KantoTokyo-toTokyo: Kita-ku

Tokyo: Kita-ku

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Region 関東 Kantō
Präfektur 東京 Tokyo
Rang 2 von 5 Sternen: Kann man sich ansehen, muss man aber nicht
Name Kita. Das Schriftzeichen lautet (HOKU, kita) und bedeutet einfach nur „Nord“. 1947 wurden die beiden Stadtteile Ōji-ku und Takinogawa-ku zusammengelegt. Man suchte nach einem neuen Namen, und da Kita-ku in der Mitte des Nordens von Tokyo liegt, entschied man sich ganz einfach, einen beschreibenden Namen zu wählen.
Lage Kita-ku liegt im Norden von Tokyo an der Grenze zur Präfektur Saitama – Norden grenzt der Stadtteil an Kawaguchi und Toda in Saitama, im Osten an Adachi und Arakawa, im Süden an Bunkyō und Toshima sowie im Westen an Itabashi. Im Norden fließt der Arakawa- und der Sumida-Fluss. Der Südteil von Kita-ku liegt auf einem kleinen Plateau – der Nordteil hingegen ist topfeben und liegt auf Meeresspiegelhöhe.
Ansehen Den Asukayama-Park mit einigen Museen und einer schönen Villa. Das quirlige Akabane. Die Flusspartie am Arakawa.

Kita-ku – Beschreibung

Kita-ku liegt sowohl flächenmäßig als auch von der Bevölkerung her fast genau im Durchschnitt der 23 Innenstadtbezirke von Tokyo – der Stadtteil ist 20,61km² groß und hat rund 350,000 Einwohner. Nur mal zum Vergleich: Wuppertal hat ziemlich genau so viele Einwohner, ist aber mehr als 8 Mal größer.

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte die Gegend zum Kitatoshima-gun, einem Landkreis, der wiederum zu Tokyo-fu gehörte. Im Bereich des heutigen Kita-ku gab es zu der Zeit drei Gemeinden mit dem Titel -chō/machi, einer japanischen Verwaltungseinheit zwischen Dorf und Stadt. Diese drei Namen findet man auch heute noch überall in Kita-ku: 岩渕町 Iwabuchi-machi, 王子町 Ōji-machi und 滝野川町 Takinogawa-machi. Erst 1932 wurden die drei Gemeinden in der Stadt Tokyo (Tokyo-shi, der Vorläufer der 23 Innenstadtbezirke) eingegliedert und zu zwei -ku (Innenstadtbezirk) umgewandelt. Kurz nach dem Krieg, im Jahr 1947, wurden diese beiden -ku zum heutigen Kita-ku zusammengeschlossen.

Herrlicher Vertreter der japanischen Architektur Anfang der 1970er: Sun Square vor dem Bahnhof Ōji
Herrlicher Vertreter der japanischen Architektur Anfang der 1970er: Sun Square vor dem Bahnhof Ōji

Zu jener Zeit war die Gegend von Armeestützpunkten, Rüstungsfabriken (inklusive Munitionsfabriken) sowie Papiermühlen geprägt. Außerdem befand sich hier ein Kraftwerk der staatlichen Eisenbahn. Deshalb war es vorhersehbar, dass der erste Luftangriff der Amerikaner auf Tokyo (beziehungsweise auf ganz Japan), durchgeführt am 18. April 1942, dem heutigen Kita-ku (und ein paar anderen Orten in Tokyo) galt. Der Luftangriff kam für die Bevölkerung völlig überraschend – einem teilnehmenden Piloten zufolge winkten ihnen gar Kinder zu. Bei dieser Doolittle Raid genannten Operation starteten 16 kleine Bomber von einem Flugzeugträger im Pazifik – nach dem Bombenangriff flogen sie weiter gen Westen nach China (einer landete gar aus Versehen in der UdSSR). Die Schäden infolge des Bombenangriffs waren zwar vergleichsweise klein, aber der psychologische Effekt war natürlich enorm, denn zum ersten Mal lernten Japaner die Schrecken des Luftkrieges kennen, und die Amerikaner wussten nun, dass sie Japan aus der Luft angreifen konnten.

