Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Geisterschriftzeichen

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Geisterschriftzeichen: Bedeutung und Lesung unbekannt
Geisterschriftzeichen: Bedeutung und Lesung unbekannt

Eigentlich ist es kein Wunder: Japanische Computer sowie ein paar Schriftzeichennachschlagewerke enthalten sogenannte 幽霊文字 yūrei moji (Geisterzeichen), die man mit dem Computer und nunmehr auch mit Handys schreiben kann – über die aber ansonsten nichts bekannt ist: Weder eine Lesung, noch eine Bedeutung oder Quellen, in denen dieses Schriftzeichen jemals vorkam. Bei der schieren Menge an Schriftzeichen kann so etwas schon mal geschehen. Die erste Sammlung von Schriftzeichen für den Computergebrauch wurde in den 1970ern kompiliert und war 1978 fertig. Der erste JIS-Code (JIS = Japanese Industrial Standard, das Pendant zur DIN in Deutschland). Die Schriftzeichen wurden von vier Quellen bezogen:

  1. 日本生命 (Nihon Seimei, Nippon Life Insurance Co.) – Japanischer Lebensversicherer, unter anderem als Quelle für Personennamen
  2. 情報処理学会 (Jōhō Shori Gakkai) Datenverarbeitungsgesellschaft
  3. 国土地理協会 (Kokudo Chiri Kyōkai) Gesellschaft für Landesgeographie, als Quelle für Ortsnamen
  4. 旧行政管理庁 (kyū Gyōsei Kanrichō) (ehemaliges) Verwaltungsamt.

Heraus kam ein Zeichensatz von 6’879 Schriftzeichen sowie den lateinischen Buchstaben, den beiden japanischen Alphabeten und einiges mehr. Aus diesem ursprünglich JIS X 0208 oder auch ISO-2022-JP genannten Standard entwickelten sich verschieden kodierte Zeichensätze – Microsoft machte daraus Shift-JIS, Apple sein eigenes JIS, und dann gibt es da auch noch EUC-JP und ein paar andere, weniger bekannte Methoden. UTF-8 setzt sich zwar mehr und mehr durch, aber die anderen Standards sind noch immer oft zu finden.

JIS wurde inzwischen drei Mal grundlegend überarbeitet, doch die sogenannten Geisterzeichen wurden nie (und werden wohl auch nie) gelöscht. Im Wesentlichen gibt es zwei Arten dieser Geisterzeichen: Solche, bei denen man ganz einfach keine Quellen findet, sowie jene, bei denen es zwar eine Quelle gibt, diese aber falsch zu sein scheint, sprich, in der Quelle hat sich früher irgendwann einmal jemand verschrieben. Ein Beispiel der ersten Gruppe ist 妛, bestehend aus den Radikalen „Berg“, „Eins“ und „Frau“. In Japan gibt es exakt einen Ortsnamen, der das Schriftzeichen 妛 (Akebi) benutzt – wie die „Eins“ (der waagerechte Strich in der Mitte) da hineingeraten ist, ist unklar. Insgesamt hat man soweit 12 Zeichen dieser Kategorie zugeordnet – so auch das Zeichen 駲 oben im Bild. Gibt es, aber gibt es gar nicht.

Zur zweiten Kategorie zählen über einhundert Schriftzeichen, bei denen man heute davon ausgeht, dass es Varianten bestehender Zeichen sind – ob diese Varianten fälscherlichweise entstanden oder nicht ist dabei nicht mehr nachvollziehbar. 穃 zählt dazu – früher fand man dieses Zeichen auf einer Karte, doch heute wird der Ort mit 榕 geschrieben, und dies ist wahrscheinlich das richtige Zeichen.

Das Phänomen der Geisterschriftzeichen ist faszinierend: Man stelle sich Wörter im Duden vor, neben denen steht: „Bedeutung und Herkunft des Wortes sind unbekannt“…

Oberstes Südkoreanisches Gericht bestätigt Reparationsforderungen an japanische Firmen

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Hauptquartier von Nippon Steel in Marunouchi, Tokyo
Hauptquartier von Nippon Steel in Marunouchi, Tokyo

Es war ein Paukenschlag und leitet ein neues Kapitel der schlechten Beziehungen zwischen Japan und Südkorea ein: Heute entschied der Oberste Gerichtshof von Südkorea, dass die Schadensersatzforderungen gegenüber japanischen Firmen aufgrund geleisteter Zwangsarbeit durch Koreaner in den letzten Jahres des Zweiten Weltkrieges rechtens sind. Im konkreten Fall ging es um die Klage von vier ehemaligen südkoreanischen Zwangsarbeitern gegen 新日鉄住金 Nippon Steel & Sumitomo Metal. Die Klage wurde bereits 2005 eingereicht – man gab den Klägern 2013 in Südkorea recht, doch Nippon Steel zog dagegen vor Gericht – und unterlag heute nun in höchster Instanz, womit das Urteil rechtskräftig ist.

