Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Rekordverdächtiger Schneemangel

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Skigebiet Echigo-Yuzawa
Skigebiet Echigo-Yuzawa

Während in Europa und Nordamerika Japan hauptsächlich für seine kulturellen und kulinarischen Genüsse bekannt ist, denken nicht wenige Ost- und Südostasiaten, aber auch Australier bei Japan nicht selten an Schnee. Der fällt nämlich vor allem an der Westküste und im Norden, aber auch im Landesinneren normalerweise meterhoch. Das Skigebiet Niseko auf Hokkaido zum Beispiel erlebt im Schnitt 10 Meter Schneefall pro Saison, und das relativ zuverlässig. Viele Japanbesucher reisen zu dieser Jahreszeit weit an, um sich hier in den Skigebieten auszutoben.

Doch in diesem Jahr sieht es bisher vielerorts einfach nur traurig aus. So zum Beispiel in Zao – dort fallen allein im Dezember/Januar insgesamt 4 Meter Schnee, doch in diesem Jahr waren es gerade mal 140 cm. In Yuzawa, einem von Tokyo aus sehr schnell erreichbarem Skigebiet, fallen im Dezember und Januar bis zu 8 Meter Schnee – in diesem Jahr ist es gerade mal ein knapper Meter. Und Hokkaido, das zu dieser Jahreszeit normalerweise mit einer dicken Schneedecke bedeckt ist, gab es in den vergangenen Wochen vermehrt heftige Sandstürme, die die ungeschützte Krume abtragen und damit die Landwirtschaft schädigen können.

Japan ist eigentlich wintersportverrückt, auch wenn es etwas nachgelassen hat. Als die Olympischen Winterspiele in Nagano stattfanden, wurde geschätzt, dass jeder sechste Japaner, fast 20 Millionen, aktiv Wintersport betreiben. Heute sind es geschätzte 6 Millionen, aber dafür sprach sich das Land bei ausländischen Wintersportfans herum. Jetzt sieht es jedoch selbst an den olympischen Wettkampfstätten mager aus: In Hakuba in der Präfektur Nagano fielen in den vergangenen zwei Monaten 90 cm Schnee – normal sind mehr als drei Meter.

Die Aussichten für die kommenden Wochen versprechen dabei keine Besserung: Es ist im ganzen Land überdurchschnittlich warm, und nördlich von Tokyo soll es auch im Februar sehr trocken bleiben. Wettertechnisch kommt Japan also nicht zur Ruhe — nach der heftigen Taifunsaison im vergangenen Jahr kämpft man nun also mit einer anhaltenden Trockenheit.

Wintersportfans sei übrigens die Webseite Snow Japan anempfohlen – die berichtet sehr aktuell über die Schneelage in den verschiedenen Skigebieten — auf Englisch.

Netflix angelt sich Ghibli-Rechte für (fast) die ganze Welt

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Quelle: Yahoo! Japan
Quelle: Yahoo! Japan

Wie heute bekannt wurde, hat es der amerikanische Streaming-Gigant Netflix doch tatsächlich geschafft, sich die Rechte für das (fast) weltweite Streaming der meisten Studio Ghibli-Filme zu sichern. 21 Filme gehören zu dem Repertoire, und diese sollen in drei Stufen, am 1. Februar 2020, am 1. März und am 1. April 2020, veröffentlicht werden (siehe Liste unten). Dazu will man Untertitel in 28 Sprachen und Synchronisierung in bis zu 20 Sprachen anbieten. Netflix-User in rund 190 Ländern sollen in den Genuss der Filme kommen können. Ausgenommen sind jedoch drei Länder: Japan (war ja klar), die USA und Kanada. Für Anime-Fans wie auch für Japanischlernende ist das natürlich eine erfreuliche Botschaft, kommt man doch so ganz bequem in den Genuss der Meisterwerke, zumal mit freier Auswahl der Sprache und Untertitel. Schade, dass Japan ausgenommen ist, denn meine Kinder sehen die Ghibli-Filme auch immer wieder gern, aber gelegentlich kommen diese ja auch im japanischen Fernsehen, und zur Not sind sie ja bei den Videotheken und als VoD erhältlich.

Offensichtlich fand da bei Ghibli nun ein Umdenken statt, denn bisher lehnte man die Verbreitung der Filme in digitalem Format eigentlich ab.

