Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Japaner müssen draussen bleiben. Sagt ein Restaurantbesitzer in…Japan

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Cleverer PR-Stunt, oder einfach nur die Schnauze voll gehabt? Das muss man sich unweigerlich fragen, wenn man diesen Artikel in der Online-Ausgabe der Okinawa Times bzw. diesen hier bei Kusahaeru News liest. Es geht um das winzige Ramenrestaurant 麺屋 八重山style (Men’ya Yaeyama Style) auf der wunderschönen Insel Ishigaki (Okinawa). Der (japanische) Besitzer des Minilokals mit nur 8 Plätzen hängte nämlich ein Schild an seine Tür, auf dem er japanischen Gästen den Zutritt verwehrt und dies mit den “zunehmend schlechten Manieren” japanischer Gäste begründet. Gleichzeitig entschuldigt er sich dabei bei seinen japanischen Stammgästen und merkt an, dass diese drastische Maßnahme nur temporär sein soll – nach Ende der Saison im September soll wieder jeder willkommen sein. Fast jeder, denn der Grund für das rüde Verhalten liegt unter anderem auch an den andern Verbotsschildern an der Tür: So wird kleinen Kindern der Zutritt verwehrt, was übrigens in Japan nicht ganz unüblich ist – vor allem, wenn es keine Tische gibt und alle am Tresen sitzen. Der 42-jährige Besitzer gab dabei zu Protokoll, dass er und seine Aushilfskraft aus diesem Grund mehrfach unwirsch angefahren worden seien – so sehr, dass die Aushilfskraft die Arbeit hinwarf. Ausserdem gab es des öfteren Kunden, die einfach mitgebrachtes Essen und Trinken auspackten und beim Verweis darauf, dass dies nicht gestattet sei, einfach gnatzig wurden und meinten, es stehe ja nirgendwo dran, dass es verboten sei, etwas mitzubringen.

Die Maßnahme ist natürlich etwas zu radikal – das Ausgrenzen ganzer Gruppen aufgrund der Herkunft war noch nie eine sinnvolle Sache. Aber der Besitzer regt mit dieser Aktion vielleicht auch eine Diskussion an. Bisher drischt man in Japan nämlich liebend gern auf ausländische Besucher ein und beklagt sich über mangelnde Sprachkenntnisse und schlechte Manieren. Dabei wird gern vergessen, dass japanische Gäste auch nicht ohne sind. So erst neulich wieder erlebt. Als ein Pizzabäcker in meiner Nähe seinen Laden eröffnete, zog es uns auch dorthin. Da bemerkte ich eine Frau, die wutentbrannt mit der Pizzaschachtel auf einen Angestellten loslief und lautstark forderte, dass ihr Problem, dass sie entdeckt hat, unverzüglich korrigiet wird. Sie öffnete die Schachtel und zeigte auf Kartoffelscheiben auf ihrer Genoveser Pizza. Das habe sie nicht bestellt, sondern eine Pizza mit Meeresfrüchten. Ein kurzer Blick auf den Kassenzettel offenbarte, dass sie sehr wohl eine Genoveser Pizza bestellt hatte. Die Frau dachte nur beim Anblick des Fotos, dass es sich um Meeresgetier handelte – dabei stand unterhalb des Fotos eindeutig “mit Kartoffeln”. Was dann geschah, kst typisch japanisch: Um die Situation schnellstmöglich zu entschärfen, bot der Filialleiter kostenlosen Ersatz an. Hat sich die Frau deshalb entschuldigt, bedankt oder ist sie gar kleinlaut geworden? Natürlich nicht. In dem Sinne kann man den Ramen-Koch auch ein bisschen verstehen. Solche Gäste zehren stark an den Nerven und sind leider nicht so selten.

