Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Langes Wochenende der Geduld vs. Go To Travel

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Tempel in Adachi-ku, Tokyo
Tempel in Adachi-ku, Tokyo

Japan hat viele lange Wochenenden, da es a) viele Feiertage gibt und b) etliche der derselbigen per Definition (3. Montag im November usw.) auf einen Montag fallen. Diese verlängerten Wochenenden werden 三連休 (sanrenkyū = drei aufeinander folgende Ruhe(tage)) genannt. Angesichts einer neuen Welle von Coronafällen wurde dieses Mal, dem Wochenende vom 21. zum 22 November, jedoch zu einem 我慢の三連休 gaman-no-sanrenkyū, einem “langen Wochenende der Geduld” aufgerufen. Sprich, die Menschen sollten möglichst wenig unternehmen, um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern.

Dem gegenüber stand jedoch die “Go to travel”-Kampagne: Zig Millionen Japaner hatten bereits Reisen für das Wochenende gebucht, und da nicht deutlich war, ob der Staat für etwaige Stornierungen aufkommen würde, fuhren die meisten entsprechend auch los. Das führte zu absurden Bildern: Die Tempel in Kyoto waren brechend voll, ebenso der Takao-san in Tokyo und viele andere beliebte Ausflugsziele. Sehr viele Hotels waren komplett ausgebucht, und das führte auch noch zu einer anderen Problematik: Etliche Manager und Angestellte teurerer Hotels ächzten unter dem Benehmen der Gäste. Da der Staat im Zuge der Kampagne einen guten Teil der Hotelkosten zurückerstattet, übernachteten natürlich viele Japaner in Hotels, die sie sich unter normalen Umständen nicht leisten können. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen der Gäste, und die kleinste Enttäuschung führte zu Beschwerden oder verbalen Entgleisungen. Es ist ja schliesslich nicht so, dass ausnahmslos alle Japaner ruhig und zurückhaltend sind.

Bereits vor dem langen Wochenende wurde laut diskutiert, die Go to Travel-Aktion zu unterbrechen. Heute beschloss man nun, Sapporo und Osaka, zwei Hotspots, vorerst auszuschliessen. Das bedeutet, man kann zwar immer noch dorthin fahren, erhält aber keine Vergünstigungen. So versucht man, die Besucherströme zu lenken. Die Corona-Quittung für die enorme Reisewelle jedoch werden wir wohl in ein bis zwei Wochen bekommen – es ist schwer vorstellbar, dass die Zahlen nicht weiter ansteigen. Ob die Go-to-Travel-Kampagne nun ein Erfolg oder ein Fehler war, werden wir wohl erst in ein paar Wochen oder Monaten erfahren. Der Hotel- und Restaurantbranche tat die Aktion sicher gut, denn nicht wenige stehen kurz vor dem Ruin. Inwieweit das jedoch auf Kosten der Gesundheit der Angestellten und Reisenden geht, wird sich noch zeigen.

Insgesamt sollen bereits rund 40 Millionen Japaner von der Kampagne Gebrauch gemacht haben. Das ist immerhin ein Drittel der Bevölkerung. Wir für unseren Teil sind jedoch an einen Ort gefahren, an den sich ganz sicher keine Touristen, egal ob aus dem In- oder Ausland, verirren: Den Stadtteil Adachi-ku in Tokyo. Von einem grösseren Park einmal abgesehen waren die Strassen dort wunderbar menschenleer.

Arakurayama-Sengen-Schrein oder wo kommen all die Touristen her?

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Manch Japanbesucher findet sich hier bereits am zweiten oder dritten Tag seiner ersten Japanreise ein – ich habe mehr als 16 Jahre gebraucht, um mich dorthin zu begeben: Zum 荒倉山浅間神社 Arakurayama-Sengen-Schrein nebst Park. Der befindet sich in unmittelbarer Nachschaft zu den Fuji-Goko, den 5 Seen des Fuji-san, und ist eines der beliebtesten Fotomotive Japans – denn hier bekommt man einen typischen Schrein, den Fuji-san und im Frühjahr noch Kirschblüten und im Herbst das bunte Laub auf ein einziges Foto. Mehr Japan geht kaum, es sei denn, eines der Pokemon-Flugzeuge fliegt gerade vorbei und ein Sushi-kauender Tourist drängelt sich ins Bild.

Gemieden habe ich den Ort vor allem wegen der Massen an Touristen. Das bedeutet, dass jetzt die Chancen grösser sind, dort ein oder zwei gute Fotos zu machen. Dachte ich jedenfalls, denn als wir am Sonntag dort aufschlugen, gab es dutzende Touristen vor Ort, und die meisten kamen nicht aus Japan – sie schienen zum überwiegenden Teil aus Thailand und Vietnam zu stammen. Soweit, so gut. Allerdings trug rund die Hälfte dieser Touristen keine Maske, und das trifft den japanischen Nerv zur Zeit besonders. Japan steckt inmitten der dritten Welle (die zweite war allerdings nie ganz abgeebbt), und die Medien haben begonnen, sich auf Ausländer als Überträger der Krankheit einzuschiessen. Das ist völliger Blödsinn – sicher, in Japan stecken sich auch Ausländer mit dem Virus an, aber diese Gruppe macht nur rund ein Prozent der Bevölkerung aus, und der Großteil der Ausländer trägt sehr wohl Masken.

Ein paar Wochen war es zum Thema Corona in Japan etwas ruhiger geworden, doch das hat sich nun geändert. Tokyo verzeichnete heute zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie mehr als 500 Infizierte, und im ganzen Land sind es nun mehr als 2000. Das ist zwar vergleichsweise wenig, setzt hier aber neue Rekorde, und von einer Trendwende ist noch nichts spürbar. Die Coronamüdigkeit erleichtert die Sache auch nicht gerade.

