Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Posse um radioaktiv verseuchtes Wasser aus Fukushima

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Es wäre beinahe zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre: Die Diskussion darüber, was mit dem radioaktiv verseuchten Wasser des havarierten AKW in Fukushima geschehen soll. Noch immer müssen die inneren Bereiche permanent mit Wasser gekühlt werden, und noch immer wird das Kühlwasser bei dem Prozess radioaktiv verseucht, weshalb es momentan in zahllosen Tanks rund um das AKW gelagert wird. Momentan sind das grob geschätzt 1 Million Kubikmeter (oder eben Tonnen) oder bildlich gesprochen, so viel Wasser, wie in Hamburg in knapp einer halben Stunde durch die Elbe fliesst. Eine ganze Menge also. Das Wasser ist dabei hauptsächlich mit 3H, bekannt unter den Namen Tritium oder auch superschwerer Wasserstoff, kontaminiert – ein Betastrahler mit einer Halbwertszeit von gut 12 Jahren.

Der AKW-Betreiber TEPCO schätzt, dass man noch genügend Platz für die kommenden drei Jahre hat, weshalb man sich berechtigterweise jetzt schon Gedanken darüber macht, wo das Wasser hin soll. Der vorherige Umweltminister Harada schlug vor, das Wasser ganz einfach in den Pazifik abzulassen, und bezog dafür ordentlich Schelte von den ohnehin gebeutelten Fischern der Präfektur. Als nächstes kam jemand auf die Schnapsidee, das Wasser in die Bucht von Osaka abzulassen. Eine Wahnsinnsidee deshalb, weil die Gegend rund um Osaka sehr dicht besiedelt ist, und weil man das Wasser erstmal rund 700 km weit bis dorthin transportieren müsste.

Matsui, der Bürgermeister von Osaka, bemerkte heute dazu nun, dass sich die Stadt (bzw. Präfektur) durchaus aus Solidarität zu Fukushima zu der Aktion bereit erklären könnte, so vorher wissenschaftlich nachgewiesen werden könne, dass das Wasser keine gesundheitlichen Schäden für Menschen verursachen würde.

Das klingt alles sehr seltsam. Und zwar deshalb, weil man weniger vor der Radioaktivität als vor 風評 fūhyō Angst hat. Fuhyo setzt sich aus “Wind” und “Bewertung” zusammen und bedeutet von der Sache her “Gerücht”. Wenn also das Gerücht die Runde macht, dass Produkte aus Fukushima kontaminiert sein könnten, würden die Kunden nichts mehr von dort kaufen, ob an der Sache nun was dran ist oder nicht. Das ist natürlich nicht nur in Japan so. Ob allein der Glaube daran, dass das tritiumverseuchte Wasser wirklich Null Schäden verursachen wird, die Sache völlig unbedenklich machen wird steht auf einem anderen Blatt. Es klingt jedenfalls nach schlichtem Wahnsinn, das Wasser weit weg zu transportieren – und es direkt vor einem Ballungsgebiet mit über 10 Millionen Menschen in eine Bucht zu kippen, die durch Meeresengen auf beiden Seiten beengt ist.

Gotemba Premium Outlets

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Gotemba Premium Outlets vor dem Fujisan
Gotemba Premium Outlets vor dem Fujisan

Fragt man junge Japaner nach ihren Hobbys, hört man oft “Shopping”. Und zwar am liebsten in einen der Outlet Parks. Die Idee dahinter ist, dass hauptsächlich Modelabel dort fehlerhafte Ware (oder Restbestände) zu Werksverkaufspreisen verhökern können. Das mag bei einigen hochwertigen Markennamen tatsächlich der Fall sein, aber viele Modehersteller verkaufen dort ganz einfach alle ihre Produkte mit mehr oder weniger grossem Preisnachlass. Grössere Outlet Parks haben bis über 200 Läden, und da man dort auch etwas essen kann, verbringen dort nicht wenige einen ganzen Tag.

Lebt man lange genug in Japan, landet man selbst auch zwangsläufig in einem Outlet Park, aus mitunter profanen Gründen. Entweder wird man dort hingeschleift, oder man befindet die Einrichtungen als praktisch, da man zum Beispiel auch problemlos Schuhe und andere Sachen in der benötigten Grösse findet. In einem normalen Schuhladen ist es nämlich noch immer fast ein Wunder, wenn man Schuhe in der Grösse 44 findet.

