Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Zum ersten Mal seit 27 Jahren: Grundstückspreise in Japan ziehen an

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Japans teuerstes Pflaster: Die Gegend Ginza/Hibiya
Japans teuerstes Pflaster: Die Gegend Ginza/Hibiya

Seit dem Platzen der „Bubble Economy“, hauptsächlich verursacht durch eine gigantische Immobilienblase, kannten die japanischen Grundstückspreise fast 30 Jahre lang nur eine Richtung: Es ging erst steil, dann sanfter abwärts. Das ist nun vorbei, wie es scheint. Die alljährliche Auswertung der Preisentwicklung durch das Land-, Transport- und Infrastrukturministerium ergab, dass die Preise in den vergangenen 12 Monaten im Schnitt um 0,1% stiegen. Im Schnitt, wohlgemerkt. Die Preise für gewerblich nutzbare Flächen steigen bereits seit drei Jahren, und die Preise in den größten Ballungsgebieten, Tokyo, Osaka und Nagoya, steigen ebenso – im vergangenen Jahr um 4,2%. Interessant ist der steile Anstieg in den nächstgrößeren Städten: In Sapporo, Sendai, Hiroshima und Fukuoka stiegen die Preise um atemberaubende 9,2%. In den kleineren Städten sanken die Preise hingegen im Schnitt um 0,6%.

Am teuersten sind, und das war schon immer so, Grundstücke rund um den Ginza-Bahnhof. Dort kostet ein Quadratmeter Land heute rund 50 Millionen Yen, also mehr als 350’000 Euro. Die Preise an der Ginza selbst liegen fast schon wieder auf dem Niveau der 1980er, während der Bubble Economy. Zum allgemeinen Preisanstieg tragen vor allem Geschäfte, aber auch Restaurants und Hotels bei. Der enorme Anstieg der ausländischen Touristen spielt da eine sehr große Rolle – Gewinner bei den „kleineren“ Städten ist deshalb nicht ganz überraschend Kyoto mit einem Anstieg von über 7 Prozent. Ganz übel sieht es in Akita im Nordosten aus – dort sanken die Preise für gewerbliche und private Grundstücke um rund 2,5 Prozent. In der Mitte der Präfekturhauptstadt kostet ein Quadratmeter heute gerade einmal 40’000 Yen, also rund 300 Euro.

In der Provinz - hier zum Beispiel in Akita - sieht es hingegen trist aus
In der Provinz – hier zum Beispiel in Akita – sieht es hingegen trist aus

Apropos Hotelgewerbe und ausländische Besucher: Gerüchten zufolge hat die Regierung den Airbnb-Betreibern in diesem Jahr strenge Regeln auferlegt, um den Ansturm ausländischer (vor allem chinesischer) Immobilienmakler Herr zu werden – diese kauften wohl in der letzten Zeit verstärkt Objekte auf, um sie professional als Airbnb-Herbergen aufzumotzen und zu vermieten. Nur ein Gerücht, aber durchaus plausibel.

Alt und Neu beim Schreinfest

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Was in Japan immer wieder faszinierend ist, ist die scheinbar mühelose, erstaunlich reibungsfreie Verquickung von alt und neu. Reibungsfrei in dem Sinne, das es kaum jemanden gibt, der sich darüber beschwert. Es gilt allen als normal. Das kann ich alljährlich beim Sommerfest meines „Hausschreins“ feststellen. Der Schrein („jinja“) ist sehr klein und liegt auf einem Hügel versteckt. Ein ganz normaler Schrein, der keinen einzigen Besucher aus der Ferne anziehen würde. Dabei ist er angeblich wohl schon über 850 Jahre alt, aber das hat bei Schreinen ja eine andere Bedeutung als bei Kirchen in Deutschland zum Beispiel – die stehen ja in der Regel ja dann wirklich 850 Jahre lang mehr oder weniger unverändert rum, während Schreine immer wieder erneuert werden. Meistens jedenfalls.

