Kulturübergreifend: Amok

März 12th, 2009 | 11 Kommentare | 1628 mal gelesen

Mit Entsetzen habe ich hier die Nachrichten aus Deutschland verfolgt – der Amoklauf in Erfurt war ein rechter Schock, und der gestern in Winnenden stand dem in nichts nach. Ganz offensichtlich kann es jeden überall treffen, und scheinbar sind die Mittel gegen solche Aktionen recht begrenzt. Meine Anteilnahme den Opfern und ihren Angehörigen – der Schmerz muss unfassbar sein.

Aufgrund der extrem strengen Waffengesetze in Japan gab es hier bisher kein grösseres Blutbad… das durch Pistolen und Gewehre verursacht wurde. In Japan greift der Durchschnittsamokläufer eher auf Messer oder auf Kombinationen von LKW’s und Messer zurück. Höre ich Amoklauf, so denke ich (und wahrscheinlich auch die meisten Japaner) mit Horror an den 附属池田小事件 (Fuzoku Ikeda-shō Jiken Angeschlossene Grundschule Ikeda-Vorfall) zurück. Der fand am 8. Juni 2001 stattfand. Damals drang der ehemalige Hausmeister, 37 Jahre alt, in die Schule ein und stach wahllos auf die 7 bis 12-jährigen Kinder sowie auf die Lehrer ein. 8 Kinder, darunter 7 Mädchen, starben, zahlreiche andere Kinder und Lehrer wurden verletzt.
Ausnahmsweise konnte der Täter damals lebend gefasst werden – er wurde für zurechnungsfähig erklärt und erhielt die Todesstrafe. Die wurde 2004 (und damit ungewöhnlich schnell) vollstreckt.
Nun ja. Man kann nur hoffen und selbst daran arbeiten, dass die Gesellschaft keine solcher „stillen Monster“ hervorbringt. Aber dazu gehört wohl eine ordentliche Portion Idealismus.

Das Wort des Tages: 大量殺人事件: tairyō satsujin jiken. Massen-Mord-Vorfall. Das Wort Amok hat keine entsprechende 1:1 Übersetzung im Japanischen.

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11 Responses to “Kulturübergreifend: Amok”

  • Stefan sagt:

    Naja, die Sache ist halt die, dass in der heutigen Gesellschaft soziale Nähe irgendwo zum fehlenden Gut wird. Warum schaffen sich denn so viele Menschen Haustiere an? Eben weil ihnen irgendwo soziale Nähe fehlt und sie diese vom Haustier erhalten. Dass bei sozialer Einsamkeit die Probleme schnell gesteigert werden – wenn auch „nur“ im eigenen Kopf – ist zumindest mir klar.

  • Terry sagt:

    ja, schlimme sache das. seit gestern mittag ist sozusagen ausnahme in der brd und ganz besonders in den nachrichten zu erleben. sämtliche sender berichten ausführlich auch in sondersendungen von dem vorfall. gerade wurde über einen sender die letzte minute des täters verbreitet. (andy warhol lässt grüssen). ich frage mich, was das alles soll. information schön und gut, aber man kann es auch übertreiben.

    in letzter zeit habe ich das gefühl der häufung derartiger vorfälle. beim zwischenmenschlichen umgang geht offenbar immer mehr schief. hoffentlich kommt die allgemeine ursachenvorschung endlich mal voran und liefert sinnvolle maßnahmen zur vermeidung der zuspitzung solcher situationen. aber wie immer wird die alte leier hervorgeholt und die üblichen ursachen als für die tat verantwortlichen gezeichnet.

  • Felix sagt:

    Ist interessant wie Herr Schäuble auf die Tat reagierte: Er möchte kein schärferes Waffengesetz, er möchte die Killer Video Spiele verbieten (der Täter hat scheinbar, wie alle 17j. Buben, Killerspiele gespielt).

  • Hamu-Sumo sagt:

    Ich bin mir nicht mehr sicher, ob es politischer Populismus, Ignoranz, Unwissenheit oder eine Mischung von zweiem oder gar allem ist, wenn immer wieder die „Killerspiele“-Keule geschwungen wird.

    Als Computerspieler macht einem diese Pauschalisierung nicht mal mehr so richtig wütend, denn an diesem schwachsinnigen Geschwätz scheint es wohl keinen Weg vorbei zu geben.

    Der Ursprung allen Übels in unsere Gesellschaft, was auch viele erkennen, aber warum auch immer den Weg in die Medien gar nicht und wenn dann nur halbherzig findet.
    Hätte man den Abschiedsbrief vom Amokläufer aus Emsdetten groß publik gemacht, dann hätte es vielleicht ein wenig wachgerüttelt.

