausländischen Touristen in Japan stetig wächst.

In diesem Sinne bleibt festzustellen, dass Airbnb in Japan so sicher ist, wie es das Airbnb-Prinzip zulässt. Es ist auf jeden Fall sicherer als vor dem Inkrafttreten des Gesetzes. Gerade für kleine Gruppen, aber auch für Familien ist das Portal deshalb eine interessante Alternative, zumal man so auch in den Genuss kommen kann, in einem traditionellen japanischen Haus irgendwo in der Pampa übernachten zu können, anstatt sich mit winzigen Zimmern in dubiosen Businesshotels herumzuschlagen.

¹ Siehe unter anderem hier.

Kaiser Akihito zieht Bilanz

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Am vergangenen Sonntag gab es im Kaiserpalast in Tokyo einen grossen Empfang mit rund 1’100 geladenen Gästen. Anlass war das 30-jährige Jubiläum der Thronbesteigung des Kaisers Akihito. Und es wird der letzte Jahrestag sein, denn der Kaiser dankt am 30. April diesen Jahres aus eigenem Willen ab (siehe unter anderem hier und hier). Freundlicherweise hat der von mir sehr geschätzte Professor Reinhard Zöllner seine eigene deutsche Übersetzung der Jubiläumsrede hier ins Netz gestellt.

Ein Grundthema während seiner Regentschaft war das Wort „Frieden“, und dieses Wort tauchte auch bei der letzten Rede mehrfach auf. In zahllosen Auftritten in den vergangenen Jahrzehnten liess der Tennō unermüdlich erkennen, dass er sich der historischen Verantwortung seiner Rolle beziehungsweise seines Titels vollends bewusst ist – schließlich geschahen alle Dinge während des Zweiten Weltkrieges „im Namen des Tennō“, also im Namen von Kaiser Akihito’s Vater. Deshalb beschrieb er die letzten dreissig Jahre als eine „endlose Suche nach seiner eigenen Rolle“ in der jetzigen Zeit. Er hob dabei besonders vor, dass seine Regentschaft die erste kriegsfreie Zeit in der jüngeren Geschichte Japans war, ohne dabei zu vergessen, dass es durchaus genügend andere Probleme wie zum Beispiel den Klimawandel gibt.

Nun ist es noch etwas zu früh für einen Nachruf, aber so viel steht fest: Trotz der Tatsache, dass das Leben des Kaisers bis ins kleinste Detail reglementiert ist, und obwohl politische Gruppen (in der Regel natürlich die vom rechten Rand) es immer wieder versuchten, den Kaiser für die eigenen politischen Ziele zu instrumentalisieren, hat es der Tennō dennoch geschafft, der Heisei-Zeit seinen eigenen, friedvollen Stempel aufzudrücken. Er trat immer als demütiger Diener des Volkes auf, reiste unermüdlich umher, und hörte den Menschen zu, ohne anmassend oder arrogant zu erscheinen. Wo man auch hinfährt in Japan – vielerorts sieht man Fotos vom kaiserlichen Ehepaar, wie es hier eine gemeinnützige Einrichtung oder dort von Katastrophen betroffene Japaner besuchte und mit den Menschen redete. So gesehen hatte Japan in den letzten drei Jahrzehnten mit Kaiser Akihito einen würdigen Vertreter gefunden, und ich hoffe, dass sein Sohn der gleichen Fährte folgt. Aus obigen Gründen ist es natürlich schade, dass der Kaiser abdankt, aber die Ruhe hat er sich verdient – schliesslich ist er bereits 85 Jahre alt.

Verblüffende Ehrlichkeit, oder: Was tut man nicht alles für die Erziehung

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Natur- und Technikmusuem in Tokyo
Natur- und Technikmusuem in Tokyo

Gestern entschieden wir uns für einen Ausflug zum 科学技術館 kagaku gijutsukan – dem „Wissenschafts- und Technikmuseum“, auf Englisch kurz Science Museum, welches sich in einem nördlichen Teilbereich des Kaiserpalastes, in unmittelbarer Umgebung des Budokan, befindet. Das Museum ist vom Aufbau eher altbacken, aber ein paar interessante Exponate gibt es, und die Kinder können allerhand herumexperimentieren. Zudem liegt es mehr als günstig – mitten im Zentrum, direkt neben einer Autobahnausfahrt und unweit der U-Bahn.