Was mich allerdings nun doch interessiert, ist, wie voll der obige Schrein zu normalen Zeiten war. Es muss jedenfalls der blanke Wahnsinn gewesen sein.

Plötzlicher Wirtschaftsboom und ein agiles Virus

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3D-Darstellung eines Corona-Virus (Quelle: Wikipedia)

Manchmal gibt es auch gute Nachrichten — wenn auch nur auf den ersten Blick: Das Wirtschaftsministerium gab just bekannt, dass das japanische Bruttosozialprodukt im 3. Quartal des Jahres um 21.4% im Vergleich zum Quartal davor gestiegen ist. Das ist mehr als erwartet, und einen solchen Sprung gab es seit 1968 nicht mehr. Allerdings verzeichnete man in den drei Quartalen davor einen deutlichen Abschwung – zuerst wegen der Mehrwertsteuererhöhung (Q4 2019), dann wegen Corona. Alles zusammengerechnet, fängt das enorme Wachstum in Q3 nicht einmal die Hälfte dessen auf, was in den drei Quartalen zuvor an Abschwung verzeichnet wurde.

Und trotzdem – die Börse erlebt seit ein paar Tagen einen Höhenflug, wie es ihn seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat, und der begann bereits vor Bekanntgabe der positiven Nachrichten zum Thema Impfstoff. Mit anderen Worten – Hoffnung macht sich breit. Der Aufschwung dürfte zu einem guten Teil der Regierungsinitiativen “Go to travel” und “Go to eat” zu verdanken sein – beide Programme werden gern in Anspruch genommen. Die Börse wiederum ist nun ganz entzückt ob des APAC-Freihandelsabkommens, das nun nach vielen Jahren ratifiziert wurde. Freier Handel mit China, Korea, Vietnam, Australien, Neuseeland und vielen anderen Staaten dürfte ganz im Geschmack der Aktienhändler sein.

Dem Virus ist das natürlich egal: Corona breitet sich wieder spürbar aus, so dass man nun von einer 3. Welle spricht – oder dem möglichen Beginn der ersten, richtig grossen Welle. Das ist Ansichtssache, denn die zweite Welle war ja nie wirklich abgeebbt. Die dritte Welle scheint sich dabei stark von den vorherigen Wellen zu unterscheiden: In der ersten Welle waren vor allem ältere Menschen betroffen, und es gab recht deutlich abgrenzbare Cluster. In der zweiten Welle waren es mehr jüngere Menschen. Die dritte Welle betrifft mehr die um die 40-jährigen, und eine landesweite Streuung fällt auch auf. Während Tokyo in den vergangenen Monaten fast immer einsam an der Spitze lag, was die totale Anzahl der Neuinfektionen betrifft, so wird die Hauptstadt an manchen Tagen nun von Osaka, Hokkaido und anderen Präfekturen eingeholt. Das führt dazu, dass die landesweite Zahl der Neuinfektionen mit Werten bis zu 1’700 Menschen bisherige Rekorde bricht. Eine schnelle Besserung erwartet man nicht – schliesslich ist es in den kommenden Monaten wesentlich kühler und vor allem staubtrocken – ideale Voraussetzungen für das Virus.

Sie haben doch gerade Zeit, oder?

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Gegen 8 Uhr 10 setzte mich der Autoverleiher am Fährhafen von Hachijōjima ab – dabei fuhr die Fähre erst um 9:20, und die nähere Umgebung kannte ich bereits. Kein Wunder, schließlich war ich aufgrund widriger Wetterverhältnisse nun schon ganze vier und nicht wie ursprünglich geplant zwei Tage auf dem kleinen Eiland. Ich schaute aus dem Fenster des kleinen Fährgebäudes und starrte in eine enorm große Meute verschiedenster Katzen. Es mussten so um die 30 sein. Kleine, große, zerzauste, in allen Farbvariationen. Eine alte Frau schlurfte zu der Rotte und begann, Futter auszulegen. Dann erblickte sie mich und grummelte „die fressen meine ganze Rente auf“. Ich nickte und erwiderte „die werden sicherlich auch nicht weniger“.

Die alte Frau kam auf mich zu, fragte nach dem woher und wohin, und wie alle Insulaner kannte sie natürlich die Abfahrtszeit der einzigen Fähre. 「あなた、暇でしょう」- „Sie haben doch sicher Zeit“ sagte sie dann und gab mir zu verstehen, dass ich ihr folgen sollte. Wir liefen zu einem kleinen, nagelneuen Denkmal, gestiftet von der fernen Präfektur Wakayama, weil mal vor langer, langer Zeit eine Fischfangflotte aus jener Präfektur in Seenot geriet, und viele der Schiffbrüchigen von den Insulanern gerettet wurden. Warum dauerte es nur so viele Jahre, bis man das Denkmal hinsetzte? Nun, offensichtlich erinnerte sich jemand in Wakayama daran, dass die türkische Regierung sich mehrmals sehr dankesvoll an Wakayama wendete, da diese vor rund 150 Jahren etliche Besatzungsmitglieder einer an den Klippen zerschellten ottomanischen Fregatte gerettet hatten. Da bekamen wohl einige ein schlechtes Gewissen. Die alte Frau fand das sehr komisch. Sie gefiel mir. Und ich sah meine Chance, ein paar Informationen aus ihr herauszupressen. So interessierte mich der hiesige Dialekt, denn abgelegene Orte entwickeln in der Regel ganz besondere Mundarten. So sollen auf der Insel etliche Worte aus dem altjapanischen überlebt haben, die so nur noch in alten Schriften auftauchen. Sie sagte „Oh, dafür interessieren sich! Soll ich ihnen die gleiche Geschichte noch mal im hiesigen Dialekt erzählen?“ Ich fühlte mich versucht, mein Handy zu zücken, um das folgende aufzunehmen. Gut, dass ich es nicht gemacht habe. Sie begann zu erzählen, aber was ich zu hören bekam, war ziemlich reines Hochjapanisch. Sie brach ab und blickte nun etwas traurig drein: „Ich glaube, so richtig kann ich das gar nicht mehr. Das ist schade.“ Ich versuchte sie ein bisschen aufzumuntern: Ich habe gelesen, dass die jüngeren Bewohner den Dialekt so gut wie gar nicht kennen, und ältere Bewohner den Dialekt zwar verstehen, aber nicht mehr aktiv benutzen“. Sie nickte, nannte dann aber noch etliche Wörter und auch noch ein paar Variationen – auf der Insel gibt es fünf Gemeinden, und dort gab es jeweils unterschiedliche Mundarten.

