Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
Home Blog

“Grüner Frosch” verschwindet aus Shibuya

0

2006 stand er plötzlich vor dem Bahnhof: Ein grasgrüner, kugelrunder Eisenbahnwaggon der Tokyu-Linie, wie er zwischen 1954 und 1986 in Tokyo in Betrieb war. Der Waggon war nicht zu übersehen, stand er doch direkt gegenüber der berühmten Hachiko-Statue, dem Treffpunkt schlechthin nicht nur in Shibuya, sondern in ganz Tokyo. In den 14 Jahren diente der alte Waggon als Touristeninformation, und in seiner ganzen Rundheit war er durchaus ein Blickfang.

Damit war heute Schluss – ein grosser Kran hievte den Waggon heute auf einen Laster. Das Gefährt wird nämlich in die Präfektur Akita verfrachtet, nach Odate, dem Geburtsort des Hundes mit dem berühmten Denkmal. Hachiko gehörte nämlich zur Rasse der Akita-Hunde, und der Waggon soll dort nun helfen, Besucher über die Hunderasse und überhaupt ganz Akita zu informieren.

Man könnte natürlich auch ganz bösartig behaupten, dass der Waggon abtransportiert wurde, da man ja vorerst sowieso keine Touristeninformation in Shibuya braucht. Wo keine Touristen, da keine Info. Aber so bösartig denke ich natürlich nicht. Allerdings stelle ich – wie so oft – fest, dass ich wahrscheinlich gar kein brauchbares Foto des Waggons habe, sondern nur dieses hier, in dem man sehen kann, wie der Waggon hinter dem Bahnhofseingang hervorlugt. Dummerweise ist das auch noch eine Schlechtwetteraufnahme.

Shibuya im Regen mit Bahnwaggon (Bildmitte)

Corona-Update 29. Juli 2020

1
3D-Darstellung eines Corona-Virus (Quelle: Wikipedia)

Corona und kein Ende. Japan folgt ganz offensichtlich dem globalen Trend hin zur zweiten Welle, da man auch hier die Dinge nun etwas gelassener sieht – zu gelassen, wie sich mehr und mehr herausstellt. Dabei brechen die Zahlen schon seit Tagen etliche Rekorde. So gab es heute zum ersten Mal mehr als 1’000 Neuinfektionen an einem Tag in ganz Japan, und in Tokyo gab es, mit nur einer Unterbrechung, seit mehr als 10 Tagen über 200 neue Fälle pro Tag. Und: Die letzte Bastion ist heute quasi gefallen – die eher ländliche Präfektur Iwate war bis heute – zumindest nach dem Erkenntnisstand bisher – coronafrei, aber heute wurden von dort erstmals 2 Infektionen gemeldet. Auf lokaler Ebene werden täglich Höchstwerte gemeldet – aus Nagoya, Osaka, Okinawa…

Und dennoch beschwichtigen Medien und Politiker. Der Grundtenor: Es ist trotzdem nicht so schlimm wie im April, vor Ausrufung des Ausnahmezustands, denn:

  • Die Rate der positiv Getesteten ist weitaus niedriger. Im April lag sie bei bis zu 33%, in den vergangenen Tagen jedoch eher zwischen 3 und 10%. Sprich, es wird bedeutend mehr getestet
  • Die meisten Neuinfektionen gehen auf das Konto der 20-39jährigen
  • Dementsprechend gibt es weit weniger Fälle mit einem schweren Krankheitsverlauf
  • Man hat bedeutende Fortschritte bei der Behandlung gemacht
  • Dank der geringeren schweren Fälle ist das Gesundheitswesen (noch) nicht überlastet, obwohl hier die Meinungen auseinandergehen

Die Regierung wartet entsprechend ab und macht keine Anstalten, wieder den Ausnahmezustand auszurufen. Kritik kommt da vor allem von einigen Präfekturgoverneuren, bei denen sich einige nun dafür stark machen, gewisse Handlungen unter Strafe zu stellen – und das ist neu in Japan. Bisher wurde immer nur geraten bzw. empfohlen, das eine oder andere zu machen oder besser zu unterlassen. Aber da zum Beispiel viele Bars und kleine Restaurants, aber auch Host Clubs und dergleichen öffnen, obwohl sie gebeten wurden, zu schließen, will man versuchen, das in Zukunft zu sanktionieren. Diesen Schritt hat man bisher vermieden, denn man befürchtet eine Flut von Regressansprüchen.

Wie es wohl weitergehen wird? Das vergangene Wochenende war ein langes Wochenende, mit zwei Feiertagen in Folge vor dem Wochenende, und die GoTo-Kampagne, die den Binnentourismus fördern soll, begann kurz davor. Hauptstädter ausgenommen: Aufgrund des hohen Anstiegs der Neuinfektionen wurden die Bewohner von Tokyo einfach ausgeklammert. Wohl zurecht befürchten aber die Experten eine weitere Verbreitung des Virus im ganzen Land. Das einzige, was den Anstieg hier eventuell etwas verlangsamt, ist das Wetter, denn die Regenzeit in diesem Jahr ist rekordverdächtig. Normalerweise endet sie im Raum Tokyo um den 20. Juli, doch der Regen hat das ganze Land noch immer fest im Griff.

