Tokyo Sky Tree – Erfahrungsbericht

Oktober 24th, 2012 | Tagged | 11 Kommentare | 2878 mal gelesen

Da soll es also raufgehen

Wie bereits hier geschildert, ist Tokyo seit diesem Jahr um eine Attraktion reicher, denn der Tokyo Sky Tree, momentan mit 634 Metern der höchste Turm der Welt, ist nunmehr öffentlich zugänglich.
Ich habe mir gestern mal die Freiheit genommen, einen Tag Übertage abzubummeln. Der Plan lautete nämlich wie folgt: An Wochenenden dürften Himmel und Hölle am Sky Tree in Bewegung sein, so dass man wohl kaum in Ruhe alles anschauen kann. Es ist bestimmt besser, an einem stinknormalen Wochentag, an dem alle arbeiten, dort aufzukreuzen. Erst recht, wenn alle chinesischen Touristen das Land meiden wie der Teufel das Weihwasser. Soweit zur Theorie. Praktisch gesehen war der Plan jedoch völlig für die Katz‘, denn am Sky Tree waren definitiv Himmel und Hölle in Bewegung. Sakrament, haben die denn alle keine Arbeit!? Was ist bloss los mit dieser Welt?

Da muss man irgendwie langgehen... und wehe wenn nicht

Nun aber erstmal eins nach dem anderen. Noch Monate nach der Eröffnung konnte man nur auf den Turm, wenn man vorher online gebucht hatte. Das kann man heute immer noch tun, aber man kann heute auch am Turm aufkreuzen und ein sogenanntes 整理券 seiriken bekommen – eine Wartenummer. Dort steht dann groß und dick drauf, ab welcher Uhrzeit man sich für die eigentlichen Eintrittskarten anstellen kann. Wir tauchten gegen 14 Uhr auf, und das berechtigte uns dazu, uns zwischen 18 Uhr und 18:30 anzustellen. Gute 4 Stunden mit 2 äußerst ungeduldigen Kindern – das roch nach Spaß.
Anfangs war nicht sofort ersichtlich, wo man sich wie und warum überhaupt anstellen muß. Überall standen Abgrenzungen herum, mal mit Leuten drin, mal ohne. Meine Frau, nicht faul, kletterte kurzerhand über ein Seil, um drinnen die Lage zu peilen, aber eine der Turmwächterinnen – eingekleidet in einer extrem häßlichen Uniform – war umgehendst zur Stelle und fauchte meine Lieblingsehefrau giftig an: „Weg da! Hier geht’s nicht lang! Raus hier!“ Das verschlug sogar meiner Frau die Sprache (und das kommt nur sehr, sehr selten vor), aber nicht mir. Ich entgegnete ihr noch ein drohendes „言い方!“ (iikata – eigentlich „Sprechweise“, aber hier in etwa: Passen Sie auf, wie Sie reden!), worauf sich die Turmwächterin ein „申し訳ありません“ (mōshi wake arimasen – Entschuldigung!) herausquälte. Dabei schaute sie, als ob sie gerade in eine Zitrone gebissen hätte.

Turmwächterin beim Versuch, meine tanzende Tochter vom Fahrstuhl zu verscheuchen...

Wir fanden schnell heraus, daß scheinbar viele Turmwächterinnen unterbezahlt, schlecht instruiert, überarbeitet oder was auch immer waren. Sowas findet man nicht allzu häufig hier, aber vielleicht wollten Sie ja auch nur dafür sorgen, daß sich ausländische Besucher nicht allzu fremd fühlen.
Wir waren noch nicht mal sicher, ob wir letztendlich wirklich auf den Turm wollen – an diesem Tag zumindest, da es recht diesig war. Zum Aquarium wollten wir allerdings auf jeden Fall. Jenes befindet sich direkt neben dem Turm. Eintritt für Erwachsene: Stolze 2’000 Yen. Ein stolzer Preis, selbst für japanische Verhältnisse. Beim Sushiladen kann ich mir für den gleichen Preis icht nur Fische gucken, sondern auch gleich essen. An der Preistafel stand allerdings auch noch etwas anderes: Jahreskarte 4,000 Yen. Das war ein No-brainer, wie man so schön sagt – ich bin mir sicher, dass wir innerhalb eines Jahres noch mal von den Kindern hierher geschleift werden, warum dann nicht gleich die Jahreskarte nehmen. Wir wurden in ein Nebenzimmer geführt, wo man die Jahreskarten – mit Photo des Besitzers – sofort ausstellt. Die Angestellten hier: Durch die Bank weg sehr freundlich. Als ich an der Reihe war beim Fotographieren, hatte ich noch den Kleinen auf dem Arm und sagte deshalb eher im Scherz: „Vielleicht sollte ich das Foto mit ihm zusammen machen“, worauf die Angestellte sofort: „Na klar! Kein Problem!“ sagte. Na bitte, es geht doch. Manager des Aquariums: Top. Manager des Turms: Flop. So einfach ist das.

