BlogDas Ende einer Ära: Letzter Pokeberu-Betreiber gibt auf

Das Ende einer Ära: Letzter Pokeberu-Betreiber gibt auf

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Als ich 1996 zum ersten Mal nach Japan reiste, waren sie weit verbreitet: ポケベル pokeberu, kurz für „Pocket Bell“, ein 和製英語 (wasei eigo = japanisches English, quasi wie „Handy“ im Deutschen)-Begriff, im Englischen als Pager oder Beeper bekannt. Für die jüngeren Leser (ich glaube, ich werde langsam alt): Damit konnte man von gewöhnlichen Telefonen Nachrichten auf mobile Geräte mit Display schicken). Prä-Email und Prä-Mobiltelefon-Technologie also, die in Japan sehr beliebt war. Ganz so billig war der Service zwar nicht und aus heutiger Sicht sehr rudimentär, aber Mitte der 1990er gab es im Land über zehn Millionen Geräte. Heute gibt es im ganzen Land nur noch einen Betreiber, Tokyo Tele Message, und der wird im September 2019 den Betrieb einstellen, wie heute bekannt wurde. Kein Wunder: Es gibt nur noch 1’500 Benutzer.
Aus linguistischer Sicht sind die Geräte interessant. Bis 1992 waren die Geräte nicht allzu verbreitet, denn man konnte mit ihnen lediglich jemandem mitteilen, dass man eine Nummer anrufen soll. Ab 1992 konnte man jedoch willkürlich Nummern verschicken. So konnte man mittels 語呂合わせ goroawase kommunizieren. Bei Goroawase benutzt man Zahlen, um damit Silben auszudrücken. Die 2 zum Beispiel steht für „ni“ und „ji“ (On-Lesung), „fu“ (kun-Lesung: „FUtatsu“) oder „tsu“ (da im Englischen „two“, was im Japanischen „tsuu“ gesprochen wird). Da das ganze dann auch noch mit Englisch vermischt wurde, wurde es teilweise richtig kryptisch:
0840 = おはよう = ohayou: „Guten Morgen“
106410 = Telして = terushite: „Ruf an“
428 = 渋谷: Shibuya
1052167 = どこにいるの?: Wo bist Du?
Viele dieser Abkürzungen sind allerdings ziemlich an den Haaren herbeigezogen (siehe zum Beispiel „no“ als Lesung für „7“, aber Not macht erfinderisch – schliesslich gibt es ja nur 10 Nummern. Für Japaner waren die Pocket Bells jedenfalls genau das richtige – das Spiel mit den Silben war schon immer beliebt (siehe Haiku und Senryū), und das Ganze mit etwas Technik verbunden war ein wunderbares (und nützliches) Spielzeug.
Man fragt sich nun unweigerlich, wann das Fax aus Japan verschwinden wird. Aber das wird meine Generation wohl nicht erleben – es erfreut sich immer noch großer Beliebtheit.

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

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