Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Das stille Bröckeln der japanischen Arbeitsfront

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Gendai Business, eine Wirtschaftsnachrichtenseite des Kodansha-Verlages, hat heute eine interessante Kolumne zum Thema „Mai-Krankheit“ veröffentlicht¹. Die Kolumnistin spricht die Problematik junger Menschen an, die nach der Goldenen Woche (eine Kette von Feiertagen Anfang Mai) ihre gerade erst begonnene Arbeit (die meisten Schulabgänger/Uniabsolventen treten ihre erste Stelle am 1. April an) so mir nichts dir nichts einfach hinschmeißen. Das ist quasi eine extreme Manifestation der sogenannten 五月病 gogatsu-byō – Mai-Krankheit. Zur Erklärung: Bekanntermassen nehmen die meisten Japaner nur sehr wenig Urlaub (obwohl der gesetzlich zusteht), doch während der 4 Feiertage Ende April/Anfang Mai (siehe Feiertage in Japan) machen viele japanische Firmen, Dienstleister wie Einzelhandel, Transportwesen usw. ausgenommen, wirklich dicht, so dass die meisten frei haben, nach Hause oder woanders hin fahren – und danach nur ungern zum stressigen Alltag zurückkehren. Wer Glück hat, hat frühestens im August während der O-bon-Zeit ein paar Tage frei, wer Pech hat, erst wieder zum Jahresende. Dass erklärt leicht die mangelnde Motivation nach dem kurzen Urlaub.

Die Kolumnistin spricht dabei ein interessantes Phänomen an – das 自分はスペシャル jibun-wa-special („Ich bin was ganz Besonderes“)-Syndrom bei jungen Frauen. Vor allem in grösseren Firmen ist das 上下 jōge (wörtlich: Oben-unten, Hierarchie) sehr wichtig, und immer mehr junge Japanerinnen haben ein Problem damit, ganz unten in der Hierarchie zu beginnen. Das Phänomen kennt man aus der westlichen Welt, in der Chantal-Maria und Kevin-Johannes von Kindesbeinen an eingeredet wird, dass sie etwas ganz, ganz Besonderes seien, doch dieser Erziehungsentwurf ist auch längst in Japan angekommen – vor allem bei der Erziehung von Mädchen, wie es scheint. Jungs hingegen wird eingeredet, dass sie die 大黒柱 daikokubashira (wörtlich: „Große, schwarze Säule“ – sinngemäss: Stützpfeiler) der Familie sein müssen. Soll heissen, sie haben sich ganz der Arbeit zu widmen, dürfen sich dafür aber auch wie Paschas aufführen. Salopp gesagt.

Leider quantifiziert der Artikel nicht – es ist unbekannt, wie viele Neuanfänger wirklich die Arbeit hinwerfen, und vor allem, wie sich die Lage in den letzten Jahren diesbezüglich geändert hat. Allerdings kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, dass nicht wenige frischgebackene Angestellte ein Riesenproblem mit der Diskrepanz zwischen dem, was ihnen die elterliche Bildung und die Gesellschaft einflüstert, und dem, was die Arbeitswelt dann tatsächlich bietet, haben – und dementsprechend die Flinte ins Korn werfen. Das kann man unterschiedlich interpretieren. Als Optimist könnte man meinen, es sei doch gut, wenn sich die Leute nicht mehr alles gefallen lassen würden. Das ist sicherlich richtig. Als Pessimist (oder auch als jemand, der eben solche Leute einstellt), könnte man jedoch genauso gut anmerken, dass vor allem diese, ich nenne es mal „Prinzessinnenattitüde, Einstellung weder die Firma noch das Individuum weiterbringt. Klar ist jeder Mensch etwas Besonderes, und das sollte man seinen Kindern auch beibringen. Den Kindern jedoch beizubringen, dass sie nicht nur etwas Besonderes, sondern gar etwas Besseres seien, führt zu nichts, und das bekommt man auch auf dem japanischen Arbeitsmarkt zu spüren – einem Arbeitsmarkt, der bereits jetzt aufgrund der rapiden Überalterung der Gesellschaft eigentlich auf jede neue Arbeitskraft angewiesen ist. Gute Firmen mit ordentlichen Personalabteilungen und fähigen Managern können sich darauf vielleicht noch irgendwie einstellen, aber ein ständiges Kommen und Gehen der Angestellten können sich die meisten Unternehmen eigentlich nicht leisten. Immerhin besteht da noch etwas Hoffnung, dass die optimistische Sichtweise zu realen Veränderungen in japanischen Unternehmen führt – sprich weniger Hierarchiedenken, menschlichere Arbeitszeiten, Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau und so weiter und so fort.

¹ Siehe hier.

Wird das japanische Datum abgeschafft?

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Am 1. Mai 2019 wird der neue japanische Kaiser seinen Thron einnehmen – einen Tag, nachdem der jetzige Kaiser, nach 31 Jahren Regentschaft, abgedankt hat. Nicht ganz unerwartet werden aus gegebenem Anlass die Stimmen lauter, das System der japanischen Zeitrechnung zu überdenken. Jenes nennt sich 年号 nengō (wörtlich: „Jahresnummer“) beziehungsweise oftmals auch 元号 gengō und muss laut dem 元号法制定 gengō-hō genannten Gesetz in offiziellen Dokumenten verwendet werden. Das betrifft Formulare, aber auch Bekanntmachungen von Ministerien, Behörden und dergleichen. Allerdings gibt es bereits erste Gemeinden in Japan, die das Gesetz umgehen und nicht mehr auf die japanische Zeitrechnung bestehen, sondern auch die westliche Schreibweise (西暦 seireki genannt) zulassen¹.

