BlogNeue (alte) Partei: Die Grünen sind da!

Neue (alte) Partei: Die Grünen sind da!

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Midori-no-tō tanjō - Die Grünen sind da!

Am 28. Juli ist es nun also passiert: Die 緑の党 midori-no-tō (wörtlich: Grüne Partei) hat sich in Japan formiert. Zum Teil entstand diese aus einer Gruppierung mit dem Namen みどりの未来 – midori no mirai (Grüne Zukunft), einer politischen Organisation, die sich 2008 gebildet, bisher aber keinen einzigen Wahlerfolg verbuchen konnte. Das soll sich jetzt ändern, denn man will zur Oberhauswahl im kommenden Jahr 5 bis 8 Kandidaten aufstellen.
Bärbel Höhn war ebenfalls bei der Gründungsveranstaltung – quasi als Entwicklungshelferin, um den schüchternen Japanern beizustehen im Kampf gegen all die anderen bösen Parteien. In der ARD sprach man vom Beginn einer „Bürgerbewegung, wie sie früher nicht möglich gewesen wäre“. Überhaupt scheint man momentan gern wieder in den Medien das Bild des hörigen Japaners, der seiner Regierung treudoof bis in den Tod folgt, zu bemühen, und das Interesse an dem zarten grünen Pflänzchen, das da zu spriessen beginnt, wird freilich besonders gern in Deutschland zelebriert. Warum nur? Das ganze mutet schon eigenartig an. Nach dem Beben waren die Deutschen die ersten, die fluchtartig das Land beziehungsweise Tokyo verliessen (Botschaft, Lufthansa, THW, Journalisten usw.). Gleichzeitig malte man sich vor allem in Deutschland die allerschlimmsten Horrorszenarien aus: Japan, ja sogar Sibirien sei eigentlich verloren, und das kommt bestimmt alles auch nach Europa.
Nun sind sie also alle wieder da. Die Reporter, die eine weitere Demo am Sonntag mit Tausende Japaner demonstrieren gegen Atomkraft betiteln. Und grüne Politiker, die Entwicklungshilfe leisten. Was würde passieren, wenn ein südkoreanischer Politiker bei der Gründung einer neuen deutschen Partei kluge Sprüche von sich gibt? Keine Ahnung, aber das Medienecho wäre interessant.
Jedoch – so es der Sache hilft, warum nicht. Die ganzen Demos sind freilich ganz nett, aber die Bewegung braucht eine Stimme, die sich mit etwas Glück auch in den Parlamenten materialisieren kann. Da einige politische Parteien momentan regelrecht auseinanderbröckeln, ist dies wahrscheinlich ein guter Zeitpunkt. Ich hoffe nur, dass die neue Partei nicht umgehend von Trittbrettfahrern der alten Sorte unterwandert und missbraucht, sowie anschliessend im üblichen Gehacke im Parlament zerschlissen wird. Ob allerdings so massive Schützenhilfe aus dem Ausland vorteilhaft ist, wird sich zeigen. Gerade in Sachen Politik verbitten sich die meisten Japaner vehement eine Einmischung von aussen (das ist zu einem gewissen Grad natürlich verständlich), und das Schwenken deutschsprachiger (!) „Atomkraft? Nein Danke!“-Fahnen auf Demonstrationen wird sicherlich vielen ein leichtes Kräuseln auf die Stirn zaubern.
Hier der Link zur (vorläufigen) Webseite der grünen Japaner: greens.gr.jp

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tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

9 Kommentare

  1. Frau Höhn wurde allerdings von der Midori no tô eingeladen – das nachdem bereits Politiker der Vorgängerparteien mehrfach Deutschland besucht hatten um deutschen Grünen-Politikern zu sprechen. Ganz so einfach ist das dann doch nicht.
    Was sicherlich stimmt ist dass die deutschen Medien mit (und nicht nur damit) Japan-Angelegenheiten oft überfordert sind. Da sind die englischsprachigen – allen voran die us-amerikanischen – um einiges informierter. Aber auch das ist ja nur ein Spiegel der bilateralen Beziehungen, Deutschland und Japan haben nun einmal nicht so schrecklich viel miteinander zu tun wie die USA und Japan.
    Hier muss dann in Deutschland notfalls der Blogger in die Bresche springen. Siehe auch mein Beitrag zu den japanischen Grünen >> http://schnellinterkulturell.de/2012/07/15638/die-japanischen-gruenen-im-interview-nao-suguro/
    Zum „fluchtartigen Verlassen“ kann ich zumindest für das THW sprechen:
    Ich habe mit verschiedenen Rettungs- und Hilfsorganisationen gesprochen darunter das internationale Rote Kreuz. Sowohl das IRK sowie das THW konnten in Japan nichts unternehmen da dazu Japan erst Hilfe von diesen Organisationen anfordern muss – das hat u.a. rechtliche Hintergründe. Dem THW kann man hier nur vorwerfen dass voreilig nach Japan gereist wurde ohne ein OK der örtlichen Behörden einzuholen. Ergebnis, man musste unverrichteter Dinge abreisen. Inwieweit man dem THW da Flucht o.ä. unterstellen kann ist mindestens fraglich.
    PS: Die älteren Herrschaften der japanischen Grünen lassen sich allesamt als konservativ einordnen, sind sie Splitter der LDP. Da Faktionen innerhalb japanischer Parteien eine schon fast wichtigere Position als Fraktionen einnehmen bleibt abzuwarten in welche innerparteilichen Grabenkämpfe sich die Midori no tô begeben kann, will und wird.
    Just my 2 sen

  2. Der durchschnittlich informierte Wähler verwechselt die grüne Partei doch sowieso mit der Oberhausgruppierung „Midori no Kaze“. Anti-AKW und Anti-TPP sind halt keine Positionen mit denen man sich heutzutage noch besonders profilieren kann.
    > und das Interesse an dem zarten grünen Pflänzchen, das da zu spriessen beginnt, wird freilich besonders gern in Deutschland zelebriert
    Eigentlich nicht, das war in den hiesigen Medien bestenfalls eine Randnotiz.

  3. Ach ja, wann werden die Deutschen wohl aufhören, sich ständig moralisch über die Japaner erheben und alles besser wissen zu wollen?

    • Wahrscheinlich dann wenn „die Deutschen“ aufhören von „den Deutschen“ zu reden wenn sie eigentlich einzelne Personen oder die Medien meinen.
      Und nicht mehr annehmen das irgendwelche Kommentare in Internetforen repräsentativ sind ;).

      • Touché.
        Leider gibt es aber viel zu viele von diesen „Einzelpersonen“… Und nicht nur im Internet, falls du mir das vorwerfen willst. Ich brauch bloß gegenüber irgendeiner Person erwähnen, dass ich Japanologin bin, und schon geht es los mit Fukushiiima.

  4. Naja, einmal kurz ins Wahlprogramm geschaut und schon war die Symphatie auch schon wieder verraucht. Eine Partei die „die Ablehnung von Aufnahmeverhandlungen in die transpazifische strategische wirtschaftliche Partnerschaft“ mit in ihr Programm nimmt, damit auch in Zukunft Reis, Obst und Gemüse zu unverschämten Preisen verkauft werden kann, gehört sofort wieder aufgelöst.

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