Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Zehntausende noch immer ohne Strom. Und Wasser. Und Benzin.

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Dem Taifun folgten heftige Gewitter
Dem Taifun folgten heftige Gewitter

Erst nach und nach wird das Ausmass des Taifuns, der vor drei Tagen über Tokyo und Umgebung zog, bewusst. Während die Schäden im Stadtbereich von Tokyo übersichtlich blieben, hat es die Nachbarpräfektur Chiba besonders schwer getroffen. Zeitweilig waren dort bis zu 900,000 Menschen ohne Strom, was besonders in den zwei Tagen nach dem Taifun kritisch war. Taifune haben die Eigenschaft, sehr heiße und feuchte Luft hinter sich herzuziehen – so waren am Dienstag und Mittwoch Tagestemperaturen von 36 Grad und mehr und Nachttemperaturen von circa 30 Grad angesagt. Ohne Klimaanlage und teilweise sogar ohne Wasser bringt das viele Menschen, vor allem die ganz Alten und die ganz Jungen, in eine kritische Lage.

Drei Tage später wurde viel wiederhergestellt, doch laut Energieversorger TEPCO sind auch heute, am Donnerstag, noch immer geschlagene 300’000 Haushalte ohne Strom. Es ist verrückt: Man muss nur eine Stunde lang mit dem Auto raus aus Tokyo (in der sich die Lage bereits Stunden nach dem Taifun normalisiert hatte) fahren – zum Beispiel nach Kimitsu oder Yotsukaido, und schon befindet man sich in einer Gegend, in der es momentan rein gar nichts gibt: Kein Strom, kaum Benzin, gebietsweise kein Wasser, kaum Lebensmittel und – kaum Informationen. Dort bilden sich an Tankstellen und in Rathäusern lange Schlangen – in den letzteren, weil dort Wasser bereitgestellt wird sowie Steckdosen, um Telefone und dergleichen aufzuladen, doch auch die sind natürlich nur von begrenztem Nutzen, da viele Sendemasten (und Wifi-Provider sowieso) ausgefallen sind.

Noch sind nicht alle Folgen beseitigt, ist nun bereits eine volle Debatte über die Folgen entbrannt, den Taifun Faxai deckte einige Schwachstellen auf. So gab es zum Beispiel massive Störungen im Bahnverkehr, vor allem auf Strecken in der Präfektur Chiba – in deren Mitte der Internationale Flughafen Narita liegt. Über 13’000 Passagiere lagen noch am Tag nach dem Taifun am Flughafen fest, da nahezu alle Wege nach Tokyo verschlossen waren: Sowohl Bahnlinien als Autobahnen waren einfach dicht. Ein thailändischer Passagier postete ein paar Fotos von der Lage in Narita:

Fazit: An dem Taifun wird man noch eine Weile lang zu knabbern haben. Und man kann nur hoffen, dass sich das so schnell nicht wiederholt.

Taifun Faxai legt Tokyo lahm

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Tamagawa nach dem Taifun
Tamagawa nach dem Taifun

In der Nacht vom 8. zum 9. September fegte Taifun Faxai über Shizuoka, Kanagawa, Chiba und Tokyo, und dieser Taifun hatte es in sich. Selbst beim Eintreffen in der Hauptstadt hatte er noch das markante Auge – das bedeutet, dass der Taifun kein bisschen abgeschwächt war. Mit 965 hPa Luftdruck und Windgeschwindigkeiten von bis zu 210 Stundenkilometern brachte er an einigen Orten bis zu 400 Millimeter Regen. Drei Todesopfer sind soweit zu beklagen, und bis zu 40 Verletzte. Grosse wie kleine Strommasten knickten um, und bis zu 900’000 Menschen waren beziehungsweise sind ohne Strom, wobei man davon ausgeht, dass es schwierig sein könnte, den Strom für alle bis Ende des Monats wiederherzustellen.

