Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Die Räuber von der Tankstelle

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ENEOS-Tankstelle in Japan

Drei Jahre ist es nun her. Der Führerschein war noch warm, und das Auto gerade erst  gekauft. Ein Gebrauchter war das, denn wer weiss schon, was man als Fahranfänger so für Sachen baut. Über Weihnachten sollte es auf die erste längere Fahrt geht – nicht sehr lang, aber 200 Kilometer Autobahn lagen auf dem Weg. Die Unterkunft war gebucht, und die Kinder bereits aufgeregt. Urlaub! Am Abend davor ging es noch mal zur Tankstelle. Ein mal vollmachen, und können Sie eventuell noch etwas Luft auf die Reifen packen, wegen Autobahn und so? Klar doch! Keine Minute später zog der Tankstellenscherge eine bestürzte Miene. “Sie. Wollen. Mit. Dem. Auf. Die. Autobahn!!!!????” Ja, eigentlich schon! Wieso? Was folgte war eine lange Begutachtung und eine noch längere Schwadronade über den Zustand der Reifen. Dass es ein Wunder sei, dass die überhaupt noch Luft halten. Und die Risse, sehen sie die Risse? Ein kurzer Blick auf die Fahrzeugpapiere sorgte dann für Gewissheit: Der Vorbesitzer, der das Auto sechs Jahre lang gefahren hat, ist zwar nur gute 20’000 Kilometer damit gefahren. Aber die Reifen waren noch original. Sprich, Profil hatten sie noch, aber sie waren bereits ordentlich verwittert. 

In eindrucksvollen Bildern wurde geschildert, was mit den Reifen passieren wird, bei voller Fahrt, und das er, der junge Spund, so er denn eigene Kinder hätte, niemals die Verantwortung dafür tragen könnte, mit DIESEN Reifen auch nur einen Kilometer Autobahn zu fahren. Oh je. Was tun? Nun, zu einer Werkstatt zu fahren wäre bereits zu spät, zumal die Neujahrsferien um die Ecke lagen und die Werkstätten entsprechend ausgelastet seien. Aber, glücklicherweise bietet ja auch die Tankstelle Reifenwechsel an, und wenn man jetzt Reifen ordern würde, wären sie in einer Stunde da. Das wären dann gute 80,000 Yen, plus Mehrwertsteuer. 

Ich saß in der Falle. Nach allem, was ich in der Fahrschule gerlernt hatte, waren 6, 7 Jahre wirklich viel. Und auf einen platzenden Reifen bei der Jungfernfahrt auf der Tokyoter Stadtautobahn, mit Kindern im Fond, hatte ich keine Lust. Und wenn es jemanden auf der Welt gibt, der äußerst ungern eine Reise verschiebt, dann bin ich das. Der Tankstellenscherge war nun richtig in Fahrt. Soll ich auch gleich mal nach dem Öl schauen? Und dem Zustand der Klimaanlage? Und überhaupt? Zwei Stunden später hatte der Wagen neue Reifen, frisches Öl und diverse andere neue Flüssigkeiten, und ich war 120’000 Yen (rund 1’000 Euro) ärmer. Aber immerhin hatte ich ein ruhiges Gewissen.

Seitdem waren die Jungs immer sehr freundlich. Sollen wir mal den Reifendruck messen? Wo soll’s denn hingehen? Wann haben Sie das letzte Mal Öl gewechselt? So weit so gut. Vor zwei Wochen machte jedoch meine Frau den Fehler, zu eben jener Tankstelle zu fahren. Sollen wir Luft raufmachen? Warum nicht. Kostet ja nichts. Und schon begann das gleiche Schauspiel. “Oh oh!” “Wie jetzt, oh oh?” Der vordere linke Reifen hat 2.3 – der vordere rechte aber nur 1.5! Das ist gar nicht gut! Damit würde ich auf keinen Fall mehr fahren! Und der Vortrag begann. Sehen Sie die Risse hier? Und diese Reifen sind ja nun auch schon drei Jahre alt. Was da alles passieren kann! Da sollten Sie schleunigst die Reifen wechseln! Wie wär’s? 

Die Leute von der Tankstelle kennen mich, mein Auto und natürlich auch meine Frau. Und sie witterten das Geschäft, ganz klar. Meine Frau machte das, was sie in solchen Fällen instinktiv macht: Sie sagt “das muss mein Mann entscheiden, da kann ich jetzt nicht ja sagen”. Schlagfertig meinte der Angestellte dann: “Dann lassen Sie doch das Auto einfach hier stehen, und sprechen erst mit Ihrem Mann”. Meine Frau entschied jedoch, dass man lieber nicht im Netz der Spinne bleibt, und sagte, dass sie erstmal mit dem Wagen nach Hause fahren werde. Der Angestellte war entsetzt: Also das sollen Sie bei den Reifen lieber nicht tun! Wie durch ein Wunder schaffte es meine Frau dann doch, unversehrt die 200 Meter zurückzulegen – hatte aber verständlicherweise Angst davor, die Kinder mit dem Auto zu ihren üblichen Orten zu fahren.