Johnny ist tot

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Der Mann ist eine Legende: John “Johnny” Kitagawa, alias Hiromu Kitagawa – DER Musikmanager des 20. Jahrhunderts in Japan. Ein japanischer Frank Farian hoch zehn. Er ist sogar im Guinness Buch der Rekorde verzeichnet – als Musikproduzent, der zwischen 2000 und 2010 sage und schreibe 8’419 Konzerte organisierte, und als der Mann hinter 232 (!) Nummer-Eins-Hits in Japan zwischen 1974 und 2010. 35 der von ihm ins Leben gerufenen Bands schafften es an die Spitze der Charts – unter der Führung seiner Firma Johnny Entertainment, im Japanischen als ジャニーズ janiizu bekannt. Zu den von ihm entdeckten beziehungsweise zusammengesetzten Boy-Groups gehören Bands wie Hey! Say! JUMP, SMAP, Arashi, Kanjani8, V6, NEWS, KAT-TUN und viele weitere. Diese Bands waren oder sind nicht nur auf der Bühne, sondern auch im japanischen Fernsehen dauerpräsent, wobei der Meister selber, vor allem in den letzten 20 Jahren, eher medienscheu war.

Johnny wurde 1931 als Kind japanischer Eltern in den USA geboren und verbrachte dort die ersten beiden Lebensjahre sowie den Anfang der 1950er. Begeistert vom dortigen Showbiz, rekrutierte er seine ersten “Talente” in einem Park in Tokyo und nannte sie The Johnnys. Das Schema blieb seitdem immer das Gleiche: Er suchte und fand junge Männer, die adrett aussahen und zumindest den Ansatz eines Gesangstalents hatten, und trainierte sie hart in allen Bereichen des Business: Singen, Tanzen, sich gepflegt ausdrücken – 40 Jahre lang. Nahezu jede Boygroup der vergangenen 4 Jahrzehnte bestand aus “Johnnys”.

Ganz ohne Skandale ging es nicht ab – seit 1988 gab es Vorwürfe sexuellen Missbrauchs aus den Reihen seiner Schützlinge. Die Vorwürfe fochte er vor Gericht an und gewann in der ersten Instanz, doch bei der zweiten Instanz hatte er weniger Erfolg.

Gestern, am 9. Juli 2019, verstarb Johnny in Tokyo im Alter von 87 Jahren. Für Musikfans wie meine Wenigkeit waren alle seiner Bands ausser Diskussion – es handelte sich um eine gigantische Marketingmaschine mit immer dem gleichen Muster. Doch so viel steht fest: Mit seiner Musik hat er zig Millionen Japaner in den vergangenen Jahrzehnten glücklich gemacht, und das ist seine grösste Leistung.

Eskalierender Handelskrieg: Japan entfernt Südkorea von der “weißen Liste”

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Eine Weile lang sah es so aus, als ob Japan keinerlei Gegenmaßnahmen bezüglich der Entscheidung südkoreanischer Gerichte, japanische Firmen direkt für Zwangsarbeit in der Zeit von 1910 bis 1945 in die Pflicht zu nehmen, unternehmen würde. Doch dem ist natürlich nicht so: Wie in der vergangenen Woche bereits von der Regierung angedeutet, soll Südkorea nun von der sogenannten “Liste weißer Länder” entfernt werden. Diese Liste umfasst momentan 27 Länder, die unter das “Catch-all” Kontrollsystem für Importe und Exporte fallen. Kurz gesagt erlaubt dieses System verhältnismässig unkomplizierte Handelsbeziehungen, da zahlreiche Regulatoren für den Warenverkehr wegfallen oder zumindest verkürzt werden. Diese Liste sieht momentan so aus:

Europa Österreich Belgien Bulgarien Großbritannien
Dänemark Finnland Frankreich Deutschland
Tschechien Griechenland Ungarn Irland
Italien Luxemburg Niederlande Norwegen
Polen Portugal Spanien Schweden
Schweiz
Nordamerika USA Kanada
Südamerika Argentinien
Australien/Ozeanien Australien Neuseeland
Asien Südkorea

Bisher hat Japan immer nur neue Länder zu dieser Liste hinzugefügt — dass ein Land aus dieser Liste gestrichen wird, ist ein Novum. Das bedeutet, dass der Warenverkehr zwischen Japan und Südkorea erheblich beeinträchtigt wird. Eine erste einseitige Massnahme trat bereits in der vergangenen Woche in Kraft und betrifft die Ausfuhr dreier bestimmter Chemikalien nach Südkorea: Dazu gehören vor allem solche, die für die Halbleiterherstellung benötigt werden. Bei bestimmten Substanzen bezieht die südkoreanische Industrie mehr als 90% der Materialen aus Japan. Die Ausfuhr wird nicht gestoppt oder verboten, doch der Export wird komplizierte und wesentlich länger dauern.

