Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Aparte Fernsehwerbung: Dreiteiler

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Vor rund einer Woche hat mein Nachwuchs ein schönes Loch in unseren Fernseher gehauen, aber ein paar Werbespots gehen mir seitdem einfach nicht aus dem Kopf, weshalb ich diese drei Werbespots den Lesern ausserhalb Japans nicht vorenthalten möchte.

Der erste Clip, siehe oben, stammt von Nisshin Cup Noodles — die Spots sind meistens sehr unterhaltsam, und dieser hier erst recht, denn クッキー Cookie, ein sehr interessanter Schauspieler, spielt hier die Hauptrolle. Der Mann ist einfach nur zu komisch und sehr kreativ (natürlich wird er den Clip nicht selbst produziert haben, aber die Art und Weise, wie er dort auftritt, ist typisch für ihn).

Der zweite ist von „Ueno Clinic“, einer Schönheitsklinik, und der Spot propagiert den Abschied vom „Turtleneck Boy“. Der Werbespot lässt mich nicht los, weil ich ihn so furchtbar unsinnig und anmassend finde. Andererseits ist die Art und Weise dessen, was da beworben wird, sagen wir mal „interessant“ dargestellt. Von dem Spot gibt es mehrere Varianten, die nun schon seit Jahren über den Äther geistern.

Der dritte Werbespot hat es mir ernsthaft angetan, weil ich partout nicht dahinter komme, was sich die Macher da eigentlich gedacht haben. Es sieht nur sehr komisch aus, und wenn man bedenkt, dass hier 焼酎 shōchū, ein Reisschnaps, beworben wird, ist die Sache gleich noch mal viel komischer. Warum hat man gerade diese Sportart gewählt? Und diese Musik? Und Ausländer als Darsteller? Hier passt einfach alles nicht zusammen, aber es passt so sehr nicht zusammen, dass es schon wieder passt. Göttlich.

Irgendwelche anderen Werbespots verpasst? Na dann, immer her damit!

Bahnschranken des Grauens

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Typischer Bahnübergang in Japan
Typischer Bahnübergang in Japan

Die Nachricht vom Tod einer 71-jährigen Rentnerin an einem beschrankten Bahnübergang in Yokohama vor ein paar Tagen war leider nichts Außergewöhnliche, und die Ursache lag in dem Fall auf der Hand: Besagter Bahnübergang ist nämlich geschlagene 30 Meter breit und überquert insgesamt 6 Bahnlinien – darunter so wichtige wie hochfrequentierte Linien wie die Keihin- und Tokaido-Linie. Die ältere Frau war nicht mehr sehr gut zu Fuß unterwegs – auf halber Strecke begannen sich die Schranken wieder zu schließen, und obwohl sie sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten beeilte, die andere Seite zu erreichen, war am sechsten Gleis Schluss: Ein Zug erfasste und tötete die Frau¹.

Solche Bahnübergänge sind leider immer noch keine Seltenheit in japanischen Großstädten, und sie sind kreuzgefährlich. Besonders gefährlich sind die sogenannten 開かずの踏切 akazu no fumikiri – die „Übergänge (mit Schranken), die sich nie öffnen“. Dazu zählte auch oben genannter: Vor ein paar Jahren hatte man gemessen, dass die Schranken innerhalb einer Stunde 45 Minuten lang geschlossen sind (auch das ist keine Seltenheit). Wenn sich die Schranken denn mal öffnen, dann ertönt meist umgehend wieder das Signal, dass sie sich gleich schliessen werden, und in der kurzen Zeitspanne wird es natürlich auch sehr hektisch, da es ja kaum Gehsteige gibt und die Strassen oft eng bemessen sind. Autos, Radfahrer und Fußgänger nutzen mehr oder weniger die gleiche Spur, und die Regel für Autofahrer lautet, dass sie ohne zu bremsen zügig rüberfahren sollen. Das ist oftmals Millimeterarbeit. Hinzu kommen oft noch Ampelkreuzungen direkt vor bzw. hinter dem Übergang – selbst wenn die Schranken mal offen sind, kann dann nur ein Auto rüberfahren, wenn die Ampel auf der anderen Seite auf Rot steht.

Das Problem hat man durchaus erkannt – man versucht seit Jahren, die Zahl der Schranken zu reduzieren – indem man sie durch Brücken oder Tunnel ersetzt. Doch das dauert: 2006 gab es in ganz Japan noch 30’188 Übergänge mit Schranken; 2018 waren es immer noch 29’836. Die meisten davon befinden sich auf dem Land, aber die meisten Unfälle gibt es in der Stadt. 291 waren es 2006; 212 im Jahr 2018². Die wie ein Anachronismus (oder einfach nur wie Wahnsinn) wirkenden Bahnübergänge zu reduzieren ist ein wahres Problem, denn eine Unterführung oder eine Brücke brauchen sehr viel mehr Platz — Platz, der einfach nicht vorhanden ist, da alles bis auf den letzten Zentimeter verbaut ist.

