BlogNordkyūshū-Tour 2022: Teil 2

Nordkyūshū-Tour 2022: Teil 2

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Dies ist der zweite Teil eines kurzen Reiseberichts einer kurzen Tour durch den Norden der Insel Kyushu. Der erste Teil befindet sich hier.

Tag 4: Arikawa – Kap Kōzakibana – Hirado – Okawachiyama – Arita

Heute geht es gar schon um 6 Uhr aus den Federn – beziehungsweise aus dem Futon. Bin ich hier auf Reise oder auf der Flucht? Zumal: Eines der Biere vom Vorabend, oder war es gar der Whiskey?, muss schlecht gewesen sein – ich spüre den Ansatz eines Katers, und ich gratuliere mir entsprechend für die Entscheidung, das Auto bereits am Vortag abgegeben zu haben.

Schnurstracks geht es zur Fähre, die nur zwei Minuten zu Fuss vom Hotel entfernt ablegt. Immerhin habe ich die ganze Sitzreihe für mich selbst. Gut anderthalb Stunden kommen wir wieder in Sasebo an. Schnell 1,200 Yen Parkgebühren bezahlt, und sofort geht es los. Und zwar gen Norden, zum nahegelegen Kap Kōzakibana. Der westlichste Punkt der vier japanischen Hauptinseln (und ich kann mich noch erinnern, dass wir die in der Oberschule tatsächlich auswendig lernen mussten – und damals fragte ich mich noch, warum nur). Und so viel steht fest: Der westlichste Punkt ist gleichzeitig der unspektakulärste – am nördlichsten (Kap Soya), östlichsten (Kap Nosappu) und südlichsten Punkt (Kap Sata) ist wesentlich mehr los. Immerhin habe ich aber somit das Quartett vervollständigt.

Nördlichster Punkt: Sōya (Hokkaido)
Nördlichster Punkt: Sōya (Hokkaido)
Östlichster Punkt: Nosappu (Hokkaido)
Östlichster Punkt: Nosappu (Hokkaido)
Südlichster Punkt: Sata (Kyushu)
Südlichster Punkt: Sata (Kyushu)
Westlichster Punkt: Kōzakibana (Kyushu)
Westlichster Punkt: Kōzakibana (Kyushu)

Ich bin tatsächlich der einzige vor Ort – und allzu viel gibt es nicht zu sehen. Aber es ist mit 30 Grad schon kräftig warm geworden, und die Regenzeit ist bereits komplett vergessen.

Weiter geht es gen Norden – nach Hirado, vor mehr als 400 Jahren ein wichtiger Ort des Handels mit Europa. Damals erschien der Ort unter dem Namen „Firando“ auf diversen Landkarten. Die kleine Stadt liegt zum Teil auf der Insel Kyushu, aber der Stadtkern liegt auf der vorgelagerten, gleichnamigen Insel, die mit Kyushu durch eine große, knallrote Brücke verbunden ist.

Brücke nach Hirado
Brücke nach Hirado
Habt acht! Der Burgherr ist da!
Habt acht! Der Burgherr ist da!

Im erst kürzlich restaurierten Burgnachbau hat man alle Register gezogen: Vollautomatische Eintrittsschranke, interaktive Lernspielchen – und eine Anlage, mit der man ein Foto von sich auf der Burg machen lassen kann. Dazu scant man einen QR-Code. Damit aktiviert man eine Kamera auf einem kleinen Wachturm unterhalb der Burg. Danach kann man sich kostenlos das Foto herunterladen. Eine nette Idee – und ein schöner Kontrast zwischen der historisch bedeutsamen Stadt Hirado und IoT.

Nach einer Schüssel Kaisendon für gerade 800 Yen geht es weiter – zur anderen Seite der Insel. Die Straße führt über eine kleine Hochebene mit saftigen Wiesen, hohen Bergen am Horizont und dem Meer links und rechts. Und die Wolken sind zum Greifen nah – was will man mehr. Es dauert auch nicht mehr lange, bis ich auf der anderen Seite der Insel ankomme, und dort gibt es in einem Seitental wirklich sehr schöne Reisterrassen.

