HokkaidoAkkeshi - Ehemaliger Missionarsposten, Vogelparadies und Whisky-Neuling

Akkeshi – Ehemaliger Missionarsposten, Vogelparadies und Whisky-Neuling

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Region 北海道 Hokkaidō
Bezirk 釧路 Kushiro
Rang 3 von 5 Sternen: Durchaus sehenswert
Name Der Stadtname setzt sich aus den Schriftzeichen (atsu) für „dick, breit“ und (kishi) für Ufer, Küste zusammen Die irreguläre Lesung deutet darauf hin, dass es sich hier wie bei so vielen Ortsnamen auf Hokkaido um 当て字 „ateji“ handelt – man hat also einfach Schriftzeichen mit ähnlicher Lesung ausgesucht, um den vorher bestehenden Namen mit Zeichen schreiben zu können. Ganz sicher ist man sich über den ursprünglichen Namen der Ainu jedoch nicht – vielleicht war es „atkeusi“ oder auch „atkesto“, aber beide Varianten beinhalten das Wort für „Ulme“.
Lage Akkeshi liegt an der Südostküste von Hokkaido, auf halbem Wege zwischen Kushiro und Nemuro. Die Stadt selbst liegt in einer Bucht und am Eingang zu einer kleinen Lagune, dem Akkeshi-See.
Ansehen Das Kap Aikappu. Der Kokutai-Tempel. Das Akkeshi-Heimatmuseum.

Akkeshi – Beschreibung

Akkeshi ist eine Kleinstadt (Verwaltungseinheit  chō) im Osten von Hokkaido mit einer Gesamtfläche von fast 740 Quadratkilometern bei gerade mal knapp 9,000 Einwohnern. Für japanische Verhältnisse ist die Bevölkerungsdichte von rund 12 Einwohnern pro Quadratkilometer extrem niedrig – und die meisten Einwohner leben im Zentrum des Ortes. Rund um 1960 lebten hier noch über 20,000 Menschen – damit hat sich die Bevölkerung seitdem mehr als halbiert.

Die Kleinstadt hat eigentlich eine interessante Geschichte: Kapitän de Vries von der holländischen Ostindien-Kompanie legte hier 1643 mit seinem Schiff Castricum an, machte Vermerke über den vortrefflichen Naturhafen sowie über seine Begegnungen mit den Ureinwohnern, den Ainu, und dem Iomante genannten Bärenritual (siehe Nibutani). de Vries segelte von hier noch weiter nördlich, wo er die Kurileninseln Etorofu und Urup entdeckte. Etorofu (Iturup) wurde von ihm Statenland getauft und Urup „Kompanieland“ und kurzerhand zu holländischen Kolonien erklärt – nur fand man diese später nicht mehr wieder, und als man sie wieder fand, waren sie bereits von Japanern und Russen besetzt.

Holländer sollten nicht die einzigen Ausländer bleiben – es folgten Schiffe aus Russland, Frankreich und sogar aus Australien, die in Akkeshi ankerten, um hier Handel mit den Ainu sowie mit den ebenso hier Handel treibenden Japanern zu treiben.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Ort zu einem wichtigen Stützpunkt der kaiserlichen Marine – vor allem dank der geschützten Bucht. Hier wurden unter anderem Kriegsschiffe aufgetankt. Das sorgte dafür, dass dieser sonst eigentlich unbedeutende Ort 1945 von der amerikanischen Luftwaffe bombardiert wurde.

Akkeshi hat auch noch eine weitere, neue Attraktion – eine Whiskybrennerei, in der der, man ahnt es schon, ein Whisky mit dem Namen Akkeshi gebrannt wird. Die Bedingungen stimmen schließlich – es gibt hier sehr sauberes Wasser, viel Torf und alles andere, was ein guter Whisky braucht. In Betrieb gegangen ist die Destillerie 2016. Mehr dazu siehe unter http://akkeshi-distillery.com/en/. Der Akkeshi-Whisky, noch in geringer Auflage, ist sehr malzig und erdig und hat schon jetzt viel Lob von Kennern aus aller Welt erhalten.

Mehr zum Ort kann man auf der (leider nur maschinenübersetzten) offiziellen Webseite der Stadt nachlesen – siehe hier: www.akkeshi-town.jp.