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Asukayama-Park 飛鳥山公園

Topographisch lässt sich Kita-ku grob in zwei Teile gliedern – die Flussebene im Nordosten, die hier dem Arakawa- und Sumidagawa folgt, sowie der Ostausläufer des Musashino-Plateaus im Südwesten. Der Unterschied wird in Ōji im Zentrum von Kita-ku deutlich: Direkt neben zahlreichen Bahntrassen, darunter eine Shinkansentrasse, liegt der Asukayama (=yama = Berg), der sich zwar nur 19 Meter über das Umland erhebt, aber doch recht steil ist. Auf dem Asukayama liegt der gleichnamige Park, von dem man entsprechend einen guten Blick auf das nordöstliche, topfebene Umland hat. Der Blick von dort ist übrigens ein Geheimtipp für Bahnfans, denn hier fahren permanent zahllose Züge vorbei: Die Keihin-Tohoku-Linie, die Ueno-Tokyo-Linie, die Shōnan-Shinjuku-Linie, die Takasaki-Linie, die Utsunomiya-Linie und die Tōhoku-Linie fährt hier durch – ausserdem auch noch die Yamagata-, Tohoku- und Hokuriku-Shinkansen.

Blick vom Asukayama auf die zahlreichen Bahntrassen in Kita-ku
Blick vom Asukayama auf die zahlreichen Bahntrassen in Kita-ku

Der Park ist auch ansonsten durchaus sehenswert – neben den üblichen Spielplätzen gibt es eine alte Strassenbahn, eine alte Lokomotive und insgesamt drei Museen in dem Park:

  • 紙の博物館 – das „Papiermuseum“
  • 北区飛鳥山博物館 Kita-ku Asukayama – Museum
  • 渋沢史料館 Shibusawa-Museum

Die Strassenbahn steht dort nicht ohne Grund – am Asukayama fährt die einzige verbliebene Straßenbahn von Tokyo vorbei – die 都電荒川線 Toden Arakawa-sen, auch „Tokyo Sakura Tram“ genannt. Die gut 12 Kilometer lange Linie verbindet Minowabashi mit Waseda und passiert dabei Kita-ku. Früher gab es noch eine Nebenlinie, die von Ōji quer durch Kita-ku bis Akabane fuhr, doch diese Linie wurde abgeschafft – genau wie all die vielen anderen Straßenbahnlinien, die es bis 1970 in Tokyo gab (und die zugunsten der U-Bahn abgeschafft wurden).

Überquert man die große und belebte Strasse östlich des Parks, stößt man auf einen weiteren, kleinen Park nebst mehr als 100 Jahre alten Backsteingebäuden – diese sind in Japan relativ selten. Hierbei handelt es sich um eine Versuchsbrauerei, in der seit 1904 geforscht wurde, wie man am besten Bier brauen kann. Die Anlage steht heute unter Denkmalschutz.

Im Asukayama-Heimatmuseum von Kita-ky
Im Asukayama-Heimatmuseum von Kita-ky

Alle drei Museen im Park sind sehenswert, wobei das Papiermuseum sehr klein ist – und hier geht es auch nicht um das berühmte japanische Papier, sondern um „westliches“ Papier und wie sich selbiges in den vergangenen gut 150 Jahren entwickelt hat – durchaus lehrreich und auch für Kinder gut aufbereitet. Das Kita-ku-Asukayama-Museum ist ein traditionelles Heimatmuseum und einem großen und modernen Gebäude untergebracht. Hier erfährt man alles über Kita-ku – die Natur, die Geologie, die ersten Siedlungen, bis hin zur neuesten Geschichte. Man hat sich bei der ständigen Ausstellung viel Mühe gegeben. Eine kleine Ecke ist dem deutschen Geologen David August Brauns gewidmet, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an der renommierten Tokyo University unterrichtete und wahrscheinlich auch in Kita-ku Forschung betrieb.

Das dritte Museum ist – aus gutem Grund – einer in Japan sehr wichtigen Persönlichkeit gewidmet – Eiichi Shibusawa, dessen Sommersitz hier im Park steht.

Eiichi Shibusawa – der Begründer der modernen japanischen Wirtschaft

Nur wenige Japaner hatten einen ähnlich starken Einfluß auf die japanische Geschichte wie 渋沢栄一 Shibusawa Eiichi, ein 1840 im heutigen Saitama geborener Sohn einer wohlhabenden Bauernfamilie. In seinen jungen Jahren verehrte er die nationalistische 尊皇攘夷 Sonnō Jōi-Bewegung – die Schriftzeichen bedeuten „Verehrt den Kaiser und vertreibt die Barbaren“ und kennzeichnete Japaner, die sich der Landesöffnung widersetzten, was in manchen Fällen gar zu tödlichen Attentaten auf Ausländer führten. Doch im Alter von 27 Jahren besuchte er mit einer japanischen Delegation die Weltausstellung in Paris, wo er die Bedeutung industrieller und wirtschaftlicher Entwicklung erkannte.