Pinguingehege im Sumida-Aquarium

Das Aquarium war einfach nur voller Menschen – es war eine echte Kunst, ein paar Fische zu Gesicht zu bekommen. Nett gemacht ist es jedenfalls, mit einem großen, zylinderförmigen Becken, in dem die Unterwasserwelt der Ogasawara-Inseln abgebildet wird, sowie einem großen, offenen Pool mit Glaswänden für ein großes Rudel Pinguine. Sowie einer Reihe von Aquarien, in denen man sehen kann, wie Quallen von Tag zu Tag wachsen. Die Arbeit der Tierpfleger wird in dem Aquarium öffentlich sichtlich gemacht, was für Kinder auf jeden Fall interessant ist.

Nach dem Aquarium war es 4 Uhr. Es galt, noch zwei Stunden totzuschlagen. Das gelang uns halbwegs im „Solamachi“, einem an den Sky Tree angeschlossenen Einkaufszentrum, welches freilich auch hoffnungslos überfüllt war. Ich möchte ehrlich gesagt nicht wissen, was am Wochenende dort los ist – es muß der blanke Wahnsinn sein. Um langes Warten zu vermeiden, gingen wir schließlich erst kurz vor halb sieben zum Turm. Und man lotste uns sofort zur Kasse. Dort standen endlos lange Schlangen von Menschen mit roten Kärtchen an – diese hatten wahrscheinlich im Internet vorbestellt. Wir hatten die gelben Kärtchen, und keine 5 Minuten später hatten wir unsere richtigen Eintrittskarten: 2’000 Yen für Erwachsene, 600 Yen für bis 5-jänrige. Wenigstens kam der Kleine umsonst rein. Dafür fährt man allerdings auch nur bis zur 350 m hoch gelegenen 展望デッキ tenbō dekki(Aussichtsplattform).

Kupferne Kirschblüten im Frühlingsfahrstuhl

Die Fahrstühle sind groß und mit viel Liebe zum Detail gestaltet, um nicht zu sagen – edel. Jeder Fahrstuhl ist einer Jahreszeit gewidmet. Allzu viel Zeit hat man allerdings nicht, das Innere zu bewundern, da die Fahrstühle mit bis zu 600 m pro Minute hochfahren. In 50 Sekunden ist man oben, zusammen mit 40 anderen Leuten pro Fuhre. Das macht quasi 800 Euro für den Betreiber pro Fahrt. Mal weiterrechnen… 4 Fahrstühle schaffen die Tour theoretisch 30 Mal pro Stunde. Oder sagen wir besser 20 Mal, um mehr Zeit zum Ein- und Aussteigen zu gewähren. 20 mal 4 Fahrstühle mal 40 Personen mal 2’000 Yen = 6.4 Millionen Yen pro Stunde. Da auch Kinder usw. mitfahren, der Einfachheit halber 5 Million. Der Turm ist von 8 bis 22 Uhr geöffnet, also 14 mal 5 Millionen = 70 Millionen, also rund 700,000 Euro. Wer zum obersten Deck auf 450 Meter Höhe, dem 展望回廊 tenbō kairō, Aussichtsrundgang will, zahlt noch mal extra an einer anderen Kasse auf 350 m Höhe – das kostet die Hälfte, also 1,000 Yen pro Erwachsenen. Nicht alle fahren dort hoch. Vielleicht die Hälfte derer, die zur Plattform fahren, also sagen wir mal noch mal 100,000 Euro extra. 365 Tage mal 0.8 Millionen Euro = 292 Millionen Euro, minus 92 Millionen Euro an windstarken Tagen, an denen der Fahrstuhl nicht fährt, oder Tagen mit weniger Besuchern. Die Baukosten betrugen wohl 400 Millionen Euro. Natürlich muss man sehr viel Geld davon für den Betrieb und und die Angestellten abziehen, aber wenn man bedenkt, dass die Mieten der Geschäfte dort einiges einbringen sowie Fernsehsender für die Benutzung bezahlen, dürfte sich der Turm für die Betreiber ziemlich schnell auszahlen. Das ganze ist alles nur grob überschlagen, aber ich denke, man kann sich halbwegs ein Bild von der Bedeutung des Turms für die Stadt und Betreiber machen. Die erwarten übrigens 5 Millionen Besucher, die auf den Turm wollen, und 20 Millionen Besucher des ganzen Komplexes schlechthin pro Jahr.

