Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Armutszeugnis für Japan in Sachen Soziales Kapital

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Quelle: Legatum Foundation
Quelle: Legatum Foundation

Seit 2006 gibt es ihn – den „Legatum Prosperity Index“, das alljährlich erhobene Barometer des Wohlstands in der Welt, erstellt von der allgemeinnützigen, in Großbritannien angesiedelten Legatum Institute Foundation (www.li.com) – ein euroskeptischer Thinktank, gesponsert vom Milliardär Christopher Chandler, der mit seiner Investfirma Legatum viel Geld verdient.

Es gibt natürlich zahlreiche Indices, die dies und das messen, und alle haben ihre Stärken und Schwächen. Der Legatum Prosperity Index ist allerdings inteessant, weil er unter anderem versucht, sogenanntes soziales Kapital zu messen – ein Begriff mit verschiedenen Definitionen, die laut Wikipedia jedoch alle einen gemeinsamen Nenner haben: Sie bezeichnen das Konzept des sozialen Kapitals als „Blick auf den normativen Zusammenhalt von Gruppen und auf die wechselseitige Beziehung von Gruppen-Kohäsion und individueller Interaktion“.

Beim nun veröffentlichten Ranking² für 2017 landete Japan nun bei insgesamt 149 untersuchten Staaten bzw. Territorien (da Hongkong zum Beispiel extra gelistet wird) auf dem 23. Rang – da gab es seit der Ersterhebung auch keine großen Änderungen. Interessant wird das Ranking erst, wenn man sich die Teilfaktoren anschaut:

Bereich Rang
Wirtschaftliche Qualität 23
Geschäftsklima 22
Führung (Governance) 18
Bildung 18
Gesundheit 4
Sicherheit 4
Persönliche Freiheit 46
Umwelt 43
Soziales Kapital 101

Deutschland liegt im Gesamtranking übrigens auf Rang 9 (soziales Kapital: 17, die Schweiz auf Rang 6 (20) und Österreich auf der 12 (15).

Japan liegt beim sozialen Kapital damit unter den entwickelten Ländern weit abgeschlagen auf dem letzten Platz. Legatum ist mit der Einschätzung auch nicht allein – auch die OECD bemängelt den sozialen Zusammenhalt in Japan. Das betrifft vor allem Männer über 40 Jahre – mehr als anderswo leben viele Männer in Japan völlig einsam vor sich hin, ohne Freunde, mit minimaler sozialer Interaktion. Diese Einsamkeit wird von Medizinern mittlerweile als regelrechte Epidemie bezeichnet, die die Menschen genauso negativ beeinflusst wie Fettleibigkeit, Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum. Mehr dazu kann man zum Beispiel in der japanischen Kolumne „Warum sind die ojisan (Männer über 40, 50 Jahre) die Einsamsten der Welt?“² lesen.

Wer in Japan lebt, wird die Ergebnisse nicht überraschend finden: Nicht nur ist es schwerer als anderswo, Freunde zu gewinnen – richtig schwer wird es, wenn man sich treffen möchte. Im jungen Alterist das kein großes Problem, aber mit zunehmendem Alter (und bei regulären Beschäftigungsverhältnissen) wird es vor allem für Männer wirklich sehr schwer.

¹ Siehe hier
² Siehe hier

Kaum wird es etwas wärmer…

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​Oh, 20 Grad (für alle, die in Deutschland sind – plus, wohlgemerkt) am Sonntag! Ideal, um in einen schönen Park zu fahren! Gesagt, getan. Kinder ins Auto gesetzt, und auf ging es Richtung Yugawara, kurz vor Atami. Dort liegt der angeblich sehr empfehlenswerte 幕山公園 Makuyama-Park, hoch über der Stadt, und man kann auch ein bisschen laufen – auf den rund 625 Meter hohen Makuyama, zum Beispiel, um von dort einen Blick auf den Pazifik zu werfen.

