Jetzt ist es amtlich: Japaner sterben aus

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    Alle 10 Jahre gibt es in Japan eine große Volkszählung, und alle 5 Jahre eine kleine. Nun war es wieder so weit, und vor einer knappen Woche wurden die Ergebnisse veröffentlicht¹. Diese Ergebnisse sind keine große Überraschung, aber sie markieren dennoch eine historische Zäsur: Zum ersten Mal seit Beginn der Volkszählungen vor knapp 100 Jahren ist die Bevölkerung Japans gesunken, sprich die Wachstumsrate ist nunmehr negativ. Anders gesagt: Es sterben mehr Japaner als neue dazukommen. In Zahlen ausgedrückt, gibt es 2016 knapp eine Millionen weniger Japaner als noch 2011; von 128 Millionen Einwohnern sind nur noch 127 Millionen da.

    Das ist freilich kein Wunder, liegt doch die Geburtenrate seit Jahren bei rund 1,4 Kindern pro Frau. Logischerweise braucht man aber 2,1 Kinder oder mehr, um ein positives Wachstum aufzuweisen. Oder mehr Einwanderer, aber das wird so schnell nicht passieren. Nicht in Japan. Und so zeigten sich die Politiker erschrocken, und Abe erklärte, dass er alles daran setzen werde, dass die Bevölkerung nicht unter 100 Millionen rutscht. Da muss er sich allerdings anstrengen, denn das Land rast mit hoher Geschwindigkeit auf diese Marke zu. Und da nunmehr schon ein Drittel der Bevölkerung älter als 65 Jahre ist, wird sich der Trend noch beschleunigen.

    Bevölkerungsentwicklung Japan - bisher und Prognose
    Bevölkerungsentwicklung Japans – bisher und Prognose (Quelle: Wikipedia)

    Wer in Tokyo oder einer anderen Metropole Japans wohnt, sollte an diesem Punkt vielleicht Hoffnung schöpfen, dass die Züge bald etwas leerer werden. Da wird man jedoch noch eine Weile warten müssen, denn Tokyo zählt zu den weniger als 10 Präfekturen, in denen mehr Menschen leben als vor 5 Jahren. Will heissen, der jetzige Rückgang betrifft in erster Linie die ländlichen Regionen, und das ist in den meisten Gemeinden mehr als offensichtlich: Für immer geschlossene Läden und verfallende, da schon lange unbewohnte Häuser sind dort ein alltäglicher Anblick.

    Der Trend hat auch große wirtschaftliche Konsequenzen – und zwar seit vielen Jahren: Da schon lange offensichtlich ist, dass die Bevölkerung abnimmt, geht auch die Wirtschaft von einem abnehmenden Markt aus – in den man nur ungern investiert. Damit wird Japan nun allerdings leben müssen, denn dieser Trend ist nicht ohne weiteres umkehrbar.

    ¹ Siehe unter anderem hier

    10 COMMENTS

    1. Ein Grund für die schlechte Geburtenrate sind die hohen Schulgebühren und hohen Kosten der Bildung, die sich kaum eine Familie leisten kann…

      Viele Grüße,
      Tessa

      • Viel problematischer ist eigentlich die Kinderbetreuung in den ersten Jahren bis zum Schuleintritt. Wenn man keine Grosseltern zur Unterstuetzung in der Naehe weiss, faellt schon mal ein Einkommen weg da es kaum bezahlbare und auch ausreichende Kinderkrippen gibt. Und viele kommen mit einem Einkommen nicht mehr aus und verzichten Aufnachwuchs deshalb auf Nachwuchs.
        In Deutschland ist es da nicht viel besser. Waere die Kinderbetreuung gesichert, gaebe es wieder mehr Kinder – auch in Deutschland.

    2. Staatsverschuldung und Rentenprobleme lassen grüßen. :(
      Der Trend zeichnet sich in Deutschland ja auch ab, aber nicht so extrem … und wir haben ja mit Zuwanderung keine Probleme. T_T ….

      Ich bekenne mich schuldig, da ich bei der Volkszählung 2011 noch in Japan war, jetzt nicht mehr. ;P

      • Staatsverschuldung ist in einer Hinsicht auch ein künstlicher von Bausektor bedingtes Faktor, welches auch auf die ländliche Regionen Auswirkung hat wie die Pest – das hat Alex Kerr in Dogs and Demons sehr gut beschrieben

    3. Naja, gleich von Aussterben zu sprechen ist vieleicht etwas hart. Bin allerdings gespannt wie Abe ohne Zuwanderung die 100 halten will.

    4. Japaner bekommen derzeit im Schnitt (ein klein wenig) mehr Kinder als Italiener, Spanier, Polen und Deutsche ohne Migrationshintergrund. Sie bekommen im historischen Vergleich sehr wenige Kinder, aber man sollte nicht vergessen dass das an vielen anderen Orten ebenso ist. Es gibt allerdings deutlich weniger Zuwanderung als in anderen reichen Ländern. Deshalb würde ich mir aus japanischer Sicht aber keine Sorgen machen. Es gibt hunderte Millionen (im wörtlichen Sinne, es gibt glaubwürdige Umfragen die das belegen) Menschen aus ärmeren Ländern die bei Möglichkeiten sofort in ein reiches Land wie Japan umsiedeln würden. Und angesichts der demographischen Entwicklung in diesen ärmeren Ländern wächst die Anzahl dieser Reisewilligen in den nächsten Jahrzehnten stark an, dann geht es bald um mehrere Milliarden die jederzeit zur Umwanderung bereit sind.
      Das heißt für die Entscheidung doch noch Massenzuwanderung im westlichen Sinne zuzulassen wird es nie zu spät sein. Sollte es also nicht gelingen die Geburtenrate in den nächsten 20 Jahren zu heben könnte man dann immer noch auf Zuwanderung zurückgreifen.

    5. Was ich mich immer frage bei solchen Zahlen ist, dass es nie einer Generation besser ging als dieser im geburtsfähigen Alter und die Quote dennoch so niedrig ist. Selbst unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg war die Geburtenrate höher als heute. Die hatten bestimmt andere Sorgen als Kinderkrippenplätze. Ist es westlicher Individualismus? Fortschritte in der Verhütung? Keine Ahnung.

      • Ich würde eher sagen, dass er dieser Generation schlechter geht als der vorigen Bubble-Generation. Keine festen Arbeitsverträge, teure Uni für nix absolviert, Frauen sollen jetzt Kinder kriegen UND arbeiten…

        • trotzdem ist es in allen Ländern mit niedrigen Geburtenraten so dass dass es der jeweiligen Generation besser geht als allen Vorgängergenerationen, also im historischen Zeitraum vielleicht 100 Generationen. Und diese Vorgängergenerationen hatten durch die Bank eine Geburtenrate von 5 oder 6. Soweit ich es verstanden habe ist in den letzten 2 Jahrzehnten objektiv auch in Japan der Lebensstandard nochmal von hohem Niveau aus leicht gestiegen: Kindersterblichkeit, Lebenserwartung, Energiekonsum sind durch den technologischen Fortschritt auf hohem Niveau noch einmal gestiegen.

        • Eine Menge Sachen, die Frauen vor ein paar Jahrzehnten nicht hatten: Uniausbildung, Arbeitsverträge… Und dennoch scheint die jetzige Generation damit überfordert zu sein, neben dem physisch nicht sehr fordernden Bürojob noch ein oder maximal zwei Kinder großzuziehen. Ich finde es einfach seltsam, aus einem anthropologischen Blickwinkel, das gerade die Abwesenheit physischer Bedrohungen und elementarer Probleme zu scheinbar psychischen Überforderung führt. Nur so ein Gedanke.

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