Kaisendon in Hirado
Kaisendon in Hirado
Reisterrassen von Kasuga auf der Insel Hirado
Reisterrassen von Kasuga auf der Insel Hirado

Nach einem kurzen Spaziergang durch das Tal geht es zu einer weiteren Insel – der Insel Ikitsuki, die durch eine himmelblaue Brücke mit Hirado verbunden ist. Dort befindet sich – man ahnt es bereits – eine weitere Kirche, nebst einer der zahlreichen Märtyrerstätten der Christen – hier die des Heiligen Thomas Nishi. Jeniger wurde hier der berüchtigten „Anatsuri“-Methode unterworfen. Nach dem Verbot des Christentums Anfang des 17. Jahrhunderts stand die Ausübung  der Religion unter Todesstrafe. Bei anatsuri wurde der Delinquent kopfüber aufgehängt – über einer kleinen, mit Jauche gefüllten Grube. An der Schläfe wurden kleine Schnitte gemacht, damit sich das Blut nicht zu sehr staut und das Opfer nicht bewusstlos wird, und der Körper wurde mit Seilen umwickelt, damit die Eingeweide nicht zerquetscht werden. Dann wurde der Körper hin und wieder herabgelassen und/oder malträtiert. Das Ziel der Tortur war, den Delinquenten möglichst lange am Leben zu lassen, denn das Ziel war nicht der Tod, sondern das Abschwören vom Christentum. Mit einer Zauberformel waren die Malträtierten sofort erlöst: „Namu Amida Butsu“ hieß diese,  und bedeutete die Anrufung Buddhas. Einige japanische Christen, aber auch ein paar ausländische Missionare schworen so tatsächlich dem Christentum ab – andere, so auch der Hl. Thomas Nishi, starben so den Märtyrertod.

Die Haupteinkaufsstraße von Ikitsuki
Die Haupteinkaufsstraße von Ikitsuki
Katholische Kirche von Hōki auf Hirado
Katholische Kirche von Hōki auf Hirado

Ikitsuki verlasse ich ziemlich schnell wieder und erkunde weiter die Insel Hirado. Neben einem kleinen Museum über die Christen der Insel gibt es ein kleines, erst vor wenigen Jahren entdecktes Grab von Christen, die hier im 16. Jahrhundert den Märtyrertod fanden. Der Ort war wohl lange Zeit tabu und der Zutritt war für jedermann verboten. In der Tat ähnelt der Ort eher einem shintoistischen Heiligtum als einer christlichen Grabstätte.

Wieder durchquere ich die Insel, die hier nur ein paar Kilometer breit ist, und lande an der schönen katholischen Kirche „Hōki“, die man, und das ist selten in der Gegend, sogar frei betreten kann.

Nun war es allerdings schon nach 15 Uhr – Zeit, zum Etappenziel des Tages aufzubrechen – nach Arita, einem der bekanntesten Orte Japans für Keramik. Arita liegt in der Nachbarpräfektur Saga, und das war bisher die einzige Präfektur in Japan, in der ich noch nicht übernachtet hatte. Vor vielen Jahren war ich in Karatsu in Saga, aber damals ging es am gleichen Tag gleich weiter.

Auf dem Weg nach Arita wollte ich jedoch einen kurzen Zwischenstopp in Okawachiyama einlegen – dank eines Lesertipps. Und dort kam ich auch ziemlich genau um 17 Uhr an – zu der Zeit, wo fast alle Geschäfte schliessen. Und ich war fast allein. Die Szenerie erinnerte mich auch hier eher an die östliche Adriagegend als an Japan – auf jeden Fall ist der Ort wirklich definitiv einen Abstecher wert. Das liegt unter anderem daran, dass Okawachiyama direkt am Fuße nicht sehr hoher, aber steiler Berge liegt – der Ort liegt somit quasi am Ende der Strasse und hat kaum Durchgangsverkehr. Entlang einer sehr gepflegten Hauptstrasse, die eher an eine Fußgängerzone erinnert, reihen sich diverse Keramikgeschäfte. Und ein paar davon hatten sogar noch geöffnet.