Da die Museumskantine nicht viel hergab, entschieden wir uns für einen Bummel nach 神保町 Jimbochō, denn dort gibt es nicht nur unglaublich viele Antiquariate, sondern auch viele gute Restaurants. Das ganze dauerte letztendlich weit über eine Stunde, und da die lieben Kleinen der großen Portionen beim Chinesen – seltenerweise – nicht vollständig Herr werden konnten, liessen wir uns den Rest einpacken. Zurück beim Museum entschied ich mich nun, die Reste im Auto zu verstauen – sonst wüsste das halbe Museum in kürzester Zeit, was sich in der Tüte verbarg. Nun stand neben meinem Auto ein circa 40-jähriger Vater nebst schätzungsweise 10 Jahre alter Tochter, und der Vater schaute irgendwie sehr betreten aus. Ausserdem schien er zu stottern — zumindest klang es so, als er mich plötzlich ansprach (übrigens: ich habe in Japan noch nie jemanden stottern gehört!). Ihm sei da ein Missgeschick passiert, und er werde natürlich dafür aufkommen, und ob ich meine Adresse hinterlassen könnte, und ob wir das vielleicht so oder so regeln könnten, sprudelte es aus ihm heraus. Okay, ganz ruhig jetzt! Was sei denn nun passiert, wollte ich von ihm wissen. Nun, beim Tür aufmachen sei die Tür gegen mein Auto gestossen und habe eine Schramme hinterlassen. Und er zeigte mir die „schlimme Stelle“. In der Tat. An der Hintertür gab es eine rund 5 Millimeter grosse, runde Abschürfung. Die betraf scheinbar nur die oberste Lackschicht, und man musste schon etwas genauer hinschauen – mir wäre das jedenfalls sicher nicht sofort aufgefallen.

Nun ja, das Auto ist bereits 8 Jahre alt, und hier und da sieht man bereits ein paar Gebrauchtspuren. Das lässt sich leider nicht ganz vermeiden. Wegen dieser kleinen Schramme nun extra zu einer Werkstatt zu fahren, den Schaden taxieren zu lassen und dann den Preis zu verhandeln erschien mir sofort zu „面倒臭い“ mendōkusai (ein schönes Wort, übrigens! „mendō“ bedeutet „Aufwand“, „-kusai“ bedeutet „nach etwas stinken“), weshalb ich nun abwiegelte und sagte, dass das schon okay sei, das Auto sei schliesslich schon etwas älter und so gross sei der Schaden ja nun doch nicht. Der Vater schaute etwas ungläubig und sagte noch mal, dass er das schon regeln kann, aber ich winkte ab. Nun befahl der Vater seiner Tocher, die wie ein begossener Pudel die ganze Zeit neben uns stand „謝れ! ayamare!“ – „Entschuldige Dich!“, was sie auch tat. Mit kleiner Stimme und ganz blass. Ganz sicher, sie hatte bereits ihr Fett abbekommen. Ich sagte ihr noch, dass ich auch Kinder in ihrem Alter habe und verstehe, dass so etwas passieren kann, aber sie war noch zu betreten, um mir zuzuhören. Und damit war die Sache für mich erledigt.

Im Nachhinein fragte ich mich, ob der Vater das auch getan hätte, wenn sein Kind nicht dabei gewesen wäre. Hätte ich das gleiche getan, wenn meine Kinder das gemacht hätten? Mit Sicherheit, allein schon, damit sie lernen, was für Konsequenzen Unvorsichtigkeit hat. Hätte ich auf den Besitzer des Autos gewartet, wenn ich allein gewesen wäre? Hmmm… natürlich müsste ich sofort „Sicher, sicher!“ sagen. Aber wer weiss das schon so genau…