Die Zeit bis zur Abfahrt wurde so sehr, sehr kurz. Und das Gespräch war genauso interessant wie ein anderes Gespräch mit einem Sushimeister am Vortag – da ich vor 12 Uhr dort war und das außerhalb der Saison, an einem Wochentag, war ich sein erster Gast, und der freundliche Herr war eine Fundgrube an Wissen über Fische im Allgemeinen und die roh genossene Variante im Speziellen.

Lange Rede, schwacher Sinn – viele dieser Informationen sind in diese neue Seite über Hachijōjima eingeflossen. So viel, dass die Seite viel länger wurde als üblich – für alle, die auch mal etwas über das Japan abseits der üblichen Sehenswürdigkeiten wissen wollen:

https://www.tabibito.de/japan/hachijojima.html

Im Übrigen geniesse ich in den meisten Fällen die Gespräche mit japanischen Senioren – sie sind oft mehr als bereitwillig und sehr geduldig im Erklären, und es gibt extrem viel von ihnen zu lernen. 

Kakao, AR und eine ferne Präsidentenwahl

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Manchmal weiss ich nicht, ob man dieses Land hassen oder lieben soll. Beispiel Nachrichten: Die Nachrichten des staatlichen Senders (NHK) sind so harmlos und oft so irrelevant, dass man manchmal glaubt, eine moderne Variante der Aktuellen Kamera zu sehen. Schaut man sich dann die Nachrichten der privaten Kanäle an, bekommt man zwar eine breitere Palette von Inhalten geboten, aber dort wird bei fast allen Sendern nun mit den neuesten Ton- und Kameratricks beziehungsweise mit AR (augmented reality) gearbeitet. Fast schon unterschwellige Töne unterlegen da Beiträge egal zu welchem Thema, ob Mord oder Politik. Oder beides. Halbgare Reportagen, reißerische Kommentare, sehr aufwändige und dennoch billige audiovisuelle Mittel jagen einander. Es wird suggeriert und gemutmaßt bis es qualmt.

Manchmal treiben es die Programmdirektoren auf die Spitze, und dann wird es schon manchmal einfach nur komisch. Ein gutes Beispiel konnte man jetzt wieder bei der Berichterstattung über die Präsidentenwahl in der USA sehen – beim Nachrichtenprogramm “every.”.

Völlig respektlos werden da Collagen zusammengeschraubt, um die neuesten Zahlen zu präsentieren. Das ist beinahe schon wieder niedlich, und es verwandelt die Präsidentenwahl eigentlich schon regelrecht in das, was es eigentlich auch ist: Eine gigantische Show. Man meint fast, dass hier die Wahl ordentlich durch den Kakao gezogen wird. Andere Programme wie TBS News verfrachten ihre Moderatoren gleich mal ins Oval Office, original mit Trumpbild an der Wand:

Stilistisch sind die Methoden nicht selten fragwürdig — siehe Bild ganz oben. In bester Microsoft Wordart-Manier wird da geworben, zusammen mit einer natürlich mit der amerikanischen Flagge verhüllten Darstellung der Freiheitsstatue. Haben wir alle Klischees in das Bild gepackt? Check!

Trump ist in Japan übrigens weniger unpopulär als in vielen anderen Ländern. Das mag seltsam anmuten, denn ein solcher polternder Charakter widerspricht eigentlich dessen, was man in Japan für angemessen hält. Zudem ja Trump auch Japan mehrfach wirtschaftlich mit seiner America First-Politik gedroht hat. Die meisten empfinden ihn einfach nur als komischen Kauz, halten ihm aber seine wirtschaftlichen Erfolge – ob die nun dank Trump zusammenkamen oder trotz Trump ist eine andere Sache – zugute. In den Medien wurde auch in letzter Zeit zunehmend berichtet, dass eine Wiederwahl Trumps wesentlich besser für Japan sei als die Wahl Bidens. Das bleibt abzusehen. Sicher, Abe und Trump schienen sich als Golf-Buddies ziemlich gut zu verstehen, aber Abe ist nun mal nicht mehr Ministerpräsident, und ob der ruhige Suga mit Trump klarkommen würde, ist völlig unklar.

Das 12. Bloggertreffen – fällt leider aus

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Normalerweise erfolgt an dieser Stelle zu dieser Zeit des Jahres der Aufruf zum Bloggertreffen – und das ununterbrochen, seit 2009. Egal ob Erdbeben oder Taifun oder sonstige Unbill – manchmal muss halt einfach Zeit sein für das eine oder andere erfrischende Getränk und einen kleinen Austausch.

Um potentiellen Teilnehmern sowie mir selbst das moralische Dilemma, ob man sich nun in diesen Zeiten zusammenrotten darf oder nicht, zu ersparen, halte ich es für besser, das Treffen vorerst nicht zu organisieren – bis hoffentlich wieder bessere Zeiten hereinbrechen.