Auf den ersten Blick sieht diese Massnahme nach etwas aus, was Südkorea empfindlich treffen könnte. Bei näherer Betrachtung ist die Angelegenheit jedoch wie immer etwas komplizierter, denn:

  1. Japan bezieht einen großen Anteil seiner Halbleiter aus Südkorea – liegt also die südkoreanische Produktion still, hat das auch Auswirkungen auf Japan
  2. Die Maßnahmen treffen natürlich auch die japanischen Firmen, die nach Südkorea exportieren
  3. Südkorea kann dies als Gelegenheit begreifen, sich unabhängig von Importen aus Japan zu machen
  4. Wie der südkoreanische Präsident heute bereits angedeutet hat, wird Südkorea natürlich Gegenmaßnahmen ergreifen

Mit anderen Worten: Japan und Südkorea steuern auf einen formidablen Handelskrieg zu, und dieser Handelskrieg wird, wie so oft, keine Gewinner haben. Immerhin hat der südkoreanische Präsident Moon Jae-in heute Japan dazu aufgerufen, in einen Dialog zu treten, um die Situation zu entschärfen. Das ist bereits ein Fortschritt, denn bisher hat sich die südkoreanische Regierung lediglich genüsslich zurückgelehnt und auf die Unabhängigkeit südkoreanischer Gerichte verwiesen, was man in Japan natürlich als Farce empfindet.

In Japan befürworten laut einer Umfrage 59% der Japaner die Strafmaßnahmen; lediglich ein Viertel ist dagegen. Das ist nicht verwunderlich, denn die öffentliche Meinung über Südkorea ist auf einem Tiefpunkt, und, das muss man leider so sagen, Südkorea tut absolut gar nichts dafür, etwas an dieser Sache zu ändern. Ungeachtet von Abkommen auf Regierungsebene über die Beilegung der Zwangsarbeit- und Trostfrauenproblematik werden vor allem diese beiden Probleme immer wieder betont und auch durchaus aktiv im Ausland propagiert. Hinzu kommt auch noch ein schwelender Territorialstreit sowie Nicklichkeiten wie der andauernde Versuch Südkoreas, das Japanische Meer umzubenennen.

Globale Erwärmung in Japan

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Regenzeit - die von 2019 hat es in sich
Regenzeit - die von 2019 hat es in sich

Heute unterhielt ich mich mit dem Betreiber einer Izakaya in Shirahama ganz im Süden der Halbinsel Bozo (Präfektur Chiba). Der gute Mann hatte einst ein Restaurant in Tokyo, aber seine Liebe zum Meer zog ihn in diesen abgelegenen Teil Japans. Es stellte sich heraus, dass der Mann viel und gerne taucht – das ist praktisch, denn einen Teil seiner Speisekarte kann er somit quasi selbst aus dem Meer fischen (heute hatte er zum Beispiel アワビ (Awabi – Seeohren) im Angebot, die in Japan als Delikatesse gelten. Selbst gesammelt, versteht sich. Wie oft üblich, begann das Gespräch mit einem Schwatz über das Wetter. Die Regenzeit in Japan hat dieses Jahr nämlich, im Gegensatz zu der vom vergangenen Jahr, ihren Namen redlich verdient. Auch heute goss es aus Kübeln, mit permanenten Warnungen auf meinem Handy, dass gleich wahlweise 30, 50 oder teilweise sogar 80 mm Regen pro Stunde fallen werden. Schnell fiel der Begriff globale Erwärmung, obwohl er an dieser Stelle eigentlich nicht angebracht war, denn in einer vernünftigen Regenzeit fallen nun mal vernünftige Mengen Regen. Auch die Bemerkung, dass die Regenzeit dieses Jahr ungewöhnlich lang sei, war so nicht richtig: Die Regenzeit begann nämlich pünktlich, und normalerweise endet sie im Raum Tokyo erst rund um den 20. Juli herum.