Das örtliche Schreinfest ist beinahe eine Leistungsschau – eine Bühne für Ältere und Jüngere, die dort ihre Künste vorstellen. Um das ganze angenehm zu machen, gibt es auch immer eine Freßmeile (dieses Jahr sogar mit Dönerstand!), Spielzeuge zum Kaufen für die Kleinen und frische Getränke, darunter auch Bier. Eintritt kostet das ganze niemals, und wenn man seit Jahren in der Gegend wohnt, braucht man keine zwei Meter laufen, bis man jemanden trifft, den man kennt.

Auf der Bühne vor dem Schrein geht es dann hoch her: Nach diversen Begrüßungsreden und dem schreineigenen, traditionellen Tanz treten Wadaiko-Gruppen der nahegelegenen Schulen auf (Wadaiko = japanische Trommeln), gefolgt von Hip-Hop-Tanzgruppen, Schulchören und so weiter. Dieses Mal trat gar ein (faszinierend langweiliger) Berufszauberer auf, gefolgt von einer hysterischen Enka-Sängerin (Enka = japanische Schlager) und… das war neu, eine AKB48-ähnlichen Girlband. Nun gut, es waren nur vier, aber die Schiene war die gleiche: Kurze Röcke und Kawaii³ Das Gehopse und Gefiepe kann man mögen, muss man aber nicht. Und siehe da: Die 4 Mädchen aus Kawasaki hatten sogar ihre eigene, sabbernde Fanschar mit dabei, die nach ein paar Liedern richtig aufdrehten.

Laute Hip-Hop-Musik mit entsprechenden Tanzeinlagen im Schrein. Völlig normal, und keiner, die alten Leute schon gar nicht, regt sich über die Musik oder die Mode auf. So läßt es sich doch miteinander leben!

Das Hokkaido-Beben und was man daraus lernen kann

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Bergrutsch in Atsuma nach Iburi-Erdbeben. Quelle: Yomiuri Shimbun via AP Photo

Die Bewohner von Osaka und Hokkaido haben dieses Jahr etwas gemeinsam: Sie alle haben ganz sicher genug von Naturgewalten, mit zwei tödlichen Taifunen und zwei tödlichen Erdbeben in diesem Jahr. Nun war der Taifun Nummer 21 nur in Osaka verheerend – Hokkaido wurde lediglich gestreift – doch nur wenige Stunden nach Vorbeizug des Taifuns wurden die meisten Bewohner von Hokkaido morgens kurz nach 3 Uhr am 6. September 2018 aus dem Schlaf gerissen. Ein Erdbeben der Stärke 6.7 mit einem Epizentrum südöstlich von Sapporo erschütterte die ganze Insel. Zwei Tage später gab man dem Beben den langen Namen 北海道胆振東部地震 Hokkaido Ost-Iburi-Erdbeben. Im Ortsbereich von Atsuma erreichte das Beben gar die Stärke 7 auf der japanischen Skala – den höchsten Wert also (die japanische Skala legt nicht Wert auf die freigesetzte Energie, sondern auf den Grad dessen, was an der Erdoberfläche an Energie ankommt). Die Folgen waren fatal: Die von dem Taifun begleitenden Regengüssen komplett aufgeweichtem Berghänge begannen sofort zu fließen – ganze Hügel sind regelrecht zerschmolzen und haben etliche Gehöfte unter sich begraben. Auch in der nahen Millionenstadt Sapporo gab es beträchtliche Schäden an Gebäuden und Infrastruktur, unter anderem durch Bodenverflüssigung. Doch damit nicht genug: Unweit von Atsuma steht das größte aktive Kraftwerk von Hokkaido, und dieses musste aufgrund von Turbinen- und anderen Schäden vom Netz genommen werden. Die anderen Kraftwerke der Insel konnten den Verlust nicht abfangen und schalteten sich dementsprechend auch ab, um einer Überlastung vorzubeugen. Und so kam es zu einem vollständigen Blackout der gesamten Insel, der zwar mittlerweile zu einem guten Teil behoben ist, doch mit den Folgen muss noch eine Weile gekämpft werden. Bis zum 10. September waren zudem 40 Todesopfer zu beklagen – die meisten starben aufgrund von Bergrutschen in ihren Häusern.