Aufgrund der Häufigkeit und Gefährlichkeit dieser Bahnübergänge herrschen für Autofahrer in Japan etwas andere Regeln: Jeder muss vor einem Bahnübergang mit Schranken die Scheibe herunterlassen, um auch akustisch sicher zu gehen, dass kein Zug kommt (macht so gut wie niemand), und man muss, egal wann und wo, an der Haltelinie vor dem Bahnübergang kurz anhalten (macht jeder, denn wenn Polizei in der Nähe ist, gibt es grossen Ärger).

¹ Siehe unter anderem hier.
² Siehe Statistiken vom Transportministerium.

Ausreisesteuer seit gestern in Kraft

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Vor gut über einem Jahr hatte ich schon darüber berichtet – und gestern war es schliesslich soweit: Das System der sogenannten 国際観光旅客税 kokusai kankō ryokyaku-zei, in etwa: „Auslandstouristensteuer“, trat in Kraft. Der Name ist etwas irreführend (der originale Name ebenso wie die – bewusst so gewählte – Übersetzung. Der Name bedeutet nicht, dass lediglich alle ausländischen Touristen die Steuer entrichten müssen, sondern dass die Steuer im Sinne jener Touristen erhoben wird: Bezahlen muss (fast) jeder – ob Tourist oder nicht, ob Japaner oder nicht. Bei der Ausreise werden seit gestern, dem 7. Januar 2019, exakt 1’000 yen, also knapp 8 Euro fällig.

Ausgenommen werden von der Steuer Kinder unter 3 Jahren, Japaner, die im Regierungsauftrag reisen, Zwangsdeportierte (wie gnädig!), Transitreisende, die weniger als 24 Stunden im Land bleiben, sowie natürlich die Flugzeugbesatzungen. Der Rest wird ausnahmslos abkassiert. Letztendlich soll die Steuer jedoch bereits beim Flugticketkauf erhoben werden, weshalb die meisten Reisenden davon nicht viel merken werden. Wer allerdings sein Ticket bereits gekauft hat, sollte sicher gehen, bei der Ausreise die 1’000 yen übrig zu haben.

Die Regierung möchte das Geld nutzen, um ausländischen Reisenden in Zukunft das Reisen in Japan zu erleichtern. Im vergangenen Jahr kamen rund 30 Millionen Touristen nach Japan (einsamer Rekord!), und diese Zahl möchte man bis 2020 auf 40 Millionen steigern. Geht der Trend so weiter, ist diese Zahl durchaus realistisch – zumal ja in jenem Jahr auch die Olympischen Sommerspiele in Tokyo ausgerichtet werden. Wie genau jedoch die zusätzlichen Steuereinnahmen verwendet werden, man rechnet immerhin mit rund 50 Milliarden Yen, also rund 400 Millionen Euro, ist dabei nicht ganz geklärt, und da setzt auch die Kritik bei den meisten ein. Meine Meinung zu der Steuer hat sich seit 2017 auch nicht geändert: Prinzipiell halte ich sie für unsinnig. Die zusätzlichen Steuereinnahmen durch das Plus der ausländischen Besucher ist bereits enorm, und die Regierung wär gut daran beraten, einen Teil des Geldes dafür zu verwenden. Das „dafür“ ist dabei auch mein größter Kritikpunkt – die Beschreibung des Verwendungszweckes ist so schwammig, dass das Geld ebenso in dubiosen Werbeagenturen und Beraterfirmen mit guten Verbindungen in die Politik versickern könnte.

Noch mehr befürchte ich allerdings, dass das Beispiel Schule macht, und andere Länder nachziehen, da es einen Präzedenzfall gibt. Die Steueridee als solche ist nicht neu – siehe Kurtaxe, aber bisher geschah das eben auf lokaler und nicht auf nationaler Ebene. Zu guter letzt kann man natürlich sagen, dass 1’000 yen nicht viel Geld sind. Wer jedoch mit Ehepartner und zwei Kindern reist, bezahl dann eben schon mal 4’000 yen – doch wofür eigentlich?

Immerhin: Die Touristensteuer ist die erste neue Steuer in Japan seit Einführung der Grundstückswertsteuer im Jahr 1992. So gesehen hält man sich wenigstens mit dem Erfinden neuer Steuern relativ zurück.

