Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Vulkan Asamayama spuckt wieder Asche

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Asamayama im Mai 2019
Asamayama im Mai 2019

In der vergangenen Nacht, gegen 22 Uhr japanischer Zeit am 7. August 2019, gab es am 2’568 m hohen Vulkan Asamayama einen mittelprächtigen Ausbruch. Laut der Vulkanaufsicht des meteorologischen Amtes spuckte der Berg für rund 20 Minuten Asche, die sich rund 2km hoch über dem Gipfel auftürmte. Umgehend wurde der Vulkan von Level 1 auf Level 3 hochgestuft — in Japan gibt es 5 Warnstufen für Vulkane:

  1. Momentan keine Gefahr
  2. Nicht dem Krater nähern
  3. Nicht dem Vulkan nähern
  4. Evakuierung vorbereiten
  5. Evakuierung durchführen

Der Ausbruch kam für die Behörden völlig überraschend – die Warnstufe lag seit Jahren bei der 1. Und so hatte man keinerlei Notfallpläne in der Tasche und Mühe, die umliegenden Gemeinden zu warnen. Dazu zählt unter anderem Karuizawa (Präfektur Nagano), ein beliebter Kurort, der auch von Tokyo aus leicht zu erreichen ist.

Zum Glück war der Ausbruch kurz, doch Gesteinsbrocken flogen wohl bis in eine Entfernung von 4km vom Krater. Die niedrige Warnstufe bisher ist ein kleines Rätsel – der Vulkan gilt als recht aktiv und hat ein hohes “Gewaltpotential”. Bei einem schweren Ausbruch im Jahr 1783 kamen geschätzt 1’500 Menschen in der eigentlich spärlich besiedelten Gegend durch pyroklastische Ströme ums Leben, doch damit nicht genug – der Ausbruch dauerte rund drei Monate an, mit verheerenden Folgen für die Landwirtschaft in der weiteren Region. Es folgte die sogenannte Tenmei-Hungersnot, die geschätzte 20’000 Menschenleben forderte. Beim letzten grösseren Hickser im Jahr 2009 gelangte Asche bis ins knapp 150 km entfernte Tokyo. Das bedeutet, dass der Asamayama sehr wohl grossen Schaden anrichten kann – nicht nur im Nobelort Karuizawa – und daher besser beobachtet werden muss.

Ebola in Japan | Meinungsfreiheit schief gelaufen

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Koreanisches Mahnmal im Friedenspark von Hiroshima

Da hat Japan wohl noch mal Glück gehabt: Gestern vermeldeten die Nachrichten, dass in der Präfektur Saitama (also direkt bei Tokyo) ein Ebola-Verdachtsfall besteht. Eine etwas ältere Dame, über 70 Jahre alt, war am 31. Juli aus der Demokratischen Republik Kongo zurückgekehrt und begann am 3. August über hohes Fieber zu klagen. Nun ist vor allem der Osten der DR Kongo momentan Ebola-Krisengebiet, und die Inkubationszeit für Ebola beträgt 2 bis 21 Tage – unmöglich wäre eine Infektion also nicht gewesen. Doch die Dame gab an, im Kongo nicht mit Ebola-Kranken in Kontakt gewesen zu sein, und das Gesundheitsministerium gab heute Entwarnung: Einer Blutuntersuchung zu Folge handelte es sich nicht um das aggressive Virus. Zum Glück: Allein die Vorstellung, das sich im Grossraum Tokyo mehrere Ebola-Fälle befinden könnten, würde eine mittelschwere Panik auslösen – ob die nun berechtigt sei oder nicht (zum Glück ist der Erreger ja nicht aerogen).