Schwere Erdbeben sind auf Hokkaido beileibe keine Seltenheit – gerade im Osten der Insel wackelt die Erde häufig und heftig. Eine aktive Verwerfung bei Atsuma war den Geologen auch schon lange bekannt, doch das jetzige Erdbeben gibt trotzdem Rätsel auf, und zwar aufgrund der Tiefe (knapp 40 Kilometer). Zwar hat man bei der Vorhersage von Erdbeben entlang aktiver Verwerfungslinien und Plattengrenzen ein paar Fortschritte gemacht, doch von Verwerfungen in diesen Tiefen war in Hokkaido so weit nichts bekannt – das Erdbeben kam ohne Vorwarnung. Dass das Beben nun auch noch Stunden nach einem vorbeiziehenden Taifun geschah, kann man dabei sehr wohl als worst case scenario bezeichnen. Doch das Beben offenbart auch die Schwächen in der japanischen Stromversorgung: Nur eine Dezentralisierung des Energienetzes kann Blackouts solcher Größenordnungen verhindern, und da gibt es noch viel zu tun. Wenigstens war aber das AKW von Tomari, nordwestlich von Sapporo, abgeschaltet – auf der sicheren Seite war es dennoch nicht, denn dort lagern gut 1’500 Brennstäbe, und das AKW war nach dem Erdbeben einen halben Tag lang von der externen Stromversorgung abgeschnitten – man musste auf Notstrom umschalten.

Das Erdbeben von Ost-Iburi stellt Japan entsprechend vor drei wichtige Aufgaben:

  1. Das Erdbeben muss ausgiebig erforscht werden – da es weder ein eindeutiges Plattenbeben noch ein Verwerfungsbeben war, muss man herausfinden, welcher Mechanismus dahinter steckte – und ob ein ähnliches Erdbeben auch in anderen Regionen möglich ist
  2. Ein Stromausfall dieser Größenordnung ist selten, aber offensichtlich nicht unmöglich. Ein Stromausfall dieser Größenordnung im Großraum Tokyo könnte katastrophale Folgen haben und dürfte wesentlich schwerer zu beheben sein. Natürlich gibt es entsprechende Notfallpläne, aber die Erfahrungen aus Hokkaido müssen dort mit einfließen
  3. Pläne zur Wiederinbetriebnahme des AKW Tomari (und anderer AKW in Japan) müssen neu bewertet werden. Mit „Atomkraft Nein Danke!“ kommt man in Japan nicht weit, dazu fehlt der Rückhalt unter Politikern (und eine sehr große Basis im Volk). Die Planungsverantwortlichen müssen jedoch endlich etwaige Risiken haarklein analysieren und die Ergebnisse veröffentlichen

„Dunkler Tourist“ bringt Fukushima-Verantwortliche in Rage

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Seit einiger Zeit macht eine Doku der etwas anderen Art von sich Reden – „Dark Tourist“ heisst die Reihe, und sie wurde von Netflix produziert beziehungsweise gekauft. Dort reist David Farrier, ein neuseeländischer Reporter mit einem erfrischend trockenen Humor, zu etwas außergewöhnlichen Reisezielen – oftmals Orte, an denen es eine Tragödie gab, oder aber Orte für Menschen mit einem Sinn für’s Makabre. Reiseziele für „Dark Tourists“ eben. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich den Mann nicht verstehen kann. Auf meinen Reiserouten lagen auch einige außergewöhnliche Orte wie zum Beispiel Vukovar oder Transnistrien und dergleichen.

