BlogSchusswaffen in Japan -- zwei erschreckende Vorfälle

Schusswaffen in Japan — zwei erschreckende Vorfälle

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Japan ist eigentlich bekannt für einen sehr rigiden Umgang mit Schusswaffen – Justiz und Exekutive setzen alles daran, die Zahl der Schusswaffen auf ein absolutes Minimum zu begrenzen. 2015 kamen auf 100 Einwohner insgesamt 0.6 Schusswaffen – in Deutschland waren es 2016 immerhin 32 und in den USA 1201. Dementsprechend gibt es auch weniger Unfälle und weniger Todesfälle, die durch Schusswaffen verursacht werden – 1989 zählte man in Japan 299 Morde oder Mordversuche mit Schußwaffen, 2019 waren es gerade mal 132. Doch zwei Vorfälle innerhalb einer Woche lassen Fragen aufkommen.

Der erste Vorfall ereignete sich am 25. Mai in der Stadt Nakano in der Präfektur Nagano. Ein 31-jähriger Mann, der bei seinen Eltern lebte – der Vater ein angesehener Lokalpolitiker, die Mutter eine erfolgreiche Geschäftsfrau – erstach auf offener Straße zwei Frauen. Als die Polizei am Tatort erschien, erschoss der Täter zwei Polizisten mit einem Jagdgewehr – wie sich später herausstellte, benutzte er dabei sogenannte Slug-Munition, die darauf ausgelegt ist, möglichst viel Schaden anzurichten. Der Täter hatte einen Waffenschein und wurde, nachdem er sich etliche Stunden in einem Haus verschanzte, von der Polizei festgenommen. Als Tatmotiv gab er an, dass die beiden Frauen schlecht über ihn redeten. Von den – unbewaffneten – Polizisten befürchtete er, erschossen zu werden, weshalb er zuerst die Waffe auf sie richtete.

Der zweite Vorfall war nicht weniger erschreckend: In einem Cafe der in Japan allgegenwärtigen Doutor-Kette direkt neben dem Bahnhof von Machida, einem Stadtteil im Westen von Tokyo, zog ein Mann plötzlich eine Waffe und schoss auf einen anderen Mann. Der Angeschossene schaffte es noch, nach draußen zu gehen, wo er jedoch zusammenbrach – der Täter lief ihm hinterher, lud noch ein Mal die Waffe und schoss den auf dem Boden liegenden Opfer in den Rücken. Das Opfer gehörte offensichtlich einer „gewaltbereiten Gruppe“ (japanisches Neusprech für Yakuza) an und verstarb noch am Tatort. Der 58-jährige mutmaßliche Täter stellte sich später von selbst bei der Polizei, doch schnell wurden Vermutungen laut, dass der Mann, der sich dort stellte, nur den wahren Täter decken könnte. Der Vorfall ereignete sich gegen 19:30 am 26. Mai, einem Freitag – einer Zeit, in der viele Menschen im und rund um den Bahnhof von Machida unterwegs sind. Die Polizei geht davon aus, dass sich die beiden Männer kannten und das spätere Opfer das Cafe als Treffpunkt auserkoren hatte – in der Annahme, dass der Täter nicht in den Menschenmassen handgreiflich werden wird. Das war dem Täter jedoch ganz offensichtlich egal.

Beide Fälle sind ungewöhnlich – Morde an Polizisten, erst recht mit einer Schusswaffe – sind äußerst selten in Japan. Und eine kaltblütige Exekution mit einer Pistole mitten in einem gut besuchten Cafe ist nicht minder selten. Beide Vorfälle kann man zwar als Einzelfälle abtun, doch die Tatsache, dass diese innerhalb von zwei Tagen geschahen, hilft sicherlich nicht dabei, der Bevölkerung ein ruhiges Gefühl zu geben, zumal sich die japanischen Medien ohnehin schon auf Verbrechen wie Wohnungseinbrüche und Raubmorde eingeschossen hat.

Die Yakuza nennt Pistolen einfach 道具dōgu – „Werkzeug“, doch selbst für sie ist die Beschaffung nicht einfach – die meisten Pistolen, die bei Morden eingesetzt werden, sind ziemlich alt und wurden vor langer Zeit auf die eine oder andere Art und Weise ins Land geschmuggelt.

  1. siehe hier
  2. siehe hier
tabibito
tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

4 Kommentare

  1. Du schreibst in einem Satz: „Von den – unbewaffneten – Polizisten“

    Ist es in Japan denn üblich, dass Polizisten ihrerseits unbewaffnet sind, wenn es in der Bevölkerung auch kaum Schusswaffen gibt?

    • Uniformierte Polizisten sind i.d.R. bewaffnet, Polizisten in Zivil manchmal nicht. Die Ausbildung an und das Training mit Schusswaffen laesst allerdings zu wuenschen uebrig.

  2. Kleine Korrektur – der Taeter hatte das, was wir als Waffenbesitzkarte kennen. Waffenscheine, also die Erlaubnis, eine geladene Waffe tragen zu duerfen, gibt es hier fuer Taro Normalverbraucher nicht.

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