Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Neujahrskarten und Trauerzeit

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Typische Trauerkarte
Typische Trauerkarte

Und schon ist wieder ein Jahr rum, so schnell geht es. Und als Deutscher ist man zu dieser Zeit gleich richtig beschäftigt, denn schließlich will man ja nicht nur die richtigen Geschenke kaufen, sondern selbige, zum Teil zumindest, auch rechtzeitig in die Heimat schicken. Das ist jedes Jahr ein Drama, da andauernd die Regeln geändert werden: In diesem Jahr zum Beispiel hat man das インボイス (Invoice)-Formular abgeschafft (gut), aber dafür hat man das Verschicken von alkoholischen Getränken in Paketen gänzlich verboten (schlecht). Zudem muss man nun auch jegliche Lebensmittel exakt deklarieren. Die Fracht- und Zollmafia nervt – und zwar extrem. Noch ein paar Jahre, und es wird effektiver und wahrscheinlich auch billiger sein, die Sachen selbst vorbeizubringen.

Doch damit nicht genug: Man muss auch Neujahrskarten designen, drucken, beschreiben und verschicken. Die mit einer Lotterienummer versehenen Karten sind in Japan noch immer hoch beliebt – allein zu Beginn dieses Jahres wurden in Japan insgesamt 2,4 Milliarden Neujahrskarten verschickt – das sind im Schnitt 20 Karten pro Einwohner (wobei Einwohner alle Altersgruppen einschließt). Allein mein Schwiegervater schreibt ungefähr 180 pro Jahr, und das ist schon eine gekürzte Liste. Und natürlich erhält er auch mindestens genau so viele. Dabei ist die Zahl insgesamt seit langem rückläufig – zu Spitzenzeiten, im Jahr 2003, waren es geschlagene 4,5 Milliarden¹

Ein wichtiger Teil der Prozedur ist das Update des Adressbuches, und dazu muss man etwaige, vorher eingetroffene Trauerbenachrichtigungen berücksichtigen. Auf den (als Vordruck erhältlichen) Postkarten steht irgendwo 喪中 mochū (in Trauer) und dazu eine kurze Beschreibung, um wen getrauert wird, sowie die Bitte, deshalb in diesem Jahr vom Zuschicken einer Neujahrskarte abzusehen. Man schickt entsprechend dann auch selbst keine. An den Adressaten sollte man demzufolge auch keine Karte schicken – in anständiger Neujahrskartensoftware gibt es dementsprechend auch eine Flagge dafür, damit – nur in diesem Jahr – die Adresse nicht gedruckt wird.

Es ist schon ein seltsamer Brauch. Da erhält man von einer lieben Freundin eine Karte mit der Nachricht, dass die Großmutter im gesegneten Alter von 90+ in die andere Welt (他界 takai) aufgebrochen ist und man deshalb keine Neujahrskarten wünscht. Natürlich würde man trotzdem gern eine schicken, zum Aufmuntern zum Beispiel, oder um einfach eine kleine Freude zu bereiten, aber das verbietet dann der Anstand beziehungsweise die gesellschaftliche Norm² (natürlich ist es aber anständig, sich beim Absender dann auf eine andere Art und Weise zu melden).

Das Trauerjahr ist eine jahrtausendealte Tradition aus dem Shintoismus (aber natürlich auch in anderen Kulturen bekannt). Prinzipiell nimmt man von めでたい – medetai – Dingen, also feierlichen Handlungen – Abstand, wozu gerade alles um das Neujahrsfest herum zählt.

¹ Siehe hier.
² Siehe Japan Post-Knigge zur Trauerkarte

Es lief wohl rund dieses Jahr

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Restaurant im Zentrum von Tokyo
Restaurant im Zentrum von Tokyo

Es gibt zwei Indikatoren, an denen man zum Jahresende hin erkennt, ob es wirtschaftlich in Japan rund lief oder nicht. Sicher, man könnte sich auch die Statistiken des Wirtschaftsministeriums anschauen, aber das muss man noch nicht einmal.