Der 100 m hohe, obere Fahrstuhlschacht

Oben angelangt, war es ebenfalls schwer, an die riesengroßen Glasscheiben zu kommen – das Gedränge war einfach zu groß. Und die Hälfte der Leute an den Scheiben schaut nicht etwa raus auf das weite Lichtermeer, sondern auf die Bildschirme ihrer Handys und Kameras, um zu schauen, ob das hastig geschossene Photo etwas geworden ist. Wir stellten uns währenddessen nochmals an, um 10 Minuten später Eintrittskarten für das Oberdeck in der Hand zu halten.

Im Fahrstuhl nach oben offenbarte sich dann das – meiner Meinung nach – eigentliche Highlight: Der Fahrstuhlschacht ist in bläulich-ultraviolettes Licht getaucht, und der Fahrstuhl hat ein Glasdach. Das sah sehr futuristisch aus und war einfach nur beeindruckend. Hut ab vor dem, der diese Idee hatte.

Der Rundgang auf 450 Meter Höhe ist das Extraeintrittsgeld wert. Schlauchartig wendet sich der Rundgang um den Turm, mit leichter Steigung – das obere Ende liegt 5 Meter über dem Beginn des Rundgangs. Und ja – ob 450 m Höhe oder 350 m Höhe macht durchaus einen Unterschied. Es war zwar immer noch etwas diesig und natürlich schon längst dunkel, aber die Höhe ist beeindruckend und offenbart einen einmaligen Rundblick auf die großen Straßen der Stadt, die vielen Flüsse und Brücken …

Blick auf das untere Ende des 450 m hohen Rundgangs

Fazit: Völlig problemlos rund 200 Euro am Turm ausgegeben und viel Stress, aber sehenswert. Wer sich für Architektur interessiert, sollte sich den Turm nicht entgehen lassen. Wer allerdings einfach nur einen Blick über die Stadt werfen möchte, dem sei das Rathaus in Shinjuku als Alternative empfohlen – das ist zwar nur 243 m hoch, aber kostenlos und für den Blick auf Tokyo allemal ausreichend. Wer jedoch auf den Tokyo Sky Tree möchte – ich kann nur empfehlen, bis ganz oben zu fahren, auch wenn es extra kostet (eine Unsitte, die man vom alten Tokyo Tower übernommen hat). Anbei noch ein paar Photos – leider viele in fraglicher Qualität, da einfach nicht die Zeit da war, in Ruhe zu fotografieren.

Get the flash player here: http://www.adobe.com/flashplayer

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11 Responses to “Tokyo Sky Tree – Erfahrungsbericht”

  • HamuSumo sagt:

    Wow! Ein Besuch des Turms ist beim nächsten Japan-Urlaub definitiv eingeplant!

    Du hast nicht zufällig eines der Bilder in HD-Qualität, um es als Wallpaper benutzen zu können? :)

  • Thuruk sagt:

    Sehr nette Uniform. Erinnert an Omas 50er-Jahre-Kleidung. xD

    Die Bilder in HD wären schon cool, aber als Wallpaper sind solche Nachtansichten leider nicht brauchbar. Zuwenig Lesbarkeit und ablenkend. :-)

  • Heydal sagt:

    Bin in dieselbe Falle getappt, dachte an einem Montag Nachmittag sei sicher nicht soviel los, und ich könnte mir den Tokyo Sky Tree in aller Ruhe ansehen. Was für ein Irrtum, es war brechend voll, Warteschlangen vor jedem Restaurant, jedem Aufzug, und jeder Toilette. Es war ein regelrechter Hürdenlauf in Zeitlupe den ganzen Menschenschlangen auszuweichen, und sich vom Strom der Mitpassanten treiben zu lassen.

    Habe es erst gar nicht versucht, auf den Tokyo Sky Tree zu kommen, und dafür, Plan B, das Planetarium anvisiert. Leider auch dort dasselbe Bild. Erst ein Platz frei, nach drei Stunden Wartezeit. Das war mir dann doch zuviel.

    Und die Einkaufsmall war der absolute Overkill, da kam bei mir keine Einkaufslaune auf, sondern die Erkenntnis das es für mich tatsächlich ein zuviel an Angebot und Nachfrage geben kann. Nach gut zwei Stunden habe ich den Rückzug angetreten.

    Vielleicht das in zwei Jahren sich der Flair des neuen gelegt hat, im Moment kann man den Tokyo Sky Tree nicht wirklich empfehlen. Und ehrlich gesagt sieht der Turm von weitem auch wesentlich besser aus, als von Nah.

