Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Das Kreuz mit den japanischen Zahlen oder der 109er Jackpot

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Da wäre ich doch fast vom Stuhl gefallen: Da berichtete die Japan Times Online-Ausgabe heute: Iconic Shibuya 109 building launches ¥109 million design contest for new logo. 109 Millionen Yen, also rund 800,000 Euro, für ein neues Logo – und jeder kann seine Entwürfe einreichen? Das klingt doch wie der große Design-Jackpot! Ein kurzer Blick auf die Webseite des weltbekannten Modekaufhauses direkt an der berühmten Kreuzung von Shibuya offenbarte jedoch etwas anderes: Der erste Preis gewinnt nicht etwa 109 Millionen Yen, sondern 109万 109-man, und ein „-man“ sind 10’000, ergo 109*10,000 = 1’090’000 yen, also gute 8’000 Euro. Das klingt zum einen wesentlich realistischer, zum anderen natürlich weniger lukrativ, aber das Shibuya 109 ist eine der Ikonen der Stadt, und ein neues Logo dafür zu entwerfen ist dementsprechend schon was ganz besonderes. Doch zurück zu den Zahlen — selbst für Japan- und Japanischkenner wird das japanische Zahlensystem schnell zur Stolperfalle, denn nur bis zur Tausend ist alles wie man es kennt – danach beginnt das große Rechnen, da das japanische System ab Tausend auf das 漢数字 Kansūji – das chinesische Zählsystem zurückgreift. Während man in der westlichen Welt bei der x-ten Potenz der Zahl 10 in Dreierschritten voranschreitet (106 = eine Million , 109 = eine Milliarde, 1012 = eine Billion), sind es im Chinesischen Viererschritte.

Schriftzeichen Lesung Wert als Zehnerpotenz Auf gut Deutsch
ichi 1 1
101 Zehn
hyaku 102 Hundert
sen 103 Tausend
man 104 Zehntausend
oku 108 100 Millionen
chō 1012 1 Billion
kei 1016 10 Billiarden
gai 1020 100 Trillionen
jo 1024 1 Quadrillion
1028 10 Quadrilliarden
1032 100 Quintillionen
kan 1036 1 Sextillion
sei 1040 10 Sextilliarden
sai 1044 100 Septillione
goku 1048 1 Oktillion
恒河沙 gōgasha 1052 10 Oktilliarden
阿僧祇 asōgi 1056 100 Nonillionen
那由他 nayuta 1060 1 Decillion
不可思議 fukashigi 1064 10 Decilliarden
無量大数 muryōtaisū 1068 100 Undecillionen

Die Zählweise stammt aus dem, man ahnt es schon, Buddhismus, und es geht auch andersrum: Bis runter nach 10-24 gibt es jeweils ein eigenes Schriftzeichen. Die obige Tabelle bildet dabei auch nur das gebräuchlichste Schema, das der 中数 chūsū (mittlere Zahlen) ab. Eigentlich gibt es vier Systeme – und zwar:

  1. 下数 (kasū) – bzw. 十進 jūshin – Zehnerschritte. 兆 (chō) entspricht hier einer Million.
  2. 中数 (chūsū), 万進 manshin = Zehntausenderschritte – heute gebräuchlich, siehe Tabelle oben. 兆 (chō) entspricht hier einer Billion.
  3. 中数 (chūsū), 万万進 manmanshin = Zehntausend-Zehntausenderschritte (also 100-Millionen-Schritte). 兆 (chō) entspricht hier zehn Billiarden.
  4. 上数 (jōsū) – hier wird ab 104 die Potenz jeweils verdoppelt: Oku ist 108, chō 1016, kei 1032 – und ein Muryōtaisū (wörtlich: „Unendliche Zahl) sage und schreibe 10262144.

Bei der Zehntausenderschritt-Zählweise vermisst man beim Übersetzen vor allem die „Million“ extrem, denn eine Million muss man mit 100-Man umschreiben und umgekehrt. Aufmerksame Leser dieses Blogs haben mich auch schon zwei, drei Mal bei Zahlenverdrehern erwischt – wenn man da mal auf die Schnelle zum Beispiel schwindelnd hohe Zahlen wie die japanische Staatsverschuldung übersetzt (und danach in Euro umrechnet), schleicht sich schnell ein Fehler ein.

