Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Schnell mal eben zu Kentucky

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Da ist sie wieder — die Sonntagsfrage. Was gibt es zum Mittagessen? Normalerweise bleibt bei uns die Küche kalt zu Mittag an den Wochenenden – entweder kaufen wir da “nur” Brot von unserem Leib- und Magenbäcker, oder wir gehen irgendwo Ramen, Udon oder ähnliches essen. Soweit wir überhaupt zu Hause sind, denn normalerweise sind wir mindestens an einem Tag bereits irgendwo in den Bergen unterwegs. Dank Corona hat sich das nun schon seit März erledigt. Kind 1 ruft den Namen “Kentucky”, worauf Kind 2 “au ja!” antwortet, worauf beide von Frau 1 sofort und mit etwas lauterer Stimme als sonst, damit ich es auch ja höre, zurechtgewiesen werden: Geht nicht. Ihr wisst doch, dass Euer Vater kein Fast Food mag. Nach nunmehr 20 Jahren zusammen ist das sehr fein beobachtet. Und ausserdem: Ist denn jetzt schon Weihnachten¹? Aber gut – ich will ja kein Spielverderber sein. Also sage ich “an mir soll es nicht liegen”. Also wird Kind 1, das unbedingt mitkommen möchte, ins Auto gepackt, und schon geht es los zur nächstgelegene Hühnerfritteuse. Kurz das Auto vor dem Pachinko-Schuppen geparkt, der ja, Corona sei dank nicht öffnen darf, und das Kind instruiert, was zu machen sei, wenn jemand Anstalten macht, ein Ticket ans Auto zu kleben.

Mir schwante nichts gutes. Eine kleine Schlange von 5, 6 Leuten schaute aus dem KFC-Schuppen raus. Was, für den Fraß muss man auch noch anstehen? Aber Plan ist Plan. Also stelle ich mich schön hinten an, mit gut zwei Metern Abstand zum Vordermann. Alle halten den Abstand ein, ausser eine wacklige Oma, die dem Vordermann quasi fast am Rücken klebt. Nanu, schon genug vom Leben? Man weiss es nicht. Im Laden lungern auch ein paar Menschen herum – alle warten auf Ihr “to-go”-Mahl, da KFC nur noch Take-out zulässt. Aha. Im Ladeninneren darf man also nicht essen, dafür aber dichtgedrängt nebeneinander sitzen und auf sein Essen warten. Nach 15 Minuten bin ich dran, und in der Zwischenzeit habe ich auch die Angestelltenschar durchgezählt: Ganze 5 Angestellte springen hinterm Tresen herum. Das sollte doch nicht allzu lange dauern! Denke ich jedenfalls, doch die vielen Wartenden sprechen eine andere Sprache. Und in der Tat: Es sollte 45 Minuten dauern, bis ich mein Kubikmeter Müll auf den Tresen gestellt bekomme. Die erste Frage zu Hause war dann natürlich: Wo ward Ihr denn so lange? Wir haben Hunger!

Meine Erwartungen waren wie so meist bei Fast Food sehr, sehr niedrig, und sie wurden, ebenfalls wie so meist, nicht enttäuscht. Warum KFC in einem Land, das so ausgezeichnete karaage² herstellt, so beliebt ist, bleibt mir für immer ein Rätsel.

Aber immerhin: In den Abendnachrichten wurde verkündet, dass KFC mit 30% mehr Umsatz zu den grossen Corona-Gewinnern gehört. Na dann: Mahlzeit!

¹ Eine der merkwürdigeren Traditionen der Japaner ist, gegrillte und gechlorte Schredderhühnchen von Kentucky Fried Chicken als DAS Weihnachtsmahl zu betrachten.
² Mit Soyasauce und anderen Zutaten marinierte und dann in Mehl oder Kartoffelstärke gewendete, frittierte Hühnerfleischstücken

Corona-Update 11. Mai 2020

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3D-Darstellung eines Corona-Virus (Quelle: Wikipedia)

Eigentlich sollten wir doch ganz zuversichtlich sein: Die Zahl der neu registrierten Corona-Fälle in Tokyo lag heute bei gerade mal 15, und das bedeutet, dass die Zahl der Neuerkrankungen in der Hauptstadt sechs Tage lang in Folge unter 50 lag. Zur Erinnerung – vor rund zwei Wochen ging die Zahl bis auf 200 hoch. Die Zahlen sollten in der Tat sinken, denn es wurden ja wirklich mehrere Massnahmen getroffen, die die Epidemie eindämmen sollten.

