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Das Kreuz mit der Miete

August 30th, 2013 | Tagged | 21 Kommentare | 11449 mal gelesen

Typischer Flyer für Haus- und Wohnungskauf

Typischer Flyer für Haus- und Wohnungskauf

Und so verläuft er, der typisch japanische Werdegang in Japan: Schule bis 18, Universität bis 21, vielleicht irgendwo ein Jahr in der Welt herumbummeln, mit 22 in einer Firma landen, mit 30 heiraten… und ein Haus oder eine Wohnung kaufen. Ja, kaufen. In weiten Teilen Tokyos, zum Beispiel, kostet eine brauchbare, neue Wohnung (brauchbar = halbwegs erdbebensicher und mindestens 70 Quadratmeter gross) in der Regel um die 350,000 Euro beziehungsweise 45 Millionen Yen. Das ist eine Menge Geld, und sicher schwer bei McDonalds zu verdienen. Andererseits ist das System darauf eingespielt: Die Menschen nehmen bei der Bank einen Hauskredit auf, und der wird dann – so in den meisten Fällen – innerhalb der nächsten 35 Jahre abgestottert. Wie Miete zahlen also, nur dass man nicht mehr umziehen kann – und nach 35 Jahren stolzer Besitzer einer Eigentumswohnung ist.

Lange Zeit habe ich mich vor diesem Gedanken verschlossen. Hat man den Pakt mit den Banken geschlossen, ist es geschehen. Man verträgt sich nicht mit den Nachbarn? Ganz dumm gelaufen. Irgendwas mit dem Haus ist nicht in Ordnung? Pech gehabt. Man findet nach Wohnungskauf eine viel bessere Stelle in einem viel besseren Land? Ebenfalls PGH. Andererseits bezahle ich seit 8 Jahren Miete – insgesamt soweit gute 10 Millionen Yen, also bald 100,000 Euro, und davon habe ich … genau! Nichts! 35 Jahre Raten zahlen dürfte auch mit zunehmendem Alter schwerer werden. Gehe ich also den japanischen Weg? Lasse ich mich hier festnageln? Mehr später dazu in diesem Theater!

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Filmkritik: Helter Skelter

August 25th, 2013 | Tagged | 1 Kommentar | 13107 mal gelesen

Mein Gott, die letzte Filmkritik ist nun schon vier Jahre her! Da wird es doch langsam mal wieder Zeit für eine neue Filmkritik.

helterskelterHeute geht es um den Film ヘルタースケルター (Helter Skelter), herausgekommen im Juli 2012. Dieser basiert, welch Überraschung, auf einem Manga, und zwar von der ziemlich bekannten Manga-Autorin 岡崎京子 Kyōko Okazaki. Wie üblich habe ich das Manga selbst nicht gelesen, aber man muss nicht lange suchen, um festzustellen, dass Helter Skelter ein sehr beliebtes Manga war und einige Preise eingeheimst hat.

Gedreht wurde, und das ist interessant, der Film von 蜷川実花 Mika Ninagawa, einer mit 40 Jahren noch recht jungen und sehr erfolgreichen Photographin, die sich vor allem mit sehr oppulenten, teils schon kitschigen Photos einen Namen gemacht hat. Seit ein paar Jahren versucht sie sich als Filmemacherin, und das mit Erfolg: Sie war es zum Beispiel, die das Video für AKB48’s „Heavy Rotation“ gedreht hatte.

In Helter Skelter geht es um ein dickliches, unabstreitbar hässliches Mädchen, das nach Tokyo zieht und sich dort riskanten Schönheitsoperationen unterzieht. Dadurch wird sie zu Ririko, einem Model, das schnell alle Titelblätter ziert. Einem Model, dessen Herkunft niemand kennt. Gespielt wird Ririko von 沢尻 エリカ Erika Sawajiri, einer 27-jährigen Sängerin/Schauspielerin mit japanischem Vater und algerisch-französischer Mutter. Und – so viel sei vorweggenommen – sie macht ihre Sache gut, und das muss sie auch. Das Drehbuch verlangt alle Facetten menschlicher Regung von ihr ab. Vom Orgasmus (nun gut, fast) bis zum Nervenzusammenbruch, von totaler Selbstzerstörung bis zur Psychoterror versprühenden, knallharten Domina ist alles dabei. In dem Film spielen vor allem Personen wie Ririko’s Agenturchefin Tada, eine schrille Person, die von Ririko „Mama“ genannt wird, Ririko’s Managerin Hada nebst Freund sowie Ririko’s Geliebter Takao wichtige Rollen.

