Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Haneda: Ein Flughafen, auf Flugzeugen gebaut

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International Airport Haneda

85 Millionen Fluggäste pro Jahr und circa 1’200 Landungen und Abflüge pro Tag – der Internationale Flughafen Haneda hat Narita schon lange den Rang abgelaufen und zählt zu den größten Flughäfen der Welt. Haneda ist zudem sehr beliebt – zum einen, weil der Flughafen sehr zentral liegt, zum anderen, weil er sehr modern ist.

Wie aber die Wochenzeitschrift Shūkan Gendai vor kurzem in einem Artikel darlegte¹, ranken sich durchaus interessante Geschichten um Haneda, zumal die Geschichte des Flughafens selbst viel länger zurückliegt als viele denken. Das erste Flugfeld entstand bereits 1917, also vor über 100 Jahren. Der Name “Haneda” (wörtlich: Federfeld) existierte schon vorher – damals gab es dort einen bekannten Sportplatz. Mittels Neulandgewinnung wurde das Areal schliesslich erweitert. Auch während des Zweiten Weltkrieges wurde Haneda genutzt – hauptsächlich militärisch, versteht sich. Neben zahlreichen regulären Flugzeugen standen hier auch schwere Waffen sowie Prototypen herum. Dazu zählte auch das legendäre, um 1937 von der heutigen Tokyo University entwickelte und aufgrund der roten Tragflächen liebevoll 真紅の翼 (Shinku no tsubasa – “Tiefrote Flügel”) genannte Flugzeug. Der eigentliche Name war furchtbar lang (in etwa: Experimentelles Langstreckenflugzeug) und wurde vorerst zu 航研機 Kōkenki abgekürzt, der Kosename folgte später. 1938 stellte dieses Flugzeug den einzigen japanischen Weltrekord in der Luftfahrtgeschichte auf: Es flog innerhalb von gut 62 Stunden 10’651 Kilometer am Stück, und hätte somit locker einen Nonstopflug nach Deutschland schaffen können. Letztendlich wurde jedoch nur ein Exemplar gebaut.

Im Jahr 1945 war Schluss damit: Japan wurde bis auf Weiteres der Bau und die Entwicklung von Flugzeugen verboten, und alles, was in Haneda an Fluggeräten und Ausrüstung noch herumstand, wurde im 鴨池 Kamoike (wörtlich: Ententeich), einem kleinen See auf dem heutigen Flughafengelände, versenkt. Jahrzehnte später wurde eben jener See zugeschüttet – und heute verläuft eine der Landebahnen von Haneda direkt über jenem Gelände. So gesehen schlummern im Boden von Haneda noch ungeborgene Schätze – ein Flughafen, auf Flugzeugen gebaut. Eine Replika des oben genannten Rekordfliegers kann man heute übrigens in der Präfektur Aomori im Luftfahrtmuseum von Misawa besichtigen.

¹ Siehe hier

Ist AirBnb in Japan sicher? Oder etwa nicht?

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Airbnb in Kyoto (Beispiel)
Airbnb in Kyoto (Beispiel)

In Kommentaren auf meiner Webseite, aber auch in anderen Foren, sehe ich immer wieder die Bemerkung, dass AirBnb in Japan keine Option, da zu unsicher, sei. Um möglicherweise falschen Gerüchten entgegenzutreten, nun also ein Update zur Situation.

Das Gerücht also: “AirBnb in Japan ist unsicher, da der Host möglicherweise urplötzlich storniert, weil er plötzlich keine Gäste mehr aufnehmen darf”. Wie kam es dazu? Nun, Japan erliess zum 15. Juni 2018 neue Gesetze, die vor allem auf 民泊 minpaku im Allgemeinen und auf Airbnb im Speziellen abzielen sollten – das ganze hatte ich ausführlich in diesem Artikel beschrieben. Durch das neue Gesetz wurden diverse Hürden geschaffen, die von den Hosts erstmal gemeistert werden mussten. Viele Hosts mussten deshalb diverse bauliche Massnahmen, zum Beispiel für den Brandschutz, ergreifen und sich des Weiteren mit der Bürokratie herumschlagen. Da die Frist relativ kurz war, haben es viele nicht rechtzeitig geschafft, und wer es nicht rechtzeitig schaffte, wurde kurzerhand von der Plattform rausgeworfen (nicht wirklich – die Angebote wurden lediglich abgeschaltet, bis die erforderlichen Genehmigungen vorlagen). Das Angebot schrumpfte quasi über Nacht von über 52’000 auf gerade mal 12’800, und da sich AirBnb keinen Uber-ähnlichen Ärger einhandeln wollte, kam es durchaus auch zu Zwangsstornierungen. Wer also nach Inkrafttreten des Gesetzes in einer Unterkunft übernachten wollte, die er vor dem Stichtag gebucht hatte, sah der Sache etwas unsicher entgegen.