Obwohl der Taifun nachts über Tokyo zog, herrschte bis zum Mittag Verkehrschaos. Viele Linien fuhren erst nach 8 oder 9, manche erst nach 10 Uhr morgens. Bis dahin mussten alle Strecken gesichtet und geräumt werden. Alles in allem muss man jedoch sagen, dass der heutige Taifun die Ergebnisse dieser Studie nur bestätigt hat. Nur wenige Städte können so ein Unwetter relativ unbeschadet überstehen. Zu diesem System gehören auch permanente Warnungen aufs Handy (die sich bei vielen Modellen nicht abschalten oder stumm schalten lassen). Letztendlich war ich allerdings nicht sicher, was mich nachts am meisten wach hielt: Das permanente Geräusch, als ob jemand alle zwei, drei Sekunden eine Wasserkanone auf mein Haus hält, oder die Meldungen auf dem Handy, dass man sich hier und da vor Schlammlawinen und dergleichen in Acht nehmen sollte.

Als ursprünglicher Geograph betrachtet man dieses Naturphänomen natürlich immer mit besonderem Interesse – in der letzten Nacht allerdings auch mit etwas Schaudern – schliesslich weiss man nie so genau, was alles umhergeflogen kommt.

Taifun kurz vor dem Eintreffen in Tokyo
Taifun kurz vor dem Eintreffen in Tokyo

Die Ramen-Datenbank wächst und wächst

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Ein kleiner Hinweis in eigener Sache – ein bisschen Werbung muss auch mal sein: Die im Februar angekündigte Ramen-Datenbank wächst und gedeiht. Momentan beschränkt sich die Auswahl noch auf den Großraum Tokyo, aber im Laufe der Zeit werden sicher noch neue hinzukommen. In einem guten halben Jahr sind insgesamt rund 25 Restaurants dazugekommen, darunter auch ein Michelin-gekürtes. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Es gibt übrigens durchaus Auswahlkriterien. Da ich zu jedem Restaurant eine eigene Seite erstelle, werden weniger bemerkenswerte Restaurants nicht gelistet. Wenn’s nicht schmeckt, dann lass ich es bleiben. Damit fallen auch schon zahlreiche Ketten aus — die meisten hier aufgeführten Läden haben nur eine, manchmal auch zwei oder drei Filialen. Die einzelnen Seiten kann man übrigens kommentieren. Wenn Ihr also im gleichen Restaurant ward und meine Meinung teilt, oder auch nicht, dann hinterlasst einfach einen Kommentar. Wenn Ihr ein Ramen-Restaurant kennt, dass hier nicht fehlen sollte, hinterlasst mir einen Kommentar. Läden, die versuchen, ihre Gäste mit unvernünftig grossen Portionen oder Riesenmengen von Bambussprossen abzuspeisen versuchen, haben allerdings kaum eine Chance auf Aufnahme.

Ausgesuchte Ramen-Restaurants

Und die sicherste Stadt der Welt ist…

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Alle zwei Jahre erscheint der Safe Cities Index, herausgegeben von der The Economist Intelligence Unit (und bemerkenswerterweise von NEC gesponsert)¹. Dort wurden in diesem Jahr 60 ausgewählte Städte weltweit nach diversen Kriterien durchleuchtet und bewertet – hauptsächlich ging es dabei um:

1) Persönliche Sicherheit
2) Cybersecurity
3) Gesundheitswesen
4) Infrastruktursicherheit

Angeführt wurde die Liste in diesem Jahr von Tokyo, gefolgt von Singapur, Osaka, Amsterdam und Sydney. Nur eine deutsche Stadt wurde bewertet — Frankfurt am Main, das auf Platz 16 landete. Am Ende der Liste stehen Städte wie Yangon, Caracas und Lagos.

Besonders in Sachen Cybersecurity schnitt Tokyo gut ab, wobei gerade dieses Feld recht schwer einzuschätzen ist. Hier geht es vor allem darum, wie hoch die Gefahr ist, aufgrund von Computer- und Netzschäden geschädigt zu werden, was zum Beispiel auch die Sicherheit von Geldautomaten und dergleichen mit einbezieht. Das gute Abschneiden von Tokyo ist dabei keine grosse Überraschung: Gewaltverbrechen wie auch Diebstahls- und andere Delikte sind in der Tat eher selten, das Gesundheitswesen ist relativ gut aufgestellt (Stichpunkt Krankenhausbettendichte, Arztdichte und dergleichen), und in Sachen Katastrophenschutz gibt Tokyo sehr viel Geld aus, um auf den durchaus realistischen Fall der Fälle gewappnet zu sein – schliesslich ist die Stadt akut durch Erdbeben und Taifune und andere Starkregenereignisse bedroht.

