Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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„Dunkler Tourist“ bringt Fukushima-Verantwortliche in Rage

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Seit einiger Zeit macht eine Doku der etwas anderen Art von sich Reden – „Dark Tourist“ heisst die Reihe, und sie wurde von Netflix produziert beziehungsweise gekauft. Dort reist David Farrier, ein neuseeländischer Reporter mit einem erfrischend trockenen Humor, zu etwas außergewöhnlichen Reisezielen – oftmals Orte, an denen es eine Tragödie gab, oder aber Orte für Menschen mit einem Sinn für’s Makabre. Reiseziele für „Dark Tourists“ eben. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich den Mann nicht verstehen kann. Auf meinen Reiserouten lagen auch einige außergewöhnliche Orte wie zum Beispiel Vukovar oder Transnistrien und dergleichen.

Auch in Japan hat sich der Dark Tourist umgesehen, und seine Wahl fiel – das ist alles andere als überraschend – auf die Sperrzone um das 2011 havarierte Atomkraftwerk in Fukushima, sowie auf den „Selbstmordwald“ von Aokigahara. Im Falle von Fukushima schloss er sich einer kleinen Reisegruppe an – fast alles westliche Reisende, und ausnahmslos mit Geigerzähler bestückt. Das makabre an dieser Szene: Die Touristen werden mit zunehmender Strahlung immer nervöser und brechen die Tour letztendlich sogar ab. Zwar hatten sie höhere Strahlenwerte erwartet, aber nicht so hohe. Nun ja. Ob dieser Naivität kann man getrost staunen, aber die Botschaft dahinter ist bitterernst: Weite Teile der einstigen Sperrzone wurden jüngst freigegeben, da die Strahlenwerte angeblich in einen toleranten Bereich zurückgegangen sind. Doch natürlich ist die Strahlung nicht überall gleich stark, so dass man auch in diesen angeblich sicheren Zonen Werte jenseits von Gut und Böse misst. Wer dorthin reist, sollte sich dessen bewusst sein. Und man sollte sich auch dessen bewusst sein, dass dort Menschen arbeiten – jahrelang, wohlgemerkt.

In einer weiteren Szene mutmasst unser dunkler Tourist bei einem Essen in der AKW-nahen Stadt Namie, dass das Essen möglicherweise auch belastet sein könnte.

Berichten¹ zufolge überlegt nun die Präfekturregierung von Fukushima, zusammen mit dem Ministerium für Wiederaufbau gerichtlich gegen Netflix und den Reporter vorzugehen, da man befürchtet, dass die Folge die Präfektur und ihre Bewohner verleumde und damit schädige. Was für ein Blödsinn! Aus Sicht der Verantwortlichen macht das zwar Sinn, da man ja seit der Katastrophe redlich bemüht ist, alles kleinzureden. Doch anstatt beleidigt irgendwelche Reporter und Programmdirektoren vor den Kadi zu zerren, sollte man sich lieber der Kritik stellen und die Dinge darstellen, wie sie sind (beziehungsweise von unabhängigen Institutionen darstellen lassen), um Klarheit zu schaffen – ohne Panikmache, aber auch ohne Verharmlosung. Denn so viel steht fest: Man gibt sich wirklich große Mühe, dass Problem in den Griff zu bekommen. Doch es liegt in der Natur der Sache, dass dies nicht von heute auf morgen zu packen ist.

¹ Siehe unter anderem hier.

TV-Tipp: Sieben Tage Japan auf Arte (ab Samstag, 1. September 2018)

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An TV-Abende mit Arte erinnere ich mich gern. Da gab es zum Beispiel eine Doku zum Thema „Geschichte der Animes“ – die hatten mich bis dato nie richtig interessiert, aber die Doku schaffte es, selbst mich zu begeistern. Ich bin zwar nach wie vor kein großer Fan, aber ich verstehe jetzt, warum andere es sind.

