BlogCorona-Update 16. Juli 2020

Corona-Update 16. Juli 2020

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Vor wenigen Wochen noch sah es so aus, als ob man sich langsam aber sicher wieder anderen Themen zuwenden könnte. Doch das Blatt hat sich wieder geändert: Heute erreichte Tokyo mit 286 Neuinfektionen einen neuen Höchststand, und ein Ende des Anstiegs ist soweit noch nicht in Sicht. Seit Anfang Juli ist man dreistellig, und an zahlreichen Tagen sind es mehr als 200. Das sind mehr als während der ersten Welle im April, doch im Gegensatz zum April geschieht nicht viel – die Politiker mahnen nur unermüdlich, sich an Abstands- und andere Regeln zu halten.

Das Virus durchkreuzt damit die Pläne der Regierung, die Menschen mit der sogenannten „Go To“-Kampagne wieder zum Reisen zu bewegen, damit die Tourismusindustrie, arg gebeutelt durch das plötzliche Ausbleiben ausländischer Touristen, wieder auf die Beine kommt. Die Idee: Der Staat subventioniert Kurzreisen, Übernachtungen und dergleichen – allerdings nur, wenn diese durch die großen Reiseunternehmer wie JTB gebucht werden. Zweifel am Timing der Kampagne werden nun immer lauter – und heute tauchte schliesslich die Idee auf, Hauptstädter von der Aktion auszuschliessen. Zudem gibt es schon erste Herbergen in der Provinz, die klipp und klar sagen, dass Besucher aus Tokyo unerwünscht sind.

Der neue Anstieg der Neuinfektionen kommt auch zu einem unpassenden Zeitpunkt: In der nächsten Woche gibt es zwei Feiertage in Folge, so dass die meisten vier Tage hintereinander frei haben. Und Mitte August steht, wie jedes Jahr, お盆 O-bon bevor – das Ahnenfest, zu dem viele Japaner die Städte verlassen und ihre Verwandtschaft auf dem Land besuchen. Geht der Trend jedoch so weiter, ist dieses Jahr nicht nur die Goldene Woche (im Mai), sondern auch O-bon gestrichen, und das zehrt an den Nerven. Um so unverständlicher ist die Passivität der Regierung, die soweit nichts nennenswertes unternommen hat, den Anstieg einzudämmen.

Der Anstieg erfolgt auch in einer Zeit, in der die Regierung laut überlegt, Ausländern, die in Japan leben, die aber nach dem Inkrafttreten der Einreiseeinschränkungen im März nicht mehr ins Land durften, die Einreise zu erlauben. Ob die dann nun bei der aktuellen Lage auch wirklich zurückwollen steht auf einem anderen Blatt, aber die Situation dieser Ausländer ist nicht beneidenswert – monatelang nicht in seine Wahlheimat zu dürfen ist ein grauenvoller Gedanke.

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

4 Kommentare

  1. Hallo,
    wird in Japan auch mit dem ungenauen Drosten-Test getestet, oder wird dort das genauere zweistufige Testsystem verwendet? Bei der Einwohnerzahl und der Testungenauigkeit (falsch-positive Ergebnisse) scheint mir die Zahl nicht hoch, geschweige denn besorgnisserregend. Wie ist denn die Berichterstattung in Japan? Auch so einseitig wie in Deutschland, oder kommen dort auch kritische Stimmen zu Wort?
    Alles Gute Dir und Deiner Familie, Michael

    • Verstehe ich nicht so ganz, kannst Du das erkären? Der PCR-Test ist doch relativ genau, mit wenig false-positives, eher false-negatives, wenn man den Infektionszeitraum nicht abpasst (Viren nicht mehr im Rachen/Nasenraum, oder schlechter Abstrich).
      Antigen-Tests liefern tatsächlich mehr false-positives, aber die sind nicht von der Charite. Meiner Kenntnis nach hat übrigens Prof. Drosten keinen Test selbst entwickelt, das war wohl eher das ganze Team in seiner Arbeitsgruppe.

  2. Soweit ich weiss, wird auch in Japan – zumindest in der Regel – nicht zweistufig getestet, aber das mag je nach Region unterschiedlich sein. Die Zahl der Neuerkrankungen wird natürlich sehr subjektiv betrachtet – sicher, von europäischen oder gar amerikanischen Verhältnissen sind wir weit entfernt, aber zur Zeit werden tagtäglich neue Rekordwerte aufgestellt, und das beschäftigt die Menschen natürlich schon, da keiner genau weiss, ob das nun der Anfang einer grossen Welle ist (das Ausmass ist ja jetzt schon grösser als bei der ersten Welle) oder nicht. Kritische Stimmen gibt es auch hier, aber die sind weniger laut als in Deutschland, denke ich.
    Auch Dir alles Gute!

  3. Hallo,
    danke für die Antwort, das interessiert mich sehr.
    Also, so genau verstehe ich das auch nicht. Ich habe mir das von meinem Bruder, der Biologie studiert hat, erklären lassen, es aber trotzdem nicht wirklich verstanden. „Drosten-Test“ meine ich eher umgangssprachlich, natürlich hat er ihn nicht alleine entwickelt. Der Test wurde wohl nur anhand eines RNA Fragmentes entwickelt, nicht am kompletten Virus. Dadurch kann der Test eben auch auf andere Coronaviren (gerade von tierischen Trägern) ansprechen. Das wurde auch von Prof. Drosten mal eingeräumt. Das andere Problem ist wohl die enorme Empfindlichkeit des Tests, wodurch falsche Ergebnisse zustande kommen. Je niedriger jetzt die echte Infektionsrate ist, desto höher ist wohl die falsch positive Ergebnisrate. Da gibt es einiges im Internet zu lesen. Ich meine jetzt wirklich wissenschaftliche Abhandlungen, keine Verschwörungstheorien. Leider ist das meistens in Englisch und eben so kompliziert, dass ich es eigentlich nicht verstehe. Es gibt aber inzwischen eine Vielzahl verbesserter Tests, welche aber wohl oft nicht eingesetzt werden.
    Mich würde ja auch mal interessieren, wie die Japaner so gut mit den Masken klar kommen. Mir wird nach 10 Minuten schon schwummerig und nach 15 Minuten bin ich schon mal umgekippt. Allerdings bin ich schon etwas älter und nicht mehr ganz so fit.
    Grüße, Michael

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