Ein Indikator ist die Restaurant- und Taxisituation im Dezember. Kann man abends leicht in ein Restaurant gehen, und bekommt man dann auch noch schnell ein Taxi? Dann war das Jahr wohl nicht so gut. Sind jedoch alle Restaurants brechend voll, und hat man dann noch enorme Schwierigkeiten, ein Taxi zu ergattern, dann war es ein gutes Jahr — denn das bedeutet einfach, dass die meisten Firmen genug Geld übrig haben, um mehr oder weniger üppige 忘年会 bōnenkai (wörtlich: „Jahr-vergessen-Feiern“, Jahresabschlußfeier) zu spendieren. Und da diese oft von einer 二次会 nijikai (Nachfeier), 三次会 sanjikai (Nach-Nachfeier) usw. gefolgt werden, bei denen es dann trinktechnisch richtig zur Sache geht, werden natürlich mehr und mehr Taxis bemüht. Dieses Jahr muss ein gutes Jahr gewesen sein… es ist schwerer als üblich, in einem Restaurant zu reservieren, geschweige denn unangemeldet hereinzuplatzen. Und mit Taxis sieht es im Stadtzentrum von Tokyo zumindest nachts ziemlich übel aus.

Der zweite Indikator ist die Ausbuchungsrate der Shinkansen zum Jahreswechsel hin. JR (Japan Railways) gab heute bekannt, dass bereits hetzt 3,84 Millionen der insgesamt 9,63 Millionen reservierbaren Shinkansensitze im Zeitraum vom 28. Dezember zum 6. Januar gebucht wurden. Das sind 9% mehr als im vergangenen Jahr, und die meisten Züge aus Tokyo heraus sind bereits für den 29. und 30. Dezember ausgebucht — sowie zurück zu für den 2. und 3. Januar¹. Es wird also brechend voll werden, und wer noch nicht reserviert hat, hat eventuell bereits Pech gehabt.

So gesehen könnte man also in diesem Jahr sagen: 羽振りがいい haburi ga ii — es geht Japan gut (finanziell gesehen).

Im Kontrast dazu steht das Kanji (Schriftzeichen) des Jahres, das wie immer am 12. Dezember bekanntgegeben wurde. Die meisten Stimmen gab es für das Schriftzeichen

welches für „Katastrophe“ steht: 2018 gab es zwei schwere Erdbeben mit Todesopfern (Hokkaido und Osaka) sowie etliche katastrophale Taifune. Das gleiche Zeichen war übrigens schon 2004 Schriftzeichen des Jahres. Mehr zur Bedeutung des Zeichens siehe hier.

¹ Siehe hier

Manieren im Straßenverkehr: Pikanter Unfall vor Gericht

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Seit einer Woche wird ein besonders dramatischer Verkehrsunfall vor Gericht verhandelt, und die Öffentlichkeit beziehungsweise die Medien haben zurecht ein großes Interesse an dem Fall. Der Unfall ereignete sich im vergangenen Jahr auf der Tōmei-Autobahn, die Tokyo mit Nagoya verbindet. Ein 25-jähriger Fahrer zwang dabei das Auto einer vierköpfigen Familie auf dem Überholstreifen zum Anhalten und stellte dort den Familienvater zur Rede. Ein LKW-Fahrer bemerkte das parkende Fahrzeug zu spät und kollidierte mit dem Auto der Familie. Mutter und Vater kamen dabei ums Leben, die 16-jährige Tochter nebst kleiner Schwester blieben als Waisen leicht verletzt zurück.

Das Verhalten des Angeklagten wird als あおり運転 aori unten bezeichnet – als „Drängelndes Fahren), und das ist in Japan zwar seltener als in Deutschland, aber es kommt natürlich auch in Japan vor, und man muss nicht viele Autobahnkilometer fahren, um das ganze live beobachten zu können. Das ganz dicht hinten drauf fahren ist dabei am Häufigsten zu beobachten, während Lichthupen eher seltener sind.

Im obigen Fall beschimpfte der Angeklagte den Familienvater vor Frau und Kindern und drohte, ihn umzubringen. Doch das ganze hat natürlich eine Vorgeschichte: Auf einem Rastplatz beschimpfte nämlich der Familienvater den Angeklagten zuerst – der war ihm im Weg, und so beleidigte er den Mann mit einem schlichten ボケ! (Boke, in etwa: Idiot). Der Angeklagte sagte vor Gericht aus, dass das alles nicht passiert wäre, wenn der Mann ihm einfach nur gesagt hätte, dass er im Weg sei, aber so ist bei ihm die Sicherung durchgebrannt.

