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70%-Chance für ein Hauptstadtbeben in den nächsten vier Jahren?

January 24th, 2012 | Tagged , , | 15 Kommentare | 721 mal gelesen

Es ist mal wieder einer solcher Tage, an denen alles zusammenkommt. Nachrichten am Morgen durchgeschaut – und da fällt mir die folgende Nachricht ins Auge: Chance für ein schweres Hauptstadtbeben innerhalb der nächsten 4 Jahre steht bei 70 Prozent. Vor dem schweren Beben im letzten Jahr hiess es diesbezüglich: 70% innerhalb der nächsten 30 Jahre. Von diesen Berechnungen mag man halten, was man will, aber die Tatsache, dass die Plattengrenzen und Verwerfungen seit dem Beben am 11. März 2011 an Stabilität eingebüsst haben, ist nicht von der Hand zu weisen. In den vergangenen 10 Monaten gab es im Schnitt 1.5 Erdbeben der Stärke 3 bis 6 in der Hauptstadtregion – das sind 5 mal mehr als vor dem schweren Beben. Das allseits befürchtete 首都直下地震 shuto chokka jishin – Erdbeben direkt unter der Hauptstadt wird schon lange erwartet, denn auch in der Hauptstadt gibt es zahlreiche Verwerfungen – so zum Beispiel im Nordwesten von Chiba sowie bei Hachiōji. Bei einem Erdbeben rechnet man mit einer Stärke von 6.7 bis 7.2 und einer Opferzahl von ca. 11’000 Menschen – zum Teil verursacht durch Großbrände, die man mit Sicherheit erwarten kann in einem solchen Ballungsgebiet.

Nun gut. Abends kurz vor 9 – ich war gerade in einem Meeting – gab es auch gleich noch mal einen Denkzettel – das Büro fing etwas länger an, zu wackeln. Aber dieses Beben war nicht in Tokyo, sondern in Fukushima, und es war auch “nur” eine 5.1. Dafür ging es draussen jedoch allmählich zur Sache: Heftiger Schneefall, zum Teil begleitet von Blitz und Donner, setzte ein. Nein, langweilig wird es hier wirklich nicht.

Wird am 12. Februar 2012 eröffnet und ist hoffentlich erdbebensicher: Die 2'933 m lange Tokyo Gate Bridge

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Iwate 9 Monate nach dem Tsunami: Teil II

January 8th, 2012 | Tagged , , | 2 Kommentare | 429 mal gelesen

(Teil I ist hier)

Ich beeile mich, zur Haupstrasse zu gelangen – die verläuft parallel zum Fischereihafen und führt Richtung Zentrum. Plötzlich gibt es eine Lautsprecherdurchsage in der ganzen Stadt, eingeleitet von einem “ding dong dong ding!” Lautsprechersysteme gibt es in allen japanischen Städten und Nachbarschaften, und normalerweise werden sie nur zu festlichen oder traurigen Angelegenheiten genutzt. Während der kommenden Jahre werde ich diese Durchsagen jedenfalls mit Sicherheit mit der Zeit nach dem Beben assoziieren – “Ding dong dong ding – bitte gedulden Sie sich noch ein paar Tage, bis das Wasser wieder da ist”, oder “ding dong dong ding – in 30 Minuten wird der Strom abgestellt” waren da typische Durchsagen. In Miyako warnte die Durchsage hindes vor einer höheren Flut als üblich. Da, wie im vorigen Teil bereits erwähnt, weite Gebiete entlang der Küste um mehrere Meter nach unten absackten, bedarf es heuer keines Tsunami und keiner Springflut mehr, um Teile der Stadt unter Wasser zu setzen. Ende der Durchsage.

Tankstelle in Miyako

Langsam laufe ich Richtung Bahnhof zurück. Das Meer sehe ich dabei nicht, da es hinter einem grossen, schwarzen Betonwall versteckt liegt. Jenen hatte der Tsunami mühelos überwunden, aber nicht zerstören können. Bis ins Stadtzentrum hinein sind die Spuren der Katastrophe noch erkennbar – vereinzelte Häuser fehlen, bei anderen ist das Erdgeschoss zugenagelt, einige Tankstellen und andere Anlagen sind zwar freigeräumt, stehen aber nachwievor stark zerstört herum.

Nach einer kurzen Runde und einer Stärkung im überschaubaren Zentrum von Miyako laufe ich über eine Brücke Richtung Süden, denn dort steht mein Hotel. Zwei der drei Brücken, darunter die Eisenbahnbrücke, wurden zerstört. Die Strassenbrücke wird gerade wieder hergestellt, aber die Bahn wird wohl in den kommenden Jahren nicht fahren. Bis zum Hotel läuft man eine gute dreiviertel Stunde – auch hier das gleiche Bild: Hohe Schutzmauer zwischen Stadt und Hafen, und starke Zerstörungen hinter der Schutzmauer. Aber immerhin steht hier noch mehr als die Hälfte. Das Hotel hatte es damals auch erwischt – das gesamte Erdgeschoß war damals unter Wasser und kann immernoch nicht genutzt werden. Im Hotelzimmer entsprechende Anweisungen: Bei Tsunamiwarnungen mindestens bis in den 3. Stock laufen, alles darüber ist sicher. Nachts finde ich gottseidank eine kleine Rāmen-Bude in der Nähe – mehr gibt es nicht, auch keinen Konbini oder ähnliches. Das einzige, was es in der Nähe gibt, ist ein riesengrosser Pachinkoladen, und der sieht nagelneu aus. Die Rāmen heben meine Stimmung auch nicht gerade: So schlechte Rāmen habe ich seit langem nicht mehr gegessen.

Autowracks im Hafen von Miyako

Morgens geht es gegen 8 Uhr raus. Erstmal wage ich aber einen Blick aus dem Fenster – von dort kann man schön die Bucht und Teile des Hafens überblicken. Sowie einen grossen Autofriedhof, auf dem die nach dem Tsunami eingesammelten Autowracks zusammengeschoben wurden. Ich packe meine Sachen und begebe mich zur Bushaltestelle. Der Bus kommt auch fast pünktlich und fährt immer die Küste entlang bis nach 陸中山田 Rikuchū-Yamada. Der Bus fährt Berge hoch und Berge runter, zur Küste und wieder von der Küste weg. Kaum sind wir in Wassernähe, ist alles zerstört. Kaum fahren wir weg, sieht alles ganz normal aus. Vom Stadtzentrum der Gemeinde Yamada steht nur noch ein Betondeich und vier modernere Wohnblöcke, die scheinbar bis zum 2. Stock überschwemmt worden waren. Alles andere ist weg – nur noch Fundamente stehen. Der Bus fährt quer durch den ehemaligen Ort, hier und da steigen eins, zwei Leute ein und bald wieder aus. Hinter dem Ort geht es eine Anhöhe hinauf, und der Bus hält an einem 道の駅 Michi-no-eki – einer Art grösserer Raststätte an Fernverkehrsstraßen. Solche Raststätten gibt es überall.