Kyoto in Zeiten von SNS

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Fushimi-Schrein in Kyoto
Fushimi-Schrein in Kyoto

Wohin in den freien Tagen zwischen Silvester und Neujahr? Die Wahl fiel dieses Mal schwer — eigentlich sollte es die Noto-Halbinsel in der Präfektur werden, aber mehr als sieben Stunden Fahrt, wahrscheinlich noch mehr, da es zwischendurch ein paar schneebedeckte Pässe gibt, wollte ich den Kindern nicht zumuten. Schließlich fiel die Wahl auf Kyoto, hauptsächlich der Kinder wegen, da sie es immer mehr mit Geschichte im Unterricht zu tun bekommen. Und um die alte Hauptstadt kommt man da einfach nicht herum. Mit dem Shinkansen braucht man nur knapp 2½ Stunden – mit dem Auto gute 5 Stunden, wenn die Strassen halbwegs frei sind (ohne Pausen – mit Pausen brauchten wir knapp 6 Stunden). Mit dem Auto, vor allem wenn man zu viert unterwegs ist, ist es freilich billiger, und man ist flexibler.

Bei meinen ersten Japanaufenthalten liess das Budget einfach keinen Abstecher nach Kyoto zu. Erst beim vierten (oder so) Besuch war es soweit, und das war 2001. Das Wetter war nicht sehr freundlich, und da die Sehenswürdigkeiten weit verstreut liegen, war es schwer, eine genauere Vorstellung von den Ausmassen zu bekommen. Deshalb folgten weitere Besuche in den folgenden Jahren. Damals gab es laut Statistiken weniger als eine halbe Millionen Übernachtungen ausländischer Besucher in Kyoto pro Jahr. Im vergangenen Jahr waren es 3,6 Millionen. Die Besucherzahl hat sich also mehr als versiebenfacht. Damals durften zwei Orte in Kyoto nicht auf der Besuchsliste fehlen: Der Kinkakuji und der Kiyomizudera, eventuell kamen da noch Gion/Pontochō hinzu – letztere vor allem nach 2005, als der Film „Memoirs of a Geisha“ erschien. Die beliebtesten Sehenswürdigkeiten waren buddhistischer Natur oder hatten mit Geishas zu tun.

Doch jetzt lautet das Motto ganz klar インスタ映え insuta-bae – eine Zusammensetzung aus „insta“ für Instagram und „-bae“ für abbilden/ablichten. Besucher sind nun auf der Jagd nach dem schönsten Fotomotiv, um Likes zu sammeln. Und wer einen besonders schönen Schnappschuss auf Instagram & Co. sieht, möchte das gern imitieren/den gleichen Ort besuchen (ja, auch tabibito postet gelegentlich auf Instagram, zu finden hier). Irgendwann postete also mal jemand einen Schnappschuss vom Fushimi-Schrein in Kyoto (Schrein = shintoistisch), und plötzlich wurde also nun besagter Schrein von Touristen überrannt. Man kann es den Besuchern auch nicht verübeln – die leuchtend orange-schwarzen Torii, davon gibt es insgesamt mehr als 3’300 im 伏見稲荷大社 Fushimi Inari Taisha, wie der Schrein korrekt heisst – sind in der Tat photogen. Und es ist lustig, anzusehen, wie die Besucher hoffen, ein Photo machen zu können, ohne dass ein Mitmensch das Motiv versaut. Das ist vor allem im unteren (und bekanntesten Abschnitt) ziemlich schwer, denn Besucher gibt es wirklich sehr viele.

Maiko in Gion
Maiko in Gion

Nun ist besagter Schrein bei Japanern seit jeher beliebt und bekannt, schliesslich gibt es im ganzen Land geschätzte 30’000 Schreine, die Inari, dem Fruchtbarkeitsgott (oder -göttin, so genau weiss man das nicht) gewidmet sind, und besagter Schrein in Fushimi ist quasi der Hauptschrein, doch man merkt bereits an der Infrastruktur, dass der plötzliche Ruhm recht neu ist. Es gibt keine beziehungsweise kaum Parkplätze, kaum Restaurants und kaum Souvenirläden. Und der Eintritt ist erstaunlicherweise frei (das wird sich, zumindest für einen Teil der Anlage, bestimmt irgendwann ändern). Die Beliebtheit ist messbar: Als wir dort waren, waren am Fushimi-Schrein mindestens genauso viele Besucher wie am Kinkakuji und am Kiyomizudera. Etliche Reiseführer müssen da wohl umgeschrieben werden…

Airbnb floriert übrigens in Kyoto, und die Zeiten der Unsicherheit in Sachen Airbnb sind nach dem grossen Kahlschlag 2018 sind auch vorbei – man kann ruhigen Gewissens darauf zurückgreifen. Mit Kindern ist Airbnb auf jeden Fall besser, und wir liessen uns so in einem nett eingerichteten, alten Haus im Stadtteil Fushimi nieder – im Kyoto Fushimi HANAFUJI. Prädikat: Sehr empfehlenswert.