Nun kann man die japanische Zeitrechnung wahlweise als Kuriosum oder als Tradition abtun, aber das System treibt mitunter seltsame Blüten. So benutzt JP, die japanische Post — vor der Privatisierung vor rund 10 Jahren ein Staatsunternehmen — selbst im Internetbanking das japanische System. Der Zeitstempel für am heutigen Tag getätigte Transaktionen sieht deshalb so aus: „30-05-01“, wobei 30 für „Heisei 30“, 2018, steht. Ein Format, das natürlich Excel und alle anderen CSV-verdauenden Anwendungen nicht verstehen. Eine weitere Blüte sind anglisierte Dokumente: Beim Geburtsdatum steht dort vor dem Jahr „T S H“, und man muss um den entsprechenden Buchstaben ein Kreis malen (T= Taishō, S = Shōwa, H = Heisei). Das ist schön und gut, aber was passiert, wenn das Motto des neuen Kaisers ebenfalls mit T, S oder H beginnt?

Zu der ganzen Debatte hört man Stimmen, die sagen, dass es einfacher sei, das japanische System zu benutzen, da man nur zwei Nummern (Jahreszahlen) zu schreiben braucht. Das ist schön und gut, aber nur, wenn man mit vertrauten Daten, wie zum Beispiel dem eigenen Geburtstag, hantiert. Die meisten Japaner müssen bereits kurz überlegen und rechnen, wenn sie danach gefragt werden, die Geburtstage ihrer Kinder nach dem japanischen Prinzip wiederzugeben. Das geht mir natürlich genauso: So weiss ich natürlich, ohne groß zu überlegen, dass meine Tochter 2007 geboren wurde. Doch dann geht das Gerechne los: Jetzt ist Heisei 30, sie ist 11 Jahre alt, also muss es 30 minus 11 = Heisei 19 sein.

Rein aus datentechnischen Gründen wäre es für alle Beteiligten besser, sich auf das westliche Datum zu einigen — man darf jedoch gespannt sein, ob man in Japan diesen kühnen Schritt wagt oder so weitermacht wie bisher. Anbei noch eine kleine Übersicht der japanischen Kaiserjahre:

Beginn (Jahr) Äraname Äraname auf Japanisch
593 ~ Suiko 推古
629 ~ Jomei 舒明
642 ~ Kōgyoku 皇極
645 ~ Taika 大化
650 ~ Hakuchi 白雉
655 ~ Saimei 斉明
662 ~ Tenji 天智
672 ~ Kōbun 弘文
673 ~ Temmu 天武
686 ~ Shuchō 朱鳥
687 ~ Jitō 持統
697 ~ Mommu 文武
701 ~ Taihō 大宝
704 ~ Keiun 慶雲
708 ~ Wadō 和銅
715 ~ Reiki 霊亀
717 ~ Yōrō 養老
724 ~ Jinki 神亀
729 ~ Tempyō 天平
749 ~ Tempyō-kampō 天平感宝
749 ~ Tempyō-shōhō 天平勝宝
757 ~ Tempyō-hōji 天平宝字
765 ~ Tempyō-jingo 天平神護
767 ~ Jingo-keiun 神護景雲
770 ~ Hōki 宝亀
781 ~ Ten’o 天応
782 ~ Enryaku 延暦
806 ~ Daidō 大同
810 ~ Kōnin 弘仁
824 ~ Tenchō 天長
834 ~ Jōwa 承和
848 ~ Kashō 嘉祥
851 ~ Ninju 仁寿
854 ~ Saikō 斉衡
857 ~ Ten’an 天安
859 ~ Jōgan 貞観
877 ~ Gangyō 元慶
885 ~ Ninna 仁和
889 ~ Kampyō 寛平
898 ~ Shōtai 昌泰
901 ~ Engi 延喜
923 ~ Enchō 延長
931 ~ Shōhei 承平
938 ~ Tengyō 天慶
947 ~ Tenryaku 天暦
957 ~ Tentoku 天徳
961 ~ Ōwa 応和
964 ~ Kōhō 康保
968 ~ Anna 安和
970 ~ Tenroku 天禄
973 ~ Ten’en 天延
976 ~ Jōgen 貞元
978 ~ Tengen 天元
983 ~ Eikan 永観
985 ~ Kanna 寛和
987 ~ Eien 永延
989 ~ Eiso 永祚
990 ~ Shōryaku 正暦
995 ~ Chōtoku 長徳
999 ~ Chōhō 長保
1004 ~ Kankō 寛弘
1012 ~ Chōwa 長和
1017 ~ Kannin 寛仁
1021 ~ Chian 治安
1024 ~ Manju 万寿
1028 ~ Chōgen 長元
1037 ~ Chōryaku 長暦
1040 ~ Chōkyū 長久
1044 ~ Kantoku 寛徳
1046 ~ Eishō 永承
1053 ~ Tengi 天喜
1058 ~ Kōhei 康平
1065 ~ Jiryaku 治暦
1069 ~ Enkyū 延久
1074 ~ Jōhō 承保
1077 ~ Shōryaku 承暦
1081 ~ Eihō 永保
1084 ~ Ōtoku 応徳
1087 ~ Kanji 寛治
1094 ~ Kahō 嘉保
1096 ~ Eichō 永長
1097 ~ Shōtoku 承徳
1099 ~ Kōwa 康和
1104 ~ Chōji 長治
1106 ~ Kashō 嘉承
1108 ~ Tennin 天仁
1110 ~ Ten’ei 天永
1113 ~ Eikyū 永久
1118 ~ Gen’ei 元永
1120 ~ Hōan 保安
1124 ~ Tenji 天治
1126 ~ Daiji 大治
1131 ~ Tenshō 天承
1132 ~ Chōshō 長承
1135 ~ Hōen 保延
1141 ~ Eiji 永治
1142 ~ Kōji 康治
1144 ~ Ten’yō 天養
1145 ~ Kyūan 久安
1151 ~ Nimpei 仁平
1154 ~ Kyūju 久寿
1156 ~ Hōgen 保元
1159 ~ Heiji 平治
1160 ~ Eiryaku 永暦
1161 ~ Ōhō 応保
1163 ~ Chōkan 長寛
1165 ~ Eiman 永万
1166 ~ Nin’an 仁安
1169 ~ Kaō 嘉応
1171 ~ Jōan 承安
1175 ~ Angen 安元
1177 ~ Jishō 治承
1181 ~ Yōwa 養和
1182 ~ Juei 寿永
1184 ~ Genryaku 元暦
1185 ~ Bunji 文治
1190 ~ Kenkyū 建久
1199 ~ Shōji 正治
1201 ~ Kennin 建仁
1204 ~ Genkyū 元久
1206 ~ Ken’ei 建永
1207 ~ Jōgen 承元
1211 ~ Kenryaku 建暦
1213 ~ Kempō 建保
1219 ~ Jōkyū 承久
1222 ~ Jōō 貞応
1224 ~ Gennin 元仁
1225 ~ Karoku 嘉禄
1227 ~ Antei 安貞
1229 ~ Kanki 寛喜
1232 ~ Jōei 貞永
1233 ~ Tempuku 天福
1234 ~ Bunryaku 文暦
1235 ~ Katei 嘉禎
1238 ~ Ryakunin 暦仁
1239 ~ En’ō 延応
1240 ~ Ninji 仁治
1243 ~ Kangen 寛元
1247 ~ Hōji 宝治
1249 ~ Kenchō 建長
1256 ~ Kōgen 康元
1257 ~ Shōka 正嘉
1259 ~ Shōgen 正元
1260 ~ Bun’ō 文応
1261 ~ Kōchō 弘長
1264 ~ Bun’ei 文永
1275 ~ Kenji 建治
1278 ~ Kōan 弘安
1288 ~ Shōō 正応
1293 ~ Einin 永仁
1299 ~ Shōan 正安
1302 ~ Kangen 乾元
1303 ~ Kagen 嘉元
1306 ~ Tokuji 徳治
1308 ~ Enkei 延慶
1311 ~ Ōchō 応長
1312 ~ Shōwa 正和
1317 ~ Bumpō 文保
1319 ~ Gen’ō 元応
1321 ~ Genkō 元亨
1324 ~ Shōchū 正中
1326 ~ Karyaku 嘉暦
1329 ~ Gentoku 元徳
1331 ~ Genkō 元弘
1332 ~ [北朝] 正慶 Shōkei
1334 ~ Kemmu 建武
1336 ~ Engen 延元
1338 ~ [北朝] 暦応 Ryakuō
1340 ~ Kōkoku 興国
1342 ~ [北朝] 康永 Kōei
1345 ~ [北朝] 貞和 Jōwa
1346 ~ Shōhei 正平
1350 ~ [北朝] 観応 Kanō
1352 ~ [北朝] 文和 Bunwa
1356 ~ [北朝] 延文 Embun
1361 ~ [北朝] 康安 Kōan
1362 ~ [北朝] 貞治 Jōji
1368 ~ [北朝] 応安 Ōan
1370 ~ Kentoku 建徳
1372 ~ Bunchū 文中
1375 ~ Tenju 天授
1375 ~ [北朝] 永和 Eiwa
1379 ~ [北朝] 康暦 Kōryaku
1381 ~ Kōwa 弘和
1381 ~ [北朝] 永徳 Eitoku
1384 ~ Genchū 元中
1384 ~ [北朝] 至徳 Shitoku
1387 ~ [北朝] 嘉慶 Kakei
1389 ~ [北朝] 康応 Kōō
1390 ~ Meitoku 明徳
1394 ~ Ōei 応永
1428 ~ Shōchō 正長
1429 ~ Eikyō 永享
1441 ~ Kakitsu 嘉吉
1444 ~ Bunnan 文安
1449 ~ Hōtoku 宝徳
1452 ~ Kyōtoku 享徳
1455 ~ Kōshō 康正
1457 ~ Chōroku 長禄
1460 ~ Kanshō 寛正
1466 ~ Bunshō 文正
1467 ~ Ōnin 応仁
1469 ~ Bummei 文明
1487 ~ Chōkyō 長享
1489 ~ Entoku 延徳
1492 ~ Meiō 明応
1501 ~ Bunki 文亀
1504 ~ Eishō 永正
1521 ~ Taiei 大永
1528 ~ Kyōroku 享禄
1532 ~ Tembun 天文
1555 ~ Kōji 弘治
1558 ~ Eiroku 永禄
1570 ~ Genki 元亀
1573 ~ Tenshō 天正
1592 ~ Bunroku 文禄
1596 ~ Keichō 慶長
1615 ~ Genna 元和
1624 ~ Kan’ei 寛永
1644 ~ Shōhō 正保
1648 ~ Keian 慶安
1652 ~ Shōō 承応
1655 ~ Meireki 明暦
1658 ~ Manji 万治
1661 ~ Kambun 寛文
1673 ~ Empō 延宝
1681 ~ Tenwa 天和
1684 ~ Jōkyō 貞享
1688 ~ Genroku 元禄
1704 ~ Hōei 宝永
1711 ~ Shōtoku 正徳
1716 ~ Kyōhō 享保
1736 ~ Gembun 元文
1741 ~ Kampō 寛保
1744 ~ Enkyō 延享
1748 ~ Kan’en 寛延
1751 ~ Hōreki 宝暦
1764 ~ Meiwa 明和
1772 ~ An’ei 安永
1781 ~ Temmei 天明
1789 ~ Kansei 寛政
1801 ~ Kyōwa 享和
1804 ~ Bunka 文化
1818 ~ Bunsei 文政
1830 ~ Tempō 天保
1844 ~ Kōka 弘化
1848 ~ Kaei 嘉永
1854 ~ Ansei 安政
1860 ~ Man’en 万延
1861 ~ Bunkyu 文久
1864 ~ Genji 元治
1865 ~ Keiō 慶応
1868 ~ Meiji 明治
1912 ~ Taishō 大正
1926 ~ Shōwa 昭和
1989 ~ Heisei 平成
2019 ~ wird bekanntgegeben wird bekanntgegeben

¹ Siehe unter anderem hier.