Nun gibt es in und rund um Tokyo etliche Outlet Parks — hier eine Auswahl der bekanntesten:

Name Präfektur Geschäfte Eröffnet
Mitsui Outlet Park Kisarazu Chiba 171 2012
Sano Premium Outlet Gunma 170 2000
Mitsui Outlet Park Iruma Saitama 204 2008
Nasu Garden Outlet Tochigi 146 2008
Mitsui Outlet Park Makuhari Chiba 135 2000
Shisui Premium Outlet Chiba 210 2013
Ami Premium Outlet Ibaraki 151 2009
Mitsui Outlet Park Yokohama Bayside Kanagawa 84 1998
Ōarai Seaside Station Ibaraki 70 2006
Aeon Laketown Outlet Saitama 130 2011
Gotemba Premium Outlet Shizuoka 205 2000
Mitsui Outlet Park Tama Minami Ozawa Tokyo 117 2000
Venus Fort Tokyo 190 1999

Mit wenigen Ausnahmen (Venus Fort, Makuhari) liegen all diese Outlet Center auf der grünen Wiese und sind damit nicht ganz so einfach erreichbar. Auffällig ist, dass der Outlet-Boom rund um die Jahrtausendwende begann. Vorher gab es sowas in Japan nicht.

Unter all diesen Outlet Parks ist vor allem der in Gotemba attraktiv, denn er liegt direkt am Fusse des Fuji-san (siehe Foto). Wahrscheinlich deshalb ist besagtes Einkaufszentrum auch bei chinesischen Touristen äusserst beliebt. Zu recht. Wer keine Lust mehr hat auf Anziehsachen zu starren, kann einfach den Fuji-san in seiner vollen Pracht bestaunen. Die Touristen wissen immerhin, dass es sich um den Fuji-san handelt: Heute standen drei junge Japanerinnen neben mir und grübelten lautstark, ob das wohl der Fuji-san sein solle. Irgendwann reichte es mir, und ich versicherte ihnen, dass dies sehr wohl der Fuji-san ist. “Aber ich dachte, da ist immer Schnee drauf!” entgegnete eine Frau darauf hin. “Nein, im Sommer nicht. Erst ab November” erklärte ich ihr. Ihre Freundin meinte daraufhin leise “Das ist jetzt echt peinlich für uns als Japaner”. Recht hatte sie…

Übrigens: Mit dem Zug ist die Anreise aus Tokyo etwas mühsam, aber immerhin fahren kostenlose Zubringerbusse vom Bahnhof Gotemba. Und: Es gibt auch Busse, die von Tokyo aus direkt zum Outlet Park fahren.

Zehntausende noch immer ohne Strom. Und Wasser. Und Benzin.

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Dem Taifun folgten heftige Gewitter
Dem Taifun folgten heftige Gewitter

Erst nach und nach wird das Ausmass des Taifuns, der vor drei Tagen über Tokyo und Umgebung zog, bewusst. Während die Schäden im Stadtbereich von Tokyo übersichtlich blieben, hat es die Nachbarpräfektur Chiba besonders schwer getroffen. Zeitweilig waren dort bis zu 900,000 Menschen ohne Strom, was besonders in den zwei Tagen nach dem Taifun kritisch war. Taifune haben die Eigenschaft, sehr heiße und feuchte Luft hinter sich herzuziehen – so waren am Dienstag und Mittwoch Tagestemperaturen von 36 Grad und mehr und Nachttemperaturen von circa 30 Grad angesagt. Ohne Klimaanlage und teilweise sogar ohne Wasser bringt das viele Menschen, vor allem die ganz Alten und die ganz Jungen, in eine kritische Lage.

Drei Tage später wurde viel wiederhergestellt, doch laut Energieversorger TEPCO sind auch heute, am Donnerstag, noch immer geschlagene 300’000 Haushalte ohne Strom. Es ist verrückt: Man muss nur eine Stunde lang mit dem Auto raus aus Tokyo (in der sich die Lage bereits Stunden nach dem Taifun normalisiert hatte) fahren – zum Beispiel nach Kimitsu oder Yotsukaido, und schon befindet man sich in einer Gegend, in der es momentan rein gar nichts gibt: Kein Strom, kaum Benzin, gebietsweise kein Wasser, kaum Lebensmittel und – kaum Informationen. Dort bilden sich an Tankstellen und in Rathäusern lange Schlangen – in den letzteren, weil dort Wasser bereitgestellt wird sowie Steckdosen, um Telefone und dergleichen aufzuladen, doch auch die sind natürlich nur von begrenztem Nutzen, da viele Sendemasten (und Wifi-Provider sowieso) ausgefallen sind.

