​Ein ausländischer Bierbrauer in Japan

Juni 14th, 2016 | Tagged | 6 Kommentare | 814 mal gelesen

Was erspähten da doch neulich meine entzündeten Augen im hiesigen Supermarkt, in einer abgelegenen Ecke, in der normalerweise nur Bio-Lebensmittel feilgeboten werden: Kleine Bierflaschen mit eigenwilligen Etiketten, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Meine volle Aufmerksamkeit verdankten die Flaschen jedoch einem noch kleineren Etikett, mit dem magischen Wort „半額 hangaku“ – Halber Preis. Soll heissen, der Neuling kostete nicht 480 Yen, also fast 4 Euro, sondern nur 240 Yen. Ein Schnäppchen also, beinahe. Beziehungsweise genauso teuer wie normale japanische Biersorten.

Zu Hause wurde die Beute während des Abendgelages geköpft. „Golden Ale“ nannte sich die erste Sorte (ich erbeutete auch noch Porter). Und der erste Schluck elektrisierte. Ah, genau so sollte Bier schmecken! Beinahe vergessen! Ohne zu überteiben war dies eines der besten in Japan soweit probierten Biere, und ich habe im Laufe der Jahre schon verdammt viel probiert. Kurz ein Blick aufs Etikett geworfen: „Brimmer Brewing“ sagte mir erstmal nichts, aber der Herstellungsort schon: Kawasaki. Und gerade mal 7 Kilometer von mir entfernt. Ein richtig gutes 地ビール Ji-biiru (lokales Bier) – aus meiner Stadt. Das muss ich natürlich weitererzählen, und deshalb gibt es auch diesen Artikel hier. Werbung quasi, aber unbezahlt, wohlbemerkt.

Von einem Kalifornier in Japan gebrautes Altbier

Von einem Kalifornier in Japan gebrautes Altbier

Da sich der Braumeister laut Webseite über Kundenmeinungen freut, wollte ich meine auch kundtun. Mir fehlte zwar etwas das porterhafte am Porter, aber das Golden Ale hatte mich wirklich verzückt. Prompt kam auch eine Antwort, die gleich noch erklärte, warum sein Porter das ist, was es ist, und dass ich doch mal vorbeischauen solle, wenn ich Zeit habe. Das habe ich gestern auch gemacht, da Kind 2 (nennen wir ihn lieber Sohn 1) noch bunt gescheckt mit Windpocken zu Hause festsitzt.

Die Brauerei ist klein, aber fein und liegt in Kuji, unweit des Tama-flusses. Draussen deutet nichts auf die Brauerei hin – es ist ein ganz normales, kleines Fabrikgebäude. Der Besitzer, Scott Brimmer, kommt aus Kalifornien, ist sehr sympathischund hat sein Handwerk in seiner Heimat gelernt – und dort rund 15 Jahre im Braugewerbe gearbeitet. Seine japanische Frau hatte er dort kennengelernt, und sie lebten vorerst auch dort, doch die gesundheitliche Lage der Schwiegereltern liess sie 2011 entschliessen, sich in Japan ein neues Leben aufzubauen. Und so gründeten die beiden eine kleine Brauerei. Einen grossen Teil der Apparaturen – vieles davon übrigens in Deutschland produziert – konnten sie aus der Konkursmasse einer Brauerei in Hiroshima aufkaufen.
Wer eine Braulizenz möchte, muss sich natürlich auch in Japan mit viel Bürokratie herumschlagen. So muss man zum Beispiel nachweisen, dass man das Handwerk studiert hat (egal wo, so lange alles übersetzt wird) und auch ein paar Jahre im Gewerbe gearbeitet hat. Des weiteren muss man glaubhaft nachweisen, dass man mindestens 60’000 Liter pro Jahr produzieren kann und wird – und, hier wird es interessant – man muss ebenfalls nachweisen, dass man bereits Abnehmer für mindestens 30’000 Liter pro Jahr hat. Man soll also die Katze im Sack verkaufen.

