BlogTrauerspiel Coronaimpfung: Ein Verlag spricht Klartext

Trauerspiel Coronaimpfung: Ein Verlag spricht Klartext

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Japanische Zeitungsleser stiessen am 11. Mai auf eine riesige, doppelseitige Anzeige in ihrer Tageszeitung – so sie eine der 3 größten Blätter lasen. Bei mir ist es die Asahi-Shimbun, und die Anzeige fiel auf, da der Großteil schwarzweiß, die Anzeige jedoch Blau-Rot war. Außerdem sind doppelseitige Anzeigen ziemlich selten. Die Hauptansage der Anzeige, bewusst in einem alten Schrifttyp gesetzt, machte sofort wachsam:

ワクチンもない。クスリもない。
タケヤリで戦えというのか。
このままじゃ、政治に殺される。

Übersetzt heißt dies:

„Es gibt weder einen Impfstoff, noch eine Medizin.
Wollt Ihr uns etwa sagen, dass wir mit Bambusspeeren kämpfen sollen?
Geht es so weiter, wird uns die Politik umbringen“

Das Kleingedruckte ist nicht minder deutlich:

„Wir werden betrogen. Wozu war das ganze Jahr überhaupt gut? Wie lange sollen wir uns noch einschränken? Wir möchten, dass dieses Festival der Geduld aufhört. Hört auf mit den endlosen Ausreden. Mit dem Erzwingen des Unmöglichen hat sich doch rein gar nichts geändert, oder? Es ist jetzt an der Zeit, die Stimme des Zorns zu erheben.“

Kurze Zeit, innezuhalten und zu überlegen, wer hier eine ordentliche Menge Geld in die Hand genommen hat, um diese Botschaft unters Volk zu bringen. Mehr dazu am Ende des Artikels.

Corona-Anzeige in der Asahi Shimbun am 11. Mai 2021
Corona-Anzeige in der Asahi Shimbun am 11. Mai 2021

Woher der Unmut? Selbst ohne Hintergrundwissen stand die Lösung, zumindest bei der Asahi-Shimbun, in der gleichen Ausgabe – auf den Seiten zwei und drei. Eigentlich sah der Plan wie folgt aus:

Bis zum 10. Mai werden alle, die in medizinischen Berufen tätig sind, geimpft – und zwar zwei Mal. Vorausgesetzt, sie wollen sich impfen lassen, denn die Impfung ist nicht Pflicht. Insgesamt handelt es sich um rund 4,8 Millionen Menschen.

Bis Ende Juli, werden alle älteren Mitbürger zwei Mal geimpft werden. Dieses Versprechen wurde mehrfach von der Regierung gemacht. Insgesamt geht es hier um rund 36 Millionen Menschen. Doch die Wirklichkeit sieht ganz anders aus — und die Zahl in der Spalte „Wirklichkeit“ gibt hier auch nur den Anteil derer wieder, der ein Mal geimpft wurde. Es gibt nur sehr wenige Senioren, die bereits zwei Mal geimpft wurden.

Geplant Wirklichkeit
5. April 0.1%
12. April 0.8% 0.1%
19. April 1.5% 0.3%
26. April 3.8% 0.6%
3. Mai 9.3% 0.9%
10. Mai
17. Mai
24. Mai 30.9%
31. Mai
7. Juni 48.5%
14. Juni
21. Juni 92.2%
28. Juni
5. Juli 92.2%

Selbst die Impfung des medizinischen Personals ist bis heute nicht abgeschlossen – bis zum 10. Mai sollten alle 4.7 Millionen zwei Mal geimpft worden sein, doch am 10. Mai waren es nur 61.4%. Doch nicht nur das: Eine Nachbarin arbeitet in einer Chiropraxis als Bürokraft, ihr wurde eine Impfung im April angeboten. So weit so gut. Als meine Schwiegermutter jedoch am 10. Mai zum Zahnarzt ging, war sie überrascht, dass der Zahnarzt keine Maske anhatte. Sie fragte ihn daraufhin, ob er bereits geimpft sei – seine Antwort war, nein, er sei noch nicht an der Reihe, weil sein Beruf kurzerhand als Techniker kategorisiert wurde und er somit nicht als medizinisches Personal gelte. Eine schwer verdauliche Logik — wenn jemand zu den ersten zählen sollte, die geimpft werden sollten, dann doch sicher Zahnärzte.

