BlogSpass bei der Wohnungssuche

Spass bei der Wohnungssuche

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Wir suchen momentan eigentlich nicht sehr aktiv nach einer Wohnung. Passiv aber schon. Ganz eigentlich spielen wir eher mit dem Gedanken, uns eine Wohnung oder ein Haus zu kaufen, aber die Entscheidung will gut überlegt sein, und es ist auch keine so unwesentliche Investition: Will man in der hiesigen Gegend etwas brauchbares, muss man schliesslich mindestens 300’000 Euro auf den Tisch legen – bzw. dementsprechend einen Kredit aufnehmen und anstelle der Miete eben die Raten zurückzahlen. Das ist so Usus in Japan.
Das Angebot, welches gestern in unserem Briefkasten lag, sah jedoch ganz verlockend und nach einer passablen Zwischenlösung aus: Eine 2 LDK-Wohnung (sprich „Living+Dining+Kitchen plus zwei Zimmer“), 57 m² gross, für in meiner Stadt unschlagbare 95’000 Yen (also 750 Euro ungefähr). Heute morgen las ich den Zettel, und auf dem stand: Besichtigung möglich am 6. und 7. Juni. Fussweg von der jetzigen Wohnung: knappe 10 Minuten. Kleines Problem bei der jetzigen Wohnung: Sie liegt überdurchschnittlich gut. Vor dem Haus – zwei kleine Einbahnstrassen, dazwischen ein kleiner, baumgesäumter Pfad und ein kleiner Bach. Hinter dem Haus, quasi vor unserem Balkon: Nachbars Garten, und der ist gross und gut gepflegt. Nachbar ist reich. Sein verzogener Sohn ist zwar ziemlich laut nachts, aber gottseidank ist er vor drei Jahren ausgezogen. Grössere Probleme bei der jetzigen Wohnung: 47 m² zu dritt sind nicht, nun ja, extrem gross, obwohl irgendwie auch ausreichend. Und: Die Nachbarn zur Rechten gedenken ca. ein Mal alle 6 Monate, sich halbtot zu schlagen. Die Geräuschkulisse dabei möchte ich jetzt nicht weiter erörtern. Aber es ist nichts, was man seine Kinder hören lassen will (zumal jenige selbst auch ein Kind haben).
Wohnungsbesichtigung also. Das Haus steht keine 100 m hinterm Deich und die Gegend ist sehr, sehr ruhig. Gut. Grün rundherum? Nein. Das Haus von aussen? Ach Du lieber Gott! Irgendwie… nicht heruntergekommen, aber kurz davor. Der Viergeschosser sieht nicht allzu vertrauenserweckend aus. Aber man soll ja ein Buch nicht nach dem Einband beurteilen (oder!?). Rein in die Wohnung und: Überraschung. Alles neu, alles glänzt. Badewanne, die die Wassertemperatur halten kann (wichtig in Japan). Beheizte Klobrille mit Gesässdusche. Richtig guter Gasherd. Ein grosses Wohnzimmer, ein langer Balkon, zwei begehbare Wandschränke und eben noch zwei weitere Zimmer. Und diese Ruhe – man hört doch tatsächlich rein gar nichts. Alle Achtung. Unser Kind, welches sich sonst vehement weigert, auf Toilette zu gehen, möchte prompt die Toilette (und die der ebenfalls leerstehenden Nachbarwohnung) ausprobieren. Währed Kind danach mindestens dreissig Mal sagt „Hier möchte ich wohnen! Aber wo sind meine Spielsachen?“, löchern wir den Immobilienfritzen mit Fragen: Kann man dort auch eine Klimaanlage anbringen? Wie sieht es mit Breitband-Internet aus – gibt es schon einen Provider? Gelockt wird bei dem Objekt auch damit, dass man nur eine Monatsmiete Kaution zahlen muss und, so man sich im Juni entscheidet, kein 礼金 reikin zahlen muss.
„Reikin“. Jeder Versuch, dieses Wort zu übersetzen, wird nur Absurdes hervorbringen: rei = Dank, kin = Geld. Das Geld, das man an den Besitzer zahlt aus Dank dafür, dort wohnen zu dürfen. Klingt absurd? Ist es auch. Trotz allem ist man (bestimmt nicht nur in Japan) gut daran beraten, den Immobilienmakler direkt mit der folgenden Frage zu konfrontieren: „Sagen wir mal, wir ziehen hier ein. Was würde das insgesamt kosten?“. Die Antwort kam recht flink: Naja, um die 360’000 Yen (also 3’000 Euro). Wie sich das zusammensetzt? Eine Monatsmiete im Voraus + eine Monatsmiete Kaution + eine Miete Maklerprovision + 50’000 Yen Zwangsversicherung usw. Das letztere kam mir etwas seltsam vor.
Direkt neben dem Haus steht ein exakt baugleiches Haus, Abstand: 1 m. Während wir uns mit dem Makler unterhielten (gegen 2 Uhr nachmittags) gingen zwei völlig versiffte Gestalten mit Bierdosen vor uns vorbei in ihre Kemenaten. Ein paar Minuten später dann ein weiterer, sehr finsterer Geselle, der uns (genauer gesagt mich) mit geringschätzendem Blick von unten bis oben musterte. Aha.
Letztere Begegnungen haben uns schliesslich dann doch dazu bewogen, die Sache ruhig angehen zu lassen: Es gibt noch mehr freie Wohnungen in der Gegend. Wäre ich allein, wäre mir das alles ziemlich egal gewesen, aber mit Kind schaut man dann doch lieber zwei Mal hin.

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

7 Kommentare

  1. Ich wuensch euch noch viel Erfolg, „wir“ haben den Spaß gerade hinter uns.

    Verdammt jetzt muss ich mir einen neuen Titel für den Blogeintrag ausdenken… sonst denken alle ich kopiere dich ;)

  2. Also euer Wohnungssucheprofil muss ich unbedingt meiner Frau zeigen. 57 qm ist ja unschlagbar. Wir sind auch auf der Suche. Aber 120 qm sollten es schon sein (nicht wegen mir). Und die weiteren Extras machen das Finden einer entsprechenden Behausung auch nicht leichter.

    Ich wünsch euch auf jeden Fall viel Glück. Mal sehen wer schneller ist ;)

  3. @Lori
    Weiss nur, dass ich sie bei der jetzigen Wohnung nicht bezahlen musste. Kann mich aber nicht mehr genau an die vorherigen Behausungen erinnern.

    @Terry
    Seufz. 120 qm – natürlich gibt es hier auch so grosse Wohnungen, aber in meiner Gegend beginnen die bei ca. 1’600 Euro, und das ist mir doch ein bisschen zu viel. Würde zwar gehen, aber irgendwas sträubt sich in mir…

  4. @Sarganto
    Fast… eher das die Runway des Itami Flughafen gefühlt quer durch die Bude geht.
    No Kidding!

    Zweiter Nachteil, die Bude war 7 Jahre lang Vorführmodell für die Wohnanlage.

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