Wen wählen – und warum (wenn man nur dürfte)?

Dezember 10th, 2014 | Tagged , | 10 Kommentare | 2769 mal gelesen

Was ist ernst und was nicht? Abe: Zum Wirtschaftsaufschwung hilft nur mein Weg!

Was ist ernst und was nicht? Abe: Zum Wirtschaftsaufschwung hilft nur mein Weg!

Innerlich bin ich noch immer aufgebracht über die von Abe so plötzlich einberufenen Neuwahlen (siehe hier und hier), so dass ich eigentlich gar nicht drüber schreiben mag. Zur Erinnerung: Am 18. November wurde Abe amtlich attestiert, dass er die ohnehin nicht gerade vor Kraft strotzende Wirtschaft mit seiner Politik gerade gegen die Wand fährt. Am folgenden Tag löste er das Unterhaus auf und rief Neuwahlen aus. Die sollten erst am 21. Dezember stattfinden, aber man hatte es sogar noch eiliger: Am 14. Dezember ist es soweit. Abe will sich durch die Wahlen in seinem Kurs bestätigen lassen. In einer Zeit, in der weit und breit keine Opposition in Sicht ist. Eine völlig unsinnige, verschwenderische Aktion also.

Interessant fand ich in dem Zusammenhang jedoch eine Unterhaltung mit dem hiesigen Gutsherren. Gutsherr? In unserer Nachbarschaft lebt ein sehr netter Mann, dem einst unser Grundstück gehörte. Sich davon zu trennen war kein grosses Problem, denn dem guten Mann gehört hier die halbe Gegend. Und jede dritte Familie in der Gegend trägt seinen Familiennamen. Es ist ein regelrechter Clan. Neulich stand er mit einem jungen Zausel vor unserer Tür (ich war leider nicht da, aber dafür meine Frau) und sagte „Das ist Herr *@+>#& von den Liberaldemokraten. Der ist zwar für nichts zu gebrauchen, aber vielleicht könnt ihr ihn ja doch am Sonntag wählen!“. Also sprach der Gutsherr. Natürlich wird dies nicht der Fall sein, denn wir mögen die Liberaldemokraten nicht.

Abe