Auf den Autobahnen ging es noch – der Verkehr floss träge vor sich hin. Der große Stau begann gleich bei Odawara, an der Küstenstrasse. Aber nach knapp zwei Stunden waren wir dann doch da. Dachten wir. Denn der Park liegt am Ende eines langen Tals, mit genau einer Zufahrtsstrasse. Und 800 Meter vor dem Park begann sie – die Autoschlange. Die alle 5 Minuten um eine Autolänge vorrückte – nämlich immer dann, wenn jemand den Park verließ, was um die Mittagszeit herum natürlich selten der Fall ist. Ein typischer Fall von grober Unterschätzung der wahren Bevölkerungsdichte des Großraums Tokyo: Bei nur schwachen Ansätzen von Regen ist keine Sau draußen, doch wehe, die Sonne scheint (und wehe, die Pflaumen blühen, wie es jetzt der Fall ist) – dann ist plötzlich alles voller Menschen. Mehr als die Hälfte davon sind freilich Rentner. Warum die sich das an einem Wochenende antun, wird mir jedoch auf Ewigkeiten ein Rätsel bleiben.

Da die Kinder nun schon ziemlich lautstark nach Nahrung verlangten, gaben wir schließlich auf, gingen in Yugawara essen – und fuhren hoch in die Berge. Eine goldrichtige Entscheidung, wie sich herausstellte. Auf dem gut 1’000 Meter hohen Pass in der „Anest Iwata Sky Lounge“ war kaum eine Menschenseele, so dass man dort gemütlich am Panoramafenster sitzend mit Blick auf den Fuji und Hakone Kaffee trinken konnte. Geht doch. Und bei der Kirschblüte bleibt das Auto stehen, so viel steht fest…

Will Japan überhaupt Englisch lernen?

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Meine Firma ist auf importierte Lehrmaterialien spezialisiert – und dort hauptsächlich auf Englischlehrbücher. Davon gibt es bekanntlich reichlich, und es gibt hervorragende Unterrichtsmaterialien. Da sollte man eigentlich meinen, dass die sich in Japan, dem Land des „Lebenslangen Lernens“ und der ständigen Sehnsucht nach dem Ausland, dem gegenüberstehend jedoch eher mauen Englischkenntnissen, verkaufen sollten wie warme Semmeln. Dem ist jedoch nicht so. Zwar wird an vielen Universitäten, sowie an so manchen Schulen und Kindergärten, auf importiertes, „English only“-Material zurückgegriffen, erst recht, wenn der Lehrer aus dem Ausland stammt, kaum Japanisch spricht und die Materialienauswahl mitbestimmen darf, doch in der breiten Mehrheit der Bevölkerung spielen ausländische Lehrbücher keine Rolle.

Das ist auch kein Wunder, wie ich am Wochenende mal wieder feststellen konnte. Da zog es uns in eine riesengroße Buchhandlung in unserer Nähe. Der Verkaufsraum befindet sich lediglich auf einer Etage, aber die Buchhandlung ist knapp 100 mal 100 Meter groß, also fast einen ganzen Hektar, und zwar voller dicht an dicht gestellter Regale. Logischerweise suchte ich erstmal nach importierten Büchern, um zu sehen, wie meine Kundschaft hier vertreten ist. Nach gefühlten Kilometern Regalslalo gab ich jedoch genervt auf und fragte eine Angestellte. Die setzte auch gleich ein mitleidiges Gesicht auf und sagte, dass Importbücher ihre Stärke nicht seien, und führte mich dann in die allerhinterste Ecke, wo es tatsächlich ein einzelnes, knapp ein Meter breites Regal mit importierten Büchern gab. Genau in der Mitte war der spannende Wälzer „The Glory of Batik“ präsentiert, ganz sicher ein absoluter Bestseller. Wer jedoch nach Lehrmaterialien suchte, musste sich bücken. Und sieh mal einer an: Die meisten Bücher sind schon seit Jahren aus dem Druck, völlig vergilbt, zerfleddert und mit massiven Eselsohren versehen. Dort, nahe am Boden, prangte ein Cover eines Picture Dictionary, dessen Verleger seit Erscheinen des Buches schon mehrfach das Layout und den Namen geändert hat. Schlägt man das Buch auf, prangt einem als erstes das Foto eines Rechners vom Anfang der 90er ins Auge: „This is a computer“. Fantastisch.