Japan lernt somit die gleiche, bittere Lektion wie so viele andere Länder: Das Virus kann nicht besiegt werden. Man kann es maximal eindämmen, aber sobald man die Zügel etwas lockerer läßt, schlägt es wieder zu. Da helfen wohl wirklich nur ein Impfstoff – oder eine wirksame Therapie.

Mal kurz Reis polieren gehen

2
Erfordert durchaus profunde Japanischkenntnisse: Die Lektüre des Reispolierautomaten
Erfordert durchaus profunde Japanischkenntnisse: Die Lektüre des Reispolierautomaten

Reis. Was für andere der Sauerstoff, ist für Japaner der Reis. Ohne geht’s nicht. Auch wenn es mal fremdländisches Essen gibt – vielen verlangt es danach nach einer Schale Reis. Und weiß soll er bitte sein. Nicht ein Tropfen Wasser darf dafür zu viel verwendet werden, und nicht ein Tropfen zu wenig. Und mit Milch kochen geht schon mal gar nicht.

Reis – das war früher für mich Langkornreis, und der bestand, ob Uncle Ben’s oder nicht, in der Regel die Gabelprobe. Ich hatte immer das Gefühl, dass er immer mehr im Mund wurde, und geschmacklich war ich auch nicht so begeistert. “Warum quält Ihr Euch immer mit dem Reis rum? Es gibt doch Nudeln!” dachte ich als Kind immer. Auch später noch habe ich mir niemals selbst Reis gemacht. Warum sollte ich. Es gab immer bessere Alternativen.

Der erste Japan-Aufenthalt hat mich eines besseren gelehrt. Reis, und zwar Rundkornreis, ordentlich gekocht, kann mit den passenden Zutaten ganz passabel schmecken. Aber reisvernarrt bin ich immer noch nicht. Aber die ganze Wissenschaft rund um den Reis ist schon interessant – und dazu gehören die Reispolierautomaten. Man kann nämlich auch in Japan Reis in verschiedenen Stufen kaufen – so wird auch in Japan durchaus Vollkornreis (auch: Naturreis), hier 玄米 genmai genannt, verkauft. Der fällt durch seine bräunliche Farbe auf, und enthält noch all die Vitamine, Spurenelemente und Fette, die den Reis so nahrhaft machen. Den kann man natürlich so wer ist essen, und vielen Ländern macht er das auch, aber in Japan ist das eher unüblich – die Vitamine und Spurenelemente holt man sich hier von den Beilagen, der Reis als solcher hat die Aufgabe einer schmackhaften, leicht klebrigen, weiß-glänzenden Beilage, die nicht etwa mit Saucen vermanscht wird, sondern so, mit irgendwas obendrauf oder nebenher, verspeist wird.

Reispolierkabinen

Die meisten Reissorten, die man im Supermarkt bekommt, sind bereits poliert – sie werden als 精米 seimai (auch 白米 hakumai, “weißer Reis”) verkauft. Man muss ihn vor dem Kochen nur ein paar Mal mit Wasser spülen, aber selbst die Aufgabe wird dem Kunden bei einigen Sorten abgenommen – dem “無洗米 musenmai” (“ohne-Waschen-Reis”). Das milchige Wasser (とぎ汁 togijiru), das beim Reis waschen entsteht, kann übrigens gern weiter benutzt werden – als Kosmetik (Gesichtswasser, denn es enthält viele Vitamine und Mineralien), aber auch zum Kochen von Bambus oder Rettich und dergleichen.

Wer direkt vom Reisbauern kauft, bekommt oftmals Naturreis – “genmai” – und das hat auch seine Vorteile – so kann man sich einen Teil zurückstellen, um den Reis in seiner braunen Variante zu geniessen – und wenn man dann doch lieber weissen Reis möchte, kann man sich zu einem der hier und da aufgestellten Poliermaschinen begeben. Die stehen oft neben Reisverkaufsautomaten irgendwo im Freien. Es sind meist winzige Hütten, in die man hineingehen kann, denn nichts ist schlechter für weißen Reis als Feuchtigkeit. Dort schüttet man den braunen Reis in ein Gitter, zahlt ein bisschen Geld (in der Regel 100 Yen pro 5 Kilogramm) und wählt die Polierstufe. Im Falle der Maschinen in unserer Gegend sind das vier Stufen – 5, also halb poliert, 7, dann die “normale Stufe” und schliesslich “Superweiss”. Je höher die Stufe, desto weißer der Reis, und desto größer der Gewichtsverlust – logisch, denn hier werden die Körner ja poliert, sprich, geschliffen. Schade ist dabei, dass man das, was dort abgeschliffen wurde, (nuka – Kleie) genannt, nicht ausgehändigt bekommt, denn damit kann man unter anderem schön ヌカ漬け Nukazuke herstellen – in Kleie eingelegtes Gemüse.

