Blog400 Euro für's Regenschirmhalten

400 Euro für's Regenschirmhalten

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Seit gestern ist eine neue Verordnung für Radfahrer in Tokyo in Kraft. Jene verbietet das Radfahren mit Regenschirm sowie das Telefonieren bzw. Bedienen eines Mobiltelefons (ohne Freisprechanlage – die ist genehmigt). Wer sich über diese Regel hinwegsetzt, muss mit bis zu 50’000 Yen Strafe rechnen (also knapp 400 Euro). Ein stolzer Preis. Ob jemand, der beides gleichzeitig macht und dabei erwischt wird, einen Rabatt bekommt, wurde nicht festgesetzt.
Im regenreichen (drei Mal mehr Regen in Tokyo als in Berlin) und handyversessenen Japan kann man davon ausgehen, dass ca. 75% der Radfahrer ein Handy in der Hand halten – so es nicht regnet und jenes mit dem Regenschirm ausgetauscht wird. Natürlich kann man die Beweggründe der Gesetzgeber auch verstehen. Prinzipiell ist es in Japan Radfahrern nicht erlaubt, auf Strassen zu fahren – also fährt man, so vorhanden auf Bürgersteigen. Das ist mit Regenschirm und bei viel Verkehr natürlich nicht ungefährlich. Natürlich ist ein Regenschirm auch bei Wind eine Gefahr.
Andererseits – wer möchte schon triefend nass morgens in hoffnungslos überfüllten Zügen zur Arbeit fahren? Regenkleidung mitnehmen? Wo soll man die denn bitteschön während der Zugfahrt lassen? Man kann nur hoffen, dass die Polizei je nach Situation entscheidet. Was die Handys anbelangt – bitteschön. Ich stosse beinahe täglich mit jemandem zusammen, weil er plötzlich Schlangenlinien fährt während er bzw. sie auf dem Handy spielt.
Mit der neuen Verordnung wurde auch eine alte Verordnung aufgehoben: Das Verbot, als Erwachsener zwei Kinder mit dem Fahrrad zu befördern – eins vorne, eins hinten. Das ist ebenfalls sehr häufig in Japan und hatte einen Aufschrei von tausenden Müttern zur Folge, denn das Verbot ist zwar gut gemeint aber für Familien mit zwei und mehr Kindern eher eine Bestrafung.
Das Wort des Tages: 通勤ist tsūkinist. „tsūkin“ bedeutet „passieren/fahren – Arbeit“. „-ist“ steht für eine Person, siehe Maschinist oder Atheist usw. Eine Modeerscheinung: Obwohl die Infrastruktur dafür nicht vorhanden ist, fahren immer mehr Büroleute weitere Strecken mit dem Fahrrad zur Arbeit.

tabibito
tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

11 Kommentare

  1. Ja im Prinzip bin ich für die Strafe! Was hier so abgeht da wird einem manchmal echt schlecht.
    Das mit den 2 Kindern ist natürlich blöd, wenn auch Sicherheitstechnisch verständlich.
    WAS ich nicht wusste ist das die auf den Bürgersteig fahren müssen, ich dachte immer die würden das machen um mich zu schikanieren ;)

    Glaubt mir der Radfahrer der mit mir zusammenstösst, hat ein Problem ;)

    Wie ist das eigentlich mit Kinderanhängern?
    Obwohl die Teile 2 dicke Probleme haben
    a) Kinderkopf auf Auspuffhöhe
    b) Sichtbarkeit für Autos (Die sportlich hinter Mama um die Ecke semmeln wollen)
    Als Liegeradfahrer kenne ich das Problem zum Teil.

  2. Hab gleich mal meine Regenbilder aus Japan rausgekramt, ob ich da Radfahrer sehe. Hatte ja bei meinem Urlaub keine Problem mit anderen Verkehrsteilnehmern und bin fast täglich mit dem Rad unterwegs gewesen. Selbst auf dem Bürgersteig läßt es sich erstaunlich gut fahren. Wenn es Platzprobleme gab, dann meiner Erfahrung nach nur mit Ausländern. Wo ich jetzt aber meine Bilder sehe, wo warst du am 25.5.2007 um 9:33 Uhr? Hab‘ da so ein Kerl auf einem Foto, vor der Tokyo Station, denke Nähe des Nordeingangs mit Bart und Anzug. Könntest du sein ^^.

    @Michael
    Hatte mir auch schon überlegt das nächste Mal mit dem Liegerad nach Japan zu fahren, Problem ist nur der Transport in Bahn und Flugzeug, und natürlich das gefährliche Fahren zwischen Autos, weil man doch nicht so hoch ist. Obwohl ich gegenüber Deutschland nie das Gefühl hatte, dass mir ein Japaner die Vorfahrt nehmen würde, wenn man niedriger als ein Kleinkind auf dem Fahrrad ist ^^, ist das schon keine so angenehme Sache.

  3. Hi,

    bist du dir sicher, dass Fahrradfahrer nicht auf der Straße fahren dürfen? Ich war der Meinung, es ist genau umgekehrt:
    Fahrradfahrer dürfen nicht auf dem Gehweg fahren, es sei denn, sie empfinden es auf der Straße als zu gefährlich. Was natürlich sehr relativ ist und von den meisten „ausgenutzt“ wird.

    Abgesehen davon wundert es mich sowieso, dass es nicht viel mehr Unfälle gibt. Fahrradfahrer ignorieren meistens sämtliche Verkehrsregeln, das kann doch nicht gut gehen…

  4. Wie jetzt, Radfahrer dürfen nicht auf der Straße fahren? Wo denn dann? Gibt es da Radfahrwege? Ist der Gehweg extra Breit? Oder ist Fahrradfahren ein Luxus, ergo gibt eh nicht viele Radfahrer?