Auch in Japan hat sich der Dark Tourist umgesehen, und seine Wahl fiel – das ist alles andere als überraschend – auf die Sperrzone um das 2011 havarierte Atomkraftwerk in Fukushima, sowie auf den „Selbstmordwald“ von Aokigahara. Im Falle von Fukushima schloss er sich einer kleinen Reisegruppe an – fast alles westliche Reisende, und ausnahmslos mit Geigerzähler bestückt. Das makabre an dieser Szene: Die Touristen werden mit zunehmender Strahlung immer nervöser und brechen die Tour letztendlich sogar ab. Zwar hatten sie höhere Strahlenwerte erwartet, aber nicht so hohe. Nun ja. Ob dieser Naivität kann man getrost staunen, aber die Botschaft dahinter ist bitterernst: Weite Teile der einstigen Sperrzone wurden jüngst freigegeben, da die Strahlenwerte angeblich in einen toleranten Bereich zurückgegangen sind. Doch natürlich ist die Strahlung nicht überall gleich stark, so dass man auch in diesen angeblich sicheren Zonen Werte jenseits von Gut und Böse misst. Wer dorthin reist, sollte sich dessen bewusst sein. Und man sollte sich auch dessen bewusst sein, dass dort Menschen arbeiten – jahrelang, wohlgemerkt.

In einer weiteren Szene mutmasst unser dunkler Tourist bei einem Essen in der AKW-nahen Stadt Namie, dass das Essen möglicherweise auch belastet sein könnte.

Berichten¹ zufolge überlegt nun die Präfekturregierung von Fukushima, zusammen mit dem Ministerium für Wiederaufbau gerichtlich gegen Netflix und den Reporter vorzugehen, da man befürchtet, dass die Folge die Präfektur und ihre Bewohner verleumde und damit schädige. Was für ein Blödsinn! Aus Sicht der Verantwortlichen macht das zwar Sinn, da man ja seit der Katastrophe redlich bemüht ist, alles kleinzureden. Doch anstatt beleidigt irgendwelche Reporter und Programmdirektoren vor den Kadi zu zerren, sollte man sich lieber der Kritik stellen und die Dinge darstellen, wie sie sind (beziehungsweise von unabhängigen Institutionen darstellen lassen), um Klarheit zu schaffen – ohne Panikmache, aber auch ohne Verharmlosung. Denn so viel steht fest: Man gibt sich wirklich große Mühe, dass Problem in den Griff zu bekommen. Doch es liegt in der Natur der Sache, dass dies nicht von heute auf morgen zu packen ist.

¹ Siehe unter anderem hier.

TV-Tipp: Sieben Tage Japan auf Arte (ab Samstag, 1. September 2018)

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An TV-Abende mit Arte erinnere ich mich gern. Da gab es zum Beispiel eine Doku zum Thema „Geschichte der Animes“ – die hatten mich bis dato nie richtig interessiert, aber die Doku schaffte es, selbst mich zu begeistern. Ich bin zwar nach wie vor kein großer Fan, aber ich verstehe jetzt, warum andere es sind.

Zum Thema Japan gab und gibt es immer wieder sehr gute Reportagen auf Arte, und heute ist es wieder so weit: Vom 1. September an strahlt Arte etliche Sendungen zum Thema Japan aus – eine ganze Woche lang, und viele der Sendungen sind Erstausstrahlungen. Dazu gehören:

  • 360° – GEO Reportage: Japan, Leben am Fuße des Vulkans (gedreht auf Iwojima!)
  • Seiji Ozawa dirigiert Beethovens 7. Sinfonie / Seiji Ozawa Doku
  • Unterwegs mit Gérard Depardieu in Japan (5-teilige Doku)
  • Japan von oben – 5-teilige Reihe mit spektakulären Luftaufnahmen
  • Die sieben Samurai – der Klassiker von Kurosawa

und einiges mehr. Die Pressemitteilung sagt dazu:

Japan – ein Land der Traditionen und Gegensätze – steht bei ARTE Anfang September im Fokus. Der viertgrößte Inselstaat der Welt vereint jahrhundertealte Traditionen mit pulsierender Modernität, fasziniert mit eindrucksvollen Landschaften und kulturellem Reichtum. „Japan von oben“ zeigt Japan in großartigen Luftaufnahmen aus der Vogelperspektive. Die „360° Geo Reportage“ erkundet die Insel Iwojima, deren Supervulkan unter dauernder Beobachtung steht. Weitere Höhepunkte sind Filme wie das historische Doku-Drama „Ein Samurai im Vatikan“ oder Sidney Pollacks bildgewaltiger Thriller „Yakuza“. Und nicht zuletzt entführt Gérard Depardieu in die facettenreichen kulinarischen Welten des Landes – eine faszinierende Entdeckungsreise zu den vielfältigen Kultur- und Naturschätzen Japans.