Ririko hat anfangs sichtlich Erfolg an ihrer Karriere, doch bald verstärken sich die Schattenseiten des Gewerbes. Die herbeioperierte Schönheit lässt hässliche Flecken erscheinen, das Erfolgsrezept der Schönheitschirurgin ist äußerst dunkel und illegal, weshalb nicht nur die Chirurgin selbst, sondern auch Ririko ins Kreuzvisier der Ermittler (durchaus charismatisch: Nao Ōmori als Inspektor Asada) gerät. Aufgrund der Operationsmethoden muss Ririko (aber auch ihre Agenturchefin) ständig Medikamente nehmen, und die haben beachtliche Nebenwirkungen. Ririko verkaufte quasi ihre Seele an die teuflische Chirurgin. Alles läuft jedoch ganz gut – bis Kiko Mizuhara als Kozue aufkreuzt: Das neue Licht am Modefirmament, und mit einem wesentlichen Unterschied zu Ririko: Die Konkurrentin ist nämlich von Natur aus schön. Und ab da geht es abwärts. Ririko lässt ihren ganzen Frust an der eher bodenständigen Managerin (und ihrem Freund) aus – mit perfiden Machtspielen, doch dass soll sich zum Ende bitter rächen. In einer anderen Szene trifft sie ihre jüngere Schwester, anhand derer man sich als Zuschauer vorstellen soll, wie Ririko früher einmal aussah. Ihr Freund heiratet bald eine andere, auch wenn er ihr versichert, dass er trotzdem nur sie liebe. Und dann ist da der Hass auf die Konkurrentin.

Der gesamte Film ist wirklich helter skelter – ein grosses Chaos mit relativ viel Sex, etwas Gewalt (weniger hart Gesottene sollten sich überlegen, ob sie sich die Pressekonferenz zum Ende des Filmes ansehen wollen), Drogen und – Klamotten. Alles ist durchgestylt und mitunter so bunt und modisch, dass man meint, gleich Kopfschmerzen zu bekommen. Es sind viele Sprünge in der Geschichte, und wie bei japanischen Filmen oft üblich, ist es etwas schwer, sich mit dem angebotenen Ende zu versöhnen. Man erkennt ein paar Anleihen, zum Beispiel aus Fear and Loathing Las Vegas (Abteilung Drogenrausch), oder Takeshi Kitanos jüngeren Filmen mit sehr eindringlichen Bildern (rote Federn, Blitzlichtgewitter usw.). Man glaubt nur zu gern, dass eine professionelle Fotografin für die Regie verantwortlich zeichnet – es wurde sehr viel Wert auf die Fotografie gelegt. Einige Kameraeinstellungen sind dabei durchaus kreativ, wenn auch manchmal etwas übertrieben wird.

Vergänglichkeit der Schönheit. Lug und Trug in der Modebranche. Abgründe zwischenmenschlicher Beziehungen. Alles schön und gut – und eigentlich nicht so recht mein Ding. Was mich jedoch dazu bewegt hat diesem Film einen Beitrag zu widmen, ist die Filmmusik. Die ersten Minuten Film weckten mein Interesse – man wählte Nina Hagens‘ „Naturträne“ (kann man hier hören) als Begleitmusik zu einer Szene, in der man japanische Schülerinnen in Modezeitschriften blättern sowie die Hektik in Tokyo sehen kann. Ob man Nina Hagen nun mag oder nicht – die Wahl ist aussergewöhnlich und durchaus passend. Und das zieht sich durch den ganzen Film. Man hat die Musik scheinbar mit viel Bedacht gewählt, und letztendlich war es die Musik, die mich den Film hat verstehen lassen. Nicht im Sinne von „alles schöne Lieder, ich muss mir den Soundtrack kaufen“ – nein, Musik und Film gehören zusammen. Ohne die Musik hätte ich den Film vielleicht nicht bis zum Ende sehen wollen.