Akt 1 an besagter Tankstelle war schon etwas anrüchig – ganz offensichtlich sind die Angestellten in Sachen upselling sehr geschult. Dass die Reifen allerdings nach weniger als 3 Jahren (in denen ich auch noch zwischen Allwetter- und Sommerreifen wechselte) runter sein sollten, leuchtete mir nicht ganz ein. Also ging es am Wochenende zu Yellow Hat, einer bekannten Werkstattkette. Die prüfen kostenlos Reifen, und das taten sie auch. Resultat: Auch ein paar Tage nach der Tankstelle war der Luftdruck auf beiden vorderen Reifen gleich, und der Mechaniker sagte: Die sind doch noch voll gut! Messen Sie vorsichtshalber in den nächsten zwei Wochen mal den Druck, aber wir können nichts finden. Gesagt, getan. Um das nicht mehr an der Tankstelle machen zu müssen, kaufte ich auch gleich eine Pumpe. Und siehe da: Ein paar hundert Kilometer und gute zwei Wochen später ist der Luftdruck auf allen Reifen unverändert.

Fazit: Die Jungs von der Tankstelle sind nicht nur sehr geschäftstüchtig, sie scheuen auch nicht davor, einfach zu lügen. So man ihnen beim Druckmessen nicht über die Schulter schaut, kann man da sehr schnell über’s Ohr gehauen werden. Bei einer kleinen Tankstelle konnte ich mir das schon vorstellen – nicht aber bei ENEOS, eine der größten Tankstellenketten in Japan. Dass die solche Geschäftspraktiken zulassen (oder gar fordern) ist einfach mal kurzsichtig. 

Man kann das ganze natürlich auch gelassen sehen: Fakt ist, dass die Tankstellen praktisch sind – und schnell. Aber wer will sich schon gern belügen lassen.

Vorsicht ist auchbei Tankstellen geboten, die nicht “Self Service” sind – man muss bei solchen nicht aussteigen, um zu tanken. Normalerweise steht bei diesen Tankstellen kein Spritpreis dran – man bezahlt dementsprechend in der Regel wesentlich mehr für den Sprit.

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Schwere Vorwürfe gegen ARD/NDR Ostasienbüro: Leitende Person vor Gericht

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Flur des Obersten Gerichtshofes von Tokyo
Flur des Obersten Gerichtshofes von Tokyo

Man sollte es nicht für möglich halten, aber auch das gibt es: Wie die Gewerkschaft 民放労連 minpōrōren, der abgekürzte Name der Gewerkschaft für Mitarbeiter in Funk und Fernsehen, mit geschätzten 9’000 Mitgliedern, bekannt gab, wurde nun eine leitende Person des Ostasienstudios von NDR bzw. ARD vor Gericht zitiert – die Verhandlung soll morgen, am 18. September, vor dem Amtsgericht von Tokyo, beginnen. Eine japanische Angestellte der Niederlassung hat die deutsche Korrespondentin auf Schadenersatz von 6,5 Millionen Yen (52.000 Euro) verklagt. Der Vorwurf: Mobbing am Arbeitsplatz. Ein ungewöhnlicher Vorgang.

Das Ganze begann vor zwei Jahren, als eine neue Person vom NDR nach Tokyo beordert wurde und seitdem auch von dort berichtete. In dem Studio arbeitet unter anderem eine japanische Angestellte, die mit Recherchen, Planungen, Interviews und Übersetzungen und dergleichen seit rund 20 Jahren quasi die rechte Hand der jeweiligen Korrespondenten war. Das war der neuen Person (da das Verfahren nicht abgeschlossen ist, sollen hier keine Namen genannt werden) laut Gewerkschaft egal. Willkürliche Änderungen der Konditionen, verbaler Mißbrauch, falsche Anschuldigungen, Demotion – so lauten nur ein paar der Vorwürfe. Dies ging Gewerkschaftsangaben zufolge so weit, dass die japanische Mitarbeiterin gesundheitliche Schäden davontrug, und in zwei Fällen sogar wegen Hyperventilation notärztlich behandelt werden musste.

Das Gericht muss nun herausfinden, was an der Sache dran ist. Das Heikle an der Sache ist jedoch, dass japanische Gewerkschaften vor dem Gang vors Gericht für ihre Mitglieder normalerweise alles daran tun, außergerichtlich zu schlichten – in diesem Fall wurde sogar seit Juli 2019 versucht, eine Lösung zu finden. Der NDR, der im Auftrag der ARD das Ostasienbüro seit 1960 betreibt, wird in der Sache von einer der vier größten Anwaltskanzleien vertreten, und die argumentiert, dass das 2019 in Japan verabschiedete Gesetz gegen Mobbing am Arbeitsplatz für den NDR keine Gültigkeit hat – das Gesetz soll für kleine und mittelständische Unternehmen erst ab 2022 gelten. Der Rechtsstreit wird also auch darauf hinauslaufen, wie man mit der Rechtsform des NDR in Japan umzugehen hat. Der NDR hat nämlich weltweit rund 3’400 Angestellte und ist damit alles andere als ein kleiner Verein, der auch ohne die notwenigen Instrumente auskommen kann, die so etwas verhindern sollen.

Die Chancen stehen nicht schlecht für die japanische Mitarbeiterin. Eskaliert ein Fall so sehr, dass er gar vor Gericht verhandelt wird, bekommen in den allermeisten Fällen die Arbeitnehmer recht. Vorher versucht das Gericht jedoch in der Regel, einen Vergleich zu erreichen. Doch wie letztendlich auch entschieden wird – der NDR muss sich fragen lassen, wie man es überhaupt so weit hat kommen lassen. Der Imageverlust ist jedenfalls schon da, da dieser Fall natürlich unter ausländischen Pressevertretern und innerhalb der Gewerkschaft die Runde macht.