Besorgniserregend waren jedoch seine Schilderungen aus der Sicht eines Tauchers: Er merkte nämlich an, dass das Meer schöner und klarer geworden ist – aus dem traurigen Grund, dass Seetang und andere Pflanzen am Meeresboden immer schneller verschwinden. Man braucht nicht Biologie studiert zu haben, um zu wissen, dass das ein ernsthaftes Problem ist, denn Seetang steht ziemlich weit am Beginn der Nahrungskette, und wenn der verschwindet, verschwindet alles weitere zwangsläufig auch. Eine weitere Beobachtung war die, dass immer mehr “bunte Fische” — Tropenfische, die man eher in Okinawa und weiter südlich findet, zu finden seien. Das Phänomen ist natürlich auch auf dem Land bekannt, wo immer mehr Arten sich gen Norden ausbreiten. Natürlich war er sich der Gründe bewusst. Und damit war er dem Mittelschullehrer meiner Tochter um Längen voraus, denn der erzählte neulich in der Klasse, dass die globale Erwärmung eigentlich gestoppt sei, da der Ausstoss von Treibhausgasen genügend reduziert wurde. Was für ein Narr. Wahrscheinlich hat er irgendwo Nachrichten über FCKW aufgeschnappt, gelesen, dass jenes nun kaum noch produziert wird, und daraus geschlussfolgert, dass das Problem damit gelöst sei.

Auch wettertechnisch läuft in Japan, wie bereits mehrfach berichtet, einiges aus dem Ruder – die spürbare Zunahme von Taifunen und anderen Starkregenereignissen lässt sich nicht so ohne weiteres wegreden. So fielen in einer Gemeinde in der Präfektur Miyazaki, Kyushu, vor ein paar Tagen über 1000 mm Regen innerhalb von 24 Stunden. Ein Meter Regen! Das ist die Menge Regen, die in Berlin innerhalb von zwei Jahren fällt…

Osaka: G20 trifft Taifun und geballte Obachan-Power

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Morgen und übermorgen, also am 28. und 29. Juni, findet also der G20-Gipfel statt — dieses Mal in Osaka. Der Paketdienst meiner Firma hat deshalb schon mal vorsorglich bescheid gesagt, dass in den kommenden Tagen Pakete nach Osaka nicht einen, sondern zwei Tage benötigen werden. Das ist etwas überraschend, denn eigentlich sollte man erwarten, dass der Einfluss auf des G20-Gipfels auf Osaka nicht so gross sein sollte. Andererseits hat man allerdings auch halb Tokyo abgesperrt, als Trump neulich seinen Kumpel Abe besuchte. Trump ist heute bereits in Osaka eingetroffen – und mit ihm ein Taifun. Kein kräftiger zwar, aber ein etwas seltsamer, denn er wird nur knapp zwei Tage als Taifun eingestuft werden. Ausserdem sind Taifune in diesen Breiten Japans während der Regenzeit eher unüblich.

Der südkoreanische Ministerpräsident Moon wird ebenfalls in Osaka weilen und bot seinem japanischen Amtskollegen an, dort über den südkoreanischen Vorschlag zur gemeinsamen Entschädigung von Zwangsarbeitern zu reden, denn seit dem Gerichtsurteil im Oktober 2018 haben südkoreanische Gerichte bereits damit begonnen, den Besitz diverser japanischer Firmen in Südkorea zu pfänden – mit der Drohung, diesen dann auch zu versteigern, wenn sich die Firmen weiter weigern sollten, Entschädigungen zu bezahlen. Viel Bewegung dürfte man aber nicht erwarten, denn für Japan ist die Sache mit den 1965 erfolgten Reparationszahlungen erledigt — dazu besteht schliesslich ein ordnungsgemässer Vertrag zwischen Japan und Südkorea. Moon meinte dazu sinngemäss: “Sicher, wir haben die Sache mit Verträgen geregelt, aber das bedeutet nicht, dass das Leiden der Betroffenen damit beendet ist.”. Sicher, sicher. Aber wie bereits im Falle des Abkommens bezüglich der Trostfrauenproblematik erhärtet sich leider der Eindruck, dass die südkoreanische Regierung im Großen und Ganzen auf Verträge pfeift. Eine schlechte Basis für eine Vertiefung der Beziehungen mit Japan.

