Zeit der Unsicherheit: Nordkorea

April 13th, 2017 | Tagged , | 3 Kommentare | 663 mal gelesen

Das ewige Thema Nordkorea gewinnt in den letzten Tagen immer mehr Aufmerksamkeit in den Medien und der japanischen Bevölkerung. Zwar ist man in Japan die vielen Atom- und Raketentests sowie all die anderen Provokationen seit Jahren gewohnt, doch die Lage scheint sich immer mehr zuzuspitzen. Man bekommt allmählich Angst – auf mehreren Ebenen. Die erste Ebene hat man bereits erreicht: Nachdem Donald Trump vor ein paar Tagen verlauten lies, dass er nur zwei Möglichkeiten für Nordkorea sehe – entweder Druck aus der VR China oder eine von den Amerikanern angestossene militärische Lösung, begann die Börse in Tokyo bereits damit, langsam aber sicher eine Talfahrt anzzutreten. Die Anleger sind verunsichert, da man nicht weiss, was kommt. Zur seit Jahrzehnten berechenbaren Unberechenbarkeit Nordkoreas kommt nun auch noch die Unberechenbarkeit des wichtigsten militärischen Partners Japans, der USA, hinzu. Der halbherzige Angriff der USA mit Marschflugkörpern auf den Shayrat-Militärflughafen in Syrien trug da nicht zur Beruhigung bei. Ganz im Gegenteil. Es zeugt eher von der realen Gefahr, dass die USA in die Versuchung geraten, militärisch-chirurgische Operationen in Nordkorea zu planen. In Syrien mag das gehen – Assad und seine Armee sind genügend mit anderen Dingen beschäftigt und haben sehr wahrscheinlich nicht die Mittel, um über die Landesgrenzen hinaus zu reagieren. Nordkorea hingegen hat eine nicht näher bekannte Anzahl von Raketen, darunter auch Interkontinentalraketen, sowie ABC-Waffen, wobei sich die Experten nur über das „A“ in ABC einig sind (heute verlautete allerdings Ministerpräsident Abe, dass er befürchte, dass das Land durchaus auch mit Sarin bestückte Raketen im Arsenal haben könnte)¹ – sicher keine völlig abwegige Behauptung.

In Japan hat man eher Angst vor den Raketen – schliesslich hat Nordkorea in der Vergangenheit mehrfach bewiesen, dass es in der Lage ist, ballistische Raketen bis nach Japan und weiter zu schicken. Das wurde auch im Weissbuch des japanischen Verteidigungsministeriums anhand der folgenden Graphik anschaulich gemacht²:

Reichweite nordkoreanischer Raketen. Quelle: Weissbuch des japanischen Verteidigungsministeriums 2016

Reichweite nordkoreanischer Raketen. Quelle: Weissbuch des japanischen Verteidigungsministeriums 2016

Anhand der Grafik kann man erkennen, das gleich mehrere Raketentypen für einen Angriff auf Japan in Frage kämen – selbst die relative einfachen Scud ER-Geschosse könnten in Westjapan und Kyushu Schaden anrichten; die größeren Typen Rodong, Nodong, Taepodong, Musudan und Taepodong 2 könnten überall in Japan einschlagen. Am 17. März diesen Jahres wurde entsprechend auch erstmals in Japan (seit dem zweiten Weltkrieg) eine „Katastrophenübung für den Fall eines Raketeneinschlages“ in der Präfektur Akita abgehalten³.

Verglichen mit den Gefahren, die Südkorea im Falle einer militärischen Auseinandersetzung drohen, ist die Lage in Japan freilich noch eher harmlos. Es dürfte relativ unwahrscheinlich sein, dass irgendwann mal ein nordkoreanischer Soldat seinen Fuss auf japanisches Territorium setzt. Seoul hingegen liegt nur unweit der nordkoreanischen Grenze und ist selbst mit herkömmlicher Artillerie vom Norden her zu erreichen. Und selbst wenn Nordkorea schnell die Waffen strecken würde: Die Wiedervereinigung Südkoreas und Nordkoreas wird Südkorea ökonomisch komplett aus der Bahn werfen – was nicht ohne Folgen für Japan bleiben würde, da die Handelsbeziehungen sehr eng sind. So gesehen sitzen Südkoreaner, aber auch Japaner gebannt wie das Kaninchen vor der Schlange. Ob die Lage eskaliert oder nicht, kann von beiden letztendlich nicht vollständig kontrolliert werden. Somit bleibt nur die Hoffnung auf… Frieden.