Ein unbeschriebenes Blatt ist der Angeklagte nicht, wie sich herausstellte – eine Zeugin sagte aus, dass er allein im vergangenen Jahr, vor dem Unfall, rund zehn Mal durch aggressives Fahren aufgefallen sei. Einmal soll er sogar einen Streifenwagen verfolgt haben, weil er der Meinung war, dass sich die Polizei selbst nicht an die Straßenregeln hielt.

Der Fall dürfte kompliziert werden: Schließlich war es nicht das Auto des Angeklagten, dass die beiden tötete, und während des Unfalls war der Angeklagte noch nicht einmal in seinem Auto. Die Nebenkläger hoffen natürlich trotzdem auf eine hohe Strafe – vor allem, um ähnliche Fälle zu vermeiden. Ganz wird das natürlich nie klappen: Tickende Zeitbomben gibt es überall, und hinterm Steuer werden diese noch gefährlicher, egal in welchem Land oder Kulturkreis.

Ausländische Arbeiter in Japan

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Japanisch-Portugiesisches Schild in Hamamatsu
Japanisch-Portugiesisches Schild in Hamamatsu

Sie sind momentan ein ganz großes Thema in Japan: Ausländische Arbeitskräfte in Japan. Von denen gibt es nunmehr – das ist Rekord – gut 1,2 Millionen im ganzen Land. Auf 100 Japaner kommt also ein ausländischer Arbeiter. Das klingt erstmal nach sehr wenig, aber da Japan noch nie ein klassisches Einwanderungsland war, fällt dieses eine Prozent doch sehr auf – mir zumindest, und somit sicher auch den meisten Japanern. Das beginnt schon bei Restaurant – und Convenience-Store-Angestellten, unter denen sich im Raum Tokyo immer mehr Ausländer befinden.

Im Gespräch sind die Fremden vor allem, da die Regierung von Abe die Gesetze ändern möchte. Obwohl die Regierungspartie jedoch erzkonservativ ist, sollen die Gesetze einen stärkeren Zustrom an Ausländern ermöglichen, nach dem Motto „Alles für die Wirtschaft“. Bei dem starken Geburtenrückgang hat man auch keine andere Wahl – an Arbeitern, egal in welchem Sektor – fehlt es an allen Ecken und Enden. Das ist auch kein Facharbeitermangel, wie er in Deutschland beklagt wird, sondern ein allgemeiner Mangel. Beispiel Speditionen: Dank Amazon & Co. pfeifen die Logistiker in Sachen Arbeitskräfte auf dem letzten Loch – denn Angestellte können aufgrund des Mangels wählerischer werden, weshalb in einigen Sparten die Lohnkosten steigen – und damit die Kosten. So haben dieses Jahr nahezu alle Logistikunternehmen, einschließlich der Japan Post, ihre Paketpreise saftig erhöht, und das kann man nicht mit steigenden Steuern, mangelndem Wachstum oder höheren Spritpreisen erklären – der Hauptgrund ist der Mangel an Angestellten.

Doch mit den Ausländern wachsen auch die Ängste der Bürger, man kennt das Lied. So wird unter anderem von Kommunen und Oppositionsparteien bemängelt, dass die Regierung an die Ausländer nur als Arbeitskräfte denkt – nicht aber an die Tatsache, dass jene Ausländer dann auch im Land wohnen und deshalb irgendwie integriert werden müssen. Unzählige ehrenamtliche Helfer bemühen sich darum, doch der Grundsatz, dass das die Kommunen schon irgendwie selbst regeln können, stößt natürlich irgendwann an seine Grenzen. So gibt es bereits erste Wohnanlagen, in den mehr als Hälfte der Bewohner aus dem Ausland kommen – ganz vorneweg sind da Chinesen, Koreaner und Vietnamesen.

Dazu kommen Nachrichten wie diese vor drei Tagen: 46 Chinesen auf Hokkaido spurlos verschwunden¹. Dort gab es in einer kleinen Stadt einen Todesfall, woraufhin eine Baufirma untersucht wurde. Dort waren zahlreiche chinesische Arbeiter eingestellt, von denen 11 wegen Visaverstößen verhaftet wurden, doch von 46 weiteren Männern und Frauen fehlt seitdem jede Spur: Sie sind schlichtweg untergetaucht. Und sie sind nicht allein: Im Jahr 2017 tauchten rund 7’000 Ausländer unter – sprich, ihr Visum lief aus, aber sie reisten nicht aus.