Ausnahmeschwimmerin Ikee mit Leukämie diagnostiziert

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Rikako Ikee ist zweifellos ein Ausnahmetalent: Die jetzt 18-jährige erschwamm bei den Asienspielen in Indonesien im letzten Jahr 8 Medaillen, sechs davon waren Gold (und zudem in Rekordzeit). Das sympathische Talent schaffte es damit in alle Schlagzeilen, und zu recht wurde sie zu einer der größten Medaillenhoffnungen für die 2020 stattfindenden olympischen Spiele in Tokyo. Ikee (gelesen Ikëe) wurde 2000 in Tokyo geboren und aufgrund ihrer Leistungen bereits mit 14 Jahren in die Schwimmnationalmannschaft aufgenommen. Mit 16 Jahren vertrat sie so auch ihr Land bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro, wo sie es bis ins Finale schaffte.


Rikako Ikees Tweet, in dem sie die Erkrankung bekanntgab

Bei einem Trainingslager in der vergangenen Woche in Australien wirkte sie jedoch sehr abgeschlagen, so dass man sie zum Arzt und letztendlich zu weiteren Untersuchungen nach Hause schickte. Die niederschmetternde Diagnose: 白血病 hakketsubyō – Leukämie. Diese auch Blutkrebs genannte Krankheit ist zwar heilbar, und ihre Ärzte deuteten bereits an, dass sich die Krankheit wohl noch in einem sehr frühen Stadium befindet, doch die Qualifikation wird sie aller Voraussicht nach verpassen und somit nicht an den Spielen im eigenen Land teilnehmen können.

Der für die Olympischen Spiele zuständige Minister Sakurada kommentierte die obige Meldung mit den Worten dass er „schwer enttäuscht“ („gakkari“) sei – ein Wort, das hier unpassender nicht sein könnte, da es suggeriert, dass die Schwimmerin selbst an der Krankheit schuld sei. Aber was soll man auch schon von einem Minister erwarten, der nicht einmal seine eigenen Resorts richtig aussprechen kann (siehe hier: Geballte Inkompetenz hat einen Namen). Oppositionsparteien forderten umgehend seinen Rücktritt, Sakurada entschuldigte sich und Abe lehnt das Rücktrittsersuchen ab. Das gleiche Spiel wie immer.

Um dem ganzen jedoch wenigstens etwas positives abzugewinnen: Das Schicksal von Ikee geht so vielen Japanern ans Herz, dass es wohl einen plötzlichen Andrang bei den Knochenmarkspendenzentren gibt, was Japan womöglich dabei helfen kann, eine brauchbare Spenderdatenbank aufzubauen. Ansonsten kann man sich nur Thomas Bach, dem IOC-Präsidenten, anschliessen, der Ikee in erster Linie eine schnelle Heilung wünscht.

Riemenfischsichtungen: Steht ein grosses Erdbeben bevor?

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Rvalette [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], von Wikimedia Commons
Rvalette [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], von Wikimedia Commons

Seit langer Zeit schon gibt es eine besondere Fischart, die in Japan Erdbebenängste schürt: Es geht um den sogenannten Riemenfisch, einem bis zu 8 Meter langem und bis über 250 Kilogramm schwerem Fisch, der aus gutem Grund so genannt wird, wie man in im Deutschen nennt. Der Riemenfisch ist fast auf der ganzen Welt (die Tropen liegen ihm nicht so) zu Hause und meist im Mesopelagial, also in einer Tiefe von 200 Meter bis 1,000 Meter und darunter, anzutreffen. Nahe der Wasseroberfläche oder gar am Ufer findet man die längsten Knochenfische der Erde eigentlich nicht, doch hin und wieder wird ein Exemplar gesichtet. In diesem Jahr wurden in Japan bereits über 12 Sichtungen gemeldet – sechs davon allein in der Präfektur Toyama¹, und das sorgt für Unruhe und einen Haufen interessanter Suchanfragen – zum Beispiel danach, ob und wenn ja wie viele Riemenfische vor dem schweren Ostjapan-Erdbeben am 11. März 2011 in Tohoku gesichtet wurden und so weiter. Ein Zusammenhang ist dabei durchaus denkbar. Andere Tiere können schließlich auch Erdbeben spüren, bevor der Mensch etwas davon merkt, und vielleicht sind die Fische ja wirklich aufgrund vermehrter tektonischer Vorgänge am Meeresboden auf der Flucht oder schlichtweg orientierungslos. Dementsprechend gab es auch schon Studien über mögliche Zusammenhänge von Riemenfischsichtungen bzw. -strandungen und Erdbeben, aber es wurde kein nennenswerter Zusammenhang gefunden.