Das Shibuya 109 - rechts im Bild
Das Shibuya 109 – rechts im Bild

Kurz jedoch zurück zum Modekaufhaus Shibuya 109: Das Bauwerk mit seinem markanten, runden Turm gibt es seit 1979, und zur Namensbildung gibt es mehrere Erklärungen – einige sagen, die „109“ ist ein 語呂合わせ goroawase – ein japanisches Wort-Zahlenspiel und steht für Tōkyū (tō = 10, kyū = 9). Tōkyū ist eine gigantische Firma, die einige Bahnlinien und viel Grund und Boden in Shibuya besitzt. Andere sagen, es heißt 109, da es von 10 bis 9 Uhr geöffnet ist. Es gibt nunmehr auch etliche Ableger: 109 Men’s, aber auch Ableger in diversen japanischen Städten, ja selbst in Hongkong. Dass das alter Logo verschwinden wird, ist freilich auch ein bisschen schade – der Schriftzug gehört einfach zu Shibuya.

Verlorene Iraktagebücher und Antiregierungsproteste

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Demo vor dem Parlamentsgebäude. Quelle: Tokyo Shimbun https://twitter.com/tokyoshashinbu
Demo vor dem Parlamentsgebäude. Quelle: Tokyo Shimbun https://twitter.com/tokyoshashinbu

Die Schlinge um Ministerpräsident Abes Hals scheint allmählich enger zu werden. Dazu trägt nicht nur der noch immer ungeklärte Skandal um den Moritomo-Deal bei, sondern auch die Geschichte um die verloren geglaubten Logbücher der Selbstverteidigungsstreitkräfte über ihren Einsatz im Irak. Zur Erinnerung: Japan hat aufgrund seiner pazifistischen Nachkriegsverfassung, an der Abe so gerne rütteln möchte, keine Armee, sondern nur Streitkräfte, mit denen es im Ernstfall lediglich das eigene Land verteidigen kann. Trotzdem beteiligt sich Japan an militärischen Einsätzen im Ausland – so zum Beispiel momentan im Südsudan, vorher aber auch im Irak. Die Opposition wollte dazu gern wissen, ob und wenn ja in welchem Ausmass die Selbstverteidigungsstreitkräfte an Kampfhandlungen beteiligt war, doch Regierungssprecher wichen aus und gaben sogar an, dass wichtige Unterlagen zu dem Thema – die „Tagebücher“ der Armeeeinheit, verloren gegangen seien. Nun gab das Verteidigungsministerium jedoch bekannt, dass ein grosser Teil der verloren geglaubten Dokumente aufgetaucht ist¹ – knapp 15’000 Seiten, auf denen rund 435 Tage des Einsatzes von 2004 bis 2006 beschrieben werden. Das Augenmerk liegt dabei auf das Stichwort 戦闘 Kampfhandlungen, an denen die Streitkräfte sich ja eigentlich nicht beteiligen dürfen. Trotzdem (und nicht ganz unerwartet) taucht das Wort mehrfach in den Berichten auf. Abe war übrigens bereits 2006-2007 Ministerpräsident. Das Problem bei dieser Angelegenheit liegt – mal wieder – nicht unbedingt in der Angelegenheit selbst, sondern darin, wie die Regierung versucht, Dinge zu vertuschen. Im Moritomo-Skandal war es die nachträgliche Fälschung von offiziellen Berichten, im Irakeinsatz-Fall die Behauptung, dass Dokumente nicht mehr aufzufinden seien.

Dementsprechend schwindet der Rückhalt in der Bevölkerung, aber auch unter Kollegen. Bei einem Interview am Freitag äußerte sich Ministerpräsident a.D. Koizumi vor laufender Kamera dazu und meinte, dass Abes Wiederwahl immer unwahrscheinlicher wird, da er sein Vertrauen verspielt habe. Koizumis Worte haben durchaus Gewicht – nicht unbedingt in der Politik, aber in der Bevölkerung, in der der (vergleichsweise) charismatische Politiker durchaus Zuhörer findet. Die Skandale wurden am Sonnabend auch von zehntausenden Demonstranten vor dem Parlament in Tokyo aufgegriffen – bei der Demonstration, die Veranstalter sprachen von rund 50’000 Teilnehmern, bezeichneten Abe dabei auf Plakaten als Lügner und forderten seinen Rücktritt. Allzu viel hat das allerdings noch nicht zu sagen, denn bei den Höhepunkten der Proteste gegen die von Abe geplanten Verfassungsänderungen im Jahr 2015 versammelten sich rund 350’000 Menschen – ohne dass es Abe wirklich gekratzt hätte.

¹ Siehe unter anderem hier (Jiji Press, Japanisch)

Wie wichtig sind Traditionen?