Das bedeutet, dass in Südkorea nun zwangsvollstreckt werden kann. Die zugesprochene Entschädigung liegt bei rund 75’000 Euro pro Kläger und damit im Vergleich zu amerikanischen Urteilen eher niedrig, doch das Urteil wird nun eine Klagewelle auslösen. Insgesamt geht es um rund 70 japanische Firmen, die damals Zwangsarbeiter einsetzten (und die eine rechtliche Nachfolge haben), und die damit potentiell betroffen sein könnten. Nippon Steel, immerhin der drittgrößte Stahlkocher der Welt, ist in Südkorea kaum tätig und muss deshalb gewiss nicht um seine Existenz bangen, doch bei anderen Firmen wird man nun nervös, da sich nun ein beachtliches Geschäftsrisiko auftut. Ein Sprecher von Nippon Steel bezeichnete das Urteil dementsprechend als höchst bedauerlich. Tarō Kōno, der japanische Außenminister, wies als Reaktion auf das 日韓請求権協定 Nikkan Seikyūken Kyōtei hin – die Japanisch-Koreanische Vereinbarung über Reparationszahlungen (der offizielle Name des Abkommens ist unendlich lang) – die Regierung hält das Urteil deshalb für unrechtmäßig, da es gegen die Vereinbarung verstößt. Diese wurde 1965 getroffen – als Ergebnis zahlte Japan rund 300 Millionen Dollar an Südkorea (der Staatshaushalt Südkoreas lag damals bei rund 3,5 Millionen Dollar!).

Die Beziehungen zu Südkorea sind bereits seit geraumer Zeit angespannt – nicht zuletzt wegen der Trostfrauenproblematik. Obwohl dort ebenfalls eine Vereinbarung getroffen wurde, wurde selbige von Südkorea einseitig wieder aufgehoben.

Das Urteil kommt in Japan auch vor diesem Hintergrund natürlich schlecht an: Es wird bei vielen Menschen den Eindruck hinterlassen, dass Japan tun und machen kann was es will – Südkorea wird immer und immer wieder auf das Thema zurückgreifen. Die Entscheidung kann aus oben erwähnten Gründen auch die Wirtschaftsbeziehungen stark beschädigen. Es darf bezweifelt werden, dass Japan dabei weniger leiden wird als Südkorea, zumal Japan erst in dieser Woche mit dem Besuch Abes in Peking angedeutet hat, dass es eine Vertiefung der Beziehungen zur Volksrepublik China anstrebt.

Natürlich muss man aber auch die koreanische Seite betrachten: Schätzungen zufolge mussten allein 1944/45 knapp 700’000 Koreaner unter meist unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit in Japan leisten – mehr als ein Zehntel überlebte die Torturen nicht. Und während Korea nach der japanischen Besatzung – und einige Jahre später nach dem Korea-Krieg, komplett in Schutt und Asche lag, rappelten sich die großen japanischen Konglomerate relativ schnell wieder hoch.

Trotzdem muss irgendwann mal ein Schlußstrich gezogen werden – nur wann? Auch Griechenland und Polen verlangen neue Reparationszahlungen von Deutschland – fast 75 Jahre danach. Man fragt sich unweigerlich, ob es da wirklich noch primär um das Wohl der Betroffenen geht – oder um politisch motivierte Manöver, um gewisse Schichten in der Bevölkerung zu bedienen. Ein Gedanke, den ich eigentlich nicht weiterdenken möchte. Die Gerichtsentscheidung wird jedenfalls die Emotionen hochkochen lassen: In Südkorea sowieso, aber auch in Japan, wo nun gründlich Panik gemacht wird.

Homo Tohoku

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Zu den Einwohnern der bergreichen Tohoku-Gegend (der Nordosten von Honshu) habe ich schon lange ein ambivalentes Verhältnis – spätestens, als ich mal drei Wochen lang mit Teilnehmern der Region im Rahmen eines Jugendsportaustauschprogramms durch Deutschland tourte. Sagen wir mal so: Man merkt den Leuten an, dass sie aus einer rauen, kalten Gegend stammen. Die Kollegen aus Kyushu sind da in der Regel ganz anders gestrickt. Bei meiner neuerlichen Tour durch die Gegend in der vegangenen Woche konnte ich befriedigt feststellen, dass meine Vorurteile auf erdenen Füßen ruhen. Besonders erquicklich war da die Übernachtung in einer 宿坊 shukubō, einer Tempelherberge (in der zumeist Pilger nächtigen). Die Herbergsmutter war ziemlich mürrisch. Das Abendessen wurde für 18:30 vereinbart, und als ich eins, zwei Minuten zuvor die knarksende Treppe herunterlief, rief eine andere Angestellte schon „konee na“ („der kommt wohl nicht“). Die Tatsache, dass ich quasi in dem Moment um die Ecke bog und dementsprechend den Ausruf hören konnte, war den beiden egal. Beim Abendessen schließlich gab es neben mir nur einen einzigen Gast – einen laut schlürfenden und schmatzenden Japaner älteren Semesters. Einer der Gründe für einen Aufenthalt in einer Tempelherberge ist dabei das 精進料理 shōjin ryōri, die nicht selten vegane, zumindest aber vegetarische Tempelküche. Meinem lauten Nachbarn wurde ein Tablett voller Schüsseln vorgesetzt und umgehend erklärt, woraus sich das Mahl zusammensetzt. Danach war ich an der Reihe – und wurde nach einigem Zögern gefragt, ob sie was zum Essen erzählen sollte. Da mein Nachbar weit weg sass, konnte man von der vorherigen Erklärung nicht viel hören. Natürlich will ich wissen, welche seltsamen Wurzeln und Pasten ich mir da gleich zu Gemüte führen würde – deshalb bin ich ja hier! Die Erklärung war dann schließlich relativ knapp und lieblos. Naja.