Auch subjektiv gesehen kann ich das nur bestätigen: Ich fühlte mich vor über 20 Jahren in Tokyo sehr sicher, und ich fühle mich auch heute noch sehr sicher, aber das liegt eventuell auch daran, dass ich mich bisher auch in diversen sehr unsicheren Orten herumgetrieben habe. Im Angesicht der anstehenden Olympischen Spiele im nächsten Jahr ist der Bericht jedenfalls eine gute Nachricht für die Stadtverwaltung: Man ist soweit ganz gut aufgestellt.

¹ Der volle Bericht kann hier heruntergeladen/eingesehen werden.

UV-Stempel gegen Grapscher. Und nun?

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Einer der grössten Hersteller von Stempeln jeglicher Art, Shachihata, hat heute testweise ein neues Produkt veröffentlicht — einen UV-Stempel, mit dem man, man kennt das Prinzip aus Clubs und Veranstaltungen, etwas mit einer für das blosse Auge nicht sichtbaren Farbe abstempeln kann. Gedacht ist der kleine Stempel als Abschreckung für Grapscher, die seit Jahrzehnten ein Problem in den vollen japanischen Zügen darstellen. Wird eine Frau angegrapscht, kann sie so schnell den Stempel zücken, die böse Hand abstempeln und dann am nächsten Bahnhof alle um sie herumstehenden Männer zum nächstgelegenen UV-Licht zerren. Hat jemand dann einen Stempel in der Form einer Hand auf der Pfote, ist der Missetäter so überführt.

Was für ein Bockmist. Denn die Masche geht auch andersrum: Es gab auch schon genügend Fälle, in denen Kleinkriminelle im Paar arbeiten und ahnungslose Passagiere erpressen, nach dem Motto “Wir schleifen Dich jetzt zur Polizei und behaupten, Du hast sie angegrapscht, oder Du bezahlst hier und jetzt eine gewisse Summe an uns”. Das ist eine ernstzunehmende Drohung, denn wie bereits mehrfach ausgeführt, hat man kaum Chancen auf einen Freispruch, wenn man erstmal vor Gericht landet. Im Zweifel für den Kläger. Mit so einem Stempel wird diese Masche nun noch einfacher. Und natürlich ist das ganze Blödsinn, denn eine Hand kann man überall abstempeln, egal wo sie steckt.

Trotzdem wurden 500 Exemplare für jeweils rund 20 Euro innerhalb einer Stunde verkauft. Das ganze als “Test” anzuführen ist natürlich ebenso Blödsinn — einen UV-Stempel herzustellen ist ja nun wahrhaftig keine Kunst. Das ist letztendlich reines Marketing, über dass sich die ganzen Medien (und meine Wenigkeit) hermachen. Nach “offiziellem Verkaufsbeginn” darf man davon ausgehen, dass viele Tausend Frauen diesen Stempel in ihre jetzt schon zum Bersten vollen Handtaschen einpacken werden. Meinetwegen. Aber ein mulmiges Gefühl bleibt. Denn bisher hielt ich mich, so der Zug berstend voll ist (also jeden Morgen) an die Devise “Immer schön die Hände oben lassen, wo andere sie auch sehen können”. Aber was hindert jemanden mit bösen Absichten daran, da mal kurz mit besagtem Stempel rüberzufahren? Ein Alptraum…

Freundliche Polizei

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Aus einem im vorherigen Artikel genannten, sehr bedauerlichen Grund waren die vergangenen Tage reichlich hektisch. Da ich zufälligerweise eine Woche Urlaub hatte, konnte ich die freien Tage einzig und allein für die Familie benutzen, und dazu gehörte auch, Familienangehörige vom Flughafen abzuholen. Das war gar nicht so einfach: Die Sommerferien enden in vielen Präfekturen morgen, so dass viel Verkehr war: Alle Parkhäuser, auch die provisorischen, am Flughafen waren voll (Wartezeit auf einen Parkplatz: 120 Minuten), und vor den Terminals darf man nicht parken. Selbst länger als ein paar Minuten dort zu stehen ist schwierig.

