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Fukushima-Bazille oder Von geistig verarmten Lehrern

Dezember 5th, 2016 | Tagged , , | Kein Kommentar bisher | 330 mal gelesen

Dass Kinder aus Fukushima, die 2011 nach der Erdbeben- / Tsunami- / AKW-Katastrophe in anderen Gegenden Japans zogen, um dem Strahlenrisiko zu entkommen, in manchen Schulen Probleme bekommen würden, war leider von vornherein klar. Zu groß ist in gewissen Teilen der japanischen Gesellschaft das Bedürfnis, andere Menschen zu stigmatisieren – egal ob Ausländer oder Japaner. Das war und ist bei den burakumin so, oder bei Koreanern, bei Opfern der Atombombenabwürfe oder bei Betroffenen der Minamata-Krankheit. Oder bei Kindern mit ausländischem Elternteil.

So kam in der vergangenen Woche ans Licht, dass ein Viertklässler in der Präfektur Niigata von seinen Mitschülern gehänselt wurde – indem sie an seinen Namen nicht das übliche „-kun“ (wird für Jungs verwendet) benutzten, sondern „-kin“ – mit dem Schriftzeichen „菌“ geschrieben. Und das steht für „Bazille“. Die Mitschüler spielten damit auf die Herkunft des Jungen an und das Gerücht, dass von der Reaktorkatastrophe Betroffene unrein sind und Krankheiten verbreiten könnte.

Dem Jungen war es irgendwann genug, und er beschloss, nicht mehr zur Schule zu gehen. Doch nachdem die Eltern nachbohrten, kam etwas besonders Abscheuliches ans Tageslicht. Der Junge hatte sich nämlich vorher bei seinem Lehrer darüber beklagt, „~kin“ genannt zu werden. Dem Lehrer war also die Problematik bewusst gewesen. Doch einige Zeit später nannte eben jener Lehrer vor anderen Schulkindern den Jungen ebenfalls „~kin“.

Die Eltern hörten davon und setzten sich mit der Schule in Verbindung. Der Lehrer stritt den Vorfall erst ab. Später verbesserte er sich und sagte aus, dass er „womöglich, aber unabsichtlich den allgemeinen Rufnamen“ benutzt haben könnte. Bei einer dritten Anfrage gab er letztendlich zu, den Jungen im Beisein anderer Schüler „~kin“ genannt zu haben.
Heute berief der Direktor der Schule eine außerordentliche Schulversammlung an und entschuldige sich öffentlich bei dem Jungen. Der Direktor, wohlgemerkt — nicht der besagte Lehrer.

Der Junge ist Viertklässler, genau wie meine Tochter. Wenn ich nur daran denke, dass ein Grundschullehrer (!!!) sich so benehmen kann, mache ich mir ernsthafte Sorgen. Auch in der Schule meiner Tochter gibt es einen „Spezi“ – ein Lehrer, dem jetzt endgültig der Führerschein abgenommen wurde, da er wiederholt ohne Führerschein (der ihn wegen diverser Delikte zuvor abgenommen wurde) erwischt wurde.

Schaut man sich Kommentare in den sozialen Netzwerken so an, findet man zahlreiche Japaner, die beklagen, dass das Niveau der Schullehrer stark gesunken sei. Man fühlt sich versucht, diesen Kommentaren Glauben zu schenken, aber ich bin mir da nicht ganz so sicher. Denn Vorfälle wie diese, insbesondere die Diskriminierung von Kindern vor anderen Schulkindern, gab es in Japan eigentlich schon immer – das ist nichts Neues. Man kann sich natürlich enttäuscht darüber zeigen, dass sich offensichtlich nicht viel geändert hat.

Fälle von Schikanierung von Fukushima-„Flüchtlingen“ sind keine Seltenheit, und die berichteten Fälle sind sicherlich nur die Spitze des Eisberges. Dass jedoch auch ein Lehrer daran beteiligt ist, macht diesen Fall besonders tragisch.

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Interview mit Botschafter Dr. Hans Carl von Werthern

November 10th, 2016 | Tagged , , , | 2 Kommentare | 1955 mal gelesen

Dieses Interview war schon länger in Planung und soll in dieser Form auch nicht das einzige bleiben – geplant ist eine ganze Reihe von Interviews mit Deutschen in Japan. Ein Interview mit dem Botschafter ist natürlich eine ganz besondere Angelegenheit, denn es handelt sich hier um den höchsten Repräsentanten Deutschlands in Japan, und damit um einen ganz eigenen Blickwinkel.

Das Interview fand am 29. September 2016 zwischen dem Botschafter und mir in der Kanzlei der Deutschen Botschaft in Tokyo statt. Zum besseren Verständnis jedoch erstmal eine kurze Biographie des jetzigen Botschafters.

Werdegang
1971 Abitur
1972 Amerikanisches High School Diplom, St. Albans School, Washington, D.C.
1973-1975 Wehrdienst
1979 Diplom-Volkswirt, Universität Mainz
1979-1984 Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität Mainz
1984-1986 Attaché (Ausbildung) im Auswärtigen Amt, Bonn
1986-1987 Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Hamburg
1987-1990 Botschaft Hanoi, Vietnam
1990-1992 Ständige Vertretung bei der NATO, Brüssel
1992-1994 Stv. Ausbildungsleiter für den Höheren Dienst, Auswärtiges Amt, Bonn
1994-1997 Botschaft Asunción, Paraguay
1997-2000 Stv. Leiter des Westeuropa-Referats, Bonn/Berlin
2000-2002 Referent für Europapolitik, FDP-Bundestagsfraktion, Berlin
2003 Royal College of Defence Studies, London
Magister in Internationalen Beziehungen, King’s College, London
2004-2005 Leiter des Arbeitsstabes “Deutschland in Japan 2005/2006”, Auswärtiges Amt, Berlin
2005-2007 Leiter des Ostasienreferats, Auswärtiges Amt, Berlin
2007-2010 Gesandter, Botschaft Peking, China
2010-2011 Beauftragter für Personal, Auswärtiges Amt, Berlin
2011-2014 Leiter der Zentralabteilung, Auswärtiges Amt, Berlin
seit März 2014 Botschafter in Tokyo
Interview mit Botschafter von Werthern

