BlogJetzt ist es amtlich: Schwiegergroßmutter ist eine 1%ige

Jetzt ist es amtlich: Schwiegergroßmutter ist eine 1%ige

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Gestern erfuhren wir nun also, dass meine Schwiegergroßmutter, 95 Jahre alt und durchaus ein bisschen evil, ihre zweite Corona-Impfung bekommen hat. Das macht sie nun also zu einer 1%igen – denn beim gestrigen Stand waren ziemlich genau 1% der 36 Millionen japanischen Senioren vollständig geimpft worden. Ach ja, nur zur Erinnerung: Die Regierung versprach mehrmals, dass bis Ende Juli alle 36 Millionen, beziehungsweise die, die sich impfen lassen wollen, versorgt werden sollen. Wie man dieses Wunder schaffen wird, ist mir ein immer grösseres Rätsel. Meine Schwiegermutter zum Beispiel, auch eine gestandene Seniorin, die sich seit Ausbruch der Pandemie so gut wie gar nicht aus dem Haus traut, erhielt zwar jüngst ihre Impfgutscheine und einen Bescheid, dass sie sich bei ihrem Hausarzt für eine Impfung vormerken lassen kann – auf Anfrage beim selbigen wurde ihr jedoch erklärt, dass der Termin voraussichtlich im September sein werde. Für die Erstimpfung, wohlgemerkt, und selbst dieser Termin ist noch nicht einmal sicher.

Anders wiederum der örtliche Gutsherr. Zur Erklärung: Ich lebe in einem kleinen Tal im Westen von Kawasaki, und vor 50 Jahren gab es dort lediglich eine von Reisfeldern und Wäldern gesäumte, malerische Landstrasse. Alle hundert Meter gab es ein Gehöft einer Bauernfamilie, und diese Familien sind heute steinreich. „Unserem“ Gutsherren gehört quasi das halbe Tal, mit zahlreichen grossen Geschäften, einem Supermarkt und vielen Häusern. Sein Beruf ist quasi die Verwaltung des geerbten Reichtums, und da die Grundsteuer sehr hoch ist und unabhängig davon, ob das Land genutzt wird oder nicht, verkauft er nach und nach seine Grundstücke. Wie auch immer: Unser gerade mal zum Senior gewordene und quickfidele Gutsherr wurde in dieser Woche ebenso bereits zum zweiten Mal geimpft. Wie er das wohl geschafft hat?

In der Zwischenzeit werden schon mal Fakten geschaffen – so trafen bereits die ersten Olympiateilnehmer im Land ein, was darauf hindeutet, dass die Spiele wohl kaum noch zu verhindern sind. Dennoch wird das Murren immer lauter: Der Ausnahmezustand wurde nun zum Beispiel für alle betroffenen Präfekturen bis zum 20. Juni verlängert, und damit sind schon mal die ersten drei meiner 4 Vorhersagen vom 15. April eingetreten. Gleichzeitig werden den Gaststätten- und Kneipenbesitzern die Hilfszahlungen gekürzt. In dem Sinne kann man nur erneut anmerken, dass von nun an nahezu jeder Coronatote, und nahezu jede Geschäftspleite auf das Konto der Regierung geht, die es einfach nicht schafft, die Impfungen voranzutreiben. Immerhin läuft aber die PR-Maschine, die versucht, das Ganze dennoch als Erfolg zu verkaufen.

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

4 Kommentare

  1. Ist mir ein Rätsel was da zur Zeit in Japan abgeht. Gestern hatte ich meine zweite Impfung und ich gehöre nicht wirklich zur Risiko Gruppe. Die Schweiz hat vor ca. 1 Monat den Impf-Turbo gestartet und es läuft wirklich gut. Das Japan ein bisschen langsamer startet kann man bei den Bürokratischen Hürden in diesem Land ja noch verstehen, aber da ja jetzt Impfstoffe vorhanden sind ist es mir verstehe ich nicht, warum es immer noch so langsam geht. Bin gespannt, wann meine Schwiegermutter ihre Impfung bekommt. Nach dem lesen deines Blogs muss ich davon ausgehen, dass es Herbst wird. Hoffen wir, das Covid nicht schneller ist :-(

  2. Lese gerne deine Artikel, nur warum haben sie oft so einen negativen Ton? Gibts nichts Positives, aus unserem geliebten Japan zu berichten?

    • Hallo Asterix,

      Danke für die Kritik. Anders gefragt — was möchtest Du denn gern hier lesen? Mein Japan-Almanach unterteilt sich ja in zwei Sachen – den „touristischen“ Teil mit unzähligen Informationen was wo und warum sehenswert (oder essenswert) ist, und der Blog, in dem ich Japan von allen Seiten durchleuchten möchte, und zwar aus der Sicht einer Person, die hier seit 17 Jahren lebt, arbeitet und Kinder großzieht. Da ist nicht immer eitel Sonnenschein…

  3. Gut geantwortet, „Tabi“!!!
    Leider sehen viele im Ausland Japan immer nur mit der rosarot getoenten Brille. Aber als „Langzeitverweiler“ sei es uns doch bitte gegoennt, auch die Negativseiten aufzuzeigen. Wie hiess es immer so schoen: es ist nicht alles Gold was glaenzt! In diesem Sinne.

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