Doch auch die Arbeitsbedingungen sind im Gespräch. Ein Weg für Ausländer, vor allem aus Asien, in Japan arbeiten zu können, ist das 技能実習ビザ – das berechtigt zu einem Praktikum in meist technikbezogenen Berufen. Selbstredend lädt gerade dieses Visum zum Mißbrauch und zur Ausbeutung ein – anstatt etwas zu lernen, werden so zum Beispiel bewiesenermaßen Praktikanten zum Aufräumen in der Sperrzone am AKW Fukushima benutzt. Im ganzen Land befinden sich rund 260’000 Halter solcher Praktikantenvisa, und wie die Kommission einer Oppositionspartei nun auf ihrer „Seiji Premier“-Webseite und im Parlament bekanntgab, zählte man in den Jahren 2015-17 insgesamt 69 Todesfälle unter den Praktikanten². 12 starben durch Arbeitsunfälle, 6 durch Selbstmord und 4 durch Mord. Wenn man jedoch bedenkt, dass die meisten Praktikanten sehr jung sind, erscheint die Anzahl derer, die (angeblich zumindest) nicht durch Unfälle, Mord- oder Selbstmord starben, ziemlich hoch: Unter jenen sind wohl 7 Menschen ertrunken, mindestens einer erfroren usw. Natürlich sind diese Zahlen mit Vorsicht zu geniessen – dazu müsste man selbige mit dem japanischen Durchschnitt vergleichen, denn natürlich sterben auch Japaner durch Mord, Selbstmord und Arbeitsunfälle.

Japan steht in Sachen Einwanderung fraglos vor großen Herausforderungen: Man muss einfach mehr Ausländer ins Land holen, um wirtschaftlich nicht zurückzufallen. Doch um die Integrität Japans und den guten Ruf im Ausland zu wahren, müssen Land und Kommunen viel Kraft aufbringen, um die neuen Bewohner zu integrieren – und um schonungsloser Ausbeutung vorzubeugen.

¹ Siehe unter anderem hier
² Siehe unter anderem hier

Das Ende einer Ära: Letzter Pokeberu-Betreiber gibt auf

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Als ich 1996 zum ersten Mal nach Japan reiste, waren sie weit verbreitet: ポケベル pokeberu, kurz für „Pocket Bell“, ein 和製英語 (wasei eigo = japanisches English, quasi wie „Handy“ im Deutschen)-Begriff, im Englischen als Pager oder Beeper bekannt. Für die jüngeren Leser (ich glaube, ich werde langsam alt): Damit konnte man von gewöhnlichen Telefonen Nachrichten auf mobile Geräte mit Display schicken). Prä-Email und Prä-Mobiltelefon-Technologie also, die in Japan sehr beliebt war. Ganz so billig war der Service zwar nicht und aus heutiger Sicht sehr rudimentär, aber Mitte der 1990er gab es im Land über zehn Millionen Geräte. Heute gibt es im ganzen Land nur noch einen Betreiber, Tokyo Tele Message, und der wird im September 2019 den Betrieb einstellen, wie heute bekannt wurde. Kein Wunder: Es gibt nur noch 1’500 Benutzer.

Aus linguistischer Sicht sind die Geräte interessant. Bis 1992 waren die Geräte nicht allzu verbreitet, denn man konnte mit ihnen lediglich jemandem mitteilen, dass man eine Nummer anrufen soll. Ab 1992 konnte man jedoch willkürlich Nummern verschicken. So konnte man mittels 語呂合わせ goroawase kommunizieren. Bei Goroawase benutzt man Zahlen, um damit Silben auszudrücken. Die 2 zum Beispiel steht für „ni“ und „ji“ (On-Lesung), „fu“ (kun-Lesung: „FUtatsu“) oder „tsu“ (da im Englischen „two“, was im Japanischen „tsuu“ gesprochen wird). Da das ganze dann auch noch mit Englisch vermischt wurde, wurde es teilweise richtig kryptisch:

0840 = おはよう = ohayou: „Guten Morgen“
106410 = Telして = terushite: „Ruf an“
428 = 渋谷: Shibuya
1052167 = どこにいるの?: Wo bist Du?