Und noch eine interessante Schlagzeile: Vom 1. August bis zum 14. Oktober 2019 findet in Nagoya die Triennale statt (siehe hier) – eine bedeutende und hochkarätige Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Dort gibt es eine Teilausstellung mit dem Namen “Nach der Meinungsfreiheit?”, in der unter anderem die Statue “Mädchen des Friedens” ausgestellt wurde: Eine Abbildung einer koreanischen “Trostfrau” – nachempfunden der Statue in Seoul vor der japanischen Botschaft, die seit Jahren die Gemüter erregt, hält doch Japan das Thema für seit langem beendet, während Südkorea versucht, so viel wie möglich dieser Statuen auch in anderen Ländern zu platzieren, teilweise sogar mit Erfolg. Nun beschloss jedoch der Veranstalter, die komplette Teilausstellung zum Thema Meinungsfreiheit dichtzumachen. Der Grund: Es gab etliche Drohungen, und darunter durchaus ernstgemeinte. So drohte jemand damit, mit Benzinkanistern anzureisen und die Ausstellung in Brand zu setzen – genau so, wie es bei der Anime-Produktionsfirma in Kyoto vor zwei Wochen geschah (der Anschlag fordete dutzende Tote).

Man mag von den südkoreanischen Bemühungen halten, was man will — leider gibt man mit dieser Entscheidung den Südkoreanern recht, da man mit diesem Schritt ja quasi die Meinungsfreiheit aufgibt. Die Sicherheitsbedenken sind nicht von der Hand zu weisen, doch im Notfall muss Meinungsfreiheit auch verteidigt werden – wegen ein paar Hasskommentaren eine Ausstellung zum Thema Meinungsfreiheit zu schliessen beweist, dass es an letzterer mangelt.

Persönlich halte ich von den südkoreanischen Aktionen wie dem Export der Trostfrauenstatuen in andere Länder wenig: Wo liegt die Grenze? Polnische Statuen in China aufbauen, aus Gedenken an den Zweiten Weltkrieg? Solche Statuen gehören nur in die beteiligten Länder, also idealerweise nach Polen und Deutschland. Es gibt übrigens auch in Japan Statuen, wenn auch nur sehr wenige, die sich mit der koreanisch-japanischen Geschichte befassen – so erinnert im Friedenspark von Hiroshima eine Schildkrötenstatue an die beim Atombombenabwurf ums Leben gekommenen koreanischen Zwangsarbeiter.

7PAY gibt auf – oder: Wie viele Bezahlsysteme braucht das Volk?

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Smarte Bezahlservice-Dienstleister sprießen in Japan zur Zeit wie Pilze aus dem Boden – in einer solchen Geschwindigkeit, dass man den Überblick verliert. PayPay war als einer der ersten am Start, und man liess sich nicht lumpen – in zwei Wellen erstattete Paypay bis zu 20% des Einkaufspreises zurück, so man damit bezahlte, und verbriet so alleinbei diser Aktion 10 Milliarden Yen, also rund 80 Millionen Euro. Betrieben wird PayPay von Yahoo! Japan und Softbank, einem der drei grossen Mobilfunkbetreiber Japans. Yahoo!? Ganz recht! Während Yahoo in der westlichen Hemisphäre eher seit Jahren schwächelt, hat sich das Unternehmen in Japan hervorragend eingenistet und ist gut bei der Sache. Nach einer elendig langen Anmeldeprozedur kann man bei Paypay sein Bankkonto (oder seine Kreditkarte, aber die muss, welch Zufall, von Yahoo ausgestellt sein) mit Paypay verbinden und so jederzeit sein Paypay-Konto auffüllen und einfach mit dem Handy bezahlen.

Plötzlich tauchten neue Namen auf – FamiPay, LINE Pay, Alipay, Merupay zum Beispiel oder 7Pay vom Einzelhandelsgiganten 7-Eleven (siehe Foto – das zeigt die Vielzahl der Bezahlmethoden in einem Convenience Store in Japan). Als ITler hat man da erstmal nur einen Gedanken: Wer so überhastet Bezahlsysteme auf den Markt wirft, übersieht mit Sicherheit riesengroße Sicherheitslücken. Und siehe da, am Tag nach meiner Unterhaltung mit jemandem über dieses Thema kam die grosse Schlagzeile: Millionenbetrug bei 7Pay. Einige hundert Benutzer staunten nicht schlecht, als über 7Pay ihre Konten wie durch Geisterhand leergeräumt wurden. Der Schaden war angerichtet, und die Skeptiker zufrieden. Heute gab das Konsortium nun bekannt, das Projekt 7Pay einzumotten.