Die Gegend sieht fantastisch aus – das Meer, die Bucht, die Berge – eine traumhafte Landschaft. In der Raststätte hängen Photos von Yamada nach dem Tsunami: Offensichtlich rollte der Tsunami erst über die Stadt hinweg, und anschliessend brannte der Rest der Stadt nieder. Ein grauenhafter Anblick auf den Photos – schwelende Trümmer in trübem, brackigen Wasser.

Bucht von Rikuchū-Yamada

In der Raststätte warte ich auf den nächsten Bus, der mich dann nach Kamaishi bringen soll. Der Ort ist nur gute 45 Minuten entfernt. Während ich da so warte, nähern sich mir zwei Japanerinnen: Eine sehr junge Frau und eine ältere Frau. An irgendetwas erinnert mich diese Kombination, aber ich komme nicht rechtzeitig drauf, denn schon spricht mich die junge Frau an – auf Englisch, ob ich Japanisch könne. Ja ja. Ob ich durch das Katastrophengebiet toure. Nein, eigentlich nicht. Bin nur auf der Durchreise. Ja, sie seien auch auf Tour durch das Katastrophengebiet – um Trost zu spenden. Eine böse Ahnung bewahrheitet sich: Sie sind Zeugen Jehovas, auf Seelenfang. Ich bleibe freundlich, aber schmallippig. Ob ich nicht… “Nein, ich bin Atheist” (stimmt zwar nicht ganz). Ich will die beiden nur noch los werden. Die Menschen hier können die Zeugen Jehovas bestimmt genauso gut gebrauchen wie ein drittes Bein.

Endlich kommt der Bus und ich bin die beiden los. Neben mir sitzen zwei Fahrgäste im Bus, irgendwo vor mir. Nach etlichen Kilometern kommen wir an einem provisorischen Krankenhaus in den Bergen vorbei. Dann geht es steil abwärts zu einer weiteren Bucht. Der Name auf dem Strassenschild kommt mir sehr bekannt vor: 大槌 Ōtsuchi. Das war doch die Stadt, in der nach dem Tsunami fast alle Einwohner vermisst waren! An einem zerstörten Krankenhaus vorbei geht es in die Stadt beziehungsweise dahin, was davon übrig blieb. Und das ist nicht viel. Es sieht genau so aus, wie auf den Photos von Nagasaki und Hiroshima nach dem Atombombenabwurf: Hier und da steht der Rest eines robusteren, höheren Gebäudes – alles andere ist einfach weg. Ein absoluter Albtraum. Diese Stadt wurde wirklich völlig ausradiert, doch der Bus fährt seine ganz normale Route ab. Dann biegt der Bus nach rechts ab, Richtung Inland. Ein Schwenk des Blickfeldes, doch auch hier: Alles weg. Da hinter mir niemand sitzt, filme ich einen Stück der Fahrt mit meiner Kamera:

Karte des Zentrums von Ōtsuchi: Fast das ganze Zentrum lag unterhalb des Meeresspiegels

Schaut man sich allein Ōtsuchi an, grenzt es fast an ein Wunder, dass die Opferzahl die ist, die sie ist. Allein in dieser Stadt würde die Zahl nicht weiter verwundern. Der Bus hält derweilen auf Fahrgastwunsch an, und zwar an der Bushaltestelle 中央公民館 (Zentrales Gemeindehaus). Nur – da steht nichts mehr. Eine der beiden Fahrgäste steigt trotzdem aus. Mein Gott, was müssen die Bewohner dieser Stadt hier durchgemacht haben. Und was wird hier in Zukunft geschehen? In Miyako hatte ich bereits beobachtet, was ich beinahe befürchtet hatte: Viele Leute bauten einfach ihre Häuser an der gleichen Stelle wieder auf. In Ōtsuchi herrscht jedoch, soweit ich weiss, Baustopp. Die Frage ist nicht, wann, sondern ob und wenn ja wo man wieder bauen wird. Wird die Stadt womöglich aufgegeben? Das besonders prekäre in der Stadt war übrigens die Tatsache, dass der Bürgermeister und alle Abteilungsleiter im Rathaus vom Tsunami mitgerissen wurden: Die Bewohner der Stadt waren deshalb nach dem Tsunami für mehrere Tage komplett auf sich allein gestellt, es gab keine Verbindung zur Aussenwelt.

Mehr im Teil 3 später: Dann aus Kamaishi.

Links:
YouTube: Tsunami in Miyako
YouTube: Tsunami in Yamada
YouTube: Tsunami in Ōtsuchi

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Die Küste von Iwate 9 Monate danach – eine Momentaufnahme: Teil 1

January 6th, 2012 | Tagged , , | 4 Kommentare | 402 mal gelesen

Ein etwas ausführlicherer, zweiter Teil (Teil 1 von unterwegs hier) meiner kurzen Tour durch die Präfektur Iwate:

Karte der Tour durch Iwate

Erstmal zur Route, um die Lage der Orte etwas zu veranschaulichen. Es ging zuerst mit dem Shinkansen nach Morioka, der Präfekturhauptstadt von Iwate. Das dauert nicht mal drei Stunden. Nach einer Nacht in Morioka ging es weiter mit einem Schnellzug an die Küste, nach Miyako (gute 2 Stunden). Nach einer Übernachtung dort sollte es weiter nach Tōno gehen. Tōno ist von der Küste aus von Kamaishi her ziemlich gut erreichbar. Da die Bahnlinie von Miyako nach Kamaishi jedoch auf unvorhersehbare Zeit unbenutzbar bleibt, ging ich davon aus, wieder nach Morioka zurück und von dort ziemlich umständlich nach Tōno fahren zu müssen. Es sei denn… in Miyako erfuhr ich, dass es mittlerweilen eine reguläre Busverbindung nach Kamaishi geben soll. Daher wurde die Route spontan in die kürzere umgeändert – also nach Kamaishi, und von dort mit dem Zug nach Tōno. Das sollte mir ein paar Stunden Zeit und einige Tausend Yen sparen, aber das bedeutete auch, dass ich mit dem Bus quer durch das 被災地 (hisaichi) Katastrophengebiet fahren würde. Das sollte gute 9 Monate nach dem Tsunami eigentlich in Ordnung sein. Allerdings: Würde ich das Gleiche machen, wenn ich diesen Blog nicht schreiben würde? Wahrscheinlich nicht. Spätestens seit dem Beben hat mich dieser Blog bzw. seine Leser insofern verändert, dass ich das Gefühl habe, vernünftig informieren zu müssen (oder es ganz sein zu lassen). Aber ich schweife schon wieder ab. Nach einer Nacht in Miyako ging es also mit dem Bus nach 陸中山田 Rikuchū-Yamada (1 Stunde) und von dort mit einem anderen Bus nach 釜石 Kamaishi (45 Minuten). Nach ein paar Stunden Aufenthalt ging es von dort mit der Bahn nach 遠野 Tōno (1 Stunde). Am nächsten Tag ging es von Tōno mit frisch diagnostizierter Lungenentzündung nach 平泉 Hiraizumi, wo ich mir dort in der Herberge dann mit frischen Austern den Magen verdorben habe. Ja, diese Tour wird in Erinnerung bleiben. Am folgenden Tag (noch nichts ahnend von der verhängnisvollen Wirkung schlechter Austern) ging es zurück nach Tokyo.