Hauptstrasse des schnuckeligen Örtchens Okawachiyama in Saga
Hauptstrasse des schnuckeligen Örtchens Okawachiyama in Saga
Okawachiyama in Saga
Okawachiyama in Saga

Doch so schön die Hauptstrasse ist – besonders lobenswert ist das Fehlen jeglicher Stromleitungen, die sonst überall in Japan den Anblick versauen – mittendrin steht ein knallroter Coca Cola-Getränkeautomat. Zeit für eine wichtige japanische Vokabel: 惜しい oshii. Bedeutet „beinahe, fast“ beziehungsweise in diesem Fall „knapp daneben“. Da gibt man sich so viel Mühe, einen malerischen Ortskern zu erhalten, und dann steht da so eine optische Beleidigung mitten im Raum.

Egal. Zeit für einen kurzen Blick in die Läden. Wir lieben gutes Essen, und gut präsentiert schmeckt alles noch mal etwas besser. Ein Stück Keramik aus Arita wäre da ganz nett. Also schaue ich mir zwei, drei Läden an, und im letzten näherte sich eine ältere Verkäuferin, die mir relativ schnell klarmachte, dass „man bei den Preisen was machen kann“. Aha. Ein flacher, viereckiger Servierteller hatte es mir angetan. Der kostete laut Preisschild 8,500 Yen, also gute 60 Euro. „Der ist schön oder? Also bei dem wären 5,000 Yen in Ordnung. Da müssen wir aber aufpassen, dass das der Chef nicht merkt. Der darf das nicht wissen. Aber er ist gerade auf Rundgang. Kommt aber bald zurück.“

Sie an, selbst in Okawachiyama, in Saga, hinter den 7 Tälern und den 7 Hügeln, kennt man sich mit den Tricks, wie man sie sonst aus Ägypten und anderswo kennt, aus. In Japan ist das relativ selten – aber je mehr Touristen (und hier kamen vor Corona sicherlich etliche vorbei) desto unseriöser die Verkaufsstrategie. Eigentlich ein Grund für mich, sofort den Laden zu verlassen, aber was soll’s – der Teller gefiel mir wirklich. Schnell packte die beflissene alte Dame noch zwei kleine Trinkgefässe hinzu und sagte ich solle die ja nicht draussen jemanden zeigen, denn es könnte ja ihr Chef sein. Ist gebongt!

Nach einem kurzen Spaziergang geht es zurück zum Parkplatz und danach eine Forststrasse lang durch die Berge. Und nach rund einer halben Stunde komme ich in Arita an.

Ein Torii komplett aus Keramik: Arita
Ein Torii komplett aus Keramik: Arita
Seitengasse in Arita
Seitengasse in Arita

In Arita hatte ich die Herberge „Keramiek Arita“ gebucht – und es gibt nur ein Volk auf der Erde, das „Keramik“ mit „ie“ schreibt – unsere deichbauenden Nachbarn im Nordosten. Und siehe da – die Herberge wird von einer sehr freundlichen Niederländerin betrieben. Habe ich schon mal erwähnt, dass ich mal vor vielen, vielen Jahren Holländisch unterrichtet habe? Also, so richtig für Geld und so. Nein? Das kam so: Neben einigen anderen Dingen arbeitete ich an einer privaten Englischschule in Deutschland. Die Schule bekam mal den Auftrag, einer Gruppe Jugendlichen einen Monat lang Englisch und Holländisch beizubringen – es gab aber niemanden, der beides konnte, mich eingeschlossen. Irgendwie habe ich mich dann breitschlagen lassen – und hernach tagtäglich 8 Stunden Englisch und Holländisch unterrichtet – nachts habe ich dann jeweils gute vier Stunden Holländisch gepaukt. Davon ist natürlich so gut wie nichts übrig geblieben. Was ich aber wenigstens den Schülern vermitteln konnte war, wie man Sprachen lernt – und wie man mit wenigen Vokabeln möglichst viel versteht.