Im Februar 2019 wurde nun bekanntgegeben, dass die Zahl der angebotenen Übernachtungsmöglichkeiten auf Airbnb bei rund 42’000 liegt¹ – Tendenz stark steigend. Das liegt zu einen daran, dass viele Anbieter, die beim grossen Kahlschlag deaktiviert wurden, wieder zurückkamen, zum anderen aber auch daran, dass auch gewöhnliche Ryokan und Hotels auf das Portal drängen. Letzteres wird sicherlich zunehmen, denn die Hoteliers erkennen natürlich, dass man Airbnb & Co. ernst nehmen muss, und man honoriert auch die im vergangenen Jahr geschaffene Rechtssicherheit. Hinzu kommen auch noch grosse Sportereignisse wie die Rugby-WM in diesem Jahr sowie die Olympischen Spiele im nächsten Jahr sowie die Tatsache, dass die Zahl der ausländischen Touristen in Japan stetig wächst.

In diesem Sinne bleibt festzustellen, dass Airbnb in Japan so sicher ist, wie es das Airbnb-Prinzip zulässt. Es ist auf jeden Fall sicherer als vor dem Inkrafttreten des Gesetzes. Gerade für kleine Gruppen, aber auch für Familien ist das Portal deshalb eine interessante Alternative, zumal man so auch in den Genuss kommen kann, in einem traditionellen japanischen Haus irgendwo in der Pampa übernachten zu können, anstatt sich mit winzigen Zimmern in dubiosen Businesshotels herumzuschlagen.

¹ Siehe unter anderem hier.

Kaiser Akihito zieht Bilanz

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Am vergangenen Sonntag gab es im Kaiserpalast in Tokyo einen grossen Empfang mit rund 1’100 geladenen Gästen. Anlass war das 30-jährige Jubiläum der Thronbesteigung des Kaisers Akihito. Und es wird der letzte Jahrestag sein, denn der Kaiser dankt am 30. April diesen Jahres aus eigenem Willen ab (siehe unter anderem hier und hier). Freundlicherweise hat der von mir sehr geschätzte Professor Reinhard Zöllner seine eigene deutsche Übersetzung der Jubiläumsrede hier ins Netz gestellt.

Ein Grundthema während seiner Regentschaft war das Wort “Frieden”, und dieses Wort tauchte auch bei der letzten Rede mehrfach auf. In zahllosen Auftritten in den vergangenen Jahrzehnten liess der Tennō unermüdlich erkennen, dass er sich der historischen Verantwortung seiner Rolle beziehungsweise seines Titels vollends bewusst ist – schließlich geschahen alle Dinge während des Zweiten Weltkrieges “im Namen des Tennō”, also im Namen von Kaiser Akihito’s Vater. Deshalb beschrieb er die letzten dreissig Jahre als eine “endlose Suche nach seiner eigenen Rolle” in der jetzigen Zeit. Er hob dabei besonders vor, dass seine Regentschaft die erste kriegsfreie Zeit in der jüngeren Geschichte Japans war, ohne dabei zu vergessen, dass es durchaus genügend andere Probleme wie zum Beispiel den Klimawandel gibt.

Nun ist es noch etwas zu früh für einen Nachruf, aber so viel steht fest: Trotz der Tatsache, dass das Leben des Kaisers bis ins kleinste Detail reglementiert ist, und obwohl politische Gruppen (in der Regel natürlich die vom rechten Rand) es immer wieder versuchten, den Kaiser für die eigenen politischen Ziele zu instrumentalisieren, hat es der Tennō dennoch geschafft, der Heisei-Zeit seinen eigenen, friedvollen Stempel aufzudrücken. Er trat immer als demütiger Diener des Volkes auf, reiste unermüdlich umher, und hörte den Menschen zu, ohne anmassend oder arrogant zu erscheinen. Wo man auch hinfährt in Japan – vielerorts sieht man Fotos vom kaiserlichen Ehepaar, wie es hier eine gemeinnützige Einrichtung oder dort von Katastrophen betroffene Japaner besuchte und mit den Menschen redete. So gesehen hatte Japan in den letzten drei Jahrzehnten mit Kaiser Akihito einen würdigen Vertreter gefunden, und ich hoffe, dass sein Sohn der gleichen Fährte folgt. Aus obigen Gründen ist es natürlich schade, dass der Kaiser abdankt, aber die Ruhe hat er sich verdient – schliesslich ist er bereits 85 Jahre alt.