Aber zuerst einmal nach Miyako: Miyako war eine der ersten vom Tsunami getroffenen Städte, da es relativ nah am Epizentrum lag. Allerdings: Obwohl es so nah (gute 100 km) am Epizentrum lag, hatte das Beben hier “nur” eine starke 5 auf der japanischen Skala (Maximum: 7) – eine starke 5 hatten wir auch dort, wo ich wohne, und das ist gute 400 km entfernt. Das Hauptbeben fand 14:46 statt – die grösste Welle erreichte Miyako nach 35 Minuten, und späteren Berechnungen zufolge war die Welle stellenweise knapp 38 Meter hoch.

Küste bei Jōdo-ga-hama

Miyako bzw. nahezu die gesamte Küste der Präfektur Iwate ist für seine besondere Form bekannt – diesen Typ Küste nennt man Ria-Küste. Will heissen, die Küste ist sehr stark zergliedert, mit unzähligen, langen und verzweigten Buchte und sehr vielen Inseln und Inselchen. So etwas gibt es auch anderswo – in Irland oder der Bretagne zum Beispiel. Die Küste ist gerade bei Miyako sehr schön. Besonders bekannt ist dort ein Abschnitt namens 浄土ヶ浜 Jōdo-ga-hama. Vom Bahnhof Miyako fährt man mit dem Bus keine 15 Minuten bis dorthin. Von der Bushaltestelle läuft man dann noch knappe 10 Minuten, und schon steht man am Pazifik – an einem weissen Strand, der vom Horizont durch eine kleine Kette winzigster Inselchen getrennt wird. Auf den schroffen Felsen trotzt eine Kiefer dem Wind. Zwischen den Inseln schwallt das Wasser über die Felsen. Am Strand steht ein kleines Denkmal vom örtlichen Rotary-Club, welches an den Tsunami vom 24. Mai 1960 erinnern soll: Damals schickte ein schweres Erdbeben in Chile eine 10 Meter hohe Wasserwand nach Miyako. Dank des vorher errichteten Schutzdeiches blieb die Welle damals ohne Folgen.

Küste bei Miyako

Anders am 11. März 2011: Infolge des Bebens der Stärke 9.0 vor der Küste sank ein breiter Streifen entlang der Küste von Iwate ein paar Meter ab. Am Strand gibt es einen schönen Uferweg, der teilweise durch Tunnel führt. Dieser Weg steht heute grösstenteils unter Wasser und kann nicht mehr betreten werden. Ich laufe in das kleine Tal hinter der Bucht. Dort steht ein grosses Haus, in dem man früher essen und Souvenirs kaufen konnte. Das Gebäude ist mit Brettern verrammelt, das Toilettenhäuschen und die Trafomasten sind weggespült. Ich laufe zum Ende des schmalen Tals. Dort beginnt ein kleiner, unbeleuchteter Tunnel. “Wegen des Bebens Betreten Verboten” steht dort, aber der Eingang ist nicht versperrt, und weit hinten sieht man das andere Ende. Der Tunnel scheint frei zu sein, also laufe ich hinein, etwas gebückt, da der Tunnel keine 2 Meter hoch ist. Nach ca. 250 Metern stehe ich wieder am Freien – nicht ganz ungefährlich, da ein Teil des Weges unterhalb des Ausgangs weggebrochen ist. Ich muss auch gleich springen, denn mir springt gleich die Gischt entgegen. Auch hier hat sich das Ufer deutlich abgesenkt. Überall liegen Trümmer herum; der Weg am Ufer ist halb überspült und voller Risse. Den gleichen Weg möchte ich nicht zurückgehen, also gehe ich schnell Richtung Ende der kleinen Bucht. Dort gibt es zwei Brücken – eine grosse Autobrücke und darunter eine kleine, zerbrochene Brücke – offensichtlich vom Tsunami zerbrochen. Überall liegen Holz und Trümmer herum.

Stadtviertel von Miyako nach Tsunami

Ich laufe die Treppen hoch von der Bucht, vorbei an einem Friedhof. Nach einigen Metern aufwärts geht es wieder abwärts, vorbei an ein paar Wohnhäusern, doch dann verschwinden die Häuser. Plötzlich sind nur noch Fundamente da: Das hier ist 蛸の浜町 – “Oktopusstrand-Viertel”, und alles von hier bis zum Hafen wurde weggespült. Nun, die Trümmer sind alle aufgeräumt – was heute noch steht in diesem engen Tal sind die Fundamente, versehen mit Markierungen wie “Kann abgerissen werden” usw. Die Strassen sind alle frei und werden auch befahren, was etwas merkwürdig anmutet – ein Geflecht kleiner Strassen, ohne Häuser. Auch der Bus fährt hier durch und hält an den alten Haltestellen, auch wenn im weiten Umkreis nichts steht. Am Talrand stehen völlig unversehrte Häuser – der Tsunami interessiert sich logischerweise nicht dafür, was woneben steht, sondern nur dafür, wie hoch die Dinge liegen.

Teil 2 folgt…

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Notizen aus dem Norden: Miyako

December 27th, 2011 | Tagged , | 5 Kommentare | 421 mal gelesen

20111227-210720.jpgHeute morgen bin ich mit dem Expresszug von Morioka nach Miyako gefahren – Miyako ist eine Kleinstadt an der Pazifikküste in der Präfektur Iwate und wurde wie viele andere Städte in der Region am 11. März vom Tsunami heimgesucht. Und nicht nur dass – das Beben selbst hatte schon die auf der japanischen Skala maximale 7.

Was ich hier will? Zum einen steht Iwate schon lange auf meiner Liste. Und die Landschaft bei Miyako ist berühmt. Die Trümmer sind auch weitgehend aufgeräumt. Und die Gegend lebt zum Teil vom Tourismus, also warum meiden.

Natürlich habe ich auch als Ex-Geograph mit Schwerpunkt Stadtplanung ein gewisses Interesse daran, zu sehen, was nun aus der Stadt wird. Das mache ich nicht zum ersten Mal – 1998 war ich mit meinem Professor in Kōbe, um das Gleiche zu machen.