Noch sind nicht alle Folgen beseitigt, ist nun bereits eine volle Debatte über die Folgen entbrannt, den Taifun Faxai deckte einige Schwachstellen auf. So gab es zum Beispiel massive Störungen im Bahnverkehr, vor allem auf Strecken in der Präfektur Chiba – in deren Mitte der Internationale Flughafen Narita liegt. Über 13’000 Passagiere lagen noch am Tag nach dem Taifun am Flughafen fest, da nahezu alle Wege nach Tokyo verschlossen waren: Sowohl Bahnlinien als Autobahnen waren einfach dicht. Ein thailändischer Passagier postete ein paar Fotos von der Lage in Narita:

Fazit: An dem Taifun wird man noch eine Weile lang zu knabbern haben. Und man kann nur hoffen, dass sich das so schnell nicht wiederholt.

Taifun Faxai legt Tokyo lahm

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Tamagawa nach dem Taifun
Tamagawa nach dem Taifun

In der Nacht vom 8. zum 9. September fegte Taifun Faxai über Shizuoka, Kanagawa, Chiba und Tokyo, und dieser Taifun hatte es in sich. Selbst beim Eintreffen in der Hauptstadt hatte er noch das markante Auge – das bedeutet, dass der Taifun kein bisschen abgeschwächt war. Mit 965 hPa Luftdruck und Windgeschwindigkeiten von bis zu 210 Stundenkilometern brachte er an einigen Orten bis zu 400 Millimeter Regen. Drei Todesopfer sind soweit zu beklagen, und bis zu 40 Verletzte. Grosse wie kleine Strommasten knickten um, und bis zu 900’000 Menschen waren beziehungsweise sind ohne Strom, wobei man davon ausgeht, dass es schwierig sein könnte, den Strom für alle bis Ende des Monats wiederherzustellen.

Obwohl der Taifun nachts über Tokyo zog, herrschte bis zum Mittag Verkehrschaos. Viele Linien fuhren erst nach 8 oder 9, manche erst nach 10 Uhr morgens. Bis dahin mussten alle Strecken gesichtet und geräumt werden. Alles in allem muss man jedoch sagen, dass der heutige Taifun die Ergebnisse dieser Studie nur bestätigt hat. Nur wenige Städte können so ein Unwetter relativ unbeschadet überstehen. Zu diesem System gehören auch permanente Warnungen aufs Handy (die sich bei vielen Modellen nicht abschalten oder stumm schalten lassen). Letztendlich war ich allerdings nicht sicher, was mich nachts am meisten wach hielt: Das permanente Geräusch, als ob jemand alle zwei, drei Sekunden eine Wasserkanone auf mein Haus hält, oder die Meldungen auf dem Handy, dass man sich hier und da vor Schlammlawinen und dergleichen in Acht nehmen sollte.

Als ursprünglicher Geograph betrachtet man dieses Naturphänomen natürlich immer mit besonderem Interesse – in der letzten Nacht allerdings auch mit etwas Schaudern – schliesslich weiss man nie so genau, was alles umhergeflogen kommt.

Taifun kurz vor dem Eintreffen in Tokyo
Taifun kurz vor dem Eintreffen in Tokyo

Die Ramen-Datenbank wächst und wächst

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Ein kleiner Hinweis in eigener Sache – ein bisschen Werbung muss auch mal sein: Die im Februar angekündigte Ramen-Datenbank wächst und gedeiht. Momentan beschränkt sich die Auswahl noch auf den Großraum Tokyo, aber im Laufe der Zeit werden sicher noch neue hinzukommen. In einem guten halben Jahr sind insgesamt rund 25 Restaurants dazugekommen, darunter auch ein Michelin-gekürtes. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Es gibt übrigens durchaus Auswahlkriterien. Da ich zu jedem Restaurant eine eigene Seite erstelle, werden weniger bemerkenswerte Restaurants nicht gelistet. Wenn’s nicht schmeckt, dann lass ich es bleiben. Damit fallen auch schon zahlreiche Ketten aus — die meisten hier aufgeführten Läden haben nur eine, manchmal auch zwei oder drei Filialen. Die einzelnen Seiten kann man übrigens kommentieren. Wenn Ihr also im gleichen Restaurant ward und meine Meinung teilt, oder auch nicht, dann hinterlasst einfach einen Kommentar. Wenn Ihr ein Ramen-Restaurant kennt, dass hier nicht fehlen sollte, hinterlasst mir einen Kommentar. Läden, die versuchen, ihre Gäste mit unvernünftig grossen Portionen oder Riesenmengen von Bambussprossen abzuspeisen versuchen, haben allerdings kaum eine Chance auf Aufnahme.