Verblüffende Ehrlichkeit, oder: Was tut man nicht alles für die Erziehung

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Natur- und Technikmusuem in Tokyo
Natur- und Technikmusuem in Tokyo

Gestern entschieden wir uns für einen Ausflug zum 科学技術館 kagaku gijutsukan – dem “Wissenschafts- und Technikmuseum”, auf Englisch kurz Science Museum, welches sich in einem nördlichen Teilbereich des Kaiserpalastes, in unmittelbarer Umgebung des Budokan, befindet. Das Museum ist vom Aufbau eher altbacken, aber ein paar interessante Exponate gibt es, und die Kinder können allerhand herumexperimentieren. Zudem liegt es mehr als günstig – mitten im Zentrum, direkt neben einer Autobahnausfahrt und unweit der U-Bahn.

Da die Museumskantine nicht viel hergab, entschieden wir uns für einen Bummel nach 神保町 Jimbochō, denn dort gibt es nicht nur unglaublich viele Antiquariate, sondern auch viele gute Restaurants. Das ganze dauerte letztendlich weit über eine Stunde, und da die lieben Kleinen der großen Portionen beim Chinesen – seltenerweise – nicht vollständig Herr werden konnten, liessen wir uns den Rest einpacken. Zurück beim Museum entschied ich mich nun, die Reste im Auto zu verstauen – sonst wüsste das halbe Museum in kürzester Zeit, was sich in der Tüte verbarg. Nun stand neben meinem Auto ein circa 40-jähriger Vater nebst schätzungsweise 10 Jahre alter Tochter, und der Vater schaute irgendwie sehr betreten aus. Ausserdem schien er zu stottern — zumindest klang es so, als er mich plötzlich ansprach (übrigens: ich habe in Japan noch nie jemanden stottern gehört!). Ihm sei da ein Missgeschick passiert, und er werde natürlich dafür aufkommen, und ob ich meine Adresse hinterlassen könnte, und ob wir das vielleicht so oder so regeln könnten, sprudelte es aus ihm heraus. Okay, ganz ruhig jetzt! Was sei denn nun passiert, wollte ich von ihm wissen. Nun, beim Tür aufmachen sei die Tür gegen mein Auto gestossen und habe eine Schramme hinterlassen. Und er zeigte mir die “schlimme Stelle”. In der Tat. An der Hintertür gab es eine rund 5 Millimeter grosse, runde Abschürfung. Die betraf scheinbar nur die oberste Lackschicht, und man musste schon etwas genauer hinschauen – mir wäre das jedenfalls sicher nicht sofort aufgefallen.

Nun ja, das Auto ist bereits 8 Jahre alt, und hier und da sieht man bereits ein paar Gebrauchtspuren. Das lässt sich leider nicht ganz vermeiden. Wegen dieser kleinen Schramme nun extra zu einer Werkstatt zu fahren, den Schaden taxieren zu lassen und dann den Preis zu verhandeln erschien mir sofort zu “面倒臭い” mendōkusai (ein schönes Wort, übrigens! “mendō” bedeutet “Aufwand”, “-kusai” bedeutet “nach etwas stinken”), weshalb ich nun abwiegelte und sagte, dass das schon okay sei, das Auto sei schliesslich schon etwas älter und so gross sei der Schaden ja nun doch nicht. Der Vater schaute etwas ungläubig und sagte noch mal, dass er das schon regeln kann, aber ich winkte ab. Nun befahl der Vater seiner Tocher, die wie ein begossener Pudel die ganze Zeit neben uns stand “謝れ! ayamare!” – “Entschuldige Dich!”, was sie auch tat. Mit kleiner Stimme und ganz blass. Ganz sicher, sie hatte bereits ihr Fett abbekommen. Ich sagte ihr noch, dass ich auch Kinder in ihrem Alter habe und verstehe, dass so etwas passieren kann, aber sie war noch zu betreten, um mir zuzuhören. Und damit war die Sache für mich erledigt.