Shukubō am Dewa-Sanzan
Shukubō am Dewa-Sanzan

Es gab auch andere typische Tohoku-Begegnungen – doch wie immer zählten dazu auch einige sehr positive. Besondere angetan war ich von der älteren Ehefrau eines Tempelherren. Mir fiel bei kurzer Recherche auf, dass sich am Dewa-Sanzan, an den drei heiligen Dewa-Bergen in Yamagata, ein kleiner Tempel befindet, der die älteste Sokushinbutsu-Mumie der Gegend (Anfang des 16. Jahrhunderts!) beherbergt. Und dieser lag quasi auf meinem Weg. Also machte ich einn Abstecher dahin, nur um enttäuscht festzustellen, dass der Tempel geschlossen ist. Wie so häufig wohnt der Hausherr nebst Familie jedoch gleich daneben – und neben der Tür befand sich ein Schild, dass Besucher aufforderte, zu klingeln. Eine älter Frau öffnete, und ich trug ihr mein Leid vor. Sie meinte daraufhin, dass der Tempel in der Regel geschlossen ist und man bei einem Besuchswunsch vorher telefonieren muss. Doch sie könne den Tempel für mich aufschliessen, aber da der Herr des Hauses nicht da ist, könne ich keine ausführlichen Erklärungen erwarten. Sprach’s, holte den Schlüssel, machte den Tempel auf und hernach den großen Holzkasten, in dem die Mumie, in betender Gestalt, versteht sich, hockte, und schaltete das Licht an. Und begann hernach mit einer sehr ausführlichen, fast 15 Minuten dauernden Erklärung. Selbst Fragen, die ich danach zum Thema stellte, antwortete sie völlig souverän und sehr freundlich-geduldig. Letztendlich erlaubte sie mir sogar noch, das Innere von außen heraus zu fotografieren. Ich war begeistert.

Auch ein anderer Herr blieb mir in Erinnerung. Er betreibt ein Ramenrestaurant, und kein gewöhnliches: Es handelt sich um スッポンラーメン suppon raamen. Suppon ist der japanische Name für chinesische Weichschildkröten, deren Fleisch zwar fürchterlich schmeckt, dafür aber als Allheilmittel (und wohl auch als Potenzmittel) gilt. Seine Suppon-Ramen hat sich der Besitzer sogar patentieren lassen. Äußerst hungrig und neugierig konnte ich die Gattin überreden, mir eine Schale zuzubereiten (ich war der einzige Gast, und Mittag war schon lange vorbei). Des Gatten und Koches Patent besteht darin, die Suppe so zuzubereiten, dass sie geniessbar ist. Und sie ist es. Die Fleischbeilage hingegen schmeckt nicht überraschend äußerst penetrant. Nach einer kurzen Unterhaltung stellten wir fest, dass Verwandte der Familie quasi gleich bei mir um die Ecke wohnen. Danach erfuhr ich umgehend alles, was ich noch nie über Suppenschildkröten wissen wollte. Alles in allem ein sehr liebenswertes Paar.

Mal was anderes: Schildkrötenramen
Mal was anderes: Schildkrötenramen

Und so habe ich mir meine ambivalente Meinung behalten können. Und ich muss jedes Mal daran denken, dass meine Frau auch des öfteren über maulfaule Norddeutsche geklagt hat. Muss wohl am Klima liegen.

Nuklearkatastrophe in Fukushima – die Sperrzone heute

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Ehemalige Spielhalle im Sperrgebiet von Fukushima
Ehemalige Spielhalle im Sperrgebiet von Fukushima

Über sieben Jahre sind nun schon ins Land gegangen seit der Dreifach-Katastrophe vom 11. März 2011. Dreifach hart hat es dabei 浜通り Hamadōri, den Ostteil der Präfektur Fukushima, getroffen. Die Katastrophe begann mit einem Erdbeben der starken sechs auf der japanischen Skala (7 ist die höchste Stufe), gefolgt von einem verheerenden Tsunami, der wiederum bekanntermassen einen Super-GAU im AKW Fukushima I auslöste. 81’000 Menschen in der Gegend mussten die Region verlassen – in vielen Fällen fluchtartig. Das Interesse der ausländischen Medien war groß, aber wie es nun mal so ist, hört man mit zunehmender zeitlicher Entfernung immer weniger von der Lage vor Ort. Das Mißtrauen in die japanische Informationspolitik trägt sicherlich auch dazu bei, dass das Interesse verloren geht.