Verfügbar ab 1. Februar 2020

Japanischer Titel Lesung Deutscher Titel Erschienen
天空の城ラピュタ Tenkū no Shiro Rapyuta Das Schloss im Himmel 1986
となりのトトロ Tonari no Totoro Mein Nachbar Totoro 1988
魔女の宅急便 Majo no Takkyūbin Kikis kleiner Lieferservice 1989
おもひでぽろぽろ Omohide Poroporo Tränen der Erinnerung – Only Yesterday 1991
紅の豚 Kurenai no Buta Porco Rosso 1992
海がきこえる Umi ga kikoeru Flüstern des Meeres – Ocean Waves 1993
ゲド戦記 Gedo Senki Die Chroniken von Erdsee 2006

Verfügbar ab 1. März 2020

Japanischer Titel Lesung Deutscher Titel Erschienen
風の谷のナウシカ Kaze no Tani no Naushika Nausicaä aus dem Tal der Winde 1984
もののけ姫 Mononoke Hime Prinzessin Mononoke 1997
ホーホケキョとなりの山田くん Hōhokekyo Tonari no Yamada-kun Meine Nachbarn die Yamadas 1999
千と千尋の神隠し Sen to Chihiro no Kamikakushi Chihiros Reise ins Zauberland 2001
猫の恩返し Neko no Ongaeshi Das Königreich der Katzen 2002
借りぐらしのアリエッティ Karigurashi no Arietti Arrietty – Die wundersame Welt der Borger 2010
かぐや姫の物語 Kaguya-hime no Monogatari Die Legende der Prinzessin Kaguya 2013

Verfügbar ab 1. April 2020

Japanischer Titel Lesung Deutscher Titel Erschienen
平成狸合戦ぽんぽこ Heisei Tanuki Gassen Pompoko Pom Poko 1994
耳をすませば Mimi wo sumaseba Stimme des Herzens – Whisper of the Heart 1995
ハウルの動く城 Hauru no ugoku Shiro Das wandelnde Schloss 2004
崖の上のポニョ Gake no Ue no Ponyo Ponyo – Das große Abenteuer am Meer 2008
コクリコ坂から Kokurikozaka kara Der Mohnblumenberg 2011
風立ちぬ Kaze Tachinu Wie der Wind sich hebt 2013
思い出のマーニー Omoide no Mānī Erinnerungen an Marnie 2014

Bei McDonalds wird’s schlüpfrig

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Erst im letzten Beitrag ging es darum, dass es mitunter auch sehr prüde zugehen kann in Japan – und nun das: McDonalds in Japan wirft ein neues Produkt auf den Markt, das Englischsprecher aufschrecken lässt: Es geht um zwei verschiedene Sorten von Cream Pie¹, und um das ganze noch zweideutiger werden zu lassen, schiebt man dem noch ein “大人の” (otona no — für Erwachsene) davor. Um alle Zweifel auszuräumen, erzählt eine Frau in dem begleitenden Werbespot der Jüngeren auch noch, dass sie beim Genuss des Cream Pie völlig befriedigt sein werde. Da kommen gleich so viele verschiedene Sachen zusammen, dass man an einen Zufall beziehungsweise an schlichte Ignoranz nicht mehr glauben mag. Hat sich da ein Englischsprecher in der Marketingabteilung einen kleinen Scherz erlaubt? Ist McDonalds bewusst, was sie da gerade bewerben?

Diese Aktion ist in Japan jedenfalls keine Seltenheit – man denke nur an das Fukuppy, das namenstechnisch total missratene Maskottchen (und zwar ausgerechnet von Fukushima, nach dem Super-GAU wohlgemerkt). Nie vergessen werde ich auch den Moment, als sich eine Japanerin vor mir mit einem T-Shirt aufbaute, auf dem in grossen Buchstaben “Smooth Beaver” stand. Nun ja, warum auch nicht. Ich jedenfalls wollte sie nicht aufklären (obwohl es wirklich jemand getan haben sollte).

¹ Siehe Wikipedia zur Bedeutung

In der Regel wird es absurd | Windows führt Japan ins Chaos

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Der normalerweise hervorragende Service in Japan führt gelegentlich zu paradoxen Situationen, bei denen mir eine erst neulich wieder auffiel. Es geht um Hygieneprodukte für den weiblichen Teil der Bevölkerung. Diese kann man natürlich in allen Drogeriemärkten, aber auch in den Convenience Stores kaufen – logisch, denn es handelt sich um Produkte des täglichen Bedarfs, und damit ist die Nachfrage vorhanden. Da man in diesen Sachen jedoch recht prüde ist, werden Damenbinden und Co. generell beim Einkauf in Papiertüten versteckt – bevor diese dann in die obligatorische, halbdurchsichtige Plastiktüte wandert. So weit, so gut. Da es allerdings das EINZIGE Produkt ist, das extra in Papiertüten gesteckt wird, frage ich mich jedes Mal aufs Neue, was denn nun auffälliger ist: Die Papiertüte oder das Produkt als solches ohne Extraverpackung. Und was soll diese Geheimniskrämerei – schliesslich wird man ja auch in der Fernsehwerbung damit bombardiert. Wenn ich allerdings mal so etwas vom Einkauf mitbringen soll, bin ich mir nicht zu schade, der oder dem Angestellten zu sagen, dass sie die Tüte ruhig weglassen können, da die ja eh nur in den Müll wandert. Wichtig ist dabei, dass in dieser Situation alle Angestellten ganz unbedingt direkten Augenkontakt um jeden Preis vermeiden. Wie niedlich.


