Getränkeautomat – the next generation

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    GetränkeautomatJedem Japan-Besucher fällt eines in Japan sofort auf: Die enorme Dichte von Automaten, an denen man so ziemlich alles kaufen kann. Am häufigsten findet man Getränkeautomaten: So gab es laut der JVMA (Japan Vending Machine Manufacturers Association) 2009 in Japan 2,1 Millionen Automaten für Erfrischungsgetränke. Will heissen, auf 60 Japaner kommt ein solcher Automat. Der Umsatz dieser Automaten lag im gleichen Jahr bei knapp 1,9 Billionen Yen. Getränke (ausser Alkohol) kosten an diesen Automaten meist zwischen 100 bis 150 Yen. Holen wir also mal den Taschenrechner raus und gehen von einem Durchschnittspreis pro Dose/Flasche von 120 Yen aus: An einem durchschnittlichen Automaten werden pro Tag 20 Getränke gekauft. Der Durchschnittsjapaner kauft entsprechend 130 nichtalkoholische Getränke im Jahr am Automaten – bzw. mindestens eins alle drei Tage. Randnotiz: Andere Automaten (Zigaretten, Reis, Eis, Eintrittskarten, Zeitungen, Batterien, Socken usw.) mit eingerechnet gibt es knapp 4 Millionen Automaten in Japan (Rohdaten siehe hier).

    Logischerweise kenne und nutze auch ich solche Automaten relativ regelmässig. Und ich bin einiges an Service gewohnt: Automaten, die heisse und kalte Getränke anbieten. Automaten, in denen der Kaffee frisch gemahlen und gebrüht wird. Automaten, die einen anquatschen, wenn man vorbeiläuft (mit “Guten Morgen” am Morgen usw). Automaten, die einem im örtlichen Dialekt ansprechen (so z.B. im Tsugaru-Dialekt in Hirosaki) usw.
    In jüngster Zeit fielen mir jedoch vor allem die Automaten der neuesten Generation auf: Riesenmaschinen mit einem riesigen 47-Inch-grossen Touch-Screen – ohne jegliche Tasten. Einfach das gewünschte Getränk angrabschen und schon erscheinen Informationen dazu.

    Getränkeautomat
    Das ist aber noch nicht alles: Laut Hersteller erkennt eine Kamera im Automaten Geschlecht und Alter (und was weiss ich sonst noch) des Bedienenden und preist entsprechend Getränke an. In meinem Fall einen Dosenkaffee mit dem Namen “Boss”. Es hätte schlimmer sein können… Ebenfalls laut Betreiber werden die Daten nach der Getränkewahl gleich wieder gelöscht. Man geht also nicht den letzten Schritt: Ein Automat in Shinagawa weiss nicht, was ich Tage zuvor in Maihama gewählt habe. Ansonsten sind die Automaten schon vernetzt – ich nehme mal an, um sie fernzusteuern in Hinblick auf welches Produkt besonders beworben werden soll und was wo wie schnell aufgefüllt werden muss. Meine mit iPad etc. vertraute 4-jährige Tochter findet die Automaten natürlich auch grosse Klasse – es ist schwer, sie wieder davon wegzulocken.

    Bemerkenswert finde ich an dieser Stelle doch immer wieder, wie sicher Japan ist: Selbst an dunkelsten Ecken findet man Automaten – und noch nie habe ich zerkratzte Scheiben, angekokelte Knöpfe, besprühte Automatenwände und ähnliches gesehen.

    Wer sich mehr für diese Automaten interessiert – hier gibt es ein PDF zum herunterladen (nur Japanisch) mit zahlreichen Zusatzinformationen.

    Das Wort des Tages: 次世代 jisedai – “nächste(r/s) Generation”. Neue Generation.

    12 COMMENTS

    1. Wirklich klasse, diese Automaten! Zumindest stelle ich es mir klasse vor. Aber man wird doch recht schnell verwöhnt dadurch oder nicht? ;D Wehe, wenn mal keiner “zur Hand” ist.

    2. An unseren Mann vor Ort:
      Wie kalt ist denn so ein “kaltes” Getränk? Würde mich interessieren weil ich an euren heißen Sommer denke und an die daraus resultierende Energiebilianz der Automaten. Ok, bei 40 Grad und Schwüle ist wahrscheinlich auch ein 20 Grad temperirtes Wasser (bzw. eher Tee) “kalt”, wobei die Differenz bleibt.

      Und das mit dem nicht existierenden Vandalismus ist auch bemerkenswert, wenn man bedenkt das hier selbst Kaugummiautomaten (gibt es hier und da noch) abgefackelt werden. Na, mal sehen ob ich die Tage dazu was finde. Das interessiert mich jetzt.

      PS: Schön das Du noch Zeit findest zu bloggen. Dann scheint bei Euch ja alles in Ordnung zu sein.

    3. Ach wie ich es liebe, die Automaten an jeder Strassenecke, und wie paradox zugleich. Warum in einem Land wo es auch eine beachtliche Dichte an 24h Shop´s gibt, auch die Automaten einen solchen Zulauf erhalten ist mir nicht ganz schlüssig. Eigentlich müsste es doch bei uns in Europa mit zum Teil sehr stringenten Öffnungszeiten die Automatendichte viel höher sein als in Japan. Woran es liegt, bleibt mir verborgen. Als Fazit bleibt lediglich die Feststellung das in Japan perfekter Service ein 24h Stunden Job ist. Ob im Kombini oder am Automat.

    4. Also in letzter Zeit werden teilweise Zigarettenautomaten abgebaut, weil die Japaner keine Lust haben sich ne Taspo Karte zu besorgen. Zu Getränkemaschinen, so weit ich weiss zahlt man weniger Steuern, wenn man sich so ein Ding vor sein Haus stellt.
      Und ja die Getränke sind wirklich kalt im Sommer, nich lauwarm.

    5. Ja, die Automatenindustrie ist auch mein liebstes Beispiel wie man mal so richtig einen auf die Umwelt gibt. Schliesslich sind Aludosen und Einwegflaschen noch lange nicht genug um Gaia nen fetten Tritt zu verpassen.

      Gut auch, dass die Dinger miserabelst isoliert (noch schlechter als die Haeuser, obwohl ich dachte das geht gar net) im Sommer in der groessten Hitze stehen. Aber um das auszugleichen schreibt “uns Japanern” ja auch das Rathaus die Temperatur der Klimaanlage im Buero und die Laenge der Hemdsaermel vor.

      Wie mir scheint, bin ich mit meiner Meinung aber mal wieder komplett alleine, der Rest der Kommentatoren ist schliesslich masslos begeistert.

    6. Die Getränkeautomaten, aber auch die Kmbini habe ich auf meiner Japan-Reise kennen und lieben gelernt. Das erste was ich mir in Japan gekauft habe war eine Dose grüner Tee an einem Automaten und zwar genau an diesem, ich liebe Google Street View ([LINK])Dummerweise habe ich mir heißen Tee gezogen. Die Dose war wirklich heiß. Und kalte Getränke sind auch gut gekühlt.

    7. Ich habe letztens einen dieser Automaten inklusive staunender Menschendtraube davor im Bahnhof Shinagawa gesehen :)

      Frag’ mich, was der mir anbieten wuerde, man kann mir ja kaum an der Nase ablesen, dass ich keinen Kaffee trinke …

    8. Mal schauen, ob ich im Mai mal wieder (zum 2. mal nach 2007) nach Japan fahre. Der Artikel macht mir jedenfalls wieder Lust darauf. Ich glaube ich hab das hier schon 5x erzählt ^^, aber als ich mit dem Fahrrad unterwegs war, war es schon echt cool alle 500m einen Automaten zu finden wo man ein kaltes Getränk ziehen konnte. Damals entsprachen 150 Yen für eine Flasche Cola allerdings noch 1 Euro. Bei dem aktuellen Wechselkurs sind das gegenüber 2007 nun über 30% mehr :-(

    9. @Nymaas
      Anfangs ja. Aber ich habe es mir mittlerweilen abgewöhnt, die Automaten alle Nase lang zu benutzen.

      @Oliver
      Kalt! Schätze mal so zwischen 5 und 8 Grad.

      @Heydal
      Gibt sicher mehrere Gründe: Automaten ermöglichen es, einzukaufen, ohne mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Das wissen bestimmt viele Japaner zu schätzen. Dann die angesprochene Sicherheit: Man kann Automaten aufstellen und relativ sicher sein, dass sie heile bleiben. Nicht zuletzt das Gesetz der Marktwirtschaft: Wenn sich etwas rentiert, wird es gnadenlos ausgereizt. Hinzu kommen wahrscheinlich noch recht laxe Gesetzesgrundlagen – kann mir nicht vorstellen, dass man z.B. in Deutschland so mir nichts dir nichts einen grossen Automaten aufstellen kann: Da gibt es bestimmt unzählige Auflagen.

      @Lori
      Heute morgen, als ich wieder an einem vorbeigelaufen bin, empfohl der mir doch glatt einen Cafe au Lait, einen japanischen Energiedrink und Red Bull. Muss wohl recht müde ausgesehen haben…

      @BigAl
      Mit der Meinung bist Du nicht allein – aber die kulturelle Neugier scheint hier zu siegen. Dank Kernkraft scheint Energie ja hierzulande kein Argument zu sein. Und das die Dinger auch ihren Teil zum Hitzeinsel-Phänomen beitragen scheint auch nicht zu ziehen. Laut diesem Artikel hier könnte man ohne Automaten die Blöcke 1 bis 6 des Kernkraftwerkes von Fukushima gänzlich abschalten.
      Immerhin zwingen ja die Energiekosten die Entwickler scheinbar zum Nachdenken – soweit ich weiss, kühlen neuere Automaten nur die Getränke, die “vorne stehen” und nicht das ganze Gerät, und Heissgetränke werden wohl erst beim Kauf durch Induktion erhitzt. Aber der Gesamtverbrauch dürfte trotzdem nachwievor enorm sein.
      Ich habe die Dinger früher auch oft benutzt, aber mittlerweilen nehmen wir auch, so möglich, unseren eigenen Tee mit wenn wir rausgehen.

    10. Danke fuer die Unterstuetzung ;) Ich nehme auch in die Arbeit nur mitgebrachte Getraenke mit. Gegessen wird gluecklicherweise zu Hause (oh Gott, wenn ich nur an die ganzen Plastikcontainer der Bentos denke…)
      Atomkraftwerke haben leider eine riesige Infrastruktur, d.h. die Umweltbelastung ist insgesamt betrachtet mit der eines herkoemmlichen Kraftwerkes vergleichbar. Da ist der radioaktive Muell noch gar nicht mit drin. Wobei den kann man ja prima an die Amis verkloppen und Nussknacker draus giessen.

    11. Oh man, nicht schlecht. Da kann man sich hier in Deutschland noch gut ‘ne Scheibe von abschneiden. Diese verkokelten Süßigkeitenautomaten an Bahnsteigen zum Beispiel sind ja nicht wirklich das gelbe vom Ei. Aber hast schon recht, hier wären sie wahrscheinlich auch einfach schnell wieder kaputt..

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