Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Corona-Impfstoff in Japan frühestens im Februar

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3D-Darstellung eines Corona-Virus (Quelle: Wikipedia)

Die Impfungen gegen das Corona-Virus haben nun also weltweit begonnen – in Deutschland wird geimpft, in den USA ebenso, in Russland, China… und und und. Doch in Japan ist es noch lange nicht so weit.

Auch in Japan versuchte man, Impfstoffe gegen COVID-19 zu entwickeln, doch man liegt um Längen zurück. Im Jahr 2020 gab es erste Schritte, doch bei ersten klinischen Tests wurde schnell deutlich, dass man in eine Sackgasse geraten war. Japanische Pharmaunternehmen wie Takeda Pharmaceutical haben sich deshalb aus der Entwicklung zurückgezogen und arbeiten nun vermehrt an Therapien – sowie an Partnerschaften mit ausländischen Unternehmen, um die Impfungen in Japan zu koordinieren.

Am weitesten ist bisher Pfizer/BioNTech – denn die haben am 18. Dezember 2020 bei der japanischen Arzneimittelbehörde PMDA den Antrag auf Zulassung gestellt. Die Behörde versprach, der besonderen Lage Tribut zu zollen, sprich das Zulassungsverfahren zu beschleunigen. Und so rechnet man damit, dass der Impfstoff frühestens Mitte Februar zugelassen wird. Kurz darauf soll es dann auch mit den Impfungen losgehen.

Die japanische Regierung hat bisher mit drei Herstellern Verträge über Kaufoptionen abgeschlossen: Pfizer/BioNTech, AstraZeneca und Moderna. Dass Japan auch mit chinesischen Firmen in Kontakt tritt, ist ziemlich unwahrscheinlich – das wäre der Bevölkerung schwer zu vermitteln, denn die meisten sehen China als den Hauptverursacher der Pandemie an und finden es dementsprechend unfair, vorsichtig ausgedrückt, dass ausgerechnet China nun daran profitieren soll.

Insgesamt hat man sich 290 Millionen Impfdosen gesichert. Das reicht also für 145 Millionen Menschen – und damit für 20 Millionen mehr als in Japan leben. Der ehrgeizige Plan lautet, 60 Millionen Menschen noch im ersten Halbjahr zu impfen, und gerade eben wurde auf der ersten japanischen Parlamentssitzung in diesem Jahr beschlossen, dass Taro Kono, der ehemalige Außen- und später Verteidigungsminister, der “Impfminister” sein wird.

Soweit der Plan, doch es stellt sich die Frage, wie weit die Bevölkerung da mitspielt. Bei einer Umfrage auf Yahoo!, bei der innerhalb weniger Tage mehr als 100,000 Menschen teilnahmen, antwortete man wie folgt auf die Frage, was man zu tun gedenke, wenn die Impfungen Ende Februar beginnen:

Weniger als ein Drittel ist demzufolge bereit, sich sofort impfen zu lassen. Und das überrascht nicht, denn es gibt viele Vorbehalte, und die werden von diversen mehr oder weniger selbst ernannten Experten und den Medien geschürt. So kursiert das Gerücht, dass jegliche Manipulation mit genetischem Material unweigerlich zu Krebs führen werde – oftmals aber erst nach 5 oder 10 Jahren, so dass niemand abschätzen könne, wie sich die Impfungen auf lange Sicht auswirken werden. Selbst, wenn das widerlegt werden sollte – dieses Gerücht wird sich noch lange halten, und ein gutes Beispiel dafür ist die Pille: Während diese in westlichen Staaten seit Jahrzehnten eingesetzt und immer weiter entwickelt wird, hält sich in Japan noch immer das Gerücht, dass sie langfristig sehr schädlich ist. Deshalb wird sie auch so gut wie nie zur Schwangerschaftsverhütung eingesetzt, sondern maximal bei schweren Menstruationsbeschwerden verschrieben.

Per se ist man natürlich nicht gegen Impfungen. Doch wie bei so vielen Dingen in Japan ist der Staat nicht sehr verbindlich, wenn es um die Regeln gilt. Man setzt in Japan auf freiwillige Verpflichtung, genannt 努力義務 doryoku gimu, was wortwörtlich bedeutet “die Pflicht, sich zu bemühen”. Bei Impfungen wird in verschiedene Kategorien eingeteilt – und prinzipiell werden die Menschen angehalten, sich gegen A類疾病 eirui shippei – “Kategorie A-Krankheiten”) impfen zu lassen – diese sind wie folgt:

Japanischer NameLesungDeutscher Name
ジフテリアjifuteriaDiphtherie
百日せきhyakunichisekiKeuchhusten
急性灰白髄炎(ポリオ)kyūsei kaihaku zuien (polio)Poliomyelitis
麻疹(はしか)mashin (hashika)Masern
風疹fūshinRöteln
日本脳炎nihon nōenJapanische Enzephalitis
破傷風hashōfūTetanus
結核kekkakuTuberkulose
Hib感染症hibu kansenshōHaemophilus-influenzae-b-Infektion
小児の肺炎球菌感染症shōni no haien kyūkin kansenshōPneumokokken
ヒトパピローマウイルス感染症hito papirō wirusu kansenshōGebärmutterhalskrebs (durch Papillomviren)*
水痘(水疱瘡)suitō (mizubōsō)Windpocken*
B型肝炎bi-gata kan’enHepatitis B*
痘そう(天然痘)tōsō (tennensō)Pocken*
* markierte Impfungen sind eher Empfehlungen.

