​Filmkritik: Survival Family

November 1st, 2017 | Tagged | 2 Kommentare | 656 mal gelesen

Filmposter Survival Family

Filmposter Survival Family

Nach langer Pause ist mal wieder Zeit für eine Filmkritik. Heute geht es um einen der erfolgreichsten japanischen Filme (in Japan) diesen Jahres: サバイバルファミリー Survival Family.

Der Streifen erzählt die Geschichte der Familie Suzuki – ein Ehepaar mit zwei Kindern, die um die 18 Jahre alt sind. Und die vier Familienmitglieder sind so furchtbar gewöhnlich, dass sich der Film nicht allzu lange mit dem Aufbau der Charaktere beschäftigt. Herr Suzuki arbeitet in der Buchhaltung eines grossen Unternehmens in Tokyo, gibt 150% für die Firma und will dementsprechend zu Hause einfach nur in Ruhe gelassen werden. Die Wohnung ist sehr eng, und Frau Suzuki gibt sich als Hausfrau reichlich Mühe, ist aber von allem ziemlich genervt. Unter anderen von den beiden Kindern. Die Tochter, Pennälerin, ist aufmüpfig und starrt nur auf ihr Handy. Der Sohn, Student, will genau wie sein Vater, einfach nur in Ruhe gelassen werden, zumal er gerade eine Kommilitonin anhimmelt. Natürlich ist auch er schwer handyabhängig.
Der Film kommt ziemlich schnell zur Sache. Als der Vater morgens aufwacht, hat er die böse Ahnung, verschlafen zu haben. Seltsamerweise ist der Wecker stehengeblieben. Doch nicht nur das: Auch der Strom ist weg. Und das Gas. Und Wasser. Nichts funktioniert, nicht einmal Geräte mit Batterien. Pflichtbewusst wie er ist, stürmt er trotzdem zur Arbeit, und die Kinder – mit Fahrrädern – zu den Schulen. Draussen: Kein Auto fährt, auch kein Zug. Nichts bewegt sich. Überall nur ratlose Menschen. Suzukis Kollegen kommen noch nicht einmal in ihr Bürogebäude, weshalb sie sich gewaltsam Zutritt beschaffen. Das nützt freilich nicht viel, denn weder Licht noch Computer funktionieren.

Nach und nach wird das Ausmaß der Misere klar: Es gibt in der ganzen Stadt keinen Strom, und keinerlei Informationen über das warum oder wie lange es noch dauert. Lebensmittel und vor allem Wasser werden knapp. Und so beschliesst die Familie, zu fliehen – ganz in den Süden, zu Verwandten in Kagoshima. Man macht sich auf den Weg zum Flughafen Haneda (einer der zahllosen „Bitte? Was?“-Momente im Film), aber natürlich ist auch der nicht in Betrieb. Mittlerweile kostet eine Flasche Wasser am Wegesrand schon 2,500 Yen, also 20 Euro. Und so fasst Herr Suzuki einen gewagten Plan: Es soll mit dem Fahrrad Richtung Süden gehen. Gerüchten zufolge soll es in Osaka bereits Strom geben. Natürlich wird es eine entbehrungsreiche Fahrt. Man trifft Diebe, aber auch sehr freundliche Menschen. Und es wird lebensgefährlich, versteht sich. Aber das Erlebnis schweißt die Familie – wer hätte das geahnt! – natürlich eng zusammen.

Irgendwann kommt die Familie dann doch – man darf es verraten, denn natürlich muss es bei einem populären japanischen Film immer so ablaufen – in der tiefsten Provinz in Kagoshima an und lässt sich dort nieder. Die Dorfszenen haben einen kleinen Beigeschmack. Ist das die versteckte Nachricht hinter dem Film? Die Rückkehr in die guten alten Zeiten, ohne Strom, nur unter sich? Japaner als Fischer, Jäger und Ackerbauern, die von der Welt in Ruhe gelassen werden sollen? Man kann es nur ahnen.
Was ist an diesem Film nun so besonders? Zum einen kommt er völlig ohne Computergrafiken aus, ist aber trotzdem an manchen Stellen bedrückend realitätsnah. Besonders interessant ist jedoch, dass der Film als „Überlebenskomödie“ angepriesen wird. Sicher, er hat seine komischen Momente, doch was der Film da beschreibt, ist eine blanke Horrorvorstellung (und die Ereignisse im Jahr 2011 gaben darauf einen winzig kleinen Vorgeschmack): Die Vorstellung, mitten in Tokyo zu sein, wenn plötzlich und länger das gesamte Licht ausgeht. Der Film reisst zwar ein paar der zu erwartenden Probleme an (Müll auf den Strassen, skrupellose Geschäftemacher usw.), doch, wahrscheinlich da als Komödie deklariert, bei weitem nicht in realistischem Ausmaß. Der Überlebenskampf wäre mit Sicherheit viel, viel härter.