Der ganze Vorgang dauert nicht einmal eine Minute, und durch ein kleines Fenster kann man beobachten, was im Inneren geschieht. Ist die Maschine fertig, hält man einfach eine grosse Tüte unter den Trichter, tritt auf den Pedal, und der frisch polierte und noch sehr warme Reis rauscht aus der Maschine. Das ganze wirkt etwas archaisch, und vor Jahrzehnten galt der Verkauf von bereits poliertem Reis natürlich als wunderbare Neuerung, da man sich die Prozedur ersparen konnte. Aber es gibt auch ein paar wenige Leute, die den Vorgang des Reispolierens durchaus zu schätzen wissen.

Reisverkaufsautomaten. “Jeden Tag Sonderverkaufsangebot!”. Natürlich.

Zeitungsdealer

3

Es war vor gut drei Monaten, als ein Vertreter der hiesigen Zeitungsagentur an unserer Tür klingelte. Erst bedankte er sich dafür, dass wir seit Jahren die Kinderausgabe der Tageszeitung abonnieren – die haben wir in der Tat für unsere Kinder bestellt, damit sie mal in Zukunft sagen können, dass es in ihrer Kindheit noch auf Papier gedruckte Nachrichten gab. Schnell liess er dann aber die Katze aus dem Sack: Ob wir nicht für drei Monate die Erwachsenenversion der Zeitung bestellen wollen. Die würden wir für einen echten Vorzugspreis bekommen, und nicht nur das: Da ein Abo das letzte Abo wäre, das er braucht, um sein Soll zu erfüllen, würde er noch eine Kiste Bier herausspringen lassen. Nach den drei Monaten könnten wir auch sofort kündigen, kein Problem.

Nun ist Bier nicht gleich Bier in Japan. Es gibt Bier, dann Bierersatz, und dann noch Ersatz-Bierersatz. Letzteres wird mit 80 Yen pro Liter besteuert, das Ersatzbier mit 135 oder mehr yen pro Liter, und “richtiges” Bier mit 220 Yen pro Liter. Deshalb kostet “richtiges” Bier auch rund 2,30 Euro pro halben Liter – selbst im Supermarkt. Und selbst das muss noch nicht mal richtiges Bier sein, denn auch mit Mais und anderen Dingen gestreckte Getränke wie das amerikanische Budweiser oder das japanische Asahi Super Dry können sich Bier nennen, wenn sie nur genügend Malzgehalt aufweisen.

Der nette Vertreter sagte aber deutlich “ビール (Bier)”, und nicht “発泡 Happōshu”, also Ersatzbier. Das liess uns aufhorchen, denn eine Stiege guten Bieres kostet genauso viel wie das dreimonatige Probeabo. Das Gefeilsche begann: “hmm. Welches Bier?” – “Welches Bier mögen Sie denn?” – “Puremo!” (die Abkürzung für Suntory’s “Premium Malts”, ein richtiges Bierbier, das in etwa tschechischen Bieren entspricht. Der Vertreter zuckte zusammen. Denn puremo ist ein bisschen teurer als die anderen bekannten Marken wie Kirin oder besagtes Asahi Super Dry. Wahrscheinlich hatte er aber nicht gelogen mit dem letzten Abo, und keine Lust mehr, weiter zu suchen, und so willigte er ein. Und siehe da: Zwei Wochen später stand eine Ration (24 Dosen) Premium Malts vor der Tür.

Nach drei Monaten haben wir natürlich nicht gekündigt, denn ganz eigentlich will ich eine Tageszeitung haben. Ich habe nicht immer Zeit, diese auch zu lesen, aber ich denke, dass ein bisschen Widerstand gegen die Digitalisierung hin und wieder ganz gut tut. Letztendlich lese ich in der Zeitung auch weniger die Nachrichten, denn die sind ja meist schon fast einen Tag alt, sondern die Analysen und Kolumnen. Doch obwohl es heisst, dass man schlafende Löwen nicht wecken soll, kam am Freitag der ältere Kollege des jungen Aboaufschwatzers vorbei und bedankte sich, dass wir nicht gekündigt haben. Ob er sich denn erkenntlich zeigen könne – zum Beispiel mit einer Kiste Bier? Aber sicher doch! “Welches mögen Sie denn?” “Puremo” – “Auh…. hmmm, oh je…” begann er zu zaudern. Er sei sich nicht sicher, ob das geht, da müsse er erst extra zum Alkladen fahren… Und so stand plötzlich am Sonntag eine herrenlose Stiege Asahi Super Dry vor unserer Haustür. Zwar mag ich die Marke überhaupt nicht, aber wir haben die Stiege natürlich trotzdem adoptiert.

Das erinnerte ein bisschen an früher: Da herrschte in Sachen Abonnentenjagd Anarchismus – da wurden die Kunden mit riesigen Geschenken gelockt, aber teilweise auch massiv bedroht. Die Drückerkolonnen wurden (und werden) 新聞拡張団 shimbun kakuchōdan genannt, und mitunter greifen sie auch heute noch zu schmutzigen Tricks (alle ausser ihnen haben diese Zeitung abonniert!). Immerhin wurden aber ein paar Gesetze erlassen, die unlautere Mittel erschweren – zum Beispiel die 6-8-Regel, die besagt, dass lediglich 8% des Abopreises oder 8% des letzten Halbjahresabopreises mit Geschenken, 景品 keihin genannt, rückerstattet werden können. In unserem Fall wurde da einfach das Abo der Kinderzeitung als Rechnungsgrundlage genommen, weshalb das Angebot nicht illegal war. Trotzdem sollte man in Japan noch immer sehr vorsichtig sein beim Umgang mit den Abonnentenverkäufern.