Zahl der Neuerkrankungen pro Tag in Tokyo (April/Mai). Quelle: https://stopcovid19.metro.tokyo.lg.jp/
Zahl der Neuerkrankungen pro Tag in Tokyo (April/Mai). Quelle: https://stopcovid19.metro.tokyo.lg.jp/

Obwohl die Zahlen jedoch schon seit Anfang Mai rückläufig wurden, verlängerte die Regierung am 6. Mai – wie erwartet – den Ausnahmezustand für das ganze Land bis zum 31. Mai, allerdings mit der Option, diesen Zustand, so es die Zahlen erlauben, eher zu beenden. Doch wo soll man die Messlatte anlegen? Die Stadt Osaka, mit ihrem potenten Gouverneur, setzt hier erstmal einen Maßstab. Dort möchte man diverse Restriktionen lockern, wenn sieben Tage lang die folgenden Kriterien erfüllt sind:

  1. Die Zahl der Neuinfektionen mit ungewisser Herkunft muss unter 10 Menschen pro Tag liegen. Momentan ist der Schnitt in Osaka bei 3.57 Menschen pro Tag
  2. Der Anteil der positiv Getesteten an denen, bei denen getestet wurde, soll unter 7% liegen (momentaner Schnitt: 2.2%).
  3. Die Auslastungsrate von Intensivstationsplätzen soll unter 60% liegen (momentan: 26.6%)

Die Zahlen erscheinen sinnvoll, und man scheint auf einem guten Weg zu sein. Um das ganze auch noch etwas spannend zu machen, hat sich der Gouverneur auch etwas einfallen lassen: Je nach Gefahrenlage sollen gewisse Wahrzeichen der Stadt, darunter zum Beispiel Okamoto’s Sonnenturm, entweder rot, gelb oder grün angestrahlt werden. Das ist pfiffig.

Okamoto-Sonnenturm in Osaka
Okamoto-Sonnenturm in Osaka

In Tokyo hingegen verlässt sich Gouverneurin lieber auf Wortklaubereien und nicht konkretes, nennen wir es mal gebetsmühlenartiges Gelaber, denn viel Neues oder Innovatives kommt da nicht – ausser vielleicht dem Zugeständnis bei der heutigen Pressekonferenz, dass einige Neuinfektionen nicht oder doppelt gezählt wurden.

Möglicherweise sind diese Zahlen sowieso sehr bald Makulatur, denn es gibt erste Bemühungen, die Anzahl der PCR-Tests stark zu erhöhen, sowie Antikörpertests zuzulassen. Wenn mehr getestet wird, wird man wohl sehr wahrscheinlich auch viel mehr Menschen positiv testen, doch die Experten streiten noch darüber, wie viel höher die Dunkelziffer wohl sein wird.

Davon mal abgesehen: Die zwei Volksmasken für unseren 4-Personenhaushalt sind immer noch nicht da, und genauso wenig weitere Informationen darüber, wo man sich für die Staatshilfe für jedermann registrieren muss – immerhin soll diese ja im Mai ausgezahlt werden. In diesem Sinne: Im Osten nichts Neues!

Mittelschweres Erdbeben in Chiba

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Vor wenigen Minuten, um 1:57 nachts (japanische Ortszeit) gab es ein mittelschweres Erdbeben der Stärke 5.0 auf der Richterskala im Nordwesten der Präfektur Chiba. Auf der japanischen Erdbebenskala (von 1 bis 7) erreichte das Erdbeben eine 4 im Nordwesten von Chiba und eine 3 (deutlich spürbar) im Rest von Chiba, dem Zentrum von Tokyo, Kawasaki und Yokohama.

Angaben über Schäden liegen noch nicht vor, sollten sich aber in Grenzen halten, zumal das Epizentrum mit 70 km Tiefe relativ tief lag. Beunruhigend ist das Erdbeben dennoch, denn in letzter Zeit häufen sich spürbare Erdbeben in genau jener Gegend und in derselben Tiefe.

Zumindest in der Präfektur Kanagawa löste das Erdbeben die Mobiltelefonwarnungen aus (die man nicht ausstellen kann) — zwischen Eintreffen der Warnung, dass es gleich beben wird, und dem Beben selbst lag jedoch nicht einmal eine Sekunde. Das Beben als solches dauerte nur ein paar Sekunden.

Wenn es etwas gibt, das Japan mitten im Ausnahmezustand wegen des Corona-Virus nicht braucht, dann ein schweres Erdbeben…

Lesetipp: Abc 4 Japan. Ein Kulturguide

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Dieses Mal möchte ich ein Buch vorstellen, dass ich wirklich gern vorstelle. Zum einen, weil ich den Autor, Martin Fritz, seit vielen Jahren persönlich kenne, und auch mit ihm zusammen an einem längeren Projekt gearbeitet habe. Martin Fritz lebt seit über 20 Jahren in Japan, ist Korrespondent mit Leib und Seele, und war bzw. ist für die ARD, die Wirtschaftswoche, die taz, den Standard, die Börsen-Zeitung und viele andere Medien tätig. Zum anderen, weil ich viel von diesem Buch erwartet habe – und nicht enttäuscht wurde. Der Teaser:

Trotz unzähliger Berichte, Blogs und Bücher über Japan halten sich hartnäckig viele Klischees und Vorurteile, die schon Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sind. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Inselnation in Fernost noch weiter von unseren vorgestanzten Bildern entfernt. Die teilweise dramatischen, jedoch bisher weitgehend unbeachteten Veränderungen versuche ich in diesem Kulturführer transparent zu machen.