Genaueres kann man wie immer dem Online-Programm von Arte entnehmen. Und ich hoffe, dass man die Titel auch später in der Mediathek von Japan aus abrufen kann.

Wider die Landflucht: Starthilfen für Unternehmer

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Leider kein seltenes Bild: Einsame Ladenstraße auf dem Land
Leider kein seltenes Bild: Einsame Ladenstraße auf dem Land

Heute gab die Regierung bekannt, dass sie auch im folgenden Jahr wieder Prämien für Unternehmer zahlt, die den Mut haben, sich außerhalb von Tokyo und den angrenzenden Präfekturen niederzulassen. Aus gutem Grund: Die Landflucht hält unvermindert an, und gepaart mit der niedrigen Geburtenrate führt das zu einer regelrechten Entvölkerung ganzer Landstriche. Die Daheimgebliebenen sind entweder zu alt, um wegzuziehen, oder regelrecht gezwungen, in den Ballungsgebiete zu ziehen, da es auf dem Land an Stellen fehlt. Die Maßnahme, die dem entgegensteuern soll, verspricht jedem Unternehmer, der seine Firma auf das Land verlegt, bis zu 3 Millionen Yen Starthilfe – das entspricht etwa 23’000 Euro, sowie noch einmal bis zu einer Million Yen für die, die einen Rentner oder eine weibliche Kraft anstellen.¹

Der Fördertopf für diese Maßnahmen beträgt wohl fast 800 Millionen Euro. Wenn man mal annimmt, dass eine durchschnittliche Firma 5 Rentner/Frauen vor Ort anstellt, wäre damit Geld für circa 12’500 Firmenumsiedlungen vorhanden. Das klingt zwar erstmal viel, ist aber in Wirklichkeit eine eher kleine Zahl, denn insgesamt gibt es in Japan rund 3,8 Millionen mittelgroße und kleine Unternehmen – und ziemlich genau eine Million davon befinden sich in Tokyo, Saitama, Chiba und Kanagawa².

Mit der Maßnahme will man den sogenannten UJIターン UJI-Turn regeln – ein interessanter Begriff: U-Turn steht für Menschen, die aus der Provinz in die Hauptstadtregion ziehen – und wieder zurück. J-Turn steht, ganz der Buchstabenform entsprechend, für diejenigen, die vom Land erst in die Hauptstadtregion siedeln, um sich dann später irgendwo in der Nähe der Hauptstadt (zum Beispiel in Ibaraki) niederlassen. Der I-Turn bezeichnet entsprechend diejenigen, die schnurstracks in die Hauptstadt ziehen – oder aus der Hauptstadtregion wegziehen. Ohne Rückkehr.

Eine vernünftige Maßnahme, doch letztendlich wird sie ein Tropfen auf dem heißen Stein sein. Vielleicht ist es aber mal Zeit für mich, ernsthafter über meinen „Gasthof bei Tabibito“ mitten in Kyushu nachzudenken :)


¹ Siehe unter anderem hier
² Siehe hier

Mobilfunkbetreiber verdienen zu viel | Mobilfunkchaos

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Nach Meinung der Regierungspartei ist es an der Zeit, regulierend in den Mobilfunkmarkt einzugreifen. Man stellte nämlich fest, dass im Jahr 2017 die Höhe des verfügbaren Einkommens im Vergleich zu 2007 um rund 3,5% gesunken war; die Höhe der durchschnittlichen Mobilfunkkosten stieg jedoch im gleichen Zeitraum um gute 25%. 2017 gab der Durchschnittsjapaner ziemlich genau 100’000 Yen pro Jahr für sein Handy aus – das sind fast 800 Euro. Die Zahl kann ich bestätigen – meine Handyrechnung ist sogar ein kleines bisschen höher. Die großen drei Netzbetreiber, Softbank, Docomo und KDDI (au) verdienen sich, vorsichtig gesagt, dumm und dämlich.