Interview mit Botschafter von Werthern

Tabibito: ​Herr Botschafter, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben. Sie waren vor Japan ja unter anderem in China, Vietnam und in Paraguay tätig. War Japan Ihr Wunschland? Oder wie hat es Sie letztendlich nach Japan verschlagen?
Botschafter von Werthern: ​ Ich war in Deutschland ab 2004 zuständig für ein Großprojekt, das sich „Deutschland in Japan 2005/2006“ nannte, und anschließend Referatsleiter für Ostasien; auch mit der Zuständigkeit für unsere Beziehungen zu Japan. Deswegen habe ich mir immer gewünscht, mal nach Japan versetzt zu werden. Dass ich als Botschafter kommen würde, habe ich mir eigentlich gar nicht zu erträumen gewagt. Deswegen könnte man sagen, dass die Berufung nach Japan die Erfüllung eines Wunsches ist, den ich eigentlich nie ernsthaft gehegt habe.
Tabibito: ​Dann brauche ich Sie wahrscheinlich nicht nach Ihrem ersten Gedanken fragen, der Ihnen durch den Kopf ging, als Sie gehört haben, dass es nach Japan geht.
Botschafter von Werthern: ​Ich war natürlich sehr, sehr froh, denn ich hatte damit eigentlich nicht gerechnet. Ich wusste, dass Japan einer der offenen Posten war, denn die Botschafterstelle war schon seit vier Monaten vakant. Aber es standen auch noch einige andere Posten zur Auswahl, wo ich natürlich auch gerne hingegangen wäre. Japan stand jedoch ganz oben auf meiner Liste.
Tabibito: ​ Haben Ihnen Ihre Erfahrungen in China eigentlich in Japan helfen können?
Botschafter von Werthern: ​ Ja, sehr. Ich habe in Peking beziehungsweise von Peking aus auch auf die Region im weiteren Sinne geschaut, inklusive der Beziehungen Chinas mit seinen Nachbarn, mit Japan und Korea, die Territorialkonflikte im Südchinesischen und im Ostchinesischen Meer. Ich finde, dass mir das geholfen hat, weil ich sozusagen auch die andere Seite gut kenne. Das hilft natürlich beim Verständnis des Konfliktes als solchem, aber auch beim Verständnis dafür, wie Japan auf manche Dinge reagiert.
Tabibito: ​Dazu aus aktuellem Anlass: Vor zwei Stunden ist in fünfhundert Metern Entfernung von der Botschaft eine anti-chinesische Demonstration vorbeigezogen. Haben Sie das in China eigentlich auch einmal erlebt?
Botschafter von Werthern: ​ Ja, es gab anti-japanische Demonstrationen, es gab auch anti-europäische, z.B. anti-französische Demonstrationen. So hat es 2008, als das olympische Feuer durch die Welt getragen wurde, einen sehr unschönen Vorfall in Paris gegeben. Da ist die chinesische Fackelträgerin – eine Rollstuhlfahrerin – angegriffen worden. Danach hat es wilde Proteste in China gegeben, zum Beispiel auch einen Boykott von Carrefour. Es hat auch anti-japanische Demonstrationen gegeben; zum Teil sicher auch staatlich gelenkt. Weder in China noch hier in Japan gefallen mir diese Dinge. Ich verstehe zwar nicht, was sie sagen, aber diese von der Intonation her hasserfüllten Brüllereien sind nicht nur unjapanisch, sondern auch unschön.
Tabibito: ​ Das war ja zum Glück nur ein sehr kleines Häufchen. Aber nun zu etwas anderem. Sie haben ja die Stelle an der Botschaft in Tokyo im Frühjahr 2014 angetreten. Keine drei Monate später waren Sie bereits in Fukushima vor Ort. Es ist schon eine Weile her, aber was war Ihr persönlicher Eindruck von der Lage vor Ort?
Botschafter von Werthern: ​Das war schon ein spannender Besuch in jeglicher Hinsicht. Ich war zum ersten Mal überhaupt im Leben im Inneren eines Atomkraftwerks, noch dazu im Inneren eines havarierten Atomkraftwerks. Uns wurde alles gezeigt, was wir sehen wollten – und wo man hin konnte, natürlich – einige Stellen sind natürlich immer noch viel zu gefährlich wegen der hohen Strahlung. Ich hatte das Gefühl, dass die Betreiber des Kraftwerks das Menschenmögliche tun, um dort die Schäden zu beseitigen. Nach eigener Aussage wird das aber mindestens vierzig Jahre dauern. Das hängt natürlich damit zusammen, dass die Probleme unglaublich groß sind. Also auch jetzt, zwei Jahre nach meinem Besuch, haben sie den Durchfluss des Grundwassers immer noch nicht im Griff. Und auch die Dekontaminierung des Grundwassers, sowie die Dekontaminierung der Erde außenrum, ist sehr, sehr schwierig und langwierig. Nachdem ich das gesehen habe, verstehe ich noch besser den Beschluss der deutschen Bundesregierung – kurz nach Fukushima ist der ja gefallen – den Zeitplan für den Ausstieg aus der Kernkraft vorzuziehen. Das hat die Bundeskanzlerin ja auch hier öffentlich gesagt im letzten Jahr. Sie hat sich gedacht: Wenn noch nicht einmal ein so hochtechnologisiertes und so hervorragend organisiertes Land wie Japan offensichtlich mit den Risiken der Atomkraft umgehen kann, wer soll das dann eigentlich können?
Tabibito: ​Warum denken Sie, dass Japan nicht damit umgehen kann? Ist es die Natur, ist es menschliches Versagen, ist es politisches Versagen?
Botschafter von Werthern: ​Es ist wie immer ein Zusammenspiel mehrerer Dinge. Ich habe dort auch gelernt, dass das Ausmaß der Katastrophe sehr viel geringer gewesen wäre, wenn man sich an die Auflagen der Aufsichtsbehörde gehalten hätte. Denn die Aufsichtsbehörde hat ja bestimmt, dass die Notfallgeneratoren nicht mehr vor dem Kernkraftwerk, sozusagen am Strand, stehen dürfen, sondern hinter das Kernkraftwerk, höher ins Gelände, verlegt werden müssen. Das haben sie auch getan. Aber die Schaltzentrale ist unten am Strand geblieben, und nachdem sie überflutet war, fiel das ganze Notstromkonzept dort aus. Es ist aber vielleicht wirklich so, dass wir mit den Risiken der Atomkraft gerade in einem Land, das immer wieder von Naturkatastrophen heimgesucht wird, letztendlich nicht jedes Risiko ausschließen können. Und das zeigt Fukushima. Von der auch hier völlig ungelösten Frage der Endlagerung mal ganz abgesehen.
Tabibito: ​Sie haben neulich den Deutsch-Japanischen Kooperationsrat zur Energiewende, kurz GJETC¹, mit ins Leben gerufen. Was wird da im Hinblick auf die Atomkraft geschehen?
Botschafter von Werthern: ​ Dieses Gremium wird sich hauptsächlich mit erneuerbaren Energien beschäftigen. Es geht nicht um Atomkraft, sondern um die Förderung der Erneuerbaren, also Windkraft, Sonnenkraft, Wasserkraft und so weiter. Da haben Deutschland und Japan ohnehin eine enge Zusammenarbeit vereinbart. Anfang des Jahres, als sich die Umweltminister hier getroffen haben, wurde ein Memorandum of Understanding unterschrieben. Dieser Energierat versammelt jetzt Experten und Leute, die ganz praktisch mit erneuerbaren Energiequellen zu tun haben, um Erfahrungen auszutauschen, voneinander zu lernen und in beiden Ländern möglichst die erneuerbaren Energien voranzutreiben.