Wie viele elektronische Bezahlsysteme braucht das Land? Werden sich die stolzen Ausgaben von Paypay irgendwann amortisieren? Aus Neu- wie Geldgier hatte auch ich mich bei Paypay angemeldet, und da mein Stammsupermarkt Paypay ebenso akzeptiert wie meine Stammkneipe, war das praktisch und ziemlich lukrativ. Allerdings war ich mir ziemlich sicher, dass, sobald die Kickback-Aktion beendet ist, ich wieder zu herkömmlichen Bezahlmethoden (Bargeld, Kreditkarte, Suica) zurückgreifen werde, und so geschah es dann auch. Das liegt unter anderem auch daran, dass ich weiss, das der Einzelhandel für diese Annehmlichkeiten Prozente lassen muss, und da viele Ladenbesitzer hart am Limit operieren, fühle ich mich jedes Mal ein bisschen schlecht, wenn ich mit einer Karte zahle (bei Restaurantketten und dergleichen habe ich da natürlich kein Problem).

Sommerferien. Mit den üblichen Hausaufgaben. Für die Eltern.

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Die Regenzeit ist noch nicht vollends vorüber, aber nichtsdestotrotz haben die Sommerferien in dieser Woche begonnen. Wie schön. Für die Kinder. Natürlich gibt es Hausaufgaben für die rund 5 Wochen dauernden Ferien – darunter das berüchtigte 自由研究 jiyūkenkyū – die “freie Forschung”. Die Kinder sollen sich dazu ein Thema aussuchen und zu diesem Thema etwas nachforschen, basteln, beschreiben oder experimentieren. Das beginnt bereits in der Grundschule, also mit 6 Jahren, wo das Projekt meistens in Form einer Wandzeitung endet, die dann in den Schulgängen ausgehängt werden. Soweit, so gut. Verreist man in den Sommerferien, bietet sich ein Reisebericht an. Schnell ein paar Fotos hinzugeklebt, und fertig ist das Projekt. Keine schlechte Sache eigentlich, denn die Kinder können so etwas basteln und gleichzeitig etwas lernen. Bewertet wird das Ganze letzten Endes nicht.

Anders hingegen sieht es an der Junior High School, der Mittelstufe (7. bis 9. Klasse) aus: So eröffnete man uns in einem “Briefing”, dass hier das Sommerferienforschungsprojekt sehr wohl in die Bewertung einfliesst, und in der Mittelschule wird diese Bewertung auch noch bedeutend: Eine sehr gute Bewertung kann nämlich ein Freifahrtschein in eine gute Oberschule werden, und in diesem Punkt steht somit sehr viel auf dem Spiel. Interessant ist dazu die Bemerkung des Lehrers, das aus diesem Grunde die Eltern angehalten sind, aktiv an der Verwirklichung des Projekts teilzunehmen. Das Ergebnis müssen 6 A4-Seiten sein – und das Projekt muss Experimente beinhalten, mit denen die getroffenen Aussagen belegt werden können.

Schon in der Grundschule tauchten Wandzeitungen auf, in dem es um Themen wie den durchschnittlichen pH-Wert von Sushi unter Berücksichtigung der Fischfrische oder um die demokratische Gestaltung des öffentlichen Raumes in der Zeit des japanischen Wirtschaftswachstums ging – Themen also wie gemacht für einen Dreikäsehoch. Doch der Grad der Elterneinmischung war da noch wenigstens freiwillig. Prinzipiell will uns die Einrichtung nun also sagen: Wenn Euch die Zukunft Eurer Kinder am Herzen liegt, dann legt Euch in den Sommerferien gefälligst ordentlich ins Zeug. Ob das der richtige Ansatz ist? Ich bin da etwas skeptisch. In 99% aller Fälle werden die Forschungsarbeiten ganz sicher im Wesentlichen von den Eltern bestimmt werden – und mit der Bewertung müssen die Kinder dann eben leben. Im extrem wettbewerbsorientierten Japan wird es spannend, zu sehen, was für Themen da aufkreuzen werden.