Corona-Update 16. Juli 2020

3
3D-Darstellung eines Corona-Virus (Quelle: Wikipedia)

Vor wenigen Wochen noch sah es so aus, als ob man sich langsam aber sicher wieder anderen Themen zuwenden könnte. Doch das Blatt hat sich wieder geändert: Heute erreichte Tokyo mit 286 Neuinfektionen einen neuen Höchststand, und ein Ende des Anstiegs ist soweit noch nicht in Sicht. Seit Anfang Juli ist man dreistellig, und an zahlreichen Tagen sind es mehr als 200. Das sind mehr als während der ersten Welle im April, doch im Gegensatz zum April geschieht nicht viel – die Politiker mahnen nur unermüdlich, sich an Abstands- und andere Regeln zu halten.

Das Virus durchkreuzt damit die Pläne der Regierung, die Menschen mit der sogenannten “Go To”-Kampagne wieder zum Reisen zu bewegen, damit die Tourismusindustrie, arg gebeutelt durch das plötzliche Ausbleiben ausländischer Touristen, wieder auf die Beine kommt. Die Idee: Der Staat subventioniert Kurzreisen, Übernachtungen und dergleichen – allerdings nur, wenn diese durch die großen Reiseunternehmer wie JTB gebucht werden. Zweifel am Timing der Kampagne werden nun immer lauter – und heute tauchte schliesslich die Idee auf, Hauptstädter von der Aktion auszuschliessen. Zudem gibt es schon erste Herbergen in der Provinz, die klipp und klar sagen, dass Besucher aus Tokyo unerwünscht sind.

Der neue Anstieg der Neuinfektionen kommt auch zu einem unpassenden Zeitpunkt: In der nächsten Woche gibt es zwei Feiertage in Folge, so dass die meisten vier Tage hintereinander frei haben. Und Mitte August steht, wie jedes Jahr, お盆 O-bon bevor – das Ahnenfest, zu dem viele Japaner die Städte verlassen und ihre Verwandtschaft auf dem Land besuchen. Geht der Trend jedoch so weiter, ist dieses Jahr nicht nur die Goldene Woche (im Mai), sondern auch O-bon gestrichen, und das zehrt an den Nerven. Um so unverständlicher ist die Passivität der Regierung, die soweit nichts nennenswertes unternommen hat, den Anstieg einzudämmen.

Der Anstieg erfolgt auch in einer Zeit, in der die Regierung laut überlegt, Ausländern, die in Japan leben, die aber nach dem Inkrafttreten der Einreiseeinschränkungen im März nicht mehr ins Land durften, die Einreise zu erlauben. Ob die dann nun bei der aktuellen Lage auch wirklich zurückwollen steht auf einem anderen Blatt, aber die Situation dieser Ausländer ist nicht beneidenswert – monatelang nicht in seine Wahlheimat zu dürfen ist ein grauenvoller Gedanke.

Führerscheinerneuerung und Corona

0
Im Führerscheinzentrum
Im Führerscheinzentrum

Wie in jedem anderen Land auch gibt es auch in Japan einige Sachen, die eher lästig sind. Dazu zählt definitiv die Prozedur der Führerscheinverlängerung, die alle drei Jahre fällig ist. Wobei dazu gesagt werden sollte, dass die Idee als solche durchaus sinnvoll ist – ein regelmäßiger kurzer Seh- und Hörtest, ein Update des Fotos sowie ein kurzer Lehrgang, welche Verkehrsregeln sich in den letzten Jahren geändert haben – das alles ist nachvollziehbar. Lästig ist die Prozedur deshalb, weil es in der Regel nur einen Ort pro Präfektur gibt, an dem man den Führerschein verlängern kann – das Führerscheinzentrum.

Beginnen wir also mit etwas Mathematik. Die Präfektur Kanagawa hat rund 9 Millionen Einwohner, und von denen haben über 5 Millionen einen Führerschein. Das Führerscheinzentrum hat circa 300 Tage im Jahr geöffnet. Ergo müssen über 5 Millionen Menschen innerhalb von 3 Jahren, also 900 Tagen, mindestens ein Mal dorthin – das sind im Schnitt also 5555 Menschen pro Tag. Das Führerscheinzentrum hat auch am Sonntag geöffnet, und dann ist natürlich mehr Betrieb als werktags. 

Um die Menschen nicht inmitten der Corona-Krise dort zu versammeln, wurde die Verlängerung im April und Mai teilweise ausgesetzt. Führerscheininhaber konnten ihren Stichtag so um drei Monate nach hinten verschieben – allerdings war dazu eine Prozedur notwendig, von der etliche Leute nichts wussten. 