Im Nachhinein fragte ich mich, ob der Vater das auch getan hätte, wenn sein Kind nicht dabei gewesen wäre. Hätte ich das gleiche getan, wenn meine Kinder das gemacht hätten? Mit Sicherheit, allein schon, damit sie lernen, was für Konsequenzen Unvorsichtigkeit hat. Hätte ich auf den Besitzer des Autos gewartet, wenn ich allein gewesen wäre? Hmmm… natürlich müsste ich sofort “Sicher, sicher!” sagen. Aber wer weiss das schon so genau…

Ausnahmeschwimmerin Ikee mit Leukämie diagnostiziert

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Rikako Ikee ist zweifellos ein Ausnahmetalent: Die jetzt 18-jährige erschwamm bei den Asienspielen in Indonesien im letzten Jahr 8 Medaillen, sechs davon waren Gold (und zudem in Rekordzeit). Das sympathische Talent schaffte es damit in alle Schlagzeilen, und zu recht wurde sie zu einer der größten Medaillenhoffnungen für die 2020 stattfindenden olympischen Spiele in Tokyo. Ikee (gelesen Ikëe) wurde 2000 in Tokyo geboren und aufgrund ihrer Leistungen bereits mit 14 Jahren in die Schwimmnationalmannschaft aufgenommen. Mit 16 Jahren vertrat sie so auch ihr Land bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro, wo sie es bis ins Finale schaffte.


Rikako Ikees Tweet, in dem sie die Erkrankung bekanntgab

Bei einem Trainingslager in der vergangenen Woche in Australien wirkte sie jedoch sehr abgeschlagen, so dass man sie zum Arzt und letztendlich zu weiteren Untersuchungen nach Hause schickte. Die niederschmetternde Diagnose: 白血病 hakketsubyō – Leukämie. Diese auch Blutkrebs genannte Krankheit ist zwar heilbar, und ihre Ärzte deuteten bereits an, dass sich die Krankheit wohl noch in einem sehr frühen Stadium befindet, doch die Qualifikation wird sie aller Voraussicht nach verpassen und somit nicht an den Spielen im eigenen Land teilnehmen können.

Der für die Olympischen Spiele zuständige Minister Sakurada kommentierte die obige Meldung mit den Worten dass er “schwer enttäuscht” (“gakkari”) sei – ein Wort, das hier unpassender nicht sein könnte, da es suggeriert, dass die Schwimmerin selbst an der Krankheit schuld sei. Aber was soll man auch schon von einem Minister erwarten, der nicht einmal seine eigenen Resorts richtig aussprechen kann (siehe hier: Geballte Inkompetenz hat einen Namen). Oppositionsparteien forderten umgehend seinen Rücktritt, Sakurada entschuldigte sich und Abe lehnt das Rücktrittsersuchen ab. Das gleiche Spiel wie immer.

Um dem ganzen jedoch wenigstens etwas positives abzugewinnen: Das Schicksal von Ikee geht so vielen Japanern ans Herz, dass es wohl einen plötzlichen Andrang bei den Knochenmarkspendenzentren gibt, was Japan womöglich dabei helfen kann, eine brauchbare Spenderdatenbank aufzubauen. Ansonsten kann man sich nur Thomas Bach, dem IOC-Präsidenten, anschliessen, der Ikee in erster Linie eine schnelle Heilung wünscht.

Riemenfischsichtungen: Steht ein grosses Erdbeben bevor?

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Rvalette [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], von Wikimedia Commons
Rvalette [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], von Wikimedia Commons

Seit langer Zeit schon gibt es eine besondere Fischart, die in Japan Erdbebenängste schürt: Es geht um den sogenannten Riemenfisch, einem bis zu 8 Meter langem und bis über 250 Kilogramm schwerem Fisch, der aus gutem Grund so genannt wird, wie man in im Deutschen nennt. Der Riemenfisch ist fast auf der ganzen Welt (die Tropen liegen ihm nicht so) zu Hause und meist im Mesopelagial, also in einer Tiefe von 200 Meter bis 1,000 Meter und darunter, anzutreffen. Nahe der Wasseroberfläche oder gar am Ufer findet man die längsten Knochenfische der Erde eigentlich nicht, doch hin und wieder wird ein Exemplar gesichtet. In diesem Jahr wurden in Japan bereits über 12 Sichtungen gemeldet – sechs davon allein in der Präfektur Toyama¹, und das sorgt für Unruhe und einen Haufen interessanter Suchanfragen – zum Beispiel danach, ob und wenn ja wie viele Riemenfische vor dem schweren Ostjapan-Erdbeben am 11. März 2011 in Tohoku gesichtet wurden und so weiter. Ein Zusammenhang ist dabei durchaus denkbar. Andere Tiere können schließlich auch Erdbeben spüren, bevor der Mensch etwas davon merkt, und vielleicht sind die Fische ja wirklich aufgrund vermehrter tektonischer Vorgänge am Meeresboden auf der Flucht oder schlichtweg orientierungslos. Dementsprechend gab es auch schon Studien über mögliche Zusammenhänge von Riemenfischsichtungen bzw. -strandungen und Erdbeben, aber es wurde kein nennenswerter Zusammenhang gefunden.