Obwohl die Corona-Lage bei weitem nicht so ernst ist wie gerade in Europa zum Beispiel, ist die Sache noch nicht vorbei. In Japan liegt die 7-Tage-Inzidenz momentan bei 3.2, in Tokyo bei rund 8 Fällen in 100,000 Einwohnern. Im Vergleich zu zahlreichen Gebieten in Deutschland mit über 150 Fällen klingt das mehr als harmlos. Im August/September war die Rate in Japan noch viel niedriger. Trotzdem war ich seit Februar nicht mehr “einen heben” – etwas, was ich normalerweise so alle zwei Wochen mal mache, gesittet wohlgemerkt, und zwar einfach zum 気分転換 kibun tenkan – zum “Abschalten”, und um auch mal mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Das ist reine Selbstbeschränkung, denn die Bars und Kneipen haben schon seit Juli wieder geöffnet (einige waren durchwegs offen), und ich laufe jeden Abend auf dem Weg von der Arbeit zum Bahnhof an etlichen Kaschemmen vorbei.

Ganz wohl ist mir dennoch nicht – denn ich verstehe mich mit dem Personal meiner Stammkneipe sehr gut, und mir ist bewusst, dass mein Wegbleiben dazu beiträgt, dass das Geschäft nicht gut läuft. Allerdings steht auch viel auf dem Spiel – erst Recht in Japan, wo Coronapatienten – und deren Familien – teils stigmatisiert werden. Würde ich mir Corona einfangen, würde es kompliziert werden – für mich und meine ganze Familie. Zwei komplette Klassenstufen müssten getestet werden, die Kinder könnten eventuell wochenlang nicht zur Schule gehen, meine Frau könnte wochenlang nicht arbeiten gehen – und in meiner Firma würde es auch kompliziert werden. Mal ganz davon abgesehen, dass mir diverse Berichte über eine schleppende Rekonvaleszenz und Spätfolgen nach einer Infektion gelinde gesagt etwas Angst machen.

Ich hoffe, dass alle potentiell Interessierten nicht böse darüber sind, aber ich kann mir gut vorstellen, dass die Teilnehmerzahl aufgrund von Corona sowieso sehr überschaubar geworden wäre. In diesem Sinne – aufgeschoben ist nicht aufgehoben!

Go to travel, eingeschränkter Zugverkehr und lange Ferien

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Corona hält natürlich auch Japan weiterhin in Atem, wenn auch auf einem konstanten Level. Zumindest, wenn man sich hier, aus dem Fernen Osten, die Lage in Europa so ansieht. Es ist einfach nur zum fürchten. In Japan hingegen gab es zwar eine zweite Welle, aber selbst die hat nach europäischem Maßstab den Namen nicht verdient, und die Zahlen sind nun schon seit Wochen mehr oder weniger konstant: Im Schnitt zählt man um die 500 Neuinfektionen im Land; Tokyo bleibt mit circa 175 Neuinfektionen natürlich unangefochten auf Platz 1.

Grund zur Entwarnung gibt es also noch nicht, aber die Regierung hält trotzdem an der “Go to travel”-Kampagne fest, und seit einer Woche gehört auch Tokyo dazu. Die Bürger sollen mit finanziellen Anreizen dazu animiert werden, zu verreisen – auch nach beziehungsweise innerhalb von Tokyo. Und das Angebot wird wohl auch vermehrt in Anspruch genommen – man kann es den Menschen nicht verübeln. Denn die meisten haben sich seit März ununterbrochen selbst eingeschränkt, und da es momentan so gut wie keine ausländischen Touristen gibt, ist jetzt die perfekte Zeit, das eigene Land ohne riesige Menschenmengen zu bewundern. Zu guter letzt muss natürlich dem Tourismusgewerbe kräftig unter die Arme gegriffen werden, sonst ist im nächsten Jahr davon nicht mehr viel übrig. Die Idee als solche ist da schon clever: Anstatt den Hotels und Restaurants einfach Geld zu geben, gibt man den Besuchern Geld, um dies dann weiterzugeben. So hat jeder etwas davon.

Wird das gut gehen? Die Frage ist aus medizinischer Sicht mehr als berechtigt. Aber es könnte durchaus gut gehen. Go to travel läuft – Tokyo ausgenommen – seit August, und obwohl bereits in den Sommerferien viele davon Anspruch genommen haben, sind die Zahlen nicht sonderlich gestiegen. Der eine oder andere Fall wird sich sicherlich nicht vermeiden lassen, aber soweit sich die Veranstalter und die Reisenden an die gängigen Regeln halten, sollte das Risiko überschaubar sein. So hoffe ich zumindest. Und das sehen die Politiker ähnlich. Go to travel sollte im Januar auslaufen, doch nun überlegt man schon, die Aktion fortzusetzen.

Dennoch hinterlässt Corona natürlich tiefe Spuren. Home office und die Angst vor dem Virus sorgen dafür, dass viele Restaurants und Kneipen in den Bürovierteln der Stadt ums Überleben kämpfen. Während vor Corona die letzten Bahnen garantiert proppevoll waren – zur Hälfte mit schwer Angetrunkenen, so sind die letzten Bahnen nunmehr fast leer. JR (Japan Railways, die einst staatliche Bahnlinie) hat deshalb nun Pläne veröffentlicht, die letzten Bahnen um im Schnitt 30 Minuten vorzuverlegen. Auf den meisten Strecken in und um Tokyo fuhr die berühmte 終電 shūden. die letzte Bahn, gegen 0:30. Wer die verpasst, muss entweder laufen, mit dem Taxi fahren, oder bis zur 始発 shihatsu, der ersten Bahn (ab circa 4:30) weiterfeiern. Mit der Vorverlegung fahren diese also nun gegen Mitternacht ab.