Nun haben wir also wieder über 200 neue Corona-Fälle pro Tag allein in Tokyo, doch das Führerscheinzentrum hat wieder geöffnet, und meine Fristverlängerung läuft auch in zwei, drei Wochen aus. Ob ich nun wollte oder nicht – es wurde langsam Zeit, sich der Tortur auszusetzen. Also fuhr ich gestern zum entsprechenden Zentrum, und war erstmal begeistert, einen Parkplatz zu bekommen (das Zentrum rät dazu, nicht mit dem Auto anzureisen, aber mit den  Öffentlichen dauert es von mir ewig). Die Begeisterung verflog auch schnell, als ich die Schlange bemerkte, die sich ausserhalb des Gebäudes, in der Sonne und bei schwülen 32 Grad gebildet hatte. Das ist ohne Maske schon unschön, aber mit Maske sehr unangenehm. Immerhin ging es jedoch bald ins Gebäude. Dort hiess es eine gute Stunde warten, bevor die Rallye beginnen konnte:

  1. Neue Führerschein-PIN auswählen, Bewerbung ausdrucken
  2. Am Gebührenschalter anstehen um Gebühr zu bezahlen
  3. Am Sehtest anstehen (Dauer: 10 Sekunden, gleichzeitig als Hörtest getarnt)
  4. Am Unterlagen-Check-Schalter anstehen. Dort wurden, nach rund zwei Stunden Wartezeit, all jene rausgefischt, die nicht wussten, dass man die Fristverlängerung beantragen muss. Die Folge: Gestöhne und Gefluche.
  5. Anstehen am Foto-Schalter. In dieser Schlange: Heftiges Geschminke seitens der Antragstellerinnen. Schliesslich muss man mit diesem Foto drei Jahre lang herumfahren.
  6. Zuweisung des Seminarraums
  7. 30 Minuten (“vorbildliche Fahrer”), 1 Stunde (“normale Fahrer”) oder 2 Stunden (erstmalige Verlängerung oder mehr als 2 Punkte in 5 Jahren) Seminar in Räumen mit 100 Personen
  8. Ausgabe der neuen Führerscheine

So gehen gern schon mal mehr als 4 Stunden für diese Prozedur drauf. 

In den vergangenen Tagen lag die Zahl der Neuinfektionen allein in Tokyo täglich bei über 200 — das sind mehr als bei der Ausrufung des Ausnahmezustands. Dennoch scheint die Regierung halbwegs gelassen – warum? Und nicht nur das — man beginnt bereits mit einer “Go to…”-Kampagne, um den Inlandstourismus anzukurbeln. Erklärt wird diese Gelassenheit damit, dass bis zu 80% der Neuinfizierten unter 30 Jahre alt sind. Was dazu führt, dass die Zahl der Neuinfektionen mit schwerem Krankheitsverlauf ständig zurückgingen – gestern zum Beispiel gab es 204 Neuinfektionen, aber keine mit schwerem Krankheitsverlauf (während es zu Spitzenzeiten über 100 Fälle pro Tag gab). Dieser Verlauf könnte damit erklärt werden, dass heuer viel mehr (ungefähr doppelt so viel) getestet wird als vor zwei Monaten. Man verlegt sich deshalb von Maßnahmen, die alle betreffen, auf gezieltere Maßnahmen – darunter in die Unterteilung der Einwohner in drei Gruppen – bis 49 Jahre, bis 70 Jahre und darüber, mit jeweils verschiedenen Empfehlungen, was man tun sollte oder besser nicht. Ob das reichen wird, bleibt abzuwarten. Immerhin wird jetzt wieder diskutiert, einigen Gewerben (Restaurants und Bars ohne ausreichenden Schutz, Clubs und dergleichen) eine temporäre Schliessung ans Herz zu legen.

Corona, Regenzeit & Erdbeben

1

Es sieht ganz so aus, als ob sich auch dieses Jahr zu einem ordentlichen Katastrophenjahr mausern wird. Corona ist dabei nur ein erschwerender Aspekt. Zur Zeit ist es eher die Regenzeit, die vor allem den südlichen und den Bergregionen zu schaffen macht. Und wie so oft ist dabei Kyushu besonders betroffen. Dort fielen allein in zwei Tagen vom 5. bis zum 7. Juli an etlichen Stellen über 500, an einigen Orten bis zu 650 mm Regen. 10mm Regen pro Stunde ist bereits ein ordentlicher Gewitterschauer – das aber dann eben 48 Stunden lang. Dementsprechend kam es bereits zu schweren Überschwemmungen, zum Beispiel entlang des 球磨川 Kuma-gawa in der Präfektur Kumamoto. Die Überschwemmungen dort sind so schwer, dass mehr als 200,000 Menschen evakuiert werden mussten – und dennoch gab es bereits mehr als 55 Todesopfer. Da der Regen allerdings noch anhält, muss mit weiteren Opfern gerechnet werden.

Am Oberlauf des Kuma-gawa (im Oktober 2019)
Am Oberlauf des Kuma-gawa (im Oktober 2019)

Zu den schweren Überschwemmungen auf Kyushu sorgt oftmals, so auch in diesem Jahr, das Phänomen der Regenbänder. Da die Luftmassen über dem Chinesischen Meer viel Feuchtigkeit aufsammeln und in Kyushu auf hohe Berge treffen, stauen sich die Regenwolken dort und ziehen als Bänder über die Insel. Liegt ein Ort genau in dieser Bahn, regnet es dort ununterbrochen, während es 20km weiter nördlich wie südlich (beinahe) trocken bleibt. Das ist nicht neu, aber die diesjährige Regenzeit ist besonders heftig, und das nicht nur in Kyushu – auch in Gifu gab es bereits schwere Überschwemmungen.

