KantoTokyo: Adachi-ku

Tokyo: Adachi-ku

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Region: 関東 Kantō
Präfektur: 東京 Tokyo

足立区 Adachi-ku

2 von 5 Sternen: Kann man sich ansehen, muss man aber nicht
Name:

Adachi. Die Schriftzeichen im Namen stehen für „Fuss“ und „stehen“. Der Ursprung ist nicht ganz deutlich – eine Vermutung besagt, dass hier aus 葦立 ashidachi – „wo das Schilf steht“ die kürzere und einfacherere Form „Adachi“ entstand – aber das ist nur eine von vielen Theorien. Fakt ist hingegen, dass „Adachi“ auch ein relativ häufig anzutreffender Familienname ist – über 90,000 Japaner tragen diesen Namen.

Lage:

Adachi-ku liegt im Norden von Tokyo an der Grenze zur Präfektur Saitama, in der Ebene zwischen dem Fluss Arakawa im Westen und dem kleineren Nakagawa im Osten – beide fliessen weiter südlich in die Bucht von Tokyo. Im Norden grenzt Adachi-ku an Kawagoe, Sōka und Yashio (allesamt Saitama), im Westen an Kita-ku, im Süden an Arakawa-ku und im Osten an Katsushika-ku. Die nächstgelegene Sehenswürdigkeit von Tokyo ist der knapp 5 Kilometer südlich gelegene Tokyo Sky Tree, den man dementsprechend von Adachi-ku sehr gut sehen kann. Der gesamte Stadtbezirk liegt ausserhalb der Tokyo-Ringlinie.

Adachi – Allgemeines

Adachi-ku ist der nördlichste Stadtteil der 23 Innenstadtbezirke und mit einer Fläche von gut 53 Quadratkilometern der drittgrösste Bezirk von Tokyo. Im Stadtgebiet leben knapp 700’000 Menschen. Die Bevölkerungsdichte liegt mit knapp 13,000 Einwohnern pro Quadratkilometern dabei deutlich unter dem Durchschnitt von Tokyo – Tendenz stagnierend. Adachi-ku zählt nicht zu den beliebtesten Stadtvierteln von Tokyo, obwohl es relativ nah am Zentrum liegt. Das spiegelt sich auch in den Mietpreisen nieder – die Mieten sind hier niedriger als in fast allen anderen Stadtteilen von Tokyo. Adachi-ku ist im Prinzip eine „Bettenstadt“ – Untersuchungen zufolge verlassen tagtäglich rund 150,000 Menschen den Bezirk, um zur Arbeit ausserhalb des Bezirks zu fahren.

Der bekannteste Bahnhof des Bezirks ist 北千住 Kitasenju – in Sachen Passagierzahlen die Nummer 6 auf der Liste der beschäftigsten Bahnhöfe der Welt. Das klingt imposant – jedoch liegen die Plätze 1, 2 und 3 ebenfalls in Tokyo, womit dieser Bahnhof also die Nummer 4 in Tokyo ist. Hier kreuzen sich fünf verschiedene Linien, darunter zwei U-Bahn-Linien, und circa 1.4 Millionen Passagiere steigen hier ein, aus und um – pro Tag, versteht sich. Den Bahnhof gibt es seit 1896, aber aus der Zeit ist nichts mehr übrig. Schon zuvor war der Ort ein berühmter Übernachtungsort für die, die sich von Edo, dem heutigen Tokyo, auf den Weg nach Nikko machten. Heute ist Kitasenju, wie so üblich bei grossen Bahnhöfen in Japan, ebenso ein grosses Shopping-Center, und in unmittelbarer Nachbarschaft, vor allem westlich des Bahnhofs, gibt es ein Gewirr zahlreicher kleiner Gassen mit unzähligen Kneipen und Restaurants. Das Viertel Senju rund um den Bahnhof ist übrigens fast komplett von Flüssen umgeben – im Norden fliesst der Arakawa, im Süden der Sumidagawa. Dementsprechend ist die ganze Gegend stark überschwemmungsgefährdet – Berechnungen gehen davon aus, dass die Gegend bei einem Hochwasser wie eine Wanne vollläuft, und dass das Wasser mehr als zwei Wochen brauchen wird, wieder abzufliessen. Die Gefahr ist aufgrund der immer stärker werdenden Taifune sowie des Anstiegs des Meereswassers durchaus real.