Jetzt wird’s konkret: Ghibli-Themenpark wird 2022 seine Pforten öffnen

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Designentwurf des 'Hügel-der-Jugend-Areals' im geplanten Themenpark. (c) Studio Ghibli
Designentwurf des 'Hügel-der-Jugend-Areals' im geplanten Themenpark. (c) Studio Ghibli

Seit Jahren ist bereits die Rede von einem geplanten Ghibli-Themenpark – erst hiess es, er soll in Tokyo errichtet werden, dann hiess es in der Präfektur Aichi (bei Nagoya). Von 2020 war dann die Rede, doch jetzt, so wurde es heute in einer Pressemitteilung bekanntgegeben, ist die Eröffnung für das Jahr 2022 geplant. Der Themenpark entsteht demnach auf dem Gelände der EXPO, die 2005 in Nagoya stattfand – genauer gesagt dem モリコロパーク Moricoro Park, rund 20 km östlich vom Stadtzentrum von Nagoya gelegen. Das bietet sich an – schliesslich stehen dort schon die Nachbauten der Häuser von Satsuki und Mei aus dem Film „Mein Nachbar Totoro“. Ein Nachbau des „Wandelnden Schlosses“ ist ebenso geplant wie eine Replik des antiken Geschäfts aus Stimme des Herzens – Whisper of the Heart.

Insgesamt soll der Themenpark in 5 Bereiche gegliedert sein:

  1. 青春の丘 seishun-no-oka „Hügel der Jugend“
  2. ジブリの大倉庫 jiburi-no-daisōko „Das große Ghibli-Lagerhaus“
  3. もののけの里 mononoke-no-sato „Heimat der (Prinzessin) Mononoke“
  4. 魔女の谷 majo-no-tani „Tal der Hexen“
  5. どんどこ森 dondoko mori „Dondoko-Wald“

Die offizielle Pressemitteilung, herausgegeben heute, am 25. April 2018, gibt es hier, und sie enthält auch ein paar Designskizzen der verschiedenen Bereiche.

Der Park, gemeinsam finanziert und geplant von der Präfektur Aichi und dem Studio Ghibli, dürfte ein Selbstläufer werden: Die Filme des Studios sind im In- und Ausland gleichermaßen beliebt, und während es Disneylands auf verschiedenen Kontinenten gibt, sind die Ghibli-Figuren eine rein japanische Angelegenheit. Und 5 Jahre später wird ein typischer Japan-Urlaub wohl so aussehen: Ein paar Tage Tokyo, dann mit dem Chuo Shinkansen (Magnetschwebebahn, geplante Fahrtzeit nach Nagoya: 40 Minuten) nach Nagoya, und ab zum Ghibli-Park. Man darf gespannt sein, wie sich der Park entwickelt.

Das Kreuz mit den japanischen Zahlen oder der 109er Jackpot

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Da wäre ich doch fast vom Stuhl gefallen: Da berichtete die Japan Times Online-Ausgabe heute: Iconic Shibuya 109 building launches ¥109 million design contest for new logo. 109 Millionen Yen, also rund 800,000 Euro, für ein neues Logo – und jeder kann seine Entwürfe einreichen? Das klingt doch wie der große Design-Jackpot! Ein kurzer Blick auf die Webseite des weltbekannten Modekaufhauses direkt an der berühmten Kreuzung von Shibuya offenbarte jedoch etwas anderes: Der erste Preis gewinnt nicht etwa 109 Millionen Yen, sondern 109万 109-man, und ein „-man“ sind 10’000, ergo 109*10,000 = 1’090’000 yen, also gute 8’000 Euro. Das klingt zum einen wesentlich realistischer, zum anderen natürlich weniger lukrativ, aber das Shibuya 109 ist eine der Ikonen der Stadt, und ein neues Logo dafür zu entwerfen ist dementsprechend schon was ganz besonderes. Doch zurück zu den Zahlen — selbst für Japan- und Japanischkenner wird das japanische Zahlensystem schnell zur Stolperfalle, denn nur bis zur Tausend ist alles wie man es kennt – danach beginnt das große Rechnen, da das japanische System ab Tausend auf das 漢数字 Kansūji – das chinesische Zählsystem zurückgreift. Während man in der westlichen Welt bei der x-ten Potenz der Zahl 10 in Dreierschritten voranschreitet (106 = eine Million , 109 = eine Milliarde, 1012 = eine Billion), sind es im Chinesischen Viererschritte.