Leider ist auch die Häufung von Erdbeben in der unmittelbaren Umgebung von Tokyo nicht mehr von der Hand zu weisen. Momentan gibt es ein deutlich spürbares Erdbeben pro Woche, manchmal auch mehr – so auch in der vergangenen Nacht. Schäden gab es zwar soweit noch nicht, aber die Sorgen vor einem schweren Erdbeben direkt unterhalb der Hauptstadt wachsen natürlich. So gab es, von 2018 mal abgesehen, im Schnitt 3 Erdbeben der Stärke 4 auf der japanischen Skala bis 7 pro Jahr. In diesem Jahr gab es bereits 3, und die waren alle in der Gegend von Tokyo.

Die Wochenzeitschrift AERA hat sich aus diesem Grund mal die Mühe gemacht, die offiziellen Erdbebendaten seit 2011 auszuwerten und nach Präfekturen zu ordnen. Daraus ergab sich folgende Tabelle (gezählt wurden spürbare Erdbeben):

RangPräfekturZahl der Erdbeben
1Fukushima7,337
2Ibaraki6,614
3Miyagi5,614
4Iwate4,962
5Kumamoto4,706
6Chiba3,369
7Tochigi3,153
8Hokkaido2,371
9Aomori2,189
10Nagano2,143
11Tokyo2,003
12Saitama1,970
13Gunma1,922
14Kagoshima1,723
15Yamagata1,530
16Niigata1,472
17Akita1,319
18Kanagawa1,225
19Oita1,154
20Shizuoka1,100
21Gifu944
22Miyazaki903
23Okinawa767
24Yamanashi709
25Tottori676
26Wakayama651
27Fukuoka597
28Nagasaki556
29Ehime342
30Hiroshima337
31Okayama329
32Aichi328
33Hyogo326
34Kyoto310
35Kochi303
36Shimane299
37Saga294
38Osaka275
39Yamaguchi258
40Tokushima257
41Ishikawa236
42Shiga229
43Nara222
44Fukui195
45Kagawa166
46Mie165
47Toyama158

Die Liste muss natürlich etwas mit Vorsicht genossen werden, schliesslich sind die Präfekturen unterschiedlich gross. So gibt es zum Beispiel auf Hokkaido relativ sichere Ecken (Asahikawa zum Beispiel) und chronisch unruhige Gegenden (Obihiro und Umgebung). Überträgt man die Zahlen jedoch auf eine Karte, dann ergibt sich ein deutliches Bild:

Erdbebenhäufigkeit 2011-2020:
Dunkelrot: Bis über 7,000 spürbare Erdbeben.
Hellrot: ~200 Erdbeben

Natürlich hofft man, dass man von einem schwereren Erdbeben vorerst verschont wird, denn noch hat man alle Hände voll mit Corona und den wirtschaftlichen Folgen zu tun. Da braucht man keine weiteren Naturkatastrophen.

Reisen in Zeiten von Corona

1
Landstrasse bei Akan-ko auf Hokkaido
Landstrasse bei Akan-ko auf Hokkaido

Nach einem halben Jahr nahezu ununterbrochener Arbeit, und dies auch noch im Schatten von Corona, und mehreren Monaten Berufsverkehr im Auto, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 10 km pro Stunde, war ich wirklich reif für eine kurze Auszeit. Ursprünglich waren vier Tage auf Shikoku geplant – der Flug war sehr günstig und schon im März gebucht, doch die Arbeit liess das nicht zu – ausserdem lag der Flug noch in der “bitte nicht in andere Präfekturen reisen”- Periode. Also wurde der Kurztrip verschoben auf Anfang Juli. Die Flüge waren nun wesentlich teurer, und als kostengünstige Alternative kamen “nur” noch Hokkaido oder Okinawa in Frage. Hokkaido also (bei Okinawa hätte es einen Aufstand in der Familie gegeben :)

Reisen in Zeiten von Corona also. Der Flug war ausgebucht, aber sowohl am Flughafen Narita als auch im Flugzeug herrschte Maskenpflicht, aber die Sitze waren so eng wie eh und je. Auf Hokkaido selbst schien man überall auf das Virus eingestellt – bei einer Unterkunft wurde sogar die Temperatur gemessen, bei einer anderen Unterkunft wurden sogar Regeln aufgestellt wie “treffen Sie bei Ihrem Aufenthalt keine anderen Menschen”. Ach so. Die Richmond-Hotel-Kette geht mir mit all ihrer Sterilität und weltfremden Regeln sowieso seit einiger Zeit auf den Nerv, weshalb ich diese Hotels wohl demnächst eher meiden werde. Spricht man mit Leuten unterwegs, merkt man das vorsichtige Interesse an das “woher”, denn Touristen sind momentan eher rar. Ab und an trifft man jedoch trotzdem welche – Thais, Vietnamesen, Singapurianer, Taiwanesen zum Beispiel dürfen nach Japan reisen, und ein paar mutige machen das auch. Ich kann es ihnen nicht verübeln, denn ein Japan ohne Touristen ist nach all den Jahren mit den explodierenden Besucherzahlen durchaus reizvoll.