Sorge bereitet den Politikern nun das Neujahr. Die meisten Japaner haben dann Urlaub und fahren oft in ihre Heimat, zumindest aber gehen sie zum Schrein oder Tempel, um das neue Jahr einzuläuten. Dieses Jahr liegt Neujahr jedoch ziemlich unglücklich – der 2. und 3. Neujahrstag fallen auf ein Wochenende, so dass viele nur 2, 3 Tage frei haben werden – wenn überhaupt – um dann am 4. Januar wieder zur Arbeit zu gehen. Das würde bedeuten, dass sich die Menschen an den wenigen freien Tagen noch mehr drängeln als üblich, denn berühmte Schreine und Tempel erwarten mehrere Millionen Besucher in den ersten drei Tagen des neuen Jahres:

#Japanischer NameLateinischOrt/PräfekturNeujahrsbesucher
1.明治神宮Meiji-JingūShibuya (Tokyo)3,16 Millionen
2.川崎大師 平間寺Kawasaki-Daishi Heiken-jiKawasaki (Kanagawa)3,02 Millionen
3.成田山 新勝寺Narita-san Shinshō-jiNarita (Chiba)3 Millionen
4.浅草寺Sensō-jiAsakusa (Tokyo)2,83 Millionen
5.伏見稲荷大社Fushimi Inari-TaishaKyoto2,7 Millionen
6.鶴岡八幡宮Tsuruoka Hachiman-gūKamakura (Kanagawa)2,5 Millionen
7.住吉大社Sumiyoshi-TaishaOsaka2,36 Millionen
8.熱田神宮Atsuta-jingūNagoya (Aichi)2,3 Millionen
9.武蔵一宮 氷川神社Musashi-Ichinomiya Hikawa-JinjaŌmiya (Saitama)2,15 Millionen
10.大宰府天満宮Dazaifu Tenman-gūFukuoka2 Millionen

Um den Verkehr und die Menschenmassen zu streuen, wurde nun vom Wirtschaftsministerium vorgeschlagen, den Firmen ans Herz zu legen, ihre Angestellten vom 26. Dezember bis zum 11. Januar (ein Feiertag) in den Urlaub zu schicken. Allerdings wurde das schnell wieder dementiert, denn 17 Tage erscheint den Politikern nun doch etwas lang. Es ist allerdings kaum zu erwarten, dass ein Grossteil der Japaner auf diese Tradition verzichten wird.

Hatsumōde – der traditionelle Neujahrsbesuch in einem Schrein oder Tempel. Hier im Hakusan-jinja (jinja = Schrein) in Niigata

Von fetten Fischen & Sushi mit Senf

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Sushi. Vorne links im Bild: Toro (fettes Thunfischfleisch)
Sushi. Vorne links im Bild: Toro (fettes Thunfischfleisch)

Ein kleiner, aber sehr beliebter Sushi-Laden auf der kleine Insel Hachijō-jima: Es war werktags, und gerade mal 12 Uhr, und da momentan die Touristen weitestgehend fehlten, war ich der einzige Kunde. Und der Sushimeister höchstpersönlich entpuppte sich als sehr gesprächiger Geselle. Das hat man selten, und so gab es einiges zu lernen. Und zu bestätigen.

Als ich vor rund 25 Jahren zum ersten Mal Sushi aß – in Japan – war die Spezialität in Deutschland noch weitestgehend unbekannt. Also die meisten hatten den Namen schon gehört, aber probiert hatte es bis dahin kaum einer mangels Sushiläden. Damals, so zumindest mein Eindruck, stand vor allem Thunfisch für Sushi – und zwar das dunkelrote Fleisch. Es durfte einfach nicht fehlen. Nun sind Thunfische aber grosse Tiere, die genau wie Rinder an verschiedenen Stellen des Körpers verschiedenes Fleisch haben. Rund 20% des Thunfischfleisches werden dabei als トロ toro bezeichnet, und dieses Fleisch wird dann auch noch gern in 中トロ chūtoro und 大トロ ōtoro unterschieden, wobei der Übergang fliessend ist: Ōtoro ist das fettigste Fleisch, rosa und leicht gemasert. “Besser” und teurer ist eigentlich nur noch カマトロ Kamatoro, das Fleisch hinter dem Kopf, aber das macht nur 0.3% des Fisches aus. Und da Toro so rar ist, war es zu jener Zeit richtig teuer und daher nicht Bestandteil einer üblichen Sushisause. Überhaupt bevorzugte man die fischigeren Arten des Sushi.

Auf lokalen Fisch spezialisierter Fischladen (Miura-Halbinsel)

Heute hat sich das geändert: Das Zauberwort lautet “toro”. Fettig soll es sein. Darauf stellt sich auch die Fischzucht ein: Da man seit einiger Zeit Thunfisch auch züchten kann (die meisten Thunfische stammen heute aus industriellen Farmen), hat man es natürlich auch schon geschafft, den Toro-Anteil an den Thunfischen zu erhöhen – von bisher 20% auf bis zu 60%. Sprich, das ursprüngliche, rote Thunfischfleisch wird nunmehr seltener als der einst so luxuriöse Toro. Die Vorliebe für das fettigere Fleisch beschränkt sich dabei nicht nur auf den Thunfisch. Beim カツオ katsuo (Bonito) ist das nicht anders. Der wird – so weit ich weiss – noch nicht industriell gezüchtet. Im Frühjahr schwimmen die Fische mit dem Kuroshio-Meeresstrom gen Norden, in nahrreiche Gewässer, und im Spätsommer / Herbst wandern sie zurück gen Süden. Früher galt dabei das Frühjahr als Katsuo-Saison, doch nun ist es mehr der Herbst: Die 戻り鰹 modorigatsuo, die “zurückkehrenden Bonito”, sind nun vollgefressen und damit wesentlich fettiger als noch vor einem halben Jahr.