Auf 267 Seiten werden hier rund 300 Stichwörter abgearbeitet, und das praktischerweise alphabetisch. Begonnen wird mit dem aktuellen und umstrittenen Ministerpräsidenten Abe, und das Buch endet mit Zen. Die Themen kann man in verschiedene Kategorien unterteilen:

  1. Stichwörter, die jeder außerhalb Japans schnell mit Japan verbinden würde (Walkman, Kamikaze, Karaoke, Fuji-san)
  2. Stichwörter für Leute, die Japan etwas kennen, wie zum Beispiel AKB48, Omiyage, Meiwaku
  3. Allgemeine Stichwörter wie Nationalhymne, Plastik, Drogen oder Gefängnis
  4. Kulinarische Stichwörter wie Ramen, Dashi oder Yuzu
  5. Bedeutende, aber oftmals in Europa weniger bekannte Persönlichkeiten wie Tanizaki Junichirō, Fukuzawa Yukichi oder Kaiserin Masako
  6. Sonstige, wie zum Beispiel Japan AG, Japanglish, kata usw.

Weniger als eine Seite pro Stichwort sind nicht viel, was naturgemäss für typische “schön, aber zu kurz”-Kritiken sorgen wird, aber die gibt es ja sowieso immer. Kurz gefasst handelt es sich hier um eine Mini-Enzyklopädie, um ein Potpourri verschiedenster Themen, die Japaner beschäftigen, oder jene beschäftigen sollten, die Japan verstehen möchten, so das überhaupt möglich ist. Und dahinter steckt geballtes Wissen, viel Japan-Erfahrung und eine messerscharfe Beobachtungsgabe.

Das Buch ist hochaktuell und ideal für fast jeden – ob Japankenner oder nicht, ob nur interessiert an gesellschaftlichen oder kulinarischen Aspekten. Es ist gespickt mit wertvollen Hintergrundinformationen (zum Beispiel über Shinzō Abe), die man natürlich auch anderswo findet, aber anderswo muss man sich durch einen grossen Wust an Informationen kämpfen, um an des Pudels Kern zu gelangen. Martin Fritz verweist hier auch oft auf eigene Erfahrungen, was das Lesen natürlich vereinfacht, da man schnell einen persönlichen Bezug herstellen kann.

Bei manchen Themen fühlt man sich ertappt, an Ambrose Bierce’s geniales “The Devil’s Dictionary” zu denken, aber dafür ist Abc 4 Japan dann doch zu ernsthaft und informativ.

Erschienen ist das Buch im Stämpfli Verlag AG, Bern. Erhältlich ist es — natürlich — bei Amazon und, so hoffe ich zumindest, im gutsortierten Buchhandel.

Corona-Update 27. April 2020: Das Dilemma

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3D-Darstellung eines Corona-Virus (Quelle: Wikipedia)

Auf den ersten Blick sieht die Sache doch schon mal ganz gut aus. In Tokyo wurden 12 Tage lang jeweils mehr als 100 neue Infizierte festgestellt – der Rekord lag bei gut 200 neuen Fällen an einem Tag. Gestern fiel diese Nummer erstmals seit fast zwei Wochen auf unter 100 Fälle, und heute waren es wohl nur 39 neue Fälle. Als Optimist würde man daraus schliessen, dass die Maßnahmen und Aufrufe zur Selbstbeschränkung langsam Früchte tragen und die Zahlen sinken lassen.

Auf den zweiten Blick hingegen besteht durchaus berechtigte Sorge, und die wird vor allem durch eine Zahl genährt – das Verhältnis zwischen getesteten und positiv getesteten Personen. Laut Tokyo Shimbun¹ und weiteren Quellen stieg der Anteil der positiv getesteten Fälle von 15% Mitte März auf 63% Mitte April. Diese Zahl bedeutet, dass einfach nur noch dann getestet wird, wenn sich die Ärzte quasi schon sicher sind, dass es sich um eine COVID-19-Infektion handelt. Würde man mehr testen, würde man nämlich mehr negativ Getestete Personen finden. Das deckt sich auch mit zahllosen Kommentaren in den sozialen Medien, in denen Japaner darüber berichten, dass ihnen auch nach tagelangem hohen Fieber ein Corona-Test verwehrt wurde.

Wie man es auch betrachtet – man kommt nicht ohnehin, zu mutmassen, dass die japanische Regierung das Problem aussitzen möchte und schlichtweg darauf hofft, dass die Fallzahlen jahreszeitlich bedingt zurückgehen und dass die jetzigen Massnahmen ausreichen. Anders kann man sich die Unlust, mehr Daten zu erheben (oder zu veröffentlichen) nicht erklären. Der Druck ist dabei freilich gross, denn man ist sich ob der wirtschaftlichen Folgen durchaus bewusst. Laut dieser Umfrage² gaben rund 60% der kleinen und mittleren Unternehmen an, nur überleben zu können, wenn die Krise bald ein Ende hat. Und damit ist nicht nur die Corona-Krise in Japan gemeint, denn Japan ist eine Exportnation, und wenn man, wie zur Zeit, kaum exportieren kann, wird es eng.