20111227-215342.jpgNun, die Trümmer sind aufgeräumt, und in der Stadt ist zu einem gewissen Grade Normalität eingekehrt, auch wenn die Katastrophe noch immer Gesprächsthema Nummer Eins zu sein scheint. Die Hilfe aus dem Ausland scheint hier wirklich sehr willkommen zu sein – heute liefen hinter mir zwei alte Leute, die sich darüber unterhielten. Die Frau sagte zuerst “Ah, mein Sohn wurde auch weggespült, das war wirklich schlimm. Aber die ganze Hilfe aus dem Ausland ist wirklich beeindruckend. Erst gestern wurden alle Schüler in der Klasse meines Enkels mit aus China gespendeten Sportsachen eingekleidet”.

Gestern hatte ich in der Bar in meinem Ryokan eine lange Unterhaltung mit einem Angestellten. Irgendwann kamen wir auch auf Fukushima zu sprechen (welches in dieser Region hier wesentlich weniger Spuren hinterliess). Er merkte dazu an, dass er den Chef des Planungsteams des AKW Onagawa kennt. Zur Erinnerung: Onagawa steht ebenfalls am Meer, ist aber viel näher am Epizentrum dran. Onagawa wurde auch vom Tsunami und Beben getroffen, während es in Betrieb war – dort ist allerdings kaum etwas passiert. Angeblich wurde der Chefplaner jedoch nach Bau des AKW gefeuert, da die Kosten für die Sicherheit den Preis zu sehr in die Höhe getrieben hatten.

Mehr später. Morgen geht es mit dem Bus weiter nach Kamaishi und von dort wieder landeinwärts nach Tōno, Heimat des Kappa.

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Gut gemachte Doku: 155 Tage nach dem Erdbeben

September 8th, 2011 | Tagged , , | 20 Kommentare | 1514 mal gelesen

Ich bin erst jetzt darauf gestossen – die Sendung lief bereits am 12. August in Fuji TV: わ・す・れ・な・い ~東日本大震災155日の記録~ – “Unvergesslich: Das Logbuch 155 Tage nach der grossen Erdbebenkatastrophe von Japan”.
Gute Dokus gibt es selten in Japan – gerade im deutschen Sprachraum wird man da schnell verwöhnt und erwartet viel. In Japan ist investigativer Journalismus, auch bzw. gerade im Fernsehen, weniger verbreitet.
Diese Dokumentation ist jedoch relativ gut gemacht. Die Gliederung ist wie folgt:

1) Nach einer kurzen Einleitung geht es um den Tsunami – den Teil der Dreifachkatastrophe, der bei weitem die meisten Todesopfer und die ärgsten Verwüstungen hervorrief. Dabei – erst jetzt aufgetauchte Videos, Augenzeugeberichte und gute Analysen: So zum Beispiel zum Thema, warum zahlreiche Menschen trotz Warnung überrascht wurden (Einwohner direkt hinter den Deichen konnten das Meer nicht sehen und hören; zurückfliessende Welle war streckenweise verheerender als die Hauptwelle usw).

2) Nach ca. 32 Minuten folgt eine chronologische Aufarbeitung der Geschehnisse nach dem Beben: Wie sich das Erdbeben nach und nach durch Japan bewegte, wie und wo der Tsunami zuschlug usw.

3) Nach ca. 61 Minuten geht es um Fukushima und diverse Ungereimtheiten: Warum zum Beispiel die Regierung am Abend des 11. März noch verlautet, es sei keinerlei Radioaktivität ausgetreten – die selbe Regierung aber drei Stunden vorher bereits dutzende Busse aus der Nachbarpräfektur Ibaraki nach Fukushima ordete, um zu evakuieren (ohne Marschbefehl nach Aufnahme der Flüchtlinge, wohlbemerkt!).

4) Nach ca. 81 Minuten folgt ein beeindruckender Teil über die Aufräumarbeiten: Wie man es schaffte, trotz schwerer Zerstörungen auf guten 500 km der Shinkansen-Strecke jenen wieder nach nur 49 Tagen auf Trab zu bringen. Sowie zahlreiche Vorher-Nachher-Bilder aus den Tsunami-Gebieten.

Es wäre erfreulich, wenn sich ein deutscher Sender dieser Doku bemächtigt und sie übersetzt, denn sie erzählt die Dinge wirklich so, wie sie in Japan wahrgenommen wurden. Dabei ist auch die Reihenfolge wichtig.

Die Doku kann man sich auch ohne Japanischkenntnisse ansehen. Natürlich verpasst man etliche Erklärungen, aber die Bilder sind in sich selbst schlüssig. Die Bilder sind streckenweise harter Tobak.

Ich weiss, ich laufe Gefahr, einseitig zu werden mit diesem Thema. Aber es macht mir und sicherlich vielen Anderen, auch ein halbes Jahr danach, noch viel zu schaffen.

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Zwei Tage Kyōto, ein Erdbeben und ein Taifun

September 6th, 2011 | Tagged , , | 1 Kommentar | 418 mal gelesen

Am Sonntag morgen ging es nach Kyōto – mit dem ersten Shinkansen des Tages, morgens um 6:00 Uhr. Nein, nicht zur Verlustierung, sondern zur Arbeit: In Kyōto stand der erste “Extensive Reading World Congress” an (ja, sowas gibt es auch), mit zahlreichen illustren Figuren aus der “Szene”. Und was kann ein Sonntag schon bringen, der morgens um 4:30 mit dem Aufstehen beginnt? Ein paar Minuten vor Abfahrt stieg ich in den Shinkansen ein. Wie immer gab es eine lange Lautsprecheransage auf Japanisch und Englisch, damit die Zugreisenden gewarnt seien, wo der Zug überall halten wird und wo die armen Raucher eigentlich noch rauchen dürfen usw. usf. 5:55 begann der Zug bedächtig vor sich hin zu wackeln. Ohne loszufahren. Es fuhr auch nichts vorbei. Die Lautsprecheransage endete abrupt, und die Passagiere und Leute auf dem Bahnsteig schauten sich etwas verdutzt an. Alle hatten den gleichen Gedanken, da bin ich mir sicher: “Ist das ein Erdbeben oder bilde ich mir das nur ein?” Nein, es war eindeutig ein Erdbeben, Stärke 4.7 und unmittelbar bei Tokyo. Egal, jetzt bloss nicht verwirren lassen.
Eine Stunde nach Abfahrt, hinter Shin-Fuji, wurde das Wetter interessant: Wir fuhren in die Ausläufer von Taifun Nr. 12 hinein. Der Shinkansen bremste ab, und man sah stellenweise draussen rein gar nichts mehr. Trotzdem ging es bald mit 320 km/h weiter. Und es gab ellenlange Entschuldigungen vor Kyoto – aufgrund der widrigen Witterungsverhältnisse hätte man leider 2 Minuten Verspätung – “お忙しいところ申し訳ございませんでした” – “Gerade wo Sie es doch so eilig haben, fällt uns keine passende Entschuldigung ein”: Nein, das ist keine blühende Phantasie, sondern schlichte, sehr gebräuchliche Höflichkeitssprache in der Demutsform.
Kyōto? Da war doch was. Ach ja, Tempel, Kultur, viel zu sehen. Bei Taifun – Regen. Bei einer Konferenz: Regen, von innen betrachtet, in einer wunderschönen Universität weitab vom Geschehen.
Nein, keine Pointe in dieser Geschichte. Taifun Nr. 12 war übrigens etwas aussergewöhnlich: Bis vor einer Woche sah es so aus, als ob er direkt auf Tokyo treffen sollte. Dank eines Hochs östlich von Japan wurde er jedoch plötzlich nach Westen gedrückt. “Dank” ist hier aus der Perspektive der Hauptstädter zu sehen. Zwar wurde der Taifun zunehmend schwächer, aber er war allein von der Grösse her zu einem Monster herangewachsen. Wie so oft war nicht der Wind verheerend, sondern die Regenmengen, die vor allem auf dem Land in den Bergen regelmässig ganze Weiler durch Schlammlawinen verschütten. Ergebnis soweit: 37 Tote, 55 Vermisste. Die Opferzahlen steigen stündlich.
Ach ja: Das mit den Taifunbezeichnungen ist so eine Sache. Die von Taifunen betroffenen Pazifikanrainer haben sich auf eine Liste von insgesamt 140 Namen geeinigt: Jedes Land durfte dabei eigene Namen einbringen, selbst Hongkong und Makao. Erreicht ein Taifun eine gewisse Grösse, wird ein Name aus der Liste gewählt. Ist die Liste erschöpft, wird wieder von vorn begonnen. Taifune können Japan übrigens jederzeit heimsuchen – selbst im Winter. Taifunsaison ist allerdings die Zeit zwischen Juni und Oktober, mit der Spitzenzeit im Frühherbst.