Der Fisch hat übrigens einen sehr poetischen Namen im Japanischen: 竜宮の使い リュウグウノツカイ Ryūgū-no-tsukai – der “Botschafter des Drachenpalastes”. Der Drachenpalast gilt als Sitz des Meeresgottes. Riemenfische sind nicht immer in und um Japan zu finden – sie wandern und tauchen nur zu gewissen Zeiten in dieser Gegend auf. Natürlich kann man nur hoffen, dass die Verbindung dieser Tiere zu Erdbebenereignissen ins Reich der Legenden gehört – es hat in diesem Jahrzehnt bereits genug gebebt. Am meisten Sorge hat man in Japan übrigens – seit langer Zeit – weniger vor einem Erdbeben mit einem Epizentrum direkt unter der Hauptstadt Tokyo, sondern vor dem sogenannten 南海トラフ地震 Nankai-torafu-jishin (Südseegraben-Beben). Das gab es in der Vergangenheit auch schon, und es hat das Potential, mehr als die Hälfte der japanischen Ostküste, von Shizuoka bis Miyazaki, zu verwüsten.

¹ Siehe unter anderem hier.

Ramen-Jäger: Die Nudelsuppendatenbank kommt!

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Früher verachtete ich Nudeln, die irgendwie in irgendwelchen Suppen schwammen. Vielleicht weil ich Buchstabennudelsuppen hasste. Vielleicht auch, weil ich bei meinem Aufenthalt in einer russischen Familie in Moskau eine gute Woche lang tagtäglich Nudelsuppe mit Hühnerfleisch ass. Immer die gleiche, wohlgemerkt – der Riesentopf wurde jeden Abend erneut auf den Herd gestellt (nach drei oder vier Tagen hatten sich dann auch entsprechend die Hühnerreste komplett mit den matschigen Nudeln vermählt). Aber irgendwann stiess ich, vor über 20 Jahren, in Japan zum ersten Mal auf “Ramen”, die “gezogenen Nudeln”. Zu der Zeit waren sie eigentlich noch gar nicht das grosse Ding – es war definitiv ein “Volksessen”, schnell und ein bisschen schmutzig. Und viele Ramenbuden haben sich in den 20 Jahren auch nicht gross verändert – selbst die Tapeten und Dunstabzugshauben sind die gleichen… doch jetzt gibt es immer mehr Köche, die ihre eigene Interpretation der Suppen unters Volk bringen, und da gibt es sehr viel zu entdecken.

Ich bin mir sicher, schon weit über 100 verschiedene Ramenbuden besucht zu haben. Manchmal habe ich auch Fotos gemacht, und manchmal ärgert es mich, dass ich mir keine Notizen gemacht habe, denn es gibt ein paar Variationen, die sehr gut waren, aber ich weiss einfach nicht mehr, wo das war. Zeit also, etwas Ordnung in die Sache zu bringen. Eine eigene Seite über das Gericht, nebst Rezeptn, habe ich ja schon vor einer ganzen Weile fertiggestellt – siehe hier. Nun werde ich also beginnen, diverse empfehlenswerte Ramengeschäfte vorzustellen, und den Anfang macht Mutahiro Honten – ein würdiger Beginn, denn die Ramen und Tsukemen dort waren schlichtweg umwerfend. Naturgemäss werden die meisten hier vorgestellten Geschäfte in oder um Tokyo angesiedelt sein, aber ein paar Läden in der Provinz werden auch hinzukommen. Beim Verkosten habe ich dabei meistens einen großen Vorteil: Da der Rest der Familie auch Ramen liebt und jeder meistens etwas anderes bestellt, kann ich gleich immer ein paar verschiedene Sachen probieren.

Falls jemand einen guten Ramenladen kennt, der unbedingt vorgestellt werden sollte – immer her damit!