Von der Politik erhält man interessanterweise keine brauchbare Auskunft darüber, warum es so schleppend vorangeht. Fehlt der Impfstoff? Fehlt das Personal? Was ist eigentlich los? Auch die Medien haben zu einem großen Teil ihre Aufgabe, Dinge kritisch zu hinterfragen, scheinbar vergessen. So geistert seit Tagen die Meldung durch die Nachrichten, dass demnächst grosse Impfzentren in Tokyo, Kanagawa und anderen Städten eröffnet werden sollen. In diesen Impfzentren sollen 10,000 Menschen an einem Tag geimpft werden. Diese Nachricht wird dabei als Erfolg dargestellt (und nicht nur im staatlichen Sender NHK). Doch die Mathematik stimmt hier einfach nicht. Tokyo hat 11 Millionen Einwohner. Impft man also in diesem Impfzentrum 10,000 Menschen, braucht man 3 Jahre, bis man mit der Erstimpfung durch ist. Mit anderen Worten: Ein Impfzentrum mit 10,000 Menschen Durchlauf pro Tag ist ein Tropfen auf den heißen Stein und nicht mal eine Meldung in den Nachrichten wert.

Auf die Anzeige gab es überwiegend positive Kritik, und die Aufmachung war gut gewählt. Ganz offensichtlich stammte das Foto aus dem 2. Weltkrieg und zeigte junge Schülerinnen. Einen kleinen Makel hatte die Anzeige allerdings, und die wurde prompt von verschiedenen Leuten aufgegriffen. Denn bei den Waffen auf dem Bild handelt es sich nicht um „Takeyari“, Bambusspeere, sondern um eine 薙刀 naginata, eine Stangenwaffe, die aus einem langen Stiel mit einer gebogenen Klinge besteht. Das Foto stammt wohl aus dem Jahr 1941 und zeigt Schülerinnen bei einer Übung gegen herannahende feindliche Flugzeuge (ja, es war eben eine verrückte Zeit).

In der Tat: Bei einer Suche auf Google mit den Begriffen „Takeyari Kunren“ (Übung mit Bambusspeeren) erscheint dieses Foto ganz oben. Es geistert also schon lange mit falschem Titel durch das Internet.

Das Originalfoto von 1941

Doch wer gibt so viel Geld aus für diese Anzeigen, wer steckt dahinter? Rechtspopulisten? Nein. Anarchisten? Nein. Dahinter steckt ein Verlag für Subkkultur, 高島社 Takarajimasha Inc. Den Verlag mit Sitz in Tokyo gibt es seit 1971, und er hat gut 200 Mitarbeiter. Der Verlag ist vor allem für Modemagazine für Teenager und Erwachsene, aber auch für die Publikation von Reiseführern bekannt.

Die grosse Anzeige war nicht der erste Streich des Verlages. Bereits am 21. Juli 2020 schaltete Takarajimasha eine grosse Anzeige in der Nikkei. Die Botschaft war schon damals recht kritisch: „Letztendlich werden wir siegen. Auch wenn die da oben versagen – die Bürger werden siegen“. In der Erklärung heisst es dann, dass, gelinde gesagt, nur Idioten allein auf die Politik vertrauen, und dass es an jedem einzelnen Bürger ist, dafür zu sorgen, dass man die Pandemie überwindet.

Es gibt noch weitere Anzeigen – siehe unten, und die jetzige Anzeige wird dementsprechend nicht die letzte gewesen sein.

