Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Kaiser begnadigt über eine halbe Million Straftäter

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Am 22. Oktober ist es soweit: Der neue Kaiser nimmt Platz auf dem Chrysanthementhron und beginnt so ganz offiziell die Reiwa-Ära. Da das nicht häufig vorkommt und ein Grund zum Feiern ist, wurde besagter Tag natürlich zum Staatsfeiertag erklärt. Und nicht nur das: Seit jeher ist es, nicht nur in Japan, Brauch, das ganze mit einer Amnestie abzurunden. Da will man auch dieses mal keine Ausnahme machen – in den folgenden Tagen wird die Regierung einen Erlass unterzeichnen, nach dem schätzungsweise 500’000 bis 600’000 Straftäter begnadigt werden¹. Das klingt nach viel, immerhin sind das fast 0.5% der Gesamtbevölkerung, doch wenn man genauer hinschaut, entpuppt sich das ganze a) als heiße Luft und b) als interessanter Einblick auf das japanische Rechtssystem. Wer nun meint, dass sich die Gefängnistore öffnen werden, irrt, denn die Begnadigung ist an gewisse Bedingungen geknüpft:

1. Es darf sich nicht um schwere Straftaten gehandelt haben
2. Die Begnadigung betrifft nicht Straftäter, die mit Freiheitsentzug bestraft wurden
3. Die Straftat muss mehr als drei Jahre zurückliegen.
4. Es darf keine Vorstrafe vorliegen

Mit anderen Worten – nur die werden begnadigt, die quasi wegen diverser Vergehen zu Geldstrafen verurteilt wurden. Was soll dann also die Begnadigung? Nun, wer wegen eines Deliktes verurteilt wurde, darf für 5 Jahr nicht an staatlich anerkannten Prüfungen, zum Beispiel im Rahmen einer Berufsaus- oder weiterbildung, teilnehmen. Von der Amnestie profitieren in dem Sinne eigentlich nur die, die genau das im Zeitraum von 3 bis 5 Jahren nach der Straftat vorhatten. Immerhin bedeutet das aber auch, dass jegliche Einträge über den Straftäter gelöscht werden sollen – wie eingangs erwähnt sind jedoch Vorstrafen (前科 zenka) davon ausgeschlossen.

Nun klingt eine halbe Million wirklich nach sehr viel – doch das ist nichts im Vergleich zum Vorgänger: Nach dem Ableben des Showa-Tenno 1989 wurden rund 10 Millionen (!) Menschen begnadigt²; ein Jahr darauf, bei der Inthronisierung des Heisei-Tenno, noch einmal 2,5 Millionen Menschen. Und da beliess man es auch nicht bei leichten Strafen – man milderte auch die Strafen von vielen Gefängnisinsassen ab (die Aussetzung von Todesurteilen, wie früher ebenfalls üblich, fand allerdings 1989/90 nicht statt). Diese relativ harmlose Amnestie entspricht sicher dem Zeitgeist. Amnestien machen Sinn in Systemen mit willkürlicher Gewalt gegenüber den Staatsbürgern. In einer Demokratie mit einem geordneten Rechtssystem wirkt eine Amnestie eher wie ein Anachronismus, und gerecht ist das ganze schon gar nicht. Wer vor 3 Jahren und einem Tag verurteilt wurde, wird begnadigt – wer vor knapp 3 Jahren verurteilt wurde nicht. Das klingt nach Ungerechtigkeit.


¹ Siehe hier
² Siehe hier

Mini gegen Maxi: Kapitalismus mal so und mal so

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Neulich stand eine neue Instantnudelvariante in meiner Küche, die ich erst als Werbegag abtat. Es war aber keiner – es gibt nunmehr gerade mal handtellergrosse Instantnudelschalen mit rund 200 Kalorien für den wirklich ganz kleinen Appetit zu kaufen. Nicht, dass mich das wirklich wundert, denn während in den USA und anderswo die Konsumprodukte, zumindest so es um Speis und Trank geht, immer größer werden, läuft der Hase in Japan in die andere Richtung. Alles wird kleiner. Interessanterweise widersprechen sich die Trends nicht einmal: In den USA lautet das Motto “ob 300ml oder 600ml ist vom Einkaufspreis fast egal, Hauptsache wir haben einen Sale”, in Japan hingegen macht man einfach mehr Profit mit vielen kleineren Sachen. Käse oder Butter sind da wunderbare Beispiele. Man kann knapp 4 Euro für 200 Gramm Butter bezahlen (bei Importbutter gern über 10 Euro), oder sich die kleinere 50 Gramm-Packung für 2 Euro kaufen. Da wird dann eben schnell gern der doppelte Preis verlangt. Mein Favorit sind dabei Käsewürfelchen in einem Bahnhofsladen: 20 Gramm Käsekrümel, im Plastebecher, mit Spießchen, für sage und schreibe 2 Euro. Da kostet das Kilogramm dann eben 100 Euro, und das für ganz ordinären Parmesan. Japan ist wahrscheinlich auch eines von sehr wenigen Ländern, das Bier in 135 Gramm-Dosen verkauft.

Es wird immer wieder negativ darüber berichtet, dass in Japan alles zehn Mal eingepackt wird und somit riesige Berge von Müll entstehen. Dabei ist der normale Verpackungsmüll nur eine Seite des Problems. Die Miniaturisierung und das ach so praktische Verpacken kleinster Nahrungsmittelmengen in Plastik und Co dürfte das schlimmere Problem sein. Das Verhältnis von Müll zu Inhalt bei der Nudelsuppe im Bild liegt beinahe bei 1:1, und natürlich nicht nur das: Natürlich besteht die Verpackung auch noch aus schwer trennbaren Verbundstoffen. Einfach Wahnsinn. Natürlich ist das andere Extrem in den USA auch nicht besser – von den gesundheitlichen Folgen mal abgesehen landen dort einfach mal sehr viele Nahrungsmittel auf dem Müll, was auch nicht im Sinne des Erfinders ist.

Klimaschutz muss “sexy” werden: Echt jetzt, Umweltminister Koizumi?

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Das neue Sternchen am japanischen Politfirmament heisst Shinjirō Koizumi. Und wer jetzt meint, den Namen Koizumi schon mal gehört zu haben, irrt sich nicht, denn der Vater war von 2001 bis 2006 japanischer Ministerpräsident und bekannt für seine hemdsärmelige Art, den Politikbetrieb umzukrempeln. Der Sohn ist gerade mal 38 Jahre alt, wurde aber jüngst zum Umweltminister berufen, und das ist in Japan durchaus etwas besonderes, denn die meisten Ministerposten werden an Politiker vergeben, die, um es mal sarkastisch auszudrücken, schon mit einem Bein im Grab stehen. Die ersten Schlagzeilen machte der neue Prinz jedoch in eigener Sache, denn er gab jüngst bekannt, Christel Takigawa (41), Tochter eines japanisch-französischen Paares und bekannt als Nachrichtensprecherin, zu ehelichen. Takigawa war allen spätestens seit ihrer Abschlusspräsentation für die Olympischen Spiele 2020 in Tokyo ein Begriff.

Seine grössten beruflichen Auftritt hatte Koizumi vorgestern also in New York, als zahlreiche Staats- und Regierungschefs begannen, über den Klimawandel zu diskutieren. Bei einer Pressekonferenz wurde Koizumi zu der äusserst schwachen Bilanz der japanischen Klimaschutzmaßnahmen befragt. Denn vom Glanz des 1997 verabschiedeten Kyoto-Protokolls ist nichts übrig geblieben. Gut drei Viertel seiner Energie bezieht Japan heuer aus fossilen Brennstoffen, und während in allen anderen Industrienationen damit begonnen wird, sich aus der Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen zu verabschieden, werden hierzulande sogar etliche neue Kraftwerke auf Gas- und Ölbasis geplant bzw. gebaut. Ganz verwunderlich ist das nicht: Seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima infolge der Erdbeben und des Tsunamis 2011 ist der Widerstand gegen die Kernenergie gross, und man war gezwungen, das Drittel der von den AKW erzeugten Energie anderweitig zu produzieren – und zwar quasi von heute auf morgen. Da es wesentlich einfacher und billiger ist, Kraftwerke mit fossilen Brennstoffen zu bauen, setzte man hauptsächlich auf Erdgas und Erdöl.

Nach etwas Herumdrucksen forderte Umweltminister bei der Pressekonferenz schliesslich – auf Englisch – dass ein so schwerwiegendes Problem wie der Klimaschutz vor allem folgendes werden müsse: “fun”, “cool” und ja, sogar “sexy”. Das sind in der Tat neue Worte, die man so kaum von einem Minister hört, und sie wurde entsprechend gern von den Medien aufgenommen.

Jedoch – was nutzen diese jung-dynamisch funkelnden Adjektive in dieser Debatte? Sicher, Klimaschutz muss ganz unten beginnen, bei jedem Einzelnen. Think globally, act locally. Doch mit den genannten Attributen lenkt Koizumi doch nur davon ab, dass die japanische Regierung momentan in Sachen Klimaschutz kolossal versagt. In Japan greifen das METI (Wirtschaftsministerium) und andere Behörden sonst so gern in das Geschehen ein, aber beim Klimaschutz tut sich kaum noch etwas, dabei ist auch Japan durchaus bedroht. Dennoch werden nur rund 15% der gesamten Energie klimafreundlich erzeugt – im internationalen Vergleich ist das äusserst dürftig. Auch die für die CO2-Reduktion gesetzten Ziele sind eher gering, und es ist noch nicht abzusehen, ob man diese Ziele überhaupt erreichen wird. Doch die Worte des Ministers lassen befürchten, dass er den Ernst der Lage nicht begreift. Sicher muss man auch der Bevölkerung den Klimaschutz schmackhaft machen. Doch mit der billigen Forderung, dass ganze soll sexy sein, ist es nicht getan: Langsam sollte sich das Umweltministerium in Japan mal an die internationalen Hausaufgaben machen. Das ist zwar weder fun noch cool, aber zukünftige Generationen, darunter auch (das bereits angesetzte) Kind des Ministers, mögen es ihnen später wahrscheinlich danken.

Posse um radioaktiv verseuchtes Wasser aus Fukushima

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Es wäre beinahe zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre: Die Diskussion darüber, was mit dem radioaktiv verseuchten Wasser des havarierten AKW in Fukushima geschehen soll. Noch immer müssen die inneren Bereiche permanent mit Wasser gekühlt werden, und noch immer wird das Kühlwasser bei dem Prozess radioaktiv verseucht, weshalb es momentan in zahllosen Tanks rund um das AKW gelagert wird. Momentan sind das grob geschätzt 1 Million Kubikmeter (oder eben Tonnen) oder bildlich gesprochen, so viel Wasser, wie in Hamburg in knapp einer halben Stunde durch die Elbe fliesst. Eine ganze Menge also. Das Wasser ist dabei hauptsächlich mit 3H, bekannt unter den Namen Tritium oder auch superschwerer Wasserstoff, kontaminiert – ein Betastrahler mit einer Halbwertszeit von gut 12 Jahren.

Der AKW-Betreiber TEPCO schätzt, dass man noch genügend Platz für die kommenden drei Jahre hat, weshalb man sich berechtigterweise jetzt schon Gedanken darüber macht, wo das Wasser hin soll. Der vorherige Umweltminister Harada schlug vor, das Wasser ganz einfach in den Pazifik abzulassen, und bezog dafür ordentlich Schelte von den ohnehin gebeutelten Fischern der Präfektur. Als nächstes kam jemand auf die Schnapsidee, das Wasser in die Bucht von Osaka abzulassen. Eine Wahnsinnsidee deshalb, weil die Gegend rund um Osaka sehr dicht besiedelt ist, und weil man das Wasser erstmal rund 700 km weit bis dorthin transportieren müsste.

Matsui, der Bürgermeister von Osaka, bemerkte heute dazu nun, dass sich die Stadt (bzw. Präfektur) durchaus aus Solidarität zu Fukushima zu der Aktion bereit erklären könnte, so vorher wissenschaftlich nachgewiesen werden könne, dass das Wasser keine gesundheitlichen Schäden für Menschen verursachen würde.

Das klingt alles sehr seltsam. Und zwar deshalb, weil man weniger vor der Radioaktivität als vor 風評 fūhyō Angst hat. Fuhyo setzt sich aus “Wind” und “Bewertung” zusammen und bedeutet von der Sache her “Gerücht”. Wenn also das Gerücht die Runde macht, dass Produkte aus Fukushima kontaminiert sein könnten, würden die Kunden nichts mehr von dort kaufen, ob an der Sache nun was dran ist oder nicht. Das ist natürlich nicht nur in Japan so. Ob allein der Glaube daran, dass das tritiumverseuchte Wasser wirklich Null Schäden verursachen wird, die Sache völlig unbedenklich machen wird steht auf einem anderen Blatt. Es klingt jedenfalls nach schlichtem Wahnsinn, das Wasser weit weg zu transportieren – und es direkt vor einem Ballungsgebiet mit über 10 Millionen Menschen in eine Bucht zu kippen, die durch Meeresengen auf beiden Seiten beengt ist.

Gotemba Premium Outlets

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Gotemba Premium Outlets vor dem Fujisan
Gotemba Premium Outlets vor dem Fujisan

Fragt man junge Japaner nach ihren Hobbys, hört man oft “Shopping”. Und zwar am liebsten in einen der Outlet Parks. Die Idee dahinter ist, dass hauptsächlich Modelabel dort fehlerhafte Ware (oder Restbestände) zu Werksverkaufspreisen verhökern können. Das mag bei einigen hochwertigen Markennamen tatsächlich der Fall sein, aber viele Modehersteller verkaufen dort ganz einfach alle ihre Produkte mit mehr oder weniger grossem Preisnachlass. Grössere Outlet Parks haben bis über 200 Läden, und da man dort auch etwas essen kann, verbringen dort nicht wenige einen ganzen Tag.

Lebt man lange genug in Japan, landet man selbst auch zwangsläufig in einem Outlet Park, aus mitunter profanen Gründen. Entweder wird man dort hingeschleift, oder man befindet die Einrichtungen als praktisch, da man zum Beispiel auch problemlos Schuhe und andere Sachen in der benötigten Grösse findet. In einem normalen Schuhladen ist es nämlich noch immer fast ein Wunder, wenn man Schuhe in der Grösse 44 findet.

Nun gibt es in und rund um Tokyo etliche Outlet Parks — hier eine Auswahl der bekanntesten:

Name Präfektur Geschäfte Eröffnet
Mitsui Outlet Park Kisarazu Chiba 171 2012
Sano Premium Outlet Gunma 170 2000
Mitsui Outlet Park Iruma Saitama 204 2008
Nasu Garden Outlet Tochigi 146 2008
Mitsui Outlet Park Makuhari Chiba 135 2000
Shisui Premium Outlet Chiba 210 2013
Ami Premium Outlet Ibaraki 151 2009
Mitsui Outlet Park Yokohama Bayside Kanagawa 84 1998
Ōarai Seaside Station Ibaraki 70 2006
Aeon Laketown Outlet Saitama 130 2011
Gotemba Premium Outlet Shizuoka 205 2000
Mitsui Outlet Park Tama Minami Ozawa Tokyo 117 2000
Venus Fort Tokyo 190 1999

Mit wenigen Ausnahmen (Venus Fort, Makuhari) liegen all diese Outlet Center auf der grünen Wiese und sind damit nicht ganz so einfach erreichbar. Auffällig ist, dass der Outlet-Boom rund um die Jahrtausendwende begann. Vorher gab es sowas in Japan nicht.

Unter all diesen Outlet Parks ist vor allem der in Gotemba attraktiv, denn er liegt direkt am Fusse des Fuji-san (siehe Foto). Wahrscheinlich deshalb ist besagtes Einkaufszentrum auch bei chinesischen Touristen äusserst beliebt. Zu recht. Wer keine Lust mehr hat auf Anziehsachen zu starren, kann einfach den Fuji-san in seiner vollen Pracht bestaunen. Die Touristen wissen immerhin, dass es sich um den Fuji-san handelt: Heute standen drei junge Japanerinnen neben mir und grübelten lautstark, ob das wohl der Fuji-san sein solle. Irgendwann reichte es mir, und ich versicherte ihnen, dass dies sehr wohl der Fuji-san ist. “Aber ich dachte, da ist immer Schnee drauf!” entgegnete eine Frau darauf hin. “Nein, im Sommer nicht. Erst ab November” erklärte ich ihr. Ihre Freundin meinte daraufhin leise “Das ist jetzt echt peinlich für uns als Japaner”. Recht hatte sie…

Übrigens: Mit dem Zug ist die Anreise aus Tokyo etwas mühsam, aber immerhin fahren kostenlose Zubringerbusse vom Bahnhof Gotemba. Und: Es gibt auch Busse, die von Tokyo aus direkt zum Outlet Park fahren.

Zehntausende noch immer ohne Strom. Und Wasser. Und Benzin.

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Dem Taifun folgten heftige Gewitter
Dem Taifun folgten heftige Gewitter

Erst nach und nach wird das Ausmass des Taifuns, der vor drei Tagen über Tokyo und Umgebung zog, bewusst. Während die Schäden im Stadtbereich von Tokyo übersichtlich blieben, hat es die Nachbarpräfektur Chiba besonders schwer getroffen. Zeitweilig waren dort bis zu 900,000 Menschen ohne Strom, was besonders in den zwei Tagen nach dem Taifun kritisch war. Taifune haben die Eigenschaft, sehr heiße und feuchte Luft hinter sich herzuziehen – so waren am Dienstag und Mittwoch Tagestemperaturen von 36 Grad und mehr und Nachttemperaturen von circa 30 Grad angesagt. Ohne Klimaanlage und teilweise sogar ohne Wasser bringt das viele Menschen, vor allem die ganz Alten und die ganz Jungen, in eine kritische Lage.

Drei Tage später wurde viel wiederhergestellt, doch laut Energieversorger TEPCO sind auch heute, am Donnerstag, noch immer geschlagene 300’000 Haushalte ohne Strom. Es ist verrückt: Man muss nur eine Stunde lang mit dem Auto raus aus Tokyo (in der sich die Lage bereits Stunden nach dem Taifun normalisiert hatte) fahren – zum Beispiel nach Kimitsu oder Yotsukaido, und schon befindet man sich in einer Gegend, in der es momentan rein gar nichts gibt: Kein Strom, kaum Benzin, gebietsweise kein Wasser, kaum Lebensmittel und – kaum Informationen. Dort bilden sich an Tankstellen und in Rathäusern lange Schlangen – in den letzteren, weil dort Wasser bereitgestellt wird sowie Steckdosen, um Telefone und dergleichen aufzuladen, doch auch die sind natürlich nur von begrenztem Nutzen, da viele Sendemasten (und Wifi-Provider sowieso) ausgefallen sind.

Noch sind nicht alle Folgen beseitigt, ist nun bereits eine volle Debatte über die Folgen entbrannt, den Taifun Faxai deckte einige Schwachstellen auf. So gab es zum Beispiel massive Störungen im Bahnverkehr, vor allem auf Strecken in der Präfektur Chiba – in deren Mitte der Internationale Flughafen Narita liegt. Über 13’000 Passagiere lagen noch am Tag nach dem Taifun am Flughafen fest, da nahezu alle Wege nach Tokyo verschlossen waren: Sowohl Bahnlinien als Autobahnen waren einfach dicht. Ein thailändischer Passagier postete ein paar Fotos von der Lage in Narita:

Fazit: An dem Taifun wird man noch eine Weile lang zu knabbern haben. Und man kann nur hoffen, dass sich das so schnell nicht wiederholt.

Taifun Faxai legt Tokyo lahm

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Tamagawa nach dem Taifun
Tamagawa nach dem Taifun

In der Nacht vom 8. zum 9. September fegte Taifun Faxai über Shizuoka, Kanagawa, Chiba und Tokyo, und dieser Taifun hatte es in sich. Selbst beim Eintreffen in der Hauptstadt hatte er noch das markante Auge – das bedeutet, dass der Taifun kein bisschen abgeschwächt war. Mit 965 hPa Luftdruck und Windgeschwindigkeiten von bis zu 210 Stundenkilometern brachte er an einigen Orten bis zu 400 Millimeter Regen. Drei Todesopfer sind soweit zu beklagen, und bis zu 40 Verletzte. Grosse wie kleine Strommasten knickten um, und bis zu 900’000 Menschen waren beziehungsweise sind ohne Strom, wobei man davon ausgeht, dass es schwierig sein könnte, den Strom für alle bis Ende des Monats wiederherzustellen.

Obwohl der Taifun nachts über Tokyo zog, herrschte bis zum Mittag Verkehrschaos. Viele Linien fuhren erst nach 8 oder 9, manche erst nach 10 Uhr morgens. Bis dahin mussten alle Strecken gesichtet und geräumt werden. Alles in allem muss man jedoch sagen, dass der heutige Taifun die Ergebnisse dieser Studie nur bestätigt hat. Nur wenige Städte können so ein Unwetter relativ unbeschadet überstehen. Zu diesem System gehören auch permanente Warnungen aufs Handy (die sich bei vielen Modellen nicht abschalten oder stumm schalten lassen). Letztendlich war ich allerdings nicht sicher, was mich nachts am meisten wach hielt: Das permanente Geräusch, als ob jemand alle zwei, drei Sekunden eine Wasserkanone auf mein Haus hält, oder die Meldungen auf dem Handy, dass man sich hier und da vor Schlammlawinen und dergleichen in Acht nehmen sollte.

Als ursprünglicher Geograph betrachtet man dieses Naturphänomen natürlich immer mit besonderem Interesse – in der letzten Nacht allerdings auch mit etwas Schaudern – schliesslich weiss man nie so genau, was alles umhergeflogen kommt.

Taifun kurz vor dem Eintreffen in Tokyo
Taifun kurz vor dem Eintreffen in Tokyo

Die Ramen-Datenbank wächst und wächst

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Ein kleiner Hinweis in eigener Sache – ein bisschen Werbung muss auch mal sein: Die im Februar angekündigte Ramen-Datenbank wächst und gedeiht. Momentan beschränkt sich die Auswahl noch auf den Großraum Tokyo, aber im Laufe der Zeit werden sicher noch neue hinzukommen. In einem guten halben Jahr sind insgesamt rund 25 Restaurants dazugekommen, darunter auch ein Michelin-gekürtes. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Es gibt übrigens durchaus Auswahlkriterien. Da ich zu jedem Restaurant eine eigene Seite erstelle, werden weniger bemerkenswerte Restaurants nicht gelistet. Wenn’s nicht schmeckt, dann lass ich es bleiben. Damit fallen auch schon zahlreiche Ketten aus — die meisten hier aufgeführten Läden haben nur eine, manchmal auch zwei oder drei Filialen. Die einzelnen Seiten kann man übrigens kommentieren. Wenn Ihr also im gleichen Restaurant ward und meine Meinung teilt, oder auch nicht, dann hinterlasst einfach einen Kommentar. Wenn Ihr ein Ramen-Restaurant kennt, dass hier nicht fehlen sollte, hinterlasst mir einen Kommentar. Läden, die versuchen, ihre Gäste mit unvernünftig grossen Portionen oder Riesenmengen von Bambussprossen abzuspeisen versuchen, haben allerdings kaum eine Chance auf Aufnahme.

Ausgesuchte Ramen-Restaurants

Und die sicherste Stadt der Welt ist…

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Alle zwei Jahre erscheint der Safe Cities Index, herausgegeben von der The Economist Intelligence Unit (und bemerkenswerterweise von NEC gesponsert)¹. Dort wurden in diesem Jahr 60 ausgewählte Städte weltweit nach diversen Kriterien durchleuchtet und bewertet – hauptsächlich ging es dabei um:

1) Persönliche Sicherheit
2) Cybersecurity
3) Gesundheitswesen
4) Infrastruktursicherheit

Angeführt wurde die Liste in diesem Jahr von Tokyo, gefolgt von Singapur, Osaka, Amsterdam und Sydney. Nur eine deutsche Stadt wurde bewertet — Frankfurt am Main, das auf Platz 16 landete. Am Ende der Liste stehen Städte wie Yangon, Caracas und Lagos.

Besonders in Sachen Cybersecurity schnitt Tokyo gut ab, wobei gerade dieses Feld recht schwer einzuschätzen ist. Hier geht es vor allem darum, wie hoch die Gefahr ist, aufgrund von Computer- und Netzschäden geschädigt zu werden, was zum Beispiel auch die Sicherheit von Geldautomaten und dergleichen mit einbezieht. Das gute Abschneiden von Tokyo ist dabei keine grosse Überraschung: Gewaltverbrechen wie auch Diebstahls- und andere Delikte sind in der Tat eher selten, das Gesundheitswesen ist relativ gut aufgestellt (Stichpunkt Krankenhausbettendichte, Arztdichte und dergleichen), und in Sachen Katastrophenschutz gibt Tokyo sehr viel Geld aus, um auf den durchaus realistischen Fall der Fälle gewappnet zu sein – schliesslich ist die Stadt akut durch Erdbeben und Taifune und andere Starkregenereignisse bedroht.

Auch subjektiv gesehen kann ich das nur bestätigen: Ich fühlte mich vor über 20 Jahren in Tokyo sehr sicher, und ich fühle mich auch heute noch sehr sicher, aber das liegt eventuell auch daran, dass ich mich bisher auch in diversen sehr unsicheren Orten herumgetrieben habe. Im Angesicht der anstehenden Olympischen Spiele im nächsten Jahr ist der Bericht jedenfalls eine gute Nachricht für die Stadtverwaltung: Man ist soweit ganz gut aufgestellt.

¹ Der volle Bericht kann hier heruntergeladen/eingesehen werden.

UV-Stempel gegen Grapscher. Und nun?

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Einer der grössten Hersteller von Stempeln jeglicher Art, Shachihata, hat heute testweise ein neues Produkt veröffentlicht — einen UV-Stempel, mit dem man, man kennt das Prinzip aus Clubs und Veranstaltungen, etwas mit einer für das blosse Auge nicht sichtbaren Farbe abstempeln kann. Gedacht ist der kleine Stempel als Abschreckung für Grapscher, die seit Jahrzehnten ein Problem in den vollen japanischen Zügen darstellen. Wird eine Frau angegrapscht, kann sie so schnell den Stempel zücken, die böse Hand abstempeln und dann am nächsten Bahnhof alle um sie herumstehenden Männer zum nächstgelegenen UV-Licht zerren. Hat jemand dann einen Stempel in der Form einer Hand auf der Pfote, ist der Missetäter so überführt.

Was für ein Bockmist. Denn die Masche geht auch andersrum: Es gab auch schon genügend Fälle, in denen Kleinkriminelle im Paar arbeiten und ahnungslose Passagiere erpressen, nach dem Motto “Wir schleifen Dich jetzt zur Polizei und behaupten, Du hast sie angegrapscht, oder Du bezahlst hier und jetzt eine gewisse Summe an uns”. Das ist eine ernstzunehmende Drohung, denn wie bereits mehrfach ausgeführt, hat man kaum Chancen auf einen Freispruch, wenn man erstmal vor Gericht landet. Im Zweifel für den Kläger. Mit so einem Stempel wird diese Masche nun noch einfacher. Und natürlich ist das ganze Blödsinn, denn eine Hand kann man überall abstempeln, egal wo sie steckt.

Trotzdem wurden 500 Exemplare für jeweils rund 20 Euro innerhalb einer Stunde verkauft. Das ganze als “Test” anzuführen ist natürlich ebenso Blödsinn — einen UV-Stempel herzustellen ist ja nun wahrhaftig keine Kunst. Das ist letztendlich reines Marketing, über dass sich die ganzen Medien (und meine Wenigkeit) hermachen. Nach “offiziellem Verkaufsbeginn” darf man davon ausgehen, dass viele Tausend Frauen diesen Stempel in ihre jetzt schon zum Bersten vollen Handtaschen einpacken werden. Meinetwegen. Aber ein mulmiges Gefühl bleibt. Denn bisher hielt ich mich, so der Zug berstend voll ist (also jeden Morgen) an die Devise “Immer schön die Hände oben lassen, wo andere sie auch sehen können”. Aber was hindert jemanden mit bösen Absichten daran, da mal kurz mit besagtem Stempel rüberzufahren? Ein Alptraum…

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