Führerscheinerneuerung und Corona

    0
    536
    Im Führerscheinzentrum
    Im Führerscheinzentrum

    Wie in jedem anderen Land auch gibt es auch in Japan einige Sachen, die eher lästig sind. Dazu zählt definitiv die Prozedur der Führerscheinverlängerung, die alle drei Jahre fällig ist. Wobei dazu gesagt werden sollte, dass die Idee als solche durchaus sinnvoll ist – ein regelmäßiger kurzer Seh- und Hörtest, ein Update des Fotos sowie ein kurzer Lehrgang, welche Verkehrsregeln sich in den letzten Jahren geändert haben – das alles ist nachvollziehbar. Lästig ist die Prozedur deshalb, weil es in der Regel nur einen Ort pro Präfektur gibt, an dem man den Führerschein verlängern kann – das Führerscheinzentrum.

    Beginnen wir also mit etwas Mathematik. Die Präfektur Kanagawa hat rund 9 Millionen Einwohner, und von denen haben über 5 Millionen einen Führerschein. Das Führerscheinzentrum hat circa 300 Tage im Jahr geöffnet. Ergo müssen über 5 Millionen Menschen innerhalb von 3 Jahren, also 900 Tagen, mindestens ein Mal dorthin – das sind im Schnitt also 5555 Menschen pro Tag. Das Führerscheinzentrum hat auch am Sonntag geöffnet, und dann ist natürlich mehr Betrieb als werktags. 

    Um die Menschen nicht inmitten der Corona-Krise dort zu versammeln, wurde die Verlängerung im April und Mai teilweise ausgesetzt. Führerscheininhaber konnten ihren Stichtag so um drei Monate nach hinten verschieben – allerdings war dazu eine Prozedur notwendig, von der etliche Leute nichts wussten. 

    Nun haben wir also wieder über 200 neue Corona-Fälle pro Tag allein in Tokyo, doch das Führerscheinzentrum hat wieder geöffnet, und meine Fristverlängerung läuft auch in zwei, drei Wochen aus. Ob ich nun wollte oder nicht – es wurde langsam Zeit, sich der Tortur auszusetzen. Also fuhr ich gestern zum entsprechenden Zentrum, und war erstmal begeistert, einen Parkplatz zu bekommen (das Zentrum rät dazu, nicht mit dem Auto anzureisen, aber mit den  Öffentlichen dauert es von mir ewig). Die Begeisterung verflog auch schnell, als ich die Schlange bemerkte, die sich ausserhalb des Gebäudes, in der Sonne und bei schwülen 32 Grad gebildet hatte. Das ist ohne Maske schon unschön, aber mit Maske sehr unangenehm. Immerhin ging es jedoch bald ins Gebäude. Dort hiess es eine gute Stunde warten, bevor die Rallye beginnen konnte:

    1. Neue Führerschein-PIN auswählen, Bewerbung ausdrucken
    2. Am Gebührenschalter anstehen um Gebühr zu bezahlen
    3. Am Sehtest anstehen (Dauer: 10 Sekunden, gleichzeitig als Hörtest getarnt)
    4. Am Unterlagen-Check-Schalter anstehen. Dort wurden, nach rund zwei Stunden Wartezeit, all jene rausgefischt, die nicht wussten, dass man die Fristverlängerung beantragen muss. Die Folge: Gestöhne und Gefluche.
    5. Anstehen am Foto-Schalter. In dieser Schlange: Heftiges Geschminke seitens der Antragstellerinnen. Schliesslich muss man mit diesem Foto drei Jahre lang herumfahren.
    6. Zuweisung des Seminarraums
    7. 30 Minuten (“vorbildliche Fahrer”), 1 Stunde (“normale Fahrer”) oder 2 Stunden (erstmalige Verlängerung oder mehr als 2 Punkte in 5 Jahren) Seminar in Räumen mit 100 Personen
    8. Ausgabe der neuen Führerscheine

    So gehen gern schon mal mehr als 4 Stunden für diese Prozedur drauf. 

    In den vergangenen Tagen lag die Zahl der Neuinfektionen allein in Tokyo täglich bei über 200 — das sind mehr als bei der Ausrufung des Ausnahmezustands. Dennoch scheint die Regierung halbwegs gelassen – warum? Und nicht nur das — man beginnt bereits mit einer “Go to…”-Kampagne, um den Inlandstourismus anzukurbeln. Erklärt wird diese Gelassenheit damit, dass bis zu 80% der Neuinfizierten unter 30 Jahre alt sind. Was dazu führt, dass die Zahl der Neuinfektionen mit schwerem Krankheitsverlauf ständig zurückgingen – gestern zum Beispiel gab es 204 Neuinfektionen, aber keine mit schwerem Krankheitsverlauf (während es zu Spitzenzeiten über 100 Fälle pro Tag gab). Dieser Verlauf könnte damit erklärt werden, dass heuer viel mehr (ungefähr doppelt so viel) getestet wird als vor zwei Monaten. Man verlegt sich deshalb von Maßnahmen, die alle betreffen, auf gezieltere Maßnahmen – darunter in die Unterteilung der Einwohner in drei Gruppen – bis 49 Jahre, bis 70 Jahre und darüber, mit jeweils verschiedenen Empfehlungen, was man tun sollte oder besser nicht. Ob das reichen wird, bleibt abzuwarten. Immerhin wird jetzt wieder diskutiert, einigen Gewerben (Restaurants und Bars ohne ausreichenden Schutz, Clubs und dergleichen) eine temporäre Schliessung ans Herz zu legen.

    LEAVE A REPLY

    Please enter your comment!
    Please enter your name here