Sperrgebiet - die Autobahn und die Staatsstrasse 6 verlaufen parallel von Nord nach Süd
Sperrgebiet – die Autobahn und die Staatsstrasse 6 verlaufen parallel von Nord nach Süd

Das Hauptanliegen der Regierung ist seit Jahren klar: Man möchte so vielen Bewohnern wie möglich die Rückkehr in die Heimat ermöglichen. Dahinter steckt sicherlich nicht nur reine Menschenliebe, sondern auch die Botschaft, die man senden möchte: Seht her, wir schaffen das (mit dem Hintergedanken: War doch alles nicht so schlimm. Also zurück zur Kernkraft!). So wurden stückweise bereits Orte freigegeben, die nach dem GAU vorerst zur Evakuierungszone gehörten, so zum Beispiel Namie oder große Teile von Tomioka. Eine 337 Quadratkilometer grosse Fläche wird jedoch auch jetzt noch, im Jahr 2018, als 帰還困難区域 kikan konnan kuiki bezeichnet – wörtlich „Heimkehr-problematisch-Gebiet“. Ein etwas euphemistischer Begriff, suggeriert er doch, dass es zwar ein Problem gibt, aber da ja Probleme immer irgendwie lösbar sind, wird man das schon irgendwie schaffen. Die Zone definiert sich durch die durchschnittliche Strahlungsbelastung. Überschreitet die jährliche Strahlenbelastung 20 Millisievert, gilt das Gebiet als (vorläufig) unbewohnbar. Die natürliche Strahlenbelastung liegt bei circa 2 Millisievert – es geht also um einen zehnfach höheren Wert.

Geigerzähler: 2,64 µSv/h sind viel....
Geigerzähler: 2,64 µSv/h sind viel….

Seit geraumer Zeit sind jedoch wieder ein paar wichtige Strassen befahrbar, die direkt durch die Sperrzone führen – die Jōban-Autobahn, die Tokyo mit Sendai verbindet, sowie die Staatsstraße Nummer 6, die Iwaki im Süden von Ostfukushima mit Minamisōma nördlich des AKW verbindet. Auf letzterer dürfen aufgrund der hohen Strahlenbelastung jedoch keine Zweiräder fahren; Fußgängern ist der Zutritt ebenfalls verboten. Zudem sind alle Straßen, die von der Nr. 6 abgehen, abgesperrt und mit Posten versehen – wer dort hineinwill, braucht einen Passierschein. Besagte Straße führt gerade einmal 2 Kilometer am havarierten AKW vorbei. Lange sollte man und darf man auch nicht in der Zone aussteigen (wenige Minuten, nachdem ich ausgestiegen bin, kam bereits ein Polizeiwagen – das jedoch wieder umkehrte, als ich weiterfuhr).

Die Sperrzone sieht natürlich immer noch wüst aus, und die Strahlung liegt bei mehr oder weniger konstanten 2 Mikrosievert pro Stunde – mein Geigerzähler schlug entsprechend in der gesamten Sperrzone Alarm, denn normal sind Werte um 0.1 Mikrosievert pro Stunde. Beim Durchfahren, wohlgemerkt – man muss nicht lange Suchen, um Werte von 10 Mikrosievert zu finden. Die Dekontaminierungsbemühungen machen dabei einen durchaus spürbaren Unterschied: Kaum fährt man zum Beispiel in den nun freigegebenen Ort Namie nur wenige Kilometer nördlich vom AKW ein, sinkt die Belastung nahezu schlagartig auf 0.12 Mikrosievert/Stunde.

Eine von tausenden Straßensperren in Reaktornähe
Eine von tausenden Straßensperren in Reaktornähe

Im jetzigen Sperrgebiet hat man soweit erstmal alles so gelassen, wie es am 11. März 2011 nach dem Erdbeben war. Hier und da sieht man schwere Erdbebenschäden, andernorts ist die Natur mit Druck dabei, ihr Terrain zu erobern. Manche Läden sehen jedoch so aus, als ob man nur ein Mal Staub wischen und dann wieder eröffnen könnte. Das ist beachtlich. In nahezu jedem anderen Land der Erde wären die Gebäude geplündert und die Scheiben eingeworfen worden. Das soll nicht heissen, dass so etwas in Japan gar nicht geschah – es gab vereinzelte Berichte von Plünderungen nach dem grossen Beben.

Die Maßnahmen in der Gegend sind beachtlich: Tausende, wenn nicht zehntausende Trucks sind unterwegs, um radioaktiv verseuchtes Material, meist Bode, abzutragen und zu Sammelzentren zu fahren. Zudem werden überall die Küstenschutzanlagen erneuert beziehungsweise verstärkt – die Gegend um den Reaktor ist eine riesengroße Baustelle. Und dennoch – laut dieser Quelle¹ betreffen die Maßnahmen gerade einmal 27 Quadratkilometer bzw. 8% der jetzigen Sperrzone – in den verbliebenen 92% hat man noch nicht einmal angefangen. Und das ist ja auch nur ein Teil der gewaltigen Herausforderungen. Schließlich wären ja da noch der Reaktor selbst sowie abertausende Tonnen hoch kontaminierten Wassers und Erdreiches.