Wahlen (Nebensache) und Schmierenkomödien (Hauptsache)

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Die Oberhauswahlen sind vorbei und es wird wieder etwas ruhiger auf den Strassen, da die Politiker nun nicht mehr mit ihren Megaphonen auf Bauernjagd gehen müssen. Eine winzige Sensation hielt das Ergebnis letzten Endes bereit: Abe ist es mit seiner Regierungskoalition nicht geglückt, die erhoffte 2/3-Mehrheit zu erreichen – die wäre aber nötig gewesen, um Verfassungsänderungen durch das Parlament zu boxen. Aufgeben wird er das Vorhaben deshalb aber lange nicht. Ach ja: Die enorm wichtige Partei “NHKから国民を守る党” (Die Partei, die das Volk vor NHK schützt – Anmerkung: NHK ist die japanische öffentliche Rundfunkanstalt, für die Japaner ähnlich der GEZ Gebühren bezahlen) hat im Oberhaus tatsächlich einen Sitz errungen. Da sich ansonsten nichts wirklich geändert hat, redet man bereits am Tag nach der Wahl kaum noch darüber.

Die Augen der meisten Japaner sind deshalb fest auf den handfesten Skandal um 11 Komiker gerichtet. Diese sollen, an ihrer Agentur vorbei, an der Veranstaltung einer der Yakuza nahestehenden Betrügertruppe teilgenommen und dafür bis zu eine Million Yen Gage eingestrichen haben. Als das ganze vor ein paar Wochen – besagte Veranstaltungen lagen allerdings bereits rund 5 Jahre zurück! – ans Licht kam, verneinten die Komiker den Vorfall vehement, doch die Beweislage war letztendlich zu erdrückend. Die Agentur, 吉本興業 Yoshimoto Kōgyō (die wohl größte und bekannteste Künstleragentur in Sachen Komiker und anderer in Japan “Talente” genannten Entertainer), suspendierte vorerst die Künstler. Soweit, so gut. Zwei Komiker, Hiroyuki Miyasaki und Ryo Tamura (ersteren kennt in Japan ausnahmslos jeder), baten nun darum, sich im Rahmen einer Pressekonferenz bei Ihren Freunden, Fans und Kollegen entechuldigen zu dürfen, doch die Agentur lehnte ab. Letztendlich wurden die beiden vor die Wahl gestellt: Freiwillig ihren Abschied von ihrer Karriere als Unterhalter bekanntzugeben oder gefeuert zu werden. Die beiden entschieden sich für Letzteres, wurden gefeuert und hielten am Sonnabend dann ihre Pressekonferenz – live im Fernsehen übertragen! – ab. Eins zu null für die Komiker. Denn das Echo war nach dem tränenreichen Auftritt verheerend: Viele Größen aus dem Fernsehen, darunter auch Künstler der gleichen Agentur wie zum Beispiel Matchan, äußerten sich zu dem Fall – zu ungunsten der Agentur. Deren Chef, Okamoto, konnte heute bei einer 5 Stunden langen und ebenfalls tränenreichen Gegenpressekonferenz nur noch zurückrudern und bot den Künstlern an, sie wieder aufzunehmen und die Strafen zu suspendieren.

Eine Schmierenkomödie vom Feinsten – wahrscheinlich haben sich die Künstler noch nicht einmal strafbar gemacht. Und: Das ganze liegt 5 Jahre zurück. Das eigentliche Drama war jedoch die jammervolle Pressekonferenz – warum zwingt man Menschen, so etwas zu machen? Und warum schauen sich Menschen überhaupt sowas an? Der Schaden ist auf allen Seiten groß. Diese 謝罪会見 shazai kaiken (“Bußekonferenzen”), bei denen sich Firmenchefs und Prominente sehr übertrieben öffentlich entschuldigen, sind typisch für Japan: Die Menschen erwarten 誠意 seii – eine aufrichtige Entschuldigung. Sehr theatralisch, aber ebenso authentisch sollte diese sein – dann wird demjenigen unter Umständen auch irgendwann mal verziehen. Die Videokonferenz der Künstler gibt es hier.

