BlogIT-Alltag in Tokyo

IT-Alltag in Tokyo

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Eine kleine Plauderei aus dem Nähtäschchen. Chronik zweier Tage, wie es sie gelegentlich gibt.
————24.Sep (Mon) – Nationaler Feiertag ———–

  • 08:00 Feiertag. Egal. Aufstehen. Frau und Kind schlafen selig zusammen. 8 Monate alt müsste man sein.
  • 08:45 Nach einem Kaffee geht es mit der Bahn und zwei Mal umsteigen Richtung Flughafen zur Showa-Insel
  • 09:37 Ich treffe Herrn X, Japaner. Er hilft mir gelegentlich mit Serverangelegenheiten, da ich kein Techniker bin. Heute müssen wir unseren wichtigsten Server verlegen. Grund: Chronische Unzufriedenheit mit dem jetzigen Administrator.
  • 10:00 Jetzt soll Server-Übergabe sein. Was habe ich gerungen, diesen Termin zu bekommen! Ein junger Schnösel begrüsst uns mit den Worten „Geht’s auch in einer Stunde? Backup is‘ noch nicht auf DVD gebrannt.“ Ich erkläre ihm recht deutlich, was ich davon halte: Nichts. Spinnt wohl.
  • 10:20 Endlich bekommen wir den Server. 17 kg Blech, sehr flach und breit. Rein ins Taxi damit.
  • 11:00 Wir kommen dort an, wo der Server jetzt sein soll. Herr Y, Amerikaner, begrüsst uns.
  • 11:15 Rein ins Rack mit dem Server. Verkabeln. Anschalten. Nichts passiert. Natürlich wurde der Server kein bisschen vorbereitet auf die Migration – ohne Konsole kein Bootup, und die Konsole bekommen wir nicht.
  • 11:30 Problem erkannt und bereinigt, Server fährt hoch. Schaffe ich es etwa zur Grillparty um 14:00?
  • 14:00 DNS ist umgeschaltet. Die Seiten erscheinen nach und nach. Aber nicht alle. Manche Ports sind dicht.
  • 15:00 Ok, ein grosser Teil ist geschafft. Warum Seiten manchmal laden und manchmal nicht, bleibt jedoch ein Mysterium.
  • 16:30 So geht das nicht weiter – so ganz ohne Nahrung. Auf zum nächsten 7 Eleven, Atzung holen.
  • 18:00 Grillparty längst vergessen. Mittlerweilen ist der Server getestet – sieht soweit ganz gut aus. Herr X verabschiedet sich. Herr Y auch. Noch ein bisschen testen, dann ab nach Hause.
  • 20:00 Ich mache den Fehler (!?), zu Hause nachzusehen, ob der Server lebt. Nun, er lebt. Aber der Router scheinbar nicht – im Browser sieht man gar nichts. Das ist schlecht. Wilde Telefoniererei beginnt. Herr X wohnt weit weg und hat sein Handy ausgeschaltet. Herr Y auch. Mein Chef hat freilich sein Handy an. Also Krisenmanagement und Leute jagen.
  • 20:30 Es gibt reichhaltiges Abendessen – aber mir ist der Appetit halbwegs vergangen. Es riecht nach einer sehr langen Nacht.
  • 21:00 Abendessen heruntergeschlungen. Auf in den Zug. Eine Stunde später vor Ort.
  • 22:00 Trete dem Router in den Hintern. Seiten erscheinen wieder. Leider nicht alle. Ein wichtiger Port ist blockiert.
  • 23:00 Herr Y muss morgen früh raus – ihn kümmert fremdes Elend nicht. Herr X schläft. Also auf in den Kampf.