Dass man den Menschen so schnell wie möglich ihre Heimat zurückgeben möchte, ist schön und gut – doch auf der Agenda steht auch die sofortige Wiederbelebung der Landwirtschaft (Fukushima ist seit jeher stark landwirtschaftlich geprägt). Das bereitet Bauchschmerzen, allen Beteuerungen, dass die verbliebene Radioaktivität kein Problem darstelle, zum Trotz.

¹ Siehe hier

Fischmarkt: Fertig. Shibuya: Es gibt viel zu tun.

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Noch gibt es das: Das alte Shibuya
Noch gibt es das: Das alte Shibuya

Nach jahrelangen Bauarbeiten und unendlichen Querelen hat heute der niegelnagelneue Fischmarkt in Toyosu seine Pforten geöffnet. Zwar sind noch einige Sachen nicht vollends geklärt(kontaminiertes Erdreich, Risse im Fundament, einlaufendes Grundwasser), aber was soll’s: Im alten Fischmarkt von Tsukiji sah es auf jeden Fall nicht besser aus. Nun müssen also sämtliche Reiseführer über Tokyo umgeschrieben werden, denn Tsukiji war eine der Huaptattraktionen der Stadt. Zwar bleiben vorerst viele Restaurants vor Ort, doch der alte Markt ist so baufällig, dass wohl sehr bald mit dem Abriss begonnen wird. Egal, was danach kommt – die Atmosphäre dieses gigantischen, alten Marktest ist dahin.

In Shibuya hingegen gibt es noch immer extrem viel zu tun. Schon jetzt sind die Veränderungen im Vergleich zur Jahrtausendwende enorm – weitere fünf Jahre später wird man Shibuya jedoch kaum wiedererkennen. Und die Bauarbeiten sind wie ein Eingriff am offenen Herzen, denn hier kreuzen mehrere wichtige Bahnlinien ihre Wege – sowie ein paar wichtige Straßen, inklusive der Stadtautobahn. Man kann deshalb nur häppchenweise absperren – alles andere würde die Hauptstadt in Chaos stürzen. Und natürlich fallen diverse, einst interessante Ecken der Stadtplanung zum Opfer – so zum Beispiel die Abschnitte entlang der Gleise nördlich des Bahnhofs der Yamanote-Linie. Das ganze läuft nicht so reibungslos ab wie mancher vermuten würde: Gerade gegen die völlige Umgestaltung des 宮下公園 Miyashita-Parks gab es auch Demonstrationen, doch letztendlich half das alles nichts. Große Teile des Parks sind bereits eingeebnet und abgesperrt; die Obdachlosen vertrieben. Einzig die kleinen, stark heruntergekommenen Häuschen südlich des Parks, siehe Photo oben, stehen noch – mit Sicherheit aber nicht mehr sehr lange.

Der japanische Grundbesitzer, dem wir vor ein paar Jahren ein Stück Land abgekauft haben, um dort ein Häuschen zu bauen, kann sich noch an Zeiten erinnern, in denen sein Großvater mit dem Pferd nach Shibuya ritt. Rein rechnerisch muss wohl in den 1950ern gewesen sein. Keine Idee mutet heute jedoch absurder an als auf einem Klepper in Shibuya einzureiten…

Das neue Shibuya
Das neue Shibuya

Eins zwei drei… meins. Wie der Döner verjapanisiert wurde

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Fehlen bei japanischen Festen nicht mehr: Dönerbuden
Fehlen bei japanischen Festen nicht mehr: Dönerbuden

Oh ja, ich kann mich noch an meinen ersten Döner erinnern. Ich kann mich sogar an den Tag erinnern: 10. November 1989. Einen Tag nach dem Mauerfall, stilecht in Westberlin natürlich. Den Geschmack fand ich damals interessant (den von MacDonalds hingegen nicht). Ein ausgewachsener Döner kostete damals 2,30 DM. Später gehörte ein Döner jahrelang zum Speiseplan – ist schließlich lecker und recht preisgünstig und damit genau das richtige für einen Studenten. Auch die Bekanntschaft mit „echtem“ Kebab im Nahen Osten hat daran nichts geändert. Döner Kebab ist eben deutsches Fast Food, und keine Nachahmung.

Es muss vor circa 15 Jahren gewesen sein, als ich den ersten Dönerladen in Japan entdeckte. Das war in Akihabara, glaube ich, und am Tresen stand ein Türke aus Berlin, so wie es sein soll. Und es wurden schnell mehrere – vor allem in Akihabara, aber auch anderswo. Und es war nur eine Frage der Zeit, bis Dönerbuden auch bei den japanischen Festen (Omatsuri, Hanabi-Taikai (Feuerwerksshows) und dergleichen auftauchten, neben den üblichen Buden für Karaage, Yakisoba, Butterkartoffelb und dergleichen. Das ging soweit, dass sie sogar beim sehr lokalen, kleinen Schreinfest auftauchten.