Ausgesuchte Ramen-Restaurants

Und die sicherste Stadt der Welt ist…

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Alle zwei Jahre erscheint der Safe Cities Index, herausgegeben von der The Economist Intelligence Unit (und bemerkenswerterweise von NEC gesponsert)¹. Dort wurden in diesem Jahr 60 ausgewählte Städte weltweit nach diversen Kriterien durchleuchtet und bewertet – hauptsächlich ging es dabei um:

1) Persönliche Sicherheit
2) Cybersecurity
3) Gesundheitswesen
4) Infrastruktursicherheit

Angeführt wurde die Liste in diesem Jahr von Tokyo, gefolgt von Singapur, Osaka, Amsterdam und Sydney. Nur eine deutsche Stadt wurde bewertet — Frankfurt am Main, das auf Platz 16 landete. Am Ende der Liste stehen Städte wie Yangon, Caracas und Lagos.

Besonders in Sachen Cybersecurity schnitt Tokyo gut ab, wobei gerade dieses Feld recht schwer einzuschätzen ist. Hier geht es vor allem darum, wie hoch die Gefahr ist, aufgrund von Computer- und Netzschäden geschädigt zu werden, was zum Beispiel auch die Sicherheit von Geldautomaten und dergleichen mit einbezieht. Das gute Abschneiden von Tokyo ist dabei keine grosse Überraschung: Gewaltverbrechen wie auch Diebstahls- und andere Delikte sind in der Tat eher selten, das Gesundheitswesen ist relativ gut aufgestellt (Stichpunkt Krankenhausbettendichte, Arztdichte und dergleichen), und in Sachen Katastrophenschutz gibt Tokyo sehr viel Geld aus, um auf den durchaus realistischen Fall der Fälle gewappnet zu sein – schliesslich ist die Stadt akut durch Erdbeben und Taifune und andere Starkregenereignisse bedroht.

Auch subjektiv gesehen kann ich das nur bestätigen: Ich fühlte mich vor über 20 Jahren in Tokyo sehr sicher, und ich fühle mich auch heute noch sehr sicher, aber das liegt eventuell auch daran, dass ich mich bisher auch in diversen sehr unsicheren Orten herumgetrieben habe. Im Angesicht der anstehenden Olympischen Spiele im nächsten Jahr ist der Bericht jedenfalls eine gute Nachricht für die Stadtverwaltung: Man ist soweit ganz gut aufgestellt.

¹ Der volle Bericht kann hier heruntergeladen/eingesehen werden.

UV-Stempel gegen Grapscher. Und nun?

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Einer der grössten Hersteller von Stempeln jeglicher Art, Shachihata, hat heute testweise ein neues Produkt veröffentlicht — einen UV-Stempel, mit dem man, man kennt das Prinzip aus Clubs und Veranstaltungen, etwas mit einer für das blosse Auge nicht sichtbaren Farbe abstempeln kann. Gedacht ist der kleine Stempel als Abschreckung für Grapscher, die seit Jahrzehnten ein Problem in den vollen japanischen Zügen darstellen. Wird eine Frau angegrapscht, kann sie so schnell den Stempel zücken, die böse Hand abstempeln und dann am nächsten Bahnhof alle um sie herumstehenden Männer zum nächstgelegenen UV-Licht zerren. Hat jemand dann einen Stempel in der Form einer Hand auf der Pfote, ist der Missetäter so überführt.

Was für ein Bockmist. Denn die Masche geht auch andersrum: Es gab auch schon genügend Fälle, in denen Kleinkriminelle im Paar arbeiten und ahnungslose Passagiere erpressen, nach dem Motto “Wir schleifen Dich jetzt zur Polizei und behaupten, Du hast sie angegrapscht, oder Du bezahlst hier und jetzt eine gewisse Summe an uns”. Das ist eine ernstzunehmende Drohung, denn wie bereits mehrfach ausgeführt, hat man kaum Chancen auf einen Freispruch, wenn man erstmal vor Gericht landet. Im Zweifel für den Kläger. Mit so einem Stempel wird diese Masche nun noch einfacher. Und natürlich ist das ganze Blödsinn, denn eine Hand kann man überall abstempeln, egal wo sie steckt.