Zurück zu Osaka: Ein paar muntere Obaachans haben sich entschlossen, ihrer Stadt in einem quietschbunten Video zu huldigen. Das ist geballte Obaachan-Power. Ein Teil hat es mir allerdings angetan, da er nur allzu wahr ist: “Sucht man einen Ort in Tokyo, sagen die Leute ‘Kenne ich nicht’. Sucht man einen Ort in Osaka, kommt bestimmt eine Obaachan (=Omma) und sagt: ‘Da, geradeaus!’ – obwohl sie den Ort auch nicht kennt”.

Eilmeldung: Schweres Erdbeben vor Niigata/Yamagata

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Um 22:26 am 18. Juni 2019 gab es vor der Küste von Yamagata, 50 km von der Stadt Sakata entfernt, ein schweres Erdbeben. Die Stärke nach der Richterskala lag bei 6.8, die Stärke in einigen Städten entlang der Küste nach der japanischen Skala (bis 7) lag bei einer starken 6.

Momentan wird vor einem Tsunami entlang der Küste von Yamagata und Niigata gewarnt – man erwartet zwar nur eine Höhe von 1 m, aber in Buchten können es entsprechend mehrere Meter werden. Die Regierung richtet momentan einen Krisenstab ein.

Laut TEPCO, Betreiber des (momentan noch abgeschalteten) AKW in Kashiwasaki (Niigata) meldet, dass es keine Schäden am Kraftwerk gibt.

Das wirkliche Ausmass wird erst morgen sichtbar werden. Momentan gibt es alle paar Minuten lang Nachbeben – von denen ist in Tokyo jedoch nichts zu spüren.

Das Epizentrum lag mit 10 km sehr nah unter dem Meeresboden des Japanischen Meeres. Die größten Bewegungen wurden in Tsuruoka gemessen.

Im Land der Geisterfahrer

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In letzter Zeit sind die Zeitungen voll davon — nahezu täglich berichten Zeitungen und Nachrichten von Unfällen mit betagten Fahrern. So raste erst heute wieder ein über 60-jähriger in eine Gruppe mit Schulkindern, wobei dies freilich ein Grenzfall ist – Fahrer in den 60ern gelten eigentlich als “relativ” sicher. Die Zunahme der von älteren Fahrern verursachten Unfälle ist eine unangenehme Begleiterscheinung der Überalterung der Gesellschaft, und die Stimmen werden lauter, etwas dagegen zu unternehmen.

Noch sind die Maßnahmen in dieser Hinsicht eher freiwilliger Natur. So gibt es magnetische Sticker, die man anfangs “枯葉マーク kareha mark” nannte – wörtlich: “Verwelktes-Blatt-Zeichen”, eine in der Tat bösartige Bezeichnung, die man deshalb auch offiziell nicht mehr verwendet. Stattdessen sagt man jetzt “高齢者マーク” kōreisha mark (Hohes-Alter-Zeichen). Die Idee ist, dass sich über 75-jährige das Zeichen vorne und hinten ans Auto kleben, damit andere Verkehrsteilnehmer merken, dass man hier womöglich mit verminderten Reaktionszeiten rechnen sollte. Laut japanischer StVO müssen betagte Fahrer das Zeichen anbringen, doch das Gesetz sieht im Falle der Missachtung keinerlei Strafen vor, weshalb es sich hier nur um ein Pseudo-Gesetz handelt (im Gegensatz zum 若葉マーク wakaba-mark, dem “jungen Blatt”, welches Fahranfänger im ersten Jahr des Führerscheins an ihr Fahrzeug anbringen müssen).