Zum Thema Japan gab und gibt es immer wieder sehr gute Reportagen auf Arte, und heute ist es wieder so weit: Vom 1. September an strahlt Arte etliche Sendungen zum Thema Japan aus – eine ganze Woche lang, und viele der Sendungen sind Erstausstrahlungen. Dazu gehören:

  • 360° – GEO Reportage: Japan, Leben am Fuße des Vulkans (gedreht auf Iwojima!)
  • Seiji Ozawa dirigiert Beethovens 7. Sinfonie / Seiji Ozawa Doku
  • Unterwegs mit Gérard Depardieu in Japan (5-teilige Doku)
  • Japan von oben – 5-teilige Reihe mit spektakulären Luftaufnahmen
  • Die sieben Samurai – der Klassiker von Kurosawa

und einiges mehr. Die Pressemitteilung sagt dazu:

Japan – ein Land der Traditionen und Gegensätze – steht bei ARTE Anfang September im Fokus. Der viertgrößte Inselstaat der Welt vereint jahrhundertealte Traditionen mit pulsierender Modernität, fasziniert mit eindrucksvollen Landschaften und kulturellem Reichtum. „Japan von oben“ zeigt Japan in großartigen Luftaufnahmen aus der Vogelperspektive. Die „360° Geo Reportage“ erkundet die Insel Iwojima, deren Supervulkan unter dauernder Beobachtung steht. Weitere Höhepunkte sind Filme wie das historische Doku-Drama „Ein Samurai im Vatikan“ oder Sidney Pollacks bildgewaltiger Thriller „Yakuza“. Und nicht zuletzt entführt Gérard Depardieu in die facettenreichen kulinarischen Welten des Landes – eine faszinierende Entdeckungsreise zu den vielfältigen Kultur- und Naturschätzen Japans.

Genaueres kann man wie immer dem Online-Programm von Arte entnehmen. Und ich hoffe, dass man die Titel auch später in der Mediathek von Japan aus abrufen kann.

Wider die Landflucht: Starthilfen für Unternehmer

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Leider kein seltenes Bild: Einsame Ladenstraße auf dem Land
Leider kein seltenes Bild: Einsame Ladenstraße auf dem Land

Heute gab die Regierung bekannt, dass sie auch im folgenden Jahr wieder Prämien für Unternehmer zahlt, die den Mut haben, sich außerhalb von Tokyo und den angrenzenden Präfekturen niederzulassen. Aus gutem Grund: Die Landflucht hält unvermindert an, und gepaart mit der niedrigen Geburtenrate führt das zu einer regelrechten Entvölkerung ganzer Landstriche. Die Daheimgebliebenen sind entweder zu alt, um wegzuziehen, oder regelrecht gezwungen, in den Ballungsgebiete zu ziehen, da es auf dem Land an Stellen fehlt. Die Maßnahme, die dem entgegensteuern soll, verspricht jedem Unternehmer, der seine Firma auf das Land verlegt, bis zu 3 Millionen Yen Starthilfe – das entspricht etwa 23’000 Euro, sowie noch einmal bis zu einer Million Yen für die, die einen Rentner oder eine weibliche Kraft anstellen.¹

Der Fördertopf für diese Maßnahmen beträgt wohl fast 800 Millionen Euro. Wenn man mal annimmt, dass eine durchschnittliche Firma 5 Rentner/Frauen vor Ort anstellt, wäre damit Geld für circa 12’500 Firmenumsiedlungen vorhanden. Das klingt zwar erstmal viel, ist aber in Wirklichkeit eine eher kleine Zahl, denn insgesamt gibt es in Japan rund 3,8 Millionen mittelgroße und kleine Unternehmen – und ziemlich genau eine Million davon befinden sich in Tokyo, Saitama, Chiba und Kanagawa².

Mit der Maßnahme will man den sogenannten UJIターン UJI-Turn regeln – ein interessanter Begriff: U-Turn steht für Menschen, die aus der Provinz in die Hauptstadtregion ziehen – und wieder zurück. J-Turn steht, ganz der Buchstabenform entsprechend, für diejenigen, die vom Land erst in die Hauptstadtregion siedeln, um sich dann später irgendwo in der Nähe der Hauptstadt (zum Beispiel in Ibaraki) niederlassen. Der I-Turn bezeichnet entsprechend diejenigen, die schnurstracks in die Hauptstadt ziehen – oder aus der Hauptstadtregion wegziehen. Ohne Rückkehr.

Eine vernünftige Maßnahme, doch letztendlich wird sie ein Tropfen auf dem heißen Stein sein. Vielleicht ist es aber mal Zeit für mich, ernsthafter über meinen „Gasthof bei Tabibito“ mitten in Kyushu nachzudenken :)


¹ Siehe unter anderem hier
² Siehe hier

Mobilfunkbetreiber verdienen zu viel | Mobilfunkchaos

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Nach Meinung der Regierungspartei ist es an der Zeit, regulierend in den Mobilfunkmarkt einzugreifen. Man stellte nämlich fest, dass im Jahr 2017 die Höhe des verfügbaren Einkommens im Vergleich zu 2007 um rund 3,5% gesunken war; die Höhe der durchschnittlichen Mobilfunkkosten stieg jedoch im gleichen Zeitraum um gute 25%. 2017 gab der Durchschnittsjapaner ziemlich genau 100’000 Yen pro Jahr für sein Handy aus – das sind fast 800 Euro. Die Zahl kann ich bestätigen – meine Handyrechnung ist sogar ein kleines bisschen höher. Die großen drei Netzbetreiber, Softbank, Docomo und KDDI (au) verdienen sich, vorsichtig gesagt, dumm und dämlich.