¹ Siehe Webseite des GJETC und Nachrichten zum Start

Tabibito: ​ Sie haben im Jahr 2015 an der Akita International University eine Rede zum Thema „Deutsch-französische Versöhnung und was man daraus lernen kann“ gehalten. Was kann Japan davon lernen? Ist da irgendwas übertragbar?
Botschafter von Werthern: ​Eins-zu-eins ist sicher nichts übertragbar. Die Situation sowohl unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg als auch in der Zwischenzeit bis heute ist in Ostasien und in Europa doch sehr unterschiedlich. Die Essenz dessen, was ich damals und bei anderen Gelegenheiten gesagt habe, ist aber dies: Die deutsch-französische Erfahrung, dass zwei Länder, die über Jahrhunderte hinweg Erzfeinde waren und viele Kriege gegeneinander geführt haben, jetzt so eng zusammenarbeiten, wie zwei souveräne Länder nur zusammenarbeiten können; dass auch die Zivilgesellschaften eng miteinander verflochten und verbunden sind – diese Erfahrung macht auch für andere Länder oder andere Regionen in der Welt Hoffnung. Wir sagen nicht, dass wir in Europa oder gar die Deutschen es richtig gemacht haben und die anderen falsch – das wäre nicht nur überheblich, sondern auch nicht richtig. Aber gerade letztes Jahr, siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, haben wir oft darüber gesprochen, welche Erfahrungen wir gemacht haben. Wir bieten diese Erfahrungen an, aber Japan und die Japaner müssen daraus ihre eigenen Schlüsse ziehen, wenn sie das überhaupt wollen.
Tabibito: ​Angela Merkel hat rund einen Monat später beim Forum in der Asahi Pressezentrale genau das gleiche Thema angesprochen. Warum gilt das als so wichtig?
Botschafter von Werthern: ​ Zu besonderen Jahrestagen stellt man sich die Frage: „Was können wir lernen, was haben wir mitgenommen?“ So, wie wir uns 2014 die Frage gestellt haben „Befindet sich die Welt möglicherweise in einer Situation, die mit 1914 vergleichbar ist, als der Erste Weltkrieg ausgelöst wurde?“, so hat man sich 2015 eben die Frage gestellt: „Was ist eigentlich 1945 gewesen und warum ist es hier so und dort anders gewesen und welche Schlüsse können wir daraus ziehen?“ Im Wesentlichen lag das an diesem Jubiläum. Und nicht zuletzt hat Premierminister Abe zu dem gleichen Jubiläum im August eine viel beachtete Erklärung abgegeben. Auch in Europa ist natürlich in allen Hauptstädten des Endes des Zweiten Weltkrieges gedacht worden.
Tabibito: ​Was müsste Ihrer Meinung nach eigentlich passieren, damit, die Beziehung zwischen Japan und China sich ähnlich entwickelt wie die zwischen Deutschland und Frankreich oder Deutschland und Polen? Ist das überhaupt möglich in der jetzigen Konstellation?
Botschafter von Werthern: ​Wir hatten in Europa eine wahrscheinlich historisch einmalige Chance. Und insofern hatten wir Deutsche 1945 und in den Jahren danach auch ein unglaubliches Glück, dass wir direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Nachbarn wie Frankreich hatten, die die Hand zur Versöhnung ausgestreckt haben. Schon knapp zwanzig Jahre später, bei der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags 1963, war das Verhältnis zu Frankreich schon schwieriger. Und der Élysée-Vertrag wäre auch beinahe nicht zustande gekommen. Es war wirklich eine historische Chance, die weder für Deutschland heute wiederholbar wäre, noch ist sie für Japan und China wiederholbar. In Europa ist es uns vielleicht besonders gut gelungen, und das ist immer noch weit davon entfernt, vollständig gelungen zu sein, dass wir Deutsche gelernt haben, uns als Täter im Zweiten Weltkrieg zu verstehen – dass wir gelernt haben, in Europa uns selber und die Konflikte mit unseren Nachbarn in der Vergangenheit auch durch die Augen der anderen zu sehen. Jemand hat mal gesagt: „Die Erinnerung an die eigene Vergangenheit ist immer dann unvollständig, wenn sie nicht auch die Erinnerung der Opfer mit umfasst.“ Ich glaube, das haben wir in Deutschland in einem langen, sehr, sehr schmerzhaften und umstrittenen Prozess inzwischen einigermaßen hinbekommen. Und das ist eine Regel, die überall anwendbar sein sollte: Wir müssen versuchen, auch durch die Augen des Anderen sehen zu lernen. Dadurch wären, glaube ich, Fortschritte möglich.
Tabibito: ​Japan und Korea zum Beispiel scheinen ja da noch immer gerade mal auf halbem Wege zu sein. Im August wurde der Oberbürgermeister von Freiburg im Breisgau gefragt, ob er in einem Park der Stadt eine Trostfrauen-Statue aufstellen könne. Und er sagte erst mal ja, hat das aber wieder später zurückgezogen. Was wäre eine diplomatische Antwort auf diese Problematik mit der Trostfrauen-Statue?
Botschafter von Werthern: ​ Die Antwort hat der Oberbürgermeister von Freiburg ja selber gefunden. Er hat gesagt, dass ihm die internationale Implikation nicht klar war, als er dieses Angebot bekommen und ihm zugestimmt hat. Es war ihm nicht klar, welche Gefühle er damit in Japan verletzen würde. Und deswegen hat er diese Entscheidung dann auch zurückgenommen. Das passt schon auch ein bisschen auf die Antwort auf die letzte Frage. In diesem Fall hat man nur auf Korea geschaut und nicht auf Japan. Wenn man beide Winkel in den Blick nimmt, dann findet man auch bessere Antworten. Im Übrigen haben sich Japan und Korea ja in der sogenannten Trostfrauen-Frage doch sehr aufeinander zubewegt. Die Vereinbarung vom 28. Dezember letzten Jahres, die jetzt auch zu großen Teilen umgesetzt worden ist, ist doch nicht nur objektiv eine erfreuliche Entwicklung, sondern wird so auch in Japan und Korea von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung als positiv angesehen.

​Wie das entstanden ist, weiß ich nicht, aber natürlich haben sich viele schon lange die Frage gestellt, warum es eigentlich zwei Demokratien und zwei Marktwirtschaften wie Japan und Korea nicht schon viel früher geschafft haben, im Angesicht eines immer übermächtiger werdenden China näher zueinanderzufinden.

Tabibito: ​Man könnte fast meinen, dass diese doch recht plötzliche und späte Einigung quasi unter dem Druck Chinas entstanden ist. Würden Sie dem zustimmen?
Botschafter von Werthern: ​Wie das entstanden ist, weiß ich nicht, aber natürlich haben sich viele schon lange die Frage gestellt, warum es eigentlich zwei Demokratien und zwei Marktwirtschaften wie Japan und Korea nicht schon viel früher geschafft haben, im Angesicht eines immer übermächtiger werdenden China näher zueinanderzufinden. Aber ob das – ich würde es nicht unbedingt Druck, sondern vielleicht einfach nur Vernunft nennen – eine Rolle gespielt hat, kann ich letztlich nicht beurteilen.

Die Diskussion in Japan heute erinnert mich sehr stark an die Diskussion in Deutschland nach der Wiedervereinigung Anfang der 90er-Jahre, als wir ja auch von der internationalen Staatengemeinschaft aufgefordert wurden, uns stärker an friedenserhaltenden Maßnahmen zu beteiligen.

Tabibito: ​ Die jetzige japanische Regierung versucht momentan, die Verfassung zu ändern. Und zwar geht es vor allem um die Änderung, wenn nicht gar Abschaffung, des sogenannten Pazifismus-Paragrafen 9. Dazu entstand vor zwei Jahren eine interessante Initiative, angestoßen von einer Hausfrau aus Kawasaki. Diese versuchte, genau diesen Paragrafen als Friedensnobelpreis-Kandidaten vorzuschlagen. Was halten Sie eigentlich von der Idee an sich, die Verfassung zu ändern?
Botschafter von Werthern: ​ Nach unserem Staats- und Verfassungsverständnis sind Verfassungsänderungen etwas völlig Normales. Auch das deutsche Grundgesetz ist unzählige Male verändert worden. Allerdings haben wir da den Kernbestand der ersten 19 Artikel, in denen unter anderem grundlegende Menschenrechte festgelegt sind, die nicht verändert werden dürfen. Nach unserem Verständnis ist eigentlich eine Verfassung, die seit fast siebzig Jahren unverändert ist, etwas unnormal. Wenn ich es richtig verstanden habe, will die Regierung auch nicht den Kernbestand des Artikels 9 verändern, also das Verständnis, dass Japan eine friedliche Nation ist und keinen Angriffskrieg mehr führen will, genauso, wie sich Deutschland das ja festgeschrieben hat, sondern Japan möchte in der Lage sein, sich auch mit militärischen Mitteln an internationalen Friedensmissionen zu beteiligen. Das begrüßen wir sehr. Die Diskussion in Japan heute erinnert mich sehr stark an die Diskussion in Deutschland nach der Wiedervereinigung Anfang der 90er-Jahre, als wir ja auch von der internationalen Staatengemeinschaft aufgefordert wurden, uns stärker an friedenserhaltenden Maßnahmen zu beteiligen. Damals dachten in Deutschland auch viele, dass das eine Rückkehr zum alten Militarismus bedeutet. Man muss derlei Veränderungen in der eigenen Bevölkerung sehr sorgfältig diskutieren, und man muss es eben auch dem Nachbarn verständlich machen.
Tabibito: ​Ich denke, da ist noch viel nachzuholen. Denn ein Grundtenor der Rhetorik ist zurzeit, dass sich Japan angeblich im Falle eines Angriffs nicht verteidigen dürfte. Der Eindruck scheint in vielen Schichten der Bevölkerung entstanden zu sein, die das nun befürworten.
Botschafter von Werthern: ​Dass sich Japan selber verteidigt, ist schon immer möglich gewesen durch die Interpretation des Artikels 9 und die Aufstellung der Selbstverteidigungskräfte.

Aber irgendwann werden die Zinsen wieder steigen, und dann wird der japanische Staat ein echtes Problem haben.