Diese Klassifizierung ist wichtig, sagt sie doch aus, ob die Impfungen vom Staat subventioniert werden oder nicht. Natürlich gibt es noch viele andere Impfungen, wie zum Beispiel Grippeimpfungen, aber die müssen dann entsprechend komplett aus eigener Tasche bezahlt werden.

Der Großteil der Japaner lässt sich und die Kinder impfen. In Japan Geborene erkennt man zum Beispiel schnell an 9 verschwommenen Punkten auf dem Oberarm – markantes Zeichen der in Japan gängigen BCG-Impfung (gegen das TBC verursachende Calmette-Guérin-Bazillus), die im Alter von ca. einem Jahr mit einer neunnadligen Spritze verabreicht wird.

Die Frage wird sein, ob man Corona als Kategorie-A-Krankheit einstufen wird oder nicht. Das würde zwar, wie oben erwähnt, nicht bedeuten, dass Impfzwang entsteht, doch die Bereitschaft würde sicher wachsen, da die Regierung ja quasi die Menschen “verpflichtet, sich nach Kräften zu bemühen”.

Es steht viel auf dem Spiel – die Gesundheit vieler Menschen, die Wirtschaft – und die Olympischen Spiele. Denn jetzt nimmt die Diskussion darüber, ob die Spiele in diesem Jahr überhaupt stattfinden können, richtig Fahrt auf – und sie steht und fällt mit der Impfdebatte.

Japan verschärft erneut Einreiseregelungen und stellt Sünder an den Pranger

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Maskenpflicht? In Japan kein Thema

Es kam, wie es kommen musste: Japan macht immer mehr die Schotten dicht, so dass kaum noch jemand ins Land kann. Vorerst zumindest, denn die heute erlassenen, neuen Regeln gelten vorerst bis zum planmässigen Ende des Ausnahmezustandes, und das wäre der 7. Februar. Eine Verlängerung des Ausnahmezustandes ist allerdings sehr wahrscheinlich.

Von den verschärften Regeln sind nun auch Geschäftsreisende sowie alle irgendwie an den Olympischen Spielen Beteiligte betroffen. Gegen Ende des Jahres 2020 wurden immer mehr Ausnahmen zugelassen. Von Juni bis Mitte Januar konnten so insgesamt rund 130,000 Ausländer in Japan einreisen – darunter, in einem kurzen Zeitfenster von November bis Anfang Dezember sogar Working Holiday-Visa-Inhaber, doch damit ist vorerst Schluss.

Man hat begründetermaßen Angst vor den immer zahlreicher werdenen Mutationen. So entdeckte man bei drei aus Brasilien eingereisten Ausländern am vergangenen Wochenende eine neue Mutation, die sich von der südafrikanischen und anderen Mutationen entscheidet. Starke Zitate machen die Runde – so sagte ein Arzt der Presse, dass es nicht mehr darum geht, den Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu verhindern – dazu sei es zu spät – sondern die “Vernichtung des Gesundheitssystems” aufzuhalten. Das klingt etwas reißerisch. Fakt ist, dass die Zahlen in Tokyo rückläufig sind. Das möchte man zumindest meinen, wenn man nur auf die Zahlen der Neuinfektionen schaut. Doch die Tatsache, dass die Zahl der Tests rückläufig ist – und der Anteil der positiven Testergebnisse auf fast 50% angestiegen ist, verheisst nichts Gutes: Die Zahlen sind nur rückläufig, weil viel weniger und nur im Notfall getestet wird.

Damit deutet sich auch in Japan an, was auch anderswo schon traurigerweise offensichtlich ist: Das zweite Coronajahr wird härter als das erste.

Wer übrigens in Japan einreiste oder ab jetzt einreist (da zum Beispiel ein Wohnsitz in Japan vorhanden ist), verpflichtet sich zu zwei Wochen Eigenquarantäne, währenddessen man zum Beispiel keine ÖPNV benutzen darf. Das wurde allerdings bisher nur sehr lax gehandhabt – es gab keine wirklichen Kontrollen. Nun wurde beschlossen, dass man die Namen derer, die man bei einem Verstoß gegen die Quarantäne erwischt hat, veröffentlichen will. Wozu das nun gut sein soll, weiss wahrscheinlich niemand so richtig.

Bettler in Shinjuku? Yahoo! Japan und seine Nachrichten

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Nur halbherzig markierte rechte Propaganda inmitten von Nachrichtenartikeln auf Yahoo! Japan
Nur halbherzig als bezahlte Werbung markierte rechte Propaganda inmitten von Nachrichtenartikeln auf Yahoo! Japan

Es war eine der Hauptschlagzeilen auf Yahoo! News, DER Nachrichtenquelle in Japan schlechthin für all jene, die eigentlich nicht wirklich an Nachrichten interessiert sind. Mehr dazu aber weiter unten.

Yahoo! News ist im Wesentlichen ein News-Aggregator, und im Gegensatz zu Yahoo! im Rest der Welt ist der Anbieter in Japan ganz dick dabei – Yahoo ist auf Rang 3 der meistbesuchten Seiten, nach Google und Youtube. Die heutige Schlagzeile lautete “35-jähriger Bettler am Bahnhof. Hilfe, die bei den Bedürftigsten nicht ankommt” und kommt von einem Artikel der Mainichi Shimbun, einer der größten Tageszeitungen des Landes. In dem Artikel¹ wird ein junger Mann beschrieben, der mit einem Pott und einem Schild mit Bitte um Hilfe vor dem Bahnhof von Shinjuku wartet und hofft, dass ein paar Passagiere Münzen einwerfen. Auf dem Schild steht “Corona und andere Dinge bereiten mir grosse Mühen. Bitte helfen Sie mir”.

