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Drei Jahre danach und …

März 13th, 2014 | Tagged , , | 1 Kommentar | 1458 mal gelesen

Mit etwas Verspätung möchte ich nun auch meinen Senf zum 3. Jahrestag der Erdbeben-Tsunami-AKW-Katastrophe hinzugeben. Im japanischen Fernsehen liefen zum Anlass verschiedene Dokumentationen beziehungsweise Momentaufnahmen, die einige interessante bis erschütternde Tatsachen ans Licht brachten.

Dazu gehört die Lage in den Katastrophengebieten schlechthin. Man war sehr flink beim Aufräumen – das muss man einräumen. Ein großer Teil des Schutts war bereits nach einem Jahr verschwunden, und noch viel mehr im Jahr danach. Doch was passierte danach? Leider nicht viel. Mit Quellen kann ich leider nicht aufwarten, aber es wurde zum Beispiel erwähnt, dass

- Nur 4% der Bewohner, die weiter oberhalb des Meeresspiegels angesiedelt werden müssten, auch wirklich umgesiedelt wurden
- Nur 2% der wirklich neu zu bauenden Wohnhäuser gebaut wurden
- 0% der die Tsunamigefahr Rechnung tragenden neuen Flächennutzungsplanung abgeschlossen sind.

Will heissen: Orte wie Minamisanriku oder Ōtsuchi, die quasi komplett zerstört wurden, sind zwar aufgeräumt, aber: Was bleibt ist eine unbewohnte Ödnis, und man weiss nicht, was daraus werden soll.
Mangelt es an Geld? Eher nicht. Es ist genug Geld zum Wiederaufbau verhanden – sogar so viel, dass selbst abwegige, weit entfernte Projekte Geld im Gießkannenverfahren erhalten. Es ist eher die Planung. Und das geht in etwa so: Um überhaupt erstmal planen zu können, müssen die Deiche neu gebaut werden, da die meisten zerstört wurden. Und die Deiche müssen höher und breiter werden. Doch meistens gehört das Land dahinter jemandem. In nicht wenigen Fällen stehen im Grundbuch gleich mehrere Besitzer als Gemeinschaft, die das Land vor vielen Jahrzehnten erstanden oder erhalten haben. Diesen Leuten muss das Land abgekauft werden (oder das Einverständnis geholt werden, das Land abzutreten). Sind die ursprünglichen Besitzer verstorben, müssen die Kinder angesprochen werden. Oder die Enkelkinder. Und schon kommt man auf beispielsweise rund 200 Leute, im ganzen Land verstreut, die man persönlich ansprechen muss, um den einen oder andern Hektar freizukaufen. Dieser Aufwand überwältigt verständlicherweise die Behörden.
Andererseits sind sich die Betroffenenen in vielen Fällen nicht einig. Einige wollen umsiedeln, andere wollen auf jeden Fall bleiben. Eine Gruppe kämpft dafür, dass eine Ruine als Mahnung an nachkommende Generationen bestehen bleibt – eine andere Gruppe möchte die Folgen restlos beseitigen. Es ist entsprechend eine Mammutaufgabe, einen Konsens für jedes noch so kleine Wiederaufbauprojekt zu finden.

Einige japanische Sendungen zum Thema Fukushima waren ebenfalls sehr interessant. Auch wenn mancher in Europa denken mag, dass das Thema in Japan keine so große Rolle mehr spielt — dem ist nicht so. Auch in Japan schaut man mit Schaudern auf dass, was da in Fukushima passiert. Doch redet man in Japan gleichzeitig gern darüber, wie verstrahlte Gebiete gereinigt werden und die Bewohner bald wieder zurückkehren können. Ein Experte zum Thema – leider muss ich hier schon wieder eine Quelle schuldig bleiben – meinte, nach der Ursache der sich häufenden “kleineren” Unfälle am AKW gefragt, ganz lapidar: Natürlich wird sowas vermehrt auftreten, da es nicht allzu viele Nuklearexperten gibt, und die meisten von ihnen damit beschäftigt sind, andere AKW für die Wiederinbetriebnahme vorzubereiten. Das leuchtet ein, kann aber zynischer nicht sein: Man verspielt die Zukunft einer ganzen Region, nur um ähnliche potentielle Gefahrenquellen zurück ins Leben zu rufen. Diese Logik kann man getrost als pervers bezeichnen.

Wer sich mehr für den Fortschritt – oder Nicht-Fortschritt beim Wiederaufbau interessiert, dem sei die Webseite des Ministeriums für Wiederaufbau (復興庁) anempfohlen: www.reconstruction.go.jp. Die Qualität und Anzahl der Daten ist allerdings spärlich, aber das muss bei einer staatlichen Webseite wohl so sein.

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Fukushima – Stümperei Teil 4721

Februar 25th, 2014 | Tagged , | 13 Kommentare | 3246 mal gelesen

Man sollte meinen, dass die Menschen aus Schaden klug werden. Und Firmen mit ihren zahlreichen Stakeholdern sowieso. Dem ist leider nicht so, wie TEPCO beinahe täglich aufs Neue beweist. Heute ist bekannt geworden, dass am 19. Februar rund 100 Tonnen hoch radioaktiv verseuchtes Wasser in die Umwelt ausgetreten ist. Das ist, so traurig es ist, allein keine Nachricht mehr wert, denn das notdürftig zusammengezimmerte Gebilde vor Ort leckt an allen Ecken und Enden. Der Unfallhergang jedoch zeigt aufs Neue, was dort vor Ort passiert – beziehungsweise nicht passiert.

TEPCO hat am explodierten Kraftwerk ja hunderte große Wassertanks aufgestellt, die das zum Kühlen der teils freiliegenden Brennstäben benutzte Wasser speichern sollen, bis… ja bis wann eigentlich. Die Behälter haben immerhin Melder installiert, die anspringen, wenn das Fass voll ist. So auch am 19. Februar: Der Sensor meldete sich geräuschvoll, und der TEPCO-Mitarbeiter des Vertrauens lief zum Tank und schaute nach, ob etwas ausläuft. Lief aber nicht, denn der Tank war zu dem Zeitpunkt “nur” zu 98,9% voll¹. Also ging der Mitarbeiter von einem Fehlalarm aus und trollte sich. Kurze Zeit später begann der Tank überzulaufen, und das merkte man erst viele Stunden später. Dem Unfall ging ein weiterer voraus: Normalerweise befüllen drei Leitungen einen Tank, wobei ein Ventil geschlossen sein soll. Durch menschliches Versagen waren in diesem Fall jedoch alle drei Ventile geöffnet.