Spannend wird es wohl in der Goldenen Woche werden, die am Mittwoch beginnt. Die 4 Feiertage innerhalb einer Woche sind normalerweise Hauptreisezeit, doch die Regierung redet auf das Volk ein, dieses Jahr auf das Reisen zu verzichten. Das machen wohl auch viele – die Auslastung von Flügen und Bahnen ist wohl nur ein Bruchteil dessen, was sonst üblich ist. Es sollen wohl trotzdem noch circa 300,000 Flugreservierungen und ungefähr genauso viele Shinkansenreservierungen sein, was also bedeutet, dass eine gute halbe Million Japaner während der Feiertage ausschwärmen wird. Ganz unverständlich ist das natürlich nicht – Hotels und Fluggesellschaften unterbieten sich gegenseitig, um wenigstens ein bisschen Geld in die Kasse zu bekommen, und viele werden sich auch denken “wenn alle anderen nicht fahren/fliegen, kann ich doch problemlos den Abstand einhalten”, womit sie sicher recht haben. Wie kurzsichtig und egoistisch das ist, wird man jedoch erst wieder nach mehr als zwei Wochen sehen – wenn überhaupt.

Es gibt auch diverse Pläne von Politikern, die höchstens zum Kopfschütteln anregen. Allein der von der Gouverneurin von Tokyo auf einer Pressekonferenz geäußerte Vorschlag, man könne doch den Zutritt zu Supermärkten beschränken, zum Beispiel, in dem man nach dem Anfangsbuchstaben der Familiennamen in Schichten einteilt³, sorgte für proppevolle Supermärkte am vergangenen Freitag – also für genau das, was eigentlich vermieden werden sollte. Die Idee als solche ist auch unglaublich idiotisch und würde wahrscheinlich für noch schlimmere Verhältnisse sorgen.

Was mich persönlich jedoch am meisten umtreibt, ist die Hilflosigkeit der öffentlichen Schulen. Während private Schulen mehr und mehr auf Online-Unterricht mittels Zoom & Co. setzen, geschieht an den öffentlichen Schulen quasi gar nichts. Die Mittelschule meiner Tochter lässt wenigstens die Kinder ein Mal in der Woche einzeln antraben, damit sie sich einen Satz Hausaufgaben abholen können. Die Grundschule meines Sohnes macht einfach nichts, und vor allem – man macht auch keine Anstalten, irgendwas zu machen. Und genau das wird dazu beitragen, die Regierung dazu zu bewegen, so wenig wie möglich zu testen, um so bald wie möglich zu lockern. Denn lange kann das so nicht weitergehen.

¹ Siehe hier
² Siehe hier
³ Siehe hier

Die 5 Seen des Fuji-san (Fuji-Goko) | Kurzes Corona-Update

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Nach unzähligen Touren zu den berühmten 5 Seen des Fuji, den 富士五湖 Fuji-Goko, habe ich es doch endlich geschafft, meine Seite über selbige fertigzustellen. Hurra. Und es ist eine ziemlich umfangreiche Seite geworden, denn in der Gegend gibt es nun wirklich viel zu sehen und zu erleben.

Die 5 Seen des Fuji

An den Wochenenden fahren wir gern dorthin – wir brauchen ja nur rund 1½ Stunden. Die Rückfahrt ist dabei jedoch garantiert jedes Mal ein Krampf, da quasi alle Strassen Richtung Tokyo verstopft sind.

Die Frage ist nur, wann wir wieder dorthin fahren können. Japan bereitet sich auf die Goldene Woche vor, und die Politiker, vor allem die Lokalpolitiker, werden allmählich hektisch, denn sie befürchten, dass es viele Hauptstädter trotz der “Stay Home”-Aufrufe ins Grüne treibt. Die Sorge ist wohl berechtigt, denn an den Stränden von Shōnan (rund um Kamakura) sowie in der 5-Seen-Region tummeln sich wohl auch jetzt noch viele Großstädter. Nun werden erste Rufe laut, den Zugang zu einigen Regionen zu reglementieren, und dazu zählt auch das Absperren beziehungsweise Kontrollieren auf Staatsstrassen. Die Sorge ist berechtigt. Die meisten Japaner halten sich an die Aufrufe

不要不急

fuyō fukyū

– in etwa: was nicht dringend ist, ist nicht notwendig (ergo: lass es sein!)
und

外出自粛

gaishutsu jishuku

– freiwillig Gänge nach draussen vermeiden.

Doch es gibt genügend Leute, denen das egal ist, und das sind nicht nur jüngere Leute. Japan scheint sich in Sachen Neuinfektionen (mal wieder) auf einem gewissen Niveau eingependelt zu haben — die Zahl der neuen Fälle ist im Vergleich zur vorigen Woche etwas zurückgegangen. Doch wenn zehntausende oder gar mehr Hauptstädter über die kommenden Feiertage ins Umland pilgern, kann sich das schnell ändern. So gesehen wird diese Goldene Woche wohl die langweiligste Goldene Woche aller Zeiten, und wenn dann auch noch das Wetter schön sein sollte, wird es ganz schwer. Man kann nur hoffen, dass die Menschen nicht ein paar schöne Stunden außerhalb Anfang Mai mit einem Ausnahmezustand eintauschen, der bis nach die Sommerferien andauert. Denn man hat schon jetzt bekanntgegeben, dass man in der Goldenen Woche entscheiden wird, ob der Ausnahmezustand (der ja am 6. Mai enden soll) verlängert wird oder nicht. An eine schnelle Lösung des Problems glaubt aber auch in Japan natürlich niemand mehr.

Corona-Update 20. April 2020

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3D-Darstellung eines Corona-Virus (Quelle: Wikipedia)

Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja! Corona!