    Ansonsten kann ich mich da der Meinung von Michael im Wesentlichen anschließen. Ob die festgelegte Höhe allerdings gerechtfertigt ist, kann ich nicht beurteilen. In der BRD sehe ich eigentlich selten jemanden bei Regen mit einem Regenschirm Fahrrad fahren. Meistens wird ein schicker Regenponcho genutzt, die Trendigen natürlich mit markengerechter Outdoorkleidung. Ob sowas allerdings bei den Klimaverhältnissen Japans nützt? Nützt dann denn auch ein Regenschirm? Auf jeden Fall lenkt ein Regenschirm weniger ab als ein Mobiltelefon.

    Und die Mamis werden sich über die Regelung gefreut haben.

  5. Bist du dir da sicher, dass es verboten ist auf der Straße zu fahren? Ich dachte bisher das es wie bei uns ist und es nicht auf Bürgersteigen gefahren werden sollte.
    Wieauchimmer ist Radfahren in Japan gefährlich ohne Ende. Man sollte wirklich Fahrradunterricht in der Schule einführen. Die schauen nie.
    Ja und Regenschirme sind echt meganervig aufm Fahrrad

  6. Naja, in Deutschland darf man auch am Steuer nicht Telefonieren, gilt auch auf dem Fahrrad, Regenschirm halten darf man dafür, aber hier dürfen die Fahrräd ja auch auf Straße fahren oder sollten.

  7. Hmm…. Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Radfahren ist perse keine schlechte Idee, auch das fahren auf dem Gehsteig ist bei entsprechender Breite deselben und der klar gekennzeichneten Trennung vom Bereich der Fussgänger kein Problem. Wenn man aber die Platzverhältnisse in Tokyo kennt, sieht die ganze Sache schon etwas anders aus. Gerade zu Stosszeiten sind sehr viele Fussgänger unterwegs, besonders um die Zugänge der U-Bahn. Dass sich dort dann auch noch Fahradfahrer ihren Weg bahnen halte ich weder für eine gute Idee noch für praktikabel. Fahrradwege wären die Lösung, allein wo soll der Platz herkommen dafür? So sehr ich also das Zweirad als Alternative zum Auto begrüsse, ist eine Lösung für die Platznot nicht in Sicht. Und auf der Prioritätenliste der verhinderung des Verkehrsinfarkts steht das Zweirad nunmal ganz hinten. Priorität Nr 1 hat das U-Bahn Netz ohne dieses wäre die Stsdt nicht Lebensfähig, Priorität Nr. 2 ist der Strassenverkehr, der den Warentransport in der Stadt ermöglicht. Fussgänger wiederum sind die schwächsten Verkehrsteilnehmer und stehen von daher eh ausserhalb der Prioritäten an oberster Stelle. Eine Stadt in der man sich nicht zu Fuss bewegen kann ist eh zum Untergang verdammt, oder steht in Texas.

    Das Fahrrad mag in den Aussenbezirken durchaus seine Berechtigung haben, in der Innenstadt Tokyos und speziell während den Stosszeiten wohl eher nicht. Solche Angebote wie in Amsterdam und Paris, wo Zweiräder an zentralen Punkten der Stadt, zur freien Verfügung gestellt werden, sind eine tolle Sache, aber ohne dichtes Netz von Fahrradwegen sinnlos. Paris hat in den letzten Jahren unzählige neuer Fahradwege geschaffen, die hatten aber auch die Möglichkeiten dazu. Zum schluss und nach nochmaligem Durchlesen dieses Kommentars stelle ich fest das ich nie das Wort Velo gebraucht habe, was zwar den Beitrag erheblich verkürzt hätte, aber vielleicht bei dem einen oder anderen ein Stirnrunzeln verursacht hätte. Heydal

  8. „Prinzipiell ist es in Japan Radfahrern nicht erlaubt, auf Strassen zu fahren – also fährt man, so vorhanden auf Bürgersteigen.“ – Ich habe das auch anders in Erinnerung. Glaube, dass es grundsaetzlich nicht erlaubt ist, auf dem Buergersteig zu fahren, es aber von der Polizei mehr oder weinger tollriert wird – und selbst ausgiebig praktiziert.

    Wie auch immer – wenn man sich an die grundsetzlichen common sense Regeln haelt, ist man auch in Tokyo als Radfahrer auf der Strasse am besten aufgehoben.

  9. Warte! Das bedeutet, das ich den an unserem Mamachari installierten „Regenschirmhalter“ (Ja, doch! Das gibt’s!)auch nicht mehr benutzen darf? Oder ist diese Halterung gleichzusetzen mit der Freisprecheinrichtung beim Keitai und darf benutzt werden? Ich blicks nicht mehr….

  10. Da ich auch mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre hier mal meine 2 cents.

    1) Das Gesetz, wo man fahren darf, wurde dieses oder letztes Jahr ueberholt. Es ist OK (und gewollt), auf der Strasse zu fahren.

    2) Das mit dem Regenschirmverbot finde ich total daneben. Es regnet hier nun einmal verdammt oft und ausserdem faehrt man ohnehin langsamer, wenn man einen Regenschirm haelt. Wenn man naemlich zu schnell faehrt, geht der kaputt (Fahrtwind) und zumindest ich fuehle mich auch einfach sicherer, wenn ich einhaendig ein wenig langsamer fahre. Handy ist mir egal, benutze ich nur sehr, sehr selten waehrend der Fahrt.

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