Hat Corona also Japan so weit gebracht, dass die ersten Bettler auftauchen? Nun ja. Erstens sollte ich dazu anmerken, dass ich auch vor Corona schon angebettelt wurde. Ein Mal im Park von Hibiya, quasi direkt vor dem Kaiserpalast in Tokyo, und ein Mal in Osaka, nahe des berüchtigten Airin-Bezirks, gern das letzte Ghetto Japans genannt. Bettler sind allerdings wirklich ein sehr rares Phänomen. Um zwei Mal angebettelt zu werden, musste ich schliesslich mehr als 16 Jahre in Japan verbringen. In Berlin schaffe ich das wahrscheinlich locker in 16 Minuten, es sei denn, seit meinem letzten Besuch 2017 hat sich vieles geändert.

Laut Bericht verlor der junge Mann aufgrund der Corona-Krise seine Arbeit und dann auch seine Wohnung. Er kam für ein paar Tage bei einem Freund unter, wollte dem aber nicht länger zur Last fallen. Davon, dass die Stadt rund 1,000 Menschen ohne Bleibe kostenlos ein Hotelzimmer zur Verfügung stellt, habe er zwar gehört, aber er wisse nicht, wie er sich bewerben kann. Und andere Jobs konnte er auch nicht ergattern.

Laut Wirtschaftsministerium haben bisher rund 80,000 Menschen ihre Arbeit aufgrund des Corona-Virus verloren, Sehr viele mehr sind “suspendiert” oder auf Kurzarbeit. Viele Menschen erhalten Unterstützung in Form von Lohnausfallzahlungen, aber in günstigen Fällen liegt die bei gerade mal 60%. Selbst ohne Corona ist die Zahl derer mit prekären Arbeitsverhältnissen ständig angewachsen – immer mehr Japaner arbeiten in losen Arbeitsverhältnissen und können sich selbst mit Vollbeschäftigung kaum über Wasser halten. Die Corona-Krise verschärft das enorm. So tauchten zum Beispiel am 9. Januar mehr als 200 Menschen bei der Essensausgabe einer Art Suppenküche nahe des Stadtmagistrats auf – mehr als 2.5 mal so viele wie im vergangenen Jahr.

Werden wir uns also in Japan an das Bild bettelnder Menschen gewöhnen müssen? Eher nicht, vorausgesetzt, die Pandemie lässt in den folgenden Monaten etwas nach. Denn es gibt durchaus Arbeit, und es gibt auch Lösungen für Menschen ohne Bleibe, wie oben erwähnt. So gesehen ist die Schlagzeile des Artikels ein bisschen reißerisch, denn das ist noch kein Trend sondern eher ein Einzelfall. Jemand, der durch das Raster gefallen ist, und es vorzieht, vor dem Bahnhof zu betteln. Eine bewusste Entscheidung.

Apropos Yahoo! News. Wie bei so vielen News-Aggregatoren finanziert sich der Dienst hauptsächlich durch Werbung, doch die ist bei Yahoo in Japan besonders perfide. Zwischen den ganzen Schlagzeilen verstecken sich nämlich Werbungen, die zwar durch einen kleinen Vermerk rechts unten als solche gekennzeichnet werden, beim Querlesen aber oftmals nicht als solche ersichtlich sind. Das wäre kein Problem, wenn hier Waschmittel oder Immobilien beworben werden – oftmals sind es aber fragwürdige Publikationen, in der Regel aus dem rechten Lager. Siehe Beispiel auf dem Foto ganz oben. Die vierte Schlagzeile sagt “Geschundenes Japan, warum kapitulierst du nicht”, mit der Unterzeile “Die große Lüge des Pazifikkrieges” (gemeint ist der 2. Weltkrieg mit Japan als Akteur). Wer da nicht aufpasst, liest da ganz schnell mal einen vermeintlichen Nachrichtenartikel, der in Wahrheit einfach nur krude rechte Propaganda ist.

¹ Quelle: Siehe hier.

Der Ausnahmezustand ist da | Das Ende der Neujahrskarten?

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Unsere Neujahrsgrüsse für 2021. Wie lange werden wir die wohl noch verschicken?
Unsere Neujahrsgrüsse für 2021. Wie lange werden wir die wohl noch verschicken?

Wie bereits am 4. Januar in diesem Artikel angekündigt, wurde heute also der Ausnahmezustand ausgerufen – gültig ab Freitag, dem 8. Januar, und für die Dauer von einem Monat, wobei schon jetzt deutlich wurde, dass man den Ausnahmezustand nur dann beenden will, wenn die Zahlen für Tokyo unter 500 pro Tag fallen.

Dazu gab es mehrere Szenarien: Experten befürchten, dass die Zahl der täglichen Neuinfektionen ohne Ausnahmezustand bis Ende Februar auf rund 3,500 Fälle pro Tag steigen wird – und mit einem relativ lockeren Ausnahmezustand, wie er jetzt beschlossen wurde, es wahrscheinlich bei rund 1,200 Fällen pro Tag bleibt. Diese Schätzungen sind vorsichtig ausgedrückt optimistisch, denn gestern waren wir bei 1,500 Fällen – und heute plötzlich bereits bei rund 2,500 Neuinfektionen. Allein in Tokyo, wohlgemerkt.