Banksy auf der Takarajimasha-Corona-Anzeige
Banksy auf der Takarajimasha-Corona-Anzeige

Aktionen dieser Art sind nicht unbedingt selten, aber diese Anzeige ist ziemlich spektakulär, zumal sie nicht aus dem typischem Umfeld (in Japan meist die ネット右翼 Internet-Rechts(radikalen)) stammt. Das ganze hat sicherlich Kalkül, und natürlich hat hier der Verlag nicht nur Geld ausgegeben, um die Meinung seiner Chefs kundzugeben, sondern auch um die Werbetrommel für den eigenen Verlag zu rühren, denn die Anzeigen sorgen dafür, dass die Menschen über den Verlag reden – und das kann für einen Verlag nur gut sein.

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

6 Kommentare

  1. Ich finde es ja auch in Lichte der olympischen Spiele wirklich erstaunlich, dass in Japan nicht sehr auf die Impfung gesetzt wird und man nicht so viele Menschen wie möglich noch vor den Spielen impft. Man sieht ja in den USA und GB, dass auch die erste Impfung sehr wirksam ist und grundsätzlich vor schweren Verläufen schützt.

    Gut, Japan schottet sich so gut es geht ab. Als
    Insel gehts ganz gut. Aber ich denke, mittlerweile leidet nicht nur die Tourismusindustrie, sondern auch das Wohlbefinden vieler Japaner darunter.

    Freunde haben ein Kind bekommen und die amerikanische Familie des Mannes kann noch lange nicht einreisen und das Kind begrüßen. Obwohl dort alle geimpft sind!

    Eine Bekannte sitzt auf gepackten Koffern und möchte eigentlich ein Jahr in Japan studieren. Das geht jetzt nur online – nachts in Deutschland. Auch mit Quarantäne und Co. ist nichts zu machen. Ich hoffe so sehr, dass Japan bald mehr impft und sich dann langsam (oder schneller!) wieder öffnet.

  2. Mir ist aufgefallen, dass nicht mehr alle Artikel hier im Blog auch im „Japan Blog Radar“, also der anderen Unterseite von tabibito angezeigt werden. Ich weiß ja nicht ob das so sein sollte, ich wollte es jedenfalls anmerken.

    • Vielen Dank! Habe in der Tat merkwürdige Probleme mit dem Feed und zu wenig Zeit, mich wirklich ausgiebig darum zu kümmern. Sollte jetzt erst mal wieder funktionieren, muss dazu aber die Beiträge selbst im Feed trimmen.

  3. Hi,

    Wollte gerade genau das gleiche sagen wir Erik: hatte mich gewundert, dass es von meinem Lieblingsblog „so lange“ kein Update mehr gab und dabei festgestellt, dass der von Feedly gelesene RSS Feed nicht mehr alle Inhalte vom Blog anzeigt.

    Ich könnte mir vorstellen, dass viele Leser das gar nicht merken, was ja unglaublich schade wäre, angesichts der vielen Mühe, die in die Artikel fließt.

    Vielleicht willst du dich selbst mal auf Feedly subscriben und das Delta untersuchen.
    Wenn ich es richtig sehe, gibt es zwei Probleme:
    1) in meinem bisher genutzten Feed gibt es gar keine Updates mehr
    2) wenn ich Feedly erneut bitte, sich auf dein Blog zu subscriben, nimmt es scheinbar einen anderen Feed (ansonsten würde es mir ja sagen, dass ich bereits subscribed bin) und zeigt dort aber nicht alle Inhalte an, bspw nicht diesen Artikel hier.

    Viele Grüße,
    Fabian

    • Hi Fabian,

      Vielen Dank, und ja, das ganze ist ziemlich ärgerlich. Funktioniert es denn jetzt wieder bei Dir, oder hast Du immer noch das Problem? Lass mich bitte auch mal wissen, welchen Feedlink Du benutzt.

  4. Ein Zahnarzt ohne Maske? Mein Zahnarzt in Nagoya, bei dem ich jetzt schon 20 Jahre lang bin, hatte auch vor Corona immer schon eine Maske auf. Jetzt hat er zusätzlich noch ein Plastikvisier vor dem Gesicht, und dazu ein Luftabsauggerät, das direkt vor meinem Mund platziert wird und alle meine Aerosole direkt absaugen soll.

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