Wer Lerninteressierten solche Bücher in so einem Zustand präsentiert, muss sich nicht wundern, wenn er nichts verkauft. Schuld ist da noch nicht einmal unbedingt der Buchladen, sondern eher die Vertriebsfirma – eine japanische Firma, die ein Beinahemonopol auf viele Importbücher hat, und die offensichtlich zulassen, dass die Ware so präsentiert wird. Demgegenüber gab es natürlich unzählige Regalmeter mit japanischen Büchern darüber, wie man all die Englischtests austricksen kann, ohne Englisch zu können. Typisch Japan. Der Verdacht, dass der Großteil der Japaner nicht daran interessiert ist, Englisch zu lernen, sondern das ganze nur als notwendiges Übel betrachtet, hat sich in dieser Buchhandlung mal wieder erhärtet. Was heißt erhärtet – ich weiß das seit langem.

Ansonsten war es aber wohltuend, zu sehen, wie voll der Laden war, denn das Bücherlädensterben in Japan nimmt immer dramatischere Züge an – mehr als ein Drittel ist bereits verschwunden, und es gibt erste Städte ohne einen einzigen Buchladen.

Olympische Berichterstattung

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Olympische Winterspiele Pyeongchang
Olympische Winterspiele Pyeongchang

​Eigentlich bin ich ja ein Freund von internationalen Sportveranstaltungen, allen vorweg die Olympischen Spiel und die Fußball-WM. Leider ist das in Japan jedoch immer mit viel Frust verbunden. Zum einen, weil die deutschen Medien alles relevante aus ihren Nachrichten rausschneiden („aus rechtlichen Gründen können wir das leider nicht zeigen…“), zum anderen, weil die japanische Berichterstattung in der Regel einfach nur grauenvoll ist. Das erste Problem lässt sich zwar technisch lösen, aber ich streame mir die Nachrichten in der Regel aufs Handy, um mir das ganze im Zug anzusehen, und da wird es schon kompliziert. Das zweite Problem lässt sich natürlich nicht lösen, denn es ist ein grundlegendes Problem und wird als solches offensichtlich auch nur von medieninteressierten Ausländern als solches wahrgenommen. Beispiel NHK, das japanische Öffentlich-Rechtliche (mit Zwangs-Rundfunkgebühren und allem). Als der Eiskunstläufer Hanyū am Sonnabend wie erwartet bzw. erhofft die Goldmedaille gewann, war der Jubel groß, und die 7-Uhr-Nachrichten (das Äquivalent zur Aktuellen Kamera, äh, Tagesschau) begannen mit der Wiedergabe der kompletten Kür (und anschliessend, um fair zu bleiben, mit der Kür des Silbermedaillengewinners, da auch Japaner). So weit, so gut. Schließlich waren bis dahin die Erwartungen des Fernsehvolks eher enttäuscht – wenig Medaillen, und erst recht keine güldene). Doch am Sonntag begannen die NHK-Nachrichten exakt genauso: Wieder wurden die Vorstellungen in voller Länge gezeigt. Warum nur muss man das zwei Mal zeigen? In den Hauptnachrichten?

Richtig schlimm sind jedoch die 〇〇さんが1位になった理由 – Spezialsendungen: „Der Grund, warum Herr Watanabe/Frau Yamamoto Erste(r) wurde“. Na, warum wohl? Vielleicht weil er oder sie am schnellsten oder am perfektesten war? Könnte das sein? Aber das reicht natürlich nicht. In mehreren Stunden wird dann ausgeleuchtet, warum gerade der Japaner gewonnen hat, und kein anderer – der Sieg, so stellte sich heraus, war einfach eine Zwangsläufigkeit, es ging gar nicht anders! Aha. Dann hätte man sich ja den ganzen Rummel eigentlich schenken können, oder?