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Diese Frage musste man sich unweigerlich bei dem stellen, was man am 4. April 2018 bei einem kleinen Sumoturnier zu Ehren des 75. Jahrestages der Erlangung des Stadtrechtes von 舞鶴 Maizuru in der Präfektur Kyoto zu sehen bekam. Zu Beginn des Turniers hielt der Bürgermeister der Stadt eine kurze Rede, währenddessen er jedoch plötzlich umkippte. Sofort eilten einige Menschen zu Hilfe – darunter auch zwei Frauen, von denen zumindest eine ganz offensichtlich medizinisch sehr geschult war: Sie begann umgehend mit einer Herzdruckmassage. Kaum hatte sie damit angefangen, erschallte eine Lautsprecherdurchsage:

女性の方は土俵から降りて下さい!
[josei no kata wa dohyō kara orite kudasai]
Die Frauen verlassen bitte den Ring!

Die Durchsage erfolgte auch gleich mehrfach, um keine Zweifel aufkommen zu lassen. Vom Publikum wurde die Durchsage umgehend mit einem Raunen quittiert, denn was da geschah, war in der Tat unerhört. Während die Frauen versuchten, dem Bürgermeister professionell Erste Hilfe zu leisten, war dem Veranstalter die Entweihung des Ringes ein offensichtlich wichtigeres Anliegen. Der Hintergrund ist der, dass Sumō einen shintōistischen Hintergrund hat, und der Ring beim Sumowettkampf, genannt 土俵 dohyō, muss vor einem Kampf rituell gereinigt werden (das Salzwerfen ist dabei ebenfalls eine Form des rituellen Reinigens). Frauen dürfen diesen gereinigten Ring traditionell nicht betreten, das gilt als Sakrileg (in der Vergangenheit gab es jedoch schon Beispiele, bei denen Frauen den Ring betraten – zum Beispiel um eine Ehrung entgegenzunehmen).

Der ganze Vorfall wurde von einem Besucher des Turniers gefilmt und erreichte schnell über 1.5 Millionen Besucher. Schaut man sich die Kommentare zum Video an, kann man dabei beruhigt feststellen, dass auch der Großteil der Japaner den Vorfall für ungeheuerlich hält. Tradition schön und gut, aber wenn es um die Rettung von Menschenleben geht, muss irgendwo eine Grenze gezogen werden.

Interessantes Buchprojekt sucht Unterstützer: Japanisches Kinderbuch mit Tradition auf Deutsch

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Schon gewußt, dass Japan und Deutschland ein Mal gegeneinander Krieg führten? Und das es dementsprechend, da Deutschland verlor, einst deutsche Kriegsgefangene in Japan gab? Und das diese ganz entscheidend dazu beitrugen, Japaner für Beethovens Neunte zu begeistern – eine Begeisterung, die bis heute anhält? Das ganze geschah im Jahr 1914, also vor über 100 Jahren. Das deutsche Kaiserreich war gerade dabei, den Ersten Weltkrieg zu starten, und das erstarkende Japan sah seine Chance darin, Deutschlands Besitztümer in China, nämlich Kiautschou (rund um die Stadt Qingdao, auch als Tsingtau bekannt), zu beschlagnahmen. Die deutschen Truppen waren zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen, und fernab vom Nachschub – nach knapp zwei Monaten war die Belagerung zu Ende, und fast 1’000 deutsche Kriegsgefangene wurden ab 1917 in Japan interniert – und zwar im Krigsgefangenenlager Bandō, bei Naruto, auf der Insel Shikoku. Einige mussten dort bis 1920 bleiben, und 63 Kriegsgefangene beschlossen, auch nach Ende der Gefangenschaft in Japan zu bleiben. Einige der Kriegsgefangenen schlossen sich zu einem Orchester zusammen, und sie führten als solches am 1. Juni 1918 zum ersten Mal Beethovens 9. Symphonie auf. Seitdem gehört vor allem die Ode an die Freude zum Standardrepertoire in Japan, und es wäre nicht verwunderlich, wenn mehr Japaner den Text auswendig kennen als Deutsche.

Der Herder-Verlag hat nun ein interessantes Projekt aufgelegt – es geht um das Veröffentlichen der deutschen Version eines japanischen Kinderbuches, dem 交響曲「第九」歓びよ未来へ kōkyōkyoku „daiku“ yorokobi yo mirai e (9. Symphonie – mit Freude, in die Zukunft!), verfasst vom 1961 geborenen Kinderbuchautor Shigenori Kusunoki. Der Verlag schreibt dazu:

Die Geschichte dieses Vermächtnisses wird in einem japanischen Kinderbuch erzählt, dessen Manuskript Manuel Herder auf seiner letzten Japanreise in die Hände fiel und das sofort den Wunsch in ihm weckte, eine deutsche Übersetzung anfertigen zu lassen und diese rechtzeitig zum 100. Jahrestag der Uraufführung zu publizieren – ganz im Zeichen der deutsch-japanischen Freundschaft und des kulturellen Austauschs.