Ich bin kein Mode-Aficionado, und deshalb verstehe ich den Film durchaus als Anklage gegen Model-Rummel und Mode-Fimmel. Die Produzenten und Modefirmen sehen das scheinbar anders: Im Abspann erscheinen hunderte Logos und Namen von Modefirmen, die in irgendeiner Art und Weise am Film beteiligt waren. So grausam die Geschichte auch ist – ging es hier nur um das Tragen schöner und teurer Klamotten? Wer weiss. Aber was bleibt ist die Musik.

Mehr siehe Trailer:

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Jenseits von Japan: Abu Dhabi & Oman

August 22nd, 2013 | Tagged | 1 Kommentar | 12227 mal gelesen

Hier also mal wieder ein „Out-of-Japan“-Beitrag, damit es nicht langweilig wird.
Gute zwei Jahre waren seit dem letzten Deutschlandbesuch verstrichen, also wurde es mal wieder Zeit. Der Entschluss, im August zu fliegen, also in der Zeit, in der halb Japan unterwegs ist, kam relativ spät, und das merkte man beim Ticketkauf. Die Preise für alle Flüge, die insgesamt weniger als 40 Stunden dauerten, waren bereits exorbitant. Es blieben lustige Routen mit 5 Mal umsteigen, über China und die Wallachei usw. Und eine Verbindung über Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten, mit 23 Stunden Aufenthalt beim Hin- und 16 Stunden Aufenthalt beim Rückflug. Lang genug also für einen Kurzurlaub, und alle vier Flüge waren Nachtflüge. Und man braucht kein Visum. Und ich war noch nie dort. Alea iacta est.
Kurz vor 10 Uhr abends ging es von Narita los, und das war für mich schon mal ein Novum, da ich bisher immer nur am frühen Morgen oder gegen Mittag von dort losgeflogen sind. Da wir nicht sicher waren, ob es an Bord Abendessen geben würde ob der späten Stunde, hiess es also Abendessen im Flughafen. Natürlich gab es dann später eine volle Mahlzeit im Flugzeug. Etihad hiess die Airline, und von Kleinigkeiten abgesehen konnte man nicht klagen.

Kind schlief wie geplant, und an die Zeit zwischen Mittelchina und Bangladesh konnte ich mich nicht erinnern, also muss ich wohl auch geschlafen haben. Statt wie geplant um 4 Uhr morgens kamen wir bereits um 3 Uhr morgens in Abu Dhabi an – halbwegs gut ausgeruht und nach 11 Stunden Flug. Für uns war es ja immerhin schon 8 Uhr morgens. An Abu Dhabi selbst hatte ich kein grosses Interesse, denn die Stadt ist bekanntermassen groß und ziemlich neu, also quasi wie Tokyo in der Wüste. Interessanter sah da für mich schon das rund 150 km entfernte Al Ain aus – eine Wüstenstadt im Osten, an der Grenze zum Oman.

Im Zentrum von Al-Ain

Im Zentrum von Al-Ain

Also flugs Geld gewechselt, nach Bussen erkundigt (keine in den nächsten zehn Stunden), und notgedrungen ein Taxi geschnappt. Schnell sollten wir feststellen, dass es kaum korrektere Taxis gibt als in Abu Dhabi. Alle Taxis sind mit Meter ausgestattet, und ein Foto des Fahrers nebst Namen auf dem leicht verständlichen Display des Taxometers läßt kaum Zweifel aufkommen. Der Taxifahrer schätzte, dass es bis Al-Ain wohl um die 240 Dirham, also weniger als 50 Euro kosten würde. Recht sollte er behalten. Also ging es auf der durchgehend beleuchteten, äußerst leeren Wüstenautobahn gen Osten. Mit genau 120 km/h, denn immer wenn diese Gschwindigkeit überschritten wurde, mahnte eine Frauenstimme auf Englisch, dass, nun ja, die Gschwindigkeit gleich überschritten würde. Kurz vor 6 Uhr morgens kamen wir im Zentrum an, just in dem Moment, in dem die Sonne hinter der größten Moschee hervorkroch. Noch war es angenehm.