Viele dieser Abkürzungen sind allerdings ziemlich an den Haaren herbeigezogen (siehe zum Beispiel „no“ als Lesung für „7“, aber Not macht erfinderisch – schliesslich gibt es ja nur 10 Nummern. Für Japaner waren die Pocket Bells jedenfalls genau das richtige – das Spiel mit den Silben war schon immer beliebt (siehe Haiku und Senryū), und das Ganze mit etwas Technik verbunden war ein wunderbares (und nützliches) Spielzeug.

Man fragt sich nun unweigerlich, wann das Fax aus Japan verschwinden wird. Aber das wird meine Generation wohl nicht erleben – es erfreut sich immer noch großer Beliebtheit.

Chaos mit Ansage: Mehrwertsteuererhöhung 2019

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Wenn ich mir die Nachrichten aus Deutschland so ansehe oder seltenerweise eben dort weile, frage ich mich jedes Mal, wie man es schafft, so viel Verwirrung und Chaos zu schaffen. Bei der Mehrwertsteuer zum Beispiel, da diese ja je nach Situation variiert. Oder bei dem ganzen Plaketten- und Fahrverbotswahnsinn. Oder auch bei der Preispolitik der Berliner Verkehrsbetriebe. Oder bei der Steuererklärung. Und und und… in Japan ist da etliches einfacher und in der Verwaltung deshalb effizienter. Dem will man jedoch Abhilfe schaffen, wie es scheint. Bei der Mehrwertsteuer.

Als ich zum ersten Mal nach Japan reiste, war alles schön unkompliziert. Die Mehrwertsteuer betrug 3%, auf Alles. Und die Steuer war in der Regel in den Preisen bereits inbegriffen. 1997 wurde die 消費税 shōhizei (wörtlich: Verbrauchssteuer) auf 5% erhöht. Und 2014 dann auf 8%, mit der Ansage, dass dies nur Schritt Nummer eins sei – man war von vornherein auf 10% aus. Deshalb begann vor allem der Einzelhandel, die Preise nicht mehr komplett anzuzeigen, sondern nunmehr 税抜き zeinuki – ohne Steuer – auszupreisen. Trotz milder Deflation nutzten ein paar findige Geschäfte die Situation auch aus, beliessen die Preise beim alten, und schrieben einfach ein „zeinuki“ dahinter. Fertig war die 8%-Preiserhöhung.

Aufgrund des Widerstandes in der Politik und Bedenken aus der Wirtschaft aufgrund einer eher schleppenden Konjunktur wurde die Erhöhung um die nächsten 2% ein paar Jahre hinausgezögert, doch nun steht der Termin fest: Am 1. Oktober 2019 wird das Rechnen einfacher. Sollte man meinen, denn nun beginnt man, ein vormals einfaches System zu verkomplizieren. So will man zu Beispiel die meisten Lebensmittel weiterhin mit 8% besteuern – nicht aber, wenn man zum Beispiel in einem Restaurant speist. Am Tisch essen: 10%. Mit nach Hause nehmen oder im Park essen: 8%. Man kennt das Spiek, und es werden bestimmt noch mehr Ausnahmen geschaffen. Doch damit nicht genug: Nun wird auch laut darüber nachgedacht, in den ersten 7 Monaten nach der Erhöhung 5% auf jeden bargeldlosen Einkauf zurückzuerstatten. Damit will man bewirken, dass der Konsum nicht einbricht – aber in erster Linie will man damit erreichen, dass der Einzelhandel von Bargeld abrückt, denn Bargeldtransaktionen lassen sich weit weniger gut kontrollieren als Kreditkartentransaktionen. Sprich, der Staat will einfach an die Daten, um Steuereinbussen durch bewussten oder unbewussten Betrug zu vermeiden. Aus Sicht des Staates ist das natürlich sinnvoll, und die 3%, die der Staat quasi auf die Einkäufe drauflegt, kommen womöglich durch das zusätzliche Plus an Steuern (neben der 2%igen Erhöhung natürlich) wieder in die Staatskasse.

Die Kreditkartenfirmen sind von der Idee nicht sonderlich begeistert, befürchten sie doch enorme Kosten bei der Umsetzung der Maßnahme. Diese Bedenken muss man allerdings nicht ernst nehmen – schließlich bedeutet das Mehr an Kreditkartenzahlungen saftige Umsatzgewinne – kurz- wie langfristig. Da werden die Entwicklungskosten ganz sicherlich nicht dazu führen, dass die Banker am Hungertuch nagen werden.