In den vergangenen sieben Tagen hat sich einiges getan, und aus diesem Grund mal wieder ein kleiner Überblick über die Geschehnisse.

Der Ausnahmezustand wurde ja in der vergangenen Woche auf ganz Japan ausgeweitet – das mag zwar die Bewohner der Präfektur Iwate verwundern (das Sachsen-Anhalt Japans quasi – hier gibt es noch keinen einzigen bestätigten Fall), aber im Grossen und Ganzen wurde die Entscheidung eher positiv aufgenommen, denn die Infektionswelle geht ja nicht nur die Ballungsräume etwas an. Nach wie vor geschieht das meiste allerdings auf 自粛 jishuku – Basis, also auf Freiwilligenbasis. Dabei taucht immer wieder die Zahl 80 auf, denn Experten raten, die Zahl der menschlichen Kontakte um 80% zu reduzieren, um das Virus einzudämmen. Um den Erfolg zu messen, werden unter anderem Daten von Apple ausgewertet, und siehe da – je nach Gegend kommt man momentan um eine Reduzierung von 50 bis 80%, und das ganz freiwillig. Immer mehr Menschen folgen dem “Stay Home”-Rat und bleiben zu Hause.

Dass es eine Weile dauern wird, bis erste Erfolge sichtbar werden, war klar. Trotz der erweiterten Maßnahmen kletterten die Neuinfektionen bis Sonnabend allein in Tokyo auf bis über 200 Menschen pro Tag, und im ganzen Land zählt man nun fast 11,000 Fälle. Gestern und heute kamen in Tokyo lediglich gut 100 neue Fälle hinzu, aber das reicht natürlich noch nicht, um eine Trendwende herbeizuhoffen. Allerdings wurden in Tokyo allein gestern rund 350 an COVID19 Erkrankte Personen als vollkommen genesen entlassen, und das wäre natürlich mal eine gute Nachricht, würde das doch bedeuten, dass wesentlich mehr Leute aus der stationären Behandlung entlassen werden können als Patienten, die hinzukamen.

Möglicherweise hat das Herumgeeiere um finanzielle Hilfen sogar ein Ende gefunden. Heute wurde ein Nachtragshaushalt verabschiedet, der besagt, dass jeder in Japan registrierte Mensch, also inklusive Kinder und Ausländer (mit welchem Visastatus ist dabei jedoch unklar) 100,000 yen, also rund 800 Euro, vom Staat erhalten soll. Bedingungslos. Sagte jedenfalls Ministerpräsident Abe, doch sein seit eh und je sehr unsympathischer Mitstreiter Aso meinte gleich hernach in einer anderen Pressekonferenz, dass nur die das Geld erhalten sollen, “die die Hand heben”.

Diese Soforthilfe – das gab es auch schon während der Wirtschaftskrise 2008 – hat dabei gleich mehrere Haken:

  1. Der Vorschlag ersetzt den, Menschen mit nachgewiesenen Einkommenseinbußen 300,000 yen zukommen zu lassen. Denjenigen, die wirklich enorme Einkommenseinbussen in Kauf nehmen müssen, ist mit dem Vorschlag also nicht gerade viel geholfen.
  2. Die Bedingung, das Geld nur an die auszuzahlen, “die die Hand heben”, ist einfach nur idiotisch, denn das ganze wird einfach nur einen riesigen bürokratischen Prozess erfordern, der die Ersparnis nicht wert ist. Ausserdem wird somit die Hilfe verlangsamt und die Bevölkerung – mal wieder – verunsichert. Stattdessen sollte man einfach eine schlichte Kampagne starten nach dem Motto “Wenn sie das Geld nicht wirklich benötigen, spenden sie es an Organisation XYZ” oder was auch immer. Das wäre einfacher und würde kein Geld vergeuden.
  3. Das Gießkannenprinzip funktionierte bereits 2008 nicht so, wie es sollte – verständlicherweise packten viele Menschen das Geld einfach nur in ihren Sparstrumpf.
  4. Die Auszahlungen sollen frühestens Ende Mai beginnen. Bis dahin werden bereits hunderttausende, wenn nicht Millionen Japaner, seit etlichen Wochen arbeitslos gewesen sein. Und Arbeitslosenhilfe bekommt man frühestens sechs Wochen, nach dem man seinen Job verloren hat.

Aber immerhin: Anscheinend bewegt sich immerhin etwas. Übrigens: Die versprochenen Volksmasken, zwei pro Haushalt, sind noch immer nicht eingetroffen.

Die grösste kurzfristige Sorge des Landes ist noch immer 医療崩壊 iryō hōkai – der Zusammenbruch des Gesundheitswesens. Den Krankenhäusern fehlt es an Personal und an Schutzkleidung. Es gab schon dutzende Fälle, bei denen akut an Corona erkrankte Menschen von bis zu 30 Krankenhäusern in Folge abgelehnt wurden. Und man befürchtet eine Ausbreitung in den ländlicheren Regionen, wo die medizinische Versorgung weit schlechter aufgestellt ist. Aus genau diesem Grund wurde der Ausnahmezustand auch bis nach der Goldenen Woche verlegt – mit dem eindringlichen Aufruf an die Bevölkerung, während der 5 Feiertage in Folge nicht in andere Präfekturen zu reisen. Eine verständliche Bitte.