Konkret bedeutet der Ausnahmezustand nicht allzu viel: Die größte Maßnahme ist die, dass Restaurants und Bars vor 8 Uhr abends schliessen sollen. Tun sie das nicht, werden die Betreiber entweder direkt gebeten, zu schliessen, oder eine Liste der Namen wird veröffentlicht. Wenn das mal nicht als indirekte Werbung für coronamüde Bargänger endet…

Die Corona-Pandemie sorgt für diverse Veränderungen, und eine in diesem Jahr spürbare Veränderung war die Abnahme der obligatorischen Neujahrsgrußkarten, genannt 年賀状 nengajō. Die enthalten die Adresse des Empfängers und des Absenders sowie ein Lotterielos und eine vorgedruckte Briefmarke auf der einen Seite, und persönliche Grüsse und ein vorgewähltes Motiv (oder selbst gestaltete Motive, Familienfotos und dergleichen) auf der anderen Seite. Ausgeliefert werden die Karten am 1. und am 3. Januar, manche auch etwas später. Zu Spitzenzeiten, im Jahr 2003, wurden sage und schreibe fast 35 Karten pro Japaner geschrieben – an Familienangehörige, Freunde, Kollegen, Vorgesetzte, Clubmitglieder und so weiter und so fort. Mein Schwiegervater erhielt zu Spitzenzeiten und aufgrund seiner Position in der Firma über 200 Karten pro Jahr – und verschickte entsprechend selbst auch sehr viele.

Graphik: Durchschnitt der versendeten Neujahrskarten pro Person

Doch seit 2003 nimmt die Zahl der Karten ab – in diesem Jahr lag der Schnitt bei 15 Karten pro Person, und das haben wir auch selbst festgestellt – immer mehr Menschen nehmen Abschied von dieser – zugegeben etwas lästigen – Tradition und schicken entweder gar nichts oder eine Karte per Email. Die absoluten Zahlen sind übrigens beeindruckend: 2003 wurden innerhalb von zwei, drei Tagen 4,4 Milliarden (!) Neujahrskarten verschickt – in diesem Jahr waren es immerhin fast 2 Milliarden.

Das mit den Neujahrskarten ist übrigens nicht so einfach. Hatte man in der Familie einen Todesfall zu beklagen, schickt man vor Neujahr eine 喪中 Mochū – “Trauerkarte”, die bedeutet, dass man keine Neujahrskarte schicken wird — und auch keine Neujahrskarten geschickt bekommen möchte. Ausserdem werden bei den Adressen auch die Kinder aufgelistet – man muss also bei Todesfällen und Geburten permanent die Adressdaten ändern, und schon bei 50 Adressen gibt es da etliche Änderungen pro Jahr.

So gut wie sicher: Japan erklärt erneut Ausnahmezustand

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Maskenpflicht? In Japan kein Thema

Es war ein langes Gezerre zwischen den Präfekturchefs von Tokyo, Chiba, Saitama und Kanagawa einerseits und der Regierung andererseits, doch seit heute nachmittag ist es so gut wie amtlich: Japan erklärt – mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit – erneut den Ausnahmezustand, erwartet wird, dass dieser am 9. Januar um Mitternacht, für die Dauer von einem Monat, in Kraft tritt. .

In den vergangenen Wochen gab es dazu erstaunliche Parallelen zu Deutschland. Was für die Deutschen das Weihnachtsfest, ist für die Japaner das Neujahrsfest. Die ersten drei Dezemberwochen wurden deshalb als absolut wichtig angesehen – würde man es schaffen, in dieser Zeit die Zahl der Neuinfektionen zu reduzieren, könnte man relativ unbeschwert die Neujahrsfeiertage verbringen. Das war jedoch nicht mehr als ein Denkanstoß – getan wurde nämlich absolut gar nichts, und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Zahlen unaufhörlich in die Höhe kletterten. Der Weckruf kam dann auch prompt am 30. Dezember: Während bis dahin die Höchstzahlen für die Zahl der Neuinfektionen in Tokyo bei 800+ lag, waren es plötzlich mehr als 1,300 Menschen. Dass die Zahl bald die Tausendermarke überschreiten dürfte, war klar – aber dieser Anstieg ist schon dramatisch. Seit dem 30. Dezember lag die Zahl nun stets wieder im dreistelligen Bereich, doch das liegt allein daran, dass ganz Japan zwischen dem 31. Dezember und dem 3. Januar quasi still steht, egal ob Corona wütet oder nicht. Sehr wahrscheinlich wird obiger Rekord in dieser Woche erneut übertrumpft.

Das Gezerre zwischen den Präfekturen und der Regierung wurde dabei in letzter Zeit immer unverständlicher. Koike, Governeurin von Tokyo, weigerte sich, kleinere Maßnahmen durchzusetzen und drängte die Regierung, den Ausnahmezustand auszurufen. Diese wiederum kritisierte mehrfach Koike, nichts unternommen zu haben.

Es ist der zweite Ausnahmezustand – der erste begann am 7. April 2020 (siehe hier), galt vorerst für 7 Präfekturen und Tokyo und sollte vorerst einen Monat lang dauern. Schließlich wurde er auf das ganze Land ausgeweitet und am 25. Mai, also zwei Wochen später als ursprünglich geplant, aufgehoben.