¹ Siehe hier: „North Korea may have sarin-tipped missiles, Abe says
² Quelle: Weissbuch des japanischen Verteidigungsministeriums 2016
³ Siehe unter anderem hier: 弾道ミサイル想定、初の避難訓練 秋田・男鹿

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BOOKOFF schreibt wieder rote Zahlen

April 10th, 2017 | Tagged , | 3 Kommentare | 523 mal gelesen

Bookoff - der japanische Riesenantiquariat

Bookoff – der japanische Riesenantiquariat

Sie sind aus dem Raum Tokyo nicht mehr wegzudenken – die „BOOK•OFF“-Filialen der gleichnamigen, 1990 in Sagamihara (Präfektur Kanagawa) gegründeten Firma. 843 Filialen gibt es nunmehr. Bookoff startete quasi als Antiquariat oder besser gesagt „Gebrauchtbuchhandel“, denn dort findet man weniger rare Kostbarkeiten für Bibliophile, sondern einfach nur Bücher, die jemand nicht mehr braucht. Dazu zählen vor allem die sehr billigen 文庫 bunkō-Bücher, Mangas und Kinderbücher. Seit geraumer Zeit gehören auch CDs, DVDs und Computerspiele zum Angebot.

Das Unternehmen lebt und stirbt mit seinen Algorithmen, nach denen die Preise berechnet werden. Für die meisten Bücher, die man zu Bookoff schleppt, bekommt man ein bisschen Geld – das dauert in der Regel weniger als eine Stunde, aber die Beträge sind oft minimal, zumindest bei CDs und Bücher. Das ist natürlich immer noch besser, als alles wegzuwerfen, und das weiss Bookoff natürlich auch – damit wird geworben.

Heute wurde allerdings bekannt, dass Bookoff zum zweiten Mal in Folge rote Zahlen in der Halbjahresabrechnung vorweisen muss. So machte das Unternehmen zwischen September 2016 und März 2017 rund 1,1 Milliarden Yen Verlust (also gute 8 Millionen Euro) – bei einem Umsatz von rund 300 Millionen Euro. Zwar stieg der Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 8%, aber scheinbar machen dem Konzern die Expansionspläne zu schaffen, denn Bookoff hat nun auch begonnen, Second-Hand-Kleidung, -hardware und dergleichen zu verkaufen.

Bookoff ist deshalb interessant, weil es in Japan das Konsumverhalten aktiv verändert. Waren gebrauchte Sachen, egal ob Bücher, Kleidung oder Autos, früher bei vielen Japanern eher verpönt, so sind die Bookoff-Läden heute sehr beliebt und meistens gut gefüllt. Kein Wunder – die Geschäfte sind wahre Fundgruben sowohl für Bücherfans als auch für Musik- und Filmeliebhaber. Da sollte man eigentlich meinen, dass Bookoff den großen Verlagen in Japan ein Dorn im Auge sein sollte, aber dem ist nicht so: Schaut man sich die Aktieninhaber der Firma an, so ist Yahoo! Japan mit 15% der größte Aktieninhaber (anstelle von Ebay wird in Japan Yahoo Auction benutzt, und Bookoff vertreibt viele Sachen auch auf dieser Plattform), gefolgt von zahlreichen großen japanischen Verlagen mit jeweils 5%. Anstatt Bookoff zu bekämpfen, sichern sich die Verlage so eher ihren Anteil – oder sie versehen ihre teureren Bücher ganz einfach mit „consumables“, also Sachen, die den Wert der Bücher erhöhen, aber eine Weiterverkauf schwierig machen, da diese wertsteigernden Sachen (wie zum Beispiel Codes für Onlineausgaben etc) nur ein Mal benutzt werden können.

So gesehen ist es schwer vorstellbar, dass Bookoff letztendlich zugrunde geht – zu viel steht für die Anteilseigner auf dem Spiel. Es wäre auch schade, denn bei Bookoff kann man hin und wieder den einen oder anderen kleinen Schatz bergen, und es macht Leuten wie mir, die prinzipiell keine Bücher wegwerfen können, das Leben ein bisschen einfacher, da man kein allzu schlechtes Gewissen haben muss, wenn man die Lieblinge bei Bookoff „entsorgt“.

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Minister wirft Reporter raus: Imamura’s Wutausbruch

April 6th, 2017 | Tagged , , | 9 Kommentare | 809 mal gelesen

Sperrzone in Fukushima. Kariert: Sperrung Ende März 2017 aufgehoben.

Sperrzone in Fukushima. Kariert: Sperrung Ende März 2017 aufgehoben.¹

Am 4. April kam es bei einer Pressekonferenz des Kabinetts zu einem handfesten Eklat: Masahiro Imamura, Minister für den Wiederaufbau von Katastrophengebieten, legte dort seine Ansicht zu den Fukushima-Flüchtlingen vor. Der Hintergrund: Die Regierung gibt immer mehr Gebiete rund um den verunglückten Atommeiler von Fukushima für die Bewohner frei, doch da gibt es massive Probleme. Sicher, man hat viel Energie in die Dekontamination der verstrahlten Gegend gesteckt, doch das bedeutet noch lange nicht, dass wirklich jede Ecke vollends dekontaminiert ist. Bewohner, die besagte Zonen nach der Nuklearkatastrophe verlassen mussten, da die Gebiete komplett gesperrt wurden, erhielten finanzielle und andere Unterstützung vom Staat, doch indem man die Bereiche wieder für bewohnbar erklärt, kann der Staat sich jetzt natürlich aus der Verantwortung zurückziehen und die Gelder streichen.
Die ehemaligen Bewohner lassen sich da in zwei größere Gruppen einteilen: Diejenigen, und das sind meist die älteren Semester, die einfach nur zurück wollen, und diejenigen, denen das ganze (zu recht, wohlgemerkt) nicht ganz geheuer ist. Zwar wollen sie zurück, aber das Risiko erscheint vielen dann doch für zu groß, zumal Messungen vor Ort ergeben, dass es an diversen Ecken und Enden doch noch ganz gehörig strahlt. Diese Bewohner werden in Japan als 自主避難者 jishu hinansha – freiwillig Evakuierte bezeichnet, und bis zum März erhielten sie zum Beispiel Mietzulagen. Momentan gibt es noch geschätzte 77’000 Fukushima-Evakuierte, und mehr als die Hälfte von ihnen will – momentan zumindest – nicht zurück¹.