10. Allgemeiner Bloggergipfel

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Bloggergipfel – mit Dank an Thuruk für das Logo!
Bloggergipfel – mit Dank an Thuruk für das Logo!
Und schon ist wieder ein Jahr rum – Zeit für ein neues Bloggertreffen! Dieses Jahr sogar mit Jubiläum — es ist das zehnte Treffen. Der Name “Bloggergipfel” soll dabei niemanden abschrecken – gerne sind auch Blogvoyeure eingeladen.

Der Tag wurde bereits diktatorisch bestimmt – das Treffen findet am 7. Dezember (einem Freitag, 花金!) statt. Auch der Treffpunkt steht bereits fest: Der Cinecity Square (シネシティ広場) mitten in Kabukichō, vor dem Sega-Store. Uhrzeit: 19:30.

Ein Restaurant ist noch nicht gebucht – das hängt von der Teilnehmerzahl ab. Wir planen aber, in der Gegend Okubo/Kabukicho zu essen und zu trinken.

Wie jedes Jahr geht es um unbeschwertes Zusammensein und darum, neue Leute kennenzulernen oder alte Freunde wiederzusehen. Nichtblogger sind genauso eingeladen wie Japaner und/oder japanische Partner. Allein teilzunehmen ist auch kein Problem.

Um den Überblick zu wahren, bitte beim Event in Facebook eintragen. Kein Facebook-Account? Dann bitte einfach einen Kommentar hinterlassen!

Und noch eine Bitte: Bitte teilt den Aufruf, soweit möglich – es gibt mit Sicherheit einige Interessierte, die hier nicht täglich vorbeischauen, und neue Gesichter sind immer willkommen!

Geballte Inkompetenz hat einen Namen: Sakurada

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Es ist schon ein starkes Stück, und war selbst einigen ausländischen Medien eine Meldung wert¹ – unter der Rubrik „Kurioses“. Kurios wäre es auch, wenn es nicht so traurig wäre. Die Rede ist von 桜田義孝 Yoshitaka Sakurada, LDP-Mitglied und seit dem 2. Oktober als Minister mit eigenem Resort für die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokyo zuständig.

Der frisch gebackene Minister besticht seitdem durch eines: Komplette Ahnungslosigkeit. Das begann schon mit seiner Antrittsrede, bei der er sich wie folgt vorstellte:

Mein Name ist Sakurada Yoshitaka, als Minister verantwortlich für die Ausrichtung der Tokyo Paranpikku, Parapikku, Parapikku-Spiele, Tokyo Pararimpikku-Spiele.

Was er eigentlich sagen wollte: Er ist verantwortlich für die Olympischen und Paralympischen Spiele. Drei Anläufe also, um das Wort „paralympisch“ auszusprechen, und dann auch noch das „Olympisch“ vergessen. Wunderbar. Natürlich geht es noch weiter: Als ihn die Oppositionspolitikerin Renhō am 11. November 2018 bei einer Sitzung des Oberhauses nach dem aktuellen Kostenvoranschlag befragte, gab der Minister selbige mit 1’500 Yen (also etwas mehr als zehn Euro) an – gemeint war natürlich ein 10 Millionen mal höherer Betrag. Auch sonst glänzte der Minister bei der Sitzung mit Unwissen: Nahezu alle Fragen blieben entweder ganz unbeantwortet, oder er liess seine Assistenten antworten. Auf die horrenden Fehler und das offenbare Unwissen angesprochen erfolgte auch keinerlei Entschuldigung. Im Gegenteil – er warf der Oppositionspolitikerin Renpō (sic) vor, ihre Fragen nicht vorab eingereicht zu haben, weshalb er keine Möglichkeit hatte sich vorzubereiten.