————-25.Sep (Di) —————-

  • 01:00 Endlich ist der Port frei. Dafür ist der andere jetzt gesperrt. Was ist hier eigentlich los? Kann die Seiten selbst auch nicht sehen, da ich im gleichen Netzwerk bin und jenes so dämlich angelegt ist, dass ich nur als localhost sehen kann, was abgeht. iChat mit meinem Chef, der 2km entfernt zu Hause sitzt.
  • 04:00 Es wird langsam hell und der Regen nimmt zu. Genau wie der Hunger. Ab zu 7 Eleven, onigiri holen.
  • 05:00 Ich entrümpele den Server. Der vorherige Administrator muss ein absoluter Vollidiot sein: Apache Server liegt im /apache2/ Verzeichnis, liest seine conf Dateien etc aus /apache/. Alle Dateien existieren in zwei Ausführungen: schwachsinnig und schwachsinnigst.
  • 06:00 Dank der Säuberung habe ich endlich die nötigen Ports offen, alle Domains laden. Noch ein paar Mails schreiben und hoffen, dass das Netzwerk stabil bleibt.
  • 08:00 Das Netz ist stabil. Sieht zumindest so aus. Cheffe und ich wünschen uns eine gute Nacht. Mit dem Taxi durchs morgendliche Tokyo. Der Fahrer ist sehr, sehr, sehr gesprächig. Das ist nicht gut. 30 Minuten Zähne zusammenbeissen und lächeln.
  • 09:00 Gleicher Fehler: Ich schaue, ob der Server lebt. Gleiches Drama: Er lebt, aber das Netzwerk spinnt. Es ist doch… Noch ein paar Mails mit Beschreibung von Notmassnahmen abgesetzt. Nach 24 h vielleicht doch erst ein bisschen schlafen.
  • 12:00 Das Handy hatte ich sicherheitshalber auf stumm geschaltet. Leider nicht das grosse Telefon. Plötzlich bin ich WACH. 10 Anrufe auf dem Handy.
  • 13:00 Nach einem Kaffee bin ich wieder auf dem Bahnhof. Schnell zum Server, Netzwerk rebooten. Herr X erklärt, er komme um 19 Uhr. Notverlegung des Servers beschlossen – wir haben nicht die Zeit, das komplette Netzwerk auseinanderzureissen und zu analysieren.
  • 15:00 Jeweils ein Mal pro Stunde kommt ein Anruf: „Server down!“. Router rebooten. Neue Housing-Location suchen und betteln. Verlegung ins Datenzentrum frühestens in zwei Tagen. Also Notverlegung in unser Büro – 10 Mbps Standleitung muss reichen (sollte auch).
  • 16:00 Bekomme langsam Hunger. Auf zum 7 Eleven. Man grinst mich an.
  • 19:00 Herr X ruft an – kommt in 40 Minuten. Ob wir uns in 30 Minuten im Büro mit dem Server treffen können. Klar.
  • 19:30 Als ob ich auf Freier warten würde, stehe ich am Strassenrand und winke den Taxen zu. Schon mal mit ’nem fetten Server unter dem Arm nach ’nem Taxi gewunken?
  • 20:00 Server ist an den Router angeklemmt, DNS umgeschalten. Hurra, die Domains laden.
  • 22:00 Leider funktionieren SSH, SSL und FTP nicht wie gewünscht. Also Router umprogrammieren und weitermachen mit Server entrümpeln. So einen falsch geschriebenen iptable habe ich meinen Lebtag nicht gesehen. Ich würde jetzt gern jemand richtig anschreien. Herr X denkt sicherlich das gleiche. Wir schauen uns an, verfluchen den vorherigen Administrator wortreich. Machen weiter.
  • 01:00 Endlich. Alles läuft. Netzwerk hier kein Problem. Ab mit dem Taxi nach Hause. Die Skyline von Tokyo bei Nacht (vor allem von der Rainbow Bridge) fasziniert mich jedes Mal.
  • 02:30 Schreibe einen neuen Blogeintrag. Nein, ich mache nicht den gleichen Fehler zum dritten Mal. Der Server wird erst nach dem Aufstehen geprüft. Lebt er? Dann bleibe ich wohl diesen Tag zu Hause.
tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

8 Kommentare

  1. Oh wie sehr du mir aus dem Herzen sprichst!
    Herzliches ehrliches Beileid!

    Solche Problem sind mir ja sowas von bekannt :-/
    Besonders der Punkt:
    „05:00 Ich entrümpele den Server. Der vorherige Administrator muss ein absoluter Vollidiot sein:…“

    Bei meiner letzten Stelle hatte ich ähnliche Probleme. Der (russ.) Netzadmin hatte von so Wörtern wie Backupstrategie noch nie gehört oder auch das man beim Raid sich nicht alles erlauben darf.
    Ergo großer Datenverlust als im die 2te Platte vom Raid abrauchte.
    Erwähnte ich das auf dem System wichtige und einzigartige Strukturdatensätze und Forschungsergebnisse lagen!?

    Und kurz vor Schluss hatte ich dann erfahren das er den Server und das Gateway mit (man suche sich einen Sitzplatz!) dem default Passwort gefahren hat!
    Ein Bekannter von mir war nach 5 Minuten auf unserem System!
    Er meinte aber selten würden Hacker default Passwörter ausprobieren, weil DAS wäre ja wohl zu dämlich :-D

    Und das waren nur die Highlights!

    Deswegen das „IT nein danke“ in meiner PM ;-)
    Habe die letzten ca. 10 Jahre mein Herz genug ruiniert :-)
    (Teilzeitadmin. und Nutzer von Vollzeitadmins)

    Also erhol dich heute heute wenn möglich!

    Gruss aus Osaka von der Titanic,
    Michael

  2. Ach du meine Güte… ich beschwere mich so schnell nicht mehr über mein Arbeitspensum. Hoffentlich gabs wegen der Grillparty keinen Stress mit Bekannten/Freunden/Familie.

  3. Dank Euch allen für Euer Mitgefühl ;-)
    Wen’s interessiert – habe heute den Server in ein Datenzentrum gebracht. Von Kleinigkeiten mal abgesehen lief es dieses Mal so, wie es sein sollte…nach drei Stunden und 15 km war er im Netz.

    @Kante
    Wenn ich so viel Euro hätte wie es 7 Eleven in Japan gibt, würde ich diese Arbeit wahrscheinlich nicht mehr machen ;-P

    @Kyra
    Nicht wirklich – aber es war freilich sehr schade. Und dank der Witterung wird es wohl das nächste halbe Jahr keine Chance zum Grillen geben…

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