Airbnb-Herberge in Kyoto
Airbnb-Herberge in Kyoto

2018 – Ein Abgesang / Gesundes Neues Jahr!

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Wie jedes Jahr gibt es den traditionellen, persönlichen Jahresrückblick, dieses Mal live aus dem Krankenhaus, in dem ich gerade zwecks TÜV und ASU ein paar Stunden verbringen darf. Man gönnt sich ja sonst nichts. Das war also, aus Sicht von Tabibito, das Jahr 2018:

Politik

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Die lange Phase der innenpolitischen Stabilität scheint anzuhalten; Umfragewerte im Keller und etliche teils ausgewachsene Korruptionsskandale scheinen daran auch nichts zu ändern. Abe hat die Wiederwahl zum LDP-Präsidenten ungefährdet überstanden, und das bedeutet, dass ihm weder in der Opposition noch in der eigenen Partei jemand so schnell gefährlich werden könnte. Ansonsten war die Innenpolitik unter anderem vom Auftreten absolut inkompetenter Minister geprägt – die ebenfalls noch immer in ihrem Sattel sitzen.

Außenpolitisch deutete alles in diesem Jahr auf eine Verbesserung der Beziehungen zu China hin – und auf eine Verschlechterung der Beziehungen zu Südkorea, letzteres bedingt durch einen umstrittenen südkoreanischen Gerichtsbeschluss, der japanische Unternehmen im Ausland teuer zu stehen kommen kann. Außerdem liess Russland in Japan erneut die Hoffnung aufkeimen, dass ein Teil der von Japan beanspruchten Südkurilen wieder in japanischen Besitz kommen könnten – daran dürften allerdings wirklich nur hartgesottene Optimisten glauben.

Wirtschaft

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Das Jahr lief wirtschaftlich nicht schlecht – möglicherweise könnte die Wachstumsrate bei bis zu 2% gelegen haben, und das ist für japanische Verhältnisse (im Vergleich zu den vergangenen 25+ Jahren) ziemlich gut. Der Nikkei kletterte bis auf 24’000 Punkte, doch die Aussichten trübten sich gegen Ende des Jahres ein – der Nikkei fiel zeitweilig auf unter 20’000 Punkte. Schuld daran ist vor allem die weltwirtschaftliche Lage, aber auch hausgemachte Faktoren wie die Überalterung der Gesellschaft und damit der einhergehende Mangel an Arbeitskräften, weshalb die Regierung auch im Jahr 2018 begann, die Einwanderungsgesetze zu ändern, um mehr Personal für die Wirtschaft zu gewinnen.

Beruf

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Seit nunmehr 13 Jahren das Gleiche: Keine Änderungen. Es gibt viel zu tun, und das ist gut so.

Familie

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Kaum aus dem Ei geschlüpft, wird meine Tochter nun also am Neujahrstag 12 Jahre alt und dementsprechend im April an die Mittelschule wechseln. Das Tagesprogamm ändert sich entsprechend für sie – es gibt mehr zu tun, und mehr Verantwortung zu tragen. Davon ist ihr Bruder noch etwas entfernt: Mit seinen bald 8 Jahren hat er noch immer (fast) nur Grütze im Kopf. Hoffentlich bekommt er ab April eine bessere Lehrkraft, denn die jetzige Lehrerin hat komplett die Kontrolle über die Klasse verloren – Unterricht kann man das nicht mehr nennen.

Reise

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Nach einem eher ruhigen Jahr 2017 war dieses Jahr reisetechnisch sehr ergiebig: Anfang des Jahres ging es auf einen 1’400 Kilometer langen Roadtrip nach Mie und Wakayama, im Sommer mit der Familie nach Cairns in Australien – ein sehr lohnenswertes Ziel, wie wir schnell feststellten – im Oktober zum Bergwandern nach Akita / Yamagata und zu Weihnachten auf eine erneute Reise mit der Familie nach Kyoto, Shiga und Aichi.

Fushimi-Schrein in Kyoto
Fushimi-Schrein in Kyoto

Blog +α

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Dieses Jahr gab es 84 neue Beiträge – genau wie im Vorjahr und im Jahr davor und so weiter. Die Besucherzahlen sind rückläufig, und das wird wohl daran liegen, dass es immer mehr Artikel und Blogs über Japan gibt – und zu wenig SEO auf den hiesigen Seiten. Ein weiterer Grund ist, dass immer mehr Nutzer die Inhalte als Video konsumieren möchten, aber auf Vlogging/YouTube-Beiträge habe ich leider nicht sonderlich Lust.