Der erneute Ausnahmezustand soll vorerst nur für Tokyo und die drei umliegenden Präfekturen gelten. Ausserdem sollen die Maßnahmen punktuell eingesetzt werden. In erster Linie will man dabei bei der Gastronomie ansetzen und diese dazu auffordern, die Läden spätestens um 8 Uhr abends zu schliessen. Schulen und Kitas sollen dieses Mal offen bleiben – ein ganz grosser Unterschied zum letzten Ausnahmezustand.

Bei einer Online-Umfrage mit rund 400,000 Beteiligten gaben 81% an, dass ein Ausnahmezustand nötig sei, nur 17% meinen, dass es auch ohne weitergehen kann¹.

Es sei noch mal darauf verwiesen, dass sich der (Corona-)Ausnahmezustand in Japan wesentlich von einem “Lockdown” in Europa unterschiedet. Fast alle Maßnahmen sind freiwilliger Natur, und Verbote (oder Strafen) gibt es so gut wie keine.

Meiner Meinung nach, und damit stehe ich mit Sicherheit nicht allein, ist die, dass der sogenannte Ausnahmezustand viel zu spät kommt. Dass man die Schulen offen hält, halte ich für richtig, aber vor allem die Kneipen hätten – bei angemessener Entschädigung – viel früher begrenzt werden sollen. Da man sich in Japan während der Neujahrstage traditionsgemäß kaum bewegt – und die meisten Geschäfte und Restaurants auch geschlossen haben, sollten die Infektionszahlen zumindest stagnieren, doch das allein wird nicht reichen.

Es ist auch etwas seltsam. Als wir im März/April gelegentlich unser Mittagessen bei einem der grossen Udon-Restaurants gekauft haben, war kaum ein Gast im Restaurant – alle haben ihr Essen mit nach Hause genommen. Damals gab es weniger als 100 Neuinfektionen in Tokyo. Als ich am 30. Dezember mal wieder dort war – und wie in letzter Zeit üblich – vom Takeout Gebrauch machte, war das Restaurant voll mit Leuten. So gut wie keiner nahm sein Essen mit nach Hause. Die große Zustimmungsrate zum Ausnahmezustand einerseits und die Handlungen der Menschen andererseits sind da schon etwas verwunderlich.

¹Quelle: Siehe hier.

2020 – Ein Abgesang / Gesundes Neues Jahr!

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War definitiv eines der Highlights von 2020: Eine Wanderung auf dem Krater der Insel Hachijojima
War definitiv eines der Highlights von 2020: Eine Wanderung auf dem Krater der Insel Hachijojima

Wie jedes Jahr gibt es den traditionellen, persönlichen Jahresrückblick – dieses Jahr von zu Hause aus, aus gegebenem und leidigen Anlass. Das war also, aus Sicht von Tabibito, das Jahr 2020:

Politik
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Kurz nachdem Abe also den Rekord des am längsten amtierenden Ministerpräsidents gebrochen hat, trat er zurück. Und machte somit Platz für seinen Spezi, Suga. Und so viel steht schon mal fest: Der Neue bekleckert sich nicht eben mit Ruhm. Das gilt auch für seine Coronapolitik: Es wird gezaudert und herumgeeiert, und schlimmer noch – er hält sich selbst nicht an die Regeln, die das Volk befolgen soll. Im Wesentlichen hat sich also eigentlich nicht viel geändert: Integre Politiker sind selten, und es wird gemauschelt wie eh und je. In Deutschland meckern viele über Merkel, aber aus der Ferne betrachtet erscheint sie beinahe wie eine Lichtgestalt: Integer, besonnen und souverän. Aber aus der Ferne betrachtet sieht alles immer ein bisschen besser aus.

Wirtschaft
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Mit der Wirtschaft geht es aufgrund von Corona steil bergab – doch die Aktienkurse steigen unaufhörlich. Das ist schon sehr befremdlich, wenn auch nicht überraschend. Wie wäre es mit einer Coronaabgabe auf Aktienhandel? Der beschleunigte Umverteilungsprozess ist jedenfalls hüben wie drüben erschreckend.

Beruf
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Seit nunmehr 15 Jahren das Gleiche: Keine Änderungen. Allerdings büsste mein Nebengeschäft stark ein – aufgrund von Corona. Die Neuauflage eines Buches verzögert sich immer mehr, ein weiteres, an dem ich sehr viel mitgearbeitet habe, wird ebenso immer weiter verschoben (= ergo keine Bezahlung), und diverse Aufträge blieben aus. Die Reisebranche lässt ganz stark Federn, und das bekomme ich auch zu spüren.

Familie
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Das letzte Mal war ich 2017 in Deutschland – für 5 Tage. Eigentlich sollte es also wieder mal gen Heimat gehen, aber aus bekannten Gründen war das Timing ungünstig. Immerhin geht es aber der Familie gut, und unsere Familie hat sogar Zuwachs, wenn auch nur bepelzten: Seit ziemlich genau einem Jahr ist ein Somali-Kater bei uns zu Hause. Der Kollege schläft am liebsten auf dem Verstärker, ist extrem neugierig und einfach goldig.

Simba der Somali

Reisen
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Von der abgeblasenen Reise nach Deutschland mal abgesehen kann ich nicht unbedingt klagen. Es ging in diesem Jahr mal wieder nach Hokkaido, in die japanischen Alpen bei Hakuba, auf zwei entfernte Inseln, die zu Tokyo gehören, sowie nach Izu. Von zahlreichen kleineren Ausflügen ganz absehen. Schade ist nur, dass vollständige Familienausflüge eher zur Ausnahme werden – dazu ist meine Tochter nun zu sehr im japanischen Bildungssystem gefangen.