Die Herbergsmutter gibt mir ein paar gute Tipps, was man sich ansehen sollte – dem komme ich in der verbliebenen guten Stunde oder so mit Tageslicht nach. Fazit: Arita hat interessante Ecken – es macht Spaß, die Seitengassen zu erkunden, wo noch ziemlich viel altes zu entdecken ist. Interessant ist auch der kleine Schrein mit einem komplett aus Keramik gebauten Torii. Beim Gang zum Schrein muss man übrigens aufpassen, nicht vom Zug überfahren zu werden: Der fährt nämlich eins, zwei Meter vor dem ersten Torii, am oberen Ende einer Treppe, vorbei – ganz ohne Schranken.

Leider ist das Zentrum der Altstadt von Arita nachts komplett tot… einzig ein ziemlich neuer Pizzaladen hat geöffnet. Die Pizza dort war wirklich gut, aber das Timing war schlecht – der Chef entliess gerade seine Angestellten in den Feierabend und wartete deshalb mit nur schlecht versteckter Ungeduld das ich fertig werde.

Augen auf beim Gang zum Schrein!
Augen auf beim Gang zum Schrein!
Strassenzug in Arita
Strassenzug in Arita

Tag 5: Arita – Kashima – Yanagawa – Kitakyūshū – Fukuoka

Es geht wieder früh los, denn ich habe so einiges vor mir. Erstmal geht es zu einem kleinen Tagebau am Rande der Stadt – dort wird seit Jahrhunderten feinstes Kaolin abgebaut und hernach in den Brennereien der Stadt zu Keramik verarbeitet. Und zwar meistens zu Keramik wie wir sie in Europa kennen – weniger die typisch japanische Keramik. Aus dem Grund unterhält Arita auch seit vielen Jahren eine innige Beziehung zur Porzellanstadt Meißen.

Der kleine Tagebau ist beeindruckend – dort, wo einst ein kleiner Berg war, klafft heute nur noch ein größeres Loch. Der Berg befindet sich heute schön verteilt in hunderttausenden Küchenschränken in Japan herum.

Aufgrund eines Tipps der Herbergsmutter geht es weiter zu einer großen Keramikbrennerei am Rande der Stadt. Dort arbeiteten früher mal bis zu 200 Menschen – heute sind es nur noch 20. Künstler können dort ihre Ware brennen lassen, aber es gibt auch Künstler vor Ort, und wer will, kann sich dort sogar selbst – kostenpflichtig, versteht sich – für ein paar Wochen „einnisten“. Und für rund 10 Euro kann man völlig frei durch die Anlage spazieren und herumschauen, und das ist das Geld wert. Außerdem bietet man 宝探し takarasagashi an – „Schatzjagd“. Wer umgerechnet 40 Euro hinblättert, kann durch hunderte von Stiegen wühlen und einen Korb voll Keramik mitnehmen. Wer das doppelte bezahlt, hat noch etwas mehr Auswahl. Ein kurzer Blick durch die Stiegen liess mich allerdings dankend ablehnen – dann doch lieber Klasse statt Masse.

Kaolingrube bei Arita
Kaolingrube bei Arita
In der Keramikbrennerei
In der Keramikbrennerei

Es geht weiter – ich verlasse Arita Richtung Süden, raus aus den Bergen und zurück zur Ariake-See. Über Yanagawa soll es nach Kitakyūshū und dann nach Fukuoka gehen. Doch die Straße nach Yanagawa ist ziemlich verstopft, also biege ich kurzerhand in eine Seitenstrasse nach Kashima ein, das wohl auch sehr empfehlenswert sein soll.

Und in der Tat: Etwas abseits vom Zentrum der kleinen Stadt gibt es ein kleines Viertel mit traditionellen Lehmhäusern – relativ selten in Japan – sowie ein traditionelles Brauereiviertel, in dem auch heute noch etliche Shōchū-Marken hergestellt werden. Definitiv einen Spaziergang wert, zumal einige der Brauereien begehbar sind und Museumscharakter haben.