Um eben jene Gruppe ging es bei der Pressekonferenz am Dienstag. Ein Reporter wollte wissen, ob die Bewohner, die nicht zurückkehren wollen, nun komplett auf sich allein gestellt sind. Die blumigen Antworten waren dem Reporter nicht genug – er tat das, was ein guter Reporter macht, und bohrte unentwegt nach. Bis irgendwann von Imamura die glasklare Antwort kam, dass er denke, dass besagte Bewohner von nun an komplett selbst für sich verantwortlich sein sollten. Schließlich sei es ja ihre Entscheidung, noch immer nicht zurückzukehren. Der resistente Reporter traf dabei jedoch einen Nerv: Letztendlich schrie der Minister ihn an, er solle die Klappe halten und den Raum verlassen (die kühle Antwort des Reporters: Das werde ich nicht tun).

Natürlich wurden nun Rufe nach der Entlassung des Ministers laut, aber Abe hält an ihm fest. Und Imamura bot sogar an, sich bei dem Reporter zu entschuldigen, „… falls es nötig sei“.

Das Verhalten des Ministers gegenüber der Presse hin oder her — die Strategie der Regierung, die Sperrzonen rund um Fukushima bereits jetzt aufzuheben, so zu tun als ob nichts gewesen wäre, und die Bewohner mit der finanziellen Daumenschraube quasi zur Heimkehr zu drängen, ist schon ein starkes Stück Tobak.

¹ Siehe unter anderem hier (offizielle Zahlen der Präfektur Fukushima)

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METI’s Patriotenporno

April 3rd, 2017 | Tagged , , | 9 Kommentare | 613 mal gelesen

Da bin ich doch neulich über ein zweisprachiges Pamphlet mit dem klangvollen Namen „Wonder NIPPON!“ gestolpert, das da bereits vor einem Jahr vom japanischen Wirtschaftsministerium (METI) herausgebracht wurde. Der japanische Titel ist viel besser: 世界が驚く ニッポン! – „Worüber die Welt staunt: Nippon!“.  Auf der folgenden Seite wird man umgehend mit der Schlagzeile „Did you realize that Japan is getting this much attention?“ – „Wussten Sie, dass Japan in der Welt so viel Aufmerksamkeit bekommt?“ konfrontiert. Was folgt, sind ein paar schöne Fotos, und ein paar Seiten weiter lustlos zusammengewürfelte Grafiken, anhand derer der staunende Leser erklärt bekommt, warum Japan so dermassen einzigartig ist, dass es ganz viel Aufmerksamkeit, gewiss zumindest mehr Aufmerksamkeit als andere Länder, verdient. Das ganze geschieht im Rahmen der Vorbereitungen für die Olympischen Spiele in Tokyo 2020.

Wundervolles Japan. Und die Menschen erst!

Wundervolles Japan. Und die Menschen erst!

Da erfährt man unter anderem, das  Japaner (und zwar alle!) die Natur ganz anders wahrnehmen, quasi mit anderen Sinnen fühlen – vorgeführt an „fünf japanischen Schlüsselwörtern, die die Welt beeindrucken könnten“ („Five Japanese keywords that may impress the world“). Man erfährt auch, dass Japaner Farben anders wahrnehmen. Und da darf auch mein Lieblingsthema nicht fehlen: Ganze vier Seiten der 64-seitigen Broschüre sind den 4 Jahreszeiten gewidmet, von denen viele Japaner immer noch glauben, dass diese etwas ganz Besonderes sind. Man glaubt es kaum: Diese vier Jahreszeiten sind: Frühling, Sommer, Herbst und Winter!

Was seltsamerweise fehlt, ist das in letzter Zeit so gerühmte „omotenashi“ – die japanische Gastfreundschaft. In einem interessanten Bogen schlägt diese Kolumne in der Japan Times  dabei einen Bogen zu einem wichtigen Aspekt von omotenashi – dem Begriff 忖度 sontaku. Die direkte Übersetzung ist nicht ganz einfach, aber es bedeutet im Prinzip, jemanden einen Wunsch abzulesen/zu erfüllen, bevor selbiger überhaupt geäußert wurde. Damit wurde jüngst im Skandal um die Verwicklung des Ministerpräsidenten Abe nebst Gemahlin bei der Vergabe eines Grundstückes weit unter Wert an den ultrarechten Schulbetreiber Moritomo Gakuen (siehe hier) auch erklärt, wieso das Finanzministerium den Deal um das Grundstück  überhaupt absegnen konnte: Der Moritomo-Chef nahm an, dass es sich um „sontaku“ handelte – die Verantwortlichen im Finanzministerium gingen davon aus, Abe einen Gefallen zu tun, ohne das der Ministerpräsident selbst davon wüsste. Anderswo nennt man das Filz oder Korruption, in Japan hingegen wird daraus eine Tugend. Sontaku eben. Oder vorauseilender Gehorsam.