Ich wünsche jedenfalls allen Lesern einen guten Rutsch ins neue Jahr — das Jahr des Wildschweines. Hoch die Tassen!

Augen auf im Verkehr: Geschlechtskrankheiten in Japan

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Schöner Name: Tokyo Players Clinic - Praxis für Geschlechtskrankheiten
Schöner Name: Tokyo Players Clinic - Praxis für Geschlechtskrankheiten

Anlass dieses Artikels ist eine neue Klinik, die mir neulich in Ebisu, Tokyo aufgefallen ist. „Tokyo Player’s Clinic“ fand ich als Namen für eine Klinik sehr, sehr eigenartig, aber bei genauer Betrachtung des Schildes kam der Aha-Effekt: Hier werden vornehmlich Geschlechtskrankheiten behandelt. In dem Sinne ein wunderschöner Name, das muss man schon sagen.

Doch wie sieht es mit den 性感染症 seikansenshō (oft auch mit der englischen Abkürzung STD bezeichnet) in Japan aus? Gerüchten und der Logik zufolge müsste die Verbreitung relativ gross sein, da Verhütung mit Kondomen in Japan nicht sehr beliebt ist. Im Jahr 2017 sah die Zahl der in Japan gemeldeten (und da liegt natürlich das Problem!) Fälle wie folgt aus¹:

  1. Gonorrhoe rund 8,000 Fälle (in Deutschland gemeldet: rund 2,000)
  2. Chlamydiose rund 25,000 Fälle
  3. Genital-Herpes rund 9,000 Fälle
  4. Feigwarzen rund 5,400 Fälle
  5. Syphilis rund 5,800 Fälle (Deutschland: 5,000)
  6. AIDS rund 1,400 neue Fälle² (Deutschland: 3,200 (2015))

Vergleicht man die Zahlen mit Deutschland, so sind diese also letztendlich eher niedrig, wobei die Zahlen für 2-4 extrem niedrig erscheinen – Wikipedia rechnet da eher mit Prozentzahlen der sexuell aktiven Bevölkerung; es sollten also wesentlich mehr Fälle sein. Da aber diese drei Krankheiten keine akute Gefahr bedeuten, im Gegensatz zur Syphilis zum Beispiel, werden wahrscheinlich viele Fälle nicht oder anderweitig behandelt, oder aus irgend einem Grund nicht gemeldet. Von der Syphilis abgesehen sinkt die Zahl der meisten anderen Geschlechtskrankheiten auch mehr oder weniger stetig. Die Syphilis ist hingegen stark auf dem Vormarsch: Bis 2012 waren es jeweils weit weniger als 1’000 Fälle pro Jahr; nun sind es schon über 5’000. Das ist allerdings auch in anderen Industrienationen der Fall. Auf Japanisch hat die Krankheit den interessanten Namen 梅毒 baidoku – wörtlich: Pflaumengift. Der alte Name war etwas anders und nahm auf die Früchte des ヤマモモ (Bergpfirsich) bezug, da Syphilisekzeme jenen Früchten ähneln. Es gibt übrigens Schätzungen, nach denen rund 50% der Bewohner Edos damals unter Syphilis litten³…


¹ Siehe hier
² Siehe hier
³ Siehe hier

Neujahrskarten und Trauerzeit

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Typische Trauerkarte
Typische Trauerkarte

Und schon ist wieder ein Jahr rum, so schnell geht es. Und als Deutscher ist man zu dieser Zeit gleich richtig beschäftigt, denn schließlich will man ja nicht nur die richtigen Geschenke kaufen, sondern selbige, zum Teil zumindest, auch rechtzeitig in die Heimat schicken. Das ist jedes Jahr ein Drama, da andauernd die Regeln geändert werden: In diesem Jahr zum Beispiel hat man das インボイス (Invoice)-Formular abgeschafft (gut), aber dafür hat man das Verschicken von alkoholischen Getränken in Paketen gänzlich verboten (schlecht). Zudem muss man nun auch jegliche Lebensmittel exakt deklarieren. Die Fracht- und Zollmafia nervt – und zwar extrem. Noch ein paar Jahre, und es wird effektiver und wahrscheinlich auch billiger sein, die Sachen selbst vorbeizubringen.