Auch heute sah ich wieder einen Dönerstand – am wunderschönen Fuchū-shi Kyōdo-no-mori-Park im Westen von Tokyo. Der heutige Stand war jedoch ein Novum, aber kein unerwartetes: Die erste Dönerbude, die ganz allein von einem Japaner betrieben wird. Da gab es dann auch Sachen wie „Döner mit Majoran-Mayo“ und fünf verschiedene Schärfegrade für den Döner. Einen Kunden sah ich mit einem Döner abziehen, und letzterer sah eher kläglich aus, aber Döner in deutscher Pracht und Größe habe ich auch anderswo in Japan noch nicht gesehen. Und so wird es weitergehen – japanische fliegende Händler werden sich vermehrt dieser Spezialität annehmen und so lange so komische Sachen daraus machen, dass vom Original kaum mehr als der Name übrig bleiben wird.

Es wäre nicht das erste (eigentlich orientalische) Essen, das seinen Weg nach Japan findet. So ist zum Beispiel das ägyptische Mulukhiyah in Japan sehr beliebt – hier heisst es モロヘイヤ (moroheiya). Die grünen Blätter werden meist als Suppe gereicht, und natürlich denkt heute Jeder, das Moroheiya ein traditionelles japanisches Gemüse ist…

Der Anfang vom Ende einer uralten japanischen Tradition: Plastiktüten

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Wahrscheinlich gab es sie schon vor dem ersten, legendären Tennō, und bevor man lernte, Eisen zu schmieden und Schriftzeichen zu pinseln: Plastiktüten. Eine uralte japanische Tradition besagt, dass dem Kunden, und sei sein Einkauf auch noch so klein, auf jeden Fall eine – レジ袋 reji bukuro – Plastiktüte gereicht werden müsse, andernfalls wird der Himmel auf die Erde stürzen. Kleine Anmerkung am Rande: Eine auch noch so kleine Plastiktüte OHNE Einkauf zu erhalten, zum Beispiel, um etwas Wichtiges bei einem plötzlichen Regenguss zu retten, geht übrigens nicht!

Dieser Quelle¹ zufolge sieht die Statistik in Japan wie folgt aus:

Jahresverbrauch: 30,5 Milliarden Plastiktüten
Pro Kopf und Jahr: 250 Plastiktüten
Pro Sekunde in Japan: 967 Plastiktüten

und das entspricht in etwa:

1) Zwei vollen Erdöltankern
2) 3 Milliarden Plastikflaschen

Ausländische Besucher amüsieren sich über diesen Brauch zurecht, doch seit mehr und mehr bekannt wird, in welchem Maße sich Plastikmüll nun schon auf dem Planeten breit gemacht hat, weicht die Belustigung immer mehr einem Entsetzen. Muss das wirklich sein? Eine Plastiktüte, immer und überall? Doch das Bewusstsein seitens der Industrie scheint sich nun langsam (doch schon!) zu ändern. Und da sich weder Politiker noch Verbraucher ändern, muss es natürlich die Industrie tun. Ein paar Vorreiter gibt es dabei schon: Supermarktketten wie OK oder Lopia verlangen bereits seit Monaten, wenn nicht gar Jahren, einen Obulus für Tüten, doch das Gros geht schon seit jeher bei den Convenience Stores über den Tresen. Branchenprimus 7-Eleven gab nun jedoch bekannt, eine Gebühr für die Tüten zu verlangen. Das würde schlagartig den Verbrauch mindestens halbieren. Und das gute daran ist natürlich, dass 7-Eleven damit Kosten spart beziehungsweise gar Geld verdienen kann – in dem Sinne also ein no-brainer, erst recht für den Einzelhandelskoloss 7-Eleven. Man kann davon ausgehen, dass die Konkurrenz sehr schnell mitziehen wird, denn es ist schwer vorstellbar, das die Menschen zu einen anderen Convenience Store traben werden, um kostenlos Tüten zu erhalten.

Natürlich ist der Schritt gutzuheißen. Er zeigt aber auch ein typisches Japanphänomen: Während in der westlichen Welt nur allzu oft Verbraucher und anschliessend notgedrungen auch die Politiker Veränderungen herbeiführen und so die Wirtschaft zum Handeln zwingen, vertraut man in Japan noch immer gern auf die Kraft der Märkte. Das geht auch manchmal gut – aber es dauert dann in den meisten Fällen oftmals etwas länger…

¹ Siehe hier

Wie hat sich die erste Japanerfahrung in den letzten 20 Jahren geändert?

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War mein treuer Begleiter seit meiner ersten Japanreise: Ein nunmehr gut annotiertes Wörterbuch
War mein treuer Begleiter seit meiner ersten Japanreise: Ein nunmehr gut annotiertes Wörterbuch

Diese Frage stelle ich mir gelegentlich angesichts der Massen der Japanbesucher, der neuen technischen Möglichkeiten und der Posts von Japanneulingen, die man so in den sozialen Netzwerken liest. Das dumme an der Sache ist, dass niemand diese Frage aus erster Hand beantworten kann, denn ein „erstes Mal“ gibt es nur ein einziges Mal, da kann man nur schlecht vergleichen. Anders gesagt denke ich gelegentlich, dass die erste Japanerfahrung heute weniger aufregend sein muss, da man in der Regel schon vorher mit Bildern und Informationen geflutet worden ist.