Wer Interesse an dem deutschen Buch hat, kann vorab reservieren, und da es sich hier um eine Nischenpublikation handelt, wird das Buch nur gedruckt, wenn sich genügend Interessenten finden. Dafür kommt man aber in den Genuss einer Rarität, und wenn man will, auch noch vom Verleger handsigniert. Und der eigene Name wird im Buch erwähnt. Momentan steht man bei 23% der erforderlichen Unterstützer.

Wer nach etwas Besonderem sucht – einem interessanten Meilenstein der deutsch-japanischen Beziehungen – kann hier mehr erfahren.

P.S. Ja, Werbung. Unbezahlte Werbung aber, da ich das Projekt als solches gut finde.

Abgemahnt wegen „verfrühter Schwangerschaft“

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Ein Leserbrief für die „Otoko-no-kimochi“ („Männergefühle“)-Rubrik der Zeitung Mainichi Shimbun trat Anfang dieser Woche eine (erneute) Diskussion über das Thema Mutter/Arbeit-Beziehung los. In dem Brief berichtete ein Mann aus der Nähe von Nagoya, das seine schwangere Frau von ihrem Arbeitgeber, einer privaten Kindertagesstätte, abgemahnt wurde. Der Grund: Die 28-jährige habe sich nicht an die Abmachung gehalten und sei früher als abgesprochen schwanger geworden. Das Paar ging dabei sogar zur Leiterin der Einrichtung und entschuldigte sich bei ihr, und dennoch gab es eine Abmahnung.

Das allein ist schon schlimm genug, aber die Geschichte wurde auch von Fernsehsendungen aufgenommen, und dort äußerte eine Expertin sogar Verständnis für die Kitaleiterin – in einer von Frauen dominierten Arbeitsstelle bürde die (plötzliche) Schwangerschaft nun mal den Kolleginnen eine große Last auf. Sicher, aus unternehmerischer Sicht hat sie ja vielleicht recht, aber das auch nur bei oberflächlicher Betrachtung. Doch der Gedanke gehört zu denen, die besser gar nicht erst gedacht werden sollten. Die Idee, Frauen vorzuschreiben, wann sie zu heiraten und wann sie Kinder zu bekommen haben, ist schlichtweg pervers, ganz besonders dann, wenn es sich um Japan, einem Land mit genozidverdächtig niedriger Geburtenrate, handelt.

Während einer Sendung kam auch eine 26-jährige Mitarbeiterin eines Kosmetikunternehmens zu Wort. Sie berichtete, dass von einer Vorgesetzten ein „Abteilungsgeburtenplan“ per Email eintrudelte. Dort wurde allen 22 Mitarbeiterinnen detailliert vorgelegt, wann sie schwanger werden dürfen. In ihrem Fall war sie erst im Alter von 35 Jahren an der Reihe. Die Email war auch mit der Drohung versehen, dass jeder, der gegen den Plan verstoße, diszipliniert werden würde.

Diese Fälle sind absolut keine Einzelfälle. Interessant an der Sache ist jedoch, dass so etwas plötzlich durch einen zufälligen Brief (und einen Reporter mit Gespür für heiße Themen) thematisiert wird. Vor allem für Kitas sind diese Zustände jedoch „völlig normal“ – quasi 暗黙な了解 anmoku na ryōkai (stillschweigendes Einverständnis) und Fragen nach dem Familienstand und Kinderwünschen bei Einstellungsgesprächen ohnehin gang und gäbe (sicher ist das nicht nur in Japan so). Nicht wenige Bekannte in meinem Bekanntenkreis erzählten auch, dass sie regelrecht Angst davor hatten beziehungsweise haben, den glücklichen Umstand ihrem Arbeitgeber/den Kollegen bekanntzugeben.

Etliche Arbeitgeber sind diesbezüglich auch knallhart. Als meine Frau in der hiesigen Stadtbibliothek ihre Stelle antrat, und nach ein paar Monaten schwanger wurde, forderte der Arbeitgeber sie sofort nach Bekanntwerden, im erst 4. Monat, auf, sofort mit der Arbeit aufzuhören, „da die Arbeit in der Bibliothek ein zu grosses Gesundheitsrisiko für Schwangere darstellt“. Ohne Aussicht auf Rückkehr nach der Schwangerschaft, wohlgemerkt.