In der kleinen, aber feinen Brauerei

In der kleinen, aber feinen Brauerei

Die Brauerei hat mittlerweile bereits einen Preis als gut geführtes Startup sowie auch noch ein paar andere Preise gewonnen. 80% des Bierausstosses wird in Fässern an Bars und Restaurants in ganz Japan ausgeliefert, nur 20% werden in Flaschen abgefüllt. Auch deutsche Bars/Restaurants gehören zu den Kunden. Die hohen Preise für importierten Hopfen, Gerste, Hefe usw. sorgen dafür, dass diese kleinen Brauereien weitab von wettbewerbsfähigen Preisen liegen, aber das ist ja bei Minibrauereien in anderen Ländern auch der Fall und schwer zu ändern. Hinzu kommt noch die horrend hohe Biersteuer in Japan: Für jeden produzierten Liter müssen Brauer 225 Yen (fast 2 Euro) umgehend an den Staat entwenden. Es gab zwar Pläne, die Biersteuer zu senken (und im Gegenzug die Steuer für all die jämmerlichen Bierderivate zu erhöhen), aber dieser Plan versank still und leise im Mülleimer der Parlamente).

Vor kurzem beauftragte eine deutsche Schankwirtschaft in Tokyo (Name leider vergessen – scheint relativ neu zu sein) Brimmer Brewing damit, ein Altbier zu brauen, und das sollte ich doch mal unbedingt probieren und kundtun, ob das ans Original heranreicht. Nun komme ich nicht aus der D’dorf-Gegend und es ist wahrscheinlich über 10 Jahre her, dass ich ein Altbier genossen habe, aber die beiden Proben erinnerten mich stark an Altbier (nicht an Diebels, eher an die kleineren Sorten, die man fast nur in Düsseldorf bekommt) und waren ausgesprochen schmackhaft – mit viel Tiefgang. Und wie Scott so dastand und etwas kühles Altbier aus den 1’000-Liter-Tanks zur Verkostung abfüllte, sah er für mich wie einer der glücklichsten Menschen auf der Welt aus. Sicher, leicht wird er es auch nicht haben, aber man merkt ihm die Leidenschaft an, und das Ergebnis ist sehr gelungen. Und – die Brauerei expandiert: Scott plant gerade, das Nachbargebäude ebenfalls zu nutzen.

Auch Technik aus Deutschland ist am Start

Auch Technik aus Deutschland ist am Start

In diesem Sinne – solltet Ihr mal einen Zapfhahn in Tokyo oder anderswo entdecken, auf dem „Brimmer“ steht – immer ran an die Tränke! Es lohnt sich.

Es gibt übrigens auch mindestens zwei deutsche Braumeister in Japan (einer der Beiden, Stephan Rager, ist dabei „Hoflieferant“ der deutschen Botschaft). Auch deren Biere sind erstklassig, aber mehr nach süddeutschem Geschmack ausgerichtet.

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6 Responses to “​Ein ausländischer Bierbrauer in Japan”

  • Tdk sagt:

    Und wieso gab’s das Bier zum halben Preis?

  • Klaus sagt:

    Immer so weit ab vom Schuss *~*

    Wer ist denn der 2. deusche Braumeister? Wuerde mich aus persoenlichen Gruenden interessieren.

    Na, Dir hat’s geschmeckt und man kann nur weiterhin gut Schluck wuenschen!

  • Rene sagt:

    Interessanter Artikel, vielen Dank. Bin selbst auch immer auf der Suche nach leckerem Bier. In der Tat gibt es leider nicht viele, um zu sagen nur 2 oder 3 Sorten. Bei vielen ist einfach Reis statt Hopfen und Malz und das merkt man eben sofort.
    Ebisu hat jetzt auch ein neues Bier, das nennt sich „Meister“. Das kann man auch trinken, aber an deutsche Biere kommen nur wenige heran.

    *Prost*

  • Michael sagt:

    Mich würde mal interessieren, ob es in Japan auch so langsam einen Craft Beer Hype gibt, obiges geht ja in die Richtung ?

    Nachdem es die USA schon länger über viele Jahre vorgemacht haben, und so ziemlich alle internationalen Bierpreise gewonnen hatten, holen kleine (vielfach neue) deutsche Brauereien mit ihrer Version von Pale Ale oder IPA oder sonstigem gehörig auf. Schmeckt nicht jedem meiner Bekannten, aber seit es das gibt trinke ich wieder gerne Bier. Die ganze langweilige filtrierte Export und Pils-Plörre konnte ich echt nicht mehr ab…

    • Oliver sagt:

      Die Craft Beer Laeden sind wie Pilze aus dem Boden geschossen und es gibt tatsaechlich mehr Bars als meiner Leber auf Dauer zu gute kommen wuerde ;)