Erdbeben, Taifune, Vulkanausbrüche — und jetzt auch noch das: Heute stellt Microsoft ganz offiziell seinen Support für Windows 7 ein. Warum nicht, könnte man meinen – schliesslich ist das Betriebssystem schon 11 Jahre alt – in Menschenjahren sind das circa 110 Jahre. Allerdings geht man davon aus, dass 20% aller Windows-Rechner in Japan, oder in Zahlen ausgedrückt 14 Millionen, mit Windows 7 laufen – und mehr als die Hälfte dieser Computer stehen in Behörden und Büros. Das könnte gerade im Hinblick auf die Olympischen Spiele ein Problem werden, da man mit einem Anstieg von Cyberangriffen rechnen sollte. Ohne Sicherheitsupdates könnte es da an einigen Stellen brenzlig werden. Allerdings steht Japan nicht alleine da: Auch in Europa dürfte die Verbreitung von Windows 7 bei rund 20% liegen. Das Problem wird in Japan jedoch leider dadurch verschärft, dass die IT-Abteilungen vieler Behörden und Firmen nicht auf Draht sind. So kam erst neulich ans Licht, dass der Angestellte eines Subunternehmens tausende Festplatten von Behörden im Internet vertickte, ohne diese vorher richtig zu formatieren. Das Motiv: Sich ein bisschen Taschengeld hinzu zu verdienen. Von IT-Ministern, die nicht einmal wissen, was ein USB-Stick ist, ganz zu schweigen.

Neue Sehenswürdigkeit in Tokyo: Shibuya SKY

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Aussichtsplattform Shibuya SKY
Aussichtsplattform Shibuya SKY

In den Jahresendferien habe ich mal wieder weder Kosten noch Mühen gescheut, um neue Orte zu erkunden. Dazu zählte auch Shibuya SKY, die neue Aussichtsplattform im nagelneuen Wolkenkratzer Shibuya Scramble Square. Der Wolkenkratzer wurde erst 2019 fertiggestellt und gehört mit 229 Metern nicht zu den höchsten Wolkenkratzern der Stadt, aber hier hat man sich etwas Besonderes ausgedacht: Auf dem Dach, dem 46. Stock, gibt es neben einem Hubschrauberlandeplatz ein grosses Promenadendeck, auf dem man unter freiem Himmel herumspazieren kann. Der Clou ist dabei, dass das Deck nicht eben ist – eine Ecke ist etwas abschüssig und nur von einer relativ niedrigen Glaswand umgeben, so dass man dort quasi ganz ungestört vor der Kulisse der Stadt posieren kann.

Nun ist diese Sehenswürdigkeit zwar nicht einzigartig – man hat auch vom Mori Tower in Roppongi unter freiem Himmel eine ungestörte Aussicht auf die Stadt, ganz zu schweigen von der 451 Meter hoch gelegenen Aussichtsplattform des Tokyo Sky Tree, doch die Atmosphäre am Shibuya SKY ist schon etwas anderes, zumal man ja hier direkt auf den städtebaulich momentan aufregendsten Teil von Tokyo schauen kann. Das hat sich natürlich auch relativ schnell dank Selfies in den SNS herumgesprochen: Zwar taucht Shibuya SKY noch nicht in den Reiseführern auf, dennoch bilden sich selbst bei mäßigem Wetter und werktags lange Schlangen vor DEM Photospot – siehe Photo oben.

Die Aussichtsplattform hat täglich von 9 bis 23 Uhr geöffnet – Sonnenaufgänge kann man deshalb nicht erleben, dafür aber Sonnenuntergänge oder das Lichtermeer der Stadt danach. Mit 2,000 Yen (also rund 16 Euro) bzw. 1,800 Yen ist der Eintritt allerdings nicht gerade billig (zumindest im Vergleich zum Rathaus von Shinjuku – dort ist der Eintritt kostenlos). Die Online-Tickets gibt es hier. Trotzdem ist das ganze sehr sehenswert und eine gute Gelegenheit, sich einen Überblick über die Dimension der Stadt zu verschaffen. Bei gutem Wetter sieht man auch die Berge, inklusive des Fuji-san, aber da sollte man schon im Winter oder kurz nach einem Taifun dabei sei.