Trotzdem wurden 500 Exemplare für jeweils rund 20 Euro innerhalb einer Stunde verkauft. Das ganze als “Test” anzuführen ist natürlich ebenso Blödsinn — einen UV-Stempel herzustellen ist ja nun wahrhaftig keine Kunst. Das ist letztendlich reines Marketing, über dass sich die ganzen Medien (und meine Wenigkeit) hermachen. Nach “offiziellem Verkaufsbeginn” darf man davon ausgehen, dass viele Tausend Frauen diesen Stempel in ihre jetzt schon zum Bersten vollen Handtaschen einpacken werden. Meinetwegen. Aber ein mulmiges Gefühl bleibt. Denn bisher hielt ich mich, so der Zug berstend voll ist (also jeden Morgen) an die Devise “Immer schön die Hände oben lassen, wo andere sie auch sehen können”. Aber was hindert jemanden mit bösen Absichten daran, da mal kurz mit besagtem Stempel rüberzufahren? Ein Alptraum…

Freundliche Polizei

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Aus einem im vorherigen Artikel genannten, sehr bedauerlichen Grund waren die vergangenen Tage reichlich hektisch. Da ich zufälligerweise eine Woche Urlaub hatte, konnte ich die freien Tage einzig und allein für die Familie benutzen, und dazu gehörte auch, Familienangehörige vom Flughafen abzuholen. Das war gar nicht so einfach: Die Sommerferien enden in vielen Präfekturen morgen, so dass viel Verkehr war: Alle Parkhäuser, auch die provisorischen, am Flughafen waren voll (Wartezeit auf einen Parkplatz: 120 Minuten), und vor den Terminals darf man nicht parken. Selbst länger als ein paar Minuten dort zu stehen ist schwierig.

Bei einer Tour erwischte es mich schliesslich — in Kamata, nahe des Flughafens. Ich will rechts abbiegen, und stehe bereits in der Kreuzung, doch aus irgendwelchen Gründen fährt das Auto vor mir nicht los. Erst bei Gelb zischt er endlich los. Was tun? In der Kreuzung stehenbleiben? Oder hinterher? Instinktiv trat ich also auf’s Gaspedal und fuhr hinterher – bei, nennen wir es mal kirschgrün. Am Ende der Kreuzung erwartet mich ein Polizist, der sich wie aus dem Nichts dort materialisiert hatte. Weder ein Polizeimotorrad noch ein Polizeiauto steht in der Nähe. Mein japanischer Fahrgast sagt nur “Oh-o!”. Die heruntergekurbelte Scheibe offenbart mir ein jüngeres, rundes und leicht verdutztes Gesicht. Er räuspert sich und schaut mich fragend an. “Da bin ich dann wohl zu spät über die Kreuzung gefahren” sagte ich¹. Er lächelt freundlich und nickt. Er fragt nach dem Führerschein und ist nochmal überrascht, als ich meine japanischen Fleppen zücke. “Oh, ein japanischer Führerschein?” — “Ja, ich lebe hier”. Ein kurzer Smalltalk folgte, und eine Belehrung: “Nur zwei Minuten! Sie hätten an der Ampel nur zwei Minuten warten müssen! Es gibt nichts, was das Risiko lohnt, bei Rot über eine Ampel zu fahren!” Wahrscheinlich bin ich knallrot geworden, denn erstens wurde ich noch nie von der Polizei angehalten, ausserdem war es draussen brüllend heiss. Ich konnte ihm – vom Herzen wohlgemerkt – nur recht geben. “Ja, ich kann Ihnen nur recht geben. Ich bin viel mit dem Fahrrad unterwegs, da rege ich mich ja selber drüber auf, wenn Autofahrer rote Ampeln überfahren.²”. Er nickt zufrieden, räsonierte kurz und sagte dann etwas Überraschendes: Er werde kein 反則切符 (hansoku kippu, Strafzettel) ausstellen, aber er bäte mich, dies in Zukunft zu unterlassen. Gute Reise noch, und immer vorsichtig fahren!