Bei einer Tour erwischte es mich schliesslich — in Kamata, nahe des Flughafens. Ich will rechts abbiegen, und stehe bereits in der Kreuzung, doch aus irgendwelchen Gründen fährt das Auto vor mir nicht los. Erst bei Gelb zischt er endlich los. Was tun? In der Kreuzung stehenbleiben? Oder hinterher? Instinktiv trat ich also auf’s Gaspedal und fuhr hinterher – bei, nennen wir es mal kirschgrün. Am Ende der Kreuzung erwartet mich ein Polizist, der sich wie aus dem Nichts dort materialisiert hatte. Weder ein Polizeimotorrad noch ein Polizeiauto steht in der Nähe. Mein japanischer Fahrgast sagt nur “Oh-o!”. Die heruntergekurbelte Scheibe offenbart mir ein jüngeres, rundes und leicht verdutztes Gesicht. Er räuspert sich und schaut mich fragend an. “Da bin ich dann wohl zu spät über die Kreuzung gefahren” sagte ich¹. Er lächelt freundlich und nickt. Er fragt nach dem Führerschein und ist nochmal überrascht, als ich meine japanischen Fleppen zücke. “Oh, ein japanischer Führerschein?” — “Ja, ich lebe hier”. Ein kurzer Smalltalk folgte, und eine Belehrung: “Nur zwei Minuten! Sie hätten an der Ampel nur zwei Minuten warten müssen! Es gibt nichts, was das Risiko lohnt, bei Rot über eine Ampel zu fahren!” Wahrscheinlich bin ich knallrot geworden, denn erstens wurde ich noch nie von der Polizei angehalten, ausserdem war es draussen brüllend heiss. Ich konnte ihm – vom Herzen wohlgemerkt – nur recht geben. “Ja, ich kann Ihnen nur recht geben. Ich bin viel mit dem Fahrrad unterwegs, da rege ich mich ja selber drüber auf, wenn Autofahrer rote Ampeln überfahren.²”. Er nickt zufrieden, räsonierte kurz und sagte dann etwas Überraschendes: Er werde kein 反則切符 (hansoku kippu, Strafzettel) ausstellen, aber er bäte mich, dies in Zukunft zu unterlassen. Gute Reise noch, und immer vorsichtig fahren!

Mein Fahrgast war baff, ich war es auch. “Normalerweise passiert das nicht”. Ausländerbonus? Keine Ahnung. Was wäre normalerweise passiert? Bis zu 400 Euro Strafe und zwei Punkte. Schlimmer aber wäre die Tatsache, dass man sich in den folgenden sechs Monaten extrem vorsehen muss, denn wenn in dieser Zeit wieder etwas sein sollte, wird es richtig kompliziert und teuer – mit Nachschulungen und dergleichen. Glück gehabt.

¹ Auf Japanisch. Meine persönliche Erfahrung in Japan ist, dass es sich nicht lohnt, einen auf dummen Ausländer nach dem Motto “ich nix verstehen” zu machen. Mit gepflegtem Japanisch kommt man weiter.

² Das kommt in Japan mangels Blitzer und Kontrollen in der Tat sehr, sehr oft vor.

Nachruf

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Zur Warnung vorneweg: Dies ist ein sehr persönlicher Artikel.

Heute um 17:45 verstarb mein Schwiegervater im engsten Kreis und nach einem über zehn Jahre lang währenden Kampf an einem Krebsleiden. Im Alter von gerade einmal 65 Jahren. Vorgestern noch habe ich ihn ins 70 Kilometer entfernte Spezialkrankenhaus gefahren, wo uns ein Arzt die bittere Wahrheit verkündete: Es könnte jederzeit soweit sein. Heute war ich mit den Kindern, um diese etwas abzulenken (es sind Sommerferien), in einem nahegelegenen Spielpark. Nach kurzer Absprache mit der Familie fuhren wir danach wieder zum Krankenhaus. Da das Bewusstsein schon stark getrübt war, baten wir die Kinder, den geliebten Opa laut anzusprechen — das taten sie auch, doch zwei Minuten später versagte sein Herz endgültig. Es war beinahe so, als ob er darauf gewartet hätte, noch einmal die Stimmen meiner Kinder zu hören, denn er liebte sie über alles.

