BlogSprunghafter Anstieg: Erlebt Japan gerade seine erste richtige Corona-Welle?

Sprunghafter Anstieg: Erlebt Japan gerade seine erste richtige Corona-Welle?

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Bisher ist Japan, man kann es nur immer wieder betonen, recht glimpflich durch die Pandemie gekommen. Einen echten Lockdown gab es zu keiner Zeit, es lief und läuft alles auf Freiwilligkeit heraus, und die Zahl der Neuinfektionen, schweren Verläufe und Todesfälle lag jederzeit weit unter den Zahlen, die man so in den USA oder den europäischen Ländern sah. Und so zahnlos die Maßnahmen wie die periodisch wiederkehrende Ausrufung des Ausnahmezustandes auch aussahen mochte – die Zahlen gingen in der Zeit in der Tat immer wieder herunter.

Bei der jetzigen Welle, man bezeichnet sie als fünfte Welle in Japan, sieht die Lage jedoch anders aus: Die Zahlen wollen schlichtweg nicht sinken. Heute erreichte Tokyo zum ersten Mal mehr als 3,000 Neuinfektionen an einem Tag – auch die Nachbarpräfektur Kanagawa verzeichnet zum ersten Mal mehr als 1,000 Fälle, und auch Saitama (870) und Chiba (577) brechen die Rekorde. Zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie wird Japan insgesamt mehr als 9,000 Fälle zählen, und der zuerst auf Tokyo begrenzte Anstieg setzt sich nun auch auf Okinawa, in Osaka und anderen Präfekturen fort.

Die „Qualität“ der neuen Welle ist dennoch etwas anders. So steigt die Zahl der schweren Verläufe weit weniger an als bei vorherigen Wellen, und das liegt vor allem daran, dass es nunmehr die 20 bis 50-jährigen sind, die sich anstecken. Rund 80% der älteren Bevölkerung sind geimpft – aber nur 25% der anderen Altersgruppen. Das wird bei weitem nicht ausreichen, um die Welle zu stoppen, aber es wird wenigstens dafür sorgen, die Krankenhauskapazitäten etwas zu schonen.

Auf Yahoo! Japan wurde dazu flugs eine kleine Befragung mit dem Titel „Reichen die Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung der Pandemie während der Olympischen Spiele aus?“ gestartet1, auf die zum jetzigen Zeitpunkt rund 25,000 Leser antworteten. Das Ergebnis ist natürlich glasklar – schliesslich ist offensichtlich, dass die Maßnahmen rein gar nichts bewirken.

  • Nein
  • Ja
  • Weiß nicht

Dabei sind zwei Dinge bemerkenswert:

  1. Während man, so zumindest mein Eindruck bei der Lektüre der deutschsprachigen Nachrichten, in Deutschland über die an Aktionismus grenzenden, ständig wechselnden Maßnahmen stöhnt, glänzt die Politik in Japan durch Nicht-Aktionismus. Die einzige Maßnahme ist eigentlich die Verhängung des Ausnahmezustands, durch den sich jedoch gar nichts ändert.
  2. Die Olympischen Spiele tragen offensichtlich nicht direkt, sondern eher indirekt, durch ein massenpsychologisches Phänomen, zum starken Anstieg der Coronafälle bei. Es sind weniger die Sportler und andere Beteiligte, sondern mehr die Menschen, die sich denken „wenn die Olympischen Spiele okay sind, dann kann es ja nicht so schlimm sein“.

Auch in meinem Umfeld muss ich mich häufiger darüber wundern, wie gelassen eigentlich mit der Pandemie umgegangen wird. Besonders skeptisch erschien mir schon seit Anfang an die juku meiner Tochter. Dort sitzen bis zu 40 Teenager in einem sehr, sehr engen Raum, ohne Fenster, mehrere Stunden lang dicht gedrängt zusammen. Und siehe da: Heute gab die Schule bekannt, dass es einen bestätigten Corona-Fall gibt. Umgehend wurde die gesamte Klasse getestet – und dabei kamen zehn positive Tests ans Licht. Diese zehn Teenager werden dementsprechend wieder nach Hause gehen und dort ihre Familien anstecken (oder bereits angesteckt haben) – da sind die jetzigen Fallzahlen nicht weiter verwunderlich.

Andererseits kann ich die Meldung, dass die Zahl der schweren Verläufe nicht ganz so dramatisch ist wie bei vorherigen Wellen, bestätigen: Die Zahl der Blaulichtfahrten (obwohl – die Krankenwagen hier fahren mit rotem Licht) hat zwar zugenommen, aber nicht so stark wie vorher.

Leider ist dennoch zu sagen, dass ein Ende der Welle noch lange nicht in Sicht ist – und da Japan noch nie mit einer so hohen Inzidenz zu tun hatte, ist nicht sicher, wohin die Reise gehen wird. Man kann nur hoffen, dass es auch irgendwann mal wieder etwas besser wird.

  1. Siehe hier
tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

1 Kommentar

  1. Hallo,
    nachdem ich gehört habe das die Menschen z.B. an der Radrennstrecke dicht gedrängt standen, spielt Olympia vielleicht doch mit rein, aber vielleicht kommt die Regierung ja jetzt mal in die Pötte…. aber ich denke eher nicht. Das mit der Nachhilfeschule ist natürlich Kurios, wenn man bedenkt das die Schulen hierzulande komplett zu waren, dann wünsche ich dir mal, das deine Kinder, ( Schulen sind offen und voll wie immer denke ich? ) sich da nicht anstecken.
    Wie ist eigendlich die Stimmung bezüglich Olympia mittlerweile, Japan hat ja einige Medaillen abgestaubt?

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