Doch damit nicht genug: Man muss auch Neujahrskarten designen, drucken, beschreiben und verschicken. Die mit einer Lotterienummer versehenen Karten sind in Japan noch immer hoch beliebt – allein zu Beginn dieses Jahres wurden in Japan insgesamt 2,4 Milliarden Neujahrskarten verschickt – das sind im Schnitt 20 Karten pro Einwohner (wobei Einwohner alle Altersgruppen einschließt). Allein mein Schwiegervater schreibt ungefähr 180 pro Jahr, und das ist schon eine gekürzte Liste. Und natürlich erhält er auch mindestens genau so viele. Dabei ist die Zahl insgesamt seit langem rückläufig – zu Spitzenzeiten, im Jahr 2003, waren es geschlagene 4,5 Milliarden¹

Ein wichtiger Teil der Prozedur ist das Update des Adressbuches, und dazu muss man etwaige, vorher eingetroffene Trauerbenachrichtigungen berücksichtigen. Auf den (als Vordruck erhältlichen) Postkarten steht irgendwo 喪中 mochū (in Trauer) und dazu eine kurze Beschreibung, um wen getrauert wird, sowie die Bitte, deshalb in diesem Jahr vom Zuschicken einer Neujahrskarte abzusehen. Man schickt entsprechend dann auch selbst keine. An den Adressaten sollte man demzufolge auch keine Karte schicken – in anständiger Neujahrskartensoftware gibt es dementsprechend auch eine Flagge dafür, damit – nur in diesem Jahr – die Adresse nicht gedruckt wird.

Es ist schon ein seltsamer Brauch. Da erhält man von einer lieben Freundin eine Karte mit der Nachricht, dass die Großmutter im gesegneten Alter von 90+ in die andere Welt (他界 takai) aufgebrochen ist und man deshalb keine Neujahrskarten wünscht. Natürlich würde man trotzdem gern eine schicken, zum Aufmuntern zum Beispiel, oder um einfach eine kleine Freude zu bereiten, aber das verbietet dann der Anstand beziehungsweise die gesellschaftliche Norm² (natürlich ist es aber anständig, sich beim Absender dann auf eine andere Art und Weise zu melden).

Das Trauerjahr ist eine jahrtausendealte Tradition aus dem Shintoismus (aber natürlich auch in anderen Kulturen bekannt). Prinzipiell nimmt man von めでたい – medetai – Dingen, also feierlichen Handlungen – Abstand, wozu gerade alles um das Neujahrsfest herum zählt.

¹ Siehe hier.
² Siehe Japan Post-Knigge zur Trauerkarte

Es lief wohl rund dieses Jahr

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Restaurant im Zentrum von Tokyo
Restaurant im Zentrum von Tokyo

Es gibt zwei Indikatoren, an denen man zum Jahresende hin erkennt, ob es wirtschaftlich in Japan rund lief oder nicht. Sicher, man könnte sich auch die Statistiken des Wirtschaftsministeriums anschauen, aber das muss man noch nicht einmal.

Ein Indikator ist die Restaurant- und Taxisituation im Dezember. Kann man abends leicht in ein Restaurant gehen, und bekommt man dann auch noch schnell ein Taxi? Dann war das Jahr wohl nicht so gut. Sind jedoch alle Restaurants brechend voll, und hat man dann noch enorme Schwierigkeiten, ein Taxi zu ergattern, dann war es ein gutes Jahr — denn das bedeutet einfach, dass die meisten Firmen genug Geld übrig haben, um mehr oder weniger üppige 忘年会 bōnenkai (wörtlich: „Jahr-vergessen-Feiern“, Jahresabschlußfeier) zu spendieren. Und da diese oft von einer 二次会 nijikai (Nachfeier), 三次会 sanjikai (Nach-Nachfeier) usw. gefolgt werden, bei denen es dann trinktechnisch richtig zur Sache geht, werden natürlich mehr und mehr Taxis bemüht. Dieses Jahr muss ein gutes Jahr gewesen sein… es ist schwerer als üblich, in einem Restaurant zu reservieren, geschweige denn unangemeldet hereinzuplatzen. Und mit Taxis sieht es im Stadtzentrum von Tokyo zumindest nachts ziemlich übel aus.

Der zweite Indikator ist die Ausbuchungsrate der Shinkansen zum Jahreswechsel hin. JR (Japan Railways) gab heute bekannt, dass bereits hetzt 3,84 Millionen der insgesamt 9,63 Millionen reservierbaren Shinkansensitze im Zeitraum vom 28. Dezember zum 6. Januar gebucht wurden. Das sind 9% mehr als im vergangenen Jahr, und die meisten Züge aus Tokyo heraus sind bereits für den 29. und 30. Dezember ausgebucht — sowie zurück zu für den 2. und 3. Januar¹. Es wird also brechend voll werden, und wer noch nicht reserviert hat, hat eventuell bereits Pech gehabt.