Schriftzeichen Lesung Wert als Zehnerpotenz Auf gut Deutsch
ichi 1 1
101 Zehn
hyaku 102 Hundert
sen 103 Tausend
man 104 Zehntausend
oku 108 100 Millionen
chō 1012 1 Billion
kei 1016 10 Billiarden
gai 1020 100 Trillionen
jo 1024 1 Quadrillion
1028 10 Quadrilliarden
1032 100 Quintillionen
kan 1036 1 Sextillion
sei 1040 10 Sextilliarden
sai 1044 100 Septillione
goku 1048 1 Oktillion
恒河沙 gōgasha 1052 10 Oktilliarden
阿僧祇 asōgi 1056 100 Nonillionen
那由他 nayuta 1060 1 Decillion
不可思議 fukashigi 1064 10 Decilliarden
無量大数 muryōtaisū 1068 100 Undecillionen

Die Zählweise stammt aus dem, man ahnt es schon, Buddhismus, und es geht auch andersrum: Bis runter nach 10-24 gibt es jeweils ein eigenes Schriftzeichen. Die obige Tabelle bildet dabei auch nur das gebräuchlichste Schema, das der 中数 chūsū (mittlere Zahlen) ab. Eigentlich gibt es vier Systeme – und zwar:

  1. 下数 (kasū) – bzw. 十進 jūshin – Zehnerschritte. 兆 (chō) entspricht hier einer Million.
  2. 中数 (chūsū), 万進 manshin = Zehntausenderschritte – heute gebräuchlich, siehe Tabelle oben. 兆 (chō) entspricht hier einer Billion.
  3. 中数 (chūsū), 万万進 manmanshin = Zehntausend-Zehntausenderschritte (also 100-Millionen-Schritte). 兆 (chō) entspricht hier zehn Billiarden.
  4. 上数 (jōsū) – hier wird ab 104 die Potenz jeweils verdoppelt: Oku ist 108, chō 1016, kei 1032 – und ein Muryōtaisū (wörtlich: „Unendliche Zahl) sage und schreibe 10262144.

Bei der Zehntausenderschritt-Zählweise vermisst man beim Übersetzen vor allem die „Million“ extrem, denn eine Million muss man mit 100-Man umschreiben und umgekehrt. Aufmerksame Leser dieses Blogs haben mich auch schon zwei, drei Mal bei Zahlenverdrehern erwischt – wenn man da mal auf die Schnelle zum Beispiel schwindelnd hohe Zahlen wie die japanische Staatsverschuldung übersetzt (und danach in Euro umrechnet), schleicht sich schnell ein Fehler ein.

Das Shibuya 109 - rechts im Bild
Das Shibuya 109 – rechts im Bild

Kurz jedoch zurück zum Modekaufhaus Shibuya 109: Das Bauwerk mit seinem markanten, runden Turm gibt es seit 1979, und zur Namensbildung gibt es mehrere Erklärungen – einige sagen, die „109“ ist ein 語呂合わせ goroawase – ein japanisches Wort-Zahlenspiel und steht für Tōkyū (tō = 10, kyū = 9). Tōkyū ist eine gigantische Firma, die einige Bahnlinien und viel Grund und Boden in Shibuya besitzt. Andere sagen, es heißt 109, da es von 10 bis 9 Uhr geöffnet ist. Es gibt nunmehr auch etliche Ableger: 109 Men’s, aber auch Ableger in diversen japanischen Städten, ja selbst in Hongkong. Dass das alter Logo verschwinden wird, ist freilich auch ein bisschen schade – der Schriftzug gehört einfach zu Shibuya.

Verlorene Iraktagebücher und Antiregierungsproteste

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Demo vor dem Parlamentsgebäude. Quelle: Tokyo Shimbun https://twitter.com/tokyoshashinbu
Demo vor dem Parlamentsgebäude. Quelle: Tokyo Shimbun https://twitter.com/tokyoshashinbu

Die Schlinge um Ministerpräsident Abes Hals scheint allmählich enger zu werden. Dazu trägt nicht nur der noch immer ungeklärte Skandal um den Moritomo-Deal bei, sondern auch die Geschichte um die verloren geglaubten Logbücher der Selbstverteidigungsstreitkräfte über ihren Einsatz im Irak. Zur Erinnerung: Japan hat aufgrund seiner pazifistischen Nachkriegsverfassung, an der Abe so gerne rütteln möchte, keine Armee, sondern nur Streitkräfte, mit denen es im Ernstfall lediglich das eigene Land verteidigen kann. Trotzdem beteiligt sich Japan an militärischen Einsätzen im Ausland – so zum Beispiel momentan im Südsudan, vorher aber auch im Irak. Die Opposition wollte dazu gern wissen, ob und wenn ja in welchem Ausmass die Selbstverteidigungsstreitkräfte an Kampfhandlungen beteiligt war, doch Regierungssprecher wichen aus und gaben sogar an, dass wichtige Unterlagen zu dem Thema – die „Tagebücher“ der Armeeeinheit, verloren gegangen seien. Nun gab das Verteidigungsministerium jedoch bekannt, dass ein grosser Teil der verloren geglaubten Dokumente aufgetaucht ist¹ – knapp 15’000 Seiten, auf denen rund 435 Tage des Einsatzes von 2004 bis 2006 beschrieben werden. Das Augenmerk liegt dabei auf das Stichwort 戦闘 Kampfhandlungen, an denen die Streitkräfte sich ja eigentlich nicht beteiligen dürfen. Trotzdem (und nicht ganz unerwartet) taucht das Wort mehrfach in den Berichten auf. Abe war übrigens bereits 2006-2007 Ministerpräsident. Das Problem bei dieser Angelegenheit liegt – mal wieder – nicht unbedingt in der Angelegenheit selbst, sondern darin, wie die Regierung versucht, Dinge zu vertuschen. Im Moritomo-Skandal war es die nachträgliche Fälschung von offiziellen Berichten, im Irakeinsatz-Fall die Behauptung, dass Dokumente nicht mehr aufzufinden seien.

Dementsprechend schwindet der Rückhalt in der Bevölkerung, aber auch unter Kollegen. Bei einem Interview am Freitag äußerte sich Ministerpräsident a.D. Koizumi vor laufender Kamera dazu und meinte, dass Abes Wiederwahl immer unwahrscheinlicher wird, da er sein Vertrauen verspielt habe. Koizumis Worte haben durchaus Gewicht – nicht unbedingt in der Politik, aber in der Bevölkerung, in der der (vergleichsweise) charismatische Politiker durchaus Zuhörer findet. Die Skandale wurden am Sonnabend auch von zehntausenden Demonstranten vor dem Parlament in Tokyo aufgegriffen – bei der Demonstration, die Veranstalter sprachen von rund 50’000 Teilnehmern, bezeichneten Abe dabei auf Plakaten als Lügner und forderten seinen Rücktritt. Allzu viel hat das allerdings noch nicht zu sagen, denn bei den Höhepunkten der Proteste gegen die von Abe geplanten Verfassungsänderungen im Jahr 2015 versammelten sich rund 350’000 Menschen – ohne dass es Abe wirklich gekratzt hätte.