Obwohl sich das Bauwerk “Shibuya Scramble Square” nennt, liegt es übrigens auf der anderen Seite des Bahnhofs. Und wenn man schon mal dort ist, lohnt auch ein kleiner Spaziergang entlang des Shibuya-Flusses Richtung Ebisu – dort ist alles komplett neu gemacht (vorher war es nur ein von Beton scheußlich eingezwängtes Rinnsal).

Blick Richtung Süden - hier wird gerade kräftig gebaut
Blick Richtung Süden – hier wird gerade kräftig gebaut
Bei schlechtem Wetter kann man sich auch in das Stockwerk darunter verkrümeln
Bei schlechtem Wetter kann man sich auch in das Stockwerk darunter verkrümeln
Blick auf Hikarie (links), die Stadtautobahn und die Polizeiwache (rechts)
Blick auf Hikarie (links), die Stadtautobahn und die Polizeiwache (rechts)

Filmreife Flucht aus Japan: Carlos Ghosn taucht ab

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Carlos Ghosn, der einst gefeierte Topmanager von Nissan, nutzte am 29. Dezember ganz offensichtlich die Feiertagslaune der japanischen Polizei: In einer filmreifen Aktion (angeblich wurden die Filmrechte wohl sogar schon verkauft!) flüchtete er von Japan in eine seiner vielen Heimatorte – nach Beirut, der Hauptstadt des Libanon. Wie nun nach und nach bekannt wird, stand er in Tokyo unter Hausarrest, und dazu zählt, das alle seiner Pässe eingezogen wurden. Trotzdem reiste er am 29. Dezember von Tokyo mit dem Shinkansen nach Osaka, wo er dann offensichtlich in einem Instrumentenkoffer versteckt an Bord eines Privatjets gebracht wurde. Der brachte ihn zunächst in die Türkei, von wo aus es direkt weiter nach Beirut ging. Da zwischen dem Libanon und Japan kein Auslieferungsabkommen besteht, und da der 65-jährige unter anderem libanesischer Staatsangehöriger ist, erscheint es unwahrscheinlich, dass er jemals wieder japanischen Boden betreten wird, egal ob freiwillig oder unfreiwillig.

Das Drama begann im November 2018, als er bei der Einreise nach Japan plötzlich festgenommen wurde. Der Verdacht: Veruntreuung von Firmengeldern im grossen Stil und eine falsche Deklarierung des eigenen Einkommens. Ghosn wies alle Vorwürfe von sich, doch er wurde letztendlich bis April 2019 in Gewahrsam genommen. Das geschah nach dem typisch japanischen Schema: Niemand darf mehrere Monate lang in Untersuchungshaft genommen werden — für einen bestimmten Verdacht. Also hielt man ihn so lange wie es das japanische Recht erlaubt in U-Haft, liess ihn dann frei, um ihn dann sofort wieder — aufgrund eines anderen Verdachts — festzunehmen. Während seiner Haftzeit wurde er mehrmals und ausgiebig ohne das Beisein eines Anwaltes verhört, und ihm wurde mehrere Monate lang nicht erlaubt, mit seiner Frau zu sprechen.

Die Vorwürfe gegen ihn kamen aus der eigenen Firma, und die Öffentlichkeit rätselt seitdem, was dort eigentlich los ist. Sind die Vorwürfe gegen ihn wirklich berechtigt, oder wurde dort bei Nissan sehr schmutzige Wäsche gewaschen? Hat Ghosn die Chance auf ein faires Verfahren in Japan? Dabei wurde auch immer mehr Kritik am japanischen Rechtssystem laut, aber die kam – naturgemäß – hauptsächlich aus dem Ausland. Ghosn selbst glaubt offensichtlich nicht an ein faires Verfahren und entzog sich selbigem nun also durch Flucht, was von den Behörden nun logischerweise als Verbrechen angelastet werden wird, da er ja das Land illegal verlassen hat. Es wäre natürlich schön, wenn das Verfahren trotz Abwesenheit weitergeführt wird, um etwas Licht in die Sache zu bringen, denn seine Schuld ist noch lange nicht bewiesen. Es wird wahrscheinlich nicht lange dauern, bis man als geneigter Zuschauer dann seine ganze Geschichte (aus seiner Sicht erzählt) bei Netflix nachverfolgen kann.

2019 – Ein Abgesang / Gesundes Neues Jahr!

