BlogChauvinismus hautnah

Chauvinismus hautnah

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Das war schon starker Tobak, der am 18. Juni bei der Vollversammlung der Abgeordneten von Tokyo geboten wurde. Die mit 35 Jahren a) erstaunlich junge und b) erstaunlicherweise nicht männliche Abgeordnete Shiomura appellierte gerade an die Versammlung, etwas gegen die seit vielen Jahren anhaltende, besorgniserregend niedrige Geburtenrate zu tun – zum Beispiel durch das Fördern von Aktivitäten für Mütter und Kinder sowie Beihilfen für Paare, die nicht ohne weiteres Kinder zeugen können. In Japan ist das – nicht verwunderlich – eine Steilvorlage: Es kamen Zwischenrufe wie „Du solltest schnell Kinder zeugen“ oder „Solltest Du nicht besser schnell heiraten?“. Gelächter folgte. Die Abgeordnete beendete noch flink ihre Rede, aber man konnte Ihr ansehen, dass die Sprüche sie ziemlich mitgenommen haben.
Das ganze mag ja vielleicht noch gehen, wenn die Zwischenrufer sich später zu erkennen geben würden, aber genau das passierte natürlich nicht. Man ortete die Übeltäter zwar in der Fraktion der regierenden Liberaldemokraten, doch die Fraktion hielt dicht und versuchte gar noch, die Schuld von sich zu weisen und zu behaupten, dass das auch aus einer anderen Fraktion gekommen sein könnte.
Der Druck wurde letztendlich zu gross. Die Szene fand auch im Ausland Beachtung (siehe unter anderem hier), und bei change.org fanden sich schnell über 70’000 Menschen, die forderten, den Vorfall aufzuklären. Heute trat nun Suzuki von den Liberaldemokraten vor und entschuldigte sich öffentlich(keitswirksam) bei Shiomura. Die befand, zu recht, dass die Entschuldigung etwas spät komme.
Chauvinismus in Japan ist eine, nun ja, interessante Angelegenheit. Denn: Chauvinistische Sprüche oder das Blondinen-Witze-ähnliche Blödeln bis Beleidigen von Frauen hört man in Japan eigentlich kaum. Das mag daran liegen, dass man in Japan keine Witze erzählt. In Japan ist der Chauvinismus, so habe ich jedenfalls nicht selten den Eindruck, boshafter, er sitzt tief, ganz tief in der Gesellschaft verankert, die von der weiblichen Hälfte recht klare Erwartungen hat: Viel lernen, gute Bildung – um einen attraktiven Ehepartner zu finden, Kinder zu zeugen und fortan sich um Haus, Kinder und Mann zu kümmern. Und – das schreibe ich nicht zum ersten Mal – die Gesellschaft hat die Arbeitsumwelt in Japan so geformt, dass ich aufgrund der vielen Widrigkeiten dem weiblichen Geschlecht gegenüber nicht wenige Japanerinnen gern diesem Schema unterwerfen.
shiomura
Doch momentan brandet eine interessante Diskussion in Japan auf. Bei der verheerend geringen Geburtenrate und der fortschreitenden Überalterung der Gesellschaft wird Japan es sich womöglich nicht mehr allzu lange leisten können, einfach so auf die Hälfte ihrer Bevölkerung auf dem Arbeitsmarkt zu verzichten. Und das deutet sich schon mehr und mehr an: Natürlich ist die folgende Beobachtung sehr subjektiv, aber ich glaube schon, mehr und mehr Frauen zu sehen, die in berufen arbeiten, die eigentlich traditionell Männerdomäne sind: Auf Baustellen, als Bus- und Taxifahrer, Paketzusteller, Zugfahrer usw. Unnötig anzumerken, dass die Frauen dabei den Männern in nichts nachstehen. Und ein schwacher Trost bleibt den japanischen Frauen letztendlich: Zu Hause haben ganz klar sie die Hosen an.
Anbei noch – eigentlich war das ja lange Zeit Tradition auf diesem Blog – das Wort des Tages: 野次yaji – der Zwischenruf bzw. der Zwischenrufer.

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tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

16 Kommentare

  1. Eine steigende Frauenarbeitsquote scheint mir aber kein Garant für steigende Geburtenrate – eigentlich eher umgekehrt. Das ist doch, was bei uns immer kritisiert wird.

    • Da wäre ich mir nicht so sicher. Auch in Japan, bzw. noch viel mehr als in Deutschland, gilt: Kinder oder Karriere. Ich kenne zwar Beispiele, bei denen es trotzdem funktioniert, aber das sind die absoluten Ausnahmen.
      Würde man den Frauen genügend Optionen bieten – erschwingliche Kindergartenplätze zum Beispiel und die Möglichkeit, flexibel wieder in ihren Beruf zurückzukehren, dürfte das eher einen positiven als einen negativen Einfluss haben.