Mein Fahrgast war baff, ich war es auch. “Normalerweise passiert das nicht”. Ausländerbonus? Keine Ahnung. Was wäre normalerweise passiert? Bis zu 400 Euro Strafe und zwei Punkte. Schlimmer aber wäre die Tatsache, dass man sich in den folgenden sechs Monaten extrem vorsehen muss, denn wenn in dieser Zeit wieder etwas sein sollte, wird es richtig kompliziert und teuer – mit Nachschulungen und dergleichen. Glück gehabt.

¹ Auf Japanisch. Meine persönliche Erfahrung in Japan ist, dass es sich nicht lohnt, einen auf dummen Ausländer nach dem Motto “ich nix verstehen” zu machen. Mit gepflegtem Japanisch kommt man weiter.

² Das kommt in Japan mangels Blitzer und Kontrollen in der Tat sehr, sehr oft vor.

Nachruf

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Zur Warnung vorneweg: Dies ist ein sehr persönlicher Artikel.

Heute um 17:45 verstarb mein Schwiegervater im engsten Kreis und nach einem über zehn Jahre lang währenden Kampf an einem Krebsleiden. Im Alter von gerade einmal 65 Jahren. Vorgestern noch habe ich ihn ins 70 Kilometer entfernte Spezialkrankenhaus gefahren, wo uns ein Arzt die bittere Wahrheit verkündete: Es könnte jederzeit soweit sein. Heute war ich mit den Kindern, um diese etwas abzulenken (es sind Sommerferien), in einem nahegelegenen Spielpark. Nach kurzer Absprache mit der Familie fuhren wir danach wieder zum Krankenhaus. Da das Bewusstsein schon stark getrübt war, baten wir die Kinder, den geliebten Opa laut anzusprechen — das taten sie auch, doch zwei Minuten später versagte sein Herz endgültig. Es war beinahe so, als ob er darauf gewartet hätte, noch einmal die Stimmen meiner Kinder zu hören, denn er liebte sie über alles.

Kennengelernt habe ich meinen Schwiegervater vor 18 Jahren. Und so seltsam es auch klingt: Es hatte sofort gefunkt. Mir war er sofort sympathisch, da die Tatsache, dass ich Ausländer bin, absolut gar keinen Einfluss auf seine Meinung hatte. Beim ersten Treffen waren wir in einem Restaurant, zusammen mit seiner Frau und seinen drei Töchtern. Kaum 5 Minuten waren vergangen, als wir uns in einer gepflegten Diskussion über den Unterschied von Pflegeversicherungen in Deutschland und Japan wiederfanden (berufsbedingt), was vom Rest der Familie mit Augenrollen erwidert wurde. Als ich vier Jahre später, in einer Email (es ging damals leider nicht anders) um die Hand seiner Tochter anhielt, bekam ich eine sehr positive Antwort und eine Bedingung: Wir mögen bitte die ersten drei Monate nach der Hochzeit in Japan verbringen, denn er wollte so sicherstellen, dass es seiner Tochter auch gut geht. Daraus sind nun fast 15 Jahre geworden.

Nach der Krebsdiagnose bat er seine Firma, ihn in die gleiche Stadt zu versetzen, in der wir wohnten. Als wir nach dem Erdbeben 2011 beschlossen, in einer anderen Stadt ein Haus zu kaufen (in einer sichereren Gegend), liess er sich ebenfalls in der Nähe wieder. Wir haben uns oft getroffen, sind oft mit der ganzen Familie verreist, haben sehr viel gelacht, sehr viel diskutiert. Mein Schwiegervater war mehr als ein Schwiegervater: Er war ein Freund, ein sehr guter Freund, mit der gleichen Wellenlänge, und mit sehr viel Humor. Integer. Neugierig. Aufgeschlossen. Und jemand, der alles für die Familie getan hat. Nichts liebte er mehr, als von seinen Töchtern, seinen 5 Enkeln und seiner Frau umgeben zu sein. Und genauso wurde er heute verabschiedet. Ich bin sicher, er mochte diesen Abschied – der jedoch viel zu früh kam, denn bis zuletzt hatte er noch Hoffnung, dass sich das Unvermeidbare weiter herauszögern lässt. Nach 10 Jahren Kampf durchaus eine berechtigte Hoffnung. Doch es hat nicht sollen sein.

Als er vom Arzt gefragt wurde, wer ihn denn auf dem letzten Weg begleiten wird, sagte er “Meine Frau, meine Töchter und mein Sohn”. Er sagte nicht “Schwiegersohn”, sondern “Sohn”. Ein kleiner Unterschied, der mich sehr bewegt.