So gesehen könnte man also in diesem Jahr sagen: 羽振りがいい haburi ga ii — es geht Japan gut (finanziell gesehen).

Im Kontrast dazu steht das Kanji (Schriftzeichen) des Jahres, das wie immer am 12. Dezember bekanntgegeben wurde. Die meisten Stimmen gab es für das Schriftzeichen

welches für „Katastrophe“ steht: 2018 gab es zwei schwere Erdbeben mit Todesopfern (Hokkaido und Osaka) sowie etliche katastrophale Taifune. Das gleiche Zeichen war übrigens schon 2004 Schriftzeichen des Jahres. Mehr zur Bedeutung des Zeichens siehe hier.

¹ Siehe hier

Manieren im Straßenverkehr: Pikanter Unfall vor Gericht

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Seit einer Woche wird ein besonders dramatischer Verkehrsunfall vor Gericht verhandelt, und die Öffentlichkeit beziehungsweise die Medien haben zurecht ein großes Interesse an dem Fall. Der Unfall ereignete sich im vergangenen Jahr auf der Tōmei-Autobahn, die Tokyo mit Nagoya verbindet. Ein 25-jähriger Fahrer zwang dabei das Auto einer vierköpfigen Familie auf dem Überholstreifen zum Anhalten und stellte dort den Familienvater zur Rede. Ein LKW-Fahrer bemerkte das parkende Fahrzeug zu spät und kollidierte mit dem Auto der Familie. Mutter und Vater kamen dabei ums Leben, die 16-jährige Tochter nebst kleiner Schwester blieben als Waisen leicht verletzt zurück.

Das Verhalten des Angeklagten wird als あおり運転 aori unten bezeichnet – als „Drängelndes Fahren), und das ist in Japan zwar seltener als in Deutschland, aber es kommt natürlich auch in Japan vor, und man muss nicht viele Autobahnkilometer fahren, um das ganze live beobachten zu können. Das ganz dicht hinten drauf fahren ist dabei am Häufigsten zu beobachten, während Lichthupen eher seltener sind.

Im obigen Fall beschimpfte der Angeklagte den Familienvater vor Frau und Kindern und drohte, ihn umzubringen. Doch das ganze hat natürlich eine Vorgeschichte: Auf einem Rastplatz beschimpfte nämlich der Familienvater den Angeklagten zuerst – der war ihm im Weg, und so beleidigte er den Mann mit einem schlichten ボケ! (Boke, in etwa: Idiot). Der Angeklagte sagte vor Gericht aus, dass das alles nicht passiert wäre, wenn der Mann ihm einfach nur gesagt hätte, dass er im Weg sei, aber so ist bei ihm die Sicherung durchgebrannt.

Ein unbeschriebenes Blatt ist der Angeklagte nicht, wie sich herausstellte – eine Zeugin sagte aus, dass er allein im vergangenen Jahr, vor dem Unfall, rund zehn Mal durch aggressives Fahren aufgefallen sei. Einmal soll er sogar einen Streifenwagen verfolgt haben, weil er der Meinung war, dass sich die Polizei selbst nicht an die Straßenregeln hielt.

Der Fall dürfte kompliziert werden: Schließlich war es nicht das Auto des Angeklagten, dass die beiden tötete, und während des Unfalls war der Angeklagte noch nicht einmal in seinem Auto. Die Nebenkläger hoffen natürlich trotzdem auf eine hohe Strafe – vor allem, um ähnliche Fälle zu vermeiden. Ganz wird das natürlich nie klappen: Tickende Zeitbomben gibt es überall, und hinterm Steuer werden diese noch gefährlicher, egal in welchem Land oder Kulturkreis.

Ausländische Arbeiter in Japan

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Japanisch-Portugiesisches Schild in Hamamatsu
Japanisch-Portugiesisches Schild in Hamamatsu

Sie sind momentan ein ganz großes Thema in Japan: Ausländische Arbeitskräfte in Japan. Von denen gibt es nunmehr – das ist Rekord – gut 1,2 Millionen im ganzen Land. Auf 100 Japaner kommt also ein ausländischer Arbeiter. Das klingt erstmal nach sehr wenig, aber da Japan noch nie ein klassisches Einwanderungsland war, fällt dieses eine Prozent doch sehr auf – mir zumindest, und somit sicher auch den meisten Japanern. Das beginnt schon bei Restaurant – und Convenience-Store-Angestellten, unter denen sich im Raum Tokyo immer mehr Ausländer befinden.