Mobbing am Arbeitsplatz ist ein großes Thema in Japan – hier wird dafür der Begriff パワハラpawahara, eine Verballhornung des englischen Begriffes POWER HARAssment, benutzt. Normalerweise sprechen die Gerichte den Opfern jedoch nur sechs- bis maximal siebenstellige Yenbeträge zu.

Suga wird neuer Premier | Verwirrende Corona-App

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Heute stimmten 534 Parteimitglieder – 393 Parlamentsabgeordnete und 141 Vertreter der Ortsverbände der LDP – über den zukünftigen Parteichef ab, nachdem der langjährige Amtsinhaber Shinzo Abe aufgrund eines chronischen Leidens den Posten des Parteivorsitzenden und den des Ministerpräsidenten aufgab. Wie von allen erwartet machte Suga dabei das Rennen – mit 70% der Stimmen holte er sich eine satte Mehrheit und damit den Segen der Partei. Traditionsgemäss wird der Parteivorsitzende der Regierungspartei auch Ministerpräsident, was am Mittwoch vom Unterhaus abgesegnet werden muss. Da die LDP dort über eine bequeme Mehrheit verfügt, ist die Kür von Yoshihide Suga nur noch eine reine Formsache.

Abgeschlagen auf Platz 2 lag Fumio Kishida mit 89 Stimmen und auf Platz 3 der ehemalige Verteidigungsminister Shigeru Ishiba. Suga hat nun ziemlich genau ein Jahr Zeit, sich zu behaupten — dann endet nämlich die Amtsperiode des jetzigen Ministerpräsidenten. Viel Neues dürfte man dabei vom Neuen nicht erwarten – er war schon immer die treue rechte Hand von Shinzo Abe und liess bei diversen Interviews schon durchblicken, dass er die jetzige Politik weiter verfolgen wird. Aus Versehen liess er dabei in der vergangenen Woche durchblicken, dass er eine weitere Erhöhung der Mehrwertsteuer für unabdingbar halte – nur, um kurz darauf wieder zurückzurudern und zu sagen, dass dies in den folgenden 10 Jahren nicht nötig sein werde. Sugas Wort in Gottes Ohr…


Seit Juni 2020 gibt es auch in Japan eine “Corona-App”, genannt COCOA, und die funktioniert ähnlich wie vergleichbare Apps in anderen Ländern. Mittels Bluetooth sammelt das Smartphone Identifikationsnummern der Mitmenschen. Wird ein User positiv getestet, so meldet er dies über die App, und alle anderen User, die sich in den vergangenen 14 Tagen länger als 15 Minuten 1 Meter oder näher des Infizierten befanden, werden alarmiert – damit sie sich so selber testen lassen können. Die App entstand im Auftrag des Ministeriums für Gesundheit, Arbeit und Soziales und soll in Sachen persönlicher Daten sehr sicher sein. Wie auch anderswo üblich, wird der Quellcode deshalb komplett offengelegt (einzusehen bei Github). In der vergangenen Woche lag die Zahl der Downloads bei rund 16 Millionen – das wären also rund 13% der japanischen Bevölkerung. Und: Viele Ausländer in Japan scheinen nicht von der App zu wissen – dabei kann die App sogar Englisch und Chinesisch. iOS-User können sie hier und Android-User hier herunterladen.

Die App entpuppt sich allerdings als schwer verständlich, zumindest auf dem iPhone. Dort erhielt ich nun schon zwei Mal eine Nachricht – jeweils mitten in der Nacht:

COCOA-Warnung
COCOA-Warnung

Die Warnung besagt, dass “sie möglicherweise mit einem Corona-Infizierten Kontakt hatten. Klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.” und so weiter. Klickt man auf die Nachricht, gelangt man zur App, die mir dann mitteilte, dass ich keinen Kontakt hatte. Darüber wundert sich natürlich auch viele andere Nutzer. Um die Sache zu überprüfen, kann man dann unter “Privacy > Health Care > Cocoa” auf die Logs zurückgreifen und diese sogar herunterladen (im JSON-Format). Ein Tageseintrag sieht dann so aus:

    {
      "Hash" : "B8AC5291998ThIsISjustAranDomHashAndSOon35DD15E436B5647A2",
      "RandomIDCount" : 36,
      "MatchCount" : 0,
      "DataSource" : "jp.go.mhlw.covid19radar",
      "Timestamp" : "2020-09-12 02:00:22 +0900"
    },

Ich vermute mal, dass “RandomIDCount” bedeutet, wie viele User der App man getroffen hat, und “MatchCount” dann die Zahl der später positiv Getesteten. Viele User sind verwirrt – rufen das Gesundheitsamt an, und hören immer das Gleiche: Man sollte sich keine Sorgen machen, alles sei in Ordnung, und man solle erst wieder anrufen, wenn man Symptome zeigt. Das ist verwirrend. Die Idee dieser App ist nämlich als solche sehr gut: Man braucht einfach mehr Daten, um Infektionsherde und -ketten ausfindig zu machen. Wenn dann jedoch keine Taten folgen, ist das Ziel leider verfehlt. Schade eigentlich.

Billy’s Bootcamp meets Fifty Shades of Grey?