Die Politik überlegt deshalb, per Dekret die Gesprächsgebühren einzudämmen¹. Das klingt zwar nach Sozialismus, aber in der EU geschah ja Ähnliches – da dämmte man die Roaminggebühren per Gesetz ein. Auch in Japan ist die Maßnahme kein Novum: 2015 befahl die Regierung den Betreibern, günstigere Tarife für diejenigen anzubieten, die auf kein großes Datenvolumen angewiesen sind. Doch wird die Kappung der Gesprächsgebühren einen Unterschied machen? In meinem Fall zum Beispiel kaum. Ich benutze mein Handy kaum zum Telefonieren – höchstens, um meine bessere Hälfte angerufen, doch da wir einen Familienvertrag haben, kosten diese Gespräche keinen Yen. Es ist eher das Datentransfervolumen (50GB pro Monat) sowie der Preis für das Handy selbst, plus zahlloser Extras, über die jeder Handybesitzer längst den Überblick verloren hat, die den monatlichen Preis hochtreiben.

Doch es kommt auch Bewegung in den Markt. Ein neuer Provider, UQ Mobile, aber auch Yahoo! Japan und andere stürmen auf den Markt und versprechen bessere Preise, so zum Beispiel das kleinste iPhone für 3,500 yen pro Monat, 24 Monate Laufzeit und 3,000 yen Anzahlung. Der Plan: Anrufe unter 5 Minuten kosten nichts, und man kann 2GB Daten pro Monat hin- und herschieben – danach wird der Datentransfer automatisch auf eine lächerliche Geschwindigkeit reduziert – das ist besser als extra dafür zahlen zu müssen. Und das klingt genau richtig für die Kinder. Da offenbarte sich jedoch auch leider gleich der Haken: Als ich ein Handy bei UQ Mobile bestellen wollte, hiess es erst, dass es keine auf Lager gäbe und ich deshalb eine Woche warten müsse. Das war kein Problem, doch eine Woche später begann das Drama: Erst tonnenweise Dokumente ausgefüllt, doch der Antrag fiel durch, da die Angestellten spontan beschlossen, meinen Namen auf Japanisch einzureichen (auf dem Ausweis, dem Führerschein und so weiter steht er jedoch in lateinischen Buchstaben). Name stimmte also nicht mit ID überein – abgelehnt. Also tippte ein Kollege noch mal alles ein und schickte es ab. Nach geschlagenen zwei einhalb Stunden am Schalter an einem Sonntag Abend merkten wir dann, dass der Kollege dieses Mal einen Teil unserer Adresse falsch eingegeben hatte (beim ersten Antrag war die Adresse in Ordnung). Die Leute liessen auch nicht mit sich verhandeln – ob wir zum Beispiel nach Hause gehen könnten und dann am nächsten Tag das Handy abholen können. Geht nicht. Letztendlich gab ich entnervt auf und stornierte das Ganze.

¹ Siehe unter anderem hier.

Das Jahr der irren Taifune

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Zwillingstaifune 19 & 20. Quelle: Weathernews.jp
Zwillingstaifune 19 & 20. Quelle: Weathernews.jp