Verständlicherweise hört man überall die selben Klagen — dass die Besucher wegbleiben, dass der Umsatz nahe Null liegt und dergleichen. Die Bewohner von Hokkaido und anderswo dürften da ausländische wie inländische Besucher mit sehr gemischten Gefühlen betrachten: Einerseits mit Freude, andererseits mit etwas Furcht, wächst doch die Gefahr der Corona-Infektion zweifelsohne durch Reisende. Hinzu kam, dass während der kurzen Tour die Zahl der täglichen Neuinfektionen in Tokyo allein wieder auf dreistellige Zahlen anstieg, und daran hat sich an den letzten vier Tagen auch nicht viel geändert. Die befürchtete zweite Welle ist da, und gestern bat die Gouverneurin von Tokyo, die ihren Sitz übrigens bei der gestrigen Wahl behaupten konnte, zum ersten Mal seit rund zwei Wochen die Bewohner wieder, 都道府県跨ぐ移動控えて – “Fahrten über die Präfekturgrenzen hinaus zu unterlassen”.

Der Wunsch ist verständlich, aber es dürfte für immer mehr Unternehmen der Reisebranche sowie der Gastronomie enger werden. Sich irgendwie zwei, drei Monate durchwursteln geht mit Sicherheit, aber wenn sich das so schnell wiederholt, wird das viele zur Aufgabe zwingen.

Auf Hokkaido nun wurde ich nicht komisch angesehen – erst in Tokyo, als ich mit meinem Rucksack in der Yamanote-Linie fuhr. Das Fragezeichen (“ist der etwa aus dem Ausland hier eingereist!?”) stand einigen Leuten ganz direkt ins Gesicht geschrieben und versetzte mich ein bisschen in die Zeit meiner ersten Reisen nach Japan, als Ausländer noch ein seltener Anblick waren.

Die kurze Tour nach Hokkaido war, wie es sein sollte – erholsam. Einfach mal mit dem Auto über einsame Landstrassen brettern, äh, ich meine zuckeln, hat etwas Entspannendes. Ein kleines Geschmäckle bleibt natürlich. Zwar habe ich weder gegen Regeln noch gegen Empfehlungen der Regierung bezüglich Corona verstossen, aber für das unbeschwerte Reisen ist es dennoch etwas zu früh in Japan. Andererseits hilft es auch niemandem wirklich weiter, wenn jeder wirklich permanent zu Hause hockt. Die Devise heisst nun mal “with Corona”, so lange man sich an die einfachen Grundregeln hält.

Schnellster Computer der Welt nun in Japan

6

Es muss auch ab und an mal ein paar positive Nachrichten geben. In dieser Woche gehört 富岳 fugaku dazu – der vor ein paar Tagen der Öffentlichkeit vorgestellte Supercomputer am renommierten RIKEN Center for Computational Science (R-CCS) in Kobe. Die Maschine wird zwar erst offiziell im nächsten Jahr in Betrieb geben, doch Testläufe ergaben, dass Fugaku von nun an die berühmte TOP500 Liste der schnellsten Computer der Welt anführen wird.

Der Vorsprung ist noch nicht einmal knapp. Der bisher schnellste Supercomputer, SUMMIT, aufgebaut in den USA, schafft 148.8 Petaflops pro Sekunde – Fugaku kann hingegen 415.5 Petaflops und damit fast 3 mal so viele Gleitzahloperationen wie die Nummer zwei. Dazu braucht man allerdings auch fast drei Mal so viele Prozessoren (7.3 Millionen) und dementsprechend drei Mal so viel Energie. Mit 28,3 MW kann man da immerhin schon eine Kleinstadt mit Energie versorgen.

Der Name 富岳 ist ein alter Name des Fuji-san. Ein Novum an dem Computer ist, dass er der erste Supercomputer mit ARM-Prozessoren ist – die werden heutzutage auch in den meisten Smartphones verbaut. Was die Nutzung anbelangt, wartet auf Fugaku viel Arbeit. So kann man damit zum Beispiel auch sinnvolle Berechnungen zur Verbreitung des Corona-Virus anstellen, aber in erster Linie geht es natürlich um die üblichen Anwendungen: Wettermodelle, Erdbebendaten und dergleichen. Verbunden werden all die einzelnen Prozessoren übrigens mit dem von Fujitsu entwickelten TOFU interconnect d genannten System. So viel Japan muss schon sein.

Das Fugaku-Projekt lief 2015 an – unter der Schirmherrschaft des MEXT (Bildungs- und Wissenschaftsministerium). Scheinbar hat das MEXT da noch letztendlich seinen Haushalt absichern können, denn bei einer Haushaltsanhörung im Jahr 2009 wurde ein geplantes Supercomputerprojekt noch schroff abgebürstet.