¹ Siehe unter anderem hier (Jiji Press, Japanisch)

Wie wichtig sind Traditionen?

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Diese Frage musste man sich unweigerlich bei dem stellen, was man am 4. April 2018 bei einem kleinen Sumoturnier zu Ehren des 75. Jahrestages der Erlangung des Stadtrechtes von 舞鶴 Maizuru in der Präfektur Kyoto zu sehen bekam. Zu Beginn des Turniers hielt der Bürgermeister der Stadt eine kurze Rede, währenddessen er jedoch plötzlich umkippte. Sofort eilten einige Menschen zu Hilfe – darunter auch zwei Frauen, von denen zumindest eine ganz offensichtlich medizinisch sehr geschult war: Sie begann umgehend mit einer Herzdruckmassage. Kaum hatte sie damit angefangen, erschallte eine Lautsprecherdurchsage:

女性の方は土俵から降りて下さい!
[josei no kata wa dohyō kara orite kudasai]
Die Frauen verlassen bitte den Ring!

Die Durchsage erfolgte auch gleich mehrfach, um keine Zweifel aufkommen zu lassen. Vom Publikum wurde die Durchsage umgehend mit einem Raunen quittiert, denn was da geschah, war in der Tat unerhört. Während die Frauen versuchten, dem Bürgermeister professionell Erste Hilfe zu leisten, war dem Veranstalter die Entweihung des Ringes ein offensichtlich wichtigeres Anliegen. Der Hintergrund ist der, dass Sumō einen shintōistischen Hintergrund hat, und der Ring beim Sumowettkampf, genannt 土俵 dohyō, muss vor einem Kampf rituell gereinigt werden (das Salzwerfen ist dabei ebenfalls eine Form des rituellen Reinigens). Frauen dürfen diesen gereinigten Ring traditionell nicht betreten, das gilt als Sakrileg (in der Vergangenheit gab es jedoch schon Beispiele, bei denen Frauen den Ring betraten – zum Beispiel um eine Ehrung entgegenzunehmen).

Der ganze Vorfall wurde von einem Besucher des Turniers gefilmt und erreichte schnell über 1.5 Millionen Besucher. Schaut man sich die Kommentare zum Video an, kann man dabei beruhigt feststellen, dass auch der Großteil der Japaner den Vorfall für ungeheuerlich hält. Tradition schön und gut, aber wenn es um die Rettung von Menschenleben geht, muss irgendwo eine Grenze gezogen werden.

Interessantes Buchprojekt sucht Unterstützer: Japanisches Kinderbuch mit Tradition auf Deutsch

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Schon gewußt, dass Japan und Deutschland ein Mal gegeneinander Krieg führten? Und das es dementsprechend, da Deutschland verlor, einst deutsche Kriegsgefangene in Japan gab? Und das diese ganz entscheidend dazu beitrugen, Japaner für Beethovens Neunte zu begeistern – eine Begeisterung, die bis heute anhält? Das ganze geschah im Jahr 1914, also vor über 100 Jahren. Das deutsche Kaiserreich war gerade dabei, den Ersten Weltkrieg zu starten, und das erstarkende Japan sah seine Chance darin, Deutschlands Besitztümer in China, nämlich Kiautschou (rund um die Stadt Qingdao, auch als Tsingtau bekannt), zu beschlagnahmen. Die deutschen Truppen waren zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen, und fernab vom Nachschub – nach knapp zwei Monaten war die Belagerung zu Ende, und fast 1’000 deutsche Kriegsgefangene wurden ab 1917 in Japan interniert – und zwar im Krigsgefangenenlager Bandō, bei Naruto, auf der Insel Shikoku. Einige mussten dort bis 1920 bleiben, und 63 Kriegsgefangene beschlossen, auch nach Ende der Gefangenschaft in Japan zu bleiben. Einige der Kriegsgefangenen schlossen sich zu einem Orchester zusammen, und sie führten als solches am 1. Juni 1918 zum ersten Mal Beethovens 9. Symphonie auf. Seitdem gehört vor allem die Ode an die Freude zum Standardrepertoire in Japan, und es wäre nicht verwunderlich, wenn mehr Japaner den Text auswendig kennen als Deutsche.

Der Herder-Verlag hat nun ein interessantes Projekt aufgelegt – es geht um das Veröffentlichen der deutschen Version eines japanischen Kinderbuches, dem 交響曲「第九」歓びよ未来へ kōkyōkyoku „daiku“ yorokobi yo mirai e (9. Symphonie – mit Freude, in die Zukunft!), verfasst vom 1961 geborenen Kinderbuchautor Shigenori Kusunoki. Der Verlag schreibt dazu:

Die Geschichte dieses Vermächtnisses wird in einem japanischen Kinderbuch erzählt, dessen Manuskript Manuel Herder auf seiner letzten Japanreise in die Hände fiel und das sofort den Wunsch in ihm weckte, eine deutsche Übersetzung anfertigen zu lassen und diese rechtzeitig zum 100. Jahrestag der Uraufführung zu publizieren – ganz im Zeichen der deutsch-japanischen Freundschaft und des kulturellen Austauschs.