Die sinnlose Vergeudung eines jungen Lebens

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Kindesmissbrauch gibt es überall — das ist nun mal leider so. Nur eine Gesellschaft als Ganzes kann dafür sorgen, dass solche Fälle schnell entdeckt werden, um das Kind schnellstmöglich aus der Gefahrenlage zu bringen. Das hat man natürlich auch in Japan erkannt, so dass es zahlreiche Instrumente gibt, um Kindesmissbrauch zu entdecken und zu beenden. Doch der Fall der 10-jährigen Mia, ein Mädchen aus der kleinen Stadt Noda in der Präfektur Chiba, veranschaulichte leider auf sehr tragische Art und Weise, dass die besten Maßnahmen nichts nützen, wenn nicht jemand vor Ort ist, der den ganzen Ernst der Lage begreift.

Mia verstarb in der vergangenen Woche aufgrund verschiedener Verletzungen, und kurze Zeit später wurde ihr 41-jähriger, leiblicher Vater verhaftet – er stand unter Verdacht des Kindesmissbrauchs mit Todesfolge. Nach und nach kommt nun also die Vorgeschichte ans Licht. So wurde bekannt, dass die vorherige Schule des Mädchens im vergangenen Jahr Fragebögen an alle Kinder verteilte, mit dem Verweis, dass diese Fragebögen streng geheim sind. Die Viertklässler sollten auf dem Fragebogen ausfüllen, ob es zum Beispiel häusliche Gewalt gibt, ob nun gegen die Kinder selbst oder zwischen den Eltern. Einige Fragen sind subtil, die meisten sind jedoch sehr direkt. Die Kinder sollen so sensibilisiert werden, um Fälle von häuslicher Gewalt und Kindesmissbrauch frühzeitig zu entdecken, denn Kindermund tut bekanntlich Wahrheit kund. Die Idee als solche ist auch nicht schlecht – auch meine Kinder haben ähnliche Fragebögen ausgefüllt. Ein etwas mulmiges Gefühl hat man allerdings als Elternteil schon, denn das ganze geschieht natürlich hinter dem Rücken der Eltern, mit dem Grundton, dass die Kindern in dieser Hinsicht ihren Eltern nicht trauen sollten. Wenn es jedoch hilft, Missbrauchsfälle aufzudecken und/oder zu vermeiden, kann man das als probates Mittel durchgehen lassen.

Die kleine Mia hatte in dem Fragebogen kein Blatt vor dem Mund genommen. Sie schrieb, dass ihr Vater sie oft aus dem Schlaf riss, trat, würgte, prügelte — und vermerkte noch “Sensei, gibt es denn nichts, was man da tun kann?”. Der Lehrer war alarmiert, wie es sein sollte, und benachrichtigte die zuständige Behörde. Die reagierte und sorgte dafür, dass Mia in eine Einrichtung gebracht wurde – allerdings nur von November bis Ende Dezember. Der Vater war darüber erbost, erschien bei der Behörde und beklagte, ob die Menschen dort begreifen würden, wie es sei, wenn ein Familienmitglied entrissen wird. Er forderte, den Fragebogen einsehen zu dürfen. Und hier wurde der Fall brisant: Man erklärte ihm, dass dies nur geschehen könne, wenn Mutter und Kind schriftlich ihr Einverständnis geben würden. Und in der Tat tauchte der Vater mit den Dokumenten auf – und bekam Einsicht in genau den Fragebogen, den die Schule versprach, geheim zu halten. Auf die Idee, dass Mutter und Kind das Formular unter Druck des Vaters unterschrieben haben könnten, kam wohl niemand.

Und so nahmen die Geschehnisse ihren Lauf. Der Vater liess das Kind an eine andere Schule versetzen. Dort gab es erneut einen Fragebogen, und in dem äußerte sich Mia nicht mehr. Nun ist sie tot – als Ergebnis der Gewalt ihres Vaters. Nicht überraschend kam jetzt ans Licht, dass auch seine 31-jährige Frau regelmässiger Gewalt ausgesetzt war, doch heute wurde bekannt, dass auch sie angeklagt werden soll – wegen Beihilfe. Und so sehr sie auch selbst Opfer ist: Sie musste gewusst haben, welchen Torturen ihre Tochter ausgesetzt war, und sie hätte vorher die Reißleine ziehen und fliehen müssen. Das ist sicher leichter gesagt als getan, aber eine Mitschuld wird schwer abzustreiten sein. In einer ersten Vernehmung des Vaters zeigte jener übrigens keinerlei Reue – es wären alles erzieherische Maßnahmen gewesen. Eine Obduktion des Kindes ergab zahlreiche Blutergüsse, darunter ein großer Bluterguss in der Bauchgegend. Die Mutter gab an, dass der Vater das Kind manchmal auch nachts aussperrte, und dass sie versucht hätte, ihn zu bremsen, doch er hätte einfach nicht auf sie gehört.

