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World Baseball Classics – wenn sich alles nur noch um eine Sache dreht

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Baseball ist der Volkssport Nummer 1 in Japan — eine Tatsache, die mich bei meinem ersten Japanbesuch durchaus überrascht hatte. Auf Japanisch wird der Sport 野球yakyū genannt, was sich schlicht mit „Feldball“ übersetzen lassen kann. Die Begeisterung für das Spiel begann 1872, als ein amerikanischer Lehrer Ball und Schläger mit nach Japan brachte und seinen Schülern die Regeln erklärte. Letzteres haben diverse Menschen in Japan auch mit mir versucht, doch obwohl ich mich eigentlich für so ziemlich alles interessiere, will beim Baseball partout keine Leidenschaft aufkommen. Für mich besteht das Spiel darin, dass ein Haufen Spieler gelangweilt auf dem weiten Spielfeld herum stehen. Einer wirft den Ball. Ein anderer versucht, selbigen mit einem viel zu dünnen Stab zu treffen. Gelegentlich trifft er damit sogar den Ball, dann ist ganz kurz Bewegung, und danach geht das gleiche wieder von vorne los. Und so ein Spiel kann schon mal gute 4 Stunden dauern. Auch das ewige Herumgespucke der Spieler törnt mich nicht sonderlich an. Ebenso die Tatsache, dass alle Teams nicht nach ihrem Herkunftsort benannt sind, sondern nach Markenprodukten – da spielt eben nicht Sapporo gegen Fukuoka, sondern „Japan-Schinken (Nippon Ham)“ gegen „Softbank Hawks“. Schweinefleisch gegen Mobilfunk. Aha. Aber natürlich bin ich mir sicher, dass ich dem Sport damit unrecht tue.

Doch Baseball in Japan erfreut sich ungebrochener Beliebtheit, und das liegt unter anderem auch daran, dass es einige Spieler auch in der größten und wichtigsten Baseballliga, der amerikanischen, es weit bringen. Einige Jahre lang war es Ichirō, nun ist es Ohtani, der vor allem deshalb bekannt ist, weil er ein 二刀流nitōryū ist – ein „zweischneidiges Schwert“, denn er ist sowohl als Pitcher (Werfer) als auch als Hitter (Schläger, Schlagmann) erfolgreich. Auch Darvish, ein Spieler mit iranisch-japanischen Eltern, ist momentan sehr angesagt.

Alle drei bis vier Jahre, doch wegen Corona ist das letzte Mal nun schon 6 Jahre her, finden die World Baseball Classics (WBC) statt, und die sind für Baseballfans das, was die Fußballweltmeisterschaft für Fußballfans ist. Nur das daran weit weniger Länder teilnehmen – aus Europa zum Beispiel waren bisher nur die Niederlanden, Italien und Spanien daran beteiligt – mit eher mäßigem Erfolg. Japan hingegen gewann die ersten beiden WBC-Turniere, gefolgt von der Dominikanischen Republik und der USA.

Die WBC 2023 beginnen diese Woche, und etliche der Spiele werden in Japan ausgetragen. Zehn Tage vor dem Turnier, während des Turniers und ein paar Tage danach kann man den Fernseher als Nicht-Baseballfan getrost auslassen, denn es gibt nur noch ein einziges Thema. Das schließt auch die Nachrichten mit ein – neulich machte Ohtani bei einem Vorbereitungsspiel eine Handbewegung, die das Drehen einer Pfeffermühle andeutete. In einer spätabendlichen Nachrichtensendung folgten 5 Minuten von Expertenmeinungen, was diese Gestik bedeuten könnte, Umfragen von Passanten und eine mehrfache Wiederholung der Gestik aller im Fernsehstudio Beteiligten — dies führte zumindest bei mir zu dem plötzlich aufkommenden Verlangen, die Fernbedienung Richtung Gerät zu schleudern. Aber was soll’s — drücken wir Japan die Daumen. Vielleicht klappt es ja ein drittes Mal. Macht ja sicher auch nichts, wenn ich nicht vor dem Fernseher dabei bin.

tabibito
tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

5 Kommentare

  1. Meine Begeisterung fuer Baseball hielt sich auch in Grenzen, obwohl ich in Sapporo in fusslaeufiger Nachbarschaft zum „Dome“ gewohnt habe. Bis ich dann in unserer Muckibude auf Tray Hillman traf, der damals Nippon Ham trainiert und zweimal in Folge den Sieg davongetragen hat. Er hatte Probleme, sich mit den Mitarbeitern der Muckibude zu verstaendigen – ich stand zufaellig daneben und half aus, und danach kamen wir ins Gespraech. Als Trey dann gegangen war, kam einer der オヤジ auf mich zu und meinte, was ich denn fuer ein Glueck haette. Ich fragte ganz erstaunt nach dem Grund, und er meinte „Kennst du den nicht?“ und ich verneinte. Und er sagte „Das ist Trey Hillman, der Trainer von den Fighters!“ (die Mannschaft wird hier so genannt)… Als Trey dann das naechste Mal kam, bin ich auf ihn zu und habe mich entschuldigt, dass ich ihn nicht erkannt hatte, weil ich als Deutscher mehr an Fussball interessiert bin. Da hat er nur gegrinst und gesagt, das sei auch besser so… Zum naechsten Training brachte er mir dann ein Regelwerk auf Englisch mit und hat mich „angefuettert“. Zugegeben, Baseball hat nicht die Dynamik von Fussball, aber wenn man die Regeln versteht, kann es ganz interessant sein… ;-)

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