Die Strassen waren wie blankgeleckt. Nur ein paar indisch aussehende Straßenreinigungsfacharbeiter waren unterwegs. Auch für diese Erkenntnis brauchten wir nicht lange: Für Berufe, in denen man nicht zwingendermassen einen Universitätsabschluss braucht, verlässt man sich in den Emiraten gern auf Gastarbeiter. Kellnerinnen? Pinoy. Taxifahrer? Pakistani. Verkäufer und Reinigungskräfte? Inder. Mittenmang die einheimischen Männer mit ihren blütenweissen Gewändern und die mehr oder weniger stark verhüllten Frauen in ihren schwarzen Kleidern. Nur hier kann man aus einem Kilometer Entfernung Männlein und Weiblein so leicht auseinanderhalten!

Dattelpalmenoase in Al-Ain

Dattelpalmenoase in Al-Ain

Nach einem kleinen Spaziergang durch die ebenfalls sehr gepflegte Dattelpalmenoase, krampfhaft versuchend, den überall mit einem satten „Plopp!“ herunterfallenden Datteln auszuweichen, stiegen wir in ein Taxi und lotsten es zum Grenzübergang. Derer gibt es zwei in der Stadt – einer kann nur von Golfstaatenbewohnern benutzt werden, der andere auch von Leuten wie uns. Bis in die 1990er war die Grenze an dieser Stelle wohl offen, doch die VAE entschied sich dann doch, eine Grenze hochzuziehen, um unliebsame Einwanderer fernzuhalten, die den Oman als Transitland nutzen. Es waren weit über 5 Kilometer bis zur Grenze, und wir zahlten 15 Dirham. Einheimische lotsten uns zu einer Hütte, wo wir unsere Ausreisestempel abholten. Der Stempelmann murmelte irgendetwas auf Englisch von wegen „bevor wir zurückkommen, brauchen wir einen Ausreisestempel auf der anderen Seite der Grenze“ oder so. Das leuchtete in dem Augenblick ein. Man entliess uns aus der Hütte, und schon waren wir im Oman. Und dort war nichts: Keine Grenzpolizei, kein Zoll, keine Wechselstuben, einfach gar nichts, Nicht einmal ein Willkommensschild. Sehr merkwürdig, Wir liefen an ein paar Autorwerkstätten vorbei und bald erblickten wir ein Taxi. Ich hielt das Taxi an und fragte, ob er auch VAE-Geld akzeptiert. Tat er. Ich sagte „ins Zentrum“, und er reagierte verwirrt. Zentrum? Naja, zentraler Platz, Geschäfte, Imbissbuden, was weiß ich – Zentrum eben! Er fuhr erstmal los. Nach ein paar hundert Metern kamen wir an einer kleinen, aber schönen Festung vorbei. Er hielt an und fragte, ob wir sie uns ansehen wollen. Sicher doch! Er liess uns aussteigen und sagte, er komme sofort wieder, in 5 Minuten. Die Festung war so schön wie geschlossen. 20 Minuten später kam der Fahrer wieder und fuhr uns einen knappen Kilometer. Da sah es so wie Zentrum aus – also so, wie man sich eben das Zentrum einer unbedeutenden omanischen Wüstenstadt eben vorstellt. Ich fragte, wieviel er für die Taxifahrt verlange. „So viel wie ihr denkt das es wert ist“, lautete die Antwort. Das habe ich von einem Taxifahrer seit meinen Touren durch Rumänien nicht mehr gehört. Ich sage „20 Dirham“ – schliesslich habe ich auf der anderen Seite für eine wesentlich längere Strecke nur 15 bezahlt. Taxifahrer schaute enttäuscht. Er sagte mir, er hätte eher an 40 Dirham gedacht. Das kann er gerne tun, aber ich dachte nicht dran und fort war er, etwas mürrischer als vorher.