Dieses Jahr ist für Meteorologen ein ganz besonderes Jahr — es gab und es gibt viel zu berechnen und viel zu lernen. Zwei der bisher 20 Taifune, die sich in und um Japan herum getümmelt haben, sind da besonders interessant: Da wäre der Taifun #12 mit dem Namen Jongdari, der (wie meistens) in Mikronesien entstand und langsam gen Norden zog – am 25. Juli erreichte er Taifunstärke. Der Großteil der Taifune fällt aus Ost/Südost kommend in der Gegend um Okinawa oder Kyushu ein – manche jedoch treffen aus Südwesten kommend direkt auf Shikoku und/oder Honshu. So die Regionen um Osaka oder Tokyo betroffen sind, kommt der Taifun in der Regel aus Süden oder Südwesten. Jongdari war da anders: Nach einem weiten Schlenker über dem Pazifik näherte er sich der Hauptstadt aus Südost, also direkt vom Meer, so dass man in Tokyo schon das Schlimmste befürchtete, doch das blieb Tokyo letztendlich erspart, da der Taifun sich weiter drehte und letztendlich in Kansai auf Land traf (und direkt über Osaka hinweg zog). Zum Glück war Jongdari relativ schwach – die höchsten Windgeschwindigkeiten lagen bei unter 150 Stundenkilometern. Doch es blieb interessant, denn der Taifun umrundete regelrecht die Insel Amami südlich von Kyushu, bis er sich schließlich nach der 270 Grad-Drehung Richtung China verabschiedete und stark abschwächte. Dieser 逆走台風 gyakusō taifū (in etwa: „Geisterfahrer-Taifun“) ist eine absolute Seltenheit – das letzte Mal wurde so etwas bei einem Hurricane über der Karibik im Jahr 1999 beobachtet.

Fuhr in die entgegengesetzte Richtung: Taifun #12
Fuhr in die entgegengesetzte Richtung: Taifun #12

Die zweite Besonderheit bewegt sich just auf den Süden Japans zu: Ein Zwillingstaifun, bestehend aus Nummer 19 & Nummer 20. Schon Taifun Nummer 19, mit dem hippen Namen Soulik, hat einen Rekord eingestellt: Zum ersten Mal seit Beginn des genauen Taifun-Monitorings im Jahr 1951 ist fünf Tage lang in Folge täglich ein Taifun entstanden – Nummer 19 ist also der fünfte in 5 Tagen. Auch Nummer 20, Cimaron, ist rekordverdächtig: Nur ein Taifun hat sich seit 1951 schneller vom Tropischen Tief zum Taifun entwickelt als Cimaron. Und: Beide Taifune ziehen friedlich nebeneinander her direkt auf Japan zu, wo sie in der Zeit vom 23. bis zum 25. August zumindest für viele Verspätungen und hoffentlich möglichst wenig Schäden sorgen werden – momentan werden Windgeschwindigkeiten bis zu über 200 Stundenkilometer vorhergesagt. Leider werden die Zwillinge auch wieder eine enorme Hitzewelle mit sich bringen.

Ein kleines Wunder

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Es ist O-bon, die Zeit, in der die Seelen der Toten auf die Erde zurückkehren- und die meisten Japaner zu ihren Heimatorten und/oder dem Ort, an dem die Ahnen begraben sind. So auch Yoshiki, ein zwei Jahre alter Knirps, der mit seinen Eltern die Großeltern besuchte – diese leben auf einer kleinen Insel in der Seto-Binnensee, in der Präfektur Yamaguchi. Dort schnappte sich der Opa Yoshiki und seinen ein Jahr älteren Bruder und lief mit ihnen zum rund 400 Meter entfernten Strand, doch der Knirps hatte nach 100 Metern keine Lust mehr, drehte um und wollte nach Hause gehen. Dort kam er jedoch nicht an.

Auch am nächsten Tag kam er nicht zurück, und eine groß angelegte Suchaktion mit über 300 Polizisten und anderen Helfern begann. Auch Obata, ein 78-jähriger Rentner aus Oita, hörte davon und machte sich auf den Weg, um zu helfen. Das machte er nicht zum ersten Mal – er reiste schon oft als Freiwilliger im Land umher, wenn Hilfe gefragt war. Seit dem Verschwinden des Jungen waren nun schon 68 Stunden, also fast drei Tage, vergangen. Man befürchtete das Schlimmste, schließlich lagen die Temperaturen tagsüber konstant über 30 Grad, was gerade für Kleinkinder gefæhrlich ist.

Obata lief zum Haus der Großeltern und machte sich sofort, unabhängig von den anderen Helfern, auf die Suche. Keine 30 Minuten später und nur gute 500 Meter vom Haus entfernt antwortete eine Kinderstimme auf sein Rufen nach des Kindes Namen: 僕、ここ! (Boku, koko – Ich bin hier!). Und da saß der Junge, auf einem bemoosten Stein, in einem kleinen Bächlein, auf einem kleinen Berg. Nach Auskunft der Ärzte war er zwar leicht dehydriert, aber alles in allem in sehr guter Verfassung.