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Anschauen, essen, fühlen! Katastrophentourismus 2011

September 2nd, 2011 | Tagged , , | 3 Kommentare | 527 mal gelesen

Seit einigen Tagen häufen sich die “Go! Tohoku”-Werbeposter in den U-Bahnen und anderswo. 東北 (Tōhoku) bedeutet Nordosten (bzw. streng übersetzt Ostnord) und ist der Name für die 6 Präfekturen im Norden der Insel Honshū. Die Küste entlang der Osthälfte der Region wurde bekanntlich bei dem schweren Erdbeben am 11. März 2011 verwüstet.

Go! Tohoku-Kampagne

Mittlerweilen gibt es immer weniger Privatpersonen und Gesellschaften im Nordosten, die Freiwillige für körperliche Arbeit benötigen. Das bedeutet, dass vieles aufgeräumt wurde. Das bedeutet aber nicht, dass alles wieder aufgebaut wurde. Die meisten Schulen zum Beispiel wurden noch nicht wiederaufgebaut – da in zahlreichen vom Tsunami betroffenen Gemeinden erst noch geklärt werden muss, ob man eine erneute Bebauung überhaupt zulassen kann. Möglicherweise werden weite Gebiete für die Bebauung gesperrt, da zahlreiche überflutete Bereiche durch das Beben schlagartig derart abgesenkt wurden, dass sie unter dem Meeresspiegel liegen – und damit besonders anfällig für neue Tsunamis und Sturmfluten sind.

Die “Unterstützt den Nordosten einfach dadurch, dass Ihr hinfahrt und konsumiert”-Idee kam bereits im April/Mai auf – quasi zu dem Zeitpunkt, als die wichtigsten Verkehrstrassen wiederhergestellt und auch die Versorgung wieder halbwegs funktionierte. Der Grundgedanke ist auch verständlich. Viele Gemeinden lebten vom Tourismus, und wenn schlagartig auch noch alle Touristen ausbleiben, wird die Lage sicherlich nicht besser. Andererseits ist die ganze Angelegenheit jedoch auch moralisch heikel. Einfach mal Katastrophe angucken fahren hinterlässt einen faden Nachgeschmack. Ich weiss nicht, ob ich das könnte – meine Frau könnte ich damit jedenfalls nicht überzeugen.

Etwas apart ist der Slogan dieser Kampagne:  観て、食べて、感じて (Mite, Tabete, Kanjite) – wörtlich: “Ansehen, essen, (mit)fühlen”. Oha.

Immerhin wurden gestern die letzten Massennotunterkünfte (Turnhallen, Kongresszentren, Schulen usw.) in der Präfektur Iwate geschlossen: Alle Bewohner konnten – nach fast einem halben Jahr – mittlerweilen anderweitig untergebracht werden.

Anbei noch der Link zur oben genannten Kampagne. Das Portal sammelt quasi Veranstalter solcher Touren und vermittelt Reisen – wer über das Portal bucht, bekommt Rabatt: Go! Tohoku 被災地応援ツアー

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Minami-Sōma – im Katastrophengebiet Teil 2

August 17th, 2011 | Tagged , | 4 Kommentare | 792 mal gelesen

Nach Teil I also wie versprochen Teil 2 der Tour nach Minami-Sōma. Es ging gegen 9:30 los mit den LKW’s und Autos zu den ersten Behelfsunterkünften. Schätzungen zufolge hatten rund 50’000 Einwohner der 70’000 Einwohner Minami-Sōmas die Stadt in den Wochen nach dem Beben verlassen. Mit anderen Worten – wer wegziehen konnte, zog weg. Man kann aber – in jedem Land und Landstrich – ausgehen, dass es Menschen gibt, die einfach nicht wegkönnen oder wegwollen. Ein Teil dieser Leute lebt in Minami-Sōma in Behelfsunterkünften – und zwar die, deren Häuser weggespült oder vom Beben zerstört wurden, und die, die aufgrund der Lage ihrer Häuser in der Sperrzone nicht nach Hause zurückkönnen. Viele Betroffene erhielten mittlerweilen vom Stadt eine einmalige Unterstützung in Höhe von rund 1 Million Yen, also knapp 9’000 Euro, aber die Leute wissen nicht, wie lange das reichen muss, und die meisten Leute haben ihre Eunnahmequellen verloren, stehen also vor dem Nichts. War das Haus noch nicht abbezahlt, sitzen sie zudem auf einem grossen Schuldenberg.
Aufgrund diverser Vorkommnisse darf nicht einfach jeder in die Lager und etwas machen, denn es kam schon vor, dass sich Nepper, Schlepper, Bauernfänger und Organisationen mit dubiosen Absichten in solchen Lagern breitmachten. Wir hatten jedoch die notwendigen Genehmigungen. An die Familien wurden zudem vorher kleine Flugblätter verteilt, auf denen das Projekt vorgestellt und angekündigt wurde.