西新井大師 總持寺 Nishiarai Daishi Sojiji

Der zweite grosse Bahnhof in Adachi-ku ist der von 西新井 Nishi-Arai – auch hier gibt es zahlreiche Geschäfte und moderne Wohnhochhäuser. Bekannt ist diese Gegend aber vor allem für einen grossen Tempel – dem Sōji-ji (-ji = Tempel). Der Name „Nishi-Arai Daishi“ ist im Prinzip ein Rufname, und der wird häufiger gebraucht als der eigentliche Name. Dieser Tempel gehört zu der (buddhistischen) Shingon-Sekte, eine der grössten buddhistischen Strömungen in Japan. „Daishi“, wörtlich „großer Meister“, ist eine Art Titel, der nur besonderen Tempel verliehen wird – in der Regel denen, in denen eine Statue des buddhistischen Meister Kūkai aufgestellt wurde. Diese Tempel sind bekannt für ihre Wirkung als 厄祓い yakubarai, Eingeweihten unter dem Begriff Apotropäum geläufig. Das bedeutet schlicht, dass sie der Abwehr des Bösen dienen.

Das Hauptgebäude des Tempels. Nein, die Autos davor parken nicht - sie sind hier, um gegen Unfälle gesegnet zu werden
Das Hauptgebäude des Tempels. Nein, die Autos davor parken nicht – sie sind hier, um gegen Unfälle gesegnet zu werden

Die schlimmen Jahre und was man dagegen machen kann

Die meisten Japaner sind nicht sonderlich religiös – aber sie sind abergläubisch, und hier kommen die Religionen ins Spiel. Der traditionellen ostasiatischen Kosmologie zufolge gibt es ein besonderes Alter, in dem das Gleichgewicht besonders gestört ist und sich somit unglückliche Ereignisse, wie zum Beispiel Krankheiten, aneinanderreihen. Diese Jahre werden 厄年 yakudoshi – Unglücksjahre – genannt. Die Jahre variieren leicht je nach Region, aber bei den meisten Tempeln und Schreinen sind sie wie folgt:

Männer (Alter in Jahren)

前厄 (maeyaku) 本厄 (hon’yaku) 後厄 (atoyaku)
24 25 26
41 42 43
60 61 62

Frauen (Alter in Jahren)

前厄 (maeyaku) 本厄 (hon’yaku) 後厄 (atoyaku)
18 19 20
32 33 34
36 37 38
60 61 62

„Maeyaku“ bedeutet, dass sich in dem Jahr die ersten Vorboten des Unglücks ankündigen. Hon’yaku ist dann das richtig gefährliche Alter, und bei atoyaku klingen die schlechten Ereignisse nach. Das rot markierte Alter bedeutet 大厄 taiyaku – das grosse Unglück. Dank der Tempel und auch Schreine kann dem jedoch Abhilfe geschaffen werden: Vor allem in den gefährlichen Jahren kann man sich für eine 厄払い yakubarai (auch 厄除け yakuyoke genannt)-Zeremonie anmelden, um das Unglück zu vermeiden. Das kostet je nach Ort dann einen Obolus (meistens um die 100 Euro). Dazu sollte man anmerken, dass es in Japan kein Äquivalent zur Kirchensteuer gibt – Schreine und Tempel sind also auf Einnahmen dieser Art angewiesen. Die Prozedur dauert meistens circa eine halbe Stunde und wird in Gruppen durchgeführt. Der Priester beziehungsweise Mönch liest dabei die Namen nebst Adressen der Beteiligten vor und bittet die Götter darum, Schaden abzuwenden.

Man kann mit der Teilnahme nicht nur Unheil von sich selbst abwenden – man kann sogar sein Auto segnen lassen, um sich so vor Unfällen zu schützen. Auch diese „Dienstleistung“ wird gern in Japan in Anspruch genommen.

In Japan spricht man von den drei grossen 厄除け Yakuyoke-Tempeln – diese werden alle mit dem Namenszusatz „Daishi“ versehen. Neben dem Nishiarai-Daishi sind dies der Kawasaki-Daishi und der Kanpukuji mit dem Daishidō in Katori, Präfektur Chiba. Der Nishiarai-Daishi wurde, so steht es geschrieben, vom berühmten Mönch Kūkai, der auch unter dem Namen 弘法大師 Kōbō-Daishi bekannt ist, gegründet. Besagter Mönch ist der Begründer der Shingon-Sekte und machte hier wohl im Jahr 826 Rast, schnitzte eine Buddhastatue und beschloss den Bau eines Tempels.

Der Weg zum Tempel wird von den üblichen traditionellen Geschäften gesäumt
Der Weg zum Tempel wird von den üblichen traditionellen Geschäften gesäumt

In der Mitte der Edo-Zeit, also irgendwann im 18. Jahrhundert, wurde eine prächtige Haupthalle gebaut, die jedoch bei einem verheerenden Feuer im Jahr 1966 zerstört wurde. In der Edo-Zeit war der Sojiji so berühmt, dass man ihn als den Koyasan der Kanto-Gegend bezeichnete. Die Haupthalle wurde 1971 wieder aufgebaut, andere Bereiche der weitläufigen Anlage überlebten das Feuer und sind somit wesentlich älter.

Vor großen Tempeln gibt es in Japan in der Regel einen 参道 Sandō – einen „Spazierweg“ – eine Art alte Spaziergängerzone, in der allerhand Spezialitäten angeboten werden. Das ist in Nishiarai nicht anders, aber die Strasse ist hier sehr kurz.

舎人公園 Toneri-Kōen

Im Nordwesten des Stadtviertels liegt der große Toneri-Park. 舎人 toneri ist ein sehr altes Wort und bezeichnete vor allem in der Nara- und Heian-Zeit, also vor mehr als 1’000 Jahren, einen Diener beziehungsweise Lakaien, später auch einen Stallburschen. Der Park liegt im gleichnamigen Subviertel, das wiederum die nördliche Spitze von Tokyo darsteht. Während nahezu der gesamte Bezirk Adachi-ku auf einer Höhe von 0 bis 2 m über Null liegt, ist Toneri mit rund 5 Metern quasi das Plateau der Gegend. Der Hügel im Park von Toneri ist 13 Meter hoch und damit der höchste Punkt weit und breit. Das bedeutet, dass man von dort, obwohl nur 13 Meter hoch, einen passablen Blick auf die Umgebung hat.

In Toneri stand einst eine der drei Burgen von Tokyo: Die anderen waren die gewaltige Chiyoda-Burg im Bereich des heutigen Kaiserpalastes, sowie die ebenso verschwundene Burg von Nishikasai im Osten. Der Park ist 63 Hektar gross und gehört damit zu den grossen Parks der 23 Innenstadtbezirke von Tokyo. Von Nord nach Süd wird die Anlage dabei von einer grossen Strasse sowie der Trasse des Nippori-Toneri Liner durchschnitten. Letzterer ist ein sogenanntes Automated Guideway Transit System – eine Art Schienenbus, die hier überirdisch verläuft und den Stadtteil mit der Yamanoto-Linie verbindet. Fertiggestellt wurde die knapp 10 Kilometer lange Linie im Jahr 2008, und vorher war es wirklich zeitraubend, von der Innenstadt nach Toneri zu fahren. Dank der neuen Linie dauert dies nur noch rund 20 Minuten.

Der geräumige Toneri-Park ist die einzige nennenswerte Erhöhung im Stadtgebiet
Der geräumige Toneri-Park ist die einzige nennenswerte Erhöhung im Stadtgebiet

Der Park besteht aus einem kleinen Teich, zahlreichen Sportanlagen, kleineren Wäldern, einem Hügel, diversen Spielplätzen und dergleichen. Damit ist der Park natürlich sehr beliebt bei den Anwohnern und entsprechend gut gefüllt.

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

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