Es ist ein kleines Wunder, und natürlich begeistert sich ganz Japan an dieser herzzerreissenden Geschichte. Der Held der Geschichte, Obata, erklärte seinen schnellen Erfolg mit einfacher Psychologie: Kleine Kinder laufen selten abwärts, wenn sie allein sind, sondern eher aufwärts. Und was für Erwachsene wie ein dichter Busch aussieht, kann für einen Dreikäsehoch wie ein formidabler Pfad aussehen. Während also die Polizei naturgemäß vom schlimmsten ausging und die örtlichen Gewässer und dergleichen absuchte, setzte sich der Retter in die Lage des Kindes herein und wurde dort fündig, wo noch keiner gesucht hatte. Niemand war offensichtlich davon ausgegangen, dass ein zweijähriger auf den Beg hinter dem Haus klettern würde.

Man kann vor Obata einfach nur seinen Hut ziehen. Und hoffen, dass die Polizei davon lernt. Und der Junge hatte einfach nur ein Riesenglück. Instinktiv hatte er sich den schattigsten und feuchtesten Platz in der Gegend ausgesucht und überlebte so drei Tage lang unversehrt. Ein O-bon, das viele nicht vergessen werden – vor allem aber nicht die Eltern des Kindes.

Auf der Suche nach Natur…

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Sonnenblumenfeld bei Zama
Sonnenblumenfeld bei Zama

… sind viele gestresste Großstadtfamilien, und so lassen sich die Leute immer wieder etwas Neues einfallen. Die Stadt Zama, inmittem der Präfektur Kanagawa gelegen und damit leicht von Tokyo aus erreichbar, lockt die Tokyoter mit… Sonnenblumen. Die hier ひまわり himawari (wörrlich: Sonnendreher) genannten Blumen findet man in Japan in der Tat relativ selten – das ist kein Wunder, denn auf den wenigen, ebenen Ackerflächen baut man in der Regel lieber andere Sachen an – Reis zum Beispiel. Von daher ist ein Sonnenblumenfeld schon etwas Besonderes im Großraum Tokyo, und entsprechend ist der Trubel gross. Riesige provisorische Parkplätze wurden am Flußufer eingerichtet, und bis man dort eingewiesen wird, dauert es eine ganze Weile. Die Anbaufläche ist auch nur wenige Hektar gross, weshalb sich dort innerhalb eines Tages wahrscheinlich mehr Menschen als Sonnenblumen tummeln. Das erinnerte mich stark an die „Glühwürmchenschau“, die alljährlich ganz in meiner Nähe stattfindet, und bei der das Verhältnis Glühwürmchenartige:Humanoide bei 1:50 liegen dürfte. Und während einige Familienmitglieder ob der Sonnenblumenpracht (die Blüten waren dabei jedoch nur handtellergross) ganz entzückt waren, kann man mit so verhandene Erinnerungen an die endlosen ungarischen Sonnenblumenfelder dem Ganzen nicht allzu viel abgewinnen.

Feuerwerk in Atsugi
Feuerwerk in Atsugi

Einen echten Sommertipp habe ich dann aber doch noch: In der Nachbarstadt Atsugi findet Anfang August (in diesem Jahr war es der 4. August) ein ordentliches Feuerwerk statt, dass denen in der Innenstadt von Tokyo durchaus das Wasser reichen kann. Es dauert immerhin anderthalb Stunden und ist gut arrangier. Auch die Freßmeile auf dem Aeg dorthin kann sich sehen lassen. Nächstes Jahr gern wieder.

Abgasbetrug auch in Japan: Mazda, Yamaha und Suzuki am Pranger

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Als der Abgaswerteskandal bei Volkswagen aufflog, war mein erster Gedanke, dass VW ganz bestimmt nicht der einzige Autobauer ist, der die Werte auf die eine oder andere Weise manipulierte. Insgeheim habe ich seitdem darauf gewartet, dass ein amerikanischer Autobauer auffliegt – nun sind es jedoch drei weltweit bekannte japanische Marken, die laut Mitteilung des japanischen Transportministeriums heute als Übeltäter entlarvt wurden (Unregelmäßigkeiten wurden zuvor, im Juli bereits bei Nissan und Subaru festgestellt).

Natürlich wird man auch in Japan die Salamitaktik anwenden und nur so viel zugestehen, was unbedingt notwendig beziehungsweise längst offensichtlich ist. So ist zur Zeit auch nicht von Rückrufaktionen die Rede, da die Mauschelei wohl keinerlei Einfluss auf den eigentlichen Verbrauch hat. Doch die japanische Industrie hat, genauso wie die Deutsche, viel zu verlieren, denn beide verdanken ihre Absatzzahlen unter anderem ihren guten Ruf, und den setzt man lieber nicht aufs Spiel. Genau diese Befürchtungen gibt es jedoch, gerade in Japan, wo erst vor ein paar Monaten Kobe Steel Inc., ein großer Stahlproduzent, mit gefälschten Qualitätsprüfungen Schlagzeilen machte.