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Der Fernseher dudelte vor sich hin, als ich mal wieder ein ordentliche Sugo a la Tabibito zauberte. Die Kinder schauten sich irgendein x-beliebiges Programm an. Mit halbem Ohr hörte ich plötzlich, wie in der Werbung immer wieder “トルチャ !” (torucha!) gerufen wurde. Wie bitte!? Ich schaute schnell zum Bildschirm und sah nur, wie sich eine glücklich wirkende typische japanische Junggesellin in Yoga übte. “Torucha” ist nicht Japanisch sondern musste irgendein ausländisches Wort sein, und das erste Wort, das mir sofort dazu einfiel, war “torture”. “Torture” als Markenname für ein Fitnessprogramm. Darauf muss man erstmal kommen. Was passiert da? Trifft da Billy’s Bootcamp of 50 Shades of Grey? Oder ist dies Ausnahmsweise mal ein Produkt, das wirklich hält, was es verspricht?

Die Auflösung war leider weniger spektakulär. Der wahre Name lautet “Torcia”, ist italienisch und bedeutet einfach nur “Fackel” (siehe English: torch). Ich war ein bisschen enttäuscht. Aber der Begriff macht es nicht-Italienisch-Bewanderten wirklich leicht, sich zu verhören:

Torture (ˈtɔr.tʃɜː) würde man im Japanischen トルチャー toruchaa schreiben, denn ungerundete Zentralvokale wie das schwa (ɘ) oder eben auch das ɜ gibt es im Japanischen nicht – deshalb muss hier oft das “a” herhalten.

Torcia (toːrʧa) wiederum wird von der Firma トルチャ torucha transkribiert – der einzige Unterschied ist also das kurze “a” am Ende, im Gegensatz zum langen “a” bei “torture”, aber der Unterschied ist wirklich klein und leicht zu überhören:

Schade eigentlich. “Torture” als Name für ein Fitnessprogramm hätte mich nun aber auch nicht weiter verwundert – schliesslich pries ja McDonalds in Japan schon lauthals ein “Creampie für Erwachsene” an, und gleich in der Nähe meiner Firma steht das Restaurant “Qual”. Hat’s also alles schon gegeben.

Das Ministerpräsidentenrennen

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Es deutete sich schon an, siehe hier: In den letzten Wochen bekam man Ministerpräsident Abe immer seltener zu sehen, und wenn er denn mal zu sehen war, weckte er Erinnerungen an das abrupte Ende seiner ersten Amtszeit, das war im September 2007. Da sah er überhaupt nicht gesund aus, und so war es keine allzu grosse Überraschung, dass er gerade mal ein Jahr nach Antritt seiner Amtszeit (als damals jüngster Ministerpräsident Japans) zurücktrat. Aus gesundheitlichen Gründen, denn Abe kämpft seit langem an einer chronischen Darmentzündung. Dass die krachende Wahlniederlage kurz vor seinem ersten Rücktritt etwas mit dem selbigen zu tun hatte, wurde immer bestritten, aber derbe Niederlagen sind einer vollständigen Rekonvaleszenz, egal von welcher Krankheit, schon immer abträglich gewesen.

Man hätte in den vergangenen Wochen fast meinen können, Abe sei hinter dem Titel des am längsten amtierenden Ministerpräsidenten Japans aus – kaum war das Ziel erreicht, erfolgte die folgenschwere Pressekonferenz, in der Shinzo Abe bekanntgab, dass sein chronisches Leiden in der letzten Zeit wieder schlimmer wurde und das er sich somit nicht mehr in der Lage sieht, die Nation durch diese schwierigen Zeiten zu lenken. 

Kaum war die Meldung raus, gab es die ersten Spekulationen um den möglichen Nachfolger. Ministerpräsident wird in der Regel immer der Parteivorsitzende der Regierungspartei, und der wird parteiintern bestimmt. Das Volk hat somit keinen Einfluss auf die Wahl. Einer der ersten, der vor der Presse bekanntgab, nicht die Nachfolge antreten zu wollen, war 菅義偉Yoshihide Suga, als Chefkabinettssekretär seit Abes zweitem Amtsantritt 2012 die treue rechte Hand des Ministerpräsidenten. Der 71-jährige aus der Präfektur Akita hoch im Norden des Landes wirkte in der Tat nicht ambitioniert, doch das sollte sich innerhalb einer Woche ändern. Zahlreiche andere LDP-Granden warfen ihr Handtuch in den Ring, und man muss es leider so sagen – einer war schlimmer als der andere. Die meisten haben bereits handfeste Skandale hinter sich oder gelten als schlichtweg volksfern (Aso zum Beispiel). Das Problem mit diesen Kandidaten ist zudem, dass sie meistens irgendeiner Faktion angehören und damit nicht kompatibel mit einem Großteil der eigenen Partei sind. Suga als Alternative lag nahe, denn kaum einer kennt sich in der momentanen politischen Lage besser aus, und er ist seit mehr als einem Jahrzehnt faktionslos und kann so zum Kompromisskandidaten avanchieren. 

Wird Suga zum Ministerpräsidenten gekürt, dürfte jedoch auch klar sein, was sich ändern wird: Nichts. Absolut gar nichts. Es sei denn, der Kandidat hat seine eigene Agenda bisher sehr gut versteckt. Es wird maximal interessant werden, welche Baustellen, die Abe hinterlassen hat, er fortführen und welche er ruhen lassen wird. Die Baustellen sind riesengross: Die wirtschaftliche Entwicklung war schon vor Corona eher bescheiden, die realen Einkommen der meisten Japaner sinken, und obwohl es so grosse Probleme mit der Wirtschaft,  Bildung und dem demographischen Übergang gibt, wurde viel Zeit mit Skandälchen und Skandalen sowie mit einer momentan eher unwichtigen Verfassungsänderung verschwendet. Zumindest in Sachen Korruptionsvorwürfen und anderen Skandalen erscheint Suga integerer. 