Kennengelernt habe ich meinen Schwiegervater vor 18 Jahren. Und so seltsam es auch klingt: Es hatte sofort gefunkt. Mir war er sofort sympathisch, da die Tatsache, dass ich Ausländer bin, absolut gar keinen Einfluss auf seine Meinung hatte. Beim ersten Treffen waren wir in einem Restaurant, zusammen mit seiner Frau und seinen drei Töchtern. Kaum 5 Minuten waren vergangen, als wir uns in einer gepflegten Diskussion über den Unterschied von Pflegeversicherungen in Deutschland und Japan wiederfanden (berufsbedingt), was vom Rest der Familie mit Augenrollen erwidert wurde. Als ich vier Jahre später, in einer Email (es ging damals leider nicht anders) um die Hand seiner Tochter anhielt, bekam ich eine sehr positive Antwort und eine Bedingung: Wir mögen bitte die ersten drei Monate nach der Hochzeit in Japan verbringen, denn er wollte so sicherstellen, dass es seiner Tochter auch gut geht. Daraus sind nun fast 15 Jahre geworden.

Nach der Krebsdiagnose bat er seine Firma, ihn in die gleiche Stadt zu versetzen, in der wir wohnten. Als wir nach dem Erdbeben 2011 beschlossen, in einer anderen Stadt ein Haus zu kaufen (in einer sichereren Gegend), liess er sich ebenfalls in der Nähe wieder. Wir haben uns oft getroffen, sind oft mit der ganzen Familie verreist, haben sehr viel gelacht, sehr viel diskutiert. Mein Schwiegervater war mehr als ein Schwiegervater: Er war ein Freund, ein sehr guter Freund, mit der gleichen Wellenlänge, und mit sehr viel Humor. Integer. Neugierig. Aufgeschlossen. Und jemand, der alles für die Familie getan hat. Nichts liebte er mehr, als von seinen Töchtern, seinen 5 Enkeln und seiner Frau umgeben zu sein. Und genauso wurde er heute verabschiedet. Ich bin sicher, er mochte diesen Abschied – der jedoch viel zu früh kam, denn bis zuletzt hatte er noch Hoffnung, dass sich das Unvermeidbare weiter herauszögern lässt. Nach 10 Jahren Kampf durchaus eine berechtigte Hoffnung. Doch es hat nicht sollen sein.

Als er vom Arzt gefragt wurde, wer ihn denn auf dem letzten Weg begleiten wird, sagte er “Meine Frau, meine Töchter und mein Sohn”. Er sagte nicht “Schwiegersohn”, sondern “Sohn”. Ein kleiner Unterschied, der mich sehr bewegt.

Es gab und gibt — das muss ich leider so sagen — nur sehr wenige Menschen, die mich wirklich beeindrucken. Mein Schwiegervater gehörte zu diesen wenigen Menschen. Ihn so früh gehen zu lassen fällt schwer. よく頑張った。お疲れ様でした。

Deutsches Dorf Tokyo

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Deutsches Dorf Tokyo
Deutsches Dorf Tokyo

Ich hatte schon viel davon gehört, aber bisher nie dorthin geschafft: Das 東京ドイツ村 Deutsches Dorf Tokyo, in Sodegaura in der Nachbarpräfektur Chiba. Grundtenor war immer “erwarte aber nichts Deutsches dort”. Also fuhr ich mit sehr wenig Erwartung dorthin, und meine (Nicht)erwartungen wurden nicht enttäuscht. Obwohl: Gleich bei der Einfahrt war ich vom überraschend deutschen (genauer gesagt berlinerischen) Auftreten der Angestellten ganz hin und weg. In das deutsche Dorf fährt man mit dem Auto ein und bezahlt pro Gefährt und Insasse. Als ich über die Insassen befragt wurde, sagte ich

“Ein Erwachsener und eine Mittelschülerin”.
“Zwei Erwachsene also. Und wer ist noch im Auto?”
“Ähm, also nur wir zwei – ein Erwachsener und eine Mittelschülerin”
“Ok, verstanden. Zwei Erwachsene. Noch jemand?”

Nach nochmaliger Bestätigung stellte sich heraus, dass 12-jährige Mittelschüler als Erwachsene gelten. Sehr familienfreundlich. Das permanenten Nachfragen nach weiteren Insassen hindes blieb mir ein Rätsel.