Ein furchtbar tragischer Fall, vor allem, wenn man bedenkt, dass die Instrumente zur Vermeidung eines solchen Falls eigentlich vorhanden waren. Der Hilfeschrei des kleinen Mädchens hätte lauter nicht sein können. Und dennoch geschah, was geschah. Was bleibt, ist die Wut auf den Vater, aber auch die Wut auf die Behörden, die offensichtlich nicht begriffen, was geschehen würde, wenn der missbrauchende Vater den Fragebogen in die Hände bekommt.

Quellen: Siehe unter anderem hier (Englisch) und hier (Japanisch).

Längste Phase wirtschaftlichen Wachstums seit Kriegsende erreicht… sagen die Statistiker

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Entwicklung des Durchschnittseinkommens in Japan. Quelle: OECD/Regierung

Nun ist es also amtlich: Die japanische Wirtschaft ist 74 Monate lang kontinuierlich gewachsen – von Dezember 2012 bis ins Jahr 2018 hinein. Das ist, so betonen es die Politiker der Regierungspartei, länger als jede andere Wachstumsphase seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Länger noch als der bisherige Rekordhalter, die “Izanami-Boom-Phase” von 2002 bis 2008. Das sind doch mal erfreuliche Nachrichten, und es gibt in der Tat ein paar Anzeichen (wie bereits hier vor einem guten Monat beschrieben). Gefühlt läuft es in der Tat besser als zum Beispiel in den Jahren nach der Izanami-Phase, die ja abrupt vom Lehman-Schock unterbrochen wurden. Im Jahr 2009 allein sank das reale Bruttosozialprodukt um über 5%. Doch das Hochjubeln der jetzigen Phase ist nicht viel mehr als ein Statistikertrick. Denn das Wachstum in dieser Zeit lag von Jahr zu Jahr im Schnitt bei rund 1,2%, was man euphemistisch als “moderates” Wachstum bezeichnen würde. In anderen Wachstumsphasen war das Wachstum wesentlich höher, aber es gab dann auch mal einen schwachen Monat dazwischen, so dass man sich das schwache Wachstum momentan auf diese Art und Weise hochrechnen kann.

Merkt man das anhaltende Wirtschaftswachstum persönlich? Nun, mit heranwachsenden Kindern schon mal gar nicht, denn je älter die Kinder werden, desto teurer wird die Erziehung, und da muss man die Kinder noch nicht mal auf Privatschulen schicken – es kostet auch ohne Privatschulen schon viel Geld. Das Problem mit dem Wachstum ist jedoch, dass es bei den Menschen nicht ankommt. Die Regierung brüstet sich zur Zeit auch mit der guten Beschäftigungslage – es herrscht quasi Vollbeschäftigung, und an allen Ecken und Enden fehlen Arbeitskräfte. So weit, so gut. Schaut man sich allerdings die Entwicklung der Durchschnittseinkommen an, so sieht man schnell, wie der Hase läuft. Während das Durchschnittseinkommen im Jahr 2008 bei über 4,6 Millionen Yen lag (also bei knapp 40,000 Euro), so waren es 2016 nur etwas über 4,4 Millionen Yen. Das hat zwei Gründe: Einerseits wird bei vielen Firmen ein guter Teil des Gehalts als Boni bezahlt. Hat die Firma also Probleme, sinkt der Bonus und damit das Einkommen. Ein weiterer, wesentlich wichtigerer Grund ist jedoch, dass sich der Niedriglohnsektor (genau wie in Deutschland) immer weiter ausbreitet. Doch damit nicht genug: Nicht nur sinkt das Durchschnittsgehalt, sondern auch das verfügbare Einkommen sinkt, und zwar schneller als das Gehalt – und das wird 2019 nicht besser, wenn die Mehrwertsteuer von 8 auf 10% erhöht wird. So gesehen ist der momentan von der Regierung so gepriesene endlos lange Aufschwung etwas, was bei den Menschen nicht ankommt. Wer das ganze optimistisch sehen möchte, kann sich da nur an zwei Dingen festhalten: 1) Ist es momentan besser als kurz nach dem Lehman-Schock, und 2) Ist es eigentlich erstaunlich, dass überhaupt noch etwas wächst, denn seit 2015 ist das Bevölkerungswachstum negativ, einhergehend mit einer rapiden Überalterung der Gesellschaft. Es arbeiten also weniger Menschen als noch vor 10 Jahren zum Beispiel, und dennoch wächst die Wirtschaft. Da läge es doch auf der Hand, diesen immer weniger werdenden Menschen auch ein anständiges Gehalt zu zahlen.