Behelfsunterkünfte in Minami-Sōma

Die Lager sind über die ganze Stadt verteilt. Sie stehen völlig im Freien, ohne jeglichen Schatten, auf einer mit Schotter belegten, ebenen Fläche. Graue, containerähnliche Wohneinheiten mit kleiner Küche, Wohnraum, Bad und Klimaanlage. Alles in allem sehr trostlos, aber als Behelfsunterkunft akzeptabel.
Als wir im ersten Lager ankamen, baten wir die Freiwilligen aus dem Ort, den Bewohnern erstmal zu erklären, dass sie besser warten sollten, bis es losgeht, da die Vorbereitung etwas Zeit brauchte und wir die Leute nicht in der Hitze unter praller Sonne warten lassen wollten. Die zwei LKW’s wurden nebeneinander geparkt und ein Vorzelt errichtet. Dann ging es los: Die Bewohner kamen quasi alle auf einmal und stellten sich an. Dann wurde verteilt. Da die Menge für eine Person allein schon 8 Dosen Wasser, zwei Pampelmusen, etliche Kartoffeln, Zwiebeln, Mohrrüben, Rettich (sehr gross in Japan!) umfasste, wog das ganze bereits über 10 Kilo. Da viele der Leute, die auftauchten, sehr alt waren – oder Mütter in sehr jungen Jahren – trugen wir den meisten Leuten ihre Ration bis zu ihrer Wohnung. Auch Kinder jeglichen Alters waren dort, aber es überwogen alte Leute.
Die Reaktion war und ist prinzipiell positiv. Die Leute bedanken sich, oftmals etwas beschämt, und scheinen sehr froh zu sein, dass es die Aktion gibt. Schön war es zu sehen, dass manche offensichtlich ihren Humor nicht ganz verloren hatten: Ein Bewohner meinte wohl bei einer der ersten Touren “Das ist ja die vierte Tragödie! Erst das Beben, dann der Tsunami, dann das AKW – und jetzt die ganzen Ausländer hier!”. Er meinte das jedoch nicht böse sondern schlichtweg ironisch.
Keine anderthalb Stunden später waren Portionen an über 250 Leute verteilt. Wir packten ein und machten eine kleine Inventur, um zu sehen, ob die kalkulierten Mengen pro Person reichen würden. Sie sollten. Wir fuhren weiter, und keine 5 Minuten später waren wir am nächsten, identisch aussehenden Lager. Dort ging es wieder wie gehabt los. Dort hatten wir sogar Schubkarren – das war praktisch bei 5-köpfigen Familien, deren Rationen für eine Einzelperson kaum zu tragen gewesen wären.

Convoy vor einem der Lager

Gegen 1 Uhr ging es schliesslich weiter zum letzten Einsatzort: Dabei handelte es sich um normale Wohnblocks, in denen Familien mit 6 und mehr Familienmitgliedern untergebracht wurden. In den Wohnblocks lebten die Flüchtlinge zusammen mit normalen Mietern. Wir hatten die Kisten jetzt schon im Voraus gepackt. Die Situation war aber insofern anders, dass wir die Kisten zu den Wohnungen tragen mussten – bis in den 5. Stock, ohne Fahrstuhl. Wer nicht da war, konnte nichts bekommen – da auch normale Mieter dort wohnten, konnten wir nicht einfach die Kiste voller Essen vor die Tür stellen. Also klingelten wir bei allen Familien, die sich gemeldet hatten. Nahezu alle waren da. Manchmal öffneten die Kinder die Tür – drei Kinder zum Beispiel, deren Eltern gerade nicht da waren. Manche waren sichtbar überrascht, als sie die Tür aufmachten und ich plötzlich davor stand… Unter den Leuten war auch ein Tattergreis, der recht lustig zu sein schien. Er kam direkt zu unserem LKW. Wir fragten ihn nach seiner Wohnungsnnummer, aber er sagte “Woher soll ich das wissen. Ist da hinten, kann ich Euch zeigen”. Vorher hatten wir alle Familien gebeten, so möglich, beim Tragen mitzuhelfen. Er konnte das offensichtlich nicht. Also trug ich die schweren Kisten hinter ihm her. Er fand sofort seine Wohnung, machte erstmal die Tür auf und rief “おっか! Okka!” – das Wort für Ehefrau im hiesigen Dialekt. Heraus kam eine junge, ca. 40 Jahre alte und offensichtlich kerngesunde Frau. Aber wer weiss – vielleicht war es auch seine Schwiegertochter. Aber beim Tragen hätte sie durchaus helfen können.
Man sollte auch erwähnen, dass es manchmal zu etwas seltsameren Reaktionen kommt. “Haben Sie Reis dieses Mal? Ohne Reis … also Reis wäre wirklich schön”. Ein anderer fragte einmal “Habt Ihr zufällig auch Bier dabei?” Jemand anders meinte “Die Pampelmusen könnt Ihr behalten, die kann ich wegen meiner Medizin nicht essen. Habt Ihr kein anderes Obst?”
Kurz vor 4 Uhr war alles verteilt. Fast alles. Ein bisschen war noch da, und das wollten wir den Freiwilligen geben, damit sie darüber nach ihrem Gutdünken verfügen können. Wir konnten und wollten nichts zurück nach Tokyo mitnehmen. Ein gewisser Herr Sasa von den Freiwilligen lud uns in sein Haus ein auf eine kurze Stärkung. Das macht er immer. Ein ganz formidables, prachtvolles Holz mit herrlichem kleinen Garten und geschmackvoller Innenausstattung. Der Herr ist Schreiner und versteht sein Handwerk. Und da sass nun eine ganze Meute ziemlich fertiger Ausländer und Japaner und bekam dort Curry und grünen Tee serviert.
Endlich, gegen 17 Uhr, wurde der Rückzug angeordnet. Wir mussten ja noch nach Tokyo zurück. Auf Wunsch eines einzelnen Mitreisenden ging es nochmal kurz zur Küste. Dabei gerieten wir auf eine kleine Strasse, die zur Schnellstrasse führte und am Ende des Flusstales lag, in dem der Tsunami wütete. Gute 2 Kilometer vom Wasser entfernt lag das Gebiet, doch überall lagen zerstörte Schiffe auf den Feldern und Strassen. Ein surrealer, verstörender Anblick, der die Wucht des Tsunami erahnen liess:

Nach einer kurzen Pause ging es schliesslich zurück nach Tokyo. Gegen 22 Uhr waren wir dort… und landeten wenige Kilometer vor dem Ziel noch in einem langen Stau. Da meine Arbeit getan war, verliess ich die Autobahn über eine sehr lange Treppe – einer der Notausgänge auf der meist sehr hoch gelegenen Stadtautobahn, und so war ich schliesslich gegen Mitternacht zu Hause. Das Ende einer 28 Stunden langen Tour. Über 40 Stunden ohne Schlaf (das kommt aber bei weitem nicht an meinen Rekord von ca. 70 Stunden, aufgestellt im Nahen Osten, heran). Eine Tour mit verstörenden Eindrücken. Ich hatte vorher Kriegsgebiete gesehen – zum Beispiel in Mostar oder Vukovar, aber das Mass der Zerstörung durch den Tsunami war nicht vergleichbar. Der Tsunami liess nichts übrig.
Aber die Tour vermittelte das Gefühl, etwas getan zu haben. Inwieweit die Lebensmittellieferungen etwas bewirken, bleibt dahingestellt. Es ist unwahrscheinlich, dass jemand ohne sie verhungern würde. Aber sie sind auf jeden Fall in psychologischer Hinsicht mit Sicherheit wichtig: Die Betroffenen merken, dass sich jemand kümmert. Auch das kann Leben retten, denn die Selbstmordrate ist Monate nach dem Beben im Nordosten in exorbitante Höhen geschnellt.