Okamoto versuchte übrigens, bei der Konferenz mit einem Gerücht aufzuräumen – jenes besagt, dass die Künstler kaum etwas von den Gagen sehen. Genauer gesagt reden Menschen von einer 9:1 Regel: Demzufolge bekommen die Künstler nur rund 10% der Gage und die Agentur 90%. Laut Okamoto liegt das wohl eher bei 5:5. Da kann man als Autor nur von träumen…

Entdecken wir da etwa Sarkasmus? / Verheerender Brandanschlag in Kyoto

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Ein hochinteressantes Video macht momentan die Runde in den japanischen sozialen Medien. Es geht um die Oberhauswahlen, die am kommenden Sonntag ins Haus stehen, und die Botschaft des gut gemachten Videos ist: “Ihr jungen Leute, geht nicht zur Wahl” — vorgetragen von Japanern älteren Semesters. Themen wie die ganz und gar nicht sichere Rente, die globale Erwärmung oder die hohen Bildungskosten werden dort aus der Sicht älterer Semester angesprochen – nach dem Motto “WIR bekommen ja Rente”, “kommt ja erst in 20, 30 Jahren” oder “ist mir ziemlich egal”. Die Hauptaussage am Ende: Wenn sich junge Leute maximal und dann auch noch anonym nur im Internet zu politischen Dingen äußern, aber nicht zur Wahl gehen, machen eben die Alten, die in der Tat eher zur Wahl gehen, die Politik. Und das ist der springende Punkt in Japan, denn hier ist das Durchschnittsalter der Politiker jenseits von Gut und Böse – und das Durchschnittsgeschlecht ganz vorwiegend männlich. Dass da keine vernünftige Politik für die kommende Generation oder eben auch für Frauen herausspringt, leuchtet ein. Wird dieser schon sarkastische Clip (und Sarkasmus ist etwas sehr Seltenes im Land der Harmonie) etwas ändern? Wohl kaum. Aber es ist trotzdem ein richtiger und wichtiger Versuch.

Passt ganz und gar nicht zum Thema, ist jedoch leider die nachrichtenbestimmende Schlagzeile des heutigen Tages: Bei einem Brandanschlag auf ein bekanntes Zeichentrickstudio mitten in Kyoto sind heute mindestens 25 Angestellte ums Leben gekommen. Der 41-jährige Täter wurde gefasst, aber sein Motiv ist noch unbekannt. Da mir das Spekulieren nicht liegt, lasse ich es lieber sein, aber diese entsetzliche Tat wirft wichtige Fragen auf – zum Beispiel wieso immer wieder solche Taten mit dutzenden Toten in Japan vorkommen (und ich meine damit nicht die Diskussion um mehr Sicherheit, sondern die, was einen Menschen so weit treibt, und wie man besser die Vorzeichen erkennt). Brandschutztechnisch wird der Vorfall sicherlich auch noch untersucht werden müssen. Mein Beileid ist jedenfalls mit den Überlebenden und Angehörigen.

Japaner müssen draussen bleiben. Sagt ein Restaurantbesitzer in…Japan

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Cleverer PR-Stunt, oder einfach nur die Schnauze voll gehabt? Das muss man sich unweigerlich fragen, wenn man diesen Artikel in der Online-Ausgabe der Okinawa Times bzw. diesen hier bei Kusahaeru News liest. Es geht um das winzige Ramenrestaurant 麺屋 八重山style (Men’ya Yaeyama Style) auf der wunderschönen Insel Ishigaki (Okinawa). Der (japanische) Besitzer des Minilokals mit nur 8 Plätzen hängte nämlich ein Schild an seine Tür, auf dem er japanischen Gästen den Zutritt verwehrt und dies mit den “zunehmend schlechten Manieren” japanischer Gäste begründet. Gleichzeitig entschuldigt er sich dabei bei seinen japanischen Stammgästen und merkt an, dass diese drastische Maßnahme nur temporär sein soll – nach Ende der Saison im September soll wieder jeder willkommen sein. Fast jeder, denn der Grund für das rüde Verhalten liegt unter anderem auch an den andern Verbotsschildern an der Tür: So wird kleinen Kindern der Zutritt verwehrt, was übrigens in Japan nicht ganz unüblich ist – vor allem, wenn es keine Tische gibt und alle am Tresen sitzen. Der 42-jährige Besitzer gab dabei zu Protokoll, dass er und seine Aushilfskraft aus diesem Grund mehrfach unwirsch angefahren worden seien – so sehr, dass die Aushilfskraft die Arbeit hinwarf. Ausserdem gab es des öfteren Kunden, die einfach mitgebrachtes Essen und Trinken auspackten und beim Verweis darauf, dass dies nicht gestattet sei, einfach gnatzig wurden und meinten, es stehe ja nirgendwo dran, dass es verboten sei, etwas mitzubringen.