低燃費 teinenpi (geringer Benzinverbrauch) ist auch in Japan ein wichtiges Verkaufsargument, und so verwundert es nicht weiter, dass hier und da etwas getrickst wird. Es wäre jedoch zu begrüssen, wenn sich alle Autohersteller ihre Angaben zum Verbrauch von einem unabhängigen Institut zertifizieren lassen müssen – dann kann die Trickserei bis zu einem gewissen Grad vermieden werden, und der Verbraucher kann sich mehr auf die Angaben verlassen.

Übrigens wird der Kraftstoffverbrauch in Japan meistens in Kilometer pro Liter (und nicht, wie anderswo oft üblich, in Liter pro 100 Kilometer) angegeben – daran muss man sich auch erstmal gewöhnen.

LGBT-Debatte erreicht Japan

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Es ist ein Thema, das in Japan im Vergleich zu vielen anderen Industrieländern eher totgeschwiegen wurde: Die Debatte darum, wie die Gesellschaft mit Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender umgehen soll. Denkt man in Japan an Schwule, so fallen den meisten wahrscheinlich nur die Begriffe オネエ Onee (eigentlich: ältere Schwester) oder 新宿2丁目 Shinjuku 2-chōme (Stadtviertel in Tokyo, das berühmt ist für seine sexuelle Vielfalt) ein. Sofort denkt man auch an bekannte und bekennende LGBT-TV-Grössen, seien sie echt (Matsuko Deluxe, Haruna Ai, Ikko) oder Karikaturen („Hard Gay“). Doch so recht passt LGBT nicht ins japanische Schema einer glücklichen Familie: In Sachen Familie ist man nach wie vor eher konservativ eingestellt – so sind zum Beispiel uneheliche Kinder quasi undenkbar. Und gewisse Vorurteile halten sich sehr hartnäckig – dass Schwule zum Beispiel oft Geschlechtskrankheiten haben und dergleichen. Zumindest keine Bekennenden.

Ein paar unbedachte Bemerkungen diverser Politiker haben in den vergangenen Wochen jedoch eine Lawine ins Rollen gebracht – LGBT ist plötzlich Gesprächsthema. Allen voran wäre da Mio Sugita, eine Politikerin und Parlamentsabgeordnete der Liberaldemokraten, die bei einem Interview für ein Wochenmagazin unter anderem beklagte, dass den LGBT die Fähigkeit fehlt, zu reproduzieren (生産性がない seisansei ga nai). Tanigawa, ebenfalls Abgeordneter der Liberaldemokraten, offenbarte ein paar Tage zuvor seine Sicht der Dinge – nämlich dass LGBT ein „Hobby“ sei und es von daher nicht notwendig ist, Gesetze für LGBT zu ändern oder zu schaffen. Diese Ansicht ist freilich nicht neu – sie wurde auch schon 2016 von Fumi Kobayashi, Regionalpolitikerin aus Tokyo, verbreitet und dürfte dem entsprechen, was viele Japaner (und nicht nur die, natürlich) von LGBT halten.

Wie zum Beispiel auch in Russland und etlichen anderen Ländern, in denen Homosexualität gesellschaftlich wenig Akzeptanz findet, hört man öfter Kommentare wie „Ich verstehe nicht, warum es in westlichen Ländern so viele Schwule und Lesben gibt“ in Japan. Eine sehr naïve Bemerkung, die beweist, dass es an elementarem Wissen über LGBT fehlt – und dementsprechend auch an Verständnis. Ob die jetzige Debatte (wohlgemerkt nicht die erste) daran etwas ändert, wird sich zeigen.

Doch wo Schatten ist, ist auch Licht. Parteiobere der Liberaldemokraten distanzierten sich schnell von den Bemerkungen. Und die bekannte Ochanomizu Women’s University gab im Juli bekannt, dass sie ab 2020 auch Transgender zulassen werde (Anmerkung: In Japan gibt es zahlreiche Frauen-Universitäten und andere -schulen.