Blog +α
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Dieses Jahr gab es – wie in den letzten Jahren auch – 84 neue Beiträge. Das sind 7 Beiträge pro Monat, und zwar nicht im Schnitt, sondern exakt. 36 dieser Beiträge, also beinahe die Hälfte, beschäftigte sich dabei mit Corona – ein Thema, dessen ich natürlich schon lange leid bin, aber eine Aufgabe dieses Blogs ist es, möglichst unvoreingenommen und aktuell darüber zu berichten, was in Japan so los ist, und da kommt man um das Virus nicht drum herum. Der meistgelesenste Artikel war dementsprechend auch ein coronabezogener Artikel vom Februar.

“Dank” fehlender Aufträge konnte ich wenigstens meinen Backlog an Beiträgen etwas abarbeiten: Im Japan-Almanach (ausserhalb des Blogs) entstanden so 31 neue Seiten. Zehn davon sind Neuzugänge im “Ramen-Navigator“, der Rest stellt Reiseziele vor. Ich hatte auch etwas Zeit, ein kleines Programm zu schreiben, mit dem ich rohe Satellitendaten auswerten und so Reliefkarten erstellen kann – ein Beispiel siehe unten. Einmal Geograph immer Geograph…

Selbst erstellte Karte – hier von der Insel Miyakejima

Es war ein vermaledeites Jahr, überall — ich wünsche allen Lesern dementsprechend ein besseres 2021, und das sich die Lage im neuen Jahr langsam aber sicher beruhigt — und so bald nicht wiederholt. Tapfer bleiben – und vor allem bleibt gesund, und ich hoffe, Ihr haltet diesem Blog auch im nächsten Jahr die Treue!

1 plus 1 ist nicht immer 2

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Uniku - Uni und Rindfleisch
Uniku - Uni und Rindfleisch

Kurze Auszeit – und da der Rest arbeiten muss oder zur Schule geht, tingele ich nun also allein herum, aber nur für drei Tage, und “nur” in der Nachbarschaft: Auf der Izu-Halbinsel. Die hatte mich schon bei meinem ersten Besuch, das war immerhin vor 24 Jahren, fasziniert. Hier hat man alles: Meer mit allen möglichen Küstenformen, vom Sandstrand bis hin zu steilen Klippen, Berge – ebenfalls in den verschiedensten Formen, und bis über 1,400 Meter hoch. Eine andere Vegetation als in Tokyo – denn auf Izu ist es im Winter ein paar Grad wärmer. Und Geschichte. Und Meeresgetier bis zum Abwinken.

A propos Meeresgetier. Natürlich haben sich viele Restaurants und Kneipen darauf spezialisiert. Und wie in Japan üblich, experimentiert man gern. So bin ich heute auf etwas gestoßen, wovon ich vorher schon mal etwas gehört hatte, es aber noch nie probieren konnte: うにく uniku. Eine Verballhornung, aus den Wörtern “uni” (Seeigel) und “niku” – “Fleisch”. Wirklich? Ich liebe Seeigel, und ich liebe japanisches Rindfleisch. Aber beides zusammen? Ich war skeptisch, aber natürlich hat die Neugier gesiegt. Ansehnlich sieht es ja aus – ein dünner Streifen fast rohen Rindfleischs, darauf dann auf Sushi-Gunkan-Art eine gehörige Portion Seeigel. Erwartet hatte ich Reis in der Mitte, aber es war geriebener Rettich. Gegessen wird das ganze nach Sushi-Art, mit Soyasauce und Wasabi. Das ganze Gebilde sieht schon fotogen aus, aber es schreit nach Kiefersperre, zumal es schwer sein dürfte, davon einfach mal nur abzubeissen – das gäbe eine Riesensauerei und -sabberei. Den Mund also weit aufgesperrt, und rein damit. Ah, Seeigel. Nee, Rindfleisch. Oh, hier kommt der Rettich. Und schon wieder Seeigel. Den kriegt man aber geschmacklich nicht richtig zu fassen, weil immer wieder der Rettich und das Rind stören. Sicher, ganz schön edel, das Ganze, aber bloß weil man zwei sehr schmackhafte Dinge zusammentut, bedeutet es noch lange nicht, dass die Sache doppelt so schmackhaft wird. Quod erat demonstrandum.

Dennoch ist es diese Probierfreude, die in Japan (aber nicht nur dort) immer wieder neue Sachen hervorbringt und die Qualität der Restaurants auf sehr hohem Niveau hält. Das Schlüsselwort ist dabei fast immer “Umami” – der fünfte Geschmacksnerv, der in der deutschen Küche zum Beispiel kaum angesprochen wird. Bekannte Lebensmittel mit sehr hohem Umamianteil sind zum Beispiel getrocknete Tomaten oder auch Parmesan.

Sowohl Seeigel als auch rohes Rindfleisch haben einen hohen Umamigehalt und müssen deshalb nach dem japanischen Verständnis gut zusammenpassen. Gewissermassen tun sie das auch – das Problem ist nur, wenn man Seeigel wirklich liebt – dann möchte man den Geschmack nicht mit etwas anderem verdecken.

Meiner Erfahrung nach mögen die meisten Deutschen Seeigel nicht. Das liegt aber in sehr vielen Fällen daran, dass der Seeigel extrem schnell an Qualität verliert. Fangfrischer Seeigel ist eine absolute Gaumenfreude, ein bisschen älterer Seeigel einfach grauenvoll. Den Unterschied erkennt man relativ leicht: Wenn der Seeigelrogen noch eine feste Form hat (sieht ein bisschen aus wie eine kleine gelbe oder orangefarbene Zunge), dann ist er sehr frisch. Fängt er an, zu verlaufen, dann ist er nicht mehr frisch. Den frischsten Seeigel hatte ich beim Uni-Matsuri (Seeigelfest) auf Rishiri: Da wurde er quasi noch lebend serviert. Nichts für schwache Nerven.