Die Politik überlegt deshalb, per Dekret die Gesprächsgebühren einzudämmen¹. Das klingt zwar nach Sozialismus, aber in der EU geschah ja Ähnliches – da dämmte man die Roaminggebühren per Gesetz ein. Auch in Japan ist die Maßnahme kein Novum: 2015 befahl die Regierung den Betreibern, günstigere Tarife für diejenigen anzubieten, die auf kein großes Datenvolumen angewiesen sind. Doch wird die Kappung der Gesprächsgebühren einen Unterschied machen? In meinem Fall zum Beispiel kaum. Ich benutze mein Handy kaum zum Telefonieren – höchstens, um meine bessere Hälfte angerufen, doch da wir einen Familienvertrag haben, kosten diese Gespräche keinen Yen. Es ist eher das Datentransfervolumen (50GB pro Monat) sowie der Preis für das Handy selbst, plus zahlloser Extras, über die jeder Handybesitzer längst den Überblick verloren hat, die den monatlichen Preis hochtreiben.

Doch es kommt auch Bewegung in den Markt. Ein neuer Provider, UQ Mobile, aber auch Yahoo! Japan und andere stürmen auf den Markt und versprechen bessere Preise, so zum Beispiel das kleinste iPhone für 3,500 yen pro Monat, 24 Monate Laufzeit und 3,000 yen Anzahlung. Der Plan: Anrufe unter 5 Minuten kosten nichts, und man kann 2GB Daten pro Monat hin- und herschieben – danach wird der Datentransfer automatisch auf eine lächerliche Geschwindigkeit reduziert – das ist besser als extra dafür zahlen zu müssen. Und das klingt genau richtig für die Kinder. Da offenbarte sich jedoch auch leider gleich der Haken: Als ich ein Handy bei UQ Mobile bestellen wollte, hiess es erst, dass es keine auf Lager gäbe und ich deshalb eine Woche warten müsse. Das war kein Problem, doch eine Woche später begann das Drama: Erst tonnenweise Dokumente ausgefüllt, doch der Antrag fiel durch, da die Angestellten spontan beschlossen, meinen Namen auf Japanisch einzureichen (auf dem Ausweis, dem Führerschein und so weiter steht er jedoch in lateinischen Buchstaben). Name stimmte also nicht mit ID überein – abgelehnt. Also tippte ein Kollege noch mal alles ein und schickte es ab. Nach geschlagenen zwei einhalb Stunden am Schalter an einem Sonntag Abend merkten wir dann, dass der Kollege dieses Mal einen Teil unserer Adresse falsch eingegeben hatte (beim ersten Antrag war die Adresse in Ordnung). Die Leute liessen auch nicht mit sich verhandeln – ob wir zum Beispiel nach Hause gehen könnten und dann am nächsten Tag das Handy abholen können. Geht nicht. Letztendlich gab ich entnervt auf und stornierte das Ganze.

¹ Siehe unter anderem hier.

Das Jahr der irren Taifune

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Zwillingstaifune 19 & 20. Quelle: Weathernews.jp
Zwillingstaifune 19 & 20. Quelle: Weathernews.jp