Die langfristige Sorge ist die um Post-Corona. Auch in Japan glauben immer mehr Menschen, dass China vollends an der ganzen Sache Schuld ist, und die Gerüchte um die Herkunft des Virus werden gern geglaubt. Das Verhältnis zu China hatte sich in den vergangenen Jahren langsam aber sicher verbessert, aber Corona wird eine Zäsur darstellen, mit schlimmen wirtschaftlichen Folgen – für Japan, aber sicherlich auch für China.

Zu guter Letzt noch ein paar Worte zu den Schlagzeilen. Was in Japan richtig nervt, aber das ist nicht nur in Japan, sondern überall so, sind die Schlagzeilen, mit denen sich die Medien übertrumpfen. “Wenn man sich nicht an die Abstandsregeln hält, wird es in Japan rund 450,000 Tote geben” ist eine davon, eine andere “Experte glaubt nicht, dass die Olympischen Spiele 2021 stattfinden können”. Braucht man diese Schlagzeilen jetzt wirklich? Zumal es sich oft um Milchmädchenrechnungen handelt? Wohl kaum. Es wäre schön, wenn man das Ganze etwas informativer und balancierter betrachten würde.

In diesem Sinne: Tapfer bleiben!

Corona-Update 13. April 2020: Japans Spiel mit dem Glück

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3D-Darstellung eines Corona-Virus (Quelle: Wikipedia)

Seit einer knappen Woche nun ist der Ausnahmezustand da – zwar nur für sieben der 47 Präfekturen, aber immerhin. Und vorneweg muss ich dazu sagen, dass das wahrscheinlich der entspannteste Ausnahmezustand der Welt ist, denn geändert hat sich eigentlich rein gar nichts. Das war vor allem in der vergangenen Woche beinahe schon makaber: Während durch die kommunalen Lautsprecher Anweisungen ergingen, dass die Menschen bitte Erledigungen auf das Notwendigste beschränken, war die Strasse vor unserem Büro voller Menschen, darunter auch Gruppen von Kindergartenkindern, die zum nächstgelegenen Park zogen. Nichts, aber auch gar nichts erinnerte an den Ernst der Lage. Auch die meisten Kneipen und Restaurants in der Nähe meines Büros waren geöffnet, wenn auch mit deutlich wenigeren Gästen.

Nach und nach änderten sich dann aber doch ein paar Dinge. Mehr und mehr Convenience Stores haben damit begonnen, ihre Mitarbeiter mit von der Decke hängenden Plastikplanen zu schützen. Mehr und mehr Restaurants schliessen, oder verkürzen ihre Öffnungszeiten. Oder verlegen sich komplett auf das Take-away-Geschäft. Die Strassen in der Innenstadt sind nun voll mit Uber-Eats-Fahrern, manche davon sogar mit Leihrädern von Convenience Stores. Und es fehlen immer mehr Waren – beim hiesigen Supermarkt gab es zum Beispiel kein Mehl mehr, und so mancher Convenience Store ist halb leer.

Die Zahl der Neuansteckungen in Japan, mit dem Schwerpunkt auf Tokyo, nahm bis Sonnabend spürbar zu – bis zu 200 neue Fälle pro Tag zählte man allein in Tokyo, wobei die Zahlen von gestern und heute bisher geringer ausfielen, aber das hat aufgrund des Wochenendes nicht viel zu sagen. Die Gerüchte über die angespannte Lage im Gesundheitswesen sind dabei jedoch besorgniserregend. So hört man von verschiedenen Quellen, dass Krankenhäuser selbst Patienten in Lebensgefahr, zum Beispiel mit einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall, ablehnen, da sie keine Behandlungskapazitäten haben. Und das, obwohl es momentan nur gut 125 aktive Corona-Fälle mit schwerem Verlauf in ganz Japan geben soll. Insgesamt gibt es rund 7’500 Fälle, mit rund 120 Toten und 780 Genesenen.

Die Zahlen sind schwer zu glauben – zumindest aus meiner Sicht. Denn in meinem Freundeskreis weiss ich von einem Corona-Fall (die Bekannten haben wir allerdings seit letztem Jahre nicht mehr gesehen). Auch an der Schule meiner Tochter gab es den ersten Fall – und zwar in der gleichen Klassenstufe. Wohlgemerkt: Letzten Montag fand – wie geplant – die Schuljahresanfangszeremonie an der Schule statt. Und ich höre deutlich mehr Krankenwagen mit Blaulicht in meiner Gegend als üblich (rund zwei Kilometer von meinem Wohnsitz entfernt gibt es eine grosse Uniklinik). Das alles lässt die Lage in meinen Augen zumindest etwas ernster erscheinen als dargestellt.

Osaka und Fukuoka, zwei der Präfekturen, die ebenfalls im Ausnahmezustand sind, wollen übrigens bestimmte Unternehmen aufrufen, bis zum Ende der Goldenen Woche (Anfang Mai) dichtzumachen. Dazu zählen Schulen, Kinos, Nachtclubs, Internet-Cafes und dergleichen. Bei letzteren ist die Situation besonders prekär, denn viele Obdachlose nutzen Internet-Cafes (oder Manga-Cafes) als Wohnstätte, da man dort für wenig Geld übernachten kann. Schätzungen gehen von bis zu 4’000 Obdachlosen aus, die von den Schliessungen betroffen wären. Zudem werden auch Rufe laut, den Personennahverkehr um rund 70% zu reduzieren, um die Neuansteckungen zu stoppen.