Doch auch das Gegenteil ist grausam: Die Reaktion darauf, wenn die Dinge nicht so laufen, wie man es sich gewünscht hat. Das Fernsehen ist da vergleichsweise milde, doch in den Printmedien wird gnadenlos auf die Verlierer eingedroschen. Das Bashing ist mitunter so grob, dass man sich fragt, warum sich die Sportler das überhaupt noch antun.

Die Art und Weise, wie die Medien damit umgehen, ist so enttäuschend, dass ich letztendlich kaum noch hinschaue. An die Olympischen Spiele von Sotschi zum Beispiel habe ich null Erinnerung, an frühere Spiele hingegen schon. Das einzige, was mir bleibt, ist darüber zu meckern, und das habe ich hiermit getan.

Ach ja: Interessant war die Reaktion in Japan auf das gar unsportliche Verhalten der koreanischen Speedskaterinnen bei der Mannschaftsverfolgung. Zur Erinnerung: Drei Eisschnellläuferinnen gehören zum Team, und die Zeit wird erst gestoppt, wenn die letzte im Ziel ist. Die vorderen beiden Koreanerinnen rannten jedoch der letzten einfach davon und nahmen ihr damit den Windschatten. Während in Südkorea umgehend eine halbe Millionen Menschen eine Petition unterschrieben, die die Regierung auffordert, die beiden Läuferinnen zu suspendieren, war der Grundtenor in Japan anders – dort verstand man nicht, warum nun so auf die beiden Flitzerinnen eingeprügelt wurde – so schlimm sei das dann nun auch nicht gewesen. Na dann! Sport frei!

Japanische Antwort auf „The Cove“ gewinnt Filmpreis in London

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"Behind the cove"-Filmposter

Es ist nun schon acht Jahre her, das ein Aufschrei durch die Welt ging, als der amerikanische Dokumentarfilm „The Cove“ erschien: Der Film handelte von der japanischen Kleinstadt Taiji in der Präfektur Wakayama und zeigte nur schwer erträgliche Szenen einer Jagd auf Delfine, die alljährlich in einer Bucht in besagter Stadt veranstaltet wird. Der Hype um den Film ging soweit, dass der Streifen sogar mit einem Oscar für den besten Dokumentarfilm bedacht wurde. Dabei handelte es sich teilweise um einen Pseudodokumentarfilm, da einfachste journalistische Regeln über den Haufen geworfen wurden – zum Beispiel, in dem unvollständig übersetzt und Dinge aus dem Zusammenhang gerissen worden. Egal: Die Aufruhr war gross, und selbst beim Tabibito Almanach gingen Kommentare wie „Dreckige Delfinkiller!“ ein.

Die Regisseurin Keiko Yagi, eine 50-jährige Japanerin, beschloss, der Sache etwas mehr auf den Grund zu gehen und drehte so einen Gegenfilm – konsequenterweise „Behind the Cove“ genannt. Das war 2015. In dieser Woche nun passierte etwas Unerwartetes – die Doku gewann tatsächlich einen Preis, und zwar beim London International Filmmaker Festival of World Cinema (IFFWC). Das ist zwar ein sehr kleines Festival, das erst seit 9 Jahren ausgerichtet wird, doch dass ein japanischer Film mit einer Gegendarstellung des so emotional diskutierten Themas überhaupt im Ausland Beachtung findet, ist durchaus eine Randnotiz wert.

Delfinstatue am Ortseingang von Taiji
Delfinstatue am Ortseingang von Taiji

Im Film geht es um den ganzen Hintergrund der Wal- und Delfinjagd, vor allem aber um die Waljagd. Und die hat in der Tat eine lange Tradition – nicht nur in Japan, sondern auch anderswo. In Taiji hält man diese Tradition noch immer hoch – ein ausgemustertes Walfangschiff findet man dort ebenso wie ein großes Museum zum Thema Walfang, nebst Wal- und Delfinshow (!) für die lieben Kleinen. Das Museum ist dabei durchaus interessant, wenn auch etwas angestaubt.

Den 105-minütigen Film „Behind the Cove“ kann man unter anderem auf Netflix sehen, und wer „The Cove“ gesehen hat, sollte sich auch diesen Film ansehen, um die andere Seite der Medaille zu verstehen.

Neue Erdbebengefahrenkarte für Tokyo erschienen

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Erdbebengefahrenkarte Tokyo 2018
Erdbebengefahrenkarte Tokyo 2018

​Wie ein Damoklesschwert hängt die Gefahr über der Meteopole Tokyo: die Erdbebengefahr (gefolgt von Taifunen, Vulkanausbrüchen und anderweitig hervorgerufenen Überschwemmungen. Nach dem schweren Tohoku-Erdbeben im März 2011 gingen japanische Geologen zum Beispiel davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit für ein sogenanntes 直下型地震 chokka-gata jishin, ein „Erdbeben direkt unter (der Hauptstadt)“ innerhalb der folgenden 4 Jahre bei 70% liegt. Leider beziehungsweise Gott sei Dank halten Erdbeben im allgemeinen aber immer noch nicht allzu viel von menschlichen Prognosen – das schwere Beben wird zwar mit „sehr großer Wahrscheinlichkeit“ kommen, aber die Frage ist nach wie vor: Wann?

Der Stadt Tokyo und den umliegenden Präfekturen kann man da nur danken, dass fortlaufend mit verschiedenen Szenarien gerechnet und entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden. Dazu muss man natürlich erst mal wissen, wo genau die Maßnahmen am nötigsten sind, und so wurde vor vielen Jahren eine Gefahrnkarte erstellt. Und der Ansatz ist gut, da lebensnah: Man untersucht in allen Gebieten der Stadt die Festigkeit des Untergrunds UND die Art der Bebauung – aus diesen Faktoren errechnet man einen Risikofaktor und ordnet anschliessend die Gebiete in 5 Kategorien ein. 5 ist die höchste Kategorie und bedeutet entsprechend höchste Gefahr. Ist ein Viertel also auf weniger standfestem Untergrund, zum Beispiel im Schwemmbereich eines Flusses gebaut, und besteht die Bebauung zu einem großen Teil aus älteren Holzhäusern mit sehr wenig Raum zwischen den Gebäuden, dann bedeutet dies in den meisten Fällen Kategorie 5. Insgesamt 1,6% der Stadt zählen zu dieser Kategorie, und diese Gebiete konzentrieren sich, das ist allgemein bekannt in Tokyo, im Nordwesten, zwischen dem Sumida- und alten und neuen Edo-Fluß (die Gegend beginnt unmittelbar nordwestlich vom Tokyo Sky Tree).

Auch die Gebiete am Tama-Fluss sind mit Stufe 4 eher unsicher, während zum Beispiel die Gegend um Aoyama oder dem Kaiserpalast und dergleichen ziemlich sicher sind – der Untergrund ist relativ fest und die Bebauung eher modern und/oder locker. Die von der Stadt Tokyo erstellte Karte¹ wurde nun zum ersten Mal seit über 4 Jahren erneuert – und sie ist durchaus nützlich, zum Beispiel bei der Wohnortwahl, vor allem aber dann, wenn man überlegt, sich ein Haus zu kaufen. Und so schön urig und typisch Japanisch die Wohnviertel der Kategorie 5-Gebiete auch sind – man muss zu recht befürchten, dass sich bei einem direkten Erdbeben genau das wiederholt, was 1995 auch in Kobe geschah: Dass sich eine unaufhaltsame Feuerwalze durch die Wohnviertel frisst.

Zur Erinnerung, da themenrelevant: Ein älterer Artikel zur Korrelation von Ortsnamen/Bushaltestellenamen mit der Erdbebengefahrensituation.

¹ Siehe hier.

ETC – das japanische Mautsystem

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Mautstation in Japan: Violett = ETC, Grün: Bargeld
Mautstation in Japan: Violett = ETC, Grün: Bargeld

Wer mit dem Auto in Japan unterwegs ist, macht schnell Bekanntschaft mit ETC – dem japanischen Mautsystem. In Japan sind nahezu alle Autobahnen mautpflichtig, egal für wen. Das System nennt sich „ETC“ – das steht für „Electronic Toll Collect“. Wie auch bei den Eisenbahnen ist die Preisstruktur keinesfalls einheitlich – auf manchen Strecken bezahlt man einen festen Betrag, egal wie weit man fährt, auf anderen bezahlt man nach der Länge der gefahrenen Strecke. Es gibt zwei Arten der Bezahlung: In bar oder mit einer ETC-Karte, die in einem im Auto installierten Kartenlesegerät eingeschoben wird. Diese wiederum muss mit einer japanischen Kreditkarte verbunden sein, und da wird es auch schon kompliziert, da man die ETC-Karte nicht mit jeder x-beliebigen Kreditkarte verbinden kann. Man muss dazu ausgewählte Dienste wie zum Beispiel „Orico“ benutzen, und das erklärt dann auch, warum die meisten Japaner mehrere Kreditkarten haben (bei mir sind es nun auch schon drei japanische Kreditkarten – und das nicht etwa, weil ich Kreditkarten so mag, sondern weil es anders nicht geht).

Wer viel mit dem Auto unterwegs ist, sollte sich unbedingt eine ETC-Karte anschaffen, denn damit kann man die Schranken, und davon gibt es viele, mit 20 km/h (so steht es jedenfalls geschrieben, die meisten fahren mit 30 km/h durch) passieren. Ausserdem gibt es einen Rabatt auf ETC-Zahlung. Ganz durchsichtig ist das System dabei nicht. Fahre ich zum Beispiel bei mir in der Nähe auf die Autobahn, passiere ich erstmal eine Mautstelle an der Auffahrt, wo mein Startpunkt registriert wird. Nach einem guten Kilometer Autobahn kommt eine grosse Mautstelle, an der mir 350 Yen abgezogen werden. Kaum bin ich in Tokyo, werden mir dann gute 600 Yen abgezogen – das ist der Minimalbetrag für die 首都高 shutokō – die Stadtautobahn von Tokyo. Bleibe ich im Zentrum, ändert sich der Betrag kaum, aber sobald ich mich von Tokyo entferne, wird es immer teurer. Der Preis hängt dabei unter anderem davon ab, wann man unterwegs ist – nachts oder an Ruhe- und Feiertagen wird es zum Beispiel bis zu 30% billiger. Eine Zahl aber mal zum Vergleich: Von Tokyo bis Osaka zahlt man mit einem normalen Auto letztendlich rund 7’000 Yen, also gute 50 Euro, für insgesamt knapp 500 Kilometer.

Die ETC-Karte selbst ist auf den Fahrzeugtyp abgestimmt, und beim Beantragen muss man auch das Nummernschild und die Fahrzeugnummer angeben. Betrug gibt es wohl trotzdem, doch in 90% der Betrugsfälle werden wohl laut Wikipedia einfach nur die Schranken durchbrochen. Alles in allem funktioniert das ETC (offizieller Name: ETC 2.0)-System ganz gut, aber das böse Erwachen erfolgt dann freilich bei der Kreditkartenabrechnung, denn all die kleinen Autobahnfahrten läppern sich natürlich zusammen.

Das Ende der Pflichtschokolade?

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Godiva-Anzeige in Japan
Godiva-Anzeige in Japan

Schokolade? Godiva! Das ist der Name, der den meisten Japanern einfällt, wenn sie an teure Schokolade denken. Aus irgendwelchen Gründen (die ich nicht völlig nachvollziehen kann) hat der belgische Chocolatier einen ausgezeichneten Stand in Japan, mit zahlreichen luxuriösen „Boutiquen“. Die Preise sind ziemlich saftig — bezahlt man zum Beispiel in Deutschland für eine Valentinstag-Pralinenschachtel wie diese hier offiziell 32 Euro, so kostet die gleiche Schachtel in Japan offiziell 52 Euro (siehe hier). Das lässt sich nur teilweise mit dem hohen Zoll (29.8% auf Kakaoprodukte, siehe hier) erklären.

Nun ist es in Japan seit Jahrzehnten üblich, männlichen Freunden, Partnern – und Arbeitskollegen, vor allem aber Vorgesetzten – am Valentinstag Schokolade zu schenken. Das gefällt nicht Allen: Diese 義理チョコ Giri Choko genannte Tradition, also die „aus Pflichtgefühl überreichte Schokolade“, bringt weibliche Angestellte oftmals in die Bredouille, schließlich müssen sie ihr hart erarbeitetes Geld für etwas ausgeben, was sie gar nicht machen wollen. Wenn die männlichen Vorgesetzten dann auch noch richtig unausstehlich sind, wird die Prozedur zur Qual. Die Männer schenken übrigens am Valentinstag nichts, denn dafür gibt es den „White Day“ am 14. März.

Godiva, selbstverständlich Profiteur des Valentintagswahnsinns, ersann nun einen veritablen Marketingtrick und schaltete ganzseitige Anzeigen in japanischen Zeitungen: Japan solle doch bitte mit dem „Giri Choko“ aufhören, denn der Valentinstag sei ein der Liebe gewidmeter Tag, und Schokolade soll man nicht ohne die dazugehörigen Gefühle einfach so verschenken, denn das widerspricht dem ganzen Prinzip des Valentintags.

Recht haben sie. Und diese Marketingaktion ist erstaunlich gewieft: Nicht nur, dass Medien diesen Artikel schnell aufgriffen – bei Frauen, den Hauptkunden von Godiva, punktet das Unternehmen mit dieser Anzeige natürlich ganz ungemein. Natürlich wird die „Giri Choko“-Masche natürlich trotzdem weitergehen, Godiva hin oder her. Als der (ausländische) Boss von Godiva Japan jedoch zum Thema interviewt wurde, kam natürlich auch die Frage, ob denn auch bei Godiva die Angestellten ihren Kollegen und Vorgesetzten Schokolade schenkten. Die Antwort: Rund um den Valentinstag sei man viel zu beschäftigt, da sei gar keine Zeit dazu.

Das Phänomen hält an: 92,5% der Japaner zählen sich zur Mittelschicht

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Mittelschicht? Oberschicht? Unterschicht?

Alljährlich führt die japanische Regierung eine Umfrage zur Lebenszufriedenheit der Landsleute durch, und seit Jahrzehnten weisen die Umfrage eine Konstante auf: Die Antworten auf die Frage, zu welcher Schicht sich die Befragten zählen würden. Obwohl Japan schon bei weitem bessere Zeiten gesehen hat, liegt der Anteil derer, die sich eher zur Mittelschicht zählen würden, bei guten 90%. Gerade einmal 5% zählen sich zur Unterschicht, und nur 1,1% zählen sich zur Oberschicht (der Rest, erstaunlich wenige, wohlgemerkt) war sich nicht sicher.

Ist in Japan der kommunistische Traum der klassenlosen Gesellschaft etwa Wirklichkeit geworden? Die Zahlen entspringen einer Umfrage und sind somit subjektiv. Die Zahlen sprechen hindes andere Bände – schenkt man diesen Glauben, ist die Anzahl der armutsgefährdeten Japaner in den vergangenen 10 Jahren um einige Prozentpunkte auf rund 16% angestiegen – jeden 6. Japaner könnte man demzufolge der Unterschicht zuordnen. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer: Die meisten wollen sich nicht zur Unterschicht gezählt wissen – entweder aus Stolz oder aus falschem Verständnis darüber, was es bedeutet, zur Mittel- oder Unterschicht zu zählen.