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Wie jedes Jahr gibt es den traditionellen, persönlichen Jahresrückblick – dieses Jahr aus einem Ryokan in der Präfekturhauptstadt Gifu. Das war also, aus Sicht von Tabibito, das Jahr 2019:

Politik

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Es ist doch zum Mäuse melken. Die Regierungspartei kann wirklich ein krummes Ding nach dem anderen drehen, ohne das es grössere Konsequenzen gibt. Sicher, ein paar Minister mussten dieses Jahr aufgrund diverser Skandale den Hut nehmen, doch letztendlich ändert sich einfach… nichts. Das i-Tüpfelchen in diesem Jahr war der Skandal um die Veranstaltung Sakura-o-miru-kai, bei dem Beamte einfach Gästelisten verschwinden liessen — und zwar unmittelbar nach der Forderung der Opposition, die Liste zu veröffentlichen. Die gesamtpolitische Lage als solche ist natürlich schwer objektiv messbar, doch die Tatsache, dass Japan zum Beispiel beim Gender Equality Index und beim internationalen Index der Pressefreiheit immer weiter abrutscht ist ganz sicher kein gutes Zeichen.

Weniger politisch, aber dennoch relevant war der Thronwechsel in diesem Jahr. Seit dem 1. Mai 2019 ist Naruhito neuer Kaiser Japans, da sein Vater aus Altersgründen das Zepter (beziehungsweise die drei japanischen Reichsinsignien) niederlegte. Dieses grosse Ereignis bescherte den Japanern Ende April / Anfang Mai eine so noch nie dagewesene Reihe von insgesamt zehn freien Tagen. 2019 wurde zudem zum Jahr Heisei 31 und gleichzeitig zum Jahr Reiwa 1 (bzw. “Reiwa Gannen”) – eine neue Zeitrechnung.

Außenpolitisch bestätigte sich meine Annahme vom vergangenen Jahr: Die Beziehungen zu Südkorea haben sich extrem verschlechtert. Doch immerhin zeigte sich im Dezember ein Silberstreif am Horizont – es scheint endlich einigen Politikern zu dämmern, dass die jetzige Lage niemanden einen Nutzen bringt. Ganz im Gegenteil.

Wirtschaft

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Die gute Nachricht vorneweg: Der Jahresendbonus war bei den grossen japanischen Firmen so hoch wie schon lange nicht mehr. Das klingt erstmal gut. Doch das Wirtschaftswachstum war sehr moderat, und man folgt dem Trend der Weltwirtschaft: Der Pfeil zeigt sanft aber unerbittlich nach unten. Den höheren Bonus brauchen die Menschen auch, ist doch die Mehrwertsteuer am 1. Oktober von 8 auf 10% gestiegen. Das war allerdings schon lange so geplant.

Beruf

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Seit nunmehr 14 Jahren das Gleiche: Keine Änderungen. Es gibt viel zu tun, und das ist gut so. In diesem Jahr war ich allerdings zusätzlich mit mehreren Schreibaufträgen beschäftigt – so unter anderem mit einem grossen Update eines namhaften Reiseführers (erscheint 2020), der überarbeiteten Neuauflage meines bei Conbook erschienenen Buches, einer Recherche von Nationalparks in Kyushu für Japan Digest und ein paar Sachen mehr.

Familie

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Es war ein Jahr der schlechten Nachrichten, an dem der japanische Teil meiner Familie (und mich selbst) noch eine Weile beschäftigen wird. Leider sah es auf meiner Seite der Verwandtschaft ebenfalls nicht gut aus, und hier offenbaren sich die Nachteile, fast 10’000 Kilometer entfernt von der Heimat zu leben. Ein “ein letztes Mal sehen” ist da leider nicht so einfach.

Immerhin kann ich mich jetzt als stolzen Vater einer fröhlich vor sich hinpubertierenden Tochter bezeichnen. Die Metamorphose vom kleinen Engel zum grummeligen Teenager ging recht zügig vonstatten, aber das nehme ich mit Humor.

Reise

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Ins Ausland ging es dieses Jahr nicht, dafür waren aber ein paar Inlandsreisen angesagt: So unter anderem nach Osaka und Nagoya (arbeitsbedingt), zwei Mal nach Kyushu (ein Mal familienbedingt und ein Mal arbeitsbedingt) sowie nach Gifu (Familienurlaub), wo gerade dieser letzte Artikel des Jahres entsteht. Das Titelfoto entstand auf einer der beiden Kyushu-Reisen und ist mein persönlicher Favorit in diesem Jahr (es zeigt einen von Vulkanasche bedeckten Parkplatz am Aso).

Blog +α

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Dieses Jahr gab es – wie in den letzten Jahren auch – 84 neue Beiträge. Das sind 7 Beiträge pro Monat, und zwar nicht im Schnitt, sondern exakt. Es gab viel positives Feedback in diesem Jahr, aber in mir schwelt auch langsam der Gedanke, etwas tun zu müssen, um die Reichweite zu erhöhen. Bin mir nur noch nicht sicher was, und ob ich die Zeit dafür haben werde.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern einen guten Rutsch ins neue Jahr — das Jahr der Maus. Ich hoffe, Ihr bleibt mir als Leser treu, und wie immer bin ich offen für Vorschläge, wie dieser Blog besser werden kann!