Der Fisch hat übrigens einen sehr poetischen Namen im Japanischen: 竜宮の使い リュウグウノツカイ Ryūgū-no-tsukai – der „Botschafter des Drachenpalastes“. Der Drachenpalast gilt als Sitz des Meeresgottes. Riemenfische sind nicht immer in und um Japan zu finden – sie wandern und tauchen nur zu gewissen Zeiten in dieser Gegend auf. Natürlich kann man nur hoffen, dass die Verbindung dieser Tiere zu Erdbebenereignissen ins Reich der Legenden gehört – es hat in diesem Jahrzehnt bereits genug gebebt. Am meisten Sorge hat man in Japan übrigens – seit langer Zeit – weniger vor einem Erdbeben mit einem Epizentrum direkt unter der Hauptstadt Tokyo, sondern vor dem sogenannten 南海トラフ地震 Nankai-torafu-jishin (Südseegraben-Beben). Das gab es in der Vergangenheit auch schon, und es hat das Potential, mehr als die Hälfte der japanischen Ostküste, von Shizuoka bis Miyazaki, zu verwüsten.

¹ Siehe unter anderem hier.

Ramen-Jäger: Die Nudelsuppendatenbank kommt!

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Früher verachtete ich Nudeln, die irgendwie in irgendwelchen Suppen schwammen. Vielleicht weil ich Buchstabennudelsuppen hasste. Vielleicht auch, weil ich bei meinem Aufenthalt in einer russischen Familie in Moskau eine gute Woche lang tagtäglich Nudelsuppe mit Hühnerfleisch ass. Immer die gleiche, wohlgemerkt – der Riesentopf wurde jeden Abend erneut auf den Herd gestellt (nach drei oder vier Tagen hatten sich dann auch entsprechend die Hühnerreste komplett mit den matschigen Nudeln vermählt). Aber irgendwann stiess ich, vor über 20 Jahren, in Japan zum ersten Mal auf „Ramen“, die „gezogenen Nudeln“. Zu der Zeit waren sie eigentlich noch gar nicht das grosse Ding – es war definitiv ein „Volksessen“, schnell und ein bisschen schmutzig. Und viele Ramenbuden haben sich in den 20 Jahren auch nicht gross verändert – selbst die Tapeten und Dunstabzugshauben sind die gleichen… doch jetzt gibt es immer mehr Köche, die ihre eigene Interpretation der Suppen unters Volk bringen, und da gibt es sehr viel zu entdecken.

Ich bin mir sicher, schon weit über 100 verschiedene Ramenbuden besucht zu haben. Manchmal habe ich auch Fotos gemacht, und manchmal ärgert es mich, dass ich mir keine Notizen gemacht habe, denn es gibt ein paar Variationen, die sehr gut waren, aber ich weiss einfach nicht mehr, wo das war. Zeit also, etwas Ordnung in die Sache zu bringen. Eine eigene Seite über das Gericht, nebst Rezeptn, habe ich ja schon vor einer ganzen Weile fertiggestellt – siehe hier. Nun werde ich also beginnen, diverse empfehlenswerte Ramengeschäfte vorzustellen, und den Anfang macht Mutahiro Honten – ein würdiger Beginn, denn die Ramen und Tsukemen dort waren schlichtweg umwerfend. Naturgemäss werden die meisten hier vorgestellten Geschäfte in oder um Tokyo angesiedelt sein, aber ein paar Läden in der Provinz werden auch hinzukommen. Beim Verkosten habe ich dabei meistens einen großen Vorteil: Da der Rest der Familie auch Ramen liebt und jeder meistens etwas anderes bestellt, kann ich gleich immer ein paar verschiedene Sachen probieren.

Falls jemand einen guten Ramenladen kennt, der unbedingt vorgestellt werden sollte – immer her damit!

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