Japan reduziert Klassengrösse an Grundschulen

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Manchmal muss es auch gute Nachrichten geben: Heute haben sich Finanzminister Aso und Bildungsminister Hagiuda darauf geeinigt, die Klassengrössen an öffentlichen Grundschulen (1. bis 6. Schuljahr, 6-12 Jahre) zu reduzieren¹. Momentan liegt die maximale Klassengrösse bei 40 Schülern, und das wird in den Städten in der Regel auch ausgereizt. Bis 2025 will man dies nun auf 35 Schüler reduzieren.

2011 hatte man bereits bei Erstklässlern beschlossen, dass maximal 35 Schüler in einer Klasse sein dürfen. Eine Absenkung der Klassengrösse durch die Bank weg ist nun aber etwas, was zum letzten Mal vor 40 Jahren geschah – die Entscheidung ist beinahe revolutionär. Und dass der Finanzminister in diesen Zeiten das Geld dazu bewilligt, um die notwendigen Lehrkräfte einzustellen, ist beinahe schon verwunderlich. Aber ist dem wirklich so? Tatsache ist, dass die Geburtenrate nach wie vor nicht steigt. In Folge dessen schliessen immer mehr Schulen, damit die erlaubte Klassengrenze auch ausgereizt werden kann. Wäre die Geburtenrate ansteigend oder gleichbleibend, müsste man für diesen Schritt in der Tat neue Lehrer einstellen. Dem ist aber nicht so – sicher, die Bildungskosten pro Kind steigen für den Staat leicht an, aber an den absoluten Kosten dürfte sich nicht viel ändern.

Als jemand, der selbst zwei Kinder in öffentliche Schulen in Japan schickt, habe ich schon immer mit der Klassengrösse geargwöhnt. Dabei weiss ich noch nicht einmal mehr, wie die Lage momentan in Deutschland ist. In meiner Kindheit lagen die Klassengrössen an meinen Schulen im Schnitt bei 20 Schülern, und ich kann mich auch gut daran erinnern, dass die Klassen bei Sprachunterricht auch mal halbiert wurden. 40 Kinder in einem Klassenraum waren für mich also ein Kulturschock. Genauso die Tatsache, dass in den Grundschulen in Japan ein und der selbe Lehrer alles unterrichtet (normalerweise werden die Klassen dann in jedem Jahr neu gemischt, so dass die meisten Kinder im neuen Schuljahr einen neuen Lehrer haben). Ist der Lehrer gut, gut. Ist der Lehrer schlecht (also inkompetent, oder unfähig, die Klasse im Zaum zu halten), ist das ganze Schuljahr für die Katz’.

Für meine Kinder kommt die Nachricht zwar zu spät, aber die Meldung erfreut mich dennoch. 40 Kinder sind einfach zu viel – nicht wenige bleiben da zurück, und wenn die Lehrer nicht sehr aufmerksam sind, dann bekommen sie nichts von den Problemen unter den Kindern mit. Für die Lehrer ist die Nachricht noch erfreulicher, denn die müssen jetzt schon ungesunder Mengen an Überstunden schieben – und das hält man für ganz normal.

¹ Siehe unter anderem Nikkei News

Coronamüde Japaner, das Zeichen des Jahres und das Ende von Go-To Travel

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Maskenpflicht? In Japan kein Thema

Die Parallelen zu Deutschland sind momentan unübersehbar. Man kann scheinbar machen, was man will – die Zahl der Neuinfektionen steigt unaufhörlich, wenn auch nicht rapide, an. Wobei man sich in Japan noch immer eher auf einem relativ niedrigen Niveau bewegt, aber das reicht schon aus, um die Intensivbetten – und die Angestellten in den Krankenhäusern – auf das Äußerste zu strapazieren. Ein Beispiel dafür ist die Stadt Asahikawa, im Zentrum von Hokkaido: Im dortigen Rotkreuzkrankenhaus gibt es insgesamt 41 OP-Schwestern, von denen eine positiv auf das Virus getestet wurde. Bei der üblichen Kontaktverfolgung kam nun ans Licht, dass die Frau kurz vorher mit 20 Kolleginnen zusammen essen war – und dort wurden natürlich die Masken abgelegt. Aus diesem Grund müssen nun alle 21 für zwei Wochen in Quarantäne – mit dem Resultat, dass das Krankenhaus “alle nicht wirklich notwendigen Operationen” gestrichen hat.

Trotz der stetig steigenden Zahlen und des größer werdenden Widerstandes der Präfekturoberen wehrte sich die Regierung bis jetzt, die Go-To-Travel Kampagne einzustellen. Erst heute kam Bewegung in die Sache – nun wurde beschlossen, die Kampagne vom 28. Dezember bis zum 11. Januar einzustellen. Erst Umfragen in der Bevölkerung sorgten für die nötige Dynamik – eine satte Mehrheit von 73% sprach sich für eine Aufhebung aus. Und: Waren zum Amtsantritt von Suga noch 62% zufrieden und 13% unzufrieden mit der neuen Regierung, sind jetzt nur noch 42% zufrieden und 36% unzufrieden. Der Trend ist also deutlich.