In der Zwischenzeit beweist Ministerpräsident Abe, dass er wie immer genial den Finger am Puls der Zeit hat. Auf Twitter veröffentlichte er dieses schnucklige Lied, dass ihn beim Haustierpetting zeigt – zusammen mit der Nachricht, dass es zwar hart ist, allein zu Hause zu sein, aber das man sich bitte an die Auflagen halten soll. Natürlich gab es da viel Häme und Kritik, denn viele Menschen (vor allem in der Tourismusbranche, aber auch im Gastronomiebereich usw.) haben zur Zeit ganz andere Sorgen – sie wissen nicht, wie sie ohne Arbeit in den nächsten Wochen über die Runden kommen sollen).

Verfolgt man die japanischen Nachrichten sowie die japanischen Medien an sich, scheinen sich die Japaner, die Politiker eingeschlossen, an zwei Sachen zu klammern: Zum einen an die BCG-These, die besagt, dass Menschen, die eine BCG-Impfung erhielten, weniger anfällig für COVID-19 sind. Diese Impfung ist in Japan seit Jahrzehnten Pflicht (nahezu jeder Japaner hat deshalb ein Quadrat mit 9 sichtbaren Einstichpunkten auf dem Oberarm). BCG war auch Pflicht in der DDR, in Irland, in Portugal usw..

Zum zweiten scheint man auch auf die Wirkung von Avigan zu vertrauen — einem in Japan entwickelten Medikament mit dem Wirkstoff Favipiravir. Das darf hier zwar nur bei Grippeerkrankungen mit neuartigen Grippevirenstämmen verschrieben werden, aber es soll wohl auch bei COVID-19-Patienten mit schwerem Verlauf zum Einsatz kommen.

So gesehen also nicht spektakulär Neues in Japan. Es dämmert aber allen mehr und mehr, dass sich das Corona-Problem enorm in die Länge ziehen wird, mit allen Konsequenzen.

Lesetipp: Labyrinth Tokio

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Momentan viel zu Hause? Dann ist das doch die richtige Zeit, sich auf Post-Corona vorzubereiten. Mit einem guten Buch zum Beispiel. Und da hätte ich doch auch gleich mal eine Empfehlung: “Labyrinth Tokio“, von Axel Schwab.

Als ich zum ersten Mal in Tokyo weilte, das war 1996, kam ich bei einer japanischen Familie unter, die mitten im Bettenbezirk Nerima-ku lebte. Nerima liegt gerade noch so im Zentrum, also innerhalb der 23 Innenstadtbezirke. Zu sehen gibt es dort… nichts. Aber nach den ersten paar Tagen machte ich das, was ich immer mache, wenn ich mal allein in einer fremden Stadt bin: Ich beginne zu laufen. Einfach so. Sicherlich setze ich mir (meistens) ein Ziel, aber ich lasse mich auf dem Weg dorthin gern treiben. Das geht meistens gut, aber es kann auch an die Nieren gehen. Schliesslich war ich vor Tokyo eine gute Woche in Mumbai, und als ich dort beschloss, mal eben so vom internationalen Flughafen ins Zentrum zu laufen, fand ich mich plötzlich in einem der heftigsten Slums Asien, in Dharavi, wieder.

Nun, eine Wanderung, oder ein Spaziergang, in Tokyo ist wesentlich ungefährlicher beziehungsweise weniger aufrüttelnd. Das Prinzip ist aber das Gleiche. Man kann eine fremde Stadt, eine fremde Kultur, ein fremdes Land nur dann etwas verstehen lernen, wenn man eintaucht. Und das kann man nun mal nicht, indem man sich mit Bahnen, Bussen oder Taxis fortbewegt. Und aus diesem Gedanken heraus scheint “Labyrinth Tokio” entstanden zu sein. Axel Schwab, der rund 5 Jahre selbst in Tokyo gelebt hat und seit rund 25 Jahren nahezu alljährlich zurückkehrt, nimmt den Leser mit auf kleine Touren durch die Hauptstadt. Die Touren haben jeweils ein Motto – “Japanische Volkskunst” zum Beispiel oder “Im Studentenviertel” und “Lebendiges Shitamachi”. In dem bei Conbook erscheinenden Buch (die Veröffentlichung verschiebt sich etwas, bis sich die Lage ein bisschen beruhigt hat) liegt das Verhältnis von Fotos und Texten bei ziemlich genau 1:1, und das macht das Buch für eine breite Leserschaft interessant, denn es eignet sich sowohl als etwas anderer Reiseführer vor Ort als auch als Buch zum Schmökern daheim.

30 Touren werden vorgestellt, und dank der eingefügten und gut gemachten Karten weiss man immer, was sich wo befindet, und die Kilometerangaben zu den Touren fehlen auch nicht. Praktisch ist auch die Wochentagsangabe, denn einige Routen machen an Wochenenden Sinn und werktags weniger, und andersrum. So kann man sich Enttäuschungen sparen. Auch an kulinarischen Tipps wird nicht gespart, damit man unterwegs nicht verhungert.