Das ganze wirft mal wieder die üblichen Fragen auf, die man nun schon seit fast drei Jahren täglich stellen möchte:

  1. Wer arbeitet da eigentlich? Offensichtlich jedenfalls keine qualifizierten Mitarbeiter.
  2. Wer überwacht, was dort vonstatten geht? Offensichtlich fehlt es an Krisenmanagement.
  3. Begreifen die Verantwortlichen eigentlich den Ernst der Lage?
  4. Fühlt sich überhaupt jemand verantwortlich?
  5. Wieso denkt man, dass es eine gute Idee sein, Sensoren zu benutzen, die sich erst melden, wenn es zu spät ist?
  6. Was wäre passiert, wenn es geregnet hätte? Wie hätte man überprüft, ob der Tank überläuft?

und so weiter. Alles Fragen, die dem menschlichen Verstand eigentlich widersprechen. Es ist noch immer schwer begreifbar, was dort eigentlich geschieht. Das ist kein Grund, in Panik zu verfallen – aber es ist ein Grund, sich noch immer Sorgen zu machen. Fast drei Jahre – und man ist weit, sehr weit davon entfernt, dass Problem halbwegs im Griff zu haben.

¹Siehe unter anderem hier

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Neues von der Energiefront

November 6th, 2013 | Tagged , , , | 4 Kommentare | 9585 mal gelesen

Auch wenn es im Ausland vielleicht nicht so deutlich wird – in Japan tobt nach wie vor ein erbitterter Streit um die Zukunft Japans in Sachen Energie. Während die jetzige Regierung unter Abe prinzipiell Pro-Atom ist, gibt es durchaus auch ernstzunehmenden Widerstand. Mitunter auch aus den eigenen Reihen. Als gewichtiger Opponent trat vor kurzem Koizumi, der für japanische Verhältnisse erstaunlicherweise recht populäre Ex-Ministerpräsident und. Mentor zahlreicher heutiger Regierungspolitiker. Koizumi wandelte sich offensichtlich vom Saulus zum Pauls: Einst war die Förderung der Nuklearenergie in Japan sein Metier, doch jetzt spricht er sich für ein kernkraftfreies Japan aus. Die Kommentare von der Regierungsbank dazu waren mehrheitlich negativ. Es ist eigentlich nicht üblich, seinem Mentor zu widersprechen, doch es fielen. Kommentare wie “es gibt halt viele verschiedene Meinungen” bis hin zu “(Koizumis Haltung ist) verantwortungslos. Koizumi konterte allerdings bei einer Veranstaltung völlig richtig – und zwar sinngemäß so: “Vor dem Unfall hat man es nicht geschafft, das Endlagerproblem zu lösen. Wer jetzt nach dem Unfall meint, dass die Kernenergie machbar ist, indem man das Endlagerproblem löst, denkt optimistisch und verantwortungslos”.¹

Mini-Solarkraftwerk: Solarzellen auf einer stillgelegten Bahntrasse (Präf. Miyazaki, 2012)

Mini-Solarkraftwerk: Solarzellen auf einer stillgelegten Bahntrasse (Präf. Miyazaki, 2012)

Interessant ist dabei eine Meldung von gestern, dem 4. November 2013: In Kagoshima wurde feierlich “Megasolar” eingeweiht² – eine gigantische Solarenergieanlage. Auf einer Neulandinsel, für die sich lange Zeit kein Nutzer fand, wurden auf einer Gesamtfläche von 127 Hektar wurden dort 290’000 Solarmodule installiert – und zwar von 京セラ Kyōcera (kurz für “Kyoto Ceramics” und ein Firmenname, der im deutschen Raum immer furchtbar falsch ausgesprochen wird, aber dies nur am Rande). Chinesische Solaranlagenbauer hatten sich auch um das rund 220 Millionen Euro teure Projekt beworben, doch laut offizieller Sprechweise stach das inländische Konsortium um Kyocera, IHI usw. die Mitbewerber in puncto Robustheit und Qualität aus. 70’000 Kilowatt soll die Anlage liefern – genug für über 20’000 Haushalte oder knapp 10% des Energiebedarfs der Stadt Kagoshima. Eine Preisgarantie über 20 Jahre für den von der Anlage eingespeisten Strom machte dieses Projekt letztendlich möglich.

Wirtschaftlich gesehen ist das für Japan eine feine Sache, zumal die einheimische Solarindustrie davon profitiert. Aus geographisch-geologischer Sicht ist der Standort zugegebenermassen gewagt. Der nahe Vulkan Sakurajima hat die Angewohnheit, alle paar Jahre die Gegend mit Asche zu überziehen. Sollte es dazu noch regnen, und das ist in Kagoshima weiss Gott nicht selten, kann man die Anlagen wahrscheinlich wegwerfen. Auch ein mittelschwerer Tsunami würde das gesamte Kraftwerk wegspülen. Und inwieweit die Anlage schweren Taifunen strotzt, bleibt abzuwarten. Betrachtet man zudem den Flächenverbrauch und den Energieausstoß, wird klar, dass Solarkraft in Japan keinen großen Beitrag leisten wird. Zumindest nicht in Form von Großanlagen. Ein Neuversuch des 100’000-Dächer-Programms, also das Dezentralisieren der Solarenergiegewinnung, ist eine Überlegung wert.

¹ Rede und Manuskript siehe Huffington Post: 小泉元首相、安倍首相らの「原発ゼロは無責任」に反論 講演内容詳細【争点:エネルギー】(4. Nov. 2013)
² Siehe unter anderem Nikkei: 国内最大級メガソーラー、鹿児島に完成 京セラなど (4. Nov. 2013)

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Weimarer Japan? / Wahnsinn Fukushima

August 2nd, 2013 | Tagged , | 18 Kommentare | 12978 mal gelesen

Andere haben schon darüber geschrieben, aber ich komme einfach nicht drum herum, diese zwei Sachen hier aufzugreifen. Und ich bin nicht sicher, welches der beiden Ereignisse empörender ist.