Mitte September wird die LDP wohl ihren neuen Parteivorsitzenden – und damit den neuen Ministerpräsidenten küren. Ein paar andere Kandidaten, allen vorneweg Kishida und Ishiba, werden so schnell nicht aufgeben und wären womöglich sogar eine bessere Alternative, aber momentan sieht es – aufgrund der Faktionslage – eher nach Suga aus, der nun auch offiziell seine Meinung änderte und bekannt gab, dass er zur Verfügung stände. 

Warum Japan Corona nie richtig in den Griff bekommen wird

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3D-Darstellung eines Corona-Virus (Quelle: Wikipedia)

Sicher, die Zahlen sind seit rund zwei Wochen wieder rückläufig – die 2. Corona-Welle war jedoch deutlich ausgeprägter als die 1. Welle im April, als die Regierung den Ausnahmezustand verhängte. Im April gab es bis zu 720 neue Fälle landesweit pro Tag, im August bis über 1,600. Aber das muss natürlich auch im Zusammenhang gesehen werden, denn heutzutage wird mehr getestet, und man hat inzwischen auch an Therapieerfahrung gewonnen, so dass die medizinische Versorgung etwas weniger chaotisch erscheint. Und, auch das ist wichtig, bei der 2. Welle war der Altersdurchschnitt wesentlich geringer, und damit auch die Zahl der schweren Verläufe und Todesfälle.

Corona-Neuinfektionen in Japan von März bis August 2020 (Quelle: Yahoo! Japan)

Trotz der deutlich höheren Fälle macht die Regierung jedoch keine Anzeichen, erneut den Ausnahmezustand auszurufen, und damit ist man sich mit vielen anderen Ländern einig. Dabei hatte Japan ja noch nicht einmal einen richtigen Lockdown. Japan steht trotzdem im internationalen Vergleich sehr gut da – im ostasiatischen Vergleich jedoch ist es weniger rosig bestellt, denn dort haben andere Länder wie Taiwan oder Vietnam, möglicherweise auch die VR China höhere Erfolge aufzuweisen. Eigentlich ist das seltsam, denn Japan erfüllt mehrere Bedingungen, die einer schnellen Verbreitung des Virus entgegenwirken sollten:

  • die allgemeine Bereitschaft, Masken zu tragen
  • die Etikette – zum Beispiel, nicht laut in der Öffentlichkeit zu reden
  • der Desinfektionswahn, den es schon lange vor Corona gab

um nur einige zu nennen. Und dennoch wird man es unter den gegebenen Bedingungen nicht schaffen, Corona in den Griff zu bekommen. Der Grund dafür ist soziokultureller Natur und, direkt damit verbunden, die in Japan traditionelle Stigmatisierung. Letztere ist leider kein neues Phänomen: So wurden und werden auch die Strahlenopfer der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki, die an der Umweltkrankheit Minamata-Syndrom Leidenden, oder die aus der weiteren Gegend des explodierten AKW in Fukushima Stammenden stigmatisiert. Das ging und geht sogar soweit, dass Firmen und potentielle Brauteltern Recherchen anstellen, um sicherzugehen, dass das Subjekt der Recherche nicht etwa aus Ostfukushima oder Minamata stammt. Nicht wenige an Corona-Erkrankte haben bereits ebenso über Stigmatisierung geklagt.

Was passiert, wenn man in Japan positiv getestet wird? Eine Coronaeinsatztruppe versucht anhand von Gesprächen zu konstruieren, wo sich der Infizierte in letzter Zeit aufgehalten hat, um mögliche Cluster ausfindig zu machen. War der Patient zum Beispiel in der Bar XYZ, und hat am nächsten Tag bei seiner Arbeit für Firma A einen Kunden der Firma B getroffen, dann werden eben A, B und XYZ informiert, was nun bedeutet, dass der Patient einen Riesenaufwand, und nicht selten auch finanziellen Schaden, für A, B und XYZ verursacht. Und wenn man in Japan eines versucht zu vermeiden, dann ist es, anderen irgendwie zur Last zu fallen. Aus dem Grund haben die meisten Menschen in Japan weniger Angst vor der Krankheit selbst, sondern mehr vor dem Aufwand, den sie verursachen, und der möglicherweise folgenden Stigmatisierung durch das Umfeld. Was wird also passieren, wenn ein im Leben stehender, arbeitstätiger Japaner Erkältungssymptome und möglicherweise auch Fieber entwickelt? Er oder sie wird erstmal zur handelsüblichen Erkältungsmedizin greifen und versuchen, die Symptome zu unterdrücken und/oder zu vertuschen. Das kommt dem Virus natürlich sehr gelegen. Doch selbst wenn der Betroffene aus Sorge um sich und die Umgebung beschliesst, lieber auf Nummer sicher zu gehen, wird es schwer: Sehr viele kleine Arztpraxen versuchen alles, um Menschen mit Corona-Symptomen, und sei es eine laufende Nase, auf Distanz zu halten. Entweder kann man mit dem Arzt nur am Telefon sprechen, oder man wird sofort abgewimmelt und angewiesen, ein grosses Krankenhaus aufzusuchen, wo man dann mit etwas Glück einen PCR-Test genehmigt bekommt. Wird der nicht genehmigt, kann man den in ausgewählten Praxen dennoch machen lassen (das ist immerhin ein Fortschritt), doch der Test kostet dann eben mal rund 25,000 Yen, also ca. 200 Euro.