Posieren vor omanischer Festung

Posieren vor omanischer Festung

Das Zentrum der Kleinstadt al-Buraimi also. Ebenfalls ziemlich sauber, aber die Häuser und Läden sahen spürbar ärmlicher aus. Alles hatte geschlossen, bis auf zwei kleine pakistanische Restaurants. Der Taxifahrer hatte uns kurz zuvor aufgeklärt: Der Tag des Fastenbrechens ist von Land zu Land leicht unterschiedlich, und in Oman war eben heute Id al-fitr, das offizielle Ende des Ramadan. Das ist wie Weihnachten und Ostern zusammen (nun gut, es ist der zweitwichtigste Feiertag im Islam, wie es scheint), und dementsprechend hatte alles zu. Die Strassen waren wie leergefegt. Burg hatten wir gesehen, und es begann, wärmer und wärmer zu werden. Also trollten wir uns wieder Richtung Grenzübergang. Es ging zur gleichen Amtsstube wie vorher, doch dort verweigerte man uns die Einreise:

„Sie brauchen zuerst einen Ausreisestempel aus dem Oman!“
„Woher genau bekomme ich den denn?“
„Vom anderen Grenzübergang in [interessante, unnachahmbare Laute hier einfügen]“
„Wie komme ich dorthin?“
„Nur mit Taxi“
„…“

Man zeigte auf ein omanisches Taxi. Mit einem uralten Fahrer. Ich fragte nach dem Preis, und er zeigte mir einen 500-Dirham-Schein. Das sind 100 Euro. Und meiner Kenntnis nach war der nächste Grenzübergang nur 4 km entfernt. Das roch stark nach Aufpreis, errechnet aus dem (Ahnungslosigkeit-im-Gesicht + Shorts + Sonnenbrille + blasse Hautfarbe) * ÄtschbätscheinanderesTaxifindetihrhiersoschnellnicht²-Koeffizienten. Ich erhob natürlich Einspruch. Leider verstand der Herr kein Wort Englisch, also rief er jemanden hinzu, der übersetzen konnte. Plötzlich hiess es 300 Dirham. Das kam mir immer noch zu viel vor. Schließlich hatte ich am morgen für 150 km – im Nachttarif wohlgemerkt – gerademal 240 Dirham bezahlt.

Wüste im Nordwesten von Oman

Wüste im Nordwesten von Oman

Doch weiter liess der Fahrer nicht mit sich handeln. Das kann doch nicht wahr sein, dachte ich mir, machte die Tür zu und machte Anstalten, zu gehen. Wenig später kam der Fahrer nebst Dolmetscher hinterher, zeigte auf meine Tochter und sagte „200 Dirham. Weniger geht wirklich nicht. Ist ein weiter Weg“. Wäre ich allein gewesen, wäre ich stur geblieben, aber mehr wollte ich dem 6-jährigen, schwitzenden Mädchen nicht zumuten. Notgedrungenerweise stiegen wir ein, und das Taxi brauste los – erstaunlicherweise in eine ganz andere Richtung. Wir bretterten durch die Wüste. 10 km. 20 km. 30 km. Die Wüste wurde immer schroffer, es sah aus wie auf dem Mond, nur mit Beleuchtung. Nach gut 30 km kamen wir an einem völlig anderen Grenzübergang mitten im Nichts an: dem Wadi al-Jizzi-Übergang. Das Gebäude auf omanischer Seite war hochmodern aber in traditioneller Architektur gebaut und im Inneren 25 Grad kälter als draussen. Wir stellten uns an. Um Visa, Einreisestempel UND Ausreisestempel gleichzeitig zu bekommen. Das Visum kostete 5 Rial Omani für 10 Tage (nun gut, für uns 5 Stunden), also 10 Euro etwa. Nach einer knappen halben Stunde war alles erledigt und der Taxifahrer bretterte mit uns zurück zum Grenzübergang, wo wir endlich aus- und wieder einreisen konnten.
Gleichzeitig erfüllte sich so der Alptraum eines Hobby-Numismatikers: Da war ich also im Oman, und habe nicht die geringste Chance gehabt, omanisches Geld zu tauschen und zu benutzen! So ein Ärger aber auch. Wie oft hört man denn schon Freunde und Bekannte sagen: „Du, ich war letzten Sonnabend im Oman!“ – „Ach ja? Hey, hast Du vielleicht ein paar Münzen oder Geldscheine über, die du nicht mehr brauchst?“.