Wie immer wurde nun auch das “Schriftzeichen des Jahres” bekanntgegeben, und selten war so deutlich vorher klar, welches Zeichen es wohl sein wird. Klar zumindest für diejenigen, die in Japan leben:

Dieses Zeichen wird “mitsu”, aber auch “hisoka” gelesen und bedeutet “dicht”, “eng” aber auch “Geheim”. Und natürlich hat es mit Corona zu tun, denn Japans Strategie kann man mit der Vermeidung der 3密 – der “drei Engen” zusammenfassen:

  1. Enge (im Sinne von dicht verschlossene) Räume
  2. Enge Plätze (im Sinne von viele Leute auf einen Haufen)
  3. Orte mit engem Kontakt (mit anderen Leuten)

Martin Fritz, Korrespondent in Tokyo, hat es in diesem TAZ-Artikel wunderbar zusammengefasst:

Die Befolgung dieser drei Regeln, die sich per Internet, Twitter, Plakaten, Fernsehen und Lautsprechern verbreiteten, wirken wie ein freiwilliger Lockdown light.

Wie weiterhin ausgeführt wird, war Japan in Sachen Infektionsschutz europäischen Ländern weit voraus – hier musste man sich nicht mit Diskussionen um den Sinn oder Unsinn von Gesichtsmasken herumplagen – die Leute tragen sie einfach, mit nur wenigen Ausnahmen, und das, obwohl das Tragen nie wirklich Pflicht war.

Bleibt zu hoffen, dass die bisherige Strategie für’s erste ausreicht, denn die Japaner sind spürbar coronamüde geworden. Lockdowns sind kein Vergnügen, und man kann nur froh sein, dass es das in Japan bisher nicht gab. Freiwillige Selbstbeschränkung, die ja nun seit fast 10 Monaten anhält, ist allerdings auch ermüdend.

Auf die Bäume ihr Affen, der Wald wird gefegt

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Sieht man diesem Exemplar vielleicht nicht an, aber japanische Affen sind sehr sportlich
Sieht man diesem Exemplar vielleicht nicht an, aber japanische Affen sind sehr sportlich

Was macht eigentlich die japanische Polizei den ganzen lieben langen Tag, mag sich der eine oder andere Japanbesucher gefragt haben. Der Anteil der wie üblich marodierenden Ausländer an der Gesamtbevölkerung liegt ja nur bei einem Prozent, und Japaner begehen ja, wie hinlänglich bekannt, keine Verbrechen. Naja, hier und da zerstückelt vielleicht mal einer seine Ex, aber das sind ja Ausnahmen, und dank meistens gründlicher Arbeit werden diese Fälle ja auch nicht immer bekannt. Querdenker gibt’s auch so gut wie keine, und der Grossteil der Rechten ist viel zu sehr damit beschäftigt, das Internet mit unsinnigen Kommentaren zu vergiften. Verkehrspolizeitechnisch gibt es nun auch nicht soooo viel zu tun, da ja eh immer und überall Stau ist.

Was macht man also, um in Übung zu bleiben? Nun, man geht auf die Jagd. Nach Wildschweinen zum Beispiel. Oder nach Affen. So geschehen am 3. Dezember, mitten in der Innenstadt von Fukuoka. Ein Rotgesischtsmakake, gern auch als Japanischer Schneeaffe bezeichnet, hatte es irgendwie geschafft, von seinem Berg herabzusteigen und bis in die Innenstadt zu wandern – zum Teil auf sehr abenteuerliche Weise, zum Beispiel entlang der Brüstung einer Hochstrasse. In einem Parkhaus – und ausgerechnet in dem des Rathauses – wurde man auf das geschätzt 4 bis 5-jährige Männchen aufmerksam. Und das mit Stil: Der Affe saß auf einem Auto, das gerade das Parkhaus verlassen wollte. Dass Affen gerne Auto fahren, hatte ich schon vor 20 Jahren in Nikko festgestellt, als eine Affendame auf mein Taxi sprang und die kompletten Iroha-Kurven bis nach unten fuhr (Beweisfoto: Siehe Nikko).

Schnell wurde eine gefühlte Hundertschaft Polizisten zusammengetrommelt, und es dauerte nicht lange, bis mindestens genauso viele Medienvertreter vor Ort waren. Doch es half alles nichts: Weder Kescher noch Fressen konnten das Biest in Zaum halten. Der rund 50 cm grosse Affe zeigte, was er drauf hat. Am 3. Dezember schaffte man es nicht, ihn zu fangen. Auch am nächsten Tag schaffte man es nicht. Erst zwei Tage später fand man ihn – er hatte sich unter einer Plane versteckt und war dann wohl doch zu müde, um weiterzumachen.

Affen dringen immer mal wieder in Ortschaften vor. Dass sich jedoch einer auf den langen Weg bis in die Innenstadt macht, ist dann doch eher selten. Dabei sind die Tiere in der Regel harmlos – man sollte ihnen nur nicht zu lange in die Augen schauen oder zu nahe auf die Pelle rücken. Nur dann können sie unangenehm werden. Die japanischen Affen sind zwar klein, haben aber mehr Kraft als ein Durchschnittsmensch.

Dank der vielen Medienvertreter kursieren nun unzählige Videos über den Vorfall im Netz, siehe zum Beispiel unten von Kyodo News. Der Vorfall beweist mal wieder, wie friedvoll Japan ist. Hier schafft es ein einziger Affe ganz locker in die Hauptnachrichten.

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