Out of Japan: Australien (Cairns)

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Unbefestigte Piste im Outback
Unbefestigte Piste im Outback

Als ob ich es geahnt hätte, haben wir dieses Jahr das perfekte Reiseziel gewählt: Australien, genauer gesagt den hohen Norden Australiens – Queensland. Perfekt deshalb, weil dort Winter ist – subtropischer Winter, mit angenehmen 25 Grad am Tag und 15 Grad in der Nacht. Eine wahre Erholung von der in diesem Jahr extremen Hitze in Japan. Die Stadt Cairns (gesprochen „kähns“) ist dabei von Japan aus sehr gut erreichbar: Es gibt Direktflüge von Narita, und das auch noch mit Easyjet, einem LCC, und der Flug dauert insgesamt nur gute 7 Stunden (fast so lang wie der Flug von Cairns an der Ostküste nach Perth an der Westküste!). Ausserdem beträgt die Zeitverschiebung nur eine Stunde, und damit ist Cairns ein sehr attraktives Ziel, wenn man kleine Kinder hat.

Im Stadtzentrum von Cairns
Im Stadtzentrum von Cairns

Flug gebucht, AirBnb gesucht und schnell gefunden, Mietwagen gebucht. Eine Woche vor Reiseantritt sicherheitshalber nochmal eine Suche mit den Suchbegriffen „Australien Visum“ gestartet, und siehe da: Man muss sich vorher „anmelden“, aber das geht alles elektronisch. Es scheint verschiedene Online-Formulare zu geben – einige kosten Geld, andere nicht. Das ganze ist etwas verworren, da sich die Dinge auch ständig zu ändern scheinen. Letzten Endes habe ich rund 50 Australische Dollar für die Anmeldung bezahlt; meine japanischen Familienangehörigen hingegen nichts. Ob das so richtig ist, weiss ich nicht. Jedenfalls klappte alles bei der Einreise. Ach ja: Ein Euro entspricht in etwa 1,50 Australische Dollar. Eine Währung mit einer interessanten Münzstrategie: Je mehr die Münzen wert sind, desto kleiner sind sie – 50 Cent-Münzen sind wahre Wuchtbrummen und machen das Portemonnaie richtig schwer, während 2-Dollar-Münzen echte Winzlinge sind.

Zwei Dinge fallen in Cairns erstmal auf: Platz. Man hat viel Platz. Die Strassen sind breit, die Häuser sind gross und haben meist nur ein Geschoss. Ein bisschen wie die USA auf dem Lande halt. Und die Entfernungen sind unvorstellbar. Sicher, jedes Kind weiss, dass Australien ein Kontinent ist. Dem wird man sich aber erst dann bewusst, wenn man wirklich da ist. Auf den Karten sieht alles irgendwie nah aus, dabei liegen tausende von Kilometern zwischen den Orten. Im Busch sah ich ein Verkehrsschild mit der Aufschrift „nächste Tankstelle in 560 Kilometern“ – das muss man sich erstmal vorstellen. Aber zurück zu Cairns: Was kann man hier anstellen?

560 Kilometer bis zur nächsten Tankstelle...
560 Kilometer bis zur nächsten Tankstelle…

Cairns ist subtropisch und hat etliches zu bieten. Die Stadt selbst ist relativ klein und uninteressant, da ziemlich neu. Doch von Cairns kann man wunderbar das Great Barrier Reef erreichen – und es gibt zahlreiche Reiseunternehmen, die sich darauf spezialisieren. Für eine vierköpfige Familie kostet ein Tagesausflug um die 550 AUD (kann man alles wunderbar online buchen). Da geht es morgens gegen 8 Uhr los, und man ist vor dem 5 o’clock tea zurück. So ziemlich alles ist inklusive – auch ein Crash-Kurs in Scuba-Diving: 20 Minuten Erklärung vor versammelter Mannschaft, dann keine 10 Minuten Einzeleinweisung, und schon heisst es „So, jetzt tauchen wir mal 20 Minuten, bis knapp 10 Meter Tiefe“. Das ist auch für sportliche Menschen ein ziemliches Abenteuer, denn das plötzliche Tauchen mit Gas ist gewöhnungsbedürftig. Die Korallenriffe sind natürlich sehr sehenswert, das steht ausser Frage, aber die industrielle Massenabfertigung der Tagestouristen ist nicht unbedingt jedermanns Sache. Es war auch nicht unbedingt erschlagend viel zu sehen – die Korallenriffe im Roten Meer und in Okinawa sind mir da lebhafter in Erinnerung, aber man kann natürlich auch nicht erwarten, dass sich die Fauna auf Befehl hin versammelt.