  2. Ja, entschuldigt hat er sich, um danach mit einem zynischen Laecheln die Buehne zu verlassen. Und zuerst immer schoen abgestritten: wer denn? Ich doch nicht! Nein, ich war’s nicht. Ist der Druck dann wohl doch zu gross geworden, oder er musste eine „senpai-Kollegen“ decken. In meinen Augen eine Frechheit, eine Anmassung ohnegleichen.

  3. das japan in den punkten so rückständig ist. das klingt nach westdeutschland in den 60er jahren. auch wenn er sich entschuldigt hat, ich glaube nicht das das ernst gemeint war.

  4. Meine Frau kann die Kommentare aus ihrem Bekanntenkreis über mich bald nicht mehr hören. Oh, wie nett ich doch sei und so zuvorkommend, ein echter Gentlemen. Was für ein Glück sie doch mit mir hätte, sie sollte dankbar sein.
    Unser engerer Freundeskreis ist da zum Glück deutlich aufgeklärter. Gut, sie waren allesamt ja auch schon mal etwas länger im Ausland. Vielleicht kommt es daher.

      • Das kann nicht wirklich sagen. Bewusst kann ich mich an so etwas nicht erinnern, gehört habe ich so etwas auch noch nicht. Wenn ich aber Japaner beobachte, dann fallen mir immer wieder gewisse Kleinigkeiten auf. So z.B. mit welcher Selbstverständlichkeit Frauen bestimmte Dinge tun, während deren Männer einfach daneben stehen/sitzen und einfach nichts tun. Es sieht dabei eigentlich nicht nach Zwang aus, eher nach Selbstverständlichkeit, was am Ende vielleicht noch gruseliger ist.
        Ich finde diesen unterschwelligen Chauvinismus ziemlich nervig und verstehe gut, warum meine Frau bei solchen Gelegenheiten immer am kochen ist.
        Wenn sich die jungen ausländischen Mädchen in meiner alten Japaniscch-Schule immer darüber beschwerten, dass die jungen japanischen Männer sie meiden würden, wie der Teufel das Wiehwasser, dann musste ich schon damals immer etwas schmunzeln.

  5. Dazu fällt mir spontan ein, dass es hier in Japan ja auch allgemein akzeptiert wird, wenn jemand sagt, dass etwas ganz leicht zu tun sein, „sogar für Frauen und Kinder.“
    Und wenn ich so etwas zum Beispiel zuhause am Fernseher höre und meinen Töchtern sage, wie ich darüber denke, springt mein japanischer Mann sofort dazwischen und befindet, dass ich mit meinen Ansichten eine extreme Feministin bin!

  6. Meine Frau findet auch immer, dass mein „Genderfimmel“ so anstrengend ist.
    Naja irgendwann werden wir mal ein paar Jahre nach D. ziehen … vielleicht kann sie das dann besser nachvollziehen.
    Uebrigens in der Togikai waren wohl mehrere Zwischenrufer beteiligt und soweit ich weiss, hat sich nur einer entschuldigt.
    … typisch Japan, die ganze Sache …

  7. Schade finde ich vorallem, dass die Diskussion in Japan gerade nicht zugunsten von Frau Shiomura läuft, sondern einfach teilweise mit Frauen-Bashing (à la „er hat doch Recht!“) weitergeht. So erzählte es mir zumindest eine ebenfalls sehr besorge japanische Bloggerin. Auch in ein paar japanischen Facebook-Kommentaren, die unter die jeweilige Nachrichtenmeldung gesetzt wurden, konnte ich Unverständnis gegenüber dieser Empörung herauslesen.
    Japan ist ein Land für Männer – die möchten diesen Status erstens natürlich ungerne aufgeben und zweitens können sie es nicht so leicht, da es die japanische Tradition seither fordert. Das ist aber keine Verteidigung, denn auch in Europa hatten wir früher ein klares Patriarchat. Ich hoffe einfach, dass Japan bald den Staub von seinen alteingesessenen Ansichten pustet und den starken Frauen des Landes die Chance gibt, frischen Wind in Angelegenheiten zu bringen.

  8. Danke für den Beitrag – ja – war ein ganz großes Thema bei den japanischen Kollegen. Aber am Ende ist das in Deutschland doch genauso. Zwischenrufer gibt´s da auch immer. Und dass diese sich dann durch eine Entschuldigung selbst vermarkten ist einfach Politik.
    Shiomura muss sich wahrscheinlich täglich solche und ähnliche Sprüche anhören, wenn es um das Thema Feminisimus geht.
    Aber Wunder gibt es immer wieder – siehe da: Deutschland hat eine Kanzlerin und die USA einen „Schwarzen“ als Präsident – wer hätte das vor 20 Jahren schon möglich gehalten. Ich find´s prima…
    LG
    Isa

    • > Shiomura muss sich wahrscheinlich täglich solche und ähnliche Sprüche anhören, wenn es um das Thema Feminisimus geht.
      Und? Soll man sie deshalb ignorieren?

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