Der wahre Grund für sein Erscheinen in der ausländischen Presse ist jedoch ein anderer: Sakurada wurde ebenfalls zum höchsten Regierungsbeamten für Cyber-Security ernannt. Bei einer Kabinettssitzung am 14. November wurde er dabei gefragt, ob er selbst Computer benutze. Die Antwort: Seit er 25 Jahre alt war (also seit 43 Jahren!), überliess er solche Dinge seinen Sekretären und Angestellten – er selbst bediene keine Computer. Auf die Frage hin, ob es möglich sei, dass in japanischen Atomkraftwerken USB-Sticks eingesetzt werden (diese gelten — mittlerweile auch in Japan — als enormes Sicherheitsrisiko), war er augenscheinlich bereits mit dem Begriff „USB-Stick“ hoffnungslos überfordert.

Dass fachfremde Minister plötzlich ein neues/unbekanntes Ressort übernehmen, ist nichts Neues – das ist auch in Deutschland und anderswo durchaus üblich. Wie man jedoch eine Person wie Sakurada gleich mit zwei enorm wichtigen Aufgaben betrauen kann, ist selbst für japanische Verhältnisse ein starkes Stück. Mich würden brennend die Vorläufe bei der Entscheidungsfindung in Sachen Cyber-Security-Minister interessieren: Hat man den Posten mit dem obligatorischen じゃんけんぽん Jankenpon (Stein-Schere-Papier)-Ritual entschieden? Oder haben sich da ein paar Politiker betrunken in einer Kneipe einen Scherz erlaubt? So viel steht jedenfalls fest: Mit so einem Minister kann man ziemlich bald die Lichter ausknipsen.

¹ Siehe unter anderem hier
Illustration von http://kids.wanpug.com.

Die Mutter aller Goldenen Wochen kommt! 10 freie Tage am Stück im Mai 2019

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Das Gerücht ging schon eine ganze Weile herum, doch Ende der vergangenen Woche wurde daraus nun Gewissheit: Im Jahr 2019 erlebt Japan eine Goldene Woche, wie es sie noch nie gegeben hat. Normalerweise besteht die Goldene Woche aus 4 Feiertagen (plus entsprechenden Wochenenden) zwischen dem 26. April und dem 5. Mai. Im kommenden Jahr wäre die Goldene Woche dabei etwas unglücklich ausgefallen, denn sowohl der ominöse Tag des Grüns als auch der Kindertag fallen auf ein Wochenende. Fällt ein gesetzlicher Feiertag auf einen Sonnabend, so hat man Pech gehabt. Fällt er auf einen Sonntag, dann wird der kommende Montag automatisch zum Ersatzfeiertag. 2019 hätte man somit erst drei Tage am Stück frei gehabt, gefolgt von drei Tagen Arbeit, gefolgt von 4 Tagen frei.

Genau in die Mitte der drei Arbeitstage fällt jedoch die Inthronisation des neuen Kaisers, denn der jetzige Kaiser bat darum, abdanken zu dürfen – ein Prozess, der in Japan so selten ist wie die Abdankung eines Papstes in Europa, der sich aber so schon seit einigen Jahren abgezeichnet hat.

Dass der Tag der Inthronisation nun zum Feiertag erklärt wird, war zu erwarten – so etwas geschieht ja nicht alle Tage (das letzte Mal war es 1989, und davor 1926!). Konsequenterweise hat die Regierung nun aber auch den Tag davor zum Feiertag erklärt, und um die 10 vollzumachen, auch den Tag danach. Und schon ist die Goldene Woche zehn Tage lang! Offiziell zumindest.

Eigentlich ein Grund zur Freude, aber die Reiseportalseite Expedia.co.jp hat sich die Reaktion der kaiserlichen Untertanen etwas näher angesehen und eine Umfrage veranstaltet¹. Der Umfrage zufolge freut sich nur knapp die Hälfte (54%) der Befragten über die lange, verordnete Auszeit – vor allem sind dies Beamte, Studenten und Angestellte. Spezialisten wie medizinisches Personal oder Anwälte, Hausfrauen und -männer sowie Teilzeitkräfte freuen sich eher weniger.

Auf die Frage hin, ob man gedenkt, dem Kalender entsprechend zu ruhen, sagte jeweils ein Drittel „Ja“, „Nein“ und „Weiß nicht“. Schockierend, wenn auch nicht überraschend ist jedoch das Ergebnis der Frage, ob die Befragten jemals seit Beginn ihrer Arbeit 10 Tage am Stück freigehabt hätten: Ganze zwei Drittel verneinten die Frage, und nur 27% gaben an, dass sie schon mehrfach 10 Tage oder länger frei hatten.