Schon bei der Hinfahrt zu dem kleinen Viertel fielen mir jedoch zahlreiche Wegweiser zu einem Schrein auf. Merke: Je mehr Wegweiser, und je größer die Kilometerangabe, desto bedeutender. Hier musste es sich wohl um einen ziemlich bedeutenden Schrein handeln. Und obwohl mir bei Außentemperaturen von über 30 Grad und brennender Sonne nicht nach Schrein zumute war, siegte die Neugier. Der Yūtoku-Inari-Schrein entpuppte sich als gewaltige, farbenfrohe Anlage, in der man schnell versackt — erst recht, wenn man auch noch den Berg hinter dem Schrein zum „Oku-no-in“ hochklettert (von dort hat man dann eine schöne Aussicht auf die Ariake-See, den Unzen und bei sehr guter Sicht sicherlich auch auf den Aso). Eine Passage des Schreins erinnert an den Fushimi-Schrein in Kyoto, und der Hauptbau erinnert stark an den Kiyomizu-dera, ebenfalls in Kyoto – mit dem Unterschied, dass man hier einen deutlich sichtbaren Fahrstuhl angebracht hat.

Zum Neujahr kommen wohl im Schnitt um die 3 Millionen Besucher zu diesem Schrein – damit ist der Yūtoku-Inari-Schrein der zweitwichtigste in Kyushu.

Altes Brauereiviertel in Kashima (Saga)
Altes Brauereiviertel in Kashima (Saga)
Yutoku-Inari-Schrein in Kashima
Yutoku-Inari-Schrein in Kashima

Und weiter geht es. Mittlerweile ist es bereits nach 1 Uhr nachmittags, und ich bereue bereits, nicht ins Aal-Restaurant bei den Brauereien eingekehrt zu sein, denn dort roch es ganz vorzüglich nach geräuchertem Aal (der neben Shizuoka auch hier sehr berühmt sein soll).

Immer an der Ariake-See entlang geht es also weiter, gen Osten, nach Yanagawa in der Präfektur Fukuoka. Kurz vor der Stadt entdecke ich ein altes Fischrestaurant, und mein Hunger sagt mir, unbedingt und sofort hier einkehren zu müssen. Ich sollte es nicht bereuen. Am Eingang schlummerte eine Delikatesse in einem Kasten, die ich in der Form noch nicht gesehen habe. Auf den ersten Blick erinnern die Muscheln an alles mögliche (gnädigerweise sagen wir mal hier Elefantenrüssel…). Die hier „Umitake“ (Meeresbambus) genannten Muscheln sind im Schlick der Ariake-See zu Hause, allerdings gibt es davon nicht allzu viele, weshalb sie nur an drei Tagen im Jahr eingesammelt werden dürfen. Fertig zubereitet sehen sie schon besser aus, und sie schmecken auf jeden Fall besser, als man erstmal vermutet…

Umitake-Muscheln vor...
Umitake-Muscheln vor…
...und nach der Zubereitung
…und nach der Zubereitung

Ich hatte wohl auch ansonsten Glück, denn kaum, das ich die Bestellung aufgegeben hatte, machte das Restaurant zu. Der Angestellte war auf jeden Fall sehr freundlich und erklärte so einiges über das, was die Ariake-See hier so hergibt.

Immerhin waren es jetzt nur noch 10 Kilometer bis zur Stadt Yanagawa, und es war nun brüllend heiß und sehr schwül. Yanagawa liegt ein paar Kilometer von der Küste entfernt und ist von hunderten Kanälen durchzogen – im Zentrum gibt es gar Gondoliere, die zahlende Touristen ein bisschen durch die Gegend schippern. Ansonsten erinnert das Zentrum stark an Kurashiki in Okayama. Als Highlight des Ortes würde ich allerdings weniger die Kanäle, sondern eher das Anwesen der Tachibana-Familie bezeichnen – eine wunderschöne Anlage mit einem traditionell japanischen Bau und einem kleinen, westlich inspirierten Schloß. Beide sind begehbar und wirklich sehr sehenswert, zumal sehr gepflegt. Im kleinen Hauptsaal des westlichen Schlosses kann man sogar heiraten. Also fragte ich die beiden Damen an der Kasse, ob sie denn hoffentlich auch dort geheiratet hätten. Großes Kichern. Leider nicht – eine war nicht verheiratet, die andere heiratete leider woanders.

Auch hier: Nur sehr wenige Besucher, aber das ist zu dieser Jahreszeit wahrscheinlich nicht ganz unüblich.