Es gab und gibt — das muss ich leider so sagen — nur sehr wenige Menschen, die mich wirklich beeindrucken. Mein Schwiegervater gehörte zu diesen wenigen Menschen. Ihn so früh gehen zu lassen fällt schwer. よく頑張った。お疲れ様でした。

Deutsches Dorf Tokyo

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Deutsches Dorf Tokyo
Deutsches Dorf Tokyo

Ich hatte schon viel davon gehört, aber bisher nie dorthin geschafft: Das 東京ドイツ村 Deutsches Dorf Tokyo, in Sodegaura in der Nachbarpräfektur Chiba. Grundtenor war immer “erwarte aber nichts Deutsches dort”. Also fuhr ich mit sehr wenig Erwartung dorthin, und meine (Nicht)erwartungen wurden nicht enttäuscht. Obwohl: Gleich bei der Einfahrt war ich vom überraschend deutschen (genauer gesagt berlinerischen) Auftreten der Angestellten ganz hin und weg. In das deutsche Dorf fährt man mit dem Auto ein und bezahlt pro Gefährt und Insasse. Als ich über die Insassen befragt wurde, sagte ich

“Ein Erwachsener und eine Mittelschülerin”.
“Zwei Erwachsene also. Und wer ist noch im Auto?”
“Ähm, also nur wir zwei – ein Erwachsener und eine Mittelschülerin”
“Ok, verstanden. Zwei Erwachsene. Noch jemand?”

Nach nochmaliger Bestätigung stellte sich heraus, dass 12-jährige Mittelschüler als Erwachsene gelten. Sehr familienfreundlich. Das permanenten Nachfragen nach weiteren Insassen hindes blieb mir ein Rätsel.

Das deutsche Dorf ist ziemlich gross, weshalb alle mit dem Auto die verschiedenen Stationen anfahren. Dabei liegt eigentlich alles in Laufweite, aber egal. Auf einem Hügel stehen ein paar Holzgebäude, und wenn man von weitem die Augen zukneift, könnte man sich wirklich die Silhouette eines deutschen Dorfes vorstellen – ein paR Bauernhäuser mit einem Kirchturm in der Mitte. Im Restaurant wird dann echtes deutsches Essen präsentiert: Eisbein, oder eine Würstchenplatte. Lasche Brezeln. Und deutscher Salat: Ein paar Salatblätter, Minischinkenstreifen, und in der Mitte, wie aus Versehen dem Koch von der Gabel gefallen, eine Kartoffel. Wie die dahin kommt und wo die herkommt, ist ungewiss.

Kongeniale Illusion eines deutschen Salates
Kongeniale Illusion eines deutschen Salates

Wenigstens bei der Farbgebung hat man sich Mühe gegeben. Sowohl das Miniriesenrad als auch die Verkehrskegel und die zahlreichen Warnschilder sind Schwarz-rot-gold angestrichen. Man möchte ja authentisch sein. Ansonsten gibt es allerlei Verlustierungen für Kinder – eine 220 m lange Wasserrutsche, Bogenschiessen, kleine Pools, ein Schwanbootsee und so weiter. Das Gelände ist wirklich verhältnismässig gross (und der Rasen überall extrem gepflegt). Letztendlich zählt der Park jedoch zu der nervenden Sorte, denn obwohl man Eintritt zahlt, muss man für jede noch so kleine Attraktion mindestens drei Euro bezahlen. Die Preise für’s Grillgut sind jenseits von Gut und Böse: Ein Beutel mit den billigsten Gemüsesorten, für den Inhalt bezahlt man im Supermarkt rund 300 Yen, wurde hier im Sonderangebot angepriesen: für 3’900 yen anstelle von 4’200 Yen. Die Preisgestaltung liegt meiner Meinung nach ganz kurz vor der Grenze zum Betrug.

Fazit: Man kann hier mit den Kindern viel Spass haben, sollte aber -20% Deutschland erwarten sowie alle zwei Minuten lang den Griff ins Portemonnaie. Da empfiehlt sich die nur ein paar Kilometer entfernte マザー牧場 Mother’s Farm schon eher. Ist vom Prinzip her ähnlich, verspricht aber wenigstens nichts, dass es nicht halten kann. Und die Preisgestaltung ist dort etwas ehrlicher.

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