Ausländische Arbeiter in Japan

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    Japanisch-Portugiesisches Schild in Hamamatsu
    Japanisch-Portugiesisches Schild in Hamamatsu

    Sie sind momentan ein ganz großes Thema in Japan: Ausländische Arbeitskräfte in Japan. Von denen gibt es nunmehr – das ist Rekord – gut 1,2 Millionen im ganzen Land. Auf 100 Japaner kommt also ein ausländischer Arbeiter. Das klingt erstmal nach sehr wenig, aber da Japan noch nie ein klassisches Einwanderungsland war, fällt dieses eine Prozent doch sehr auf – mir zumindest, und somit sicher auch den meisten Japanern. Das beginnt schon bei Restaurant – und Convenience-Store-Angestellten, unter denen sich im Raum Tokyo immer mehr Ausländer befinden.

    Im Gespräch sind die Fremden vor allem, da die Regierung von Abe die Gesetze ändern möchte. Obwohl die Regierungspartie jedoch erzkonservativ ist, sollen die Gesetze einen stärkeren Zustrom an Ausländern ermöglichen, nach dem Motto „Alles für die Wirtschaft“. Bei dem starken Geburtenrückgang hat man auch keine andere Wahl – an Arbeitern, egal in welchem Sektor – fehlt es an allen Ecken und Enden. Das ist auch kein Facharbeitermangel, wie er in Deutschland beklagt wird, sondern ein allgemeiner Mangel. Beispiel Speditionen: Dank Amazon & Co. pfeifen die Logistiker in Sachen Arbeitskräfte auf dem letzten Loch – denn Angestellte können aufgrund des Mangels wählerischer werden, weshalb in einigen Sparten die Lohnkosten steigen – und damit die Kosten. So haben dieses Jahr nahezu alle Logistikunternehmen, einschließlich der Japan Post, ihre Paketpreise saftig erhöht, und das kann man nicht mit steigenden Steuern, mangelndem Wachstum oder höheren Spritpreisen erklären – der Hauptgrund ist der Mangel an Angestellten.

    Doch mit den Ausländern wachsen auch die Ängste der Bürger, man kennt das Lied. So wird unter anderem von Kommunen und Oppositionsparteien bemängelt, dass die Regierung an die Ausländer nur als Arbeitskräfte denkt – nicht aber an die Tatsache, dass jene Ausländer dann auch im Land wohnen und deshalb irgendwie integriert werden müssen. Unzählige ehrenamtliche Helfer bemühen sich darum, doch der Grundsatz, dass das die Kommunen schon irgendwie selbst regeln können, stößt natürlich irgendwann an seine Grenzen. So gibt es bereits erste Wohnanlagen, in den mehr als Hälfte der Bewohner aus dem Ausland kommen – ganz vorneweg sind da Chinesen, Koreaner und Vietnamesen.

    Dazu kommen Nachrichten wie diese vor drei Tagen: 46 Chinesen auf Hokkaido spurlos verschwunden¹. Dort gab es in einer kleinen Stadt einen Todesfall, woraufhin eine Baufirma untersucht wurde. Dort waren zahlreiche chinesische Arbeiter eingestellt, von denen 11 wegen Visaverstößen verhaftet wurden, doch von 46 weiteren Männern und Frauen fehlt seitdem jede Spur: Sie sind schlichtweg untergetaucht. Und sie sind nicht allein: Im Jahr 2017 tauchten rund 7’000 Ausländer unter – sprich, ihr Visum lief aus, aber sie reisten nicht aus.

    Doch auch die Arbeitsbedingungen sind im Gespräch. Ein Weg für Ausländer, vor allem aus Asien, in Japan arbeiten zu können, ist das 技能実習ビザ – das berechtigt zu einem Praktikum in meist technikbezogenen Berufen. Selbstredend lädt gerade dieses Visum zum Mißbrauch und zur Ausbeutung ein – anstatt etwas zu lernen, werden so zum Beispiel bewiesenermaßen Praktikanten zum Aufräumen in der Sperrzone am AKW Fukushima benutzt. Im ganzen Land befinden sich rund 260’000 Halter solcher Praktikantenvisa, und wie die Kommission einer Oppositionspartei nun auf ihrer „Seiji Premier“-Webseite und im Parlament bekanntgab, zählte man in den Jahren 2015-17 insgesamt 69 Todesfälle unter den Praktikanten². 12 starben durch Arbeitsunfälle, 6 durch Selbstmord und 4 durch Mord. Wenn man jedoch bedenkt, dass die meisten Praktikanten sehr jung sind, erscheint die Anzahl derer, die (angeblich zumindest) nicht durch Unfälle, Mord- oder Selbstmord starben, ziemlich hoch: Unter jenen sind wohl 7 Menschen ertrunken, mindestens einer erfroren usw. Natürlich sind diese Zahlen mit Vorsicht zu geniessen – dazu müsste man selbige mit dem japanischen Durchschnitt vergleichen, denn natürlich sterben auch Japaner durch Mord, Selbstmord und Arbeitsunfälle.

    Japan steht in Sachen Einwanderung fraglos vor großen Herausforderungen: Man muss einfach mehr Ausländer ins Land holen, um wirtschaftlich nicht zurückzufallen. Doch um die Integrität Japans und den guten Ruf im Ausland zu wahren, müssen Land und Kommunen viel Kraft aufbringen, um die neuen Bewohner zu integrieren – und um schonungsloser Ausbeutung vorzubeugen.

    ¹ Siehe unter anderem hier
    ² Siehe unter anderem hier

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