Kanal im Zentrum von Yanagawa
Kanal im Zentrum von Yanagawa
Kleines, feines Schloß der Familie Tachibana
Kleines, feines Schloß der Familie Tachibana
Hinamatsuri-Display im Schloss
Hinamatsuri-Display im Schloss
Der japanische Teil des Tachibana-Anwesens
Der japanische Teil des Tachibana-Anwesens

Ein kurzen Abstecher zur Küste muss auch noch sein, um noch mal einen letzten Blick auf den Vulkan Unzen auf der anderen Seite der Bucht zu erhaschen, und dieses Mal zeigt er sich sogar. Dann geht es weiter, zur Kyushu-Autobahn, und von dort mehr als 100 Kilometer Richtung Osten – in die berühmt-berüchtigte Stadt Kitakyūshū (= Nordkyushu). Der Ort hat fast eine Million Einwohner, ist das Tor zur Insel Kyushu und berüchtigt für seine Yakuza-Clans und andere Gangs. Der erste Eindruck ist natürlich ein ganz anderer: Das Stadtzentrum ist hübsch angelegt und hochmodern – nahe am Fluss befindet sich der Nachbau der alten Burg von Kokura (Kitakyushu ist ja ein Kunstgebilde – eine Stadt, die es so früher nicht gab) – und mitten im Zentrum liegt die Tanga-Gasse mit zahlreichen Obst- und Gemüse-, Fleisch- und Fischhändlern – dieser hatte ich ja vor kurzem aus gegebenen Anlass diesen Artikel gewidmet.

Hauptturm der Burg von Kokura in Kitakyushu
Hauptturm der Burg von Kokura in Kitakyushu
Ein Hauch Manila lässt sich am Tanga-Markt nicht leugnen
Ein Hauch Manila lässt sich am Tanga-Markt nicht leugnen

Knapp zwei Stunden bleiben mir nur in Kitakyushu – offensichtlich nicht genug, aber genug, um zu wissen, dass ich nochmal herkommen möchte. Nun wird es aber langsam dunkel, und deshalb geht es zurück zur Autobahn und mit vollem Karacho zügig nach Fukuoka. Fukuoka sieht auch nachts sehr schön aus, und gegen 21 Uhr komme ich endlich im Hotel an.

Dort bleibe ich nicht lange – ich bin mittlerweile ordentlich hungrig und es zieht mich zu den 屋台 yatai – den kleinen Restaurants im Freien. Die sind ja eigentlich in ganz Asien – von Jordanien über Indien bis nach Thailand und China – verbreitet, aber in Japan gibt es sie kaum noch. In Tenjin mitten in Fukuoka gibt es zum Beispiel noch einige, und dort ist Stimmung. Dort sitzen im Schnitt bis zu 10 Leute rund um eine winzige Garküche, in der erstaunlich viele Dinge zubereitet werden. Selbst Fassbier und dergleichen gibt es – und die Preise sind in etwa so wie die in den üblichen Izakaya. Das schöne an den Yatai ist, dass man draußen sitzen kann – und schnell mit Leuten ins Gespräch kommt. Nach zweieinhalb Jahre Corona gibt es kaum was Schöneres als in einer dieser Buden zu sitzen und dem lauten Treiben zuzuschauen.

Yatai - Imbissbuden in Fukuoka
Yatai – Imbissbuden in Fukuoka
Eng, laut und durchaus schmackhaft: Yatai
Eng, laut und durchaus schmackhaft: Yatai

Tag 6: Fukuoka – Tokyo

Und schon ist die Reise wieder vorbei – ein paar Stunden bleiben mir aber noch bis zum Flug. Erstmal geht es nach einem kurzen Spaziergang in Hakata bei 33 Grad am Morgen zum Meer – dort steht der hochmoderne Fukuoka Tower, und von dort hat man einen schönen Blick auf die Stadt und das Meer.