Nummer 1:
Da stellte sich also der Vizeministerpräsident (und Ex-Ministerpräsident) Aso Tarō diese Woche auf einem Symposium hin und merkte zum Thema Verfassungsänderung an:

Die Weimarer Verfassung wurde damals auch einfach so zur Naziverfassung geändert. Das geschah, ohne das die Leute etwas mitbekamen – und davon können wir doch lernen (O-Ton: 「ワイマール憲法もいつの間にかナチス憲法に変わっていた。誰も気がつかなかったあの手口に学んだらどうか」).

Nun, das viele Japaner nicht das gleiche über Nazis denken wie Deutsche (ganz zu schweigen von Franzosen, Juden, Polen usw) ist allgemein bekannt. Das Unheil, dass das Phänomen Nationalsozialismus anrichtete, ist hier schlichtweg nicht geläufig. Darf es deshalb ignoriert wurden? Sollte man von der Nr. 2 im Staat (und ehemals Nr. 1) nicht ein bißchen mehr Respekt, Geschichtswissen und Feingefühl erwarten können? Offensichtlich nicht.

Natürlich schlägt diese Aussage grosse Wellen – im In- und Ausland. China und Südkorea sehen sich in ihren Befürchtungen bestätigt. Aso ist seit jeher bekannt für seinen kruden Humor, sein Halbwissen (“der 2. Weltkrieg startete mit Pearl Harbor”) und seine schlechten Kanjikenntnisse (siehe unter anderem hier). Schaut man sich obige Rede an, dreht sich jedem vernünftigen Menschen der Magen um. In der gleichen Rede fällt nicht nur das genannte Zitat, sondern noch ganz andere Bemerkungen – so hebt er mehrfach hervor, dass Hitler aus einer Demokratie heraus frei gewählt wurde, in einem Land mit einer der fortschrittlichsten Verfassungen zu jener Zeit.

Natürlich fordern nun viele seinen Rücktritt. Aso ruderte heute zurück und sagte, dass seine “Aussage leicht misszuverstehen sei”¹. Das sagen japanische Politiker immer, wenn sie merken, den Bogen überspannt zu haben – sich aber eigentlich nicht entschuldigen wollen. Das dieser Politiker es bis zum Außenminister, dann zum Ministerpräsidenten gebracht hat – und selbst heute noch eine der größten Geigen spielt, ist vornehm ausgedrückt eine Schande für Japan.

Nummer 2:

Diese Woche wurde bekannt, dass von nun an auch staatliche Behörden damit beginnen, die radioaktive Belastung im Meer nahe des explodierten AKW in Fukushima zu messen. Ein einfacher Satz, oder? Doch wer hat bisher gemessen? Richtig: TEPCO, also die Betreibergesellschaft des AKW. Das ist in etwa so, als ob man einen Mörder fäßt, und selbigen darum bittet, seine eigene Tat zu beweisen. Ja, sehr schön! Zumal man ja nunmehr fast 2½ Zeit hatte, die Transparenz, Technologie und das unerschütterliche Selbstvertrauen von TEPCO zu erleben. Die Tatsache, dass man nun diesem Verein jahrelang das Monitoring zu überlassen, widerspricht jeglicher Logik.

Hinzu kommt, dass sich die Hiobsbotschaften aus dem AKW wieder überschlagen. Aber Prof. Zöllner hat das in seinem Blog bereits sehr gut zusammengefaßt, also gehe ich an der Stelle nicht weiter ein. Fakt ist: Das AKW wird, wie vorhergesehen, noch auf sehr lange Zeit für zahlreiche Überraschungen gut sein. Und diese Überraschungen werden wohl weniger positiv sein.

¹ Siehe Artikel und Video bei FNN News

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Zwei Jahre danach – und, was gelernt?

März 12th, 2013 | Tagged , , | 16 Kommentare | 956 mal gelesen

Zwei Jahre ist es nun also her, seit ein schweres Erdbeben halb Japan durch- und ein anderes Land 10’000 km westlich in Sachen Kernenergie aufrüttelte. Über 15’000 Tote, mehr als 3’000 Vermißte, verwüstete Landstriche, mindestens 50’000 Menschen, die aufgrund der Atomkatastrophe in Fukushima auch in den nächsten 4 Jahren (von der Regierung optimistisch geschätzt) nicht zurück nach Hause können, Schlagzeilen wie “Häusliche Gewalt im Katastrophengebiet steigt an” und so weiter und so fort – die Katastrophe zieht eine lange Spur des Schreckens hinterher und sie wird auf lange Zeit im Gewissen der Bevölkerung eine große Rolle spielen. Im positiven Sinne, da die Katastrophe eine große Menge positiver Energie freisetzte, vermittelt durch unzählige Menschen im In- und Ausland, die sich bereit erklärten, helfen zu wollen, egal wie. Im negativen Sinne ebenso, da das Beben und der Tsunami eine riesengroße Menge Dreck hervorspülte – aus den Eingeweiden der Politik und der Wirtschaft. Dieser Dreck ist noch immer für Schlagzeilen gut in Japan (so erst kürzlich, als bekannt wurde, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit bereits das Erdbeben und nicht erst der Tsunami war, der dem AKW den Garaus machte).

Hat man in Japan aus der Katastrophe gelernt? Jein. Es ist noch zu früh, dies beurteilen zu können. Und Japan hat bereits, leider, viele Chancen gehabt, aus vergangegenen Erdbebenkatastrophen zu lernen, und man hat auch vieles gelernt: Zumindest was Erdbeben anbelangt. Nicht aber, was Tsunami und eine ordnungsgemäße Risikoanalyse beim Bau von Kernkraftwerken angeht. In puncto Tsunami wiesen schon vor langer Zeit Geologen daraufhin, dass bis zur Katastrophe dicht besiedelte Gebiete aus gutem Grund früher nicht besiedelt wurden.
Bei der geologischen Risikoanalyse von AKW-Kraftwerken muss man vorsichtig sein, auf wen man mit dem Finger zeigt: Geologen und Ingenieure haben heute ganz andere Meßtechniken und Erfahrungswerte zur Verfügung als vor 40 Jahren. Immerhin ist man jetzt jedoch dabei, die AKW-Standorte aufs Neue genauer unter die Lupe zu nehmen, und – dies das eigentliche Novum – die Öffentlichkeit von den Resultaten zu unterrichten. Oder, anders gesagt, ist die Presse endlich daran interessiert, da die Leserschaft mehr zu wissen wollen scheint.