Als Shibusawa aus Europa zurückkehrte, hatte sich vieles dramatisch geändert – die Meiji-Regierung ersetzte das alte System und begann damit, das Land schnellstmöglich zu modernisieren – aus Sorge, unter die Räder der damaligen Kolonialmächte zu geraten. Shibusawa nutzte die Gunst der Stunde und gründete seine erste Firma – eine der ersten mit Aktienbeteiligung in Japan – die dort als Handelskammer fungierte. 1869 wurde er ins Finanzministerium berufen, doch die verliess er 1873 wieder, um Vorsitzender der Ersten Japanischen Nationalbank (die heute unter dem Namen Mizuho Bank weiterlebt und noch immer den Bankcode 0001 führt) zu werden.

Shibusawa ziert ab 2024 den 10,000 Yen-Schein
Shibusawa ziert ab 2024 den 10,000 Yen-Schein

Shibusawa gehörte zu den treibenden Kräften des Aufbaus eines modernen Bankensystems, inklusive der Notenbank und der Einfuhr von Papiergeld, und er war maßgeblich am Aufbau des ersten großen industriellen Komplexes in Japan, der Seidenmühle von Tomioka, beteiligt. Außerdem, und hier liegt seine Bedeutung für Kita-ku, war er Präsident der ersten großen Papierfabrik Japans, in Ōji, Kita-ku.

Viele weitere Firmen sollten folgen – darunter Eisenbahngesellschaften, Düngemittelhersteller, Getreidemühlen und so weiter. Die Angaben darüber, wie viele Firmen Shibusawa gründete und/oder leitete, gehen weit auseinander – sie reichen von rund 300 bis 500. Nicht zu unrecht gilt er damit als Vater des Japanischen Kapitalismus. Dabei war Shibusawa kein knallharter Kapitalist wie man sie aus dem 19. Jahrhundert kennt – er bevorzugte Firmen in Form von Gesellschaften, meist mit Aktienbeteiligungen, aber er bestand nie darauf, Kontrollrecht zu haben. Das in Japan schon damals bedeutende Zaibatsu-System (Firmenkonglomerate, die so viel Macht haben, dass sie beinahe nach Belieben schalten und walten können) war ihm offensichtlich nicht geheuer. Und so betätigte er sich nicht nur als Unternehmer, sondern auch als Philanthrop, der unter anderem an der Gründung des Japanischen Roten Kreuzes, der ersten Universität für Frauen, einiger Wohlfahrtseinrichtungen und dergleichen beteiligt war. So verdankt auch die Hitotsubashi-Universität, eine der besten Universitäten des Landes, Shibusawa ihre Existenz. Shibusawa war auch rege am Ausbau der Beziehungen zum Ausland beteiligt – vor allem mit der USA, wo er auch selbst auf Geschäftsreisen weilte. Shibusawa verstarb 1931 im Alter von 91 Jahren.

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Akabane 赤羽

Belebter Mittelpunkt des Geschehens ist der Bahnhof Akabane nebst Umgebung. Der Bahnhof liegt auf halbem Wege zwischen Tokyo Zentrum und Saitama – der Arakawa-Fluss, der Tokyo von der Präfektur Saitama trennt, liegt nur ein paar hundert Meter weiter nördlich.

Vor allem im Gebiet vor dem östlichen Bahnhofsvorplatz gibt es zahlreiche Restaurants und Kneipen, aber auch die Arkaden unterhalb der Eisenbahntrasse, スズラン通り Suzuran-Straße genannt, mit ihren zahlreichen Geschäften ist einen Besuch wert.

Akabane war früher eine Herbergsstation auf der wichtigen Route von Edo nach Nikko. Später entwickelte sich die Gegend zum nördlichen Tor von Tokyo – fast jeder, der von Norden her nach Tokyo wollte, musste durch Akabane. In dem quirligen Ort gab es deshalb ein besonders großes Vergnügungsviertel, doch aufgrund der grundlegenden Umgestaltung des westlichen Bahnhofsvorplatzes hat Akabane das meiste seines ursprünglichen Charms eingebüßt. Akabane bleibt jedoch ein Besuchermagnet – viele Menschen rund um Akabane und aus Saitama kommen hierher zum Einkaufen.

Der Bahnhofsvorplatz von Akabane
Der Bahnhofsvorplatz von Akabane

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tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

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