Das deutsche Dorf ist ziemlich gross, weshalb alle mit dem Auto die verschiedenen Stationen anfahren. Dabei liegt eigentlich alles in Laufweite, aber egal. Auf einem Hügel stehen ein paar Holzgebäude, und wenn man von weitem die Augen zukneift, könnte man sich wirklich die Silhouette eines deutschen Dorfes vorstellen – ein paR Bauernhäuser mit einem Kirchturm in der Mitte. Im Restaurant wird dann echtes deutsches Essen präsentiert: Eisbein, oder eine Würstchenplatte. Lasche Brezeln. Und deutscher Salat: Ein paar Salatblätter, Minischinkenstreifen, und in der Mitte, wie aus Versehen dem Koch von der Gabel gefallen, eine Kartoffel. Wie die dahin kommt und wo die herkommt, ist ungewiss.

Kongeniale Illusion eines deutschen Salates
Kongeniale Illusion eines deutschen Salates

Wenigstens bei der Farbgebung hat man sich Mühe gegeben. Sowohl das Miniriesenrad als auch die Verkehrskegel und die zahlreichen Warnschilder sind Schwarz-rot-gold angestrichen. Man möchte ja authentisch sein. Ansonsten gibt es allerlei Verlustierungen für Kinder – eine 220 m lange Wasserrutsche, Bogenschiessen, kleine Pools, ein Schwanbootsee und so weiter. Das Gelände ist wirklich verhältnismässig gross (und der Rasen überall extrem gepflegt). Letztendlich zählt der Park jedoch zu der nervenden Sorte, denn obwohl man Eintritt zahlt, muss man für jede noch so kleine Attraktion mindestens drei Euro bezahlen. Die Preise für’s Grillgut sind jenseits von Gut und Böse: Ein Beutel mit den billigsten Gemüsesorten, für den Inhalt bezahlt man im Supermarkt rund 300 Yen, wurde hier im Sonderangebot angepriesen: für 3’900 yen anstelle von 4’200 Yen. Die Preisgestaltung liegt meiner Meinung nach ganz kurz vor der Grenze zum Betrug.

Fazit: Man kann hier mit den Kindern viel Spass haben, sollte aber -20% Deutschland erwarten sowie alle zwei Minuten lang den Griff ins Portemonnaie. Da empfiehlt sich die nur ein paar Kilometer entfernte マザー牧場 Mother’s Farm schon eher. Ist vom Prinzip her ähnlich, verspricht aber wenigstens nichts, dass es nicht halten kann. Und die Preisgestaltung ist dort etwas ehrlicher.

Vulkan Asamayama spuckt wieder Asche

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Asamayama im Mai 2019
Asamayama im Mai 2019

In der vergangenen Nacht, gegen 22 Uhr japanischer Zeit am 7. August 2019, gab es am 2’568 m hohen Vulkan Asamayama einen mittelprächtigen Ausbruch. Laut der Vulkanaufsicht des meteorologischen Amtes spuckte der Berg für rund 20 Minuten Asche, die sich rund 2km hoch über dem Gipfel auftürmte. Umgehend wurde der Vulkan von Level 1 auf Level 3 hochgestuft — in Japan gibt es 5 Warnstufen für Vulkane:

  1. Momentan keine Gefahr
  2. Nicht dem Krater nähern
  3. Nicht dem Vulkan nähern
  4. Evakuierung vorbereiten
  5. Evakuierung durchführen

Der Ausbruch kam für die Behörden völlig überraschend – die Warnstufe lag seit Jahren bei der 1. Und so hatte man keinerlei Notfallpläne in der Tasche und Mühe, die umliegenden Gemeinden zu warnen. Dazu zählt unter anderem Karuizawa (Präfektur Nagano), ein beliebter Kurort, der auch von Tokyo aus leicht zu erreichen ist.

Zum Glück war der Ausbruch kurz, doch Gesteinsbrocken flogen wohl bis in eine Entfernung von 4km vom Krater. Die niedrige Warnstufe bisher ist ein kleines Rätsel – der Vulkan gilt als recht aktiv und hat ein hohes “Gewaltpotential”. Bei einem schweren Ausbruch im Jahr 1783 kamen geschätzt 1’500 Menschen in der eigentlich spärlich besiedelten Gegend durch pyroklastische Ströme ums Leben, doch damit nicht genug – der Ausbruch dauerte rund drei Monate an, mit verheerenden Folgen für die Landwirtschaft in der weiteren Region. Es folgte die sogenannte Tenmei-Hungersnot, die geschätzte 20’000 Menschenleben forderte. Beim letzten grösseren Hickser im Jahr 2009 gelangte Asche bis ins knapp 150 km entfernte Tokyo. Das bedeutet, dass der Asamayama sehr wohl grossen Schaden anrichten kann – nicht nur im Nobelort Karuizawa – und daher besser beobachtet werden muss.