Blick auf das Stadtzentrum von Akkeshi
Blick auf das Stadtzentrum von Akkeshi

Der Pazifik ist für die Stadt Akkeshi Segen und Fluch. Einerseits ist das Meer hier sehr ertragreich und sorgt für eine ertragreiche Fischerei, doch andererseits ist der Ort stark gefährdet. Bei der Tohoku-Erdbebenkatastrophe im Jahr 2011 lag Akkeshi rund 500 km vom Epizentrum entfernt. Der Tsunami erreichte auch diesen Ort, wobei die Welle „nur“ rund 2.5 Meter hoch war. Da jedoch weite Teile des Stadtzentrums nur gut einen Meter über dem Meeresspiegel liegen, sorgte bereits diese Welle für grosse Schäden in der Stadt. Geologen erwarten in naher Zukunft ein schweres Erdbeben Im Meer unweit von Akkeshi, und Simulationen ergaben, dass dieses Erdbeben eine Stärke von 9.3 erreichen könnte – das wäre noch mal um ein vielfaches stärker als das von 2011, und in dem Fall muss die Stadt mit einem Tsunami von über 20 Metern rechnen, was dazu führen würde, dass fast der gesamte Ort verschwindet.

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Kap Aikappu 愛冠岬

Das Zentrum des Ortes Akkeshi untergliedert sich in Konan und Kohoku -„Südlich des Sees“ und „Nördlich des Sees“, wobei mit See die große Lagune gemeint ist. Bis 1972 mussten die Einwohner entweder einen riesigen Umweg um die Lagune machen oder mit der Fähre übersetzen. Dann wurde eine fast 500 Meter lange Brücke gebaut, die die beiden Stadtteile endlich miteinander verband und für etwas Aufschwung sorgte. Die Brackwasserlagune wird seit langem und auch noch heute zur Austernzucht benutzt. Der Großteil des Ufers ist nicht erschlossen – man kann also nicht ohne weiteres herumlaufen oder -fahren.

Rund 5 Kilometer südlich der Brücke liegt das 愛冠 Aikappu-Kap. Auch dieser Name wurde von den Ainu verliehen und bedeutet wohl wörtlich übersetzt „über dem Pfeil“ und sinngemäß „unerreichbarer Ort“. Das Kap liegt rund 15 Minuten zu Fuß von der Straße entfernt und besteht aus steilen Klippen, von denen man einen schönen Blick auf das Meer und die Umgebung hat. Das Kap ist beliebt bei Paaren, enthält doch der Ortsname das Schriftzeichen für Liebe, ai.

Das Kap Aikappu
Das Kap Aikappu
Beliebt bei Pärchen: Glocke am Aikappu-Kap
Beliebt bei Pärchen: Glocke am Aikappu-Kap

Vom Kap kann man ziemlich deutlich zwei Inseln erkennen – die grössere 大黒島 Daikokujima und die winzige 小島 Kojima. Daikokujima ist ein gut 1 Quadratkilometer großes, zumeist felsiges Eiland, auf dem in den 1960ern knapp 50 Menschen siedelten. Immer mehr Bewohner siedelten jedoch auf das Festland über, und so ist Daikokujima seit den 1970ern unbewohnt. Da hier eine warme Meeresströmung auf eine kalte Meeresströmung trifft, gibt es rund um Daikokujima und die gesamte Bucht von Akkeshi außerordentlich viel Plankton, und das lockt unter anderem diverse Walarten an – allerdings nicht sehr regelmäßig, so dass man viel Glück braucht, um Wale zu erspähen (sowie ein Boot).

Keine 5 Hektar gross und damit nur ein Zwanzigstel so groß wie Daikokujima ist Kojima – der Name bedeutet entsprechend auch „kleine Insel“ (und davon gibt es in Japan bekanntermassen unzählige). Interessant ist an dieser Insel jedoch, dass hier rund um 1900 bis zu 40 Häuser standen. Es gab so viele Einwohner (geschätzte 10 Haushalte zu Spitzenzeiten, was damals um die 60 Menschen bedeutete), dass man eine Grundschule, und später sogar eine Mittelstufe einrichtete, damit die Kinder auf der Insel lernen können. Beide Schulen wurden jedoch letzten Endes 1975 für immer geschlossen. Heute stehen auf der Insel immer noch 24 Häuser, und die werden zum Teil immer noch genutzt – von 13 Inselbewohnern, die nunmehr aber vom Dezember bis zum April die Insel verlassen. Die Insel wird hauptsächlich zur Kombuernte und zum Trocknen des Riementangs benutzt.

 

Die winzige Insel Kojima in Akkeshi
Die winzige Insel Kojima in Akkeshi

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Kokutai-Tempel 国泰寺

Im südlichen Stadtteil Konan steht der Kokutaiji – des „Tempels des Landesfriedens“, der zur (buddhistischen) Rinzai-Sekte gehört. Erbaut wurde die Anlage 1804 auf Geheiß des Bakufu in Edo. Diese war nämlich besorgt, denn von Norden her stiessen die Russen immer weiter gen Süden vor und missionierten nebenher die Ureinwohner, die Ainu, zum Christentum. Um dem entgegenzuwirken, beschloss man, in Hokkaido drei Tempel als Ausgangspunkte der Bekehrung der Ainu zum Buddhismus zu erbauen. Einer dieser drei Tempel war der Kokutaiji, und der Wirkungsbereich umfasste das Zentrum von Hokkaido, den Südosten und die Südkurilen, die ja damals noch zu Japan gehörten. Die Tempelangestellten waren fleissig und hinterliessen 36 Bücher, in denen sie von 1804 bis 1863 festhielten, welche Traditionen die Ainu so pflegen, wann und wo Erdbeben und Tsunami zuschlugen und welche ausländischen Schiffe in Akkeshi vor Anker gingen. Die Bände bieten einen wichtigen Einblick in die Anfangszeit der Erschliessung Hokkaidos durch Japan. Der Begriff „Erschließung“ ist dabei etwas euphemistisch, denn ganz eigentlich war es eine Eroberung des vorher von den Ainu bewohnten Landes, aber da diese keinen Staat unterhielten, redet man auch heute noch von der „Erschließung“.

Den Versuch, die Ainu zum Buddhismus zu bekehren, gab man bald auf, und man liess die Ainu mit ihren eigenen Traditionen und Riten gewähren – allerdings nur bis zur Meiji-Zeit Mitte des 19. Jahrhunderts, denn dann folgte eine strikte Assimilierungstaktik, die das Ziel hatte, die Sprache und Kultur der Ainu auszurotten. Dazu gehörte die Entwurzelung zahlreicher Stämme – viele Ainu wurden zum Beispiel von Nibutani nach Akkeshi deportiert.

Eines der Gebäude im Kokutaiji
Eines der Gebäude im Kokutaiji
Altar im Kokutaiji von Akkeshi
Altar im Kokutaiji von Akkeshi

Direkt neben der Tempelanlage steht ein kleines Heimatmuseum, und das ist durchaus sehenswert, zeigt es doch die zahlreichen kulturellen, aber auch geographischen Besonderheiten der Stadt. Und da gibt es einiges zu sehen, denn Teile des Stadtbereiches, vor allem rund um die Lagune, sind heute Ramsar-Konvention-Vogelschutzgebiete.

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Anreise

Akkeshi liegt an der JR根室線 (JR-Nemuro-Linie), eine fast 450 Kilometer lange Bahnlinie, die Takigawa in der Inselmitte mit Nemuro im äußersten Südosten miteinander verbindet. Sapporo mit dem Zug anreist, ist rund 5 Stunden unterwegs und muss in Kushiro umsteigen. Bis Kushiro braucht man mit dem Expresszug von Sapporo rund 4 Stunden, danach fährt man noch eine knappe Stunde mit der Hanasaki-Nebenlinie Richtung Akkeshi. Von Nemuro braucht der Bummelzug der Hanasaki-Linie ziemlich genau 90 Minuten.

Der nächstgelegene Flughafen ist der Kushiro Airport – von dort muss man rund 2 Stunden (mit dem Bus zum Bahnhof Kushiro, danach eine Stunde mit dem Zug) einplanen.

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Übernachtung

Akkeshi ist kein typischer Touristenort – es gibt nur zwei oder drei kleinere Unterkünfte im Ort. Alternativ kann man in Kushiro übernachten, wo man wesentlich mehr Möglichkeiten hört.

Zu allgemeinen Übernachtungstipps siehe Übernachtungstipps Japan.

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tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

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