Wer Interesse an dem deutschen Buch hat, kann vorab reservieren, und da es sich hier um eine Nischenpublikation handelt, wird das Buch nur gedruckt, wenn sich genügend Interessenten finden. Dafür kommt man aber in den Genuss einer Rarität, und wenn man will, auch noch vom Verleger handsigniert. Und der eigene Name wird im Buch erwähnt. Momentan steht man bei 23% der erforderlichen Unterstützer.

Wer nach etwas Besonderem sucht – einem interessanten Meilenstein der deutsch-japanischen Beziehungen – kann hier mehr erfahren.

P.S. Ja, Werbung. Unbezahlte Werbung aber, da ich das Projekt als solches gut finde.

Abgemahnt wegen „verfrühter Schwangerschaft“

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Ein Leserbrief für die „Otoko-no-kimochi“ („Männergefühle“)-Rubrik der Zeitung Mainichi Shimbun trat Anfang dieser Woche eine (erneute) Diskussion über das Thema Mutter/Arbeit-Beziehung los. In dem Brief berichtete ein Mann aus der Nähe von Nagoya, das seine schwangere Frau von ihrem Arbeitgeber, einer privaten Kindertagesstätte, abgemahnt wurde. Der Grund: Die 28-jährige habe sich nicht an die Abmachung gehalten und sei früher als abgesprochen schwanger geworden. Das Paar ging dabei sogar zur Leiterin der Einrichtung und entschuldigte sich bei ihr, und dennoch gab es eine Abmahnung.

Das allein ist schon schlimm genug, aber die Geschichte wurde auch von Fernsehsendungen aufgenommen, und dort äußerte eine Expertin sogar Verständnis für die Kitaleiterin – in einer von Frauen dominierten Arbeitsstelle bürde die (plötzliche) Schwangerschaft nun mal den Kolleginnen eine große Last auf. Sicher, aus unternehmerischer Sicht hat sie ja vielleicht recht, aber das auch nur bei oberflächlicher Betrachtung. Doch der Gedanke gehört zu denen, die besser gar nicht erst gedacht werden sollten. Die Idee, Frauen vorzuschreiben, wann sie zu heiraten und wann sie Kinder zu bekommen haben, ist schlichtweg pervers, ganz besonders dann, wenn es sich um Japan, einem Land mit genozidverdächtig niedriger Geburtenrate, handelt.

Während einer Sendung kam auch eine 26-jährige Mitarbeiterin eines Kosmetikunternehmens zu Wort. Sie berichtete, dass von einer Vorgesetzten ein „Abteilungsgeburtenplan“ per Email eintrudelte. Dort wurde allen 22 Mitarbeiterinnen detailliert vorgelegt, wann sie schwanger werden dürfen. In ihrem Fall war sie erst im Alter von 35 Jahren an der Reihe. Die Email war auch mit der Drohung versehen, dass jeder, der gegen den Plan verstoße, diszipliniert werden würde.

Diese Fälle sind absolut keine Einzelfälle. Interessant an der Sache ist jedoch, dass so etwas plötzlich durch einen zufälligen Brief (und einen Reporter mit Gespür für heiße Themen) thematisiert wird. Vor allem für Kitas sind diese Zustände jedoch „völlig normal“ – quasi 暗黙な了解 anmoku na ryōkai (stillschweigendes Einverständnis) und Fragen nach dem Familienstand und Kinderwünschen bei Einstellungsgesprächen ohnehin gang und gäbe (sicher ist das nicht nur in Japan so). Nicht wenige Bekannte in meinem Bekanntenkreis erzählten auch, dass sie regelrecht Angst davor hatten beziehungsweise haben, den glücklichen Umstand ihrem Arbeitgeber/den Kollegen bekanntzugeben.

Etliche Arbeitgeber sind diesbezüglich auch knallhart. Als meine Frau in der hiesigen Stadtbibliothek ihre Stelle antrat, und nach ein paar Monaten schwanger wurde, forderte der Arbeitgeber sie sofort nach Bekanntwerden, im erst 4. Monat, auf, sofort mit der Arbeit aufzuhören, „da die Arbeit in der Bibliothek ein zu grosses Gesundheitsrisiko für Schwangere darstellt“. Ohne Aussicht auf Rückkehr nach der Schwangerschaft, wohlgemerkt.

Wie sich angesichts solcher Zustände Politiker noch über die zu geringe Geburtenrate wundern bleibt ein Rätsel. Und wirtschaftliche Gründe hin oder her – meines Erachtens nach verletzen solche Regeln die Menschenrechte.

Untersuchung: ​ Sturm könnte ein Drittel von Tokyo überschwemmen

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Flutgefährdete Bereiche in Tokyo
Flutgefährdete Bereiche in Tokyo

Wo wir erst neulich beim Thema Erdbebengefahr in Tokyo waren – nun wurden von der Stadtverwaltung auch Risikountersuchungen bezüglich der Gefahr von Sturmfluten veröffentlicht¹, und selbst für Menschen, die das Risiko in Tokyo und Umgebung bereits kennen, sind die Ergebnisse ein sehr deutliches Alarmsignal. Zwar ist allgemein bekannt, dass einige Stadtviertel aufgrund der Trockenlegung der Flussauen und aufgrund des Gewichts der Bebauung auf selbigen Flächen unter Meeresspiegelhöhe liegen. Die Simulation ist trotzdem erschreckend. Das der Untersuchung zugrunde liegende Szenario ist ein schwerer Taifun, der direkt auf die Hauptstadt trifft, gepaart mit dem Scheitelpunkt der Flut, denn auch in der eher seichten Bucht von Tokyo gibt es einen durchschnittlichen Tidenhub von 2 Metern. Das Szenario ist auch nicht von weither geholt – 1910 zum Beispiel setzte das 明治43年の大水害 Meiji 43-nen no daisuigai grössere Teile Tokyos unter Wasser, und im Jahr 1947 sorgte der Taifun Kathleen mit Windgeschwindigkeiten von knapp 200 Stundenkilometern und Niederschlägen bis zu 500 mm (also einen halben Meter!) innerhalb weniger Stunden der kriegsgebeutelten Hauptstadt arg zu.