Tabibito: ​Sie haben ja vor einiger Zeit auch Volkswirtschaft studiert.
Botschafter von Werthern: ​ Vor sehr langer Zeit, ja.
Tabibito: ​Was sagt der Volkswirt in Ihnen in Anbetracht der japanischen Schuldensituation?
Botschafter von Werthern: ​Die Schulden sind, wenn man die reinen Zahlen anschaut, schon atemberaubend: Fast 240 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Andererseits gibt es das Argument, dass die japanischen Staatsschulden fast zu 100 Prozent von Japanern selbst gehalten werden – es gibt also keine Auslandsverschuldung, sodass die Gefahr eines Zusammenbruchs dadurch, dass sich zum Beispiel Ausländer von japanischen Staatspapieren trennen, und dass es dadurch riesige Wechselkursverwerfungen und mehr gibt, nicht besteht. Trotzdem muss natürlich auch eine Verschuldung, die im Inland gehalten wird, bedient werden. Das geht verhältnismäßig leicht, wenn die Zinsen niedrig sind. Aber irgendwann werden die Zinsen wieder steigen, und dann wird der japanische Staat ein echtes Problem haben. Dies umso mehr, da ja noch enorme demografische Probleme hinzukommen – größere, als wir sie in Deutschland kennen. Denn die Japaner bekommen genauso wenige Kinder wie wir, aber sie werden noch viel älter, und das wird eine weitere Belastung des Staatshaushaltes mit sich führen. Und da ist der Rat der Experten teuer.
Tabibito: ​Die Deutsche Botschaft kümmert sich wie, ja, wie jede Botschaft in jedem Land, zu einem gewissen Grade um die deutschen Staatsbürger in Japan. Über wie viele Deutsche sprechen wir da?
Botschafter von Werthern: ​ Wir wissen es nicht genau. Wir schätzen etwa 6.000. Wir ermutigen alle Deutschen, sich bei der Botschaft online zu registrieren. Das geht auch ganz leicht über die gemeinsame Website von Botschaft und Generalskonsulat (www.japan.diplo.de). Denn wir möchten gerne die Deutschen erreichen im Falle einer Katastrophe. Ich halte das auch deswegen für wichtig, weil der deutsche Anteil an den Ausländern in Japan verschwindend gering ist. Also wenn die Japaner, sagen wir mal im Fall einer großen Katastrophe, an Ausländer denken, denken sie zunächst an Chinesen, Koreaner und so weiter. Das heißt, uns als Botschaft wird in einem solchen Fall eine große Verantwortung zukommen. Und dafür wäre es gut, wenn wir wüssten, wie wir unsere Landsleute erreichen können. Es registrieren sich aber nicht alle, und man ist dazu auch nicht verpflichtet.
Tabibito: ​ Es gibt ja seit geraumer Zeit den „Fonds für hilfsbedürftige Deutsche“ in Japan, einst als Dittman-Fond bekannt. Was macht der Fond? Was geschieht da eigentlich?
Botschafter von Werthern: ​Der BDF genannte Fond kümmert sich um Deutsche, die hier in Japan in Not geraten. Auf den ersten Blick kommt einem das etwas merkwürdig vor, es gibt aber doch immer wieder Fälle. Zum Beispiel deutsche Frauen, die mit japanischen Männern verheiratet waren, inzwischen geschieden oder verwitwet sind, und die Mühe haben, die Ausbildungskosten für ihre Kinder zu bezahlen. Es gibt natürlich auch ein paar, glücklicherweise nicht sehr viele, deutsche Familien, die mit Krankheit oder sonstigen Dingen zu kämpfen haben, wo einfach die Finanzierung und manchmal auch die Basis dafür fehlt, um sich hier im Sozialsystem oder überhaupt in der japanischen Gesellschaft zurechtzufinden. Da hat der BDF eine wirklich sehr wichtige Aufgabe, die natürlich auch unsere Arbeit in der Botschaft sehr erleichtert, indem er Geld sammelt und es diesen Familien zur Verfügung stellt, sowie ihnen auch mit Rat und Tat zur Seite steht.
Tabibito: ​ Wie viele Leute, schätzen Sie, werden so unterstützt?
Botschafter von Werthern: ​Das weiß ich gar nicht, denn ich bin nicht Mitglied des BDF, und das unterliegt natürlich auch der Schweigepflicht. Um zum Beispiel einem Kind die Schulausbildung oder auch ein Studium zu bezahlen, ist in Japan eine Menge Geld notwendig. Deswegen macht der BDF auch jedes Jahr im Residenzgarten sein Sommerfest, zu dem man zugegebenermaßen ziemlich teure Tickets kaufen kann. Das Geld geht eben alles in die Arbeit des BDF und – wenn ich ein bisschen Reklame dazu machen darf – ist auch eine schöne Gelegenheit, bei normalerweise gutem Wetter, deutsches Essen und Getränke im Residenzgarten zu genießen und an einer Tombola teilzunehmen, wo es auch schicke Preise gibt.
Tabibito: ​Um einmal zur Botschaftssituation von vor vier Jahren zu kommen. Sie haben ja gesagt, dass sich die Botschaft zum Beispiel im Falle einer neuen Katastrophe um die Mitbürger im Land kümmert, nur haben das viele Deutsche, ob das nun gerechtfertigt ist oder nicht, sich vor fünf Jahren, ja, im Stich gelassen gefühlt, weil die Botschaft relativ schnell im Vergleich zu anderen Botschaften nach Ōsaka umgezogen ist und auch viele Leute keine Benachrichtigung erhalten haben. Wenn jetzt wieder ein schweres Erdbeben geschieht, und wenn dann vielleicht auch noch das AKW in Niigata wieder in Betrieb gegangen ist und havariert – würde irgendwas anders laufen? Es gab ja zum Beispiel Town-Hall-Meetings mit Ihrem Vorgänger. Gab es irgendwelche Konsequenzen oder Schlüsse, dass irgendetwas anders gemacht werden wird?

Natürlich ist ein solcher Vorfall wie 2011 nicht im Voraus planbar. Es bricht immer – das ist völlig unvermeidlich – erst mal das große Chaos aus.

Botschafter von Werthern: ​Wir haben versucht, so viel wie möglich aus der damaligen Situation zu lernen. Ich habe ja, als ich hier ankam, auch noch ein Town-Hall-Meeting gehalten, und habe zum Beispiel die Deutschen aufgefordert, sich bei uns zu registrieren, habe versucht, auf die vielfältigen Fragen einzugehen. Wir halten auch in der Botschaft seitdem jedes Jahr eine große Krisenübung ab, in der wir – auch weil unsere Belegschaft ja ständig wechselt – versuchen, uns ganz praktisch auf eine solche Situation einzustellen. Also das wird sozusagen unter echten Bedingungen gespielt. Wir haben ja einen Verteidigungsattaché hier. Die Soldaten wissen, wie man solche Übungen macht und wie man da auch Szenarien einspielt, die realistisch sind. Da kommt so mancher, einschließlich meiner Person, schon ins Schwitzen. Aber es ist gut, dass wir uns darauf einstellen. Wir wollen in Zukunft diese Übungen auch ausweiten, indem wir zum Beispiel die deutsche Schule in Yokohama oder das Goethe-Institut, die Handelskammer und so weiter, deren Rolle wir bisher nur gespielt haben, auch einbeziehen, sodass ich glaube, dass wir verhältnismäßig gut vorbereitet sind. Natürlich ist ein solcher Vorfall wie 2011 nicht im Voraus planbar. Es bricht immer – das ist völlig unvermeidlich – erst mal das große Chaos aus. Aber je besser man sich darauf eingestellt hat, desto schneller kriegt man das Chaos dann auch in den Griff. Zu Ihrer Bemerkung über die Verlagerung der Botschaft nach Ōsaka-Kōbe – da war ich ja noch nicht hier, aber wenn ich es recht verstehe, stand man damals vor der Frage „Was passiert, wenn die radioaktive Wolke nach Tokio kommt? Ist es dann nicht besser, wir operieren von einem Gebiet aus, in dem wir einigermaßen sicher sind, als dass die Botschaft, wenn sie hier geblieben wäre, vielleicht völlig außer Funktion gesetzt wäre?“ Es hätten dann alle im Keller gesessen und gar nichts mehr tun können. Damals ist die Entscheidung gefallen, dass es vernünftiger ist, zu verlagern. Aber natürlich ist das auch immer eine Frage der Kommunikation. Andere haben es anders entscheiden. Im Nachhinein sind wir natürlich auch klüger. Aber im Nachhinein sieht immer alles leichter aus, als wenn man in der Situation steht.
Tabibito: ​Dann wollen wir hoffen, dass es so schnell nicht wieder zu der Situation kommt.
Botschafter von Werthern: Dazu kann ich nur Amen sagen.
Tabibito: ​ Dann möchte ich mich herzlich bei Ihnen für das Interview bedanken.
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5 Jahre danach

März 8th, 2016 | Tagged , , | 12 Kommentare | 868 mal gelesen

Fünf Jahre ist es nun schon her, dass der ganze Norden Japans bebte. Und ich muss mich noch nicht einmal großartig konzentrieren, um die Bilder und Gefühle wieder hochkommen zu lassen. Die Sorge. Das Wort trifft es zumindest in meinem Fall besser. Es war Sorge, nicht Angst. Sorge davor, alles hier zu verlieren. Sorge davor, dass mein erst vier Wochen zuvor geborener Sohn, von seiner damals erst 4-jährigen Schwester mal abgesehen, zur falschen Zeit am falschen Ort sind und wir zu Flüchtlingen werden. Sorge davor, dass die Panikmacher vielleicht doch recht haben könnten und Fukushima die weite Umgebung inklusive Tokyo unbewohnbar macht. Sorge davor, dass es innerhalb weniger Jahre zu einem richtig schweren Erdbeben direkt unter Tokyo kommen würde. Sorge davor, dass die Politik entgegen jeglichen gesunden Menschenverstandes wieder die nuklearen Meiler anwerfen würden.