Doch auch andere Sachen haben sich geändert. Lachs zum Beispiel wurde früher gemieden. Man kannte ihn eigentlich nur beim japanischen Namen, 鮭 shake (auch: sake), und er war Synonym für gegrillten Fisch. Mehr oder weniger stark gesalzen gehörte er zum festen Bestandteil eines japanischen Mahls, gut gegrillt in den obligatorischen japanischen Fischgrills. Das hatte einen guten Grund: Lachse enthalten oft einen für den Menschen gefährlichen Parasiten – einen Fadenwurm mit dem Namen アニサキス Anisakis, der bei Menschen eine Anisakiasis genannte Krankheit auslöst, die ordentliche Schmerzen im Verdauungstrakt – bis hin zum Darmdurchbruch – auslösen kann. Bei Tintenfischen kommen diese Würmer auch oft vor – ebenso bei Heringen (bei bis zu 70%!). Da die Würmer Temperaturen über 60 Grad und unter -20 Grad nicht überleben, und auch keine Salzlake mögen, lag die japanische Art der Zubereitung nahe: In Salzlake einlegen, dann grillen. Sicher ist sicher. Doch mit dem Beginn der industriellen Lachszucht in Norwegen und anderswo hielt der Fisch auch in den Sushiläden Japans Einzug und wird dort bei seinem englischen Namen – サーモン saamon (Salmon) genannt.

Inselsushi: Leicht mariniert, und mit Senf statt Meerrettich

Ein Besuch bei einem Sushiladen auf einer der kleinen Inseln lohnt sich immer: Zum einen gibt es dort nämlich wirklich fangfrischen, und bisweilen seltenen Fisch – 地魚 jizakana (örtlichen Fisch) – zu essen. Und auf vielen Inseln wird auch noch 島寿司 Shimazushi angeboten: Bei dem wird die Fischauflage erst etwas mariniert, und man isst das Sushi nicht mit Wasabi, dem grünen japanischen Meerrettich, sondern mit 和がらし wagarashi, dem japanischen Senf. Und das passt alles erstaunlich vervorragend zusammen.

Vermisst Japan eigentlich die ganzen Touristen?

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Diese Frage tauchte neulich in einem Facebook-Forum auf, und angedenk der Tatsache, dass Japan auch unter deutschen Reisewütigen in den vergangenen Jahren enorm an Beliebtheit gewonnen hat, ist das durchaus eine interessante Frage. Quasi nach dem Motto: Beruht die Liebe auf Gegenseitigkeit? Als Anmerkung muss ich allerdings auch kurz die andere Seite erwähnen: Mir tun sicherlich all jene leid, die in diesem Jahr nach Japan reisen wollten, aber nicht konnten. Andererseits gibt es auch etliche Menschen wie mich, die in Japan (oder anderso im Ausland) leben, und das auch durchaus gerne, die aber dennoch nichts über einen gelegentlichen Besuch in der alten Heimat einzuwenden hätten. Das letzte Mal war ich 2017 in Deutschland, und da auch nur für 5 Tage – es wäre also mal wieder an der Zeit gewesen, aber aufgrund der Corona-Lage heisst es auch für unsereins: Geduld.

Inbound-Touristen Januar-August in den Jahren 2005, 2010, 2015, 2019, 2020. Offizielle Zahlen der JNTO.

Schaut man sich die ausländischen Besucher (=Inbound) an, dann muss man kein Mathematiker sein, um die Dramatik der Lage zu verstehen. Während 2005 im Schnitt gut 500,000 ausländische Besucher pro Monat nach Japan reisten, so waren es 2015 schon 1,5 Millionen und 2019 fast schon 3 Millionen. Die Zahl der ausländischen Touristen hat sich also in den vergangenen Jahren enorm erhöht, und zwar mehr, als es sich die japanischen Tourismusvertreter je zu träumen gewagt hätten. Im Jahr 2008 schrieb ich in diesem Artikel, dass erstmals 8 Millionen das Land besucht hätten – und das 10 Millionen für 2010 das Ziel seien. 2020, also zehn Jahre später, waren es geschlagene 32 Millionen Touristen (26 Millionen davon aus asiatischen Ländern). Sprich, Japan wurde in den letzten Jahren von Besuchern überrannt, mit all den dazu gehörenden, angenehmen und unangenehmen Folgen. Aus japanischer Sicht angenehm war natürlich der wirtschaftliche Aspekt und ein gewisser Stolz darauf, dass das Land so populär wurde. Zu den unangenehmen Folgen zählte, dass man als Einheimischer kaum noch Zugang zu beliebten Orten – und Restaurants – bekam. Selbst an weniger bedeutsamen Sehenswürdigkeiten wimmelte es plötzlich nur so von Ausländern.

Der Einbruch aufgrund der Corona-Krise war umso dramatischer. Die Zahl der Touristen sank seit März um gut 99.9%; von April bis Juni reisten jeweils weniger als 3,000 Menschen pro Monat ein (und die meisten von ihnen waren sicherlich keine Touristen, sondern Amtsträger und dergleichen). Hinzu kam der Ausnahmezustand von April bis Juni, mit der (wohlgemerkt unverbindlichen) Bitte, Präfekturgrenzen nicht zu überschreiten, woran sich die meisten Japaner auch hielten. Sprich: Für fremdenverkehrsrelevante Firmen und Geschäftsleute begann eine Saure-Gurken-Zeit, die bis heute anhält.

Doch zurück zur eigentlichen Frage: Vermisst Japan eigentlich die ganzen Touristen? Die in der Branche arbeitenden Menschen natürlich schon, aber der Rest vermisst sie momentan wahrscheinlich eher weniger. Da der massive Anstieg der Touristen erst kürzlich stattfand, ist es momentan eher eine Rückkehr zur Normalität – und die Gelegenheit, etwas zu Verschnaufen. Der Hauptgrund ist freilich jedoch Corona: Obwohl die Zahlen in Japan weit weniger dramatisch ausfallen als in Europa, von den USA ganz zu schweigen, beschäftigt das Virus die Menschen noch immer, und man ist sich berechtigterweise einig, dass das Unterbinden von Reisen einen erheblichen Einfluss auf den letztendlich bisher positiven Verlauf der Fallzahlen hatte und hat. Und das es, selbst wenn ein wirksamer Impfstoff gefunden wird, schnell wieder so wird wie es vorher war, glaubt natürlich auch niemand – sprich, eine plötzliche Öffnung der Landesgrenzen für Touristen wird es nicht geben. Es wird eher Schritt für Schritt vorangehen.