  • Thuruk sagt:

    „TOKYO SKYTREE Web tickets“ may be purchased in advance online. Please be reminded that only credit cards issued in Japan are accepted for online reservations.

    Man kann ja scheinbar nichmal reservieren als Tourist.

  • umij sagt:

    Da würde mich jetzt aber schon interessieren, was die Turmwächterin genau auf Japanisch zu Ihrer Frau gesagt hat.

  • zoomingjapan sagt:

    Ich finde es auch immer wieder erstaunlich wie viele Leute sich manchmal wo tummeln, obwohl es unter der Woche ist und auch kein Feiertag und keine Ferien in Sicht sind.
    Auf der anderen Seite hatte ich es aber auch schon mal, dass ich zur beliebtesten Zeit verreist bin oder an sehr beliebte Orte aber „off season“ und kaum was los war.

    Der Skytree steht auf meiner Liste gaaaanz weit unten.
    Das ganze Anstehen, Warten und dann auch noch das – wie ich finde – recht happige Eintrittsgeld braucht es wirklich nicht.

    Aber vielen Dank für deine Geduld und deinen ausführlichen Bericht. Hat echt Spaß gemacht, ihn zu lesen.
    Hat mich aber auch darin bestätigt, dass ich das so schnell nicht brauche! ;)

  • tabibito sagt:

    @HamuSumo
    Die Photos – in allen Größen – gibt es hier:

    http://www.flickr.com/photos/tabibito-x/sets/72157631837014042/

    Erwarte nicht zuviel. Nachtaufnahmen im Gedränge mit der Kamera in einer Hand und 12 kg zappelndem Kind auf dem anderen Arm sind eine Herausforderung.

    @Heydal
    Kann Dir nur zustimmen. Von solchen Shoppingmalls habe ich auch schon seit geraumer Zeit mehr als genug.

    @Thuruk
    Ha! Das wundert mich nicht. Diese Unterscheidung in ausländische und japanische Kreditkarten ist sowieso ein Unding.

    @umij
    Habe den genauen Wortlaut nicht in Erinnerung, aber es war reichlich barsch. Normalerweise wahrt man in Japan auch in solchen Fällen ein gewisses Maß an Höflichkeit, aber davon war nicht die geringste Spur.

    @zoomingjapan
    Regen ist ja zum Beispiel ein schönes Reisewetter, da dort fast alle zu Hause bleiben. Beim Sky Tree hat man dann allerdings nicht viel davon.

  • HamuSumo sagt:

    Danke für die Originalbilder. Nicht perfekt, ja, aber immer noch besser als meine lausigen Versuche damals eine schöne Nachtaufnahme vom Tokyo Metropolitan Government Building hinzubekommen. Das nächste Mal bringe ich eine bessere Kamera und ein Stativ mit.

  • Sascha sagt:

    Ich danke dir vielmals für diesen super Einblick über den Sky Tree.
    Ich war schon beeindruckt im beim Bau zu Fotografieren und freue mich jetzt um so mehr, in nächstes Jahr zu sehen wenn er festig ist.
    Hoffe das dann der ganze Trubel ein wenig vorüber ist.

  • ednong sagt:

    Coole Bilder, netter Bericht. Sind die 634 m auf dem einen Schild die Höhe über Meeresnull? Und warum nur ein Glasdach in dem Fahrstuhl? Ein Glasboden wäre viel interessanter …

    Und warum man nun die Kreditkarten unterscheidet, erschließt sich mir nicht wirklich. Gebühren dürften die Betreiber dann doch keine zusätzlichen haben als Geldempfänger, oder?

    Ach ja – die blauen Vierecke auf den Straßen-Nachtfotos sind dann bestimmt Werbebildschirme, oder?

    • tabibito sagt:

      Eigentlich nicht Meeresnull, sondern vom Erdboden. Das ist in dem Stadtbezirk aber quasi Meeresnull.
      Soweit ich gehört habe, gibt es wohl auch einen Fahrstuhl mit Glasboden (einer der oberen Fahrstühle), aber es war so brechend voll, dass ich das nicht bemerkt habe.

      Die Begründung, ausländische Kreditkarten abzulehnen, hat nichts mit den Gebühren zu tun. Angeblich wollen sich japanische Banken und Firmen damit gegen Kreditkartenbetrug absichern. Nicht vergessen: Ausland = böse, alles Schlitzohren; Japan = gut, Lügen und Betrug gibt es nicht.

      Die blauen Vierecke sind entweder Werbebanden oder Hotelnamen auf Gebäuden – in den meisten Fällen sehr wahrscheinlich Hotels. Das sind allerdings keine Bildschirme, sondern schnöde blaue Neonlampen.