Noch was für den Gabentisch gesucht? Japan-Buchempfehlungen

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Dass der Conbook-Verlag gute Bücher verlegt, ist kein grosses Geheimnis — schliesslich ist ja auch eines meiner Bücher dort zu Hause (und in guten Händen). Was viele jedoch vielleicht nicht wissen, ist die Tatsache, dass selbiger Verlag eine ganze Reihe guter Japanbücher verlegt hat – von zahlreichen Autoren. Die Mischung macht es dabei – für jeden ist etwas dabei. Deshalb möchte ich an dieser Stelle mal drei Bücher von vielen aus dem Portfolio des Conbook-Verlages vorstellen.

1. Kawaii Mania: Japans niedlichste Abgründe (von Andreas Neuenkirchen)

“Kawaii” bedeutet “niedlich” (kurz umschrieben), und rein theoretisch dürfte niemand meckern, wenn Japan sich dazu entschliessen sollte, dieses Wort mitten auf die eigene Landesfahne zu schreiben, denn es ist quasi das inoffizielle Motto des Inselvolkes. Man liebt alles, was kawaii ist – bei den Frauen angefangen über Maskottchen, das Präsentieren von Essen, ganz gewöhnlichen Haushaltsgegenständen und so weiter. Auf sehr amüsante Art und Weise, und mit zahllosen Fotos eindrucksvoll belegt, wurde hier ein 110% kawaii-Buch zusammengestellt – mit einem Titel, der passender nicht sein könnte. Die offizielle Buchbeschreibung lautet wie folgt:

Ein Land, ein Wort: Kawaii heißt ›niedlich‹ und noch viel mehr. Von der knüppelharten Heavy-Metal-Band bis zum dringlichen Mahnschreiben vom Finanzamt – alles in Japan muss kawaii sein. Süße Figuren erklären das Land und begleiten durchs Leben. Hello Kitty kennt alle Welt, doch sie ist nur die Spitze des Eisbergs.

Andreas Neuenkirchen taucht in Japans Niedlichkeitswahn ein und berichtet von den Wahlen der beliebtesten Lokalmaskottchen, bei denen längst mit ähnlich harten Bandagen gekämpft wird wie in der richtigen Politik. Ausführlich widmet er sich dem Mythos des japanischen Schulmädchens und führt in die Straßen von Shibuya, Harajuku und Akihabara, wo kawaii als Mode und Lifestyle gelebt wird.

Wenn das Kindchenschema zum Erwachsenenfimmel wird und auch Unerfreuliches mit putzigen Bildchen verharmlost wird, zeigt der Niedlichkeitswahn seine dunkle Seite. Doch wenn man lang genug in den Abgrund hineinschaut, schaut er mit großen feuchten Kulleraugen zurück. Ohne selbige wäre die Welt um so manches Werk ärmer. Und auf jeden Fall weniger kawaii.

Fazit: Kurzweiliger Lesestoff mit sehr vielen interessanten Hintergrundinformationen zum Thema “Kawaii”. Wer sich vor der nächsten Japanreise dieses Buch anlegt hat, hat gleich viel mehr Spass im Land, denn vieles fügt sich nach Lektüre des Bandes zusammen, und man sieht manche der Charaktere mit ganz anderen Augen.

Das Buch gibt es natürlich bei Amazon und im gutsortierten Buchhandel.


2. Fettnäpfchenführer Japan: Die Axt im Chrysanthemenwald (von Kerstin und Andreas Fels)

Gleich vorneweg: Dieses Buch ist ein absoluter Bestseller, und man ist jetzt bei der zweiten Auflage. Die Axt, das ist in diesem Fall der fiktive (?) Herr Hoffmann, und der Chrysanthemenwald ist Japan. Die Autoren lassen den armen Herren jedes erdenkliche Fettnäpfchen mitnehmen und nehmen dabei den Besucher mittels zahlreicher Zusatzinformationen an die Hand, um ihn schonend auf die fernöstlichen Sitten vorzubereiten. Und darin liegt sicherlich auch ein Erfolg in dem Buch: Es spricht ein bisschen die Ängste derer an, die sich in Japan nicht blamieren wollen. Eine verständliche Sorge.