¹ Siehe unter anderem hier

Lacher des Monats: Fernsehprogramm Itte-Q der Fehlinformation bezichtigt

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Seit 2007 gehört die Fernsehsendung „世界の果てまでイッテQ“ zum festen Bestandteil des Privatsenders Nittere (Nippon Television, NTV). Das „Q“ steht für „Question“ und das ursprüngliche Konzept bestand darin, Leute in die Ferne zu schicken, damit sie dort viele Fragen stellen. Frei übersetzt bedeutet der Name „Geh‘ bis ans Ende der Welt und frage“. Gestartet als eine von vielen Fernsehshows, rückte das Format irgendwann zur Prime Time auf — 20 Uhr, Sonntag abends. Vor allem Kinder lieben das Programm, da es sich quasi zu einem regelrechten Zirkus entwickelt hat. Ging es früher wirklich hauptsächlich um abgelegene Gebiete dieses Planeten, geht es heuer mehr darum, irgendwelche Komiker zu zwingen, Bungee zu springen oder Insekten zu essen oder was auch immer. Im Ausland natürlich, um irgendwie noch dem ursprünglichen Format treu zu bleiben. Vorneweg: Viel Zirkus, viel Spektakel – einzig der Schnitt (Untertitel, Kommentare usw.) macht zuweilen Freude.

Ein bekanntes Wochenmagazin mokierte nun, dass eine Sendung komplett fabriziert gewesen sei — es ging um ein Festival in Laos, bei dem die Teilnehmer mit einem Fahrrad ein Wasserbecken überqueren müssen — auf einem schmalen Steg. Angeblich hätte sich der Sender das komplett ausgedacht, selbst das ganze Set zusammengezimmert und so weiter. Der Vorwurf lautete 捏造 netsuzō – das Fabrizieren falscher Nachrichten. Untermauert wird diese sensationelle Meldung mit Interviews und Rechercheergebnissen vor Ort. Den Fernsehsender lässt das kalt – er bestreitet den grössten Teil und will das Format fortsetzen.

Warum das nun so komisch ist? Ganz einfach. Das ganze Programm ist von vorn bis hinten やらせ yarase — gestellt. Zumindest, was die Reaktionen der Beteiligten betrifft. Besonders beliebt: Einem タレント (Tarento, = Talent) (Definition: Ein Schauspieler, der sich meist durch den Mangel des selbigen definiert) wird befohlen, dass er Bungee springen soll oder Skydiving machen soll und dergleichen. Das Talent jammert dann erst mal rum, dass er/sie wirklich Höhenangst habe und so weiter, um dann kurz darauf munter aus dem Flugzeug oder von was weiss ich zu springen. Oder Komödiant Degawa, ein im Prinzip wirklich urkomischer Geselle, der auf Englisch radebrechend durch eine amerikanische Großstadt zieht und nach einem Wasserfall sucht. Angeblich kann er sich absolut keine englischen Vokabeln merken und spielt deshalb den Deppen. Die Sachen sind dermaßen gestellt, dass es oftmals einfach nur weh tut.

Das ist nichts Neues. Wer glaubt, dass die stets um Perfektionismus bemühten Japaner bei Fernsehprogrammen eine Ausnahme machen und die Sache den Schauspielern und/oder gar dem Zufall überlassen, glaubt auch an den Weihnachtsmann. Der vermeintliche Scoop des Schmierblattes ist deshalb keiner. Natürlich sind fast alle Sachen fabriziert oder werden so in Szene gesetzt, dass es die Wahrheit weit hinter sich lässt. Wenn da über ein Festival in Laos berichtet wird, bei dem Leute mit einem Fahrrad über einen schmalen Steg radeln und dann ins Wasser fallen, wird doch klar, dass es sich hier nicht um eine nationale Tradition handelt, sondern eher um einen Dorfvorsteher, der irgendwann mal eine Idee hatte und das einem Fernsehsender meldete. Und mal ehrlich, was Politiker können, können Fernsehdirektoren schon lange.

Manche Folgen sind jedoch dennoch interessant, denn man entführt das Publikum hin und wieder immer noch in sehr abgelegene und sehenswerte Ecken des Planeten – das, gepaart mit etwas Humor, kann durchaus reizvoll sein.

  • Gezwitschertes

  • Tabibito meets Facebook

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