Wie sich angesichts solcher Zustände Politiker noch über die zu geringe Geburtenrate wundern bleibt ein Rätsel. Und wirtschaftliche Gründe hin oder her – meines Erachtens nach verletzen solche Regeln die Menschenrechte.

Untersuchung: ​ Sturm könnte ein Drittel von Tokyo überschwemmen

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Flutgefährdete Bereiche in Tokyo
Flutgefährdete Bereiche in Tokyo

Wo wir erst neulich beim Thema Erdbebengefahr in Tokyo waren – nun wurden von der Stadtverwaltung auch Risikountersuchungen bezüglich der Gefahr von Sturmfluten veröffentlicht¹, und selbst für Menschen, die das Risiko in Tokyo und Umgebung bereits kennen, sind die Ergebnisse ein sehr deutliches Alarmsignal. Zwar ist allgemein bekannt, dass einige Stadtviertel aufgrund der Trockenlegung der Flussauen und aufgrund des Gewichts der Bebauung auf selbigen Flächen unter Meeresspiegelhöhe liegen. Die Simulation ist trotzdem erschreckend. Das der Untersuchung zugrunde liegende Szenario ist ein schwerer Taifun, der direkt auf die Hauptstadt trifft, gepaart mit dem Scheitelpunkt der Flut, denn auch in der eher seichten Bucht von Tokyo gibt es einen durchschnittlichen Tidenhub von 2 Metern. Das Szenario ist auch nicht von weither geholt – 1910 zum Beispiel setzte das 明治43年の大水害 Meiji 43-nen no daisuigai grössere Teile Tokyos unter Wasser, und im Jahr 1947 sorgte der Taifun Kathleen mit Windgeschwindigkeiten von knapp 200 Stundenkilometern und Niederschlägen bis zu 500 mm (also einen halben Meter!) innerhalb weniger Stunden der kriegsgebeutelten Hauptstadt arg zu.

Der Untersuchung zufolge muss man in 17 der 23 zentralen Stadtbezirke (都内 tonai) mit ernsten Überschwemmungen rechnen. Besonders betroffen wären die vier Stadtviertel im Nordosten – Koto-ku, Sumida-ku (rund um den Tokyo Sky Tree), Edogawa-ku und Katsushika-ku, aber auch die küstennahen Bereiche in Shingawa, Minato und Ōta. Ganz dicke kann es da für die Gebiete entlang des 荒川 Arakawa (-kawa = Fluss) kommen – dort könnte das Wasser mehr als zehn Meter (!) tief stehen; die Gegend würde volllaufen wie eine Badewanne, und das Wasser würde nur sehr langsam wieder abziehen. Insgesamt rechnet man damit, dass rund 4 Millionen Bewohner direkt betroffen wären. In der unteren Karte wird zudem ersichtlich, wie lange das Wasser bleiben würde: Orange steht für eine Woche, dunkelblau für einen Tag. Da vor allem in den stark gefährdeten Bereichen viele Häuser aus Holz gebaut sind, wären die Folgen katastrophal – eine unglaublich große Menge an Baumasse müsste nach dem Hochwasser ersetzt werden. Die neuesten Ergebnisse dürften deshalb auch einen großen Einfluß auf den Immobilienmarkt haben.

Geschätzte Hochwasser-Verweildauer: Orange = eine Woche, dunkelblau: 1 Tag
Geschätzte Hochwasser-Verweildauer: Orange = eine Woche, dunkelblau: 1 Tag. Quelle: Tokyo Stadt

Die Gefahr wird zudem immer realer, denn aufgrund der Erderwärmung, ob man nun daran „glaubt“ oder nicht, wird die Wahrscheinlichkeit schwerer Taifune zunehmend grösser (früher rechnete man mit einem schweren Taifun in Tokyo in Jahrzehnten, jetzt muss man in Jahren rechnen), und der Anstieg des Meeresspiegels tut sein Übriges. Mit anderen Worten, Tokyo wird eine der Metropolen sein, die sehr schnell unter dem Klimawandel leiden werden.

Meliorationstechnisch wird dabei sehr viel getan in Tokyo – es gibt ein weitreichendes und sehr ausgeklügeltes Netz von unterirdischen Flussläufen, riesigen Zisternen, Deichen und dergleichen, doch wenn das Meer mit Wucht in die Bucht drückt, wird es brenzlig. Dank aufwändiger Untersuchungen wie der oben genannten werden auch stetig neue Maßnahmen bestimmt und durchgeführt, doch es wird ein Wettlauf gegen die Zeit sein.