2 km landeinwärts in Minami-Sōma, Fukushima

2 km landeinwärts in Minami-Sōma, Fukushima

Was hat sich bewahrheitet in den 5 Jahren? Waren die Sorgen berechtigt? Nun, Tokyo ist bekanntermassen noch bewohnbar. Es gab – bisher – kein schweres Erdbeben direkt unter der Hauptstadt (auch wenn gesagt wurde, dass dies mit einer Wahrscheinlichkeit von 70% in den folgenden 4 Jahren eintreten würde). Ich bin mit auf die Straße gegangen, um gegen Atomkraft zu demonstrieren (eigentlich plädiere ich für Nichteinmischung, denn ich bin Deutscher, kein Japaner – aber es geht um meine Kinder). Und trotzdem haben die Irren begonnen, die Meiler wieder anzuschalten. Fukushima wird gereinigt, doch man ist gerade erst am Anfang. Japan stellt entsetzt fest, dass man überhaupt nicht weiß, wie es mit dem ganzen radioaktiven Müll weitergehen soll. Ich habe mit der Familie die Stadt, in der wir wohnten, hinter mich gelassen, denn die war zur Hälfte zerstört.

Irgendwann kehrt man zur Normalität zurück. Man hat ja keine andere Wahl. Und zu den Jahrestagen werfen mal diese, mal andere mit mehr oder weniger gekonnten Beitägen zum Thema Fukushima um sich. Neutral scheint keiner dabei zu bleiben – die deutschen Medien schon mal gar nicht. Bleibt nur zu hoffen, dass uns in absehbarer Zeit eine neue Katastrophe erspart bleibt. Ein Mal reicht.

Ach ja: Auch die Filmemacherin Doris Dörrie hat dem Thema nun ein Film gewidmet. Ob er was taugt? Ich weiß es nicht. Wenn ja, wäre ich überrascht.

Falls jemand über gute Reportagen oder Artikel stolpert, bitte her damit. So lange es nicht von RT oder DWN ist, schaue ich gern rein.

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Hut ab, liebe Macher des Tokyoter Katastrophenschutzhandbuches

September 29th, 2015 | Tagged , , , | 3 Kommentare | 865 mal gelesen

Nur echt mit Nashorn: Das Katastrophenhandbuch

Nur echt mit Nashorn: Das Katastrophenhandbuch

Sicher, die Tatsache, dass Tokyo die Nummer 2 weltweit im Lloyd’s City Risk Index 2015-2025¹ ist (die Nummer 1 ist übrigens Taipei), schreit geradezu danach, die Bewohner auf eventuelle Katastrophen so gut wie möglich vorzubereiten. Es kann schließlich viel passieren: Erdbeben. Taifune. Überschwemmungen. Wirbelstürme. Vulkanausbrüche. Terrorangriffe. Epidemien. Ein knallgelbes, kostenloses Buch mit wertvollen Tips für die Vorbereitung auf den Ernstfall sowie dem, was zu tun ist, wenn mal wieder etwas geschehen ist, sollte doch ideal sein. Also seid ihr auf die Idee mit dem 東京防災 Tokyo Bōsai-Buch gekommen. Und um den Ernst der Lage auch gut zu vermitteln, nehmt ihr also das „sai“ (das Zeichen bedeutet „Katastrophe“; bō bedeutet „Schutz, Vorbeugung“) und pappt deshalb ein Nashorn auf den Buchumschlag, denn Nashorn auf Japanisch heisst schliesslich „sai“, und schliesslich weiss man ja, wie gefährlich Nashörner sind. Haha. Ha. Und damit das auch ja alle lesen, kommen natürlich auch ein paar Seiten Manga rein, damit man, wenn man mit dem Buch verschüttet ist, auch was zum schmökern hat.

Das Inhaltsverzeichnis listet auch schön alle möglichen Ernstfälle auf. Aber halt, war das nicht was, vor circa vier Jahren, als eine radioaktive Wolke nach Tokyo reinwehte? Komisch, davon steht rein gar nichts im Buch. Und es ist ja nicht so, dass die Atommeiler nicht wieder angefahren werden sollen. Doch halt, was ist das – Seite 165:

Angriffe durch Guerilla und andere Spezialtruppen

Man muss von plötzlich auftretenden Schäden ausgehen. Falls atomare Anlagen angegriffen wurden, besteht ausserdem die Gefahr, dass es zu großflächigen Schäden kommt.

Ah, von daher weht der Wind! Die wahre Gefahr für die japanischen Atommeiler geht also nicht von den Naturkatastrophen sowie, und davor habe ich mehr Sorge, von den Betreibern aus, sondern von ominösen Guerillakriegern. Höchstwahrscheinlich von nordkoreanischen Froschmännern!

Dass diese – wie man ja gesehen hat, sehr reale – Gefahr einer atomaren Verseuchung mal eben so vollständig ausgeklammert wird, ist unglaublich. Was will uns die Stadtverwaltung von Tokyo, Herausgeber des Buches, damit sagen? Dass so etwas ganz bestimmt nicht wieder vorkommt? Oder hat man Angst, so kurz vor Olympia wieder ins Gerede zu kommen? Schliesslich hatte ja Abe dem Internationalen Olympischen Komitee hoch und heilig versprochen, dass Fukushima kein Thema mehr ist? Es darf gerätselt werden.

¹ Siehe hier.

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Drei Jahre danach und …

März 13th, 2014 | Tagged , , | 1 Kommentar | 1623 mal gelesen

Mit etwas Verspätung möchte ich nun auch meinen Senf zum 3. Jahrestag der Erdbeben-Tsunami-AKW-Katastrophe hinzugeben. Im japanischen Fernsehen liefen zum Anlass verschiedene Dokumentationen beziehungsweise Momentaufnahmen, die einige interessante bis erschütternde Tatsachen ans Licht brachten.

Dazu gehört die Lage in den Katastrophengebieten schlechthin. Man war sehr flink beim Aufräumen – das muss man einräumen. Ein großer Teil des Schutts war bereits nach einem Jahr verschwunden, und noch viel mehr im Jahr danach. Doch was passierte danach? Leider nicht viel. Mit Quellen kann ich leider nicht aufwarten, aber es wurde zum Beispiel erwähnt, dass

– Nur 4% der Bewohner, die weiter oberhalb des Meeresspiegels angesiedelt werden müssten, auch wirklich umgesiedelt wurden
– Nur 2% der wirklich neu zu bauenden Wohnhäuser gebaut wurden
– 0% der die Tsunamigefahr Rechnung tragenden neuen Flächennutzungsplanung abgeschlossen sind.