Japan ist etwas Besonderes, keine Frage. Es ist eben eine Inselnation, die lange Zeit in freiwilliger Isolation verbrachte. Dass Japaner jedoch Farben und dergleichen anders wahrnehmen als andere Menschen, ist hanebüchener Blödsinn. Und ob das Überkippen ganzer Berge mit grauem Beton zum besonderen Naturverständnis der Japaner zählen soll, darf auch diskutiert werden. Das METI könnte deshalb auch gern mal eine andere, vielgerühmte Tugend anwenden: 謙虚 kenkyo. Bescheidenheit. Denn Japan hat auch ohne diese seltsamen Übertreibungen genug zu bieten. Da mache ich mir auch weniger Sorgen um die Ausländer, die dieses Pamphlet lesen – sondern mehr um die Japaner, die das lesen und womöglich alles glauben, was da drin steht. Denn merke: Es soll sogar Orte außerhalb Japans geben, in denen es vier Jahreszeiten gibt. Es soll Gerüchten zufolge auch andere Länder geben, in denen Gastfreundschaft wichtig ist. Und es soll sogar Länder geben, in denen das Essen schmeckt. Kaum zu glauben, aber wahr.

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Narita, das Tor nach Japan

März 29th, 2017 | Tagged | 1 Kommentar | 1117 mal gelesen

Am vergangenen Wochenende habe ich es doch tatsächlich mal geschafft, nach Narita zu fahren. Also zur Stadt Narita, nicht zum Tokyo International Airport Narita, denn den kenne ich (und viele Japanbesucher sicherlich auch) zur Genüge. Seitdem der Flughafen Haneda vermehrt internationale Flüge anbietet, vermeide ich auch nach Möglichkeit Narita, denn während Haneda nur 20 km entfernt liegt, sind es von mir bis nach Narita fast 90 km. Da hilft auch der nagelneue und schnelle Keisei Skyliner nicht viel, denn der beginnt in Ueno bzw. in Nippori, und das ist einfach mal sehr unpraktisch, wenn man im südlichen Teil der Region zu Hause ist.

Blick von der Nakamichi-Strasse Richtung Naritasan

Blick von der Nakamichi-Strasse Richtung Naritasan

Nun wusste ich schon seit langem, dass Narita nicht nur einen riesigen Flughafen beherbergt, sondern auch einen altehrwürdigen und berühmten Tempel – den Naritasan. Trotzdem war ich von der Anlage überrascht: Zum einen liegt sie wunderschön in einem recht hügeligen Bereich der Stadt, zum anderen ist die Anlage riesig und beinhaltet auch einen größeren Park, komplett mit Waldwanderwegen, Wasserfällen und dergleichen. Sprich, man kann hier wunderbar spazieren gehen. Zumindest, wenn es nicht allzu voll ist, denn der Naritasan wird des öfteren völlig von Besuchermassen überrannt – zur Kirschblüte zum Beispiel, die gerade einsetzt, aber auch über Neujahr. Was ich allerdings nicht kannte, war die Nakamichidōri – eine alte Ladenstraße (und Fußgängerzone – eine Seltenheit in Japan), die in der Nähe des Bahnhofs beginnt und sich bis zum Naritasan hinzieht. Alles sehr gepflegt, alles sehr einladend, und, aber das ist nicht weiter verwunderlich, ziemlich international. Überhaupt ist die ganze Stadt auf ausländische Besucher aus – so gibt es vor den Toren von Narita riesige, neue Einkaufszentren, für Butterfahrtbesucher aus China etwa oder für Flugzeugbesatzungen, die nicht genug Zeit haben, sich bis Tokyo durchzuschlagen. Das Stadtzentrum selbst war jedenfalls eine große Überraschung, und ich kann jedem nur empfehlen, einen Abstecher nach Narita zu wagen – vor dem Heimflug oder kurz nach der Anreise. Zum Eingewöhnen ist die Stadt auch genau richtig – man findet hier so viel Englisch und Englischsprechende, dass der Kulturschock (Oh mein Gott! Hier versteht ja niemand Englisch!) nicht allzu heftig ausfällt.

Spezialität von Narita und eine sehr leckere Angelegenheit: Aal (Unagi)

Spezialität von Narita und eine sehr leckere Angelegenheit: Aal (Unagi)

Für Plane-Spotter lohnt sich zusätzlich ein Ausflug zum Sakura-no-yama-Park (Kirschbaumberg-Park). Hier gibt es, genau, japanische Kirschbäume, die Anfang April rosa vor sich hinblühen, sowie einen eindrucksvollen Blick auf das Rollfeld. Der Park befindet sich direkt am Flughafengelände und nur 100 oder 200 Meter von der Einflugschneise versetzt (je nach Windrichtung kann sich das aber auch ändern, dann sieht man die Flüge nur startenderweise über den Park fliegen, was weniger eindrucksvoll ist).