¹ Siehe unter anderem hier (offizielle Bekanntmachung der Stadt Tokyo), hier (Tokyo Shimbun) und hier (Huffington Post).

Der eine macht’s auf Twitter, der andere auf Facebook…

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… und zwar das Wählervolk für dumm verkaufen. Während Trump ja bekanntlich Twitter für sich entdeckt hat – das Zeichenlimit ist wahrscheinlich genau das Richtige für ihn – ist es in Japan neben Twitter auch Facebook. Da fiel nun Abe’s schillernde Göttergattin Akie Abe auf. In einem Facebookbeitrag vom 11. März (siehe unten) schrieb sie über ein Event im Nordosten Japans – es ging um die Bewältigung der Naturkatastrophe von 2011. Doch als in den folgenden Tagen mehr und mehr über die Verstrickung des Ehepaars im Moritomo-Skandal bekannt wurde, mehrten sich die Kommentare, die nicht zum Thema passen. Ein User schrieb dabei:

野党のバカげた質問ばかりで、旦那さんは毎日大変ですね
yatō no bakageta shitsumon bakari de, danna-san ha mainichi taihen desu ne
(All diese dümmlichen Fragen von der Opposition – Ihr Mann hat es auch jeden Tag ziemlich schwer, oder?)

— und sieh mal einer an, wer da den „いいね“ (Gefällt Mir)-Button drückt? Nein, ausnahmsweise mal nicht Shinzo Abe persönlich, dafür aber eben seine Frau. Und die versuchte sich später zu entschuldigen, indem sie sagte, das „Gefällt mir“ bezog sich nur auf einen anderen Teil des Kommentars.

Sicher, das ist nur eine kleine Anekdote aus dem, was sich da momentan abspielt. Aber die Unverfrorenheit, mit der Abe und andere Politiker mit dieser ernstzunehmenden Korruptionsaffäre umgehen, schreit einfach zum Himmel. Interessant war da übrigens der normalerweise relativ ernste Wochenrückblick auf Fuji TV vom Sonntag, dem 25. März. Die Sendung heisst Mr.サンデー Mr Sunday, und man hatte sich aus Dringlichkeitsgründen den smarten Ex-Präfekturvorstand von Osaka und Anwalt, 橋下徹 Hashimoto Tōru, ins Studio geholt, der über die Moritomo-Affäre erzählen sollte. Dazu hatte man sich dann auch ein paar dutzend ausgewählte Zuschauer ins Studio geladen, die dann in mit „Stimme zu“ und „Stimme nicht zu“-Areale laufen sollten, nachdem sie Hashimoto’s Erklärungen hörten. Doch obwohl Hashimoto hochintelligent ist, wirkte das ganze jedoch wie ein abgekartetes Spiel, bei dem jemand hoch oben in der Regierung Hashimoto in den Medien-Ring steigen liess, um die Korruptionsaffäre kleinzureden. Was blieb, war ein ganz deutliches Geschmäckle….

Zatsugaku – Trivialkunde

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Eines der beliebtesten Kinder/Jugendlichenbücher der vergangenen Monate war ein Titel mit dem Namen „ざんねんないきもの“ – „bemitleidenswerte Lebenswesen“, in denen allerlei „negative“ Fakten über diverse Spezies kurz und bündig beschrieben und ansprechend illustriert werden. Zum Beispiel, dass die Rosa-Farbe der Flamingos lediglich von de Nahrung der selbigen herrührt, oder das selbst ein alter Mann einem ausgewachsenen Krokodil das Maul zuhalten kann.

Mein Verhältnis zu diesem Buch, und natürlich gab und gibt es umgehend Nachfolger, Nachahmer und jetzt sogar eine Ausstellung, ist eher zwiegespalten. Wenn das Buch dazu verhilft, Kinder für (Sach)bücher zu begeistern, ist das freilich eine feine Sache. Und die Auflagenzahlen sind in der Tat enorm (mehr als eine Million Exemplare). Doch irgendwo erwirkt bereits der Titel bei mir Unbehagen: Bemitleidenswerte Geschöpfe? Sollen Kinder wirklich auf diese Art und Weise über die Natur und ihre vielfältigen Schöpfungen denken? Warum wohl kann ein alter Mann ein Krokodil daran hindern, sein Maul zu öffnen, wenn es das Tier ganz vorn an der Schnauze packt? Könnte es vielleicht daran liegen, dass das gute Tier einfach nicht mehr braucht – weil es nur ganz, ganz wenige alte Männer gibt, die dem Reptil auflauern, ihm das Maul zuhalten, und dann womöglich zu verspeisen? Das Buch, und so viele andere im gleichen Genre, verpasst grandios die Chance, Kindern zu erklären, dass es sich hier nicht um „bemitleidenswerte Kreaturen“ handelt, sondern dass die Sachen aus gutem Grund so sind, wie sie sind. Soweit zu einer völlig spaßbefreiten Betrachtung des Stoffes.