Die üblichen Verbrechen: Atariya und Konbini-Betrüger

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Den heutigen Nachrichten zufolge wurde heute ein 47-jähriger Mann in Toyota, Präfektur Aichi, festgenommen¹. Der Vorwurf: Wiederholter Betrug. Der Mann ist als sogenannter 当たり屋 atari-ya unterwegs, und das geht so: Die Leute fingieren Unfälle, machen ein Riesenaufsehen und bieten dann an, das ganze mit der Zahlung eines Geldbetrages unkompliziert und ohne Polizei zu regeln. Die Unfälle können als Fußgänger, Radfahrer oder mit dem Auto inszeniert werden. Beliebte Masche zum Beispiel: Sich blitzschnell mit dem Auto oder Fahrrad hinter einem Wagen positionieren, der gerade im Rückwärtsgang aus dem Parkplatz vor einem Convenience Store ausparken möchte. In dem Fall wird es besonders kompliziert, da ja der Atariya verkehrsrechtlich gesehen durchaus im Recht ist. Und die Masche kann auch sehr perfide sein: Ein guter Bekannter “erwischte” so einen Atariya beim Ausparken einmal. Der schaltete die Polizei ein, die dann feststellte, dass der Sachschaden quasi bei Null liegt: Doch der Atariya war gar nicht auf die Reparaturkosten aus. Er ging zu einem Physiotherapeuten, beklagte dort ein Schleudertrauma und liess sich dieses innerhalb von 20 Sitzungen wegmassieren. Die gut 1 Million Yen (rund 8’000 Euro) stellte er dann, das ist rechtens, meinem Bekannten in Rechnung – der dann dafür aufkommen musste. Beim Unfall stand der Atariya, und mein Bekannter fuhr im Schritttempo, wohlgemerkt. Später stellte sich heraus, dass der Atariya mit dem Physiotherapeuten unter einer Decke steckte – die Sitzungen waren so weder nötig noch fanden sie wirklich statt. Das Geld teilte man sich einfach brüderlich. Das kam nach ein paar Jahren ans Licht, aber die eine Million Yen war weg.

Eine andere Meldung² über eine Festnahme vor ein paar Tagen liess mich jedoch viel mehr aufhorchen: In der Präfektur Fukuoka wurde ein 61-jähriger festgenommen, der folgendes Verbrechen beging: In einem Convenience Store bestellte er einen Kaffee für 100 Yen (0,80 Euro). In den meisten Läden bekommt man dann einen leeren Becher (und zwar den für den 100-Yen-Kaffee) und bediente sich dann, wie es nun mal ist, selbst am Kaffeeautomaten. Der Mann drückte jedoch am besagten Automaten nicht den Knopf (und derer gibt es viele an den Automaten!) für den 100-Yen-Kaffee, sondern den für den 150-Yen teuren Cafe Latte. Je nach Convenience Store ist der Becher etwas größer, oder er hat eine andere Farbe (so war es in diesem Fall). Der Ladenbesitzer schob in dieser Zeit in Privatkleidung Streife und sprach den Mann an. Der sagte erst, dass er sich geirrt habe, gab dann aber nach einer Weile zu, dass schon öfter und absichtlich getan zu haben (was dem Ladenbesitzer vorher aufgefallen sein muss). Und schon wurde die Polizei gerufen und der Mann wegen Diebstahls verhaftet. Nun versucht die Polizei (wahrscheinlich in unablässigen Verhören und mit allerlei raffinierten, psychologischen Tricks) herauszufinden, wie oft der Schwerstkriminelle dieses widerwärtige, höchstabscheuliche Verbrechen begangen hat, damit man entsprechend das Strafmaß (das dann bestimmt irgendwo zwischen 10 Jahre Hundehaufen-Einsammeln und Galgen liegen wird) bestimmen kann.

Ich hoffe, dass die Polizei dann bis zur Rugby-WM und bis zu den Olympischen Spielen die definitiv notwendigen, gigantischen Internierungslager mit angeschlossenen Standgerichten fertiggestellt hat, um die tausenden von ahnungslosen, aber schwer kriminellen Ausländer wegzustecken, die aus Versehen den falschen Knopf am Kaffeeautomaten gedrückt haben und dann versuchten, sich mit abstrusen Ausreden wie “Ich konnte das Japanisch über den tausenden Knöpfen nicht lesen! Ganz ehrlich!” aus der Affäre zu winden. Was Recht ist muss Recht bleiben!


¹ Siehe hier
² Siehe hier

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