Dieses Jahr ist für Meteorologen ein ganz besonderes Jahr — es gab und es gibt viel zu berechnen und viel zu lernen. Zwei der bisher 20 Taifune, die sich in und um Japan herum getümmelt haben, sind da besonders interessant: Da wäre der Taifun #12 mit dem Namen Jongdari, der (wie meistens) in Mikronesien entstand und langsam gen Norden zog – am 25. Juli erreichte er Taifunstärke. Der Großteil der Taifune fällt aus Ost/Südost kommend in der Gegend um Okinawa oder Kyushu ein – manche jedoch treffen aus Südwesten kommend direkt auf Shikoku und/oder Honshu. So die Regionen um Osaka oder Tokyo betroffen sind, kommt der Taifun in der Regel aus Süden oder Südwesten. Jongdari war da anders: Nach einem weiten Schlenker über dem Pazifik näherte er sich der Hauptstadt aus Südost, also direkt vom Meer, so dass man in Tokyo schon das Schlimmste befürchtete, doch das blieb Tokyo letztendlich erspart, da der Taifun sich weiter drehte und letztendlich in Kansai auf Land traf (und direkt über Osaka hinweg zog). Zum Glück war Jongdari relativ schwach – die höchsten Windgeschwindigkeiten lagen bei unter 150 Stundenkilometern. Doch es blieb interessant, denn der Taifun umrundete regelrecht die Insel Amami südlich von Kyushu, bis er sich schließlich nach der 270 Grad-Drehung Richtung China verabschiedete und stark abschwächte. Dieser 逆走台風 gyakusō taifū (in etwa: „Geisterfahrer-Taifun“) ist eine absolute Seltenheit – das letzte Mal wurde so etwas bei einem Hurricane über der Karibik im Jahr 1999 beobachtet.

Fuhr in die entgegengesetzte Richtung: Taifun #12
Fuhr in die entgegengesetzte Richtung: Taifun #12

Die zweite Besonderheit bewegt sich just auf den Süden Japans zu: Ein Zwillingstaifun, bestehend aus Nummer 19 & Nummer 20. Schon Taifun Nummer 19, mit dem hippen Namen Soulik, hat einen Rekord eingestellt: Zum ersten Mal seit Beginn des genauen Taifun-Monitorings im Jahr 1951 ist fünf Tage lang in Folge täglich ein Taifun entstanden – Nummer 19 ist also der fünfte in 5 Tagen. Auch Nummer 20, Cimaron, ist rekordverdächtig: Nur ein Taifun hat sich seit 1951 schneller vom Tropischen Tief zum Taifun entwickelt als Cimaron. Und: Beide Taifune ziehen friedlich nebeneinander her direkt auf Japan zu, wo sie in der Zeit vom 23. bis zum 25. August zumindest für viele Verspätungen und hoffentlich möglichst wenig Schäden sorgen werden – momentan werden Windgeschwindigkeiten bis zu über 200 Stundenkilometer vorhergesagt. Leider werden die Zwillinge auch wieder eine enorme Hitzewelle mit sich bringen.

Ein kleines Wunder

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Es ist O-bon, die Zeit, in der die Seelen der Toten auf die Erde zurückkehren- und die meisten Japaner zu ihren Heimatorten und/oder dem Ort, an dem die Ahnen begraben sind. So auch Yoshiki, ein zwei Jahre alter Knirps, der mit seinen Eltern die Großeltern besuchte – diese leben auf einer kleinen Insel in der Seto-Binnensee, in der Präfektur Yamaguchi. Dort schnappte sich der Opa Yoshiki und seinen ein Jahr älteren Bruder und lief mit ihnen zum rund 400 Meter entfernten Strand, doch der Knirps hatte nach 100 Metern keine Lust mehr, drehte um und wollte nach Hause gehen. Dort kam er jedoch nicht an.

Auch am nächsten Tag kam er nicht zurück, und eine groß angelegte Suchaktion mit über 300 Polizisten und anderen Helfern begann. Auch Obata, ein 78-jähriger Rentner aus Oita, hörte davon und machte sich auf den Weg, um zu helfen. Das machte er nicht zum ersten Mal – er reiste schon oft als Freiwilliger im Land umher, wenn Hilfe gefragt war. Seit dem Verschwinden des Jungen waren nun schon 68 Stunden, also fast drei Tage, vergangen. Man befürchtete das Schlimmste, schließlich lagen die Temperaturen tagsüber konstant über 30 Grad, was gerade für Kleinkinder gefæhrlich ist.