Leider sehe ich momentan nicht, wie sich das in Japan ändern lassen kann oder ändern wird. Erst wenn allen klar wird, dass Corona jeden treffen kann, ob man nun unvorsichtig war oder nicht, könnte sich vielleicht etwas ändern, doch der Hang zur Stigmatisierung ist so tief in der Gesellschaft verankert, dass ich kaum Hoffnung habe. Dass es jedoch immer noch so schwer ist, sich in Japan ordentlich testen zu lassen, halte ich für einen Skandal, und schaue dabei sehr neidisch auf Länder, die das ermöglichen.

Japan lockert Wiedereinreiseregelungen. Endlich

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Risikokarte des Aussenministeriums: Dunkelviolett: Strenge Reisewarnung. Hellviolett: Reisewarnung (nicht unbedingt notwendige Reisen sollten unterlassen werden)
Risikokarte des Aussenministeriums: Dunkelviolett: Strenge Reisewarnung. Hellviolett: Reisewarnung (nicht unbedingt notwendige Reisen sollten unterlassen werden)

Diese Nachricht wurde von zehntausenden Betroffenen sehnlichst erwartet: Die japanische Regierung hat vor ein paar Tagen bekanntgegeben, dass sie die Wiedereinreise von Ausländern mit gültigem Visum, die in den vergangenen Monaten aus welchen Gründen auch immer temporär Japan verliessen, ab September wieder zulassen wird. Das monatelange Einreiseverbot (siehe hier) führte zu der absurden Situation, dass viele Ausländer, die in Japan ihren Lebensschwerpunkt haben, schlichtweg nicht “nach Hause” durften – mit dramatischen Folgen für die Familienangehörigen, Arbeitgeber oder Angestellten. Natürlich liess es sich der japanische Staat nicht nehmen, auch während des Einreiseverbots ganz normal die üblichen Steuern einzutreiben – ein Riesenproblem, vor allem für Menschen aus Südasien zum Beispiel.

Das Aussenministerium hat nun beschlossen, ab September die folgenden Regeln für Ausländer aus Risikogebieten in Kraft zu setzen:

Wiedereinreise
Langzeitvisa-InhaberWiedereinreise erlaubt ab September (Voraussetzung: PCR-Test und 2 Wochen Quarantäne)
Neueinreise
GeschäftsreisenLangzeitGenehmigt für Ausländer die in Thailand oder Vietnam verweilten
KurzzeitGenehmigt für Ausländer die aus Singapur kommen
Andere (Touristen etc)Einreise von Touristen auf unbestimmte Zeit ausgesetzt, Fahrplan nicht in Sicht.

Das Problem: Die Liste der Risikogebiete umfasst heuer nahezu den gesamten Globus – bis gestern waren das 146 Länder, und heute fügte das Außenministerium 13 neue Länder hinzu (fast alle aus Afrika, inklusive Äthiopien, Nigeria usw.) Das bedeutet wiederum, dass es noch immer nicht absehbar ist, wann Touristen wieder ins Land gelassen werden, aber für Ausländer mit permanentem Wohnsitz sind dies gute Nachrichten.

Letztendlich führte wohl der Druck aus der Industrie zum Umdenken. Im Juli führte zum Beispiel das European Business Council in Japan eine Umfrage unter 401 外資系 Gaishikei (Firmen mit ausländischer Beteiligung)-Firmen durch, und 86% der Firmen gaben an, unter den restriktiven Einreiseregelungen zu leiden (siehe unter anderem hier). Umfragen wie diese werden auch dem Wirtschaftsministerium nicht entgangen sein.

Doch wo steht Japan gerade? Obwohl es immer noch relativ viele Neuinfektionen gibt, die irgendwo zwischen 500 und 1,500 pro Tag (im ganzen Land) schwanken, zeigt der Trend momentan wieder nach unten, und manche Experten reden bereits vom Abklingen der zweiten Welle. Man ist sich aber sehr wohl bewusst, dass die dritte Welle mit Sicherheit kommt. Und da sich das ganze wahrscheinlich immer und immer wiederholen wird, bleibt für potentielle Touristen nur die Hoffnung auf ein Serum.

Rehdemo in Nara

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Shikadamari (Quelle: J-cast)
Shikadamari (Quelle: J-cast)

Das plötzliche Ausbleiben nahezu aller Touristen hat so seine Konsequenzen – für Ladenbesitzer, Busfahrer, Hoteliers… und für die Rehe der alten Hauptstadt Nara. Die Rehe dürfen bekanntermassen frei in der Stadt herumlaufen, und die Anzahl ist durchaus beeindruckend: 1’388 Tiere zählte man im vergangenen Jahr. Die 奈良の鹿 Nara-no-shika (Rehe von Nara) haben normalerweise einen einfachen Job: Sie laufen zum nächstbesten Touristen, verneigen sich vor selbigem, und so der Tourist auch brav den Reiseführer gelesen oder wenigstens seine Artgenossen beobachtet hat, gibt er im Gegenzug ein Stück vorher käuflich erworbene 鹿煎餅 shika senbei – Cracker für Rehe – ab. Tut sie oder er das nicht, wird aus der Verbeugung auch gleich mal ein sanfter Rempler, oder das Schalentier frisst einfach mal so den Reiseführer oder die Broschüre des ahnungslosen Besuchers.