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Minami-Sōma – im Katastrophengebiet Teil 1

August 15th, 2011 | Tagged , | 5 Kommentare | 809 mal gelesen

In der vergangenen Woche habe ich an dieser Stelle ein Projekt vorgestellt, in dem es darum geht, den Bewohnern der Stadt Minami-Sōma (Präfektur Fukushima) zu helfen. Das Ergebnis dieses Beitrags war

1) Die Gelegenheit, dem Verantwortlichen des Projekts eine Spende von 10,000 Yen (11o Euro) geben zu können (im Namen der Leser dieses Blogs)

und

2) Ein Freiwilliger, der bei der Tour mithalf.

Soweit, so gut. Der eine oder andere möchte bestimmt wissen, wie das ganze verlaufen ist – von daher ein kurzer Bericht, der gleichermassen Einblick darin geben soll, wie es nun wirklich in den vom Tsunami sowie dem AKW Fukushima I betroffenen Gebieten aussieht.

Los ging es am Freitag, Treffpunkt war das Hauptquartier der Organisation Second Harvest – eine japanische Variante des Deutsche Tafel e. V. – die das Projekt logistisch und teils mit Waren stark unterstützt. Die Leute – 4 Japaner und 7 Ausländer, trafen sich um 19:30 bei Asakusabashi, um die beiden LKW’s zu beladen. Ich war eine halbe Stunde später dran, da ich bis um 19 Uhr noch im Büro war. Das Aufladen ging relativ schnell, und so war noch Zeit für ein Abendessen beim Chinesen um die Ecke. Um 22 Uhr war dann Abfahrt – zwei gemietete LKW’s und ein Privatauto machten sich auf dem Weg, aber als lose Kolonne. Es wurde verabredet, sich auf der Raststätte 那須高原 Nasu-Kōgen zu treffen. Die rund 200 km schafft man normalerweise in 2 Stunden (Tempolimit 100), aber in den O-Bon-Ferien ist der Verkehr etwas dichter, zumal momentan die Maut für die Autobahn nach Nordosten ausgesetzt wurde.

Gemüse aufladen in Kōriyama

Gemüse aufladen in Kōriyama

Gegen 1 Uhr waren wir dort, und die LKW’s kamen eine gute Viertelstunde später. Die Raststätte war voll; die Autos stauten sich bis auf die Autobahn, da keine Parkplätze frei waren. Ein paar Leute versuchten zu schlafen, andere lungerten einfach herum (so auch ich – ich kann leider nicht auf Knopfdruck schlafen). Um 3 Uhr ging es weiter, zum Gemüsegroßhandel in Kōriyama 郡山, einer Stadt im Süden von Fukushima. Dort wollten wir Gemüse kaufen und laden. Unser Kontaktmann sollte eigentlich um 4:30 kommen, aber er schien noch zu schlafen – er dachte, wir würden erst 7:30 da sein. Das wäre jedoch zu spät – wir würden es nicht rechtzeitig zum Zielort schaffen. Kurz nach 6 Uhr trudelte er schliesslich ein. Wir hatten im Voraus etliche Tonnen Gemüse geordert – hauptsächlich Kartoffeln, Zwiebeln, Mohrrüben und Rettiche. Das Aufladen dauerte keine 20 Minuten. Wir wurden zudem von ihm vor einem Stau vor Fukushima gewarnt, und so fuhren wir auf der normalen Strasse weiter. Das Navigationssystem eines LKW’s schien schon lange kein Update mehr gehabt zu haben: Es lotste einen LKW plötzlich genau Richtung Sperrzone, aber zum Glück warnten etliche Schilder schon lange vorher, dass es dort nicht weitergeht: Der kürzeste Weg nach Minami-Sōma führt direkt am AKW Fukushima I vorbei, doch bekannterweise gibt es heute eine 20 km Sperrzone rundherum.

飯館 - Iitate, Fukushima

Stattdessen ging es also hoch nach Fukushima und von dort auf der Staatsstrasse 6 nach Osten, Richtung Küste. Unter anderem ging es dabei auch durch 飯館 Iitate – der Ort, der durch horrend hohe Strahlenwerte sehr berühmt wurde: Wochenlang herrschten dort Werte von 20 bis 50 Mikrosievert (Tokyo: 0.1, Hotspots bei Tokyo um 0.5) vor. Und dort begann es, merkwürdig zu werden: Die Landschaft bei Iitate ist betörend schön – eine sehr schöne, bewaldete Bergregion mit schönen Tälern, saftigen Wiesen und interessanten Strassen. Halb ausgestorben. Die meisten Felder – nicht bestellt. Alle Läden und öffentlichen Gebäude ganz offensichtlich seit längerem geschlossen. Nur hier und dort noch Autos vor den Häusern. Die Gegend sieht aus, wie das Paradies auf Erden. Jedoch: Mehr oder weniger unbewohnbar, auch wenn man nichts sieht. Wenn man das sieht, begreift man allmählich, warum die Einwohner so irritiert sind und viele nicht wegwollen. Warum soll all das von einem auf den anderen Tag einfach schlecht und ungeniessbar sein? Es ist sehr schwer zu begreifen.

Um 9 Uhr war Treffpunkt am stillgelegten Bahnhof Kashima 鹿島 in Minami-Sōma mit den freiwilligen Helfern vor Ort. Wir waren eher da als die LKW’s, und so fuhren wir kurz Richtung Küste. An der Stelle ein paar Worte zur Stadt: Minami-Sōma ist zwar eine Stadt, aber in Wahrheit eher eine Ansammlung unzähliger Dörfer. Die “Stadt” ist 400 km² gross und hatte knapp 70’000 Einwohner. Das Gebiet reicht vom Meer bis zu den Bergen, mit zahlreichen Hügeln und Bergen im Stadtgebiet. Zur Stadt gehört ein ca. 2 km langes und ein 2, 3 km breites, topfebenes Flusstal. Am Nachmittag des 11. März 2011, mehr als eine halbe Stunde nach dem Beben mit der Stärke 9.0 rund 200 km nordöstlich, fegte ein schätzungsweise 15 m hoher Tsunami durch die Ebene: Die dritte Welle war besonders heftig und zermalmte den 10 Meter hohen Schutzwall aus Beton mit Leichtigkeit. Der Tsunami vernichtete alles im Flusstal – ausser ein paar wenigen Betonbauten und ein paar Bäumen, die man an einer Hand abzählen kann, wurde alles weggespült. 1’800 Häuser waren völlig zerstört; 300 Tote nach wenigen Tagen gezählt und 1,180 Menschen galten als vermisst.