Leider muss man bei der Frage dabei auch nach Nationalitäten unterscheiden. Die Chancen stehen hoch, dass Touristen wieder reingelassen werden, wenn das Herkunftsland vergleichsweise coronasicher ist. Dazu zählt die Volksrepublik China, doch auch in Japan herrscht die vornehmliche Meinung, dass es China war, dass allen diese Suppe eingebrockt hat. Dementsprechend finden es die meisten Menschen unfair, dass chinesische Touristen wieder reisen dürfen, andere hingegen nicht. Deutsche Touristen hingegen wären durchaus willkommen, denn die meisten Japaner hatten schon immer eine gute Meinung über die Deutschen, und das Krisenmanagement der Bundesregierung unter Merkel gilt in Japan als gelungen, trotz wesentlich höherer Zahlen als in Japan. Darüber sollten nämlich keine Zweifel bestehen: Die meisten Japaner verfolgen ganz genau, welches Land wie und mit wieviel oder wie wenig Erfolg mit dem Virus umgeht.

Die andere, damit zusammenhängende Frage lautet: Wie wird man als Inlandstourist betrachtet? Seit Ausbruch des Virus war ich zwei Mal längere Zeit in Japan unterwegs: Ein Mal im Juli, auf Hokkaido, und in der vergangenen Woche, auf ein paar abgelegenen Inseln (die verwaltungstechnisch zu Tokyo gehören). Dabei war deutlich spürbar, dass weniger Menschen unterwegs sind. Auf einer der Fähren, die insgesamt über 500 Passagiere fassen, waren neben mir gerade mal 5 weitere Mitreisende anwesend. In den traditionellen Pensionen (民宿 minshuku) war ich mal der einzige Gast, und mal einer von nur zwei Gästen. An anderen Orten gab es eine große Diskrepanz bei den Coronamaßnahmen. Ich traf auf Cafes und Restaurants an wirklich sehr abgelegenen Orten, die nur Take-Out anbieten oder ganz geschlossen haben. Es gibt Museen und Galerien, bei denen nur die Flasche Desinfektionsmittel am Eingang an Corona erinnert. Dann gibt es aber auch Orte wie das “Geothermal-Informationshaus” auf der Insel Hachijō, in das sich wirklich nur hartgesottene Geografen verirren: Dort war ich natürlich der einzige Besucher, musste aber (zum ersten Mal!) ein langes Formular mit allen möglichen Kontaktdaten ausfüllen, um danach erklärt zu bekommen, dass mein Aufenthalt aufgrund der Virussituation auf 30 Minuten beschränkt sei. Natürlich kam in der gesamten Zeit auch kein anderer Besucher.

Ich merkte bei den Reisen oftmals, dass die Menschen wissen wollten, wo in Japan man eigentlich wohnt. Und es gibt noch immer Orte, an denen Bewohner von Tokyo nicht sonderlich willkommen sind. Im Großen und Ganzen spürte ich aber nirgendwo direkte Ablehnung oder einen Vorwurf, nur eben eine mehr oder weniger große Portion Vorsicht.

Natürlich hofft man, dass der gesamte Spuk irgendwann auch mal wieder vorbei ist. Zurückkehrende Touristen werden ein Vorbote der Normalisierung sein, und in dem Sinne werden viele Japaner auch froh sein, wenn sie wieder zurück sind. Ich für meinen Teil bin dann auch froh, mal wieder nach Deutschland reisen zu können.

Die Macht der Juku

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Es war eine lange, tränenreiche Diskussion mit meiner 13-jährigen, in der einige Aussagen fielen, die wir so von unserer Tochter nicht gehört haben. Dass wir sie nicht unterstützen würden. Und dass wir sie nicht verstehen würden. Dass wir nie an sie denken würden. Und und und. Aussagen, die der Standardteenager am nächsten Tag entweder bereuen oder total vergessen haben wird. Im Laufe der hitzigen Diskussion hatte ich manchmal fast das Gefühl, mit einem Junkie zu diskutieren. Aber wie kam es dazu? Der Anlass war die Bekanntgabe des in diesem Falle väterlichen Edikts, dass sie über Neujahr, dem wichtigsten Familienfest in Japan – und natürlich schulfreie Zeit – nicht zur Schule gehen darf. Sicher mag jetzt der einige denken: ???

Mit Schule ist natürlich nicht die normale Schule gemeint, sondern die juku, eine Art Abend- oder Aufbauschule. Von denen gibt es in Japan unendlich viele, und die meisten Kinder besuchen während ihrer „Laufbahn“ die eine oder andere Juku. Der Zweck dieser Juku ist dabei weniger eine Nachhilfe im Sinne, dass hier Kindern geholfen wird, den Schulstoff zu verdauen, sprich schwächeren Schülern zu helfen. Es ist mehr eine Nachhilfe im Sinne, die riesengrosse, klaffende Lücke von dem, was an den Schulen gelehrt wird, und dem, was man für die Aufnahmeprüfungen für die Oberschulen und Universitäten braucht, zu schliessen. Oder um es anders zu sagen: In Jukus lernt man, wie man das Prüfungssystem „austricksen“ kann. In einem Land, in dem die Schulbildung und Qualifikationen alles sind, lernt man weniger für das Leben, sondern dafür, wie man die Tests besteht. Das ist in Südkorea und China nicht anders (sondern teilweise noch extremer). Das Prinzip ist dabei recht einfach: Je besser die Oberschule, desto besser die Universität. Je besser die Uni, desto besser die Chancen auf eine vernünftige, gut bezahlte Arbeit. Und desto besser die Chancen auf dem Heiratsmarkt. Klingt grausam, ist aber nun mal leider so.