Am Rollfeld nahe des Sakura-no-yama-Parks

Am Rollfeld nahe des Sakura-no-yama-Parks

Der Flughafen Haneda in Tokyo macht Narita zwar immer mehr Konkurrenz, wie es scheint – aber an Besuchern dürfte es trotzdem nicht mangeln – Naritasan und die Nakamichi-Straße sind auch bei Japanern hinreichend beliebt, wie es scheint. Mehr zur Stadt gibt es wie immer hier.

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Die Arroganz der Filmübersetzer

März 22nd, 2017 | Tagged | 4 Kommentare | 771 mal gelesen

Als ich neulich in meiner kargen Freizeit Netflix anschaltete, landete ich plötzlich (ja ja, immer diese Ausreden) bei Star Trek, genauer gesagt bei Captain Archer. Der Name der Folge: The Hatchery. Der Brutraum. Auf Japanisch würde man das ohne großartige Rumdeuterei mit 孵化室 übersetzen. Und darum geht es in der Folge auch. Um eine Brutstation einer insektoiden Spezies. Da ich nun aber in Japan bin, bietet mir Netflix das ganze mit japanischen Titeln und Untertiteln an. Der japanische Titel besagter Folge lautet: トゥポルの反乱, „T’pols Meuterei“. Was ist geschehen? Wollte der Übersetzer damit angeben, dass er oder sie die Folge wirklich gesehen hat, ergo weiß, worum es da geht? Bei Filmen ist das noch in einigen Fällen nachvollziehbar. Ein Filmtitel ist immer auch gleichzeitig Werbung für den Film, und es gibt Titel, die aus linguistischen oder kulturellen Gründen einfach nicht ziehen, wenn man sie direkt übersetzt. Man wird dann kreativ und wählt mitunter einen völlig anderen Titel. Hier reden wir jedoch über eine von sehr vielen Folgen einer Fernsehserie, und ausser der Arroganz des Übersetzenden gibt es keinen triftigen Grund, den Titel dieser Folge nicht so zu übersetzen, wie er von den Machern der Serie vorgesehen ist. Ob der Titel nun Brutraum oder T’pols Meuterei lautet, dürfte da null Einfluss haben darauf, ob sich jemand die Folge ansieht oder nicht (wer aus Langeweile wissen will, wie die ganzen Star Trek-Folgen übersetzt werden, ist bei der USS Kyushu genau richtig).

Des einen Freud', des anderen Leid: Untertitel

Des einen Freud‘, des anderen Leid: Untertitel

Ach, Untertitel. Ein Kapitel für sich. Einerseits kann man sich glücklich schätzen, dass die meisten ausländischen Filme in Japan nicht synchronisiert (吹替 fukikae), sondern mit Untertiteln (字幕 jimaku) versehen werden. Denn so viel steht fest: Sigourney Weaver ist einfach nicht Sigourney Weaver auf Japanisch. In Sachen Synchronisation ist man in Deutschland weit fortgeschrittener, was das Bemühen angeht, den Charakter der Rolle zu wahren. Das Problem bei den Untertiteln ist jedoch, dass man automatisch mitliest (wohlgemerkt eine wunderbare Methode, seine Japanischkenntnisse zu vertiefen!), und sich jedes Mal grün und blau darüber ärgert, wie stark das im Original Gesagte verstümmelt wird. Nicht selten aus gutem Grund, aber oftmals auch unnötig. Ich habe schon mehrfach Filme gesehen, die vor herrlichen, feinsinnigen Pointen nur so strotzten – aber die Untertitel waren dermassen lustlos übersetzt worden, dass das Kunstwerk für den japanischen Cineasten zu einem sterbenslangweiligen Streifen mutierte. Auffällig ist auch, dass die meisten Übersetzer der gleichen Schule zu entspringen scheinen. Gewisse Regeln werden da eisern eingehalten – das gilt auch für die Synchronisation. Da kann Superemanze mit Raketenwerfer rauchend durch das Bild marschieren – ihr wird sowohl bei der Synchronisation als auch bei Untertiteln der sehr weibliche Partikel „wa“ angedichtet. Da heisst es dann nicht „I kill you“, sondern „korosu wa yo“. Alles klar. Immerhin: Da Untertitel oft zu schnell vorüberziehen, verlegt man sich schnell darauf, nur die chinesischen Schriftzeichen aus den Titel „querzulesen“, den Rest ignoriert man irgendwann automatisch. Genauso, wie man bei deutschen Untertiteln schnell Artikel und dergleichen überliest.