Genauer hingeschaut reiht sich das Buch jedoch wunderbar ein in den allgegenwärtigen Trivialismus, auf japanisch 雑学 zatsugaku genannt – „zatsu“ bedeutet „vielerlei“, aber auch „oberflächlich“ (beides meist mit negativer Konnotation), -gaku ist die Wissenschaft. Und so voll die japanischen Buchläden auch sind – es wird in Japan noch immer verlegt, was das Zeug hält – so entpuppen sich unendlich viele Titel, vor allem aber die Bestseller nur als Pseudosachbuch – nur scheinbar lehrreich, da eigentlich unendlich trivial. Beim Fernsehen ist das freilich noch viel schlimmer, das schliesst auch die kurzen, gesponserten Clips auf den Bildschirmen in den Zügen mit ein. Zatsugaku, wohin man auch schaut. Wer das Gesamtbild sehen möchte, muss sich da durch einen Riesenwust an Informationen kämpfen.

Das ganze ist natürlich definitiv nicht auf Japan beschränkt, sondern gehört zum Informationszeitalter, wo möglichst viele Inhalte möglichst schnell und effektheischend produziert werden müssen. Und zugebenermassen ist ein bisschen „zatsugaku“ auch irgendwo das Salz in der Suppe (mein zweites Buch ist schließlich auch voll davon). Manchmal sehe ich jedoch so viel davon um mich herum, dass mir Angst und Bange wird, und Tiere als solche, also nicht die in Massentierhaltung, als „bemitleidenswerte Geschöpfe, da irgendwie komisch/nicht funktional und dergleichen)“ zu bezeichnen, finde ich trotzdem irgendwie… falsch.

Tokyo verlässt die Top 10 der teuersten Städte der Erde

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Skyline von Tokyo

​Wer an Tokyo denkt, assoziiert damit oft das Wort teuer, und das kommt nicht von ohneher. Bis zum Jahr 2013 war Tokyo regelmäßig an der Spitze der weltweit teuersten Metropolen, doch das hat sich in den letzten Jahren geändert. Nun erschien das Ranking für 2018, erstellt von der Economist. Bei der alljährlichen Untersuchung mit dem Title „Worldwide Cost of Living Survey“¹ wurden 133 Städte weltweit verglichen – nach den Preisen für 150 verschiedene Sachen, inklusive Mieten, Grundstücke, Verkehrsmittel, Essen, Strom und dergleichen.

Singapur landete – und das schon zum vierten Mal in Folge – auf Platz 1, und es gibt mal wieder viele europäische Städte in der Top 10 – zum Beispiel Paris, Zürich, Oslo oder Kopenhagen. Tokyo als Japans teuerstes Pflaster ist jedoch zum ersten Mal nicht in der Top 10 vertreten – die Stadt teilt sich den 11. Platz mit ihrer nationalen Rivalin, Osaka. Der Hauptgrund für den Abrutsch dürfte in der fehlenden Inflation sowie dem verhältnismäßig schwachen Yen liegen. In der Tat gibt es nur wenige Preise, die sich in den vergangenen 20, 30 Jahren wesentlich erhöht haben (die Einkommen ändern sich entsprechend auch kaum – einzig die Steuern haben spürbar angezogen, aber die werden hier nicht berücksichtigt. Doch schaut man sich die Preise in Tokyo so an, stellt man schnell folgendes fest:

  • Mieten
    Die Mieten sind nach wie vor teuer in Tokyo, aber die Stadt wurde bereits von zahlreichen anderen Städten abgehängt. Das Angebot wird dabei auch immer breitgefächerter – es gibt mehr und mehr günstige Alternativen, wie zum Beispiel „shared houses“ und dergleichen. Auch bei Besucherunterkünften hat sich dank Airbnb, Billighostels wie Khaosanroad und dergleichen einiges getan.
  • Öffentliche Verkehrsmittel
    Diese sind in den japanischen Städten verhältnismäßig billig – für weniger als 2, 3 Euro kann man bequem ganz Tokyo durchqueren (allerdings ist die Stadt flächenmäßig gesehen auch recht klein – kleiner als Hamburg zum Beispiel)
  • Energie
    Gas, Strom, Benzin – die Preise haben zwar in den letzten Jahrzehnten angezogen, sind aber immer noch verhältnismäßig günstig. So kostet ein Liter Benzin immer noch nur ca. 1 Euro, eine kWh Strom 23 Yen (17 Cent)
  • Lebensmittel
    Lebensmittel hingegen sind teuer, vor allem Importlebensmittel, aber nicht selten auch Obst und Gemüse. Von den Preisen für Bier ganz zu schweigen.
  • Gastronomie
    Ausgehen hingegen ist in Tokyo (und anderswo in Japan auch) sehr günstig. Sicher, man kann auch sehr viel Geld lassen, aber für 1,000 Yen (rund 7,50 Euro) bekommt man fast überall ausgezeichnetes Essen, und wer es rustikaler mag, kommt auch mit 3 Euro pro Mahlzeit ganz locker aus.

¹ Siehe hier

Moritomo-Deal zieht immer weitere Kreise

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Seit dem vergangenen Jahr beschäftigt ein fragwürdiger Deal die Presse und die Politiker – zumindest die Oppositionspolitiker. Im Wesentlichen geht es darum, wie es möglich war, dass ein privater Bildungsträger, der stramm rechtsgerichtete Moritomo Gakuen, in Osaka ein Grundstück in bester Lage für einen Preis 86% unter Wert erwerben konnte – ein Deal, der bereits 2016 von offiziellen Behörden eingefädelt und durchgeführt wurde (in diesem Artikel hatte ich bereits darüber berichtet). Unter anderem tauchten im Rahmen der Ermittlungen auch die Namen von Ministerpräsident Abe sowie der seiner Gattin auf – beide wiesen jegliche Verbindungen jedoch vehement zurück – was allerdings nicht allzu glaubwürdig wirkte, da Abe’s Gattin zum Beispiel Ehrenvorsitzende des Bildungsträgers ist.

Jetzt tauchte in der obersten Finanzbehörde etwas auf, dass der jetzigen Regierung eventuell, der Demokratie in Japan hingegen auf jeden Fall schweren Schaden zufügen könnte. Der Fund: Die ursprünglichen Fassungen der Dokumente des Finanzministeriums zu dem Deal. Wie überall auch werden zu solchen Transaktionen ausführliche Berichte und Protokolle gefertigt, und die werden nach dem Ende der Transaktion natürlich „versiegelt“, sprich, in ihrer finalen Fassung konserviert. Nun stellte sich heraus, dass insgesamt 16 Dokumente nachträglich geändert wurden – so wurden zum Beispiel Erwähnungen der Ministerpräsidentengattin gestrichen, und zwar scheinbar nach Veröffentlichung einer ersten Recherche zum Thema durch die Tageszeitung Asahi Shimbun im Februar 2017.

Das Finanzministerium versprach nach dem Fund, die Originaldokumente an das Parlament weiterzuleiten, und die Debatte dürfte interessant werden. Wer genau hinter den – illegalen – Änderungen steckt, ist noch nicht klar, aber ein verantwortlicher Mitarbeiter der Finanzbehörde hat bereits Selbstmord begangen, und der oberste Chef des Finanzamts hat als Konsequenz seinen Hut genommen. Nun fordert die Opposition konsequenterweise den Kopf von Aso, dem Finanzminister, doch das wird schwer werden, denn Aso ist ein gewiefter und äußerst gut vernetzter Profi mit voller Rückendeckung des Ministerpräsidenten.

Die Unverfrorenheit ist jedoch selbst für Japan beachtlich, und man fragt sich unweigerlich, ob es sich nicht wie bei Kakerlaken verhält: Sieht man eine, gibt es irgendwo anders cirka 20 andere. Im Moritomo-Fall fliegt letztendlich alles nur deshalb auf, weil ein Whistleblower im Finanzministerium die Initiative ergriff (und dafür laut neuer Gesetzgebung eine Gefängnisstrafe befürchten muss). Es stellt sich zudem eine Frage, die so in den Medien noch nicht auftaucht: Cui bono? Wem hat der Kuhhandel genützt? Hat sich das Risiko für die Beteiligten wirklich gelohnt, oder dachten sich die Beteiligten schlicht und einfach nur, dass sie damit durchkommen würden? Ich befürchte da, dass Letzteres der Fall ist.

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