Der Untersuchung zufolge muss man in 17 der 23 zentralen Stadtbezirke (都内 tonai) mit ernsten Überschwemmungen rechnen. Besonders betroffen wären die vier Stadtviertel im Nordosten – Koto-ku, Sumida-ku (rund um den Tokyo Sky Tree), Edogawa-ku und Katsushika-ku, aber auch die küstennahen Bereiche in Shingawa, Minato und Ōta. Ganz dicke kann es da für die Gebiete entlang des 荒川 Arakawa (-kawa = Fluss) kommen – dort könnte das Wasser mehr als zehn Meter (!) tief stehen; die Gegend würde volllaufen wie eine Badewanne, und das Wasser würde nur sehr langsam wieder abziehen. Insgesamt rechnet man damit, dass rund 4 Millionen Bewohner direkt betroffen wären. In der unteren Karte wird zudem ersichtlich, wie lange das Wasser bleiben würde: Orange steht für eine Woche, dunkelblau für einen Tag. Da vor allem in den stark gefährdeten Bereichen viele Häuser aus Holz gebaut sind, wären die Folgen katastrophal – eine unglaublich große Menge an Baumasse müsste nach dem Hochwasser ersetzt werden. Die neuesten Ergebnisse dürften deshalb auch einen großen Einfluß auf den Immobilienmarkt haben.

Geschätzte Hochwasser-Verweildauer: Orange = eine Woche, dunkelblau: 1 Tag
Geschätzte Hochwasser-Verweildauer: Orange = eine Woche, dunkelblau: 1 Tag. Quelle: Tokyo Stadt

Die Gefahr wird zudem immer realer, denn aufgrund der Erderwärmung, ob man nun daran „glaubt“ oder nicht, wird die Wahrscheinlichkeit schwerer Taifune zunehmend grösser (früher rechnete man mit einem schweren Taifun in Tokyo in Jahrzehnten, jetzt muss man in Jahren rechnen), und der Anstieg des Meeresspiegels tut sein Übriges. Mit anderen Worten, Tokyo wird eine der Metropolen sein, die sehr schnell unter dem Klimawandel leiden werden.

Meliorationstechnisch wird dabei sehr viel getan in Tokyo – es gibt ein weitreichendes und sehr ausgeklügeltes Netz von unterirdischen Flussläufen, riesigen Zisternen, Deichen und dergleichen, doch wenn das Meer mit Wucht in die Bucht drückt, wird es brenzlig. Dank aufwändiger Untersuchungen wie der oben genannten werden auch stetig neue Maßnahmen bestimmt und durchgeführt, doch es wird ein Wettlauf gegen die Zeit sein.

¹ Siehe unter anderem hier (offizielle Bekanntmachung der Stadt Tokyo), hier (Tokyo Shimbun) und hier (Huffington Post).

Der eine macht’s auf Twitter, der andere auf Facebook…

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… und zwar das Wählervolk für dumm verkaufen. Während Trump ja bekanntlich Twitter für sich entdeckt hat – das Zeichenlimit ist wahrscheinlich genau das Richtige für ihn – ist es in Japan neben Twitter auch Facebook. Da fiel nun Abe’s schillernde Göttergattin Akie Abe auf. In einem Facebookbeitrag vom 11. März (siehe unten) schrieb sie über ein Event im Nordosten Japans – es ging um die Bewältigung der Naturkatastrophe von 2011. Doch als in den folgenden Tagen mehr und mehr über die Verstrickung des Ehepaars im Moritomo-Skandal bekannt wurde, mehrten sich die Kommentare, die nicht zum Thema passen. Ein User schrieb dabei:

野党のバカげた質問ばかりで、旦那さんは毎日大変ですね
yatō no bakageta shitsumon bakari de, danna-san ha mainichi taihen desu ne
(All diese dümmlichen Fragen von der Opposition – Ihr Mann hat es auch jeden Tag ziemlich schwer, oder?)

— und sieh mal einer an, wer da den „いいね“ (Gefällt Mir)-Button drückt? Nein, ausnahmsweise mal nicht Shinzo Abe persönlich, dafür aber eben seine Frau. Und die versuchte sich später zu entschuldigen, indem sie sagte, das „Gefällt mir“ bezog sich nur auf einen anderen Teil des Kommentars.

Sicher, das ist nur eine kleine Anekdote aus dem, was sich da momentan abspielt. Aber die Unverfrorenheit, mit der Abe und andere Politiker mit dieser ernstzunehmenden Korruptionsaffäre umgehen, schreit einfach zum Himmel. Interessant war da übrigens der normalerweise relativ ernste Wochenrückblick auf Fuji TV vom Sonntag, dem 25. März. Die Sendung heisst Mr.サンデー Mr Sunday, und man hatte sich aus Dringlichkeitsgründen den smarten Ex-Präfekturvorstand von Osaka und Anwalt, 橋下徹 Hashimoto Tōru, ins Studio geholt, der über die Moritomo-Affäre erzählen sollte. Dazu hatte man sich dann auch ein paar dutzend ausgewählte Zuschauer ins Studio geladen, die dann in mit „Stimme zu“ und „Stimme nicht zu“-Areale laufen sollten, nachdem sie Hashimoto’s Erklärungen hörten. Doch obwohl Hashimoto hochintelligent ist, wirkte das ganze jedoch wie ein abgekartetes Spiel, bei dem jemand hoch oben in der Regierung Hashimoto in den Medien-Ring steigen liess, um die Korruptionsaffäre kleinzureden. Was blieb, war ein ganz deutliches Geschmäckle….

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