Grenzanlage zwischen der VAE und Oman

Grenzanlage zwischen der VAE und Oman

Kaum hatten wir die Grenze passiert, hielt ein grosser, dicker Mann in einem sehr teuren Auto neben uns und fragte im feinsten Englisch, wo wir hinwollen. Sicher, man soll nicht zu fremden Männern ins Auto steigen. Erst recht nicht mit Kindern. Aber ich bilde mir ein, einen Riecher dafür zu haben, und überhaupt habe ich mich selten so sicher gefühlt wie in den Emiraten. Selbst Japan erscheint wie ein gefährliches Pflaster dagegen. Er meinte, er könne uns ins Stadtzentrum mitnehmen. Wir stiegen ein. Der Mann entpuppte sich als Sudanese, der vor achwievielen Jahren nach Dänemark gezogen war und nun im Auftrag seiner Firma in Al-Ain arbeitet und in al-Buraimi lebt, da dort die Miete viel billiger sei. Ich sollte (gottseidank) Recht behalten – ein sehr interessanter, sehr gebildeter Mann, von dem ich einiges erfahren konnte.

Er liess uns neben einem schmucken Park mit grossem Spielplatz kurz vor dem Zentrum raus – direkt an der beinahe mit der Berliner Mauer konkurrienden Landesgrenze. Den Spielplatz hatte meine Tochter, wenn sie auch sonst schon nahezu provokatorisch nicht aus dem Fenster schaut, auf der Hinfahrt im Taxi bemerkt. Na bitte, soll ja niemand zu kurz kommen! Der Spielplatz war wirklich sehr schön, und absolut menschenleer. Viele Klettergerüste, Schaukeln, Rutschen und was alles. Alles schön aus Metall und in der Sonne stehend. Bein Anfassen verbrannte man sich fast die Finger. Das war selbst meiner spielwütigen Tochter zu viel.

Hoummus. Einfach genial.

Hoummus. Einfach genial.

Die Zeit kam uns beinahe wie eine Ewigkeit vor, doch es war erst kurz nach zwölf. Essen fassen. In einem typisch arabischen Restaurant. Dort gab es Hoummous (die andere Schreibweise, „Humus“, mag ich irgendwie nicht…“), Fladenbrot und sehr viel Gemüse. Und wenn es einen Grund gibt, wieder und wieder in den Nahen und Mittleren Osten zu fahren, dann ist es eben jenes Hoummous. Das ist wie Sushi in Japan, halbe-Tiere-grillen in Russland oder Currywurst in Berlin. Und das sagt nebenbei gesagt jemand, der sich sonst nicht allzuviel aus Bohnen macht. Nach dem oppulenten Mal, inkl. einer Flasche Wasser kostete es gerade mal 12 Dirham, schauten wir uns noch eine kleine alte Festung in der Nähe an und fuhren mit dem Fernbus nach Abu Dhabi. Die Temperatur lag mittlerweilen bei knapp 50 Grad, die Sonne brannte und der Wind wehte. Wie sich das anfühlt? Einfach einen Heißluftfön ins Gesicht halten und ab und an ein paar Krümel Sand hineinstreuen! Demenstprechend war nicht mehr viel zu machen. Wir zogen uns in ein vorher gebuchtes Hotelzimmer irgendwo zwischen Flughafen und Stadtzentrum zurück, schliefen bis Mitternacht und flogen gegen 2 Uhr nachts nach Deutschland.

Gewaltige Moschee in Abu Dhabi

Gewaltige Moschee in Abu Dhabi

Auf dem Rückflug hatten wir wieder viel Zeit in Abu Dhabi – von 6 Uhr morgens bis 10 Uhr abends. Dieses Mal schauten wir uns in der Stadt um und gingen Souvenire jagen für die liebe Verwandschaft. Wieder waren es knapp 50 Grad. Und der kurze Nachtflug von Berlin nach Abu Dhabi machte die Sache nicht einfacher. Sicher – Abu Dhabi ist schon interessant, und ich werde der Stadt sicherlich, wie es Tradition ist, auf dieser Webseite eine eigene Seite widmen. Aber spektakulär ist die Stadt nicht, zumindest nicht, wenn man sowieso schon in einer Großstadt wohnt.

So muss ein Wolkenkratzer aussehen!

So muss ein Wolkenkratzer aussehen!

Modern, moderner, am modernsten...