Die Maßnahme ist natürlich etwas zu radikal – das Ausgrenzen ganzer Gruppen aufgrund der Herkunft war noch nie eine sinnvolle Sache. Aber der Besitzer regt mit dieser Aktion vielleicht auch eine Diskussion an. Bisher drischt man in Japan nämlich liebend gern auf ausländische Besucher ein und beklagt sich über mangelnde Sprachkenntnisse und schlechte Manieren. Dabei wird gern vergessen, dass japanische Gäste auch nicht ohne sind. So erst neulich wieder erlebt. Als ein Pizzabäcker in meiner Nähe seinen Laden eröffnete, zog es uns auch dorthin. Da bemerkte ich eine Frau, die wutentbrannt mit der Pizzaschachtel auf einen Angestellten loslief und lautstark forderte, dass ihr Problem, dass sie entdeckt hat, unverzüglich korrigiet wird. Sie öffnete die Schachtel und zeigte auf Kartoffelscheiben auf ihrer Genoveser Pizza. Das habe sie nicht bestellt, sondern eine Pizza mit Meeresfrüchten. Ein kurzer Blick auf den Kassenzettel offenbarte, dass sie sehr wohl eine Genoveser Pizza bestellt hatte. Die Frau dachte nur beim Anblick des Fotos, dass es sich um Meeresgetier handelte – dabei stand unterhalb des Fotos eindeutig “mit Kartoffeln”. Was dann geschah, kst typisch japanisch: Um die Situation schnellstmöglich zu entschärfen, bot der Filialleiter kostenlosen Ersatz an. Hat sich die Frau deshalb entschuldigt, bedankt oder ist sie gar kleinlaut geworden? Natürlich nicht. In dem Sinne kann man den Ramen-Koch auch ein bisschen verstehen. Solche Gäste zehren stark an den Nerven und sind leider nicht so selten.

Johnny ist tot

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Der Mann ist eine Legende: John “Johnny” Kitagawa, alias Hiromu Kitagawa – DER Musikmanager des 20. Jahrhunderts in Japan. Ein japanischer Frank Farian hoch zehn. Er ist sogar im Guinness Buch der Rekorde verzeichnet – als Musikproduzent, der zwischen 2000 und 2010 sage und schreibe 8’419 Konzerte organisierte, und als der Mann hinter 232 (!) Nummer-Eins-Hits in Japan zwischen 1974 und 2010. 35 der von ihm ins Leben gerufenen Bands schafften es an die Spitze der Charts – unter der Führung seiner Firma Johnny Entertainment, im Japanischen als ジャニーズ janiizu bekannt. Zu den von ihm entdeckten beziehungsweise zusammengesetzten Boy-Groups gehören Bands wie Hey! Say! JUMP, SMAP, Arashi, Kanjani8, V6, NEWS, KAT-TUN und viele weitere. Diese Bands waren oder sind nicht nur auf der Bühne, sondern auch im japanischen Fernsehen dauerpräsent, wobei der Meister selber, vor allem in den letzten 20 Jahren, eher medienscheu war.

Johnny wurde 1931 als Kind japanischer Eltern in den USA geboren und verbrachte dort die ersten beiden Lebensjahre sowie den Anfang der 1950er. Begeistert vom dortigen Showbiz, rekrutierte er seine ersten “Talente” in einem Park in Tokyo und nannte sie The Johnnys. Das Schema blieb seitdem immer das Gleiche: Er suchte und fand junge Männer, die adrett aussahen und zumindest den Ansatz eines Gesangstalents hatten, und trainierte sie hart in allen Bereichen des Business: Singen, Tanzen, sich gepflegt ausdrücken – 40 Jahre lang. Nahezu jede Boygroup der vergangenen 4 Jahrzehnte bestand aus “Johnnys”.

Ganz ohne Skandale ging es nicht ab – seit 1988 gab es Vorwürfe sexuellen Missbrauchs aus den Reihen seiner Schützlinge. Die Vorwürfe fochte er vor Gericht an und gewann in der ersten Instanz, doch bei der zweiten Instanz hatte er weniger Erfolg.