Der Verlag dazu: Eigentlich ist es völlig unmöglich, nach Japan zu reisen, ohne SICH dabei unsäglich zu blamieren. Diese Erfahrung muss auch Herr Hoffmann machen: vom Tragen der falschen Schuhe auf der Toilette bis zum ketzerischen Vergehen, die Ess-Stäbchen in den Reis zu stecken – Herr Hoffmann lässt keine Möglichkeit aus, sich als unwissender Ausländer zu outen.

Lernen Sie von diesem Meister der fachgerechten Blamage und begleiten Sie ihn auf seiner faszinierenden Reise durch das Minenfeld der japanischen Etikette. Aber Vorsicht: Es kann sein, dass sie beim Lesen dieses Ratgebers mehr über Japan und seine Kultur erfahren, als sie eigentlich dachten …

In 50 humoristischen und auf Augenhöhe erzählten Episoden berichten Kerstin und Andreas Fels über Stolpersteine der japanischen Etikette, wie man diese umgeht und warum so manches im Land der aufgehenden Sonne einfach ein wenig anders funktioniert.

Fazit: Für Japananfänger sehr empfehlenswert, kann man sich doch so ein bisschen darauf einstellen, was man lieber bleiben lassen sollte. Übrigens ist der “Fettnäpfchenführer” eine Reihe — es gibt sogar welche zu Ostfriesland, zu Weihnachten und so weiter (siehe hier). Den für Japan gibt es bei Amazon und in zahlreichen Buchläden.


Japan 151: Ein Land zwischen Comic und Kaiserreich in 151 Momentaufnahmen (von Fritz Schumann)

Last but not least noch etwas für’s Auge, und zwar von Fritz Schumann, mit dem ich 2011 zusammen auf Katastrophenhilfe in Fukushima war, und dessen Fotos ich sehr zu schätzen weiss. Japan 151 ist eine Sammlung wunderschöner, verschiedenster Fotos aus Japan, mit zahlreichen Erläuterungen zu dem, was man auf den Fotos sehen kann. Weniger als Reiseführer gedacht, ist dieses Buch mehr etwas zum schmökern und schwelgen – egal, ob man noch nie in Japan war oder schon oft in der Gegend unterwegs war.

Der Verlag dazu: Japan – Inselreich im Fernen Osten. Nichts ist für die Ewigkeit in diesem Land, das häufig von Naturkatastrophen heimgesucht wird und die Zeit der vergänglichen Kirschblüte deshalb ausgiebig feiert. Wo es weit mehr Spezialitäten als Sushi und Sake gibt und die Menschen sich für kindliche Motive ebenso begeistern wie für die altehrwürdigen Ideale der Samurai.

Begleiten Sie Fritz Schumann durch das Land, in dem Zimmergrößen noch immer mit der Anzahl der Reismatten angegeben werden, die hineinpassen. Erleben Sie die heißen Quellen eines Onsen und eine Nacht im Manga Kissa, einer Mischung aus Bibliothek, Jugendherberge und Internetcafé. Lassen Sie sich in die Kunst des Verbeugens einweihen und wandern Sie mit durch die Hügel und Berge Japans. Am Ende wird Ihnen das ferne Land näher sein.

Japan 151 ist eine einzigartige Dokumentation des Lebens in heiliger Natur und hellem Neon, zwischen schnellem Konsum und uralten Idealen – mit Traditionen, die in einer Welt modernster Technik überdauern. Erleben Sie in 151 Momentaufnahmen viele Perspektiven der japanischen Kultur und Gesellschaft, begleitet von Geschichten, persönlichen Eindrücken und einem Blick in die Tiefe.

Das Buch wird übrigens ständig auf dem neuesten Stand gehalten – dies ist bereits die fünfte Auflage. Wie immer erhältlich bei Amazon und diversen Buchhandlungen.

In diesem Sinne – ein frohes Fest!

222 Tage vor Beginn der Olympischen Spiele: Hauptstadion fertiggebaut

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In Berlin wäre das ganz sicher nicht passiert: Obwohl man noch mehr als ein halbes Jahr Zeit hat bis zur Eröffnung der Olympischen Sommerspiele, wurde gestern das nagelneue 新国立競技場 Shinkokuritsu Kyōgijō (wörtlich: “Neuer Staatlicher Wettkampfort) – das Haupt-Olympiastadion, in dem unter anderem die Eröffnungs- und Abschiedszeremonie, sowie die wichtigsten Leichtathletikwettkämpfe und Fußballbegegnungen stattfinden werden – fertiggestellt. Ganz ohne Probleme war das Bauwerk allerdings nicht, denn eigentlich sollte nach den Plänen der renommierten, jedoch 2016 verstorbenen Stararchitektin Zaha Hamid gebaut werden, doch 2015 stellte man dann fest, dass allein dieses Stadion fast das gesamte Budget verschlingen würde (2015 berichtete ich darüber in diesem Artikel). Es ging zurück ans Reißbrett, und das Ergebnis ist ein Stadion, das zwar weniger spektakulär aussieht als der erste Entwurf, dafür aber auch nur rund 1.2 Milliarden (vorheriger Kostenvoranschlag: 2 Milliarden) Euro kostete. Doch obwohl man auf halber Strecke die Reißleine gezogen hat, ist der Bau noch immer verhältnismässig teuer – pro Besucherplatz wurden schliesslich fast 60,000 Euro ausgegeben – weit mehr als bei den Spielen in London, Rio oder Peking.