  • Heydal sagt:

    Da kommt mir immer wieder die Galle hoch. Ein Amoklauf eines Jugendlichen, zum Teil mit schweren Waffen ausgeführt und als nützliche Präventivmassnahme für die Zukunft tritt an erster Stelle ein Verbot von Computerspielen. Diese Polemik und offensichtliche Augenwischerei soll doch nur verdecken das dass Problem in den Familien oft auch ein Problem mit den Anforderungen der heutigen Arbeitswelt ist. Im Normalfall müssen beide Elternteile arbeiten, dabei natürlich flexibel sein und ihr Privatleben grundsätzlich hintenanstellen. Aber auch der Leistungsdruck an die Jugendlichen nimmt immer mehr zu. Schulstoff der früher in vier Schuljahren behandelt wurde, wird jetzt in drei Jahren durchgepaukt. Daselbe beim Studium mit dem Bachelor system. Wer dient diese Leistungssteigerung eigentlich ? Der Familie, den Jugendlichen wohl kaum. Das Effizienzdenken hat Einzug in die Schulen und Familien gehalten und zwar auch und gerade mit Hilfe sogenannter Familienpolitiker. Paare schauen sich am besten schon vor der Geburt eines Kindes nach einem Krippenplatz um, noch immer gibt es viel zu wenige davon. Aber viele Politiker insbesondere in Deutschland, aber auch anderswo propagieren noch immer das alte Familienmodell wo die Frau als Hausfrau und aufopfernde Mutter zu Hause nach dem rechten schaut, in vollkommener missachtung der gesellschaftlichen Realitaten.
    Aber es ist halt sehr viel einfacher auf böse Killerspiele einzudreschen, als gesellschaftliche Veränderungen für Eltern und ihre Kinder durchzusetzen.
    Zum schluss bleibt zu sagen, nicht die Spielkonsole oder ein Computerspiel sind das Problem sondern das Privatleuten es gestattet wird Schusswaffen zu besitzen. Das Gewaltmonopol liegt beim Staat , seine Bürger braucheh keine Waffen, egal welchen Kalibers. Da ist Japan uns auf jeden Fall einen grossen Schritt voraus. Heydal

  • Michael Hess sagt:

    Jahhhaaa Leute man hat doch Counterstrike auf seinem Rechner gefunden!!! DAS erklärt doch alles! :-(
    Nicht das seine Eltern offensichtlich legal Waffen rumliegen hatten und der Typ auch Probleme ohne ende menschlicher Art hatte… nein es sind nur Computerspiele schuld.

    Also demzufolge müsste ich ja auch bald Amok laufen… habe ich doch viele Stunden in Flugsimulatoren (5000h F16 etc pp) und First Person Shooter (Unreal, DOOM, Counterstrike, GhostRecon als Sniper sogar!) verbracht.

    Mittlerweile hat das reale Leben doch viele dieser Aktivitäten verdrängt. Und auch Facebook und Co. können nicht mit dem „RealLife“ konkurieren.
    Und da ist wie die anderen schon der Hund begraben… die Vereinsamung der Menschen ist ein viel grösseres Problem. Nicht das Leute WoW spielen und Facebook machen ist das Problem, sondern das sie das als Ersatz für ein reales Leben sehen.
    Gerade bei diesen sozialen Netzwerken (und Spiele die angeblich darauf aufbauen) sehe ich doch das viele Menschen darin mehr Zeit verbringen als mal auszugehen und die Sonne zu genießen.

    Interessant ist das wohl eine in Japanischen Medien wichtige Information war das die Opfer in Überzahl weiblich waren. In dem Lokalblatt hier wurden dann auch vorsichtig gemutmaßt das dies auf Probleme in dieser Richtung deutet.
    Hingegen kein Sterbenswort über die Connection Killerspiel-Amok (Die ja IMHO auch Schwachsinnig wäre). Somit wirken die japanischen Medien differenzierter als die Berichte in den deutschen. Krasse Welt…

    Michael
    auf segelentzug…
    (Moment wo war noch meine AK47… MP5 und die Handgranaten?)

  • Lori sagt:

    Ich kenne 無差別殺人事件 als sehr gebraeuchlichen Begriff.

    Der „Akihabara“ Vorfall ist uebrigens ein gutes Argument gegen schaerfere Waffengesetze (wobei ich trotzdem dafuer bin).