Bei den Jukus gibt es solche und solche. Einige, nennen wir sie mal Typ 1, sind wirklich für lernschwache Schüler. Und andere, Typ 2, sind dafür da, für Tests an guten Oberschulen und Universitäten vorzubereiten, und dementsprechend werben letztere auch damit, wie viele Absolventen an wie vielen guten Schulen untergekommen sind. Dieses „gut“ wird letztendlich an einem einzigen Wert gemessen: Dem „hensachi“-Koeffizenten, eine Art „Standardabweichung“ in Sachen Bildung. 50 bedeutet schnöder Durchschnitt, 70 bedeutet überdurchschnittlich gut und 30, nun ja, da kann man sein Kind auch gleich zur Baumschule schicken. Und obwohl es eigentlich nicht (mehr) erlaubt ist, Schulen allein an ihrem hensachi-Wert zu messen, so wird das natürlich trotzdem getan, denn bei rechtem Licht betrachtet ist das schön einfach: Mit einer einzigen, hoffentlich zweistelligen Zahl kann man das Lern- und Fassungsvermögen seines Nachwuchses quantifizieren, und damit natürlich auch Ziele stecken.

Natürlich sind die Lehrer in den Jukus, gemeint ist Typ 2, gut. Sie sind um Längen besser als die an den meisten öffentlichen Grund- und Mittelschulen, da ihre Lehrpläne besser durchdacht sind, und da sie selbst, oftmals erst vor wenigen Jahren, die Prüfungshölle durchlaufen sind und daher noch genau wissen, worauf es ankommt. Viele Lehrer werden zum Beispiel aus den Alumni der besten Universitäten des Landes rekrutiert. Ständige Zwischenprüfungen mit ausführlichen Berichten sorgen dafür, dass die Kindern und ihre Eltern ständig Ergebnisse sehen, und die werden natürlich immer gleich ausgewertet: So weiss man genau, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Kinder bei welchen Schulen die Aufnahmeprüfung bestehen können. Und das ist ist enorm wichtig: Man darf sich nur für eine öffentliche Oberschule bewerben und hat dort nur einen Versuch, die Aufnahme zu bestehen. Wird die Prüfung vermasselt, bleibt nur noch die Privatschule, und die ist um einiges teurer. Aus diesem Grund ist es enorm wichtig, zu verstehen, welche Schule realistisch ist: Greift man nach der guten Schule mit einem Hensachi-Wert von 65, mit dem Risiko, durchzufallen, oder nach der mit einem Hensachi-Wert von 60 – deren Prüfung man ziemlich wahrscheinlich bestehen wird, aber bei er es schwer sein wird, an eine gute Uni aufzurücken?

Das System vieler Juku ist dabei ziemlich perfide. Die Kinder werden bei größeren Juku in Klassen aufgeteilt, gestaffelt nach Lernergebnissen. Ständige Einstufungstests kalibrieren die Zugehörigkeit und sorgen dafür, dass Kinder aufsteigen – aber natürlich auch absteigen können, was für grossen Druck sorgt. Je besser die Klasse, desto besser die Lehrer – aber desto umfangreicher auch der Lernstoff. Und: desto höher auch die Schulgebühren. Wenn das Kind freudig nach Hause kommt und sagt, dass es aufgestiegen ist, kann das auch gleich mal bedeuten, dass man von nun an nicht 500; sondern 750 Euro pro Monat dafür zahlen darf, dass man sein Kind kaum noch sieht.

Doch damit nicht genug: Es gibt zusätzlich auch noch Sommer- und Winterkurse während der jeweiligen Ferien, sowie „Sondertraining“, und genau das war der Anlass der Diskussion: Schweren Herzens bewilligten wir den Winterkurs, in den Ferien zwischen Weihnachten und Neujahr, aber der dreitägige Sonderkurs zu Silvester sowie am zweiten und dritten Neujahrstag leuchtete mir nicht ein. Dass zu vermitteln ist jedoch schwer, denn die Lehrer sind natürlich geübt darin, den Unterricht zu verkaufen. Im Unterricht wird den Kindern erzählt, dass sie „auf jeden Fall teilnehmen sollten“, und dass die reelle Gefahr besteht, abzusteigen, wenn sie nicht teilnehmen. Und natürlich wird auch noch nachgeschoben, dass „in der Regel alle daran teilnehmen“. Das erinnet ein bisschen an den alten Gag mit der Werbung: „Liebe Kinder, denkt daran: Wenn Euch Eure Eltern das nicht kaufen, dann lieben sie Euch nicht!“. Mit anderen Worten: Gehirnwäsche.

„Ist doch schön, wenn die Kinder freiwillig so viel lernen möchten!“ könnte man da einwerfen. Sicher. Und da unterstütze ich meine Tochter gern. Aber dass dabei auch wichtige Feiertage und Familienzusammenkünfte draufgehen sollen, sehe ich nicht ein. Was mir aber ebenso Sorgen macht, ist, dass die juku offensichtlich den Charakter verdirbt: Dieses extreme Konkurrenzdenken und die eingebleute Meinung, dass es völlig in Ordnung sei, pausenlos zu lernen (und später zu arbeiten), geht mir gelinde gesagt gegen den Strich. Und es nimmt beinahe sektenähnliche Züge ein – zu guter letzt diskutiert man nicht mehr mit seinem Kind, sondern mit dem Credo der juku, dass in die Köpfe der Kinder eingehämmert wird. Von Lehrern, die in fast allen Fällen keine Kinder haben.

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