Bis zu 68,000 Besucher passen in das Stadion, das mitten in Tokyo, im Dreieck zwischen Shinjuku, Shibuya und Kaiserpalast, liegt. Zwei Dinge sind an dem neuen Stadion besonders erwähnenswert: Zum einen wurde beim Bau sehr viel Holz verwendet — und zwar ausschliesslich aus heimischer Produktion. So wurde darauf geachtet, dass man Holz aus allen 47 Präfekturen Japans verwendet. Eine zweite Besonderheit sind die Zuschauersitze – im Mosaikverfahren und nach dem Zufallsprinzip haben die Sitzschalen verschiedene Farben. Dadurch sieht das Stadion selbst leer so aus, als ob es voll ist. Das hat nichts damit zu tun, dass man Angst davor hat, während der Sommerspiele nicht alle Plätze loszuwerden – man kann getrost davon ausgehen, dass so gut wie alle Veranstaltungen ausverkauft sind. Aber das Stadion soll ja auch vor und nach den Spielen genutzt werden. Prinzipiell ist diese Idee als solche deshalb einfach genial und mal was anderes.

Photo von 江戸村のとくぞう Edomura-no-Tokuzō via Wikipedia, siehe hier

Unterkunft gesucht? Ehemaliges Gefängnis von Nara wird Hotel

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Eingangstor zum alten Gefängnis von Naha
Eingangstor zum alten Gefängnis von Naha

In Sachen Übernachtungen ist man in Japan schon immer findig gewesen – und bei der steigenden Zahl der ausländischen Besucher wird die Kreativität so schnell auch nicht nachlassen. Da gibt es zum Beispiel das richtig interessante Projekt des ehemaligen Gefängnisses von Nara, einer grandiose Anlage aus dem Jahr 1908 und zu grossen Teilen im europäischen Stil errichtet. Es zählt zu den “Großen 5” der in der Meiji-Zeit gebauten Gefängnisse in Japan. Von 1946 bis 2017 diente es als Jugendgefängnis, und ein Jahr vor der Schließung wurde es zum wichtigen Kulturerbe Japans erklärt. Ein Hotelkonsortium entschied sich dafür, den alten Knast in eine Hotelanlage umzubauen. Eröffnet werden sollte die Einrichtung 2020, pünktlich zu den Olympischen Spielen, doch das Konsortium machte im letzten Jahr einen Rückzieher. Nun ist eine andere Firma, Hoshino Resort Inc., am Zug, doch dadurch wird sich die Eröffnung des geplanten Luxushotels leider bis zum Jahr 2022 verzögern.

Eine Stiftung gibt es ebenfalls, die sich um das Bauwerk kümmert – und diese stellt eine sehr gut gemachte Webseite zur Verfügung (siehe hier). Die Bilder der Anlage sind beeindruckend, und man darf gespannt sein, wie das fertige Ergebnis aussehen wird. Ehemalige Insassen werden jedoch sicherlich zwiespältige Gefühle haben, wenn sie sehen, wie ganz normale Menschen sehr viel Geld dafür zahlen, dort zu nächtigen, wo sie selbst früher ganz sicher nicht sein wollten.

Apropos Jugendgefängnis — von insgesamt 9 Jugendgefängnissen sind nun nur noch sechs übrig in ganz Japan: In Hakodate, Morioka, Kawagoe, Matsumoto, Himeji und Saga. Dort sitzen insgesamt rund 20’000 12- bis 20-jährige Straftäter ein, die schwerere Vergehen auf dem Kerbholz haben. Allerdings ist es schwer, zuverlässige, neue Zahlen zu bekommen – so dürfte die Zahl der Insassen deutlich gesunken sein, ist doch die Zahl der insgesamt Inhaftierten in Japan von 77,000 im Jahr 2008 auf nunmehr 53,000 zurückgegangen (siehe hier). Damit liegt Japan auf Rang 178 unter 198 Ländern auf der Liste der Länder nach Gefängnisinsassen (siehe hier) – der Anteil der Inhaftierten ist in den USA 15 mal höher und in Deutschland 70% höher als in Japan.

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