  • Christian W sagt:

    Deutschland hat eines der schärfsten Waffengesetze der Welt und dieser Typ wäre niemals an eine Waffe gekommen wenn sein Vater sich an die Vorschriften gehalten hätte. Das ist nicht so wie in the UK wo du an jeder Straßenecke gebrauchte Waffen mit bereits platzierten Fingerabdrücken kaufen kannst, oder wie in Norwegen wo du im grunde genommen nur deinen Ausweis auf den Tisch knallen musst und schon kannst du ein ganzes Infanteriebataillon ausrüsten, oder die Schweiz wo du als Mann mit 18 so oder so ein Gewehr mit nach Hause nehmen darftst.Da hat der Herr Innenminister schon recht wenn er sagt das eine Verschärfung des Waffengesetztes nichts bringt. Das wäre ja genauso nutzlos wie der Verbot von Killerspielen. Und was der Schäuble da über Computerspiele gesagt hat, na er musste ja irgendetwas sagen. Mir persönlich wäre es lieber gewesen er hätte gesagt das er Geld für Sozialarbeiter frei macht. Aber naja man kann nicht alles haben. Aber ich muss dazu sagen das die Polizei ziemlich schnell reagiert hat. Wenigstens die haben ein Konzept entwickelt wie man auf so eine Situation reagiert wenn jetzt die Kultusministerien noch nachziehen und ein Konzept zur Vorbeugung vorzeigen ist die Welt gleich wieder ein Stück sicherer geworden. So leute das wars jetzt aber auch ich muss los in meinem Garten sind gerade ein paar Tauben gelandet da mach ich jetzt ein paar Zielübungen mit meinem G11. Wenn ihr nicht wisst was das ist dann schaut hier nach: http://de.wikipedia.org/wiki/HK_G11

    Weidmannsheil

  • Peter sagt:

    Es ist schon sehr extrem was da passiert ist. Warum machen Leute so etwas. Warum haben wir eine Gesellschaft, die anscheinend so schlecht und so egoistisch ist, dass wir das nicht gesehen haben. Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich bin der Meinung, wenn man sich um Menschen in seiner Gegenwart kümmert, dann kann man das auch beeinflussen und die Menschen machen das dann vielleicht nicht so häufig. Ich finde das sehr traurig und ich wünschte, dass man es rückgängig machen könnte.

  • Thomas Henne sagt:

    Ich denke, hier in diesem Blog und auch in der überwiegenden Berichterstattung wird leider wenig auf das Problem dieses konkreten Falls eingegangen: Der Täter litt an Depressionen und hatte eine Behandlung abgebrochen. Damit bestand eine große Gefahr für Selbst- und Fremdgefährdung. Und diese Gefahr hat sich realisiert – weil der Täter Zugriff auf eine Waffe hatte und gut trainiert war, in erschreckend großem Umfang.

    Das heißt: Allgemeines Räsonieren über die Schlechtigkeit der Gesellschaft hilft wenig. Eine professionellere psychiatrische Betreuung des Täters hätte hingegen viel geholfen – warum gingen dort keine Alarmglocken an, da man im Krankenhaus doch sehr wahrscheinlich gewußt hat, daß der spätere Täter ein gut ausgebildeter Sportschütze war ???

    Und was bitte haben Waffen in Privathaushalten von Sportschützen zu suchen ? Wer Handgranaten, Krokodile oder Pockenviren sammelt, darf all dies schließlich auch nicht zu Hause aufbewahren.

  • schon traurig das ganze, aber bei allen wünschen für eine sicherere und bessere gesellschaft, denke ich dass man das auch irgendwo akzeptieren muss: man kann es nicht allen recht machen und in jeder gesellschaft, egal wie sie nun „zurechtgemacht“ wird, gibt es wenn der zufall das so will 1000 gründe um zu verzweifeln. deutschland hat bereits ein sehr strenges waffengesetz und auch wenn mehr sozialarbeiter etc. sicherlich in vielen fällen weiterhelfen würden – 100% gibt es eben nicht. die angebote müssen schließlich ja auch wahrgenommen werden und konkret in dem fall hier in dland war ja auch bekannt, dass der täter zuvor in behandlung war, diese jedoch abgebrochen hat. hätte er bei größerem angebot anders gehandelt? sich auf sozialarbeiter eingelassen? wage ich mal zu bezweifeln.

    also ich will damit nicht sagen, dass man nichts tun müsste. nur: die frage nach dem warum ist nicht unbedingt immer lösungsbringend. und bei aller gesellschaftskritik: es gibt auch genug menschen die glücklich sind und denen es gut geht. dass die nicht in die nachrichten kommen ist ne andere sache.