Im Gespräch sind die Fremden vor allem, da die Regierung von Abe die Gesetze ändern möchte. Obwohl die Regierungspartie jedoch erzkonservativ ist, sollen die Gesetze einen stärkeren Zustrom an Ausländern ermöglichen, nach dem Motto „Alles für die Wirtschaft“. Bei dem starken Geburtenrückgang hat man auch keine andere Wahl – an Arbeitern, egal in welchem Sektor – fehlt es an allen Ecken und Enden. Das ist auch kein Facharbeitermangel, wie er in Deutschland beklagt wird, sondern ein allgemeiner Mangel. Beispiel Speditionen: Dank Amazon & Co. pfeifen die Logistiker in Sachen Arbeitskräfte auf dem letzten Loch – denn Angestellte können aufgrund des Mangels wählerischer werden, weshalb in einigen Sparten die Lohnkosten steigen – und damit die Kosten. So haben dieses Jahr nahezu alle Logistikunternehmen, einschließlich der Japan Post, ihre Paketpreise saftig erhöht, und das kann man nicht mit steigenden Steuern, mangelndem Wachstum oder höheren Spritpreisen erklären – der Hauptgrund ist der Mangel an Angestellten.

Doch mit den Ausländern wachsen auch die Ängste der Bürger, man kennt das Lied. So wird unter anderem von Kommunen und Oppositionsparteien bemängelt, dass die Regierung an die Ausländer nur als Arbeitskräfte denkt – nicht aber an die Tatsache, dass jene Ausländer dann auch im Land wohnen und deshalb irgendwie integriert werden müssen. Unzählige ehrenamtliche Helfer bemühen sich darum, doch der Grundsatz, dass das die Kommunen schon irgendwie selbst regeln können, stößt natürlich irgendwann an seine Grenzen. So gibt es bereits erste Wohnanlagen, in den mehr als Hälfte der Bewohner aus dem Ausland kommen – ganz vorneweg sind da Chinesen, Koreaner und Vietnamesen.

Dazu kommen Nachrichten wie diese vor drei Tagen: 46 Chinesen auf Hokkaido spurlos verschwunden¹. Dort gab es in einer kleinen Stadt einen Todesfall, woraufhin eine Baufirma untersucht wurde. Dort waren zahlreiche chinesische Arbeiter eingestellt, von denen 11 wegen Visaverstößen verhaftet wurden, doch von 46 weiteren Männern und Frauen fehlt seitdem jede Spur: Sie sind schlichtweg untergetaucht. Und sie sind nicht allein: Im Jahr 2017 tauchten rund 7’000 Ausländer unter – sprich, ihr Visum lief aus, aber sie reisten nicht aus.

Doch auch die Arbeitsbedingungen sind im Gespräch. Ein Weg für Ausländer, vor allem aus Asien, in Japan arbeiten zu können, ist das 技能実習ビザ – das berechtigt zu einem Praktikum in meist technikbezogenen Berufen. Selbstredend lädt gerade dieses Visum zum Mißbrauch und zur Ausbeutung ein – anstatt etwas zu lernen, werden so zum Beispiel bewiesenermaßen Praktikanten zum Aufräumen in der Sperrzone am AKW Fukushima benutzt. Im ganzen Land befinden sich rund 260’000 Halter solcher Praktikantenvisa, und wie die Kommission einer Oppositionspartei nun auf ihrer „Seiji Premier“-Webseite und im Parlament bekanntgab, zählte man in den Jahren 2015-17 insgesamt 69 Todesfälle unter den Praktikanten². 12 starben durch Arbeitsunfälle, 6 durch Selbstmord und 4 durch Mord. Wenn man jedoch bedenkt, dass die meisten Praktikanten sehr jung sind, erscheint die Anzahl derer, die (angeblich zumindest) nicht durch Unfälle, Mord- oder Selbstmord starben, ziemlich hoch: Unter jenen sind wohl 7 Menschen ertrunken, mindestens einer erfroren usw. Natürlich sind diese Zahlen mit Vorsicht zu geniessen – dazu müsste man selbige mit dem japanischen Durchschnitt vergleichen, denn natürlich sterben auch Japaner durch Mord, Selbstmord und Arbeitsunfälle.

Japan steht in Sachen Einwanderung fraglos vor großen Herausforderungen: Man muss einfach mehr Ausländer ins Land holen, um wirtschaftlich nicht zurückzufallen. Doch um die Integrität Japans und den guten Ruf im Ausland zu wahren, müssen Land und Kommunen viel Kraft aufbringen, um die neuen Bewohner zu integrieren – und um schonungsloser Ausbeutung vorzubeugen.

¹ Siehe unter anderem hier
² Siehe unter anderem hier

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