Eine weitere Massnahme ist das Angebot an die älteren Semester, den Führerschein freiwillig abgeben zu können. Vielerorts weist man in sich in Japan mit dem Führerschein aus, denn einen Personalausweis gibt es nicht, und der Führerschein ist eine gültige ID mit Foto. Wer auf seinen Führerschein verzichtet, bekommt nun eine ähnliche Karte im Scheckkartenformat zurück – ein Quasiführerschein, mit dem man eben jedoch nicht mehr mit dem Auto fahren darf. Zudem gibt es mehr und mehr Gemeinden, die die Senioren bei freiwilligem Verzicht mit diversen Vergünstigungen locken. Auf dem Lande jedoch hat das nur begrenzt Erfolg, denn der öffentliche Nahverkehr ist dort äußerst spärlich ausgelegt und der nächste Laden oder Arzt sehr weit weg.

Wunderbar und kennzeichnend zu dem Thema war eine Umfrage unter Autofahrern, ob sie ihren eigenen Fahrkünsten vertrauen würden: ¹

Altersgruppe Vertraut den eigenen Fahrkünsten
20-29-jährige 49.3%
30-59-jährige 40.0%
60-64-jährige 38.0%
65-69-jährige 51.3%
70-74-jährige 60.7%
75-79-jährige 67.3%
Über 80-jährige 72.0%

Ganz klarer Fall: Je älter desto störrischer. Da man so offensichtlich nicht weiterkommt, überlegt man nun, einen neuen Führerschein einzuführen. So wie es einen “Automatikführerschein” gibt, der nur das Fahren von Autos mit Automatikgetrieben zulässt, will man nun einen Führerschein, der nur den Betrieb von Autos zulässt, die verschiedene Sicherheitsmerkmale zulassen – wie zum Beispiel einen Abstandssensor oder eine Vorrichtung, die das Verwechseln von Gas- mit Bremspedal verhindert.

¹ Siehe hier

Touristenfalle Tsukiji

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Am vergangenen Wochenende ging es aus aktuellem Anlass zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder nach Tsukiji, dem weltbekannten da weltgrössten Fischmarkt, mitten in Tokyo. Denn: Der eigentliche Fischmarkt ist bereits im vergangenen Jahr nach Toyosu gezogen, und Tsukiji in der jetzigen Form, mit seinen engen Gassen und zahllosen Restaurants, wird es nicht mehr lange geben, denn das Viertel soll umstrukturiert werden. Da es die Restaurants immer noch gibt, und da Toyosu am Sonntag komplett geschlossen ist, strömen noch immer endlose Horden durch die Gassen von Tsukiji – westliche Ausländer ebenso wie Busladungen chinesischer, taiwanesischer, koreanischer und thailändischer Touristen. Und alle haben Appetit auf Fisch, wie es scheint.

Besucherhorden in Tsukiji
Besucherhorden in Tsukiji

Das Angebot ist in der Tat verlockend – es gibt zahlreiche Sushiläden und noch mehr Kaisendon-Läden (die grobe Variante des Sushi, bei dem der rohe Fisch auf eine Schale Reis gelegt wird). Auf einem grossen Schild am Eingang zum Viertel steht 人情味溢れる築地で上手なお買物 ninjōmi de afureru Tsukiji de jōzu na okaimono geschrieben – “Geschickt einkaufen im vor Menschlichkeit überquellenden Tsukiji”. Nette Worte, aber wer lange und viel in Japan unterwegs war, stellt leider schnell fest, dass viele Restaurants in Tsukiji zwar teuer, dafür aber von schlechter Qualität sind. Rein zufälligerweise sind die Preise auch fast überall die gleichen, was zwar zu erwarten ist, aber wenn man 2,500 yen (fast 20 Euro) für eine Schale Reis mit rohem Fisch drauf bezahlen soll, darf man in Japan eigentlich einiges dafür erwarten. Nicht so in Tsukiji: Der Seeigel sieht so aus, als ob er schon vor einer Woche von seiner stacheligen Hülle befreit wurde, die Streifen fetten Thunfisches (toro) sehen wie das aus, was im Supermarkt am Abend liegen bleibt und letztendlich kurz vor Ultimo für ein paar Handvoll Yen verscherbelt wird, bevor es verdirbt, und auch beim Reis gibt man sich keine sonderliche Mühe. Man wird den Eindruck nicht los, dass in den Restaurants in Tsukiji das verkauft wird, was man bei den Auktionen am Morgen nicht losgeworden ist. Und zwar für teures Geld. Warum auch nicht — die Touristen kommen auch so, ganz von allein, und wenn sie schon mal da sind, wollen sie natürlich auch was essen. Mir tun jedoch die Besucher leid, die in Tsukiji zum ersten Mal mit Kaisendon & Co. in Kontakt kommen, denn das vergällt ihnen mitunter dieses ansonsten herrliche Gericht.