Will heissen: Orte wie Minamisanriku oder Ōtsuchi, die quasi komplett zerstört wurden, sind zwar aufgeräumt, aber: Was bleibt ist eine unbewohnte Ödnis, und man weiss nicht, was daraus werden soll.
Mangelt es an Geld? Eher nicht. Es ist genug Geld zum Wiederaufbau verhanden – sogar so viel, dass selbst abwegige, weit entfernte Projekte Geld im Gießkannenverfahren erhalten. Es ist eher die Planung. Und das geht in etwa so: Um überhaupt erstmal planen zu können, müssen die Deiche neu gebaut werden, da die meisten zerstört wurden. Und die Deiche müssen höher und breiter werden. Doch meistens gehört das Land dahinter jemandem. In nicht wenigen Fällen stehen im Grundbuch gleich mehrere Besitzer als Gemeinschaft, die das Land vor vielen Jahrzehnten erstanden oder erhalten haben. Diesen Leuten muss das Land abgekauft werden (oder das Einverständnis geholt werden, das Land abzutreten). Sind die ursprünglichen Besitzer verstorben, müssen die Kinder angesprochen werden. Oder die Enkelkinder. Und schon kommt man auf beispielsweise rund 200 Leute, im ganzen Land verstreut, die man persönlich ansprechen muss, um den einen oder andern Hektar freizukaufen. Dieser Aufwand überwältigt verständlicherweise die Behörden.
Andererseits sind sich die Betroffenenen in vielen Fällen nicht einig. Einige wollen umsiedeln, andere wollen auf jeden Fall bleiben. Eine Gruppe kämpft dafür, dass eine Ruine als Mahnung an nachkommende Generationen bestehen bleibt – eine andere Gruppe möchte die Folgen restlos beseitigen. Es ist entsprechend eine Mammutaufgabe, einen Konsens für jedes noch so kleine Wiederaufbauprojekt zu finden.

Einige japanische Sendungen zum Thema Fukushima waren ebenfalls sehr interessant. Auch wenn mancher in Europa denken mag, dass das Thema in Japan keine so große Rolle mehr spielt — dem ist nicht so. Auch in Japan schaut man mit Schaudern auf dass, was da in Fukushima passiert. Doch redet man in Japan gleichzeitig gern darüber, wie verstrahlte Gebiete gereinigt werden und die Bewohner bald wieder zurückkehren können. Ein Experte zum Thema – leider muss ich hier schon wieder eine Quelle schuldig bleiben – meinte, nach der Ursache der sich häufenden „kleineren“ Unfälle am AKW gefragt, ganz lapidar: Natürlich wird sowas vermehrt auftreten, da es nicht allzu viele Nuklearexperten gibt, und die meisten von ihnen damit beschäftigt sind, andere AKW für die Wiederinbetriebnahme vorzubereiten. Das leuchtet ein, kann aber zynischer nicht sein: Man verspielt die Zukunft einer ganzen Region, nur um ähnliche potentielle Gefahrenquellen zurück ins Leben zu rufen. Diese Logik kann man getrost als pervers bezeichnen.

Wer sich mehr für den Fortschritt – oder Nicht-Fortschritt beim Wiederaufbau interessiert, dem sei die Webseite des Ministeriums für Wiederaufbau (復興庁) anempfohlen: www.reconstruction.go.jp. Die Qualität und Anzahl der Daten ist allerdings spärlich, aber das muss bei einer staatlichen Webseite wohl so sein.

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Fukushima – Stümperei Teil 4721

Februar 25th, 2014 | Tagged , | 13 Kommentare | 3705 mal gelesen

Man sollte meinen, dass die Menschen aus Schaden klug werden. Und Firmen mit ihren zahlreichen Stakeholdern sowieso. Dem ist leider nicht so, wie TEPCO beinahe täglich aufs Neue beweist. Heute ist bekannt geworden, dass am 19. Februar rund 100 Tonnen hoch radioaktiv verseuchtes Wasser in die Umwelt ausgetreten ist. Das ist, so traurig es ist, allein keine Nachricht mehr wert, denn das notdürftig zusammengezimmerte Gebilde vor Ort leckt an allen Ecken und Enden. Der Unfallhergang jedoch zeigt aufs Neue, was dort vor Ort passiert – beziehungsweise nicht passiert.

TEPCO hat am explodierten Kraftwerk ja hunderte große Wassertanks aufgestellt, die das zum Kühlen der teils freiliegenden Brennstäben benutzte Wasser speichern sollen, bis… ja bis wann eigentlich. Die Behälter haben immerhin Melder installiert, die anspringen, wenn das Fass voll ist. So auch am 19. Februar: Der Sensor meldete sich geräuschvoll, und der TEPCO-Mitarbeiter des Vertrauens lief zum Tank und schaute nach, ob etwas ausläuft. Lief aber nicht, denn der Tank war zu dem Zeitpunkt „nur“ zu 98,9% voll¹. Also ging der Mitarbeiter von einem Fehlalarm aus und trollte sich. Kurze Zeit später begann der Tank überzulaufen, und das merkte man erst viele Stunden später. Dem Unfall ging ein weiterer voraus: Normalerweise befüllen drei Leitungen einen Tank, wobei ein Ventil geschlossen sein soll. Durch menschliches Versagen waren in diesem Fall jedoch alle drei Ventile geöffnet.

Das ganze wirft mal wieder die üblichen Fragen auf, die man nun schon seit fast drei Jahren täglich stellen möchte:

  1. Wer arbeitet da eigentlich? Offensichtlich jedenfalls keine qualifizierten Mitarbeiter.
  2. Wer überwacht, was dort vonstatten geht? Offensichtlich fehlt es an Krisenmanagement.
  3. Begreifen die Verantwortlichen eigentlich den Ernst der Lage?
  4. Fühlt sich überhaupt jemand verantwortlich?
  5. Wieso denkt man, dass es eine gute Idee sein, Sensoren zu benutzen, die sich erst melden, wenn es zu spät ist?
  6. Was wäre passiert, wenn es geregnet hätte? Wie hätte man überprüft, ob der Tank überläuft?

und so weiter. Alles Fragen, die dem menschlichen Verstand eigentlich widersprechen. Es ist noch immer schwer begreifbar, was dort eigentlich geschieht. Das ist kein Grund, in Panik zu verfallen – aber es ist ein Grund, sich noch immer Sorgen zu machen. Fast drei Jahre – und man ist weit, sehr weit davon entfernt, dass Problem halbwegs im Griff zu haben.

¹Siehe unter anderem hier

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Neues von der Energiefront

November 6th, 2013 | Tagged , , , | 4 Kommentare | 9751 mal gelesen

Auch wenn es im Ausland vielleicht nicht so deutlich wird – in Japan tobt nach wie vor ein erbitterter Streit um die Zukunft Japans in Sachen Energie. Während die jetzige Regierung unter Abe prinzipiell Pro-Atom ist, gibt es durchaus auch ernstzunehmenden Widerstand. Mitunter auch aus den eigenen Reihen. Als gewichtiger Opponent trat vor kurzem Koizumi, der für japanische Verhältnisse erstaunlicherweise recht populäre Ex-Ministerpräsident und. Mentor zahlreicher heutiger Regierungspolitiker. Koizumi wandelte sich offensichtlich vom Saulus zum Pauls: Einst war die Förderung der Nuklearenergie in Japan sein Metier, doch jetzt spricht er sich für ein kernkraftfreies Japan aus. Die Kommentare von der Regierungsbank dazu waren mehrheitlich negativ. Es ist eigentlich nicht üblich, seinem Mentor zu widersprechen, doch es fielen. Kommentare wie „es gibt halt viele verschiedene Meinungen“ bis hin zu „(Koizumis Haltung ist) verantwortungslos. Koizumi konterte allerdings bei einer Veranstaltung völlig richtig – und zwar sinngemäß so: “Vor dem Unfall hat man es nicht geschafft, das Endlagerproblem zu lösen. Wer jetzt nach dem Unfall meint, dass die Kernenergie machbar ist, indem man das Endlagerproblem löst, denkt optimistisch und verantwortungslos”.¹

Mini-Solarkraftwerk: Solarzellen auf einer stillgelegten Bahntrasse (Präf. Miyazaki, 2012)

Mini-Solarkraftwerk: Solarzellen auf einer stillgelegten Bahntrasse (Präf. Miyazaki, 2012)

Interessant ist dabei eine Meldung von gestern, dem 4. November 2013: In Kagoshima wurde feierlich „Megasolar” eingeweiht² – eine gigantische Solarenergieanlage. Auf einer Neulandinsel, für die sich lange Zeit kein Nutzer fand, wurden auf einer Gesamtfläche von 127 Hektar wurden dort 290’000 Solarmodule installiert – und zwar von 京セラ Kyōcera (kurz für „Kyoto Ceramics“ und ein Firmenname, der im deutschen Raum immer furchtbar falsch ausgesprochen wird, aber dies nur am Rande). Chinesische Solaranlagenbauer hatten sich auch um das rund 220 Millionen Euro teure Projekt beworben, doch laut offizieller Sprechweise stach das inländische Konsortium um Kyocera, IHI usw. die Mitbewerber in puncto Robustheit und Qualität aus. 70’000 Kilowatt soll die Anlage liefern – genug für über 20’000 Haushalte oder knapp 10% des Energiebedarfs der Stadt Kagoshima. Eine Preisgarantie über 20 Jahre für den von der Anlage eingespeisten Strom machte dieses Projekt letztendlich möglich.