Diese Taktik birgt ihre Risiken – für die Bevölkerung: Letztendlich versuchen die Verantwortlichen damit, einzelne AKW zu legitimieren. Jedoch sind Presse und Öffentlichkeit mittlerweile genügend sensibilisiert, und da es in Japan kaum einen Winkel gibt, in dem es keine aktiven Verwerfungen gibt, fällt ein AKW nach dem anderen durch. So scheint es zumindest momentan. Mit etwas Glück sorgt die Wissenschaft damit vielleicht sogar zur Einsicht. Aber das ist sehr optimistisch ausgedrückt, denn es sieht nicht gerade so aus, als ob man ernsthaft nach Alternativen für eine nachhaltige Energieversorgung zu suchen scheint.

Zwei Jahre nach der Katastrophe leben noch cirka 310’0000 Menschen in Notunterkünften. Das ist nicht unbedingt damit zu erklären, dass es an Aufbaumitteln mangelt. Mancherorts liegt es schlichtweg daran, dass man sich nicht entscheiden kann, wo man die jeweilige Stadt wieder aufbaut. Die Überlebenden werden durchaus am Entscheidungsprozess beteiligt, und so kommt es in manchen Orten zu einem Stuttgart 21 im Kleinstadtformat: Die einen wollen genau dort wieder bauen, wo das Wasser wütete – nur hinter höheren Deichen. Die anderen, und mancherorts sind die in der Minderheit, wollen lieber ein paar Kilometer landeinwärts siedeln. Wieder andere, und das sind nicht wenige, haben genug und wollen einfach nur ganz weg. Man befürchtet eine beschleunigte Entvölkerung des Nordostens, und das zu recht – die Abwanderung hält sowieso schon seit Jahrzehnten an.

Heute hiess es um 14:46 also wieder 黙祷! (mokutō – “Schweigegebet”) und vielerorts heulten die Sirenen. Ich hätte nichts dagegen, wenn man eigenartige Feiertage wie den Tag des Grüns oder den Tag des Meeres abschafft, und stattdessen den 11. März zum Feiertag erklärt: Einem Feiertag zum Gedenken an die Erdbeben- und Tsunamiopfer sowie ein Tag der Mahnung daran, was passieren kann, wenn man leichtsinnig mit dem Feuer spielt.

Wer in letzter Zeit auf gute Reportagen zum Thema gestoßen ist – egal ob Print oder Fernsehen, Japanisch, Englisch oder Deutsch – nur her damit!

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Report: Antiatomkraft-Demo in Tokyo

Juli 17th, 2012 | Tagged , , , | 17 Kommentare | 1059 mal gelesen

Heute, am 17. Juni, habe ich just meine guten Vorsätze über Bord geworfen: Eigentlich hatte ich mir selbst auferlegt, in Japan nicht politisch aktiv zu werden – sprich, ich hielt es zum Beispiel für fraglich, ob ich das Recht dazu habe, mich an Demos zu beteiligen. Schliesslich bin ich hier nur zu Gast. Wenn auch ein hartnäckiger Gast.

Demobeginn in Yoyogi: Alles schön bunt

Doch wenn ich das Herumgeeiere in puncto Kernkraft hier so sehe, sehe ich mich wirklich gezwungen, meine Prinzipien über Bord zu werfen. Immerhin musste meine Frau mit unserem damals 1-monatigen Sohn und 4-jähriger Tochter damals wegen der letztendlich hausgemachten Katastrophe von Fukushima fluchtartig die Stadt verlassen. Und nun ist die Politik dabei, dem Volk weiszumachen, dass man doch besser die AKWs wieder anwerfen sollte, weil sonst das Licht ausgeht. Nur 16 Monate nach Fukushima. Man lernt einfach nichts dazu, und anstatt nach Alternativen zu suchen, will man weitermachen wie bisher.
Heute (ein Feiertag) fand aus diesem Grund die 10万人集会 jūmannin shūkai – 100’000-Leute-Zusammenkunft statt. Man versammelte sich ab Mittag im grossen Yoyogi-Park mitten im Zentrum. Berühmte Musiker (zum Beispiel Ryūichi Sakamoto) und Schriftsteller (zum Beispiel Literaturnobelpreisträger Kenzaburō Ōe) traten auf, und am Ende zogen die Demonstranten auf drei verschiedenen Routen durch die Stadt.
An einer japanischen Demo teilzunehmen ist prinzipiell unspektakulär und ähnlich gefährlich, wie einem 2-jährigen den Lutscher wegzunehmen. Gewaltausbrüche sind auf gar keinen Fall zu erwarten. Keine Chaoten, kein schwarzer Block, keine knüppelschwingenden Polizisten. Zwar hatte ich trotzdem Allein machen sie dich ein von Ton Steine Scherben im Ohr, aber da geht es auch nur ums Prinzip: Scheinbar ist der Politik in Japan egal, was die Leute denken, aber es muss selbst in Japan eine Schmerzgrenze für Politiker geben. Liegt die bei 100,000 Demonstranten? Scheinbar nicht. Eine Million? Wer weiss. Also erstmal hingehen. Selbst meine Schwiegeeltern haben beschlossen, hinzugehen (ihre erste Demo) und sich eigens ein Schild gemacht.
Eigentlich wollte ich mit Frau und Kindern hin, aber das mussten wir kurzfristig verwerfen.

Sehr clever: Losung einfach auf Sonnenschirm kleben!

Solche Menschenmassen bei rund 35 Grad und brennender Sonne kommt bei Kleinkindern nicht so gut an. Also ging es allein los. Ohne Schild. Dabei sein ist alles! In Yoyogi, genauer gesagt rund um dem Bahnhof Harajuku, war die Hölle los, denn gleichzeitig fand dort die Show “Disney on Ice” statt. Was für eine Mischung. Über dem Park schwebten 5 Pressehubschrauber, und hunderte Polizisten sorgten für Ordnung. Viele Teilnehmer hatten selbstgebastelte Schilder dabei, andere beklebten praktischerweise ihre Sonnenschirme mit Losungen. Eine junge Band spielte live auf einem Anhänger – ganz unjapanisch und sehr erfrischend. Natürlich waren nicht alle Teilnehmer aus eigenen Stücken da. Ein paar politische Parteien und Organisationen schickten ihre Leute hin. Alles in allem war es sehr bunt.
Wie die Demo selbst ablief, war typisch japanisch: Sehr, sehr geordnet. Nur ein Teil der Straße wird gesperrt, also zieht sich der ganze Tross in die Länge. Zudem wird der Tross auch noch von langen Ampelphasen zerhackt, aber irgendwie trifft man sich schon wieder. Die Polizei ist massiv präsent, aber nur, um für Ordnung zu sorgen und alles in allem recht wohlwollend. Nach einer Stunde war der Zug auch schon vorbei.
Ob es was bringt? Laut Veranstalter waren 170’000 Menschen dort. Laut Polizei 70’000. Die wahre Zahl wird erfahrungsgemäss irgendwo dazwischen liegen, aber die Chancen liegen entsprechend nicht schlecht, dass es wirklich über 100’000 waren. Man kann nur hoffen, dass die Bewegung nicht abebbt, denn die Regierung will in der kommenden Woche die Genehmigung für das Hochschalten eines weiteren Reaktors erteilen. Und das ist besorgniserregend, denn so will man Schritt für Schritt zurück zur “Normalität”. Und das ist alles andere als normal.

Anbei noch ein kurzes Video – am häufigsten hörte man die folgenden Sätze:

再稼働撤回 Saikadō Tekkai – Nehmt die Wiederinbetriebnahme zurück
脱原発 Datsu-Genpatsu – Raus aus der Atomkraft!
原発反対 Genpatsu Hantai – Gegen Atomkraft!

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Parteien-wie-Unterhosen-Wechsler, Atomkraft und Kan vs. TEPCO

Juli 3rd, 2012 | Tagged , | 8 Kommentare | 727 mal gelesen

Ein jeder hat sicher seinen Haßpolitiker – das Wort benutze ich nur sehr ungern, aber ich denke, die meisten wissen, was ich meine: Einen Politiker, den man einfach nicht mehr sehen und/oder hören möchte. Aus welchen Gründen auch immer. Diese Meinung muss nicht von Dauer sein – erst neulich habe ich etwas sehr Vernünftiges von Schäuble gehört (dummerweise habe ich es jedoch schon wieder vergessen) – das mich fast meine Meinung hat ändern lassen. In Japan ist es jedenfalls Ichirō Ozawa, der mich regelmässig auf die Palme bringt. Der Herr ist ein Anwalt aus der Präfektur Iwate, entsprang einer Politikerdynastie und ist seit Jahrzehnten ein politisches Schwergewicht. Erst war er bei den damals regierenden Liberalen. Dann verliess er die Partei unter Getöse und nahm einen Tross aus Abgeordneten dabei mit. Dann ging er zur Shinseitō 新生党. Danach zur Shinshintō 新進党. Dann zur Jiyūtō 自由党. Und dann, als jene gerade Aufwind bekamen, zu den Demokraten, also der Minshutō 民主党.
Und dreimal darf geraten werden, was heute geschehen ist – Mr. Ozawa, die graue Eminenz, von vielen auch – zu Recht – der Zerstörer genannt, verliess heute seine Partei, und riss dabei natürlich wieder seinen Tross mit: 38 Abgeordnete der regierenden Demokraten aus dem Unterhaus und 12 aus dem Oberhaus. Ziel: Die Gründung einer neuen Partei.

Opportunistisch sein ist gut. Reden können – auch gut. Mal mit der Faust auf den Tisch hauen und entsprechend der eigenen Gesinnung Konsequenzen ziehen ist in der Regel korrekt. Aber ein Politiker, der nunmehr zum sechsten Mal die Partei wechselt, ist in meinen Augen einfach nur noch suspekt. Zumal der Mann offensichtlich grossen Einfluss hat, sonst würde er nicht immer wieder auf den Füßen landen. Bisher hat er auch jeden Korruptionsskandal / Prozess um illegale Parteispenden überlebt – so wurden meist nur seine Untertanen verurteilt.

Dieses Mal stieß sich Ozawa an der Anhebung der Mehrwertsteuer. In der vergangenen Woche, am 26. Juni 2012, einigten sich die Regierungspartei sowie zwei Oppositionsparteien – die Liberalen und die Kōmeitō darauf, die Mehrwertsteuer bis 2015 von jetzt 5% auf 10% anzuheben. Die Debatte dazu kann man hier (Oberhaus-TV) sehen – das ganze dauert allerdings drei Stunden. Von 478 Abgeordneten stimmten 363 Abgeordnete für die 消費税増税法案 Gesetzesnovelle zur Anhebung der Mehrwertsteuer, 97 (darunter 57 Abgeordnete der Ozawa-Fraktion) stimmten dagegen. Das ist ein beachtlicher Erfolg für den Ministerpräsidenten Noda. Gleichzeitig wurden übrigens zwei weitere Gesetzesentwürfe abgenickt – auch von Opposition und Regierungspartei (ohne Ozawa natürlich): Eine Gesetzesentwurf zur Reformierung der sozialen Sicherheit sowie eine überarbeitete Fassung des Kinderbetreuungsstättengesetzes. Die genauern Abstimmungsergebnisse gibt es hier.

Ozawa arbeitet schon sehr lange gegen die eigene Partei – und zwar auf recht intrigante Art und Weise. Eigentlich brauchten die Demokraten gar keine Opposition in den beiden Abgeordnetenhäusern – sie hatten ja Ozawa, der kein Mikrophon und keine Kamera ausliess, um gegen seine Parteikollegen zu wettern. Dieses Mal mokierte er einen Verstoß gegen das Manifest und sah zudem durch den Schulterschluss mit der Opposition die Demokratie in Japan gefährdet. Gegenvorschläge? Aber nicht doch. Von Herrn Ozawa hört man in der Regel nur abgedroschene Phrasen ohne konstruktive Gegenvorschläge.

Die höhere Mehrwertsteuer wird kommen. Es scheint nicht mehr anders zu gehen. Japan hat im internationalen Vergleich sehr niedrige Steuersätze; dafür aber eine exorbitante Staatsverschuldung, gegen die Griechenland wie ein Waisenknabe aussieht. Der feine Unterschied zu Griechenland ist freilich, dass sich Japan einen Großteil des Geldes im Inland borgen kann. Ab jetzt heisst es dann also nicht mehr borgen, sondern nehmen. Über den Effekt der Mehrwertsteuererhöhung kann man freilich streiten. Die Wirtschaft stottert vor sich hin, und die Erhöhung könnte eine dauerhafte Erholung von der Rezession der letzten Jahre abwürgen. Andererseits braucht der Staat mehr Steuereinnahmen, um der gesellschaftlichen Veränderung (Kindermangel, Überalterung) entgegen treten zu können.

——

Die atomkraftfreie Phase in Japan hielt nur ein paar Wochen, aber das war abzusehen: Einer der vier Reaktoren des zweitgrössten AKW Japans, das 大飯発電所 (Ōi-Kraftwerk) in der Präfektur Fukui (nördlich von Kyōto), nahm heuer wieder den Betrieb auf. Dagegen gab es zahlreiche Protestaktionen im näheren Umfeld des entlegenen Meilers - viele Teilnehmer reisten dabei aus unterschiedlichsten Regionen Japans an. Begründung für die Inbetriebnahme des Meilers durch KEPCO (Stromlieferant für die Kansai-Region): Der Strom reicht nicht für den Sommer. Selbst wenn alle Strom sparen. Das mag sein, aber schade ist es trotzdem, denn damit ist wahrscheinlich ein Damm gebrochen: Sicher werden mehr AKW folgen, und die Stromkonzerne werden bei der Suche nach Alternativen wieder weniger Drang verspüren. Es sei denn, der Widerstand schafft es wirklich, Einfluß nehmen zu können, was man momentan noch bezweifeln muss.

——

Eigentlich wollte ich schon viel eher darüber schreiben, aber ich hatte einfach nicht die Muße dazu. Und daher wird dies nur eine Randnotiz: Am 9. Juni wurden die Ergebnisse eines Ausschusses zur Untersuchung der Nuklearkatastrophe von Fukushima veröffentlicht. Laut Untersuchung tragen da der damalige Ministerpräsident Kan und sein Amt (“Kantei”, siehe Wikipedia) eine grosse Mitschuld an der Katastrophe durch unverhältnismässige Einmischung in die Geschehnisse (O-Ton: 過剰介入, siehe hier (Jiji)). Laut Vertretern von TEPCO sei es nicht so gewesen, dass TEPCO in der Nacht vom 14. zum 15. März alle Arbeiter aus dem explodierenden AKW abziehen wollte, sondern “ein paar Leute dalassen wollte”. Die Behauptung, Kan sei es zu verdanken, dass das AKW nicht sich selbst überlassen wurde, sei deshalb eine Legende und seine Einmischung in die Geschehnisse von daher eher störend gewesen.

Hmm. Das riecht ganz streng nach… ich weiss es nicht. Rufmord? Mundtot machen? TEPCO, der Engel in der Not, der alles richtig machte – dann aber von der Regierung gestört wurde? Ein wirklich irrwitziger Gedanke, bedenkt man das Chaos bei TEPCO nach dem Tsunami. Und nach weit mehr als einem Jahr heisst es plötzlich, “wir hatten eigentlich alles unter Kontrolle?”. Was für ein schaler Scherz.

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Save Minamisōma – Update und ein paar Dankeschöns

April 7th, 2012 | Tagged , , | 7 Kommentare | 856 mal gelesen

Ja, das Thema verschwindet natürlich nach mehr als einem Jahr allmählich aus den Köpfen, aber leider geht die Misere für viele noch weiter. Zum Beispiel für Tausende Menschen in 南相馬 Minami-Sōma, die immernoch in Behelfsunterkünften, sprich Containern, ausharren müssen. Die meisten von ihnen haben entweder durch den Tsunami ihr Haus verloren oder mussten aus der Sperrzone um das havarierte AKW fliehen, da Teile der Stadt innerhalb der Sperrzone liegen. In beiden Fällen herrscht nachwievor Ungewissheit: Wie wird der Flächennutzungsplan für die Tsunami-gefährdeten Stadtteile aussehen? Wird es einen komplettes Bauverbot geben – und werden in dem Fall die Menschen entschädigt? Noch ungewisser ist die Zukunft natürlich für die Menschen, die aus der Sperrzone kommen. Es gibt Überlegungen, Teile der Sperrzone wieder begrenzt zugänglich zu machen, aber all das wird noch dauern, und da wäre ja auch noch die schleichende Gefahr durch die natürlich immernoch hohen Strahlenwerte.

Verteilung von Spenden am 1. Januar in Minami-Sōma

Hinzu kommt, dass die radioaktiven Partikel natürlich erst allmählich in den Wasserkreislauf gelangen. Das Trinkwasser beziehen die Bewohner aus Flüssen, die aus den hohen Bergen im Hinterland entspringen. Jedoch – gerade in den Bergen ist die Strahlung aussergewöhnlich hoch. Man muss kein Geograph oder Strahlenexperte sein, um sich auszurechnen, was auf absehbare Zeit mit dem Trinkwasser geschehen wird. Jedoch: Messwerte gibt es nicht, oder sie werden nicht oder wenn doch erst viel zu spät veröffentlicht. Das verunsichert die Einwohner natürlich, und so kaufen sie ihr Wasser verständlicherweise lieber im Supermarkt. Dort kostet der Liter allerdings ab 80 Yen pro Liter, anstelle der 0.18 yen, die es kosten würde, wenn das Wasser aus dem Hahn trinkbar wäre. Da die Behörden das Problem nicht anerkennen, bezahlen das natürlich alle aus eigener Tasche.

Und so geht das Save Minamisōma-Projekt (SMP) auf unabsehbare Zeit weiter. Es muss weitergehen, denn es hat sich ja nichts verbessert. Den Bewohnern der Container kann man jetzt schlecht sagen “Tja, war schön mit Euch, aber jetzt ist ja ein gutes Jahr rum, das sollte dann mal langsam reichen”. Sicher, sie würden es irgendwo verstehen. Aber sie wären auf jeden Fall sehr enttäuscht.

Im vergangenen Jahr hatte ich erstmals über SMP berichtet, und auch zu Spenden aufgerufen. Es kamen auf diese Weise alles in allem ca. 300 Euro zustande. Allen Spendern habe ich natürlich persönlich gedankt, aber trotzdem noch mal an alle: Dankeschön! Das Geld war sehr gut angelegt, und die Mitglieder von Save Minamisōma sowie natürlich vor allem die Betroffenen wissen das sehr zu schätzen.

Hilfeaufruf für Japan

Einige Zeit später meldete sich Frank Borsitz bei DinJ und fragte die Liste, ob nicht irgendjemand eine Organisation kenne, die die von ihm organisierten Spenden gebrauchen könnten. Nun, ich wusste da jemanden, und so gelangten 420 Euro bzw. zum damaligen Umtauschkurs 45,000 Yen an SMP. Deshalb an dieser Stelle auch ein ganz grosses Dankeschön an Frank – für die Idee, für das Vertrauen und den reibungslosen Ablauf. Frank hat nach der Katastrophe die Webseite Hilfeaufruf für Japan in Gang gebracht und zahlreiche Firmen und Einzelpersonen zu Spenden bewegen können. Ein Teil davon ging nun an SMP.

Als nächstes wurde ich von Enrico, einem Freund und Stammleser (seine Frau kenne ich nun schon seit über 15 Jahren, ihn persönlich seit rund 6 Jahren) angesprochen – der “Freies Wort hilft e.V.”, ein Thüringer Verein, suchte nach einem angemessene Empfänger für die Spenden, die dank der Leser der Tageszeitung “Freies Wort” für Japan und diverser Aktivitäten des Vereins zusammenkamen. Auf diese Weise kam SMP eine Spende von 12’908.46 Euro, also fast 1,4 Millionen Yen, zu.

Freies Wort hilft e.V.

Aus diesem Grund möchte ich mich hiermit bei allen Thüringern bedanken, die gespendet haben oder sonstwie an Aktionen beteiligt waren. Die Hilfsbereitschaft nicht nur hier vor Ort, sondern auch von Menschen, die ganz weit Weg sind von Japan (oder Sri Lanka, Somalia, Haiti – wo auch immer Spenden und Hilfen jeglicher Art gebraucht werden) ist wirklich ermunternd und verfehlt nicht seine Wirkung bei den unmittelbar Betroffenen. An dieser Stelle neben Enrico auch ein ganz grosses Dankeschön an Herrn Ermert vom Verein bzw. stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift “Freies Wort” sowie an Yvonne Reißig, einer Journalistin aus Eisenach, die dafür sorgten, dass alles reibungslos über die Bühne ging mit den Spenden.

Und so wird SMP dank der Spenden weitergehen. So lange, bis die Menschen dort wieder eine Perspektive haben. Wer sich irgendwie daran beteiligen möchte, kann das gern immernoch tun – entweder mit Spendne oder, falls vor Ort, mit Teilnahme (über Facebook-Seite anfragen).

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Warum trifft Journalismus über Japan nachwievor nicht den Punkt?

Februar 23rd, 2012 | Tagged , , | 33 Kommentare | 1805 mal gelesen

Neulich stolperte ich als regelmässiger Nutzer der Tagesschau-App (die, so viel Lob muss sein, sehr gut gemacht ist) über einen kurzen Artikel mit dem Titel “Das vielfache Vergessen von Fukushima“. Ein Video dazu war auch da (nun scheint es wohl weg zu sein) und dutzende Kommentare, bei denen sich mir wirklich der Magen umdrehte. Auch die Kommentare kann ich nicht mehr finden. Ist wohl auch besser so.

Lese ich mir den Artikel so durch, bekomme ich es mit der Angst zu tun. Sind alle Themen der Tagesschau so schlecht recherchiert? Eigentlich sollte man doch von der ARD vergleichsweise hochwertigen Journalismus erwarten können, oder?

Mein erster Eindruck nach meiner Ankunft in Tokio war ernüchternd: Für die Bewohner der Millionen-Metropole scheint Fukushima genauso weit weg zu sein wie für die Menschen in Köln oder Berlin. Auf den Straßen herrscht Betriebsamkeit, wie man sie von Fotos oder Filmen her kennt.

Du meine Güte – was hat der Berichterstatter erwartet? Das alle mit gesenktem Kopf und Gasmaske trist und traurig durch die Strassen schleichen? Hätte der Reporter doch mit Hilfe seines Dolmetschers, den er doch hoffentlich dabei hatte, wenigstens ein paar Leute interviewt! Dann hätte er wahrscheinlich schnell herausgefunden, dass die Katastrophe den Leuten noch immer in den Knochen steckt! Es vergeht kaum ein Tag ohne bemerkenswerte Erdstösse. Und Fukushima taucht nahezu täglich in den Nachrichten auf. Viele Leute haben das Gefühl, dass das noch nicht alles war. Vor allem nicht in Sachen Erdbeben, denn zahlreiche Wissenschaftler haben erst kürzlich vermeldet, dass die Wahrscheinlichkeit, das Tokyo in ziemlich naher Zukunft einen schweren Direkttreffer erleben könnte stark gestiegen ist.

Auch die Sorge um verstrahlte Lebensmittel und das Gefühl, dass im AKW Fukushima noch lange nicht alles in trockenen Tüchern ist, ist bei vielen vorhanden. Aber, lieber Reporter, drei Mal darfst Du raten, wovor der Hauptstädter mehr Angst hat: Vor einem schweren Erdbeben direkt unter der Hauptstadt mit zehntausenden Toten, hunderttausenden zerstörten Häusern, wochenlangen Versorgungsengpässen und so weiter und so fort, oder vor Fukushima? Vor Fukushima natürlich? Ist klar…

Am Abend flimmert und leuchtet die Stadt, keine Spur von Stromausfällen – obwohl inzwischen nur noch ganze drei der einst 54 AKW des Landes am Netz sind.

Klingt alles so einfach, oder? Als ob man die 54 AKW ganz aus Spass betrieben hatte! Vielleicht sollte mit einer winzigen Fussnote erwähnt werden, das Japan einen sehr hohen Preis dafür zahlt. Aufgrund der jetzigen Lage verzeichnet Japan das erste Handelsdefizit seit Erhebung der Daten 1979. Warum? Fossile Brennstoffe müssen teuer importiert werden. Die Folge, vor allem aufgrund der seit Monaten steigenden Energiepreise: Rezession. Wieder. Klar, ohne die AKW ist es besser – und die letzten 3 kann man jetzt auch ruhig abschalten (aber das wird so schnell nicht passieren).

Immerhin hat sich der Reporter mit japanischer Begleitung nach Minami-Sōma gewagt, und seine Beobachtungen dort decken sich zum Teil mit dem, was ich dort erlebt habe. Die Region ist nachwievor im Ausnahmezustand.

Wesentlich schlimmer als der Artikel waren die Kommentare. Eine arme, gut deutsch schreibende Japanerin verzweifelte schier daran und versuchte zu erklären, welchen Stellenwert welcher Teil der Katastrophe für die Japaner hat. Sie wurde natürlich gleich als Atomlobbyistin abgetan. Wer nicht wie wir ist, muss einer von denen sein. Ein Kommentator war sich auch ganz sicher, dass in Kürze ganz Japan, Korea und Sibirien verstrahlt sein werden.

Nun – Ziel des Reporters war es, sich “… ein Bild davon machen, welche Spuren die größte Reaktorkatastrophe seit Tschernobyl in diesem Land hinterlassen hat – auf den Straßen, Feldern und Dächern der Städte rund um den Reaktor, aber auch in den Köpfen und Herzen der Menschen.” Ziel verfehlt. Vielleicht begreift irgendwann mal ein Reporter, das man die drei Komponenten – Tsunami, Erdbeben und Reaktorkatastrophe – nicht so ohne weiteres trennen sollte? Allein in Minamisōma sind über 400 Leute vom Tsunami getötet worden, und rund 1’000 Bewohner gelten als vermisst. Auch das beschäftigt die Menschen nachwievor. Aber Erdbeben und Tsunami sind wahrscheinlich zu abstrakt und so weit entfernt wie Köln oder Berlin…

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Geigergezähltes: Strahlungswerte selbst gemessen

Januar 10th, 2012 | Tagged , , | 12 Kommentare | 1257 mal gelesen

Geigerzähler in der Wohnung: Nochmal Glück gehabt?

Bloggerkollege Coolio erwähnte neulich in diesem Beitrag, dass es momentan recht günstig ist, an Geigerzähler heranzukommen: Findige Unternehmer haben grosse Mengen der Geräte nach Japan importiert, waren damit aber offensichtlich etwas spät dran: Die Nachfrage ist nicht mehr da. Und so werden zum Beispiel hier bei Amazon handliche Geigerzähler aus Rußland vertickt – für 13,800 Yen statt den ursprünglichen 69,800 Yen. Gute 100 Euro für einen Geigerzähler? Da konnte ich schlecht nein sagen. Gesagt, getan – zwei Tage später hielt ich das kleine, leichte Gerät in den Händen.

Will ich wirklich wissen, wie hoch die Strahlung bei uns ist? Jetzt, wo scheinbar alle Messen schon gesungen sind? Aber sicher doch. Ich will letzten Endes nicht wissen, was irgendwer irgendwann in der Nähe gemessen hat, sondern wie es direkt bei uns aussieht – in der Wohnung zum Beispiel, oder vor dem Haus. Zumal unsere Stadt ja auch als Hotspot bezeichnet wird – wenn auch mit geringeren Werten als anderswo in der Gegend.

Die Messergebnisse überraschen nicht – das ist die gute Nachricht. Je nachdem, in welche Richtung das Gerät zeigt und wo ich es hinlege, messe ich zwischen 0.07 und 0.14 Mikrosievert pro Stunde. Das ist relativ normal. In den Parks unserer Stadt messe ich im Schnitt 0.2 Mikrosievert – in manchen ca. 0.12, in anderen bis über 0.3 Mikrosievert, je nachdem, wo ich messe. Die Werte im bzw. beim Kindergarten unserer Tochter liegen um die 0.15 Mikrosievert in Bodennähe und etwas niedriger in 1 Meter Höhe. Wo ich auch messe – die Anzeige ist im grünen Bereich, das Gerät sagt “Normal Radiation Background”.

Nicht mehr im grünen Bereich: Strahlung im Park

Eine weitere Messung dann heute: Es ging zum 若潮公園 – Wakashio-Park, dem beliebtesten Park bei uns im Stadtzentrum. Dort gibt es einen Verkehrsgarten (seit dem Beben wegen Baufälligkeit gesperrt) und ein zweistöckiges Haus, darin zahlreiche Einrichtungen, wo sich die lieben kleinen austoben können. Vor ein paar Wochen war der Park kurz im Gespräch, da dort an einem defekten Fallrohr sehr hohe Strahlung gemessen wurde. Angeblich wurde das Fallrohr ausgetauscht und die kontaminierte Erde rundherum abgetragen. Kurzer Test heute – Gerät an eine der Regenrinnen in Bodenhöhe gehalten, und siehe da: Anzeige wird gelb: “High radiation background”, 0.51 Mikrosievert. Ohne gross zu suchen, wohlgemerkt: Ich habe nur dort gemessen.

Fazit: Die Ergebnisse, wie sie in den Medien hier kursieren, kann ich vorerst nur bestätigen: Leicht erhöhte (aber nach allgemeiner Meinung unbedenkliche) Strahlenwerte ausserhalb, aber hier und da Punkte mit erhöhter bis stark erhöhter Strahlung. Erfahrungsgemäß sind dies dummerweise die Punkte, die von kleinen Kindern bevorzugt werden. Es ist sicherlich nicht verkehrt, zu wissen, wo diese Punkte sind.

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