Leider ist es relativ unwahrscheinlich, dass sich die Lage in Bälde verbessern wird. Gerade Altersarmut ist ein großes Thema, und da der Anteil der älteren Bevölkerung stetig zunimmt, wird auch der Anteil der von Altersarmut Betroffenen steigen. Das dicke Ende kommt da auch erst noch. Während die jetzt in Rente Gehenden noch von den damals üblichen, durchaus sehenswerten Firmenrenten profitieren, wird es in 20 Jahren ganz anders aussehen – ein großer Anteil der jetzt 40- und 50-jährigen wird darauf angewiesen sein, was man privat zurücklegte, doch es gibt immer mehr Menschen, deren Geld nicht zu einer privaten Altersvorsorge reicht. Die staatliche Pflichtrente allein reicht da bei weitem nicht, um der Altersarmut zu entkommen.

Kapselhotels (oder: Nie Wieder)

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Kapselhotel in Japan
Kapselhotel in Japan

Es sind lange Nächte im Büro zur Zeit, denn es gibt viel, sehr viel zu tun. Und so habe ich mich in der vergangenen Woche mal wieder festgesessen und stand kurz vor Mitternacht vor der Entscheidung, nach Hause zu fahren oder nicht. Letzteres hätte bedeutet, dass ich wohl erst nach 1 Uhr angekommen wäre (nachts fahren die Öffentlichen etwas spärlicher), nur um gegen halb 9 wieder das Haus zu verlassen. Die Alternativen hiessen Taxi oder Hotel. Beides muss ich natürlich nicht selbst bezahlen, aber selbst das Taxi braucht seine Zeit. Hotel also. Hauptsache so nahe wie möglich am Büro. Mir fiel ein Schild ein, dass ich neulich erst gesehen hatte: „Bed & Sauna“. Offensichtlich ein nagelneues Kapselhotel. Also gebucht, für gerade mal 2,800 yen, hernach gegen 1 Uhr Abendbrot gegessen und schnell noch im Convenience Store Wäsche zum Wechseln gekauft.

Das Kapselhotel ist in der Tat sehr neu, und erwartungsgemäss sehr spartanisch. Auf einem Flur gibt es rund 40 Kapseln – 20 links, 20 rechts. 20 oben, und 20 unten. Männlein und Weiblein schlafen natürlich auf getrennten Etagen. Duschen und Sauna sind auch auf einem separaten Flur. Und nur zwei der 40 Kapseln scheinen besetzt zu sein. Wie schön – nach rund 16 Stunden Bildschirm und Meetings sollte das doch für ein paar Stunden reichen.

Es ist meine zweite Begegnung mit der Kapsel. Die erste, am Flughafen Haneda, war furchtbar – es war extrem warm, und ziemlich laut. In dieser hier war es relativ kühl. Die Kapsel selbst ist 2 Meter lang, also passe ich halbwegs rein. Also geduscht, kurzes Feierabendbier, und gegen halb drei ab in die Karnickelbucht. Ganz dunkel wird es leider nicht, da es keine Tür (oder besser: keinen Deckel) gibt, sondern nur eine Art Jalousie. Doch dann ging es los: Ein anfangs leises, sonores Brummen wurde immer aufdringlicher. Und alle 5 Minuten erschien ein Neuzugang im Stall, oft schnaufend, schlürfend, mit Tüten raschelnd oder schniefend. Ganz ruhig jetzt! Einfach ignorieren! Ich versuchte ganz fest, mit mir, der Welt, der Arbeit und dem nicht abreißenden Strom der neuen Alkovenbewohner ins Reine zu kommen. Doch aus dem Hinterhalt schlich sich ein Gedanke heran, auf leisen Sohlen, doch er wurde immer größer und so bunt und scheckig, dass ich ihn nicht mehr ignorieren konnte: „Psst!! Hier kannst Du eh nicht schlafen! Warum stehst Du nicht auf, fährst ins Büro und erledigst dort all die Sachen, die Du eh erledigen musst!“.

Gegen vier war die Schlacht verloren. Ich kroch aus der Plastedose, fuhr ins Büro und arbeitete dort bis 19 Uhr. Nie wieder Kapsel!

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