BlogWeg vom starken Alkopop? Japanische Getränkeriesen verkünden Kehrtwende

Weg vom starken Alkopop? Japanische Getränkeriesen verkünden Kehrtwende

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Es war schon amüsant zu sehen, wie die in Japan allgegenwärtigen Chūhai-Getränke immer stärker wurden. Erst waren biergleiche 5% Alkoholgehalt die Norm, dann 6%, dann kam „Strong 7“, später 8 und schließlich sogar 9%ige Varianten. Diese Getränke haben alle eins gemein: Sie schmecken wie Brause, gehören aber zur Sorte „Château de la migraine“, denn die Kohlensäure und der hohe Zuckergehalt verdecken den hohen Alkoholgehalt – die Rechnung zahlt man dann am nächsten Morgen. Die stärkeren Varianten nennt man in Japan salopp ストロングsutorongukei — „starke Klasse“ und die Verbraucher solch starker Alkopops senden eine deutliche Nachricht aus: Hier will jemand möglichst effizient abstürzen.

Chūhai, so heissen die Getränke im Allgemeinen, sind eine Abkürzung aus 焼酎Shōchū und ハイボールhaibōru (Highball), also japanischer Reiswein gestreckt mit Tee oder Fruchtsaft und Kohlensäure. Genau wie in Deutschland entwickelte die Getränkeindustrie diese Getränkelinie, um dem Trend des geringer werdenden Bierkonsums entgegenzuwirken. Doch das ist in Japan nicht so einfach: Während ältere Generationen in Japan noch gern gezecht haben, strebt ein größerer Teil der jüngeren Generation nach einem gesunden Leben. Hinzu kommt die Tatsache, dass die trinkfreudigeren Generationen allmählich aussterben – der Markt kann also schon aus demographischen Gründen nicht wirklich wachsen. Wohl aus dem Grund findet seit eins, zwei Jahren eine Trendumkehr statt – und zwar hin zu biアルaru – Getränke mit geringem bis sehr geringem Alkoholgehalt. Beery von Asahi zum Beispiel — ein bierähnliches Getränk mit nur 0.5% Alkoholgehalt, oder Drafty mit 0.7% Alkoholgehalt. Es geht freilich auch etwas stärker — die Chuhai-Produktlinie Horoyoi (das bedeutet „leicht angetüdelt“) von Suntory hat 3% Alkoholgehalt. Dies sind nur ein paar Beispiele, aber die Regalreihen mit diesen Getränken werden immer länger.

Gerade in Japan ist das keine schlechte Idee: Zum einen haben viele Japaner eine Alkoholunverträglichkeit – da ist schnell nach einer halben Dose Schluß. Doch auch für den durchschnittlichen Alkoholgourmet ist das praktisch – eine Dose Bier mit sehr geringem Alkoholgehalt quasi als Radlerersatz ist sicherlich auch sehr erfrischend. Doch ob 0.5% oder 50% — in einem bleibt Japan unerbittlich: Alkohol gibt es erst ab 20 Jahren. Sagt das Gesetz jedenfalls. Während meine Tochter also in Deutschland schon längst ein kaltes Bier zischen könnte, ist so etwas für sie in Japan absolut undenkbar, und das wird sich so schnell nicht ändern.

tabibito
tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

1 Kommentar

  1. Strong Zero 9% mit Zitronen Geschmack mag ich sehr. Zwei 0.5 Dosen am Abend und man fühlt sich super ;-) Nach drei gibt es aber tatsächlich Kopfschmerzen. Zudem ist das Zeugs unglaublich billig. Wenn es um Bier geht empfehle ich Yebisu. Für mich eines der wenigen japanischen Biere, dass auch nach Bier schmeckt. Spannend fand ich immer, dass wer viel trinken kann in Japan meist bewundert wurde (während bei uns zurecht man sich etwas Sorgen macht). Scheinbar konnte man „trinken“ sogar als Hobby angeben.. aber wie du schreibst, hat sich das nun auch geändert.

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