Morsezeichen aus dem Badezimmer

Oktober 11th, 2010 | Tagged | 8 Kommentare | 1072 mal gelesen

Es gibt gewisse Errungenschaften der Zivilisation, auf die man nicht mehr verzichten möchte. Das Handy will ich da als Beispiel lieber nicht aufführen… aber ich komme realistischerweise nicht drumherum. Hier ist aber die Rede einer anderen, ich vermute mal recht japantypischen Erfindung, da diese exakt auf die Badegewohnheiten in Japan zugeschnitten ist: Die Kontrolleinheit in japanischen Badezimmern.
Aber da sollte ich vielleicht etwas ausholen: Japanische Wohnungen sind meistens recht klein, und die Badezimmer winzig. Von traditionellen Häusern mal absehen, sind die Badezimmer oft komplett mit Plastik verkleidet – darin findet man eine Mini-Badewanne und noch mal genauso viel Platz zum Duschen. Das Badezimmer ist oft keine 4 m² gross – dafür werden aber oft (nicht immer!) Toilette, Waschbecken + Waschmaschinenstellplatz und das eigentliche Badezimmer getrennt.
Zudem badet man in der Regel in klarem, heissem Wasser – nachdem man sich gewaschen hat. Dementsprechend füllt man die Badewanne als Familie nur ein Mal – alle baden im gleichen Wasser (da sich ja alle vorher gewaschen haben). Das regte natürlich hiesige Firmen an, praktische Geräte zu erfinden: Eine Kontrolleinheit, mit der man die komplette Wasserheizanlage nebst an die Badewanne angeschlossene Umwälzpumpe kontrollieren kann. Das geht dann so: Füllmenge (natürlich visuell klar dargestellt) und gewünschte Temperatur einstellen – und warten, bis eine freundliche Stimme erklärt, dass die Wanne jetzt fertig ist. Oder – was noch wichtiger ist: Frau und Kind baden irgendwann abends und lassen das Wasser in der Wanne. Wenn Mann dann spätabends von der Arbeit wiederkehrt, drückt man den おいだき (Oidaki)-Knopf und die Umwälzpumpe erwärmt das Bad bis zur eingestellten Temperatur.

Mäusekino im Badezimmer: Die Gasheizungsfernbedienung

 

Theoretisch ist das umweltfreundlich – man muss nicht das Wasser ablaufen lassen und neu einfüllen. Praktisch gesehen ist es wahrscheinlich nicht umweltfreundlich – ohne das Gerät verzichtet man wahrscheinlich häufig auf das Bad und belässt es beim Duschen – so aber lockt gerade in den kalten Wintermonaten die heisse Wanne.

Eine ähnliche Einheit hängt übrigens oftmals in der Küche, wo man die Wassertemperatur für das heisse Wasser in der Küche einstellt. Die Geräte „kommunizieren“ miteinander. Dazu gibt es nicht selten auch einen „呼び出し“-Knopf – wenn man den im Bad drückt, bimmelt das Gerät in der Küche. Das kann man freilich prima zur Kommunikation benutzen – ein Mal drücken: „Schatz, kannst Du mir bitte ein kaltes Bier ins Bad bringen“ – zwei Mal drücken „Du, Schatz, das ganze Bier und das heisse Wasser hier vertragen sich heute irgendwo nicht so gut – könntest Du mich bitte aus dem Badezimmer abholen?“ oder so. Der Phantasie sind da wahrscheinlich keine Grenzen gesetzt.

Das Wort des Tages: 給湯器 kyūtōki – geben – heisses Wasser – Gerät: der Boiler.

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8 Responses to “Morsezeichen aus dem Badezimmer”

  • Michael sagt:

    Cool ist das Teil auch in Kombination mit einer TV-Einheit, kein Witz!
    Da kann der Herr des Hauses dann Baseball zu seinem Bier geniessen, oder andere „Kanaele“ ;-

    Auch kann man darueber die Temperatur des Heisswassers regeln, welches dann am Wasserhahn in der Waschmashienenecke zur Verfuegung gestellt wird. Verbruehende 60゚C sind drin.

  • Sanctus Ligh sagt:

    Aber Waschen muss man sich noch selbst oder ^^
    Obwohl ich glaub dafür erfinden die auch bald was xD

  • みょ sagt:

    Mich würde interessieren was Singles machen?

    Ist es nicht eine wahnsinnige Wasser- und Energieverschwendung jedes Mal eine komplette Wanne mit Wasser zu füllen bzw. aufzuheizen?
    Und wie ist das mit der Wassermenge? Befüllt man japanische Badewannen nicht auch mit sehr viel mehr Wasser als beispielsweiße deutsche Wannen?

    Oder verwenden Singles auch mal über eine Woche lang das selbe Wasser?

  • みょ sagt:

    Huch, die Frage war natürlich nicht als „Wie waschen sich denn Singles in Japan?“ gedacht. ;)
    Sondern einfach ob sie genauso oft (im Vergleich zu Deutschland doch sehr viel öfters) BADEN wie das „Klischee“ zur japanischen Badekultur besagt. Mal ganz davon abgesehen dass das vermutlich ohnehin sehr individuell ist.

    @Michael
    Ich persönlich habe mich seit fast einem Jahr nicht mehr in die Wanne gelegt… Duschen reicht ja auch völlig aus.

  • Coolio sagt:

    @みょ
    Singles machen es natuerlich genauso. Mehr Wasser als in D brauch man meistens nicht, weil die Badewannen in typischen Singleapatos doch eher sehr klein sind. Also ich (1.85m) muss da mit angezogenen Knien drinhocken. Noch dazu wird das Wasser oft noch fuer die Waschmaschine gebraucht. Praktisch alle Waschmaschinen haben extra einen Saugschlauch dafuer.

  • Michael sagt:

    @みょ
    Was macht den Single in Deutschland? Baden die nicht?
    DAS erklaert ev. warum sie Single sind ;)

    Japanische Wannen sind kleiner (kuerzer) und verbrauchen so u.U. 1/3 bis 50% weniger Wasser.

  • Michael sagt:

    @みょ
    Duschen reicht fuer Dreck…
    wir sprechen hier von Kultur und Erholung.
    ;)

    Wie Tabibito beschrieb wird die Reinigung ja vorher durchgefuehrt.
    Und fuer das „Bad“ gibt es nicht nur die pur Wasser Version sondern viele Salze und Puder, oft von beruehmten Onsen.

    Ich habe selbst in D. 2-3mal die Woche abends gebadet oft 1h+ mit einem gutem Buch, es gibt nix besseres.

    Fuer mich ist Badekultur ein Zeichen von Zivilisation.
    Genauso wie die z.B. die arabische Kaffeekultur.

  • Ulli sagt:

    Ich habe genau den Kontroller der hier gezeigt wurde, in meiner badewanne in Japan gehabt. weiss einer zufaellig, ob es die auch in d zu kaufen gibt, da ich mir hier ein haus bauen will?