BlogGyoza des Todes

Gyoza des Todes

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Seit etlichen Tagen bestimmen kleine, gefüllte Teigtaschen die Titelseiten sämtlicher Tageszeitungen: Diese werden 餃子 (gyōza) genannt und stammen ursprünglich aus China (mehr zum Thema siehe Japanische Küche).
Zwei Arten der Zubereitung gibt es: Braten und Kochen. Die meisten braten sie. Nun kann man zwar Gyoza auch selbst machen, aber nach einem langen Arbeitstag hat kaum jemand Lust dazu. Also kauft man sie tiefgefroren. Und das wurde über 1,000 Menschen nun zum Verhängnis: Lebensmittelvergiftung.
In diesem Falle kamen die Gyoza tatsächlich aus China, und in diesem Zusammenhang sind solcherlei Vorkommnisse nicht selten (siehe China free). Dieser Fall scheint jedoch etwas anders zu sein.
Vergiftet wurden die armen Esser durch Pestizide, und zwar jener Sorte, die selbst in China verboten wurden. Jedoch: Beim genauen Betrachten stellte man fest, dass die Pestizide erst nach der Produktion zugefügt wurden. Man fand sehr kleine Löcher in den Packungen und Pestizidspuren ausserhalb der Packung.
Nun ging natürlich das übliche Spiel los. Medien stürzen sich auf das Fressen. Politik handelt. Protestiert in China. China und die Fabrik streiten alles ab. Usw. usf. Man redet hier mittlerweilen sogar von einem gezielten Anschlag auf Japaner.
Was wirklich geschah, weiss allerdings noch keiner. Zu Tode gekommen ist zum Glück auch noch niemand, aber einige hatten sich schwere Vergiftungen hinzugezogen.
Dazu noch drei Bemerkungen:
– Der Durchschnittsjapaner verdrückt im Jahr gute 21 Kilogramm Tiefkühlkost. Alle Achtung.
– 40% der Fälle, in denen sich Leute nach den Meldungen bei der Polizei und beim Arzt meldeten, hatten gar keine Vergiftung. Erst der Medienrummel machte sie Glauben, dass es sie auch erwischt hätte. Es geht nichts über eine gepflegte Massenhypnose!
– Seit den Meldungen ging der Verkauf von Tiefkühlkost dramatisch zurück. Dagegen schnellte der Verkauf von gyōza no kawa („Gyoza-Haut“) auf ungeahnte Höhen: Das sind runde, dünne Teigfetzen, die man zum selber Zubereiten braucht.
Na dann – Mahlzeit!
Das Wort des Tages: 冷凍食品 – reitō shokuhin. Reitō ist tiefgekühlt, shokuhin sind die Esswaren. Tiefkühlkost.

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

12 Kommentare

  1. als ich im sommer in tokio war gab es einen ähnlichen skandal, da ging es aber um reiskuchen aus china die man statt mit den üblichen leckereien – man halte sich fest – mit pappe gefüllt hatte und diese den leuten zum essen gab. natürlich wurde die pappe aufbereitet und mit normalen zutaten gemischt, aber die 2 wochen die ich in tokio war kam das echt jeden tag in den nachrichten, die sind dann auch mit versteckter kamera hin und haben gezeigt wie das gemacht wurde… na mahlzeit :)

  2. [ironie]Da können wir ja fast froh sein mit unserm Gammelfleischskandal [/ironie]

    Aber würd mich ja schon mal interessieren was da jetzt passiert ist… Dass das pestizid erst NACH der Produktion in die Gyoza gelangt sind ist schon mehr als merkwürdig…

    Vielleicht kannst du uns ja auf dem laufenden halten? ;-)

  3. @Max
    Wenn ich es nicht vergesse weil die Geschichte stumm im Sand verläuft – gern.

    @Jakub
    Das war ebend „Blairwitch Project“ aus Peking

  4. ist das denn in ganz japan aufgetreten oder nur in einer gewissen stadt/region?

    wenns nur an einem gewissen punkt war/ist, könnte man doch auch davon ausgehen, dass ein völlig aussenstehender in die läden marschiert ist und das pestizid vor ort injiziert hat.

  5. Ich sehe, Sherlock Holmes passt auf ;-)
    Nein, das tauchte im ganzen Land auf. Zuerst in Chiba und Hyogo. Aber selbst die Chinesen suchen mittlerweilen nach einem Täter in den eigenen Reihen.

  6. hehe, ist mir eben so aufgefallen. und wäre ja nicht das erste mal, dass einfach durch einzeltäter lebensmittel in einem gewissen gebiet manipuliert werden. und das ist ja auch schnell gemacht. das zeug in eine spritze ziehen, durch die packung stechen und injizieren.
    hatte mal eine pet-flasche mineralwasser, da war auch so ein kleiner einstich. ist mir aber direkt aufgefallen, der kassierin gemeldet und die sofort zum geschäftsführer. hat man aber nichts von gehört, wird also nichts schlimmes gewesen sein denk ich.

    aber wäre auch gut möglich, dass einfach ein verbitterter mitarbeiter oder was auch immer nach dem verpacken was reingemischt hat.

    so. jetzt ist aber genug mit mutmaßungen. die behörden haben das besser drauf als ich ;)

    —————-

    und btw nach wie vor ein sehr schöner blog. lese seit über einem jahr immer gerne mit. weiter so ;)

  7. Moin, wie geht denn die Japanische Presse damit um, dass jetzt auch in weiteren Lebensmitteln aus China die verbotenen Pestizide gefunden wurden?
    Eine Info in dieser Richtung habe ich gerade in einer anderen News gelesen.

  8. @Yoke

    Man scheint hier gerade das Wunder der chemischen Spurenanalyse auszuleben. Natürlich findet man Feinstkonzentrationen (unter 0.1 ppm) von Fungiziden auf den Packungen, wenn die Decke darüber erst neu installiert wurde…
    Momentan verläuft die Diskussion aber allmählich im Sande – man wendet sich wieder anderen Themen zu, wie etwa dem Hackebeilmassaker an einer Familie gestern…

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