Wirtschaftlich gesehen ist das für Japan eine feine Sache, zumal die einheimische Solarindustrie davon profitiert. Aus geographisch-geologischer Sicht ist der Standort zugegebenermassen gewagt. Der nahe Vulkan Sakurajima hat die Angewohnheit, alle paar Jahre die Gegend mit Asche zu überziehen. Sollte es dazu noch regnen, und das ist in Kagoshima weiss Gott nicht selten, kann man die Anlagen wahrscheinlich wegwerfen. Auch ein mittelschwerer Tsunami würde das gesamte Kraftwerk wegspülen. Und inwieweit die Anlage schweren Taifunen strotzt, bleibt abzuwarten. Betrachtet man zudem den Flächenverbrauch und den Energieausstoß, wird klar, dass Solarkraft in Japan keinen großen Beitrag leisten wird. Zumindest nicht in Form von Großanlagen. Ein Neuversuch des 100’000-Dächer-Programms, also das Dezentralisieren der Solarenergiegewinnung, ist eine Überlegung wert.

¹ Rede und Manuskript siehe Huffington Post: 小泉元首相、安倍首相らの「原発ゼロは無責任」に反論 講演内容詳細【争点:エネルギー】(4. Nov. 2013)
² Siehe unter anderem Nikkei: 国内最大級メガソーラー、鹿児島に完成 京セラなど (4. Nov. 2013)

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Weimarer Japan? / Wahnsinn Fukushima

August 2nd, 2013 | Tagged , | 18 Kommentare | 13246 mal gelesen

Andere haben schon darüber geschrieben, aber ich komme einfach nicht drum herum, diese zwei Sachen hier aufzugreifen. Und ich bin nicht sicher, welches der beiden Ereignisse empörender ist.

Nummer 1:
Da stellte sich also der Vizeministerpräsident (und Ex-Ministerpräsident) Aso Tarō diese Woche auf einem Symposium hin und merkte zum Thema Verfassungsänderung an:

Die Weimarer Verfassung wurde damals auch einfach so zur Naziverfassung geändert. Das geschah, ohne das die Leute etwas mitbekamen – und davon können wir doch lernen (O-Ton: 「ワイマール憲法もいつの間にかナチス憲法に変わっていた。誰も気がつかなかったあの手口に学んだらどうか」).

Nun, das viele Japaner nicht das gleiche über Nazis denken wie Deutsche (ganz zu schweigen von Franzosen, Juden, Polen usw) ist allgemein bekannt. Das Unheil, dass das Phänomen Nationalsozialismus anrichtete, ist hier schlichtweg nicht geläufig. Darf es deshalb ignoriert wurden? Sollte man von der Nr. 2 im Staat (und ehemals Nr. 1) nicht ein bißchen mehr Respekt, Geschichtswissen und Feingefühl erwarten können? Offensichtlich nicht.

Natürlich schlägt diese Aussage grosse Wellen – im In- und Ausland. China und Südkorea sehen sich in ihren Befürchtungen bestätigt. Aso ist seit jeher bekannt für seinen kruden Humor, sein Halbwissen („der 2. Weltkrieg startete mit Pearl Harbor“) und seine schlechten Kanjikenntnisse (siehe unter anderem hier). Schaut man sich obige Rede an, dreht sich jedem vernünftigen Menschen der Magen um. In der gleichen Rede fällt nicht nur das genannte Zitat, sondern noch ganz andere Bemerkungen – so hebt er mehrfach hervor, dass Hitler aus einer Demokratie heraus frei gewählt wurde, in einem Land mit einer der fortschrittlichsten Verfassungen zu jener Zeit.

Natürlich fordern nun viele seinen Rücktritt. Aso ruderte heute zurück und sagte, dass seine „Aussage leicht misszuverstehen sei“¹. Das sagen japanische Politiker immer, wenn sie merken, den Bogen überspannt zu haben – sich aber eigentlich nicht entschuldigen wollen. Das dieser Politiker es bis zum Außenminister, dann zum Ministerpräsidenten gebracht hat – und selbst heute noch eine der größten Geigen spielt, ist vornehm ausgedrückt eine Schande für Japan.

Nummer 2:

Diese Woche wurde bekannt, dass von nun an auch staatliche Behörden damit beginnen, die radioaktive Belastung im Meer nahe des explodierten AKW in Fukushima zu messen. Ein einfacher Satz, oder? Doch wer hat bisher gemessen? Richtig: TEPCO, also die Betreibergesellschaft des AKW. Das ist in etwa so, als ob man einen Mörder fäßt, und selbigen darum bittet, seine eigene Tat zu beweisen. Ja, sehr schön! Zumal man ja nunmehr fast 2½ Zeit hatte, die Transparenz, Technologie und das unerschütterliche Selbstvertrauen von TEPCO zu erleben. Die Tatsache, dass man nun diesem Verein jahrelang das Monitoring zu überlassen, widerspricht jeglicher Logik.

Hinzu kommt, dass sich die Hiobsbotschaften aus dem AKW wieder überschlagen. Aber Prof. Zöllner hat das in seinem Blog bereits sehr gut zusammengefaßt, also gehe ich an der Stelle nicht weiter ein. Fakt ist: Das AKW wird, wie vorhergesehen, noch auf sehr lange Zeit für zahlreiche Überraschungen gut sein. Und diese Überraschungen werden wohl weniger positiv sein.

¹ Siehe Artikel und Video bei FNN News

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Zwei Jahre danach – und, was gelernt?

März 12th, 2013 | Tagged , , | 16 Kommentare | 1220 mal gelesen

Zwei Jahre ist es nun also her, seit ein schweres Erdbeben halb Japan durch- und ein anderes Land 10’000 km westlich in Sachen Kernenergie aufrüttelte. Über 15’000 Tote, mehr als 3’000 Vermißte, verwüstete Landstriche, mindestens 50’000 Menschen, die aufgrund der Atomkatastrophe in Fukushima auch in den nächsten 4 Jahren (von der Regierung optimistisch geschätzt) nicht zurück nach Hause können, Schlagzeilen wie „Häusliche Gewalt im Katastrophengebiet steigt an“ und so weiter und so fort – die Katastrophe zieht eine lange Spur des Schreckens hinterher und sie wird auf lange Zeit im Gewissen der Bevölkerung eine große Rolle spielen. Im positiven Sinne, da die Katastrophe eine große Menge positiver Energie freisetzte, vermittelt durch unzählige Menschen im In- und Ausland, die sich bereit erklärten, helfen zu wollen, egal wie. Im negativen Sinne ebenso, da das Beben und der Tsunami eine riesengroße Menge Dreck hervorspülte – aus den Eingeweiden der Politik und der Wirtschaft. Dieser Dreck ist noch immer für Schlagzeilen gut in Japan (so erst kürzlich, als bekannt wurde, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit bereits das Erdbeben und nicht erst der Tsunami war, der dem AKW den Garaus machte).

Hat man in Japan aus der Katastrophe gelernt? Jein. Es ist noch zu früh, dies beurteilen zu können. Und Japan hat bereits, leider, viele Chancen gehabt, aus vergangegenen Erdbebenkatastrophen zu lernen, und man hat auch vieles gelernt: Zumindest was Erdbeben anbelangt. Nicht aber, was Tsunami und eine ordnungsgemäße Risikoanalyse beim Bau von Kernkraftwerken angeht. In puncto Tsunami wiesen schon vor langer Zeit Geologen daraufhin, dass bis zur Katastrophe dicht besiedelte Gebiete aus gutem Grund früher nicht besiedelt wurden.
Bei der geologischen Risikoanalyse von AKW-Kraftwerken muss man vorsichtig sein, auf wen man mit dem Finger zeigt: Geologen und Ingenieure haben heute ganz andere Meßtechniken und Erfahrungswerte zur Verfügung als vor 40 Jahren. Immerhin ist man jetzt jedoch dabei, die AKW-Standorte aufs Neue genauer unter die Lupe zu nehmen, und – dies das eigentliche Novum – die Öffentlichkeit von den Resultaten zu unterrichten. Oder, anders gesagt, ist die Presse endlich daran interessiert, da die Leserschaft mehr zu wissen wollen scheint.