Letztes Highlight wird ein Besuch des Hakata Genki Ippai!! – ein kleines Ramen-Restaurant, das sich auf Hakata-Ramen spezialisiert hat – und dafür sogar mit einem Michelin-Stern geadelt wurde. Das Lokal liegt in einem Viertel, in dem es nur kleine Firmen und Büros gibt. Man hat sich noch nicht mal die Mühe gemacht, den Namen des Lokals draussen irgendwo hinzuschreiben – trotzdem bildet sich dort schon ab 11 eine lange Schlange, und daran erkennt man das Lokal sofort. Hakata Ramen gehören zum Tonkotsu-Typ – die Suppe wird also auf Basis von Schweineknochenmark gemacht. Die Nudeln sind meist sehr, sehr dünn und die Suppe beinahe cremig. Persönlich war mir die Suppe allerdings ein bisschen zu cremig, und es fehlte irgendwie ein bisschen das je ne sais quoi. Früher wurde wohl Takana (ein eingelegtes, etwas scharfes Gemüse, bekannt als „brauner Senf“) dazu gereicht, aber auf einem Blatt im Restaurant wurde erklärt, dass der einheimische Takana nicht mehr ausreicht und der chinesische nicht gut genug sei.

Zurück geht’s zum Flughafen – schnell noch ein paar Spezialitäten als Souvenir eingekauft, und schon geht es los. Ich sollte wieder Glück haben: Seit 2020 fliegen die Flugzeuge nach Haneda nämlich zwischen 15 und 19 Uhr – und nur bei Südwind – direkt über Tokyo. Das dabei entstandene 9-minütige Video wird momentan bearbeitet und erscheint demnächst auf YouTube und auf diesem Blog.

Danke für’s Lesen!

Blick vom Fukuoka Tower auf das Meer
Blick vom Fukuoka Tower auf das Meer
Hakata Ramen bei Hakata Genki Ippai
Hakata Ramen bei Hakata Genki Ippai
tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

6 Kommentare

  1. Danke für’s Schreiben!

    Beim ersten Betrachten des Burgherrenfoto kam mir zunächst der Gedanke ob du mit einem Selbstauslöser und einer Sprinteinlage gearbeitet hast :-D

    Trotz der bereits fleißigen Abtragung sind die Kaolinreserven noch entsprechend vorhanden?
    Wobei, wenn man sich die vielen Schatzjagd-Kisten so anschaut, scheint es wohl keinen Mangel zu geben.

    Hm, im Nachgang ist es mir schon ziemlich unangenehm, den Inari-Schrein nicht erwähnt zu haben. Aber mit den Schreinen ist es dann irgendwann doch wie mit der lokalen Kirche, die halt da ist, aber auch nicht mehr wirklich aufällt bzw. präsent ist.
    Ich finde ihn aber natürlich auch immer noch sehr schön, besonders zur Kirschblüte äußerst fotogen.
    Der Fahrstuhl war bei der Planung und Bau natürlich großes Aufregerthema. Hätte man sicherlich aber auch schlimmer gestalten können.

    • Bei mir herrscht natürlich auch eine gewisse Schreinmüdigkeit vor, aber der Inari-Schrein ist meiner Meinung nach ein echter Geheimtipp – da gibt es ja wirklich einiges zu entdecken.

      Wenn ich die geologische Situation in und um Arita richtig verstehe, braucht man sich auf die nächsten Jahrhunderte keine Sorgen um Nachschub machen.

  2. Lieber Matthias, wie immer habe ich Deine Reiseberichte mit großem Genuss gelesen. Grade in einer Zeit in welcher „wir“ schon lange nicht mehr nach Japan dürfen ist es umso schöner etwas direkt von dort zu lesen. Ich danke Dir sehr für Deine Mühe! Viele Grüße aus Frankfurt, Hendrik

  3. Ganz herzlichen Dank für die Fortsetzung des Reiseberichtes. Wenn man (noch) nicht selbst auf grosse Fahrt gehen kann, ist es umso schöner mehr von denjenigen zu erfahren, die das Glück haben vor Ort sein zu können. Und wenn es dann noch so unterhaltsam geschrieben ist. :-)
    Eine kleine Anmerkung erlaube ich mir aber: die Niederlande liegen definitiv (nord-)westlich von Deutschland.
    Beste Grüsse aus der Schweiz
    Erol

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