Neu ist das ganze natürlich nicht – mit den Besucherströmen kommt der Nepp – das ist überall auf der Welt so, und warum sollte das in Japan anders sein.

Langsam aber sicher wird dichtgemacht
Langsam aber sicher wird dichtgemacht

Finanzministerium: Rentner brauchen 150’000 Euro eigene Spareinlagen

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Und zack, da war die Katze aus dem Sack: In der vergangenen Woche (am 3. Juni 2019) gab das japanische Finanzministerium einen Bericht mit dem Namen 高齢社会における資産形成・管理 (Kapitalbildung- und Verwaltung in der alternden Gesellschaft)¹ heraus, und in dem tauchte eine Zahl auf, die viel Aufsehen erregte: 20 Millionen Yen (gut 150,000 Euro). Soviel braucht laut Finanzministerium ein Ehepaar an Extraeinlagen, wenn die folgenden Bedingungen erfüllt sind:

1) Der Ehemann geht mit oder nach 65 Jahren in Rente
2) Die Ehefrau geht mit oder nach 60 Jahren in Rente
3) Das Ehepaar bezieht zusammen die Durchschnittsrente (rund 200,000 Yen)
4) Das Ehepaar zahlt keine Miete (eigene Wohnung oder eigenes Haus)

Nun ging man bei der Berechnung ganz einfach von den üblichen Ausgaben aus, und die belaufen sich der Rechnung zufolge monatlich auf circa 260,000 yen. Will heissen, pro Monat ist man mit 60,000 Yen im minus. Mit anderen Worten: Mit der staatlichen Rente kommt man nicht weit. Und das ist natürlich ein Problem, denn das Finanzministerium weiss ebenso, das 22,6% der 40jährigen, 17,4% der 50jährigen, 22% der 60jährigen und 28,6% der 70jährigen keine Einlagen haben. Das bedeutet also, dass mindestens ein Viertel der Bevölkerung im Alter in finanzielle Schieflage gerät – mindestens, denn der Besitz einer eigenen Wohnung/eines eigenen Hauses kann man auch nicht ohne weiteres voraussetzen.

Schaut man sich die Sparanlagen der Japaner an, dann sollte man meinen, dass alles bestens ist, denn die Gesamtspareinlagen sind hoch. 60-jährige Ehepaare haben demzufolge durchschnittlich Einlagen von 18 Millionen Yen. Aber man ahnt es bereits: Die Statistik trügt natürlich, denn ein Grossteil der Spareinlagen befindet sich in den Strümpfen eines geringeren Prozentsatzes der Bevölkerung.

Dass die Rente in Japan nicht reicht, ist dabei keine besonders neue Erkenntnis. Das war schon immer so. Doch früher galt das Prinzip der lebenslangen Beschäftigung, und das bedeutete auch, dass die meisten Angestellten beim Erreichend des Rentenalters ein passsables Altersgeld erhielten – oben erwähnte 20 Millionen Yen waren da durchaus nicht unüblich. Doch diese Zeiten sind bekanntermassen vorbei – zumindest für sehr viele Angestellte. Redakteure diverser Fernsehsender schnappten sich natürlich sofort diese Zahlen und befragten “einfache Menschen auf der Strasse”, von denen viele resigniert wirkten. Vor allem um die 40-jährige antworteten häufig schulterzuckend “Ich habe Kinder, wie soll ich da sparen”. Und da haben sie recht, denn Bildung ist teuer in Japan.