Gestern, am 9. Juli 2019, verstarb Johnny in Tokyo im Alter von 87 Jahren. Für Musikfans wie meine Wenigkeit waren alle seiner Bands ausser Diskussion – es handelte sich um eine gigantische Marketingmaschine mit immer dem gleichen Muster. Doch so viel steht fest: Mit seiner Musik hat er zig Millionen Japaner in den vergangenen Jahrzehnten glücklich gemacht, und das ist seine grösste Leistung.

Eskalierender Handelskrieg: Japan entfernt Südkorea von der “weißen Liste”

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Eine Weile lang sah es so aus, als ob Japan keinerlei Gegenmaßnahmen bezüglich der Entscheidung südkoreanischer Gerichte, japanische Firmen direkt für Zwangsarbeit in der Zeit von 1910 bis 1945 in die Pflicht zu nehmen, unternehmen würde. Doch dem ist natürlich nicht so: Wie in der vergangenen Woche bereits von der Regierung angedeutet, soll Südkorea nun von der sogenannten “Liste weißer Länder” entfernt werden. Diese Liste umfasst momentan 27 Länder, die unter das “Catch-all” Kontrollsystem für Importe und Exporte fallen. Kurz gesagt erlaubt dieses System verhältnismässig unkomplizierte Handelsbeziehungen, da zahlreiche Regulatoren für den Warenverkehr wegfallen oder zumindest verkürzt werden. Diese Liste sieht momentan so aus:

Europa Österreich Belgien Bulgarien Großbritannien
Dänemark Finnland Frankreich Deutschland
Tschechien Griechenland Ungarn Irland
Italien Luxemburg Niederlande Norwegen
Polen Portugal Spanien Schweden
Schweiz
Nordamerika USA Kanada
Südamerika Argentinien
Australien/Ozeanien Australien Neuseeland
Asien Südkorea

Bisher hat Japan immer nur neue Länder zu dieser Liste hinzugefügt — dass ein Land aus dieser Liste gestrichen wird, ist ein Novum. Das bedeutet, dass der Warenverkehr zwischen Japan und Südkorea erheblich beeinträchtigt wird. Eine erste einseitige Massnahme trat bereits in der vergangenen Woche in Kraft und betrifft die Ausfuhr dreier bestimmter Chemikalien nach Südkorea: Dazu gehören vor allem solche, die für die Halbleiterherstellung benötigt werden. Bei bestimmten Substanzen bezieht die südkoreanische Industrie mehr als 90% der Materialen aus Japan. Die Ausfuhr wird nicht gestoppt oder verboten, doch der Export wird komplizierte und wesentlich länger dauern.

Auf den ersten Blick sieht diese Massnahme nach etwas aus, was Südkorea empfindlich treffen könnte. Bei näherer Betrachtung ist die Angelegenheit jedoch wie immer etwas komplizierter, denn:

  1. Japan bezieht einen großen Anteil seiner Halbleiter aus Südkorea – liegt also die südkoreanische Produktion still, hat das auch Auswirkungen auf Japan
  2. Die Maßnahmen treffen natürlich auch die japanischen Firmen, die nach Südkorea exportieren
  3. Südkorea kann dies als Gelegenheit begreifen, sich unabhängig von Importen aus Japan zu machen
  4. Wie der südkoreanische Präsident heute bereits angedeutet hat, wird Südkorea natürlich Gegenmaßnahmen ergreifen

Mit anderen Worten: Japan und Südkorea steuern auf einen formidablen Handelskrieg zu, und dieser Handelskrieg wird, wie so oft, keine Gewinner haben. Immerhin hat der südkoreanische Präsident Moon Jae-in heute Japan dazu aufgerufen, in einen Dialog zu treten, um die Situation zu entschärfen. Das ist bereits ein Fortschritt, denn bisher hat sich die südkoreanische Regierung lediglich genüsslich zurückgelehnt und auf die Unabhängigkeit südkoreanischer Gerichte verwiesen, was man in Japan natürlich als Farce empfindet.