Erwähnt werden sollte auch der Familienvater / Hauptdarsteller 小日向 文世 Fumiyo Kohinata, der bei mir vor allem als knallharter und korrupter Detektiv Kataoka in den Yakuza-Schinken „Outrage“ und „Outrage Beyond“ von Beat Takeshi (Kitano) einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Der Eindruck war so stark (sprich, er spielte seine Rolle so gut), dass ich eine Weile brauchte, mich an den neuen Charakter zu gewöhnen. Jenen mürrischen, altklugen Charakter erklärt seine Filmgattin ihren Kindern während eines Wutausbruchs selbiger ganz gut: „Euer Vater… ist nun mal so!“

Ich wage zu bezweifeln, dass dieser Film irgendwann mal in Deutschland gezeigt wird. Aber für Japanisch-Lernende oder anderweitig Japaninteressierte ist er trotzdem sehenswert – wenn man nicht allzu viel Logik erwartet. Popcorn nicht vergessen!

Der Trailer:

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2 Responses to “​Filmkritik: Survival Family”

  • YabanJim sagt:

    Bis jetzt haben mir die meisten Filme von Shinobu Yaguchi gefallen (jedenfalls die, die ich gesehen habe). Bislang hat es glaub ich noch keiner seiner Filme nach D geschafft, mal sehen wie ich an diesen komme. Ich brauch dann aber doch eine DVD mit eng. Untertiteln.

  • Nani Kore sagt:

    Gleich vorweg, ich kann Katastrophenfilme schon generell nicht ausstehen.
    Aber das hier scheint mit ziemlichen Abstand der planloseste und platteste Katastrophenfilm aller Zeiten zu sein.

    Yaguchi-san:
    „Ich will einen Katastrophenfilm machen, habe aber null Plan, was da passieren soll. Eine Godzilla-Lizenz ist zu teuer, Taifun o.ä. ist zu geschmacklos…“

    *Stunden später*

    „Mir fällt absolut gar nichts ein. Fällt einfach irgendwie der Strom aus, fertig. Null Plan wieso, ist mir auch sch…egal. Dann nehm ich einfach eine Familie, die sich durch besondere Eigenschaften auszeichnet, als da wären…“

    *Stunden später*

    „Da fällt mir auch nichts ein. Nehm ich einfach eine 08/15 Familie, auch sch…egal. Dann erlebt die Familie eben außergewöhnliche Sachen, wie z.B…“

    *erneut Stunden und ein kleines Nickerchen später*

    „Mir fällt echt total nichts ein. Fährt vielleicht erst zur Arbeit, Schule und so, fährt dann planlos in der Gegend rum, Planlos ist eh das Motto vom ganzen Film, und bleibt dann in irgendeinem kleinen Kaff hängen. Paßt schon. Keinen Bock mehr, mir da noch groß Gedanken zu machen.

    Wie bekomme ich die Leute jetzt dazu, sich diesen Mist anzusehen? … Null Plan, ich pack einfach ein paar flache Witze rein und verkauf das als Komödie. Läuft schon. Dann noch irgendeinen bekannten Hauptdarsteller… Habe hier gerade ‚Outrage‘ liegen, nehm ich den Kerl doch. Der paßt als knallharter Detektiv aus einem Yakuza-Streifen zwar gar nicht in diesen planlosen Katastrophenfilm, aber egal. Keinen Bock, da jetzt noch groß zu suchen. Dann noch einen Regisseur, der aus diesem Müll-Drehbuch noch was rausholen kann. Schließlich noch ein Titel… ähh… ‚Survival Family‘. Schließlich ist es schon echtes Survival-Training, sich diesen Müll anzusehen, besonders in voller Länge. Fertig.“

    Denke mal, so in etwa dürfte das abgelaufen sein XD

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