Die Opposition konfrontierte die Regierung umgehend mit den Zahlen, doch Ministerpräsident Abe wies die Zahlen als unzutreffend und irreführend zurück. Das war zu erwarten. Natürlich hat er in dem Sinne recht, dass man solche statistischen Spielchen mit Vorsicht geniessen muss. Das Finanzministerium hat jedoch auch recht, wenn es davor warnt, dass die Rente nicht reicht. Denn in den obigen Rechnungen sind zum Beispiel schwerere Krankheiten gar nicht eingeplant. Und von der Regierung angekurbelte Maßnahmen zur privaten Vorsorge wie zum Beispiel NISA oder iDeCo haben bisher nicht den erwünschten Erfolg gebracht — ähnlich wie bei der Riesterrente in Deutschland gibt es sogar Stimmen, die solche Modelle gar gänzlich in Frage stellen.

¹ Der Bericht kann hier heruntergeladen werden.

Und der japanische Politiker des Jahres ist…

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…Hodaka Maruyama (丸山 穂高), ein gerade mal 35-jähriger Abgeordneter der Ishin-no-kai-Partei im japanischen Unterhaus. Er wurde von den Bewohnern der Stadt Sakai bei Osaka ins Parlament gewählt. Und das Unterhaus hat heute – einstimmig – eine Resolution verabschiedet, in der Maruyama aufgefordert wird, sein Mandat niederzulegen, da er “als Abgeordneter nicht geeignet sei”. Man könnte nun böswillig einwerfen, dass in diesem Fall das halbe Unterhaus gehen müsste, doch eine solche Resolution ist in Japan etwas sehr Seltenes, und der Delinquent (der kennzeichnenderweise der heutigen Sitzung fernblieb) muss sich da schon einiges erlauben, um den Zorn aller Abgeordneten auf sich zu ziehen.

Was war geschehen? Nun, es geht um die “Nördlichen Territorien” – die vier Südkurileninseln nordöstlich von Hokkaido, deren Kontrolle die Rote Armee in den letzten Kriegstagen des 2. Weltkrieges an sich gerissen hatte. Noch immer versucht Japan, diese Inseln zurückzugewinnen. Nun gab es im Mai 2019 eine zwischen Russland und Japan vereinbarte Ausnahmeregelung, nach der bestimmte Personen ohne Visum auf die Inseln reisen konnten. Ein paar ehemalige Bewohner nutzten die Gelegenheit, ebenso ein paar Parlamentarier. Darunter besagter Maruyama. Und der liess es dort offensichtlich richtig krachen. Als ein mitgereister Pressevertreter den Delegationsvorsitzenden interviewte, drängte sich Maruyama dazwischen und fragte den Delegationsleiter, ob dieser für oder gegen einen Krieg mit Russland sei, um die Territorien zurückzugewinnen. Als dieser äußerte, dass er gegen einen Krieg sei, rief Maruyama lauthals, dass man so niemals die Inseln wiederbekommen würde.

Der Gedanke an sich ist schon abwegig genug, aber später kam immer mehr ans Licht, aus welchem Holz Maruyama geschnitzt ist. So soll er – ebenfalls auf der Kurileninsel, und Augenzeugenberichten zufolge sichtbar angetrunken – zu anderen Delegationsteilnehmern Sätze gesagt haben wie “Da gibt’s Läden mit Frauen. Ich will mir eine Frau kaufen” oder “Ich möchte da ein paar Brüste anfassen”.

Natürlich hat Russland die Sache spitzbekommen — aber diese Äußerungen sind letztendlich dermassen abstrus, das man wohl keine diplomatischen Konsequenzen erwarten dürfte. Maruyama hingegen gab heute auf Twitter bekannt, dass er gedenke, bis zum Ende der Legislaturperiode im Parlament weiterzumachen. Logisch, der arme Kerl braucht ja irgendwie Geld für Frauen und Alkohol. Ich wäre jedoch dafür, dass er danach in ein kleines Dorf auf der Tschuktschen-Halbinsel abgeschoben wird, denn solche Politiker (bzw. Menschen) braucht man hier nun wirklich nicht (gut, in den Dörfern auf der Tschuktschen-Halbinsel braucht man ihn sicherlich noch weniger).

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