Modern, moderner, am modernsten…

Vielleicht sollte ich noch anmerken, dass ausnahmslos alle Leute, denen wir in den Emiraten über den Weg rannten, ausgesprochen nett und zuvorkommend waren. Mit Englisch kommt man ohne Mühen überall hin und durch. Vor Taxifahrern in Oman sei allerdings gewarnt…

Der Plan, mit diesen Flügen den Jet Lag zu reduzieren, ging, das sollte auch noch angemerkt werden, voll auf. Kein Jet Lag. Nichts. Wir waren viel zu müde dafür nach den Tagesausflügen. Und da die Zeit nur kurz war, wird dies auch der einzige Beitrag zum Thema sein. Ab jetzt geht es weiter – zur Abwechslung mit Themen aus und über Japan. Inshallah.

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Die Rutsche des Todes

August 7th, 2013 | Tagged , | 1 Kommentar | 13833 mal gelesen

Satellitenbild der Rutsche bei Google Earth

Satellitenbild der Rutsche bei Google Earth

In der Mitte meiner Stadt gibt es einen rechteckigen Park. Mitten im – für japanische Verhältnisse sehr grünem – Park thront der Urayasu-no-fujisan – der Fujiyama von Urayasu. Mit seinen schwindelerregenden 14 Metern wird jener allerdings gut von den herumlümmelnden Bäumen versteckt. Fuji-san wird er in Ermangelung höherer „Berge“ in der Stadt genannt. Es ist tatsächlich die höchste Erhebung der Stadt, und dabei ist selbst dieser „Berg“ nicht natürlich, denn vor 60 Jahren befand sich hier noch die Bucht von Tokyo. Neben dem Park gibt es Tennisplätze und ein Baseballfeld. Das Erdbeben hatte dem Park vor zwei Jahren stark zugesetzt – die Sportstätten und Kinderspielplätze waren dadurch unbrauchbar geworden, und es dauerte insgesamt gut zwei Jahre, alles wieder halbwegs herzustellen. Ein seltsames Bauwerk trotzte allerdings dem Beben: Ein Monstrum von Rutsche, gebaut aus Beton und weiß getüncht. Mindestens fünf Meter (so etwas ist immer schwer zu schätzen) war sie hoch, und in zwei Etappen ging es wieder herunter. Tückisch war sie: Bei „normalem“ Wetter konnte man in normaler Geschwindigkeit herunterrutschen, was vielen Kindern nicht schnell genug war. Sie brachten Karton mit, um schneller herunterzurauschen. Bei spezieller Wetterlage hingegen – wenn es sehr trocken war und nicht ganz so warm – wurde die Rutsche wahnsinnig schnell. Ich kann ein leidvolles Lied davon singen. Eines Tages rutschte ich mit meiner damals noch keine 2 Jahre alten Tochter herunter und erreichte dabei eine solche Geschwindigkeit, dass ich mit einem Körperteil aufsetzte, mit dem man nach einem 10-Meter-Rutsch mit Karacho vorzugsweise nicht aufsetzen möchte. Aber Hauptsache Kind hatte seinen Spaß. Sitzen war für den Erziehungsberechtigten allerdings erst nach ein paar Stunden wieder drin.

Historisches Photo: Oberer Teil der Rutsche.

Historisches Photo: Oberer Teil der Rutsche.

Doch ach – vor gut einer Woche war das weiße Ungetüm urplötzlich verschwunden. Weg. Wie vom Erdboden verschluckt. Dabei hatte sie selbst dem Erdbeben standgehalten. Sofort hatte ich statische Gründe im Sinn. Vielleicht hat sich ein Statiker die Rutsche angesehen und festgestellt, dass sie doch einen Knacks bekommen hatte? Oder war ein Kind heruntergefallen? Bei der Höhe, trotz Gitterstäben im oberen Bereich, nicht undenkbar und durchaus halsbrecherisch. A propos Hals: Der Grund schien ein anderer zu sein. Laut diverser Anwohner (einige kennen wir persönlich) kam es mehrfach vor, dass sich Menschen an der Rutsche erhängt haben. Eine Vorstellung, die mir eine Gänsehaut beschert. In der Nacht hängen sich Leute an der Rutsche auf, am Tag spielen die Kinder dort fröhlich. Musste man sie deshalb abreissen? Verhindert man so Selbstmorde? Ganz sicher nicht. Andererseits: Man möchte mit seinem Kind ganz sicher nicht einen solchen Anblick erleben. Und doch bricht es mir ein bisschen das Herz, dass Kinderspielzeug verschwinden muss, damit Erwachsene sich dort nicht das Leben nehmen.