Nahe der Küste in Minami-Sōma: Nichts steht mehr

Die Erdbeben vom 11. März – Hauptbeben und schweres Nachbeben eine halbe Stunde später – richteten auch mehr oder weniger starke Schäden im Rest der Stadt an; schlimmer war aber wohl ein Nachbeben am 11. April, also einen Monat später, der Stärke 6.6 in unmittelbare Nähe. Auch jetzt noch waren viele Dächer mit blauen Planen abgedeckt – Dächer, die während der zahlreichen Erdbeben abgedeckt wurden. Leider erwischte es jedoch die Stadt auch noch anderweitig: Das AKW Fukushima I liegt nur 30 km entfernt, und aufgrund sehr hoher Strahlenwerte wurdem grosse Teile von Minami-Sōma zur 屋内退避区域 – Okunai Taihi Kuiki erklärt: Das Wort steht für “Im Haus – Evakuierung – Gebiet”. Soll heissen, die Bewohner wurden angewiesen, ihre Häuser nicht zu verlassen. Das bedeutete jedoch auch, dass alle Firmen und Medien sich danach richteten: Minami-Sōma wurde regelrecht von der Aussenwelt abgeschnitten – keiner lieferte mehr etwas. Was folgte, war ein dramatischer Apell des Bürgermeisters Katsunobi Sakurai an die Weltöffentlichkeit – über YouTube.

Chor der Freiwilligen in Minami-Sōma

Chor der Freiwilligen in Minami-Sōma

Zurück zum Tagesablauf: Gegen 9 Uhr trudelten die Freiwilligen des Ortes ein: Über 10 Leute, die meisten ältere, sehr illustre Damen, aber auch 2, 3 Herren und ein netter Mann, der seine halbe Familie mitbrachte: Zwei Söhne und einen Onkel. Allesamt sehr, sehr nett. Einer der Köpfe der Freiwilligen war, nun ja, etwas anders: Er fährt einen ziemlich dicken Benz, geschmückt mit einer Jogginghose rund um den Stern und irgendeinem anderen Kleidungsstück am Einparkstab (keine Ahnung, wie die heissen – die Stäbe am Kotflügel, damit man sieht, wo das Auto aufhört). Damit fuhr er fast die ganze Zeit durch die Stadt – wohl um die Wäsche zu trocknen?

Wir machten Lagebesprechung: Wer bekommt wieviel? Welche behelfsmässigen Unterkünfte besuchen wir zuerst? Und was machen wir mit dem Bestand an Soyasauce, Mirin, Reisessig und Tsuyu – alles hatten wir in Mengen, die ausreichten, um die über 500 Leute gerecht zu versorgen, aber die vier Sachen hatten wir nicht in ausreichenden Mengen, also mussten wir überlegen, wie das verteilt werden kann, ohne das sich jemand ungerecht behandelt fühlt. Die Stimmung war gut: Kein Regen, und mit 30 Grad sollten die Temperaturen noch in erträglichen Massen bleiben (bei einer vorherigen Tour waren wegen der Hitze ein paar der Freiwilligen umgekippt).

So, das wird zu lang – deswegen werde ich mehr in Bälde schreiben. Hoffentlich morgen.

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Wenn es auf den regnet, der schon nass ist

August 2nd, 2011 | Tagged , , , , | 13 Kommentare | 641 mal gelesen

Wer momentan an der Beweisführung für den sogenannten Matthäus-Effekt arbeitet, kann mit Sicherheit in Japan fündig werden. Dieses Jahr wird wohl mit einigen Rekorden in die Annalen eingehen. Das schwere Erdbeben am 11. März mit dem nachfolgenden Tsunami war da erst der Anfang, aber Japan hat ja noch weit mehr als das zu bieten. Taifune und Starkregenereignisse zum Beispiel. Ein starker Taifun richtete erst in der vergangenen Woche grosse Schäden in Westjapan an. Vom 26. bis 30. Juli war dann die Präfektur Niigata und der Westen von Fukushima (das AKW Fukushima I steht im Osten) dran: Drei Tage regnete es dort ununterbrochen, an einigen Orten bis zu 400 mm pro Tag. Ganze Landstriche und Ortschaften standen und stehen unter Wasser, 4 Menschen kamen bisher ums Leben und ein Teil der Infrastruktur hat stark gelitten. Rund 400’000 Menschen wurde die Evakuierung angeordnet – darunter sind auch tausende Menschen, die bereits als Flüchtlinge behelfsmässig untergebracht waren.
Da vergisst man doch glatt die Erdbeben. Vorgestern nacht um 4 Uhr morgens gab es erst ein Beben der Stärke 6.4, quasi gleich in der Nähe des AKW, und in weiten Teilen Chibas und Tokyos mit der Stärke 3 nach der japanischen Skala deutlich spürbar. Vor einer Stunde bebte es dann westlich der Izu-Halbinsel, Stärke 6.1; auch das war in Tokyo und Chiba mit Stärke 3 stark spürbar.
Zum Glück gibt es noch andere Sprichwörter. Zum Beispiel “Es kann ja nicht immer regnen”. Oder?

Gestern gab es in der Sendung “Mr. サンデー” (Mr. Sunday – in etwa vergleichbar mit Spiegel TV, so es das noch gibt) einen interessanten Beitrag über die Wahrnehmung von Radioaktivität in Japan. Man verglich dabei die heutigen Werte in den sogenannten Hotspots (also Orten, in denen die Radioaktivität nach dem AKW-Unglück von Fukushima 1 deutlich zunahm) und anderen Orten weltweit, wie etwa Rom. Da war zwar nicht allzu viel Neues dabei, aber die Hintergrundinformationen über die Strahlenbelastungsgrenze in Japan (zur Zeit 20 Millisievert pro Jahr) waren recht interessant: Dazu sprach unter anderem der Chef der Internationale Strahlenschutzkommission, der nur lapidar meinte, dass Japan den untersten Grenzwert gewählt hat und alles unter 100 Millisievert pro Jahr eine “blackbox” ist – man weiss nicht, ob eine Belastung unter 100 Millisievert etwas ausmacht. Die Empfehlungen der Strahlenschutzkommission (PDF, deutsch) lesen sich nicht ganz so zuversichtlich, aber die Diskussion um die Werte zeigt eins: Nicht nur die Reaktoren sind überhitzt, sondern auch die Gemüter: Die Regierung meint, da ist doch noch Platz mit den Grenzwerten, während einige Verbände erbost einen Grenzwert von 1 Millisievert / Jahr fordern.

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