In Japan befürworten laut einer Umfrage 59% der Japaner die Strafmaßnahmen; lediglich ein Viertel ist dagegen. Das ist nicht verwunderlich, denn die öffentliche Meinung über Südkorea ist auf einem Tiefpunkt, und, das muss man leider so sagen, Südkorea tut absolut gar nichts dafür, etwas an dieser Sache zu ändern. Ungeachtet von Abkommen auf Regierungsebene über die Beilegung der Zwangsarbeit- und Trostfrauenproblematik werden vor allem diese beiden Probleme immer wieder betont und auch durchaus aktiv im Ausland propagiert. Hinzu kommt auch noch ein schwelender Territorialstreit sowie Nicklichkeiten wie der andauernde Versuch Südkoreas, das Japanische Meer umzubenennen.

Globale Erwärmung in Japan

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Regenzeit - die von 2019 hat es in sich
Regenzeit - die von 2019 hat es in sich

Heute unterhielt ich mich mit dem Betreiber einer Izakaya in Shirahama ganz im Süden der Halbinsel Bozo (Präfektur Chiba). Der gute Mann hatte einst ein Restaurant in Tokyo, aber seine Liebe zum Meer zog ihn in diesen abgelegenen Teil Japans. Es stellte sich heraus, dass der Mann viel und gerne taucht – das ist praktisch, denn einen Teil seiner Speisekarte kann er somit quasi selbst aus dem Meer fischen (heute hatte er zum Beispiel アワビ (Awabi – Seeohren) im Angebot, die in Japan als Delikatesse gelten. Selbst gesammelt, versteht sich. Wie oft üblich, begann das Gespräch mit einem Schwatz über das Wetter. Die Regenzeit in Japan hat dieses Jahr nämlich, im Gegensatz zu der vom vergangenen Jahr, ihren Namen redlich verdient. Auch heute goss es aus Kübeln, mit permanenten Warnungen auf meinem Handy, dass gleich wahlweise 30, 50 oder teilweise sogar 80 mm Regen pro Stunde fallen werden. Schnell fiel der Begriff globale Erwärmung, obwohl er an dieser Stelle eigentlich nicht angebracht war, denn in einer vernünftigen Regenzeit fallen nun mal vernünftige Mengen Regen. Auch die Bemerkung, dass die Regenzeit dieses Jahr ungewöhnlich lang sei, war so nicht richtig: Die Regenzeit begann nämlich pünktlich, und normalerweise endet sie im Raum Tokyo erst rund um den 20. Juli herum.

Besorgniserregend waren jedoch seine Schilderungen aus der Sicht eines Tauchers: Er merkte nämlich an, dass das Meer schöner und klarer geworden ist – aus dem traurigen Grund, dass Seetang und andere Pflanzen am Meeresboden immer schneller verschwinden. Man braucht nicht Biologie studiert zu haben, um zu wissen, dass das ein ernsthaftes Problem ist, denn Seetang steht ziemlich weit am Beginn der Nahrungskette, und wenn der verschwindet, verschwindet alles weitere zwangsläufig auch. Eine weitere Beobachtung war die, dass immer mehr “bunte Fische” — Tropenfische, die man eher in Okinawa und weiter südlich findet, zu finden seien. Das Phänomen ist natürlich auch auf dem Land bekannt, wo immer mehr Arten sich gen Norden ausbreiten. Natürlich war er sich der Gründe bewusst. Und damit war er dem Mittelschullehrer meiner Tochter um Längen voraus, denn der erzählte neulich in der Klasse, dass die globale Erwärmung eigentlich gestoppt sei, da der Ausstoss von Treibhausgasen genügend reduziert wurde. Was für ein Narr. Wahrscheinlich hat er irgendwo Nachrichten über FCKW aufgeschnappt, gelesen, dass jenes nun kaum noch produziert wird, und daraus geschlussfolgert, dass das Problem damit gelöst sei.

Auch wettertechnisch läuft in Japan, wie bereits mehrfach berichtet, einiges aus dem Ruder – die spürbare Zunahme von Taifunen und anderen Starkregenereignissen lässt sich nicht so ohne weiteres wegreden. So fielen in einer Gemeinde in der Präfektur Miyazaki, Kyushu, vor ein paar Tagen über 1000 mm Regen innerhalb von 24 Stunden. Ein Meter Regen! Das ist die Menge Regen, die in Berlin innerhalb von zwei Jahren fällt…

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