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Kuzu – die Pflanze des Schreckens

Juli 13th, 2017 | Tagged | 7 Kommentare | 733 mal gelesen

Wo wir neulich erst beim Thema nach Japan eingeschleppter Feuerameisen waren (jenes Thema ist auch noch nicht beendet: Beinahe täglich findet man sie zur Zeit in diversen Ecken Japans – auch in Tokyo): Es ist ja nicht so, dass nur Japan Angst haben muss vor eingeschleppten Tier- und Pflanzenarten. Das Ausland sollte ebenso Angst haben vor aus Japan eingeschleppten Arten. Die bekanntesten Beispiele dafür sind ワカメ Wakame (eine in Japan gern gegessene Seetangart, die zum Beispiel in Neuseeland verheerende Schäden anrichtet) – und クズ Kuzu.

Kuzu im Garten lässt nicht auf sich warten...

Kuzu im Garten lässt nicht auf sich warten…

Letztere ist äußerst bemerkenswert, und ich kann aus eigener Erfahrung ein Lied von singen, da sie auch in meinem Garten „gedeiht“. kuzu bedeutet dabei übrigens im Japanischen auch „Abschaum“, aber das nur am Rande. Der lateinische Name lautet Pueraria montana, im Deutschen wird der Schmetterlingsblütler gern „Kudzu“ geschrieben. Bemerkenswert ist die Größe und Robustheit. Während der Regenzeit wachsen die Sprossachsen bis zu 25 Zentimeter an einem Tag. In unserem Garten gibt es eine 5 Meter grosse Betonschräge, und Freund Kuzu hat sich auf einem Streifen oberhalb der Mauer angesiedelt. Im April oder Mai versuche ich dabei, besagte Pflanze so gut wie möglich zu entfernen. Es dauert jedoch in der Tat meistens nur um die 3 Wochen, bis die Ranken wieder nach unten reichen. Und die Biester haben es in sich, denn sie können Stickstoff aus der Luft aufnehmen und kommen so bestens selbst auf sehr armen Böden zurecht. Nun könnte man natürlich versuchen, die Wurzeln auszugraben, aber das habe ich aufgegeben: Ein Versuch zeigte, dass die Wurzeln ziemlich gross sind. Laut diversen Beschreibungen bis zu 2 Meter lang und mitunter bis über 150 Kilogramm schwer.

Eigentlich sollte man über kuzu glücklich sein: Die Wurzeln sind sehr stärkehaltig, und man kann aus ihnen Nudeln oder Süßspeisen machen (die Wurzeln haben wohl sogar mehr Kalorien aus Kartoffeln) – vorausgesetzt, man schafft es, so ein Monster auch wirklich auszugraben. Die Blätter kann man in Öl frittieren und somit zu Tempura verarbeiten (noch nicht probiert, muss ich gestehen). Und aus den Ranken kann man wohl sogar Papier und Textilien herstellen. Für den werktätigen Gartenbesitzer ist das natürlich alles nichts. Man schaut nur gelegentlich mit mildem Horror darauf, wie das Biest unaufhaltsam auf das Haus zukriecht. Und das Kuzu-Problem – eigentlich ist die Pflanze nur im Ostpazifik heimisch – verursacht auch in anderen Erdteilen einigen Schaden und zählt deshalb zu den 100 of the World’s Worst Invasive Alien Species (siehe hier). Das folgende Bild veranschaulicht die Gefahr recht gut – aufgenommen in den USA, in die die Pflanze einst als potentielles Futtermittel eingeführt wurde:

Wo ist mein Haus!? Kudzu in den USA. Quelle: New York Invasive Species Information (www.nyis.info)

Wo ist mein Haus!? Kudzu in den USA. Quelle: New York Invasive Species Information (www.nyis.info)

Ob ich Freund Kuzu nun ausrotten soll oder nicht, weiss ich noch nicht so genau. Das Zurückschneiden der Pflanze hinter unserem Haus ist mindestens zwei Mal pro Jahr fällig und füllt jedes Mal rund 20 50-Liter-Mülltüten. Eine „Medizin“ ist schon bestellt – es ist wohl das einzige wirklich wirksame Mittel und eine Art Spritze, bei der man erst ein Loch in die Wurzel bohrt und dann die „Medizin“ reinsteckt. Das macht aber während der Regenzeit keinen Sinn.

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Japan wächst und wächst und wächst…

Juni 22nd, 2017 | Tagged , , | 1 Kommentar | 639 mal gelesen

Vorgestern gab das 国土地理院 – die Geospatial Information Authority of Japan bekannt, dass man zum ersten Mal seit rund 45 Jahren an einer Überarbeitung der topographischen Karte Japans arbeitet¹ – der Grund dafür ist eine zwar noch anhaltende, aber bereits jetzt schon bemerkenswerte Änderung: Die Insel 西之島 Nishinoshima (wörtlich: Insel des Westens) rund 1’000 Kilometer südlich von Tokyo (die Insel gehört allerdings wohlgemerkt zu Tokyo!) ist in den vergangenen vier Jahren um fast das zehnfache gewachsen. Bis vor vier Jahren handelte es sich um ein gerade Mal 0,3 Quadratkilometer großes Inselchen und einem 25 Meter hohen Hügel. Am Jahresende 2016 maß man bereits 2,7 Quadratkilometer, mit einem knapp 150 Meter hohen Berg in der Mitte.

Alte Karte und neue Karte von Nishinoshima (1:25000). Quelle: GSI

Alte Karte und neue Karte von Nishinoshima (1:25000). Quelle: GSI

Bei Nishinoshima handelte es sich um eine Caldera, die gerade so aus dem Meer schaute, aber aus selbiger strömen seit 2013 fast ununterbrochen gewaltige Lavamengen, und ein Ende ist Geologen zufolge noch nicht in Sicht. Anschauen kann man sich das Spektakel leider nicht so ohne weiteres – die nächstgelegene, bewohnte Insel Chichinoshima liegt gut 130 Kilometer entfernt, und die Gewässer um den Vulkan sind aufgrund der Gefahr, die von dem Vulkan ausgeht, gesperrt. Immerhin wird der unverhoffte Zuwachs zum Gebiet der Präfektur Tokyo dazu beitragen, die durchschnittliche Bevölkerungsdichte von Tokyo zu drücken…

Jüngere Luftbildaufnahme von Nishinoshima – By Unmanned Aerial Vehicle (UAV) – Geospatial Information Authority of Japan website (http://www.gsi.go.jp/gyoumu/gyoumu41000.html), CC 表示 4.0, Link

¹ Siehe hier

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Erdbebensicher? Schau auf den Bushaltestellennamen!

November 17th, 2015 | Tagged , | 2 Kommentare | 672 mal gelesen

Da hat mir doch jetzt tatsächlich eine Geowissenschaftlerin, Mariko Kawai von der Nagoya University, die Idee geklaut, eine Korrelation zwischen Ortsnamen und dem Gefährdungsgrad durch Erdbeben (und Überschwemmungen) herzustellen¹. Eine Idee, die eigentlich auf der Hand liegt.

In nahezu allen Ländern und Sprachen dieser Erde gibt es unzählige Ortsnamen, die quasi nicht mehr tun, als die topgraphische Lage zu beschreiben: Kapstadt, Nürnberg, Hongkong, Freital und so weiter. Burg und Berg? Oben. -au, -wiesen, -tal? Unten. Die Liste ist lang. Und das ist auch in Japan nicht anders. Es ist sogar einfacher in Japan, da Schriftzeichen bzw. sogar Teile von Schriftzeichen oft schon Auskunft geben über die Lage. Während dieses Hintergrundwissen in Deutschland keine allzu grosse Rolle spielt (wobei es natürlich nützlich ist, zu wissen, ob man in einer ehemaligen Flussaue lebt oder nicht), ist dieses Wissen in Japan jedoch überlebenswichtig. Beziehungsweise sehr hilfreich, wenn man überlegt, sich ein Haus zu kaufen, denn das sollte ja nach Möglichkeit auf stabilem Untergrund stehen und nicht beim nächsten Taifun fortgespült werden.

Die Idee, dazu Ortsnamen zu benutzen, ist gut und schön. So merkt man schon am Stadtnamen Urayasu, dass hier viel Wasser mit im Spiel ist (ura = kleine Bucht). Um jedoch im kleineren Maßstab arbeiten zu können, hat der Wissenschaftler nun Bushaltestellennamen benutzt, und das ist natürlich genial. Die Haltestellen liegen in der Stadt keine 300 Meter weit auseinander und erlauben so ein viel exakteres Bild. So zum Beispiel bei einer Buslinie, die ich gelegentlich benutze: Sie startet in 溝の口 Mizonokuchi (= Mündung des Wassergrabens), geht erst mal durch flaches Land, über die Haltestelle „平 Taira“ (Ebene), gefolgt von der Haltestelle „初山 Hatsuyama“ (=erster Berg), dann bis 潮見台浄水場 Shiomidai Jōsuijō (Meeresblickplateau-Wasseraufbereitungsanlage) bis 鷲ヶ峰 Washigamine (Adlerpass). Auf der Strecke werden zwar nur rund 100 Höhenmeter bewältigt, aber die Haltestellennamen dramatisieren die Morphologie auf eindrucksvolle Weise. Und wo kauft man also nun ein Haus? In Mizonokuchi? Oder Taira? Oder doch lieber am Plateau? Natürlich kauft der Großteil lieber in Mizonokuchi, denn erstmal ist das bequemer, und zweitens näher dran an Tokyo. Dass die Gefährdung durch Erdbeben und Fluten hier wesentlich höher ist, sollte jedoch klar sein.

Natürlich ist das Raster mit den Bushaltestellennamen zu grob. Ein -tal (-ya wie im Shibuya, oder -tani) bedeutet ja nicht, dass das ganze Gebiet gefährdet ist – schliesslich ändert sich die Lage am Talhang umgehend. Man muss sich also die Gegend schon selbst ansehen – mit einem Mindestmass an Logik (Wasser fliesst immer abwärts, die Schwerkraft siegt immer usw.) – um zu ahnen (!), wie gefährdet ein Gebiet ist. Oftmals ist die Lage aufgrund der dichten Bebauung jedoch nicht so offensichtlich – da fallen 5 Meter Höhenunterschied nicht auf und äussern sich nur im Ortsnamen, der meistens entstand, bevor alles zugestellt wurde.

Die Karte der Bushaltestellennamen, unterteilt in „sichere“ und „unsichere“ Ortsnamen, weist dabei in der Tat eine Korrelation auf mit zum Beispiel der Schwere der Erdbebenschäden nach dem grossen Kanto-Erdbeben 1923. Östlich, vor allem aber nordöstlich der Ginza, tauchen vermehrt Ortsnamen mit Schriftzeichen auf, in denen das Radikal Wasser enthalten ist. Und in der Tat: Diese Gegend ist besonders gefährdet, durch Überschwemmungen und durch Erdbeben. Das ist letztendlich auch der Grund, warum ich mir dort kein Haus kaufen würde. Im Westen von Tokyo, Kawasaki und Yokohama sieht es dann ganz anders aus: Da gibt es ganz viele „Berge“, Hänge“, „Gipfel“ und „Plateaus“.
Für Interessierte hier eine kurze, unvollständige Liste von „guten“ und „schlechten“ Schriftzeichen in Ortsnamen:
Eher stabil:

山 (yama, san) 尾 (-o), 岳 (-dake), 峰, (mine), 嶽 (gaku), 嶺 (mine)
岡 丘 (beides: oka) 台 (dai) 坂上 (sakagami) 坂 阪 (beides: saka) 岩 (iwa) 盤 (ban) 曽根 (sone) 森 (mori) 林 (hayashi, rin) 高 (taka, kō) 上 (ue, kami)

Eher instabil:

崎 (saki) 岬 (misaki) 浜 (hama) 洲 (su) 潟 (gata) 島 (shima) 岸 (kishi, gan) 潮 (shio) 入 (iri) 湾 (wan) 谷 (tani, -ya) 窪 (kubo) 袋 (fukuro) 坂下 (sakashita)

Wie man sieht, eigentlich ganz logisch: Ortsnamen, die eher instabilen Untergrund / eine instabile Lage versprechen, enthalten oft das Radikal „Wasser“ (氵 ); stabiler hingegen erscheinen Ortsnamen mit dem Radikal Erde ( 土 ) und Berg ( 山 ). Natürlich gibt es genügend Ausnahmen: Das Schriftzeichen 島 shima (Insel) zum Beispiel enthält das Radikal für Berg, deutet hingegen auf Wasser hin – taucht jedoch auch in Ortsnamen fernab der Küste auf.

¹Siehe hier (PDF, Japanisch).

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Museen in Japan [Gunma-Version]

September 2nd, 2015 | Tagged , , | 1 Kommentar | 2479 mal gelesen

Eisenbahnpark Usui-Pass

Eisenbahnpark Usui-Pass

Am Wochenende war ich mit 6 Verwandten (nebst 5 Kindern) in der Präfektur Gunma unterwegs. Dank ununterbrochenen Regens – dieses Jahr ist wirklich arg verregnet – haben wir es sogar in zwei Museen geschafft. Und dabei habe ich – mal wieder – festgestellt, dass viele japanische Museen wirklich hervorragend gestaltet sind. Das erste Museum nennt sich 碓氷峠鉄道文化むら – Usui-Pass Eisenbahn-Kulturpark. Ein Eisenbahnmuseum also, mit zahllosen alten Loks und Waggons, die ausnahmslos begehbar sind. Dabei hat man die alten Geräte nicht etwa neu angepinselt, sondern so belassen, wie sie waren, als sie aus dem Dienst genommen wurden. Trotzdem ist aber alles sehr sauber. Kinder können sich auf die Lokführersitze setzen, Knöpfe drücken, Hebel bewegen, Draisine fahren oder sich von einer echten Dampflokomotive eine Runde durch den Park fahren lassen. Quasi ein Museum, in dem man sich als Erwachsener ebenfalls recht wohl fühlen kann. Im Museum steht übrigens auch ein alter Waggon mit Tatami. Solche Spezialzüge fahren in manchen Gegenden immer noch herum, aber bisher habe ich es noch nicht geschafft, da mitzufahren. Kommt sicher noch. Dabei sei angemerkt, dass Tatami-Waggons weder damals noch heute typisch waren bzw. sind – es handelt sich um Spezialanfertigungen, die dann zum Beispiel für Feierlichkeiten angemietet werden können.

Mit Tatami ausgelegter, alter Waggon

Mit Tatami ausgelegter, alter Waggon

Das zweite Museum war das 群馬県立自然史博物館 Museum für Naturgeschichte der Präfektur Gunma (Webseite). In der Präfektur hatte man einst Saurierknochen entdeckt, und auch sonst hat Gunma in Sachen Natur etliches zu bieten: Der heißeste Ort Japans befindet sich hier, doch nur ein paar dutzend Kilometer entfernt gibt es subalpine Zonen. Und es gibt eine Reihe gefährlicher Vulkane wie den Asama-san, der in der Vergangenheit Asche bis Tokyo schickte – und wieder schicken wird, denn er bricht recht regelmäßig aus. Das Museum ist hervorragend eingerichtet – das beginnt schon bei der Fassade, die Saurierknochen enthaltende Sedimente nachbildet. Saurier in Lebensgrösse, die sich teilweise auch noch recht natürlich bewegen, sowie eine sehr gute Präsentation der lokalen Flora, Fauna, Geographie und Geologie sind nicht nur für Kinder sehenswert. Ich war dabei etwas überrascht ob der Grösse und Qualität des Museums: Da sind sehr, sehr viel Geld und Liebe eingeflossen.

Im Naturgeschichtlichen Museum von Gunma

Im Naturgeschichtlichen Museum von Gunma

Natürlich kann es auch sein, dass ich einfach zu lange nicht mehr in Museen unterwegs war. Ist diese Qualität mittlerweile normal?

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Über 150 Delfine stranden in Ibaraki – ein Menetekel?

April 11th, 2015 | Tagged , | 3 Kommentare | 2165 mal gelesen

Heute morgen sind in der Nähe von Kashima in der Präfektur Ibaraki 156 Breitschnabeldelfine gestrandet. Ein paar konnten von Ortsansässigen gerettet werden, aber es waren einfach zu viele der bis zu 300 Kilogramm schweren Tiere – die meisten verendeten schliesslich am Strand¹.

Nun stranden alljährlich Delfine und Wale an Stränden in den unterschiedlichsten Gegenden der Welt, auch in Japan, aber die Menge ist ungewöhnlich. Schnell tauchte in japanischen Medien jedoch die Nachricht auf, dass zum Beispiel am 4. März 2011 über 50 Delfine unweit der diesjährigen Stelle strandeten. Was eine Woche später geschah, ist ja hinlänglich bekannt.

Eine der Theorien für die Massenstrandungen besagt, dass plötzliche Änderungen im Magnetfeld der Erde dazu führen können, dass die Tiere ihren Orientierungssinn verlieren. So etwas kann auch vor, während und nach Erdbeben vorkommen. Aber ein stichfester Beweis für diesen Zusammenhang scheint zu fehlen.

Soll man sich also kirre machen lassen? Lieber nicht. Aber etwas unheimlich ist das ganze natürlich schon. Von daher kann es nicht schaden, wenn man bei der Gelegenheit mal seine Strategie für den Ernstfall überlegt. Hat man genügend Toilettenpapier? Instantnahrung? Wasser?



¹ Eine Zusammenfassung mit Twitterfotos sowie eine Zusammenfassung von Argumenten pro und contra die Erdbebentheorie findet man hier (Japanisch).

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Staatlich finanzierter Heuschnupfen

April 7th, 2015 | Tagged , | 7 Kommentare | 2152 mal gelesen

Sicheltannen - hier in Kashima (Chiba)

Sicheltannen – hier in Kashima (Chiba)

Jedes Jahr im Februar geht es los: Die Zahl der Maskierten steigt sprunghaft an. Manche können einem regelrecht Angst einjagen, wenn sie plötzlich mit kompletter Gesichtsmaske und Taucherbrille vor einem stehen. Die japanische Variante von Zorro? Oder haben die Leute panische Angst vor radioaktiven Partikeln, wie einige Reporter nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima mutmassten? Eher nicht. Der Grund lautet in den meisten Fällen 杉 Sugi, inoffiziell Japanische Zeder und offiziell Sicheltanne genannt. Der vulgäre Lateiner nennt sie Cryptomeria japonica. Und dieser Baum ist der Verursacher einer besonders heftigen Variante des Heuschnupfens. Schätzungen gehen davon aus, dass 25 bis 40 Millionen Japaner unter Sicheltannenheuschnupfen leiden. Wenn eine Krankheit hier den Namen „Volkskrankheit“ verdient hat, dann diese. Viele können zwischen Februar und April kaum noch aus ihren Augen schauen und schweben irgendwo zwischen dieser und einer anderen Welt. Wenn ich es genau bedenke, kenne ich in meinem Umkreis wahrscheinlich mehr Menschen mit dieser Pollenallergie als Menschen ohne.

Heute habe ich bei der Sendung TV Tackle von Takeshi „Beat“ Kitano erfahren (und das Fernsehen lügt ja bekanntlich nicht), dass man in Japan trotz allem Jahr für Jahr 15 Millionen neue japanische Zedern pflanzt. Ganz offiziell – 70% der Zedernforst wird zudem mit Steuergeldern bezahlt. Das sind viele Millionen Euro pro Jahr. Als man – wie oben beschrieben von weitem identifizierbare – Pollenallergieopfer mit diesen Fakten konfrontierte, waren diese verständlicherweise hellauf begeistert: Die eigene, alljährlich wiederkehrende Krankheit wird mit ihren eigenen Steuergeldern lanciert. Der Verdruss ist verständlich. Sicher, die Bäume werden grösstenteils in den Bergen gepflanzt, aber man hat festgestellt, dass die Pollen gut und gerne 300 km weit fliegen können.

Natürlich gibt es Gründe für die Baumwahl: Die Bäume wachsen sehr schnell, sind äusserst stabil und das Holz eignet sich hervorragend zum Bauen, und in Japan wird ja bekanntlich sehr, sehr viel mit Holz gebaut. Keine schnell wachsenden Bäume = erhöhte Hangrutschgefahr (die fast überall in Japan latent ist) = Eigenversorgung mit Holz als Baumaterial in Gefahr. Aber makaber ist das Ganze schon, denn die Kosten für das Gesundheitssystem sowie die Arbeitsausfälle dürften erstaunliche Dimensionen erreichen. In diesem Sinne wird sich so schnell also wohl nichts ändern.

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Kabe-don | Rosa Heuschrecken

September 5th, 2014 | Tagged , | 1 Kommentar | 6342 mal gelesen

Zum allmählichen Ende des Sommers noch ein Beitrag der eher seichteren Natur. Zum einen wäre da die neue Werbung des berühmten Cup Noodle-Herstellers 日清 Nisshin. Der Trockenfutterproduzent ist seit jeher für ausgefallene, amüsante Werbung bekannt, und auch dieses Mal hat man sich redlich Mühe gegeben. Interessanterweise mit englischen Untertiteln, die auch im Fernsehen gezeigt werden.
Lachen musste ich bei dem Begriff Kabe-don: „Kabe“ bedeutet Wand, „-don“ ist ein lautmalerisches Wort für klatschen oder plumpsen. In der Tat: Diese Pose, bei der ein Mädchen/eine Frau an der Wand steht und der potentielle Geliebte sich mit einer Hand vor ihr an der Wand abstützt, sieht man recht häufig in Manga. So gesehen liegt die Werbung nicht falsch. Man spielt mit Klischees auf unterhaltsame Weise.

Weithin sichtbar: Rosa Heuschrecke auf grünen Blättern

Weithin sichtbar: Rosa Heuschrecke auf grünen Blättern

Themenwechsel: Auf die Gefahr hin, den einen oder anderen Leser zu langweilen – schliesslich ging es schon im letzten Artikel um Insekten – muss ich hier doch noch etwas zum Thema loswerden. Vorgestern, als meine Frau mit dem Nachwuchs im Park spielte, sprang ihr eine rosa Heuschrecke vor die Füße. So etwas hatten wir auch noch nicht gesehen. Schnell ein Foto gemacht – und dann ging das recherchieren los. Angeblich werden ganz selten mal rosa Heuschrecken (keine Wüstenheuschrecken, wohlgemerkt!) in Japan gesichtet, neulich zum Beispiel in der Präfektur Gunma. Das passiert so selten, dass das sogar im Fernsehen erscheint. Dummerweise hatte man aber kein Insektenkanister dabei.
Das konnte meine Frau nicht auf sich sitzen lassen: Sie wollte unbedingt noch mal in den Park und die Heuschrecke fangen – damit unsere Tochter sie mit in die Schule nehmen kann. Ich scherzte noch: „Schlimmer, als sie nicht mehr zu entdecken, wäre, wenn da plötzlich ganz viele rosa Heuschrecken wären“. Und siehe da: Innerhalb von 15 Minuten fing sie … 4 (vier) rosa Heuschrecken.

Das wäre doch was für Verschwörungstheoretiker: Dengue Fieber in Tokyo und Rosa Heuschreckenplage! Das Ende naht! Fukushima!!! Nun gut. Es dürfte aber interessant zu sehen sein, wie schnell und wie weit sich diese seltsamen Tiere noch ausbreiten werden…

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Kreuchendes und Fleuchendes

September 2nd, 2014 | Tagged | 5 Kommentare | 4180 mal gelesen

Gottesanbeterin bei der Mahlzeit

Gottesanbeterin bei der Mahlzeit

Am vergangenen Freitag bekam meine Tochter, Zweitklässlerin, eine besondere Hausaufgabe auf. Alle Schüler sollten am Montag ein Insekt mit in die Schule bringen. Egal welches. In meinem vorherigem Wohnort wäre das mangels Natur gar nicht so einfach gewesen, aber wir sind ja jetzt in Kanagawa, und wenn wir alles so viel hätten wie Insekten…

Nun lümmelten am Sonnabend gut sichtbar drei Gottesanbeterinnen am Haus herum. Die hier meist knapp 10 Zentimeter langen Tierchen sehen jung (grün) ganz putzig und erwachsen (braun) ziemlich bösigartig aus. Töchterchen griff sich das größte Exemplar mit der Hand, lernte derweilen, dass die Tiere auch merklich zubeissen können, und brachte es im Insektensammelbehälter (in allen gut sortierten 100-Yen-Shops erhältlich) unter. Da noch zwei Tage Zeit waren, legten wir noch frisches Futter dazu (lebende Heuschrecken) und Futter für das Futter (Auberginenblätter). Die Heuschrecken (rund 3 cm lang) hatten nicht allzu lange Freude dran. Merke: Eine Gottesanbeterin schafft locker zwei Heuschrecken am Tag. Und eine kleine Motte zum Nachtisch.

Japanischer Prachtkäfer

Japanischer Prachtkäfer

In der Schule stand meine Tochter mit dem Tier scheinbar ganz allein da – der Rest brachte Nashornkäfer (sehr verbreitet und beliebt hier), Heuschrecken usw. mit. Im Schulgarten züchtet man übrigens Heuschrecken, wobei züchten natürlich schön gesagt ist: Wir züchten die nicht, und haben trotzdem haufenweise davon hier, die all unser Gemüse ratzekahl leerfressen, selbst mit den tüchtigen Gottesanbeterinnen. Der Vorschlag meiner Tochter, Kama-chan (so taufte sie das Tier, da dieses auf Japanisch kamakiri heisst), doch im schuleigenen Heuschreckengelege ein kurzes Mittagessen zu gönnen, stiess jedenfalls auf wenig Gegenliebe, so dass sie Kama-chan wieder nach Hause trug… und freiliess.

Lieber ausweichen: Mukade

Lieber ausweichen: Mukade

Was wollte ich eigentlich schreiben? Ach ja! 玉虫 Tama-mushi. Endlich habe ich einen mit eigenen Augen gesehen. Der lateinische Name lautet Chrysochroa fulgidissima und die Tiere gehören zu den Prachtkäfern. Der Name erscheint sinnvoll – die Tiere schillern wirklich in aller Pracht. So sehr, dass man im berühmten Hōryūji bei Nara im 7. Jahrhundert einen kleinen Turm komplett mit Tama-mushi-Flügeln bepflasterte und so etwas ganz besonderes schuf – den 玉虫厨子 Tamamushi-Zushi (Prachtkäfer-Altar).

Zu guter letzt lief uns im Park noch eine Mukade (Hundertfüßer) vor die Beine – ein Tier, dass ich genauso fürchte wie eine japanische Hornisse. So. Nach sporadischen Abhandlungen über Zikaden, Prostituierten-Spinnen und Rosenkäfern war es mal wieder an der Zeit, über kreuchende und fleuchende Bewohner zu schreiben.

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Von Bambus und Schlangen

Mai 4th, 2014 | Tagged , | 1 Kommentar | 14681 mal gelesen

Bambuswald: Das schwarze sind Bambuskinder, bzw. hier schon eher Halbwüchsige

Bambuswald: Das schwarze sind Bambuskinder, bzw. hier schon eher Halbwüchsige

Es ist Goldene Woche – für Werktätige das Pendant zu Ostern quasi, nur ohne Hasen und Eier. Dieses Jahr liegen die drei Feiertage mal wieder ungünstig: Wer eine Woche frei nehmen möchte, muss 3 Tage Urlaub nehmen, in günstigeren Jahren reichen zwei Brückentage, um rund 10 Tage frei nehmen zu können. Dieses Jahr machen wir nun etwas, was wir in der Goldenen Woche schon lange nicht gemacht haben: Wir bleiben zu Hause. Da wir ja erst jüngst in die Gegend gezogen sind, gibt es ohnehin viel zu entdecken. Heute ging es in einen großen Park nur zwei Kilometer entfernt von zu Hause. Und dort gibt es, trara! Natur. Das habe ich in meiner alten Gegend wirklich vermisst. Zum Park zählt auch ein langgestrecktes Stück Bambuswald, und die haben es mir seit meinem ersten Besuch im Fernen Osten angetan: Die glatten, grünen Bambusstangen werden bis zu 10 Meter hoch und bewegen sich sanft im Wind. Der Bambus steht an manchen Stellen so dicht, dass nur wenig Tageslicht zum Waldboden durchdringt. Die Faszination an Bambuswäldern geht wahrscheinlich davon aus, dass Bambus keine Äste bildet: Die Pflanzen bestehen aus einem langen Stamm, und nur ganz oben spriessen die Blätter.

Frühling ist Bambuserntezeit, und das wird in unserer Gegend offensichtlich: Jeder bietet 竹の子 Take-no-ko (wörtlich: Bambuskinder) an. Die kegelförmigen Gebilde sind bis zu 20 cm gross und die Grundfläche bis zu 10 cm breit. Geschält und gekocht, lässt sich aus dem jungen Bambus so einiges herstellen. Rund 400 Yen zahlt man für ein größeres „Bambuskind“, dabei muss man eigentlich nur in einen Bambuswald gehen – und nicht lange suchen. Leider wissen das die Einheimischen zu schätzen, und so standen natürlich tausende „Pflücken verboten“-Schilder im Wald. Da Bambus sehr schnell spriesst, gehe ich mal davon aus, dass das Pflücken nicht aus Naturschutzgründen, sondern zum Schutz der eigenen Ernte verboten ist. Ach ja: Wer einmal in die Gelegenheit kommt, im Frühjahr einen Bambuswald zu betreten: Einfach mal ein „Bambuskind“ streicheln: Es gibt nichts angenehmeres – die äußeren Blätter mit ihren feinen, braunen Härchen fassen sich wie Samt an.

Ein paar Pfade im Park (der Vollständigkeit halber: es handelt sich um den 王禅寺公園 Ōzenji-Park) waren sogar ganz abgesperrt: Dort sind wohl vermehrt マムシ Mamushi aufgetreten. „-mushi“ ist eigentlich ein Insekt, aber bei Mamushi handelt es sich um eine Schlange aus der Familie der Vipern. Die Mamushi sind giftig und bedanken sich bei aufdringlichen Störenfrieden mit im Schnitt einer Woche Intensivstation – laut Wikipedia werden wohl 2 bis 3’000 Menschen im Jahr von dieser Schlange gebissen. Nun ja, wo Natur ist, ist auch Gefahr.

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Sommerzeit – Getierzeit

Juli 25th, 2012 | Tagged | 8 Kommentare | 1483 mal gelesen

Vor einigen Jahren hatte ich schon ein Mal einen kleinen Artikel dazu geschrieben, was man so im Hausflur in Japan im Sommer / Herbst finden kann. Aus Materialmangel habe ich bisher jedoch noch keinen Artikel dazu, was man innerhalb der Wohnung so finden kann, geschrieben. Gott sei Dank, muss man sagen. Meine vorherige Wohnung (6 Jahre) war kakerlakenfrei, bis zum allerletzten Sommer in der Wohnung, denn der war extrem heiß, und so hatten wir plötzlich zwei Begegnungen der… nicht unbedingt angenehmsten Art. Das einzige, was wir ansonsten in der Wohnung hatten, waren kleine schwarzweiße Spinnen, die es bevorzugten, sich springend durch die Gegend zu bewegen.

Als wir vor zwei Jahren umzogen, war meine Frau anfangs sehr skeptisch, denn in dem Dreigeschosser gibt es eine Kneipe im Erdgeschoß, in der man Essen zubereitet. Und das bedeutet in der Regel, dass es Kakerlaken gibt. Die gibt es wohl oder übel in den meisten Restaurants und Kneipen in Japan, erst recht in Tokyo. Ich kann Lieder davon singen. Nein, als Gast sieht man die natürlich in der Regel nicht, das wäre ja noch schöner.
Nun gut, wir wohnen im Dachgeschoß, also müssten die Tierchen schon etwas Sport treiben, aber das können sie ja bekanntlich. Von ein, zwei Exemplaren im Hausflur haben wir bisher auch keine gesehen. Doch in der letzten Woche saß da doch tatsächlich ein dickes, fettes, Kerlchen, schön tiefbraun, an der Wand über unserem Kühlschrank. Mein lieber Herr Gesangverein, so groß, wie die war, hätte die doch gar nicht in unsere Wohnung gekonnt, ohne vorher zu klingeln! Wo kam die bloß her? Nun, es gibt da einen Verdacht: Am Tag davor kam eine Freundin zu uns, mit einer großen Tasche voller Mitbringsel aus Okinawa. Möglicherweise waren da mehr Mitbringsel drin, als sie dachte. Wir wissen es nicht, aber es ist ja auch egal. Aber von der Größe her hätte es schon stimmen können, denn die Kakerlaken sind meistens (nicht immer) etwas kleiner in Tokyo.

Mit der Zeitung erschlagen wollte ich sie nicht. Einerseits, weil der Kühlschrank fast so groß ist wie ich selbst und man schlecht rankommt. Ausserdem hatte ich mal vor vielen Jahren ein ähnlich großes Exemplar erschlagen, und das war nicht schön. Eigentlich war es auch kein Erschlagen, denn die Viecher sind zäh. Es war vielmehr ein regelrechtes Verprügeln, bis sie in den Wassertank der Toilette fiel. Und nach Wochen zufällig rausgespült wurde. Nein, schön war das nicht. Also nahm ich einen grossen Kartondeckel. Das schien der Sportsfreund aber aus einigen Metern Entfernung gemerkt zu haben, denn er verkrümelte sich umgehend hinter dem Kühlschrank.

Aber! Man ist ja erfindungsreich in Japan. Eine der größten Erfindungen seit Karaoke und Sushi ist „gokiburi hoihoi“. Das ist ein putziges kleines Papierhaus mit klebrigem Fußboden. In die Mitte klebt man ein poröses Päckchen mit einem Granulat drin, dass Kakerlaken offensichtlich recht anziehend finden. Es riecht nach alten Zwiebeln, Shrimps und was weiss ich noch alles. Schnell also das Häuschen unter den Kühlschrank geschoben – und siehe da, das Tierchen ging uns zwei Tage später regelrecht auf den Leim (so gesehen ist die Idee an sich freilich schon etwas älter und wahrscheinlich nicht Japanisch – schliesslich fing man früher mit Leim auf Ästen Vögel). Genial, zumal kein Gift im Spiel ist (ich kenne meine Kinder…).  Wie das ganze dann aussieht, kann man hier bewundern (nebst Mignon-Batterie zum Vergleich).

Gegen die Okinawa-Theorie spricht allerdings, dass ich eine gute Woche vorher etwas ganz anderes fand. An erster Stelle fand ich meine Frau, die im Badevorzimmer kurz aufkreischte. Es war kein Freudenschrei, sondern hatte mit einem anderen, ungebetenen Gast zu tun: Einem ゲジ Geji (Spinnenläufer). Zuerst hielt ich das flinke Biest unwissenderweise für einen ムカデ Mukade (Hundertfüßer), aber dem war zum Glück nicht so. Mukaden sind furchtbar schnell, ziemlich aggressiv und äußerst giftig: Ein Biss kann bei kleinen Kindern und kranken und/oder älteren Menschen ernsthafte Probleme verursachen. Ansonsten ist ein Biss wohl sehr, sehr schmerzhaft. Gott sei Dank weiß ich das allerdings nicht aus eigener Erfahrung zu berichten. Noch nicht. Geji , also Spinnenläufer, sind zwar auch giftig, aber nicht so stark. Zudem sind sie weniger aggressiv. Auch jene verirrte Geji liess sich recht schnell einfangen – und aus dem Fenster werfen. Warum eine Geji gegen die Okinawa-Theorie spricht? Weil Geji und Mukade eins gemeinsam haben: Sie haben Kakerlaken zum Fressen gern.

Nun ist jedoch Ruhe. Keine Spuren von Kakerlaken mehr und auch keine Geji, aber irgend jemand wird schon wieder mal was vom Park oder Spielplatz mit nach Hause bringen. In der Zwischenzeit müssen wir uns halt mit schnöden Mücken, auf Japanisch kurz und knapp 蚊 ka, begnügen. Mein 1½-jähriger Sohn hat sich da bereits zu einem ganz vorzüglichen Kammerjägerassistenten entwickelt. Wenn er eine Mücke an der Decke oder an der Wand sieht, zerrt er umgehend den nächststehenden Erziehungsberechtigten heran und verlangt Action. Nach vollbrachter Tat rennt er umgehend zum Erziehungsberechtigten Nummer 2 und erklärt minutenlang mit Händen und interessanten Lauten, was gerade mit der Mücke geschah. Weiter so.

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