Als ich mich 1996 zum ersten Mal auf den Weg machte, steckte das Internet noch in den Kinderschuhen. Die Suchmaschine der Wahl hiess damals noch Inktomi, und wenn man sich auf eine Reise vorbereiten wollte, war man mit einem Buchladen oder einer Bibliothek wesentlich besser bedient. Anständige Reiseführer gab es noch nicht auf Deutsch, von Sprachkursen ganz zu schweigen. Ein Flugticket kostete, wenn man nicht in der Saison flog und etwas Glück hatte, knapp 600 DM, und in den Flugzeugen saßen fast ausnahmslos Japaner. In Japan war man ein bunter Hund, selbst in Tokyo. Andere Ausländer, ob seit Tagen im Land oder seit Jahren, grüßten auf der Strasse, und das gewöhnte man sich selbst natürlich auch schnell an. Das Einfalltor nach Japan war Narita; Auslandsflüge nach Haneda gab es noch nicht (beziehungsweise kaum, der alte International Terminal war nur etwas größer als eine Pommesbude); auch den Kansai Int’l Airport gab es nicht. Und aus Japan kamen vorher erschreckende Nachrichten – vom Giftgasangriff in Tokyo zum Beispiel oder dem schweren Erdbeben in Kobe, mit tausenden Toten.

Kontakt zu finden war nicht schwer. Stand man irgendwo allein rum, wurde man schnell angesprochen – ob man das nun wollte oder nicht. Touristenfallen gab es quasi nicht, mangels Touristen. Englische Beschilderungen oder gar Erläuterungen auf Deutsch gab es allerdings dementsprechend auch nicht beziehungsweise kaum – außerhalb der großen Bahnhöfe war man schnell auf verlorenem Posten. Kaffee gab es kaum, man musste danach suchen, und wenn man ihn fand, war er meist grauenhaft. Sich zu verabreden war eine Kunst – wo in drei Teufels Namen war denn nun Ausgang A374 und wie sollte man es je rechtzeitig dahin schaffen? Adressen zu finden war noch abenteuerlicher, da es ja weder Straßennamen noch durchlaufende Nummerierungen gibt. Manchmal fühlte man sicherheitshalber die eigene Stirn, um zu prüfen, ob man nicht plötzlich zwei Teufelshörner hat – anders konnte man es sich nicht erklären, dass manche Bedienstete beim Anblick eines Ausländers reagierten, als stände der Leibhaftige vor Ihnen.

Essenstechnisch war es natürlich auch abenteuerlich. Bis auf rohen Fisch war nicht allzu viel bekannt, und mal eben googeln, was da vor einem auf dem Teller so zuckte, ging auch nicht. Die Frage „was essen wir da eigentlich gerade?“ wurde zwar meistens umgehend beantwortet – aber das Wörterbuch, damals mein ständiger Begleiter, war mir nur allzu oft eine Antwort schuldig.

Heute hingegen wird man von Informationen erschlagen – es gibt plötzlich unglaublich viele Webseiten über Japan auf Deutsch, es gibt automatische Übersetzungsprogramme, Apps mit denen man Schriftzeichen scannen und verstehen kann, es gibt Wikipedia, Navigationssoftware für jedermann, es gibt interest groups in Netzwerken, in denen man flugs Antworten auf seine Fragen bekommt, es gibt Suica & Co, mit denen man keine Fahrkarten kaufen muss. Es gibt Videos, die im Zeitraffer zeigen, wie man zu einem Ort kommt. Und es gibt plötzlich auch in Japan Nepp und Betrug, wenn auch in geringem Ausmass.

Schmälert das alles das erste Mal? Bleibt da nicht das Abenteuer auf der Strecke? Oder erlebt man Japan gar intensiver, da man mehr Zugang zu Informationen hat? Letztendlich hängt es, so denke ich zumindest, davon ab, wie man die neuen Medien nutzt. Wer alles mit Blogs, Wikipedia und unzähligen Apps minutiös und lückenlos plant, wird viel verpassen. Wer die neuen Medien jedoch in Maße nutzt oder nur zur vertiefenden Recherche, wird beim ersten Japanbesuch vielleicht mehr verstehen, als früher möglich war. Oder!?

Sommerzeit nun doch nicht… oder doch? Das alte Helge-Reinhold-Spiel…

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Um 7 heißt es Licht aus - selbst im Sommer
Um 7 heißt es Licht aus - selbst im Sommer

Nein, die Diskussion um die Einführung der Sommerzeit in Japan ist gewiss nicht neu (wie schon mein Artikel aus dem Jahr 2010 zeigt). Eigentlich ist das Thema ja uralt, da 1947 schon mal die Sommerzeit eingeführt wurde, nur um dann nach vier Jahren wieder abgeschafft zu werden. Doch in diesem Jahr war man so nah wie nie dran an der Wiedereinführung, denn die Regierung fand Gefallen an der Idee, vor allem im Hinblick an die Olympischen Spiele in Tokyo 2020. Selbstverständlich wird das Thema auch hier kontrovers debattiert. Einigen kleineren Umfragen zufolge ist die Mehrheit gegen die Einführung. Als Gegenargument wird gern angeführt, dass man die Sommerzeit Anfang der 1950er aus gutem Grund abgeschafft hatte – den Gewerkschaften zufolge nutzten die Arbeitgeber die gewonnene Stunde am Abend einfach dazu, ihr Personal einfach eine Stunde länger arbeiten zu lassen. Das ist freilich nicht im Sinne der Erfindung bzw. der Bevölkerungsmehrheit.