Ich bin ebenfalls seit 25 Jahren mit Tokyo vertraut und arbeite hier seit nunmehr 15 Jahren. Trotzdem sind auch für mich ein paar Ecken dabei, die ich nicht kenne – das ist allerdings auch nicht weiter verwunderlich, denn mir würden auch sofort mehrere Routen einfallen, die hier nicht aufgeführt sind. Tokio ist eben gross. Oder sagen wir mal “viel”: Ich war bei meiner ersten Wanderung durch Tokio, die mich von Nerima im Westen bis an die Bucht von Tokio führte (insgesamt war ich rund 30 km unterwegs) überrascht, wie klein das Zentrum eigentlich ist – klein, wenn man bedenkt, dass allein im Zentrum rund 9 Millionen Menschen leben.

Natürlich wünscht man sich, dass der eine oder andere Ort etwas ausführlicher abgehandelt wird. Aber das Buch ist so schon gute 180 Seiten stark (und voll in Farbe), und es ist ja auch kein kompletter Reiseführer sondern eine Anregung dafür, wo es sich lohnt, lang zu laufen. In dem Sinne ist der Band ein hervorragender Start, um Tokyo etwas besser kennenzulernen.

Das Buch kann bei Amazon vorbestellt werden und ist sicher später im gut sortierten Buchhandel erhältlich. Der Band kostet 12.95 Euro.

Corona-Update: Der Ausnahmezustand kommt

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3D-Darstellung eines Corona-Virus (Quelle: Wikipedia)

Wie heute bei einer Pressekonferenz bekannt wurde, wird Ministerpräsident Abe am 7. April (also morgen) den Ausnahmezustand ausrufen – zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte Japans. Der Ausnahmezustand soll für die Präfekturen gelten, die die meisten COVID-Fälle aufweisen:

  1. Tokyo
  2. Osaka
  3. Kanagawa
  4. Saitama
  5. Chiba
  6. Hyogo
  7. Fukuoka

Der Ausnahmezustand soll vorerst für einen Monat gelten und den Präfekturen mehr Möglichkeiten geben, aktiv gegen eine weitere Ausbreitung des Virus vorzugehen. Vor allem in Tokyo schossen die Zahlen seit Tagen in die Höhe — mehr als hundert neue, bestätigte Fälle pro Tag waren es allein dort am Sonnabend (117) und Sonntag (143), und bei den meisten neuen Fällen konnte man den Ansteckungsweg nicht nachvollziehen. Heute kamen angeblich lediglich 83 neue Fälle hinzu, aber di Zahlen sind jeden Montag niedriger – wahrscheinlich weil am Wochenende weniger getestet wird. Der Trend ist klar: Die Zahl der Fälle nimmt immer weiter zu.

Der Ausnahmezustand soll bezwecken, dass alles Erdenkliche getan wird, um einen Zusammenbruch des Gesundheitswesens zu vermeiden. Ausserdem soll es den örtlichen Behörden dabei helfen, weitere, verschärfte Massnahmen einzuführen, doch zu einem “Lockdown” soll es angeblich nicht kommen. Was genau kommen wird, ist völlig unklar und möglicherweise von Präfektur zu Präfektur unterschiedlich. Wahrscheinlich wird man damit beginnen, Orte zu schliessen oder zumindest reglementieren, an denen viele Personen zusammenkommen – Restaurants, Bars und Pachinkohallen zum Beispiel. Eine Einschränkung des Nahverkehrs ist auch denkbar, um möglichst viele Menschen davon abzuhalten, hin- und her zu pendeln.

Ziemlich unglücklich war leider die Tatsache, dass heute an vielen Schulen in und um Tokyo Einschulungsfeiern bzw. Veranstaltungen zur Eröffnung des neuen Schuljahres abgehalten wurden. Wir beschlossen dabei, dass unsere Tochter (13) teilnehmen kann, in der Hoffnung, dass die Schule den Umständen entsprechende Maßnahmen ergreift – unser 9-jähriger aber nicht, denn wir kennen ihn: Wenn x verschiedene gefährliche Keime unterwegs sind, wird er genau x+1 davon nach Hause bringen. Wir sind dabei sicherlich nicht die Einzigen, die die Veranstaltung boykottiert haben – das wissen wir aus dem näheren Umfeld.

Ich für meinen Teil habe mir einen Parkplatz in Büronähe organisiert, kostet ja nur schlappe 450 Euro pro Monat, und werde fortan mit dem Auto zur Arbeit pendeln. Das sollte dabei helfen, dass Risiko wenigstens ein bisschen zu mindern.

Übrigens schauen auch in Japan immer mehr Menschen mit etas Neid auf Deutschland: Auf die Geschwindigkeit der verhängten Maßnahmen, die schnelle wirtschaftliche Hilfe, das Gesundheitssystem und eine souveräne Kanzlerin. Alles Dinge, die hier in Japan fehlen. Die angedachten Hilfsmaßnahmen für die Bevölkerung sind halb durchgedacht und noch nicht mal auf dem Weg, die Reaktionen der Politik zu zögerlich und das Gesundheitssystem bereits jetzt am Rand des Zusammenbruchs.

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