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Weimarer Japan? / Wahnsinn Fukushima

August 2nd, 2013 | Tagged , | 18 Kommentare | 13327 mal gelesen

Andere haben schon darüber geschrieben, aber ich komme einfach nicht drum herum, diese zwei Sachen hier aufzugreifen. Und ich bin nicht sicher, welches der beiden Ereignisse empörender ist.

Nummer 1:
Da stellte sich also der Vizeministerpräsident (und Ex-Ministerpräsident) Aso Tarō diese Woche auf einem Symposium hin und merkte zum Thema Verfassungsänderung an:

Die Weimarer Verfassung wurde damals auch einfach so zur Naziverfassung geändert. Das geschah, ohne das die Leute etwas mitbekamen – und davon können wir doch lernen (O-Ton: 「ワイマール憲法もいつの間にかナチス憲法に変わっていた。誰も気がつかなかったあの手口に学んだらどうか」).

Nun, das viele Japaner nicht das gleiche über Nazis denken wie Deutsche (ganz zu schweigen von Franzosen, Juden, Polen usw) ist allgemein bekannt. Das Unheil, dass das Phänomen Nationalsozialismus anrichtete, ist hier schlichtweg nicht geläufig. Darf es deshalb ignoriert wurden? Sollte man von der Nr. 2 im Staat (und ehemals Nr. 1) nicht ein bißchen mehr Respekt, Geschichtswissen und Feingefühl erwarten können? Offensichtlich nicht.

Natürlich schlägt diese Aussage grosse Wellen – im In- und Ausland. China und Südkorea sehen sich in ihren Befürchtungen bestätigt. Aso ist seit jeher bekannt für seinen kruden Humor, sein Halbwissen („der 2. Weltkrieg startete mit Pearl Harbor“) und seine schlechten Kanjikenntnisse (siehe unter anderem hier). Schaut man sich obige Rede an, dreht sich jedem vernünftigen Menschen der Magen um. In der gleichen Rede fällt nicht nur das genannte Zitat, sondern noch ganz andere Bemerkungen – so hebt er mehrfach hervor, dass Hitler aus einer Demokratie heraus frei gewählt wurde, in einem Land mit einer der fortschrittlichsten Verfassungen zu jener Zeit.

Natürlich fordern nun viele seinen Rücktritt. Aso ruderte heute zurück und sagte, dass seine „Aussage leicht misszuverstehen sei“¹. Das sagen japanische Politiker immer, wenn sie merken, den Bogen überspannt zu haben – sich aber eigentlich nicht entschuldigen wollen. Das dieser Politiker es bis zum Außenminister, dann zum Ministerpräsidenten gebracht hat – und selbst heute noch eine der größten Geigen spielt, ist vornehm ausgedrückt eine Schande für Japan.

Nummer 2:

Diese Woche wurde bekannt, dass von nun an auch staatliche Behörden damit beginnen, die radioaktive Belastung im Meer nahe des explodierten AKW in Fukushima zu messen. Ein einfacher Satz, oder? Doch wer hat bisher gemessen? Richtig: TEPCO, also die Betreibergesellschaft des AKW. Das ist in etwa so, als ob man einen Mörder fäßt, und selbigen darum bittet, seine eigene Tat zu beweisen. Ja, sehr schön! Zumal man ja nunmehr fast 2½ Zeit hatte, die Transparenz, Technologie und das unerschütterliche Selbstvertrauen von TEPCO zu erleben. Die Tatsache, dass man nun diesem Verein jahrelang das Monitoring zu überlassen, widerspricht jeglicher Logik.

Hinzu kommt, dass sich die Hiobsbotschaften aus dem AKW wieder überschlagen. Aber Prof. Zöllner hat das in seinem Blog bereits sehr gut zusammengefaßt, also gehe ich an der Stelle nicht weiter ein. Fakt ist: Das AKW wird, wie vorhergesehen, noch auf sehr lange Zeit für zahlreiche Überraschungen gut sein. Und diese Überraschungen werden wohl weniger positiv sein.

¹ Siehe Artikel und Video bei FNN News

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