Gern verweisen die Gegner auch auf die EU, die fleißig dabei ist, die Sommerzeit abzuschaffen. Ein drittes, typisches Totschlagargument lautet: „Gibt’s in anderen Ländern Asiens auch nicht – warum sollten wir es dann einführen?“

Ja, richtig. Warum nur? Vielleicht, weil es einfach mal Wahnsinn ist, das in Tokyo selbst im Hochsommer die Lichter nachts um 7 Uhr aus sind? Und das, obwohl Japaner im Schnitt ein bis zwei Stunden später anfangen mit arbeiten? Der durchschnittliche Arbeiter, meine Wenigkeit eingeschlossen, kann da selbst am Tag der Sommersonnenwende nicht im Tageslicht nach Hause fahren. Das ergibt einfach keinen Sinn.

Doch die Befürworter der Sommerzeit gaben heute zu, dass die Einführung der Sommerzeit wohl – zumindest bis 2020 – nicht möglich sein wird, da der Aufwand zu hoch sei. Von der IT-Sicht der Dinge haben sie da sicher recht, es wäre in der Tat ein Riesenaufwand, auch für Unternehmen außerhalb Japans. Doch es gäbe da noch eine andere Möglichkeit, die ich persönlich nur begrüßen kann. Die Einführung der ewigen Sommerzeit, sprich die Verschiebung der Zeitzone um eine oder zwei Stunden. Dann müßten sich die Menschen nur ein Mal umstellen, und dann wäre alles gut. Diese Lösung scheint jedoch zur Zeit nicht zur Debatte zu stehen.

Abe bleibt und die Makrelenhechte gehen

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Traditionelle Hausmannkost im Herbst: Gegrillter Makrelenhecht (Sanma)
Traditionelle Hausmannkost im Herbst: Gegrillter Makrelenhecht (Sanma)

Am 20. September war die Stichwahl also entschieden: Bei der innerparteilichen Wahl der Liberaldemokraten zum Parteivorsitzenden (der dann, so ist es Brauch, auch zum Ministerpräsidenten gekürt wird), gewann Amtsinhaber Abe wie erwartet und mit großem Vorsprung die Wahl gegen den einzigen Herausforderer, Shigeru Ishiba. Immerhin hat Ishiba aber 73 Parlamentsabgeordnete bei dem komplizierten Wahlverfahren (an dem das gemeine Volk, außer den Parteimitgliedern natürlich, nicht teilnimmt) hinter sich geschart, und das war mehr als Beobachter erwartet hatten. Abe lag freilich mit 329 Unterstützern weit vorne, aber interessant sehen die Verhältnisse bei den ganz normalen Parteimitgliedern aus: Dort stimmte nämlich fast die Hälfte (knapp 45%) für Ishiba. In zehn von 47 Präfekturen, die meisten davon eher ländlich geprägt, lag Ishiba sogar vorn, und das deutet darauf hin, dass es an der Basis der Liberaldemokraten brodelt. Aber es brodelt nicht genug.

Während Ishiba seine letzte Rede vor der Wahl im hippen Shibuya hielt, zog es Abe, wie jedes Mal nach Akihabara. Und er und sein Team haben die richtigen Schlüsse aus der Blamage des letzten Auftrittes gezogen, als zahlreiche Demonstranten die Rede lautstark störten. Dieses mal wurden gemeine Zuhörer und Demonstranten auf Distanz gehalten, und um etwas Masse zu sugerieren, wurde aus der näheren und ferneren Umgebung massenhaft Klatschvieh herangekarrt. Darunter auch mittelalte Damen, die ungeniert vor der Kamera bekanntgaben, dass sie Abe unterstützten, weil er so ein toller Typ sei. Prima. Alles in allem war die Veranstaltung nur in gewissem Masse ein Stimmungsbarometer; im Großen und Ganzen hätte sich aber sowieso nicht viel geändert, da es ja um eine parteiinterne Wahl ging.

Während Abe jedoch vorerst bleibt, macht man sich in Japan schwere Sorgen um DEN japanischen Speisefisch – den 秋刀魚 Sanma (Makrelenhecht). Der gehört zum japanischen Herbst dazu wie Halloween und buntes Laub. Die Ausbeute im vergangenen Jahr war ungewöhnlich mager – umso mehr war man hoch erfreut in diesem Jahr, als man reichen Fang vermelden konnte. Die Fische waren zudem schön fett – auch das kann man nicht jedes Jahr sagen. Dementsprechend pendelten sich die Preise auf vernünftigem Niveau ein – die silberglänzenden, schlanken und knapp 30 cm langen Fische kosten in guten Zeiten nicht einmal 100 yen, in schlechten Jahren hingegen über 300. Doch die Freude währte nicht lange: Das schwere Erdbeben in Hokkaido liess die Erträge einbrechen, und das betrifft nicht nur den Makrelenhecht, sondern auch Milch – und, aber das kennen wir ja schon seit Jahren – Butter.

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