Obata lief zum Haus der Großeltern und machte sich sofort, unabhängig von den anderen Helfern, auf die Suche. Keine 30 Minuten später und nur gute 500 Meter vom Haus entfernt antwortete eine Kinderstimme auf sein Rufen nach des Kindes Namen: 僕、ここ! (Boku, koko – Ich bin hier!). Und da saß der Junge, auf einem bemoosten Stein, in einem kleinen Bächlein, auf einem kleinen Berg. Nach Auskunft der Ärzte war er zwar leicht dehydriert, aber alles in allem in sehr guter Verfassung.

Es ist ein kleines Wunder, und natürlich begeistert sich ganz Japan an dieser herzzerreissenden Geschichte. Der Held der Geschichte, Obata, erklärte seinen schnellen Erfolg mit einfacher Psychologie: Kleine Kinder laufen selten abwärts, wenn sie allein sind, sondern eher aufwärts. Und was für Erwachsene wie ein dichter Busch aussieht, kann für einen Dreikäsehoch wie ein formidabler Pfad aussehen. Während also die Polizei naturgemäß vom schlimmsten ausging und die örtlichen Gewässer und dergleichen absuchte, setzte sich der Retter in die Lage des Kindes herein und wurde dort fündig, wo noch keiner gesucht hatte. Niemand war offensichtlich davon ausgegangen, dass ein zweijähriger auf den Beg hinter dem Haus klettern würde.

Man kann vor Obata einfach nur seinen Hut ziehen. Und hoffen, dass die Polizei davon lernt. Und der Junge hatte einfach nur ein Riesenglück. Instinktiv hatte er sich den schattigsten und feuchtesten Platz in der Gegend ausgesucht und überlebte so drei Tage lang unversehrt. Ein O-bon, das viele nicht vergessen werden – vor allem aber nicht die Eltern des Kindes.

Auf der Suche nach Natur…

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Sonnenblumenfeld bei Zama
Sonnenblumenfeld bei Zama

… sind viele gestresste Großstadtfamilien, und so lassen sich die Leute immer wieder etwas Neues einfallen. Die Stadt Zama, inmittem der Präfektur Kanagawa gelegen und damit leicht von Tokyo aus erreichbar, lockt die Tokyoter mit… Sonnenblumen. Die hier ひまわり himawari (wörrlich: Sonnendreher) genannten Blumen findet man in Japan in der Tat relativ selten – das ist kein Wunder, denn auf den wenigen, ebenen Ackerflächen baut man in der Regel lieber andere Sachen an – Reis zum Beispiel. Von daher ist ein Sonnenblumenfeld schon etwas Besonderes im Großraum Tokyo, und entsprechend ist der Trubel gross. Riesige provisorische Parkplätze wurden am Flußufer eingerichtet, und bis man dort eingewiesen wird, dauert es eine ganze Weile. Die Anbaufläche ist auch nur wenige Hektar gross, weshalb sich dort innerhalb eines Tages wahrscheinlich mehr Menschen als Sonnenblumen tummeln. Das erinnerte mich stark an die „Glühwürmchenschau“, die alljährlich ganz in meiner Nähe stattfindet, und bei der das Verhältnis Glühwürmchenartige:Humanoide bei 1:50 liegen dürfte. Und während einige Familienmitglieder ob der Sonnenblumenpracht (die Blüten waren dabei jedoch nur handtellergross) ganz entzückt waren, kann man mit so verhandene Erinnerungen an die endlosen ungarischen Sonnenblumenfelder dem Ganzen nicht allzu viel abgewinnen.

Feuerwerk in Atsugi
Feuerwerk in Atsugi

Einen echten Sommertipp habe ich dann aber doch noch: In der Nachbarstadt Atsugi findet Anfang August (in diesem Jahr war es der 4. August) ein ordentliches Feuerwerk statt, dass denen in der Innenstadt von Tokyo durchaus das Wasser reichen kann. Es dauert immerhin anderthalb Stunden und ist gut arrangier. Auch die Freßmeile auf dem Aeg dorthin kann sich sehen lassen. Nächstes Jahr gern wieder.

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