Ebola in Japan | Meinungsfreiheit schief gelaufen

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Koreanisches Mahnmal im Friedenspark von Hiroshima

Da hat Japan wohl noch mal Glück gehabt: Gestern vermeldeten die Nachrichten, dass in der Präfektur Saitama (also direkt bei Tokyo) ein Ebola-Verdachtsfall besteht. Eine etwas ältere Dame, über 70 Jahre alt, war am 31. Juli aus der Demokratischen Republik Kongo zurückgekehrt und begann am 3. August über hohes Fieber zu klagen. Nun ist vor allem der Osten der DR Kongo momentan Ebola-Krisengebiet, und die Inkubationszeit für Ebola beträgt 2 bis 21 Tage – unmöglich wäre eine Infektion also nicht gewesen. Doch die Dame gab an, im Kongo nicht mit Ebola-Kranken in Kontakt gewesen zu sein, und das Gesundheitsministerium gab heute Entwarnung: Einer Blutuntersuchung zu Folge handelte es sich nicht um das aggressive Virus. Zum Glück: Allein die Vorstellung, das sich im Grossraum Tokyo mehrere Ebola-Fälle befinden könnten, würde eine mittelschwere Panik auslösen – ob die nun berechtigt sei oder nicht (zum Glück ist der Erreger ja nicht aerogen).

Und noch eine interessante Schlagzeile: Vom 1. August bis zum 14. Oktober 2019 findet in Nagoya die Triennale statt (siehe hier) – eine bedeutende und hochkarätige Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Dort gibt es eine Teilausstellung mit dem Namen “Nach der Meinungsfreiheit?”, in der unter anderem die Statue “Mädchen des Friedens” ausgestellt wurde: Eine Abbildung einer koreanischen “Trostfrau” – nachempfunden der Statue in Seoul vor der japanischen Botschaft, die seit Jahren die Gemüter erregt, hält doch Japan das Thema für seit langem beendet, während Südkorea versucht, so viel wie möglich dieser Statuen auch in anderen Ländern zu platzieren, teilweise sogar mit Erfolg. Nun beschloss jedoch der Veranstalter, die komplette Teilausstellung zum Thema Meinungsfreiheit dichtzumachen. Der Grund: Es gab etliche Drohungen, und darunter durchaus ernstgemeinte. So drohte jemand damit, mit Benzinkanistern anzureisen und die Ausstellung in Brand zu setzen – genau so, wie es bei der Anime-Produktionsfirma in Kyoto vor zwei Wochen geschah (der Anschlag fordete dutzende Tote).

Man mag von den südkoreanischen Bemühungen halten, was man will — leider gibt man mit dieser Entscheidung den Südkoreanern recht, da man mit diesem Schritt ja quasi die Meinungsfreiheit aufgibt. Die Sicherheitsbedenken sind nicht von der Hand zu weisen, doch im Notfall muss Meinungsfreiheit auch verteidigt werden – wegen ein paar Hasskommentaren eine Ausstellung zum Thema Meinungsfreiheit zu schliessen beweist, dass es an letzterer mangelt.

Persönlich halte ich von den südkoreanischen Aktionen wie dem Export der Trostfrauenstatuen in andere Länder wenig: Wo liegt die Grenze? Polnische Statuen in China aufbauen, aus Gedenken an den Zweiten Weltkrieg? Solche Statuen gehören nur in die beteiligten Länder, also idealerweise nach Polen und Deutschland. Es gibt übrigens auch in Japan Statuen, wenn auch nur sehr wenige, die sich mit der koreanisch-japanischen Geschichte befassen – so erinnert im Friedenspark von Hiroshima eine Schildkrötenstatue an die beim Atombombenabwurf ums Leben gekommenen koreanischen Zwangsarbeiter.

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