In Ermangelung des Wissens um den grössten Feind des wiederkäuenden Trughirsches, des Rehpostens (= ein Quadratmeter Blei, der sich sehr, sehr schnell nähert), sind die Tiere natürlich äußerst zahm beziehungsweise furchtlos. Doch ohne Touristen keine Kekse, und so stehen die Rehe etwas dumm da. Und sie scheinen etwas auszuhecken: In den vergangenen Tagen konnten die Bewohner der Stadt des öfteren ein Phänomen namens 鹿だまり shika-damari beobachten – Rehansammlungen, bei denen dutzende bis hunderte der Tiere quasi wie ein Flashmob irgendwo auftauchen. Was haben sie vor? Werden sie bald Anti-Corona-Transparente aufrollen und wild marodierend durch die Innenstadt ziehen? Oder Freiheit für die darbenden Rehe der Belarus fordern?

Der Grund ist dann doch eher banaler Natur. Viele der Ansammlungen findet man in schattigen oder zugigen Bereichen, zum Beispiel entlang der Entlüftungsschächte des Staatlichen Museums von Nara, oder in ausgetrockneten Wassergräben, und das ist einfach der grossen Hitze geschuldet, die momentan das Land fest im Griff hat. Dementsprechend finden die Rehdemos auch in jedem Sommer statt.

Rekordhitze und ein erschöpfter Ministerpräsident

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Neben Corona beschäftigt seit einigen Tagen vor allem ein Thema die Gemüter: Die Hitzewelle, die das Land fest in seinem Griff hat. Seit Tagen liegen die Temperaturen fast im gesamten Land bei mehr als 35 Grad am Tag und knapp 30 Grad in der Nacht – natürlich bei der für Japan üblichen hohen Luftfeuchtigkeit. Heute wurden in Hamamatsu sogar über 41 Grad gemessen. Der Mundschutz verschlimmert die Lage dazu noch, zumal die meisten Japaner auf “entweder immer Mundschutz oder nie”-Modus laufen. Selbst bei 38 Grad laufen da 80-jährige mit Mundschutz auf einsamen Wegen mit Maske dahin, denn ein “Mundschutz da, wo man andere Menschen trifft – ansonsten einfach mal absetzen” fällt den meisten scheinbar nicht ein. Das führt natürlich zu vermehrten Fällen von 熱中症 Netchūshō – Hitzschlag, und verstärkt die Corona-bedingten Probleme, da sich ja die Symptome ähneln.

Dem Ministerpräsidenten Abe scheint es da nicht anders zu gehen – heute suchte er für sechs Stunden ein Krankenhaus auf, und aus gut informierten Quellen wird verlautet, dass nichts Ernsthaftes anliege, dass sich der Ministerpräsident aber sehr erschöpft fühlt. Das kann man ihm nicht verübeln – seit einem halben Jahr ist das Land im Krisenmodus, und allein die heute veröffentlichten Wirtschaftszahlen sind bereits Entschuldigung genug für einen ordentlichen Schwächeanfall: Das Bruttosozialprodukt schrumpfte im 2. Quartal diesen Jahres nämlich um 27.8%, und das ist ein einsamer Rekord. Abes Krankenhausbesuch sorgt nun natürlich für besorgte Stimmen, denn er war bei seiner ersten Amtszeit im Jahr 2007 schon einmal schwer gesundheitlich angeschlagen. Zwar wirft die Mehrheit der Japaner schon jetzt der Regierung mangelndes Handeln vor, aber wer sollte Abe ersetzen, falls er abtritt? Man kann Abe mögen oder nicht, aber er hielt bisher den Politikladen trotz unzähliger Skandale zumindest irgendwie zusammen.

Should I stay or should I go? Reisen in Zeiten von Corona in Japan

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Hakuba in Nagano
Hakuba in Nagano

Es ist schon ein Dilemma. Was macht man, so lange das Virus noch im Lande tobt – beschränkt man sich selbst und bleibt die ganze Zeit zu Hause, oder darf man die eine oder andere Reise wagen? Und wenn man verreist, wohin darf man und wohin nicht, und wer bestimmt eigentlich, was richtig ist und was nicht? Letztere Frage ist in Japan relativ schnell geklärt: Offensichtlich muss es jeder für sich entscheiden, denn die Regierung hat keine Lust darauf, wieder den Ausnahmezustand zu verhängen.

Familienintern wurde nun gegrübelt. Wegfahren oder nicht? Immerhin haben wir schon in der Goldenen Woche auf so ziemlich alles verzichtet, und ewig zu Hause rumsitzen kann nicht die einzige Lösung sein. Wie so immer prallen bei einer solchen Entscheidung Charaktere und Kulturen aufeinander. In unserem Fall heisst es da Konservativ vs. Pragmatisch. Letztendlich gewann der Pragmatiker, aber selbstverständlich nur mit diversen Kompromissen, die der Pragmatiker grösstenteils selbst vorschlägt, um seinen Kopf durchzusetzen:

  1. Die An- und Abreise erfolgt mit dem eigenen Gefährt, also nicht mit Bus, Bahn oder Flugzeug
  2. Keine Onsen, Hotels oder Ryokan. Stattdessen ein Haus mieten, das wir nur für uns allein haben
  3. Nach Möglichkeit nicht im Restaurant essen, sondern Take-out
  4. Menschenmassen meiden, und wenn andere Menschen in der Nähe sind, Mundschutz auf
  5. Selbstverständlich: Intensives Händewaschen und Desinfizieren

Eine Anreise mit dem eigenen Gefährt grenzt die Auswahl schon ein, ebenso die jetzigen Temperaturen und die Coronasituation. Die Wahl fiel aus diversen Gründen auf Nagoya – zum x-ten Mal wohlgemerkt. Diese Präfektur ist ziemlich gross, und von uns aus gesehen lag das Reiseziel am anderen, nördlichen Ende der Präfektur – eine rund 300 km lange Fahrt. Das pikante an dem Reiseziel (und nicht der ausschlaggebende Punkt, wohlgemerkt) sind die Corona-Fallzahlen: Während in und um Tokyo in den letzten zwei Wochen bis zu 700 Neuinfektionen gemeldet wurden, sind es in Nagano mal null Fälle und mal nur eins oder zwei. Sprich, wenn wir nach Nagano fahren, müssen wir uns weniger Sorgen darum machen, selbst angesteckt zu werden, sondern mehr, möglicherweise andere Menschen anzustecken.

Die Autobahnen waren auf jeden Fall etwas leerer als üblich, und Autokennzeichen von Tokyo sind in der Tat etwas seltener zu sehen als sonst. An Autos aus Niigata, Yokohama, Osaka, Kobe usw. mangelte es hingegen nicht. Das war zu erwarten: In Tokyo und Nagoya werden die Bewohner mehr oder weniger direkt aufgefordert, dort zu bleiben, wo sie herkommen. Das ist besonders für die Kinder bitter, denn die Sommerferien wurden ohnehin schon gekürzt, und nun sollen die Kinder auch noch die ganze Zeit zu Hause bleiben. Zu allem Übel wurde die überlange Regenzeit in diesem Jahr auch umgehend von einer enormen Hitzewelle abgelöst – den Kindern wird damit auch empfohlen, sich nur in klimatisierten Räumen aufzuhalten. Doppelter Hausarrest quasi, aber es gibt natürlich auch viele, die da nicht mitmachen.

Ferienhäuser wie diese kann man in Nagano massenweise mieten

Der Vermieter des ersten Hauses hatte die Zeichen der Zeit erkannt – er trifft seine Gäste nicht mehr persönlich sondern beschreibt, wo der Hausschlüssel liegt, und bittet danach, das Geld in einen Briefumschlag zu legen und in den Postkasten zu werfen. Sicherlich die einfachste Art der Vermeidung von Infektionen. Uns sollte das recht sein. Den Vermieter des zweiten Hauses lernten wir hingegen persönlich kennen, und er tauchte erstmal ohne Maske auf und begrüsste uns mit den Worten “Vielen Dank, dass Sie trotz Corona gekommen sind!”. Und da wir hier in Nagano waren, meinte er es wirklich so. Würde jemand aus Kyoto den selben Satz sagen, wäre die Bedeutung völlig anders – es würde nämlich eher “Ihr habt ja Nerven, trotz Corona hier aufzukreuzen!” bedeuten.

Beim Bestellen von Essen zum Mitnehmen in Restaurants kam ich mit einem Restaurantbetreiber ins Gespräch. Selbiger meinte, dass es ihn natürlich freuen würde, dass Besucher kämen, aber das er ungern Autos mit Kennzeichen aus Tokyo sieht, zumal vor allem Hauptstädter gern mal ohne Maske einrücken – eine Beobachtung, die ich leider teilen muss: Vor allem Studenten, aber auch etliche ältere Männer pfeifen auf einen Mundschutz oder legen ihn nur widerwillig an.

Etliche Restaurants hatten geschlossen – vermutlich nur während der Sommerferien, und das ist auch verständlich, denn viele Restaurantbesitzer sind bereits älteren Semesters und damit zurecht besorgt. Andererseits haben diverse Sehenswürdigkeiten normal geöffnet – wie zum Beispiel der Kurobe-Staudamm. Dort herrschte ziemlich normaler Trubel, dem man auch nicht so ohne weiteres entkommen kann, da man zum Beispiel streckenweise mit dem Bus fahren muss.

Fazit: Unbeschwertes Reisen sieht anders aus. Sicher, es ist möglich, aber man merkt schon an den Kommentaren einiger Bewohner (und interessierten Blicken auf die Nummernschilder), dass man nicht uneingeschränkt willkommen ist. Für die Bewohner von beliebten Urlaubsorten sicherlich nicht einfach, denn einerseits ist man vielfach stark auf den Besucherverkehr angewiesen – andererseits aber möchte man verständlicherweise nichts mit dem Virus zu tun haben.

Zu guter letzt noch eine kleine Anmerkung: Kommentare von Corona-Leugnern ignoriere ich in der Regel. Sicher, das 1% der Corona-Leugner ist den anderen 99%, mich eingeschlossen, weit voraus, denn immerhin haben sie den grossen Masterplan ganz allein durchschaut, aber die Argumentationskette steht oft auf zu tönernen Füssen um ernst genommen zu werden.

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