Tokyo-Wahlen in Zeiten von Corona

6
Poster während der Gouveneurswahl von Tokyo. Mitte unten: Horiemon
Poster während der Gouveneurswahl von Tokyo. Mitte unten: Horiemon

Alle 4 Jahre ist es soweit: Bunte Lautsprecherwagen ziehen durch die Strassen und machen einen Heidenlärm, dem aber kaum jemand Beachtung schenkt. Es ist Wahlkampfzeit – gesucht wird der/die neue Gouverneur(irgendwo hier Asterisk und -in usw. einfügen)in von Tokyo – gewählt wird am 4. Juli. Und bis dahin kann man dem Krach nicht entkommen.

Zur Wahl stehen 23 Kandidaten, darunter die amtierende Gouverneurin, Yuriko Koike, sowie zwei weitere Frauen, was für japanische Verhältnisse bereits eine bemerkenswerte Frauenquote ist. Das Alter reicht von 33 bis 73 Jahren, liegt im Schnitt jedoch bei unter 50 Jahren, und das ist schon mal beachtlich. Der Trend zum jüngeren Gouverneur, von Osaka gesetzt, scheint auch Tokyo erreicht zu haben – allerdings ist die Amtsinhaberin schon 67 Jahre alt, und ihre Chancen auf eine zweite Amtszeit stehen nicht unbedingt schlecht.

Die meisten Kandidaten gehören keiner Partei an, sind aber natürlich in den meisten Fällen auf irgendeine Art und Weise mit einer Partei verbunden. Der Hintergrund der KandidatInnen ist bunt: Von Schriftstellern über Bauunternehmern, ehemaligen Verteidigungsministern bis zum Apothekenbetreiber ist alles dabei. Eine besonders schillernde Erscheinung ist der Kandidat Tachibana, Vorsitzender der am 25. Mai 2020 gegründeten ホリエモン新党 – der “neuen Horiemon-Partei”. Horiemon ist der Spitzname des 1972 geborenen Takafumi Horie, einem illustren Vertreter der New Economy, der rund um die Jahrtausendwende mit dem Unternehmen Livedoor hoch hinaufstieg – und im Jahr 2006 tief fiel, als er wegen Insidergeschäfte festgenommen und letztendlich zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde. Seitdem ist er als Berater, Schriftsteller, YouTuber usw. – quasi als “Volksinfluencer”, unterwegs. Tachibana, der Parteichef, ist auch kein unbeschriebenes Blatt, denn er ist zugleich Chef der N国 genannten Partei mit dem furchtbar langen, offiziellen Namen “Partei zum Schutze des Volkes vor der NHK”. NHK ist die öffentlich-rechtliche Medienanstalt Japans, für die, genau wie in Deutschland, jeder Gebühren zahlen muss. Die Partei könnte man also oberflächlich als “Partei der GEZ-Verweigerer” bezeichnen, aber das wäre zu einfach, denn die NHK ist in der Tat extrem linientreu und nicht viel mehr als das Sprachrohr der Regierung (dieser Trend hat sich unter Abe verstärkt) und der Protest dagegen, dafür Gebühren zahlen zu müssen, nicht ganz unberechtigt.

Was fordert die Horiemon-Partei in Zeiten der Corona-Krise? Der Slogan lautet, die “Selbstbeschränkungen durch Corona zu eliminieren”. Die konkreten Vorschläge sind dabei ein kruder Mix teils seltsamer, teils radikaler, aber teils auch nachdenklich stimmender Vorschläge:

  1. Staus eliminieren
  2. Mautschranken entfernen
  3. Preise für überfüllte Züge erhöhen
  4. Fahrkarten und Ticketschranken eliminieren
  5. Bargeld verbieten
  6. Wiederaufbau der Burg von Edo
  7. Das Stadtviertel Adachi-ku in ein japanisches Brooklyn umgestalten
  8. Olympische Wettkämpfe an ausserhalb liegenden Wettkampstätten stattfinden lassen
  9. Online-Unterricht fördern
  10. Marihuana legalisieren
  11. Diversity in Tokyo fördern
  12. Bildung, die nicht nach dem “richtig / falsch” -Schema funktioniert

Und so weiter. Der Katalog umfasst 37 Punkte, und ist für japanische Verhältnisse geradezu revolutionär – siehe 10) und 12). Wird er damit Erfolg haben? Unwahrscheinlich.

Andere Politiker nutzen Corona ebenso, um diverse Sachen zu versprechen – so zum Beispiel die völlige Abschaffung der Kommunalsteuer in Tokyo, oder eine nochmalige Bargeldauszahlung von rund 800 Euro pro Person. Wie das jedoch finanziert werden soll, ist natürlich ein Rätsel…

  • Tabibito unterstützen

    Im Japan-Almanach steckt sehr, sehr viel Arbeit. Sie möchten den Autor mit einem Kaffee oder anderem unterstützen? Das geht ganz einfach - nämlich hier.
  • Kalendar

    August 2020
    M T W T F S S
     12
    3456789
    10111213141516
    17181920212223
    24252627282930
    31  
  • Gezwitschertes

  • Archiv

  • Letzte Beiträge

  • Letzte Kommentare

  • Themen

  • %d bloggers like this: