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Wie gelangt man an eine japanische Oberschule — ein Einstieg in höhere Mathematik

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Noch drei Wochen, und dann ist es soweit: Die Eintrittsprüfungen für japanische Oberschulen beginnen. Und die sind für japanische Kinder extrem wichtig, bestimmen sie doch, wie es später einmal weitergeht. Denn japanische Oberschulen unterliegen einem klaren Ranking, und das wird durch den sogenannten Hensachi-Wert bestimmt.

Was ist der Hensachi (偏差値)-Wert?
Im Prinzip geht es hier um die Standardabweichung, Stichwort Gauß’sche Glockenkurve. 50 ist der Normalwert – die Spitze der Glockenkurve also, beziehungsweise der absolute Mittelwert. Die am höchsten gewertete Oberschule in Japan (灘 Nada) hat einen Hensachi-Wert von 76. Am untersten Ende stehen Oberschulen mit einem Hensachi-Wert von 32. Das ist dann fast schon Baumschulenniveau.

Was bedeutet Oberschule in Japan?
Japan hat ein 6-3-3-Schulsystem, also 6 Jahre Grundschule, 3 Jahre Mittelschule und 3 Jahre Oberschule (=Hochschulreife). Nur die ersten beiden sind Pflicht. Allerdings besuchen mehr als 97% der Schüler die Oberschule, womit die Oberschule quasi gesellschaftlich gesehen eigentlich schon fast Pflicht ist. 中卒 chūsotsu – „Mittelschulabgänger“ sind also sehr selten und werden entsprechend extra hervorgehoben.

Was steht zur Wahl?
Prinzipiell kann man zwischen 私立 (shiritsu) – privat – und 公立 kōritsu (öffentlich) wählen. Privatschulen kosten logischerweise wesentlich mehr – Jahresgebühren rund um die 8,000 Euro sind da durchaus üblich. Bei den öffentlichen Schulen hat man die Wahl (zumindest in größeren Städten) zwischen:

  1. 国立 kokuritsu (Staatlich betriebene Schule)
  2. 県立 kenritsu (von der Präfektur betriebene Schule)
  3. 市立 shiritsu, zur Unterscheidung auch gern „ichiritsu“ gelesen (von der Stadt betriebene Schulen)

Warum sollte jemand eine private Schule wählen?
Dafür gibt es verschiedene Gründe, zum Beispiel:

  1. Die Schule ist an eine (ebenfalls private) Universität gebunden – man kann so leichter an diese Uni gelangen
  2. Die meisten Privatschulen erfordern nur gute Tests in 3 Fächern – öffentliche hingegen in 5 Fächern.
  3. Viele Privatschulen nehmen Schüler auch ohne Prüfungen auf – ihnen reicht, salopp gesagt, ein guter Notendurchschnitt. Diese Option nennt man „suberidome“ (Klampe, oder besser: Notausstieg)

Was ist eine „Klampe“?
Eine wichtige Option für angehende Oberschüler sind die 滑り止め suberidome. „suberu“ bedeutet „rutschen“, und „dome“ bedeutet „aufhalten, verhindern“. Manche Schulen nehmen auch Schüler auf, wenn der 内申点 naishinten stimmt. Grob gesagt ist das der Notendurchschnitt des zweiten und dritten Mittelschuljahres, und zwar für alle 9 Fächer. Dabei geht es nicht nur um Testergebnisse, sondern auch um Mitarbeit, ob alle Hausarbeiten eingereicht wurden, ob man oft und warum fehlte und dergleichen. Sind die Schüler also in den letzten beiden Schuljahren der Mittelschule gut bei der Sache, haben sie so den Aufstieg in eine Oberschule so gut wie sicher – selbst wenn sie alle Aufnahmeprüfungen vermasseln.

Was muss man tun, um an eine Oberschule zu kommen?
Hier hat man die Qual der Wahl, denn je besser die Oberschule (siehe Hensachi oben), desto schwieriger sind die Aufnahmeprüfungen. Ausserdem braucht man die Empfehlung der eigenen Schule, um überhaupt erst zur Prüfung zugelassen zu werden. Man kann also nicht einfach so sagen „ich möchte an die Schule mit dem Hensachi-Wert 65, da sie bei mir um die Ecke liegt“. Man muss bei den Lehrern den Eindruck hinterlassen, dass man überhaupt eine Chance hat, die dortigen Prüfungen zu bestehen.

Um nun an eine Oberschule zu gelangen, hier ein Beispiel für die Errechnung der erforderlichen Werte bei öffentlichen Schulen in der Präfektur Kanagawa (die Regeln sind je nach Präfektur durchaus unterschiedlich):

Wert a: Der Notendurchschnitt, mit doppelter Wichtung des letzten Schuljahres (siehe „Naishinten“ oben)
Wert b: „学力検査“ – die Leistungsbewertung, sprich Aufnahmeprüfung, in 5 Fächern
Wert c: Das „Bewerbungsgespräch“ – die Schüler müssen nämlich zu einem Bewerbungsgespräch in der Schule antreten
Wert d: „特色検査“ eine besondere Prüfung, die fachübergreifende Problemlösungen und Kreativität erfordert. Nur ein paar Schulen fragen danach.

Daraus wird dann der Wert S1 ermittelt, und zwar mit der Formel

S1=(a)*f + (b)*g + (c)*h + ((d)*i)

f, g, h und i sind Koeffizienten, die die jeweiligen Schulen festlegen. Damit bestimmen die Schulen also die Wichtigkeit der jeweiligen Werte. f,g und h sind dabei 2 oder größer, i hingegen muss unter 5 sein. Und: Die Schulen bestimmen dann, wie groß S1 sein muss, damit die Schüler aufgenommen werden können. Je größer der Hensachi-Wert, desto mehr wird gefordert.

Klingt kompliziert — ist allerdings nur die Spitze des Eisberges, denn es gibt viele Sonderregelungen.

Bei wie vielen Schulen kann man sich bewerben?
Prinzipiell kann man sich nur bei einer öffentlichen Schule bewerben. Es gibt aber auch die Option, sich zusätzlich bei einer staatlichen Schule zu bewerben — diese haben jedoch ein sehr hohes Niveau und sind deshalb für die meisten unerreichbar. Parallel dazu kann man sich an beliebig vielen privaten Schulen bewerben – mit dem Problem, dass die Prüfungen alle im gleichen Zeitraum, innerhalb einer Woche, stattfinden. Realistisch sind deshalb nur 2, maximal 3 Schulen.

Mit anderen Worten: Man muss sich, vor allem bei den öffentlichen Schulen, genau überlegen, ob man dort reelle Chance hat, die Prüfungen zu bestehen, denn man hat nur den einen Versuch.

Was, wenn man durchfällt?
Wer die Prüfungen für die öffentlichen Schulen vermasselt, kann nur noch an die Privatschule gehen, aber selbst dort kann man die Prüfungen vermasseln – aus dem Grund ist es wichtig, einen Notausgang (siehe oben) zu haben. Für viele Eltern sind die Oberschulprüfungen deshalb ein Zittermoment, entscheiden sie doch, ob man in den kommenden drei Jahren 1 bis 2,000 Euro pro Jahr bezahlt oder bis zu 10,000 Euro.

Aus den oben genannten Gründen ist es nicht weiter verwunderlich, dass die außerschulischen Paukhöllen, „Juku“ genannt, eine so wichtige Rolle spielen: Dort bereiten sich die Kinder bereits zwei, drei Jahre vor den Oberschulprüfungen auf die selbigen vor – dabei kosten diese bereits schon ähnlich viel wie die privaten Oberschulen. Mehr zum Thema „juku“ gibt es hier zu lesen.

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

18 Kommentare

  1. Heiliger bimbam, ich wusste ja, dass es stressig ist – aber so? Also verbringen die Kinder nur Zeit mit lernen, um auf eine Oberschule zu kommen? Gibt es auch Freizeit? Klingt irgendwie nach Burn-Out-Probleme. Ich hab mal gelesen, dass die Uni hingegen sehr locker ist dort viele Freiheiten genießen, bevor die Arbeit losgeht.
    Ich hoffe deine Tochter kommt auf ihre Wunschoberschule. Ich finde das Thema wirklich sehr spannend!
    Viele Grüße
    Nina

    • Vielen Dank! Es gibt Kinder, die quasi dafür gemacht sind und Spass daran haben (stressig ist es allerdings wirklich), und es gibt Kinder, für die das nichts ist. Meine Tochter ist voll dabei, aber für meinen (vier Jahre jüngeren) Sohn ist das wahrscheinlich nichts, und ich werde ihn sicherlich auch nicht dazu zwingen.

      • Wird dein Sohn dann vermutlich auf das 滑り止め setzen, und sich daher eher „generell“ gut benehmen um extra Punkte zu bekommen ?

  2. Das hört sich kompliziert und nach viel Stress an, für Kinder und Eltern. Ausgerechnet in einer Lebensphase wo die Kinder sich ans Erwachsenwerden gewöhnen müssen.
    Ich wünsche alles Gute und Glück für die Prüfungen und ein Wunschergebniss.

    • Vielen Dank, und ja, es ist sehr kompliziert… beneiden tue ich die japanische Kinder darum nicht, denn der Druck kann recht gross sein (vor allem von den Eltern – da halten wir uns allerdings zurück, Hauptsache, die Kinder werden später auf die eigene Art und Weise glücklich)

      • Ich kann es den Eltern nich übel nehmen wenn sie in dem Punkt sehr hart/streng sind. Immerhin hängt davon die Zukunft ihrer Kinder ab und ich kann mir nicht vorstellen das es in Japan solche Sozialenhilfen gibt wie Europa.

  3. Interessant wirklich. Und ich weiß nicht, was besser ist. Das japanische System sorgt dafür, dass intelligente Leute klar bevorzugt gesellschaftlich relevante Positionen besetzen. Ich behaupte der Dummschwätzeranteil in DE ist deutlich höher.
    Auf der anderen Seite führt die Durchlässigkeit in De auch zu viel mehr Chancen für alle.

    Ich hätte diesen juku Kram alles nicht auf die Reihe bekommen, da mich immer nur ein kleiner Teil interessiert hat. In Japan hätte ich es wohl nie auf eine Uni geschafft, und müsste mich wahrscheinlich mein Leben lang ohne Festanstellung mit baito durchschlagen….

  4. Ja so war es bei uns auch … und wenn die Kinder dann in der Oberschule sind, haben sie höchstens ein Jahr Ruhe, bis es wieder mit der Vorbereitung für die Unis losgeht – je höher der Level der Oberschule, desto mehr wird auch hier verlangt.
    Meine ältere Tochter hat das nicht ausgehalten – im dritten Jahr hatte sie einfach nicht mehr die Kraft, um zur Schule gehen. Sie hat auf eine Oberschule mit Fernunterricht (通信制)gewechselt, damit sie erstmal den Abschluss bekommt (das war ganz einfach, weil sie in den ersten zwei Jahren an der regulären Oberschule schon so viele Einheiten gesammelt hatte), und hat es ein Jahr später in eine Uni geschafft. So geht es auch!

    • Es gibt ja zum Glück wirklich diverse Nebenwege… gut, das alles gut gegangen ist! Mal sehen, wie sich das hier entwickelt… eigentlich will ich die gleiche Juku-Hölle nicht noch mal durchmachen…

  5. Hallo,
    wenn das ganze wenigsten intelligenz fördern würde, aber es scheint ja nur ums Pauken zu gehen, Einstein währe vermutlich durchgefallen. Das die Schüler denen es nicht so liegt da gestresst werden, und den Stress an anderen auslassen nimmt da nicht wunder ( was natürlich keine Entschuldigung für Mobbing sein soll ).
    Ich kann auch die Eltern verstehen, abgesehen von der Zukunft der Kinder, das Geld für ne private Schule will ja erstmal verdient sein. Horrorvorstellung ist wohl eine Grippe in genau der Prüfungswoche zu kriegen
    Auf jeden Fall wünsche ich deiner ältesten alles Gute für die Prüfungen.

    • Der letzte Punkt ist in der Tat besorgniserregend – zumal sich ja hier nun Corona stark verbreitet. Sollte meine Tochter nach dem 1. Februar positiv auf Corona getestet werden — oder ein Familienmitglied — wird es brenzlig. Da kann man wirklich nur hoffen, das nichts passiert.

  6. Hallo,
    Dann drück ich mal die Daumen. Aber ich meine mal gelesen ( oder gesehen) zu haben das auch wenn man die Prüfung vergeigt hat, oder eben krank war, ein Ronin Jahr eilegen kann, wie bei der Uni.

    • Danke der Nachfrage! Nee, war leider nicht so erfolgreich. Bei zwei der vier Schulen ist sie knapp durchgefallen. Jetzt heißt es also Privatschule. Die ist zwar vom Ranking her auch sehr gut – nur eben 10 Mal teuer :(

  7. Hallo,
    das ist natürlich blöd gelaufen, abgesehen von den Kosten wird da auch einiges an Trost erforderlich gewesen sein, sie hat ja ganz schön hart gelernt. Denn drück ich mal die Daumen das es in der neuen Schule gut läuft.

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