Bei Filmtiteln geht es natürlich auch mitunter wild zu, aber das ist ja in Deutschland nicht anders:

Original Japanisch Übersetzung Deutscher Titel Kommentar
IL BUONO, IL BRUTTO, IL CATTIVO (The Good, the Bad and the Ugly) 続・夕陽のガンマン Fortsetzung: Der Pistolenheld der Abendsonne Zwei glorreiche Halunken Der Klassiker. Warum man wohl entschieden hat, dass das eine Fortsetzung ist!?
Napoleon Dynamite バス男 Der Bus-Mann Napoleon Dynamite Da dachte man wohl an den in Japan beliebten 電車男, den „Zug-Mann“…
The Return of the Living Dead バタリアン Battalion Verdammt, die Zombies kommen Immerhin besser als der deutsche Titel…
Gravity (Film) ゼロ・グラビティ Schwerelosigkeit (=Zero Gravity) Gravity „Schwerkraft“ war wohl nicht packend genug…
Gravity (Star Trek-Folge) ブラックホールと共に消えた恋 Die Liebe, die mit dem Schwarzen Loch verschwand Schwere Wie poetisch!
The Martian – Bring him home オデッセイ Odyssey Der Marsianer – Rettet Mark Watney Da wollte man wohl Science Fiction-Hasser nicht vergrausen…
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Rassismus, notariell beglaubigt

März 16th, 2017 | 2 Kommentare | 834 mal gelesen

Flur des Obersten Gerichtshofes von Tokyo

Flur des Obersten Gerichtshofes von Tokyo

Da brauchte ich also neulich notariell beglaubigte Kopien von zwei Reisepässen – die Bedingung war, dass diese Kopien in Farbe sind sowie auf Englisch ausgestellt werden. Eine Apostille war nicht notwendig. Flugs fragte ich unsere Buchhalterin, ob sie einen Notar kennt, der das ganze auf Englisch ausstellen kann. Nun, sie kannte einen. Und er befand sich quasi gleich um die Ecke. Trotzdem: Erstmal kurz angerufen, was zu tun sei, wie lange es dauert und wie viel es kostet. Die Antwort: Wir sollen die Personalienseite der Pässe scannen, als PDF schicken und 10’800 Yen, also rund 80 Euro überweisen – zwei oder drei Tage später würde er uns die Beglaubigungen schicken.

Wie schön. So einfach! Aber moment mal: Muss der ganze Zinnober nicht gemacht werden, damit die dokumentenanfordernde Seite, eine Bank zum Beispiel, absolut sicher sein kann, dass alles seine Richtigkeit hat – zum Beispiel, indem sie die Original und Kopie miteinander vergleicht? Schließlich braucht man keine allzu weitreichenden Photoshop-Kenntnisse, um ein Scan etwas zu „frisieren“. Und wie kann es sein, dass der Notar, obwohl er diesen essentiellen Schritt mal eben ausläßt, sage und schreibe 80 Euro (=eine goldene Nase) dafür verlangt?

Ich wurde neugierig und fragte Freund Google, wo man sonst noch Reisepässe notariell beglaubigen lassen kann. Ich wurde auch schnell fündig. Hoch oben im Norden Japans sass ein Notar, der eben diesen Service versprach. Für weniger Geld. Mein Anruf blieb leider unbeantwortet, also schickte ich eine Anfrage über seine Webseite. Auf Japansich natürlich, und mit meinem vollständigen, deutschen Namen. Einen Tag später, ich hatte als Kontaktform „Email“ gewählt, kam auch prompt ein Anruf. Und das Gespräch lief letztendlich so ab:

T: „Guten Tag. Danke für den Rückruf. Haben Sie meine Anfrage gelesen?“
N: „Ja! Kein Problem, das können wir machen!“
T: „Schön. Was brauchen Sie von uns?“
N: „Also eigentlich müssten Sie die Pässe im Original zu uns schicken, aber…“
T: „Aber?“
N: „Ein Scan per Email ist auch okay. Sonst wird das alles zu umständlich, und Sie haben sicher auch nicht unbegrenzt Zeit“
T: „Das ist richtig. Aber liegt der Sinn nicht darin, die Originale…“
N: „Ja, schon! Rechtlich sind wir eigentlich auch dazu verpflichtet. Aber die meisten Kunden haben es immer eilig… Und das ganze war früher ja auch kein großes Problem – da haben sowas nur Japaner beantragt, und Japaner sind immer ehrlich. Aber jetzt fragen auch Chinesen an, und die haben manchmal gefälschte Pässe…“
T: „Ach, so ist das. Was verlangen Sie denn für die Beglaubigung?“
N: „Also wenn Sie pro Beglaubigung 3’000 Yen zahlen würden, wäre das schön!“

Ich war etwas zu perplex, um auf seine schräge Logik einzugehen. Ein japanischer Anwalt ist also, ohne mich zu kennen, bereit, das Recht zu brechen (und dafür Geld zu kassieren), erklärt mir aber im gleichen Atemzug, dass Japaner immer ehrlich sind, im Gegensatz zu Chinesen zum Beispiel. Für diese verquere Logik hätte er eigentlich sofort vom Blitz getroffen werden müssen. Auch die Preisgestaltung machte mich baff – auf seiner Seite standen nämlich Preise um die 5’000 yen herum – sein Angebot von 3’000 yen klang dabei auch nicht wie die Preisbenennung sondern eher wie eine Verhandlungsbasis. Aber was soll’s – das ist einfach der ganz normale Wahnsinn.

