BlogKakao, AR und eine ferne Präsidentenwahl

Kakao, AR und eine ferne Präsidentenwahl

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Manchmal weiss ich nicht, ob man dieses Land hassen oder lieben soll. Beispiel Nachrichten: Die Nachrichten des staatlichen Senders (NHK) sind so harmlos und oft so irrelevant, dass man manchmal glaubt, eine moderne Variante der Aktuellen Kamera zu sehen. Schaut man sich dann die Nachrichten der privaten Kanäle an, bekommt man zwar eine breitere Palette von Inhalten geboten, aber dort wird bei fast allen Sendern nun mit den neuesten Ton- und Kameratricks beziehungsweise mit AR (augmented reality) gearbeitet. Fast schon unterschwellige Töne unterlegen da Beiträge egal zu welchem Thema, ob Mord oder Politik. Oder beides. Halbgare Reportagen, reißerische Kommentare, sehr aufwändige und dennoch billige audiovisuelle Mittel jagen einander. Es wird suggeriert und gemutmaßt bis es qualmt.

Manchmal treiben es die Programmdirektoren auf die Spitze, und dann wird es schon manchmal einfach nur komisch. Ein gutes Beispiel konnte man jetzt wieder bei der Berichterstattung über die Präsidentenwahl in der USA sehen – beim Nachrichtenprogramm „every.“.

Völlig respektlos werden da Collagen zusammengeschraubt, um die neuesten Zahlen zu präsentieren. Das ist beinahe schon wieder niedlich, und es verwandelt die Präsidentenwahl eigentlich schon regelrecht in das, was es eigentlich auch ist: Eine gigantische Show. Man meint fast, dass hier die Wahl ordentlich durch den Kakao gezogen wird. Andere Programme wie TBS News verfrachten ihre Moderatoren gleich mal ins Oval Office, original mit Trumpbild an der Wand:

Stilistisch sind die Methoden nicht selten fragwürdig — siehe Bild ganz oben. In bester Microsoft Wordart-Manier wird da geworben, zusammen mit einer natürlich mit der amerikanischen Flagge verhüllten Darstellung der Freiheitsstatue. Haben wir alle Klischees in das Bild gepackt? Check!

Trump ist in Japan übrigens weniger unpopulär als in vielen anderen Ländern. Das mag seltsam anmuten, denn ein solcher polternder Charakter widerspricht eigentlich dessen, was man in Japan für angemessen hält. Zudem ja Trump auch Japan mehrfach wirtschaftlich mit seiner America First-Politik gedroht hat. Die meisten empfinden ihn einfach nur als komischen Kauz, halten ihm aber seine wirtschaftlichen Erfolge – ob die nun dank Trump zusammenkamen oder trotz Trump ist eine andere Sache – zugute. In den Medien wurde auch in letzter Zeit zunehmend berichtet, dass eine Wiederwahl Trumps wesentlich besser für Japan sei als die Wahl Bidens. Das bleibt abzusehen. Sicher, Abe und Trump schienen sich als Golf-Buddies ziemlich gut zu verstehen, aber Abe ist nun mal nicht mehr Ministerpräsident, und ob der ruhige Suga mit Trump klarkommen würde, ist völlig unklar.

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

3 Kommentare

  1. Die Collagen sind…. spannend. :) Ich stelle mir gerade vor wie Klaus Kleber ins Oval Office transferiert wird, mit Trump Bild an der Wand. Das wäre mal was anderes.
    Deine Einschätzung ist sehr spannend. Schließlich hat man das Gefühl, dass Trump mit seiner insgesamt sehr polterigen und lauten Art bei Japaner_innen nicht gut ankommt. Zumal er ja auch schon einiges getan hat, um das Vertrauen der Japaner_innen in seine Politik zu beeinträchtigen (Streit um die Militärbasis in Okinawa, Handelszölle auf Autos…).
    Mit Biden ändert sich nicht grundsätzlich alles, aber die Hoffnung hier in Europa ist doch groß, wieder einen Partner zu haben, der sich um multilaterale Abkommen kümmert und der erkennt, dass das Wohl Amerikas von der Zusammenarbeit in der Welt abhängt. Auch das könnte Japan doch nur helfen! Oder?

  2. Hallo,
    ich denke er entspricht einfach perfekt den Vorurteilen über Ausländer die in Japan gepflegt werden, laut, unhöflich, unbeherrscht und nicht gerade die hellste Leuchte ( um es mal höflich auszudrücken) aber von Gegenteil überzeugt

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