Tauchen im Great Barrier Reef
Tauchen im Great Barrier Reef

Aber es gibt noch viel mehr zu sehen – so zum Beispiel die Atherton Tablelands, ein sehr fruchtbares Plateau westlich von Cairns. Dazu zählt die Stadt um Atherton selbst, aber auch Kuranda – ein Nationalpark mit subtropischem Regenwald. In Kuranda gibt es drei Zoos – einen Känguru- und Koalazoo, einen Vogelpark und ein Schmetterlingszoo. Im Koalazoo kann man – schau mal einer an – sogar einen Koala auf den Arm nehmen (das geht wohl nur in Queensland – anderswo in Australien ist das verboten). Kostet nur 23 AUD, aber immerhin bekommt man ein Erinnerungsfoto. Wenn man mit Kindern dort ist, kommt man ums Koalapetting nicht drumrum, und ich kann bestätigen, dass sich ein Koala genauso anfühlt wie man es erwartet: Fluffig. In Kuranda gibt es auch Aboriginal- und andere Kunstmärkte sowie die üblichen Souvenirshops. Soll heissen, Kuranda ist das Touristenmekka der Region, und man hat es geschickt als solches ausgebaut: Man kann mit einer Schmalspurbahn hoch fahren oder mit einer Seilbahn, die über den Baumwipfeln schwebt. Man kann dort Safaris machen, Boot fahren usw. Wer Tiere mag und/oder mit Kindern reist, sollte sich auf jeden Fall Kuranda ansehen, denn hier kann man richtig mit Tieren auf Tuchfühlung gehen – seien es Papageien, Koalas, Kängurus und mehr. Apropos Tiere: Hartley’s Crocodile Adventure rund 40 km nördlich von Cairns ist ebenfalls sehr empfehlenswert.

Unbefestigte Piste im Outback
Unbefestigte Piste im Outback

Was man auf keinen Fall verpassen sollte ist ein Ausflug ins Landesinnere. In meinem Fall ging es zwar nur gute 200 Kilometer landeinwärts, zu einem Ort namens Chillagoe – schaut man sich die Entfernungen an, so liegt das relativ gesehen immer noch nahe der Küste – aber der Wechsel der Landschaft ist bereits sehr deutlich spürbar. Hier beginnt das „Outback“, es ist viel trockener, sehr sonnig, mit weitaus spärlicherer Vegetation und sehr wenig Menschen (der Ort Chillagoe selbst hat auch nur rund 200 Einwohner). Roter Sand, staubige Pisten, endlos lange „Road Trains“, unzählige Termitenhügel und eine endlose Weite – hier verlieren Raum und Zeit ihre bisherige Bedeutung, und man kann sich nur schwer losreissen (am liebsten wäre ich einfach losgezogen, um den Kontinent zu durchqueren).

Am Cape Tribulation
Am Cape Tribulation

Das oben genannte Kuranda ist zwar gut und schön, aber noch schöner wird es im Daintree National Park, gut 100 Kilometer nördlich von Cairns. Der Urwald dort gilt als letzter Urwald von Gondwana, der in seiner Vielfalt die Kontinentaldrift, das Sauriersterben und vieles mehr überstanden hat. Hier gibt es rund 1’800 Baumarten – mehr als in Nordamerika und Europa zusammengenommen, von denen 300 Früchte tragen (und von denen wiederum rund 10% essbar sind). Rund um das Cape Tribulation trifft der Urwald quasi direkt auf die Korallenriffs, und es gibt sogar kleine Mangrovenabschnitte. Sowie sehr schöne Strände, von denen man aber nicht allzu viel hat, da es hier vor giftigen Quallen, Haien und Krokodilen wimmelt. Irgendwas ist ja immer.

Um den Bogen zu Japan zu spannen: Cairns und Umgebung ist ideal, um der Sommerhitze von Tokyo zu entfliehen. Es regnet kaum, die Temperaturen liegen in sehr freundlichen Bereichen (sie entsprechen eher einem freundlichen, mitteleuropäischen Sommer), und man muss nicht allzu lange fliegen. Der Kontrast zur Enge in Japan ist ebenfalls sehr erholsam. Preislich sollte man sich allerdings warm anziehen: Vor allem Lebensmittel, aber auch Auswärtsessen (und Bier!) sind spürbar teurer als in Japan. Immerhin sind die Einheimischen aber auch sehr, sehr freundlich und haben einen unterhaltsamen Sinn für Humor. Und immer dran denken: Tipp #1 beim Umgang mit Haien: Immer jemanden dabei haben, der langsamer schwimmt als man selbst!

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