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Airbnb bekommt grünes Licht in Japan

März 13th, 2017 | Tagged , , , | 2 Kommentare | 1057 mal gelesen

Jetzt völlig legal: Airbnb in Japan

Jetzt völlig legal: Airbnb in Japan

Heute hat das japanische Parlament eine interessante Entscheidung getroffen: Airbnb ist demnach ganz offiziell legal in Japan. Allerdings nicht ganz ohne Einschränkungen. Einerseits dürfen Airbnb Anbieter ihre Wohnungen oder Häuser maximal an 180 Tagen im Jahr vermieten. Und: Man spricht den Kommunen das Recht zu, eigene Beschränkungen zu erlassen. Ob die Kommunen davon Gebrauch machen werden, bleibt abzuwarten.

Neuesten Zahlen zufolge besuchten im Jahr 2016 sage und schreibe 24 Millionen Ausländer Japan (ein Rekord – und in Tokyo ist es deutlich spürbar: es wimmelt nur so von ausländischen Besuchern!), und 3,7 Millionen dieser Besucher, also 15%, nutzten Airbnb. Analysten schätzen, dass diese Zahl im Jahr 2020 auf bis zu 35 Millionen steigen könnte. Leider ist nicht klar, ob damit die Zahl der Airbnb-Nutzer oder die Zahl der Airbnb-Übernachtungen gemeint ist (ich vermute, eher letzteres).

Bisher war Airbnb ein etwas riskantes Geschäft in Japan – nicht für die Kunden, sondern für die Anbieter – denn es war nicht klar, ob dieses auch für Japan neue Geschäftsmodell geduldet werden würde. Die Beschränkungen dürften allerdings einigen Anbietern die Freude vergällen. Andererseits kommt die offizielle Genehmigung zur rechten Zeit: Einerseits steigen die Besucherzahlen seit einigen Jahren kontinuierlich. Andererseits stehen in den kommenden Jahren grosse Ereignisse an, so zum Beispiel die Rugby-WM 2019 und die Olympischen Spiele in Tokyo im Jahr 2020.

Persönlich habe ich Airbnb bisher noch nie benutzt. Mein Schwiegervater zum Beispiel schon – bei seiner letzten Tour nach Okinawa. Wenn man sich die Qualität der japanischen Hotels in der unteren Preisklasse jedenfalls so anschaut, ist die Verbreitung von Airbnb jedenfalls begrüßenswert. Und notwendig: Es fehlt, vor allem bei grossen Veranstaltungen, oftmals schlichtweg an Unterkünften. Selbst in der Nähe des Flughafens Haneda, der ja immer mehr internationale Flüge aufweist, fehlt es an Unterkünften, was jedes Mal ein Ärgernis ist, da etliche Flüge so früh starten oder so spät landen, dass man auf eine Übernachtung angewiesen ist.

Airbnb’s Japan-Seite befindet sich übrigens hier.

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Mit Essen spielt man nicht. Es sei denn, es ist Hina-Matsuri

März 9th, 2017 | Tagged , | Kein Kommentar bisher | 478 mal gelesen

Wie die Zeit vergeht. Gerade eben Neujahr gefeiert (obwohl es dieses Jahr aufgrund einer in der Familie grassierenden Augengrippe geradezu ausfiel), und schon ist es schon wieder Zeit für das ひな祭り (hina matsuri) – das Puppenfest, zelebriert am 3. März jeden Jahres. Und da ich heute mal nicht über nordkoreanische Raketen, die gen Japan fliegen, berichten möchte, hier also ein Foto vom diesjährigen Hina-Matsuri. Dass man glanzvolle Puppen dabei ausstellt, ist ja bereits vielen bekannt, doch immer wieder amüsant finde ich, was man den Kindern an besagtem Tag zum Essen hinstellt. Beziehungsweise, was die Kinder, so sie gross genug sind, an jenem Tag aus Essen basteln. Denn das Basteln mit Essen hat nicht nur beim Bento Tradition, sondern auch hier:

Drappierter Reis mit Wachtelei

Drappierter Reis mit Wachtelei

Je nach Region und Familie scheint die Gestaltung dabei zu variieren. Und je größer die Kinder werden, desto interessanter werden die kleinen Kunstwerke. Die männliche Hälfte des obigen Paares hat zum Beispiel nicht deshalb eine Glatze, weil das Ei heruntergerutscht ist. Nein, die polierte Platte, auf japanisch von Kindern gern つるつるぴっか tsurutsuru pikka genannt, ist mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit eine Anspielung auf die Haupthaarpracht des Vaters, vom dreikäsehohen Sohn gern auch mal so vor fremdem Publikum, zum Beispiel in einer vollbesetzten Bahn, angepriesen. Doch auch wenn die Figuren dieses Jahr irgendwie auch ein bisschen an Kermit den Frosch erinnern – Spaß macht es immer wieder, dabei zuzusehen.

Über das Hina-Matsuri werde ich mich nun aber doch nicht weiter auslassen, denn das haben andere Blogger bereits wesentlich ausführlicher getan:

Weltentdeckerfrosch Hina-Matsuri (Mädchenfest)
Ginkgo Leafs 雛祭り – Hinamatsuri, das Puppenfest bzw. Mädchenfest
8900 km Hinamatsuri, das Mädchenfest.
Nippon Insider Hinamatsuri – Das Puppenfest für die Mädchen
Tabibito (2008) Hoch die Tassen: Hina-Matsuri
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Die Moral des rechten Randes

März 6th, 2017 | Tagged | 21 Kommentare | 894 mal gelesen

Das ist eine Sache, die ich nie vollends begreifen werde. Weder in Deutschland, noch in Japan. Beide Länder haben bekannterweise Gruppierungen am äußersten rechten Rand, und diese Gruppierungen haben je nach Region mal mehr, mal weniger Einfluss auf die Politik. In Japan eher mehr. Was mich jedoch immer wundert, ist der Widerspruch zwischen den (vermeintlichen) Werten des rechten Randes, und dem, was der rechte Rand in Wirklichkeit tut. Aber vielleicht kann mich mal irgendjemand, vielleicht vom rechten Rand?, aufklären.

Was ich immer wieder von Ultranationalisten zu hören bekomme, ist die hohe Stellung sagen wir mal deutscher oder eben japanischer Tugenden. Wikipedia beschreibt das Wort Tugend wie folgt:

Das Wort Tugend (lateinisch virtus, altgriechisch ἀρετή aretḗ) ist abgeleitet von taugen; die ursprüngliche Grundbedeutung ist die Tauglichkeit (Tüchtigkeit, Vorzüglichkeit) einer Person. Allgemein versteht man unter Tugend eine hervorragende Eigenschaft oder vorbildliche Haltung.

Tüchtig also. Hervorragende Eigenschaft. Vorbildliche Haltung. Demgegenüber stehen die natürlichen Feinde des rechten Randes: Gesellschaftliche Randgruppen, Ausländer, „Zecken“ usw. – untugendhaftes Gesindel also. Doch dann so was: Spendenskandale bei der NPD. Der Schatzmeister brennt mit der Parteikasse durch. Filz in Trumps Regierung. Filz bei den Ultrarechten in Japan: Dort macht gerade ein Skandal Schlagzeilen, der den ganzen Filz herrlich verdeutlicht. Es geht um 学校法人「森友学園」 Moritomo Gakuen (anerkannte Schulträgerschaft), ein Verein, der in Japan einige ultranationalistische Kindergärten (!) und Schulen betreibt. Moritomo wolle jüngst in Osaka ein Grundstück für den Neubau einer Grundschule erwerben. Der Grundstückspreis wurde mit 956 Millionen Yen taxiert (rund 8 Millionen Euro), doch der Schulträger erhielt den Zuschlag für 134 Millionen Yen, also einer guten Million Euro. Ein saftiger Rabatt also. Pikantes Detail: Akie Abe, Ehefrau des Ministerpräsidenten Abe, war bis vor kurzem Ehrendirektorin der Schule (und redete sich damit heraus, dass man ihr diese Würde quasi derart auferzwungen hat, dass sie nicht nein sagen konnte). Auch Abe selbst werden Verbindungen zu Moritomo nachgesagt.

Den ordentlichen Preisnachlass begründet man nun mit Altlasten: So soll es auf dem Grundstück Altlasten geben, deren Beseitigung 7 Millionen Euro kostet. Aufgrund der Proteste, die es nun von verschiedenen Seiten gibt, hat der Gouverneur von Osaka nun eine Untersuchung angekündigt und bis zu deren Ende die Genehmigung verweigert. Immerhin.

Das ganze entpuppt sich jedoch mehr und mehr als Sumpf, und je mehr darin herumgestochert wird, desto trüber und tiefer wird er. Repräsentiert das etwa die Tugenden, auf die die Nationalisten so stolz sind? Die von Moritomo betriebene Grundschule mit dem klangvollen Namen 瑞穂の國 Mizuho-no-kuni hat sich schließlich folgendes auf die Fahnen geschrieben:

日本人としての誇り・貢献・達成力の確保 国家有為の人材育成

— „Die Erhaltung von Leistung, Dienst und Stolz als Japaner – Erziehung der Menschen als Begabung der Nation“ (der Spruch ist so krude, dass ich ernsthafte Mühe habe, ihn zu übersetzen). Schaffenskraft, Dienst, Stolz… durch krumme Grundstücksgeschäfte, mit geheimen Verwicklungen bis in die höchsten Ebenen hinein? Welche Tugenden werden denn hier präsentiert – wie passt das alles zusammen? Ich kann mir einfach keinen Reim daraus machen. Selbst mit allerbestem Willen fällt es mir schwer, dem rechten Rand auch nur eine Spur Glaubwürdigkeit abzugewinnen. Aber halt: Vielleicht ist das ja auch alles nur Lügenpresse, und eigentlich alles ganz, ganz anders!? Sicher, das muss es wohl sein. Anders würde der ganze Zirkus ja keinen Sinn ergeben. Oder?

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