Diese Taktik birgt ihre Risiken – für die Bevölkerung: Letztendlich versuchen die Verantwortlichen damit, einzelne AKW zu legitimieren. Jedoch sind Presse und Öffentlichkeit mittlerweile genügend sensibilisiert, und da es in Japan kaum einen Winkel gibt, in dem es keine aktiven Verwerfungen gibt, fällt ein AKW nach dem anderen durch. So scheint es zumindest momentan. Mit etwas Glück sorgt die Wissenschaft damit vielleicht sogar zur Einsicht. Aber das ist sehr optimistisch ausgedrückt, denn es sieht nicht gerade so aus, als ob man ernsthaft nach Alternativen für eine nachhaltige Energieversorgung zu suchen scheint.

Zwei Jahre nach der Katastrophe leben noch cirka 310’0000 Menschen in Notunterkünften. Das ist nicht unbedingt damit zu erklären, dass es an Aufbaumitteln mangelt. Mancherorts liegt es schlichtweg daran, dass man sich nicht entscheiden kann, wo man die jeweilige Stadt wieder aufbaut. Die Überlebenden werden durchaus am Entscheidungsprozess beteiligt, und so kommt es in manchen Orten zu einem Stuttgart 21 im Kleinstadtformat: Die einen wollen genau dort wieder bauen, wo das Wasser wütete – nur hinter höheren Deichen. Die anderen, und mancherorts sind die in der Minderheit, wollen lieber ein paar Kilometer landeinwärts siedeln. Wieder andere, und das sind nicht wenige, haben genug und wollen einfach nur ganz weg. Man befürchtet eine beschleunigte Entvölkerung des Nordostens, und das zu recht – die Abwanderung hält sowieso schon seit Jahrzehnten an.

Heute hiess es um 14:46 also wieder 黙祷! (mokutō – „Schweigegebet“) und vielerorts heulten die Sirenen. Ich hätte nichts dagegen, wenn man eigenartige Feiertage wie den Tag des Grüns oder den Tag des Meeres abschafft, und stattdessen den 11. März zum Feiertag erklärt: Einem Feiertag zum Gedenken an die Erdbeben- und Tsunamiopfer sowie ein Tag der Mahnung daran, was passieren kann, wenn man leichtsinnig mit dem Feuer spielt.

Wer in letzter Zeit auf gute Reportagen zum Thema gestoßen ist – egal ob Print oder Fernsehen, Japanisch, Englisch oder Deutsch – nur her damit!

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Report: Antiatomkraft-Demo in Tokyo

Juli 17th, 2012 | Tagged , , , | 17 Kommentare | 1421 mal gelesen

Heute, am 17. Juni, habe ich just meine guten Vorsätze über Bord geworfen: Eigentlich hatte ich mir selbst auferlegt, in Japan nicht politisch aktiv zu werden – sprich, ich hielt es zum Beispiel für fraglich, ob ich das Recht dazu habe, mich an Demos zu beteiligen. Schliesslich bin ich hier nur zu Gast. Wenn auch ein hartnäckiger Gast.

Demobeginn in Yoyogi: Alles schön bunt

Doch wenn ich das Herumgeeiere in puncto Kernkraft hier so sehe, sehe ich mich wirklich gezwungen, meine Prinzipien über Bord zu werfen. Immerhin musste meine Frau mit unserem damals 1-monatigen Sohn und 4-jähriger Tochter damals wegen der letztendlich hausgemachten Katastrophe von Fukushima fluchtartig die Stadt verlassen. Und nun ist die Politik dabei, dem Volk weiszumachen, dass man doch besser die AKWs wieder anwerfen sollte, weil sonst das Licht ausgeht. Nur 16 Monate nach Fukushima. Man lernt einfach nichts dazu, und anstatt nach Alternativen zu suchen, will man weitermachen wie bisher.
Heute (ein Feiertag) fand aus diesem Grund die 10万人集会 jūmannin shūkai – 100’000-Leute-Zusammenkunft statt. Man versammelte sich ab Mittag im grossen Yoyogi-Park mitten im Zentrum. Berühmte Musiker (zum Beispiel Ryūichi Sakamoto) und Schriftsteller (zum Beispiel Literaturnobelpreisträger Kenzaburō Ōe) traten auf, und am Ende zogen die Demonstranten auf drei verschiedenen Routen durch die Stadt.
An einer japanischen Demo teilzunehmen ist prinzipiell unspektakulär und ähnlich gefährlich, wie einem 2-jährigen den Lutscher wegzunehmen. Gewaltausbrüche sind auf gar keinen Fall zu erwarten. Keine Chaoten, kein schwarzer Block, keine knüppelschwingenden Polizisten. Zwar hatte ich trotzdem Allein machen sie dich ein von Ton Steine Scherben im Ohr, aber da geht es auch nur ums Prinzip: Scheinbar ist der Politik in Japan egal, was die Leute denken, aber es muss selbst in Japan eine Schmerzgrenze für Politiker geben. Liegt die bei 100,000 Demonstranten? Scheinbar nicht. Eine Million? Wer weiss. Also erstmal hingehen. Selbst meine Schwiegeeltern haben beschlossen, hinzugehen (ihre erste Demo) und sich eigens ein Schild gemacht.
Eigentlich wollte ich mit Frau und Kindern hin, aber das mussten wir kurzfristig verwerfen.

Sehr clever: Losung einfach auf Sonnenschirm kleben!

Solche Menschenmassen bei rund 35 Grad und brennender Sonne kommt bei Kleinkindern nicht so gut an. Also ging es allein los. Ohne Schild. Dabei sein ist alles! In Yoyogi, genauer gesagt rund um dem Bahnhof Harajuku, war die Hölle los, denn gleichzeitig fand dort die Show „Disney on Ice“ statt. Was für eine Mischung. Über dem Park schwebten 5 Pressehubschrauber, und hunderte Polizisten sorgten für Ordnung. Viele Teilnehmer hatten selbstgebastelte Schilder dabei, andere beklebten praktischerweise ihre Sonnenschirme mit Losungen. Eine junge Band spielte live auf einem Anhänger – ganz unjapanisch und sehr erfrischend. Natürlich waren nicht alle Teilnehmer aus eigenen Stücken da. Ein paar politische Parteien und Organisationen schickten ihre Leute hin. Alles in allem war es sehr bunt.
Wie die Demo selbst ablief, war typisch japanisch: Sehr, sehr geordnet. Nur ein Teil der Straße wird gesperrt, also zieht sich der ganze Tross in die Länge. Zudem wird der Tross auch noch von langen Ampelphasen zerhackt, aber irgendwie trifft man sich schon wieder. Die Polizei ist massiv präsent, aber nur, um für Ordnung zu sorgen und alles in allem recht wohlwollend. Nach einer Stunde war der Zug auch schon vorbei.
Ob es was bringt? Laut Veranstalter waren 170’000 Menschen dort. Laut Polizei 70’000. Die wahre Zahl wird erfahrungsgemäss irgendwo dazwischen liegen, aber die Chancen liegen entsprechend nicht schlecht, dass es wirklich über 100’000 waren. Man kann nur hoffen, dass die Bewegung nicht abebbt, denn die Regierung will in der kommenden Woche die Genehmigung für das Hochschalten eines weiteren Reaktors erteilen. Und das ist besorgniserregend, denn so will man Schritt für Schritt zurück zur „Normalität“. Und das ist alles andere als normal.

Anbei noch ein kurzes Video – am häufigsten hörte man die folgenden Sätze:

再稼働撤回 Saikadō Tekkai – Nehmt die Wiederinbetriebnahme zurück
脱原発 Datsu-Genpatsu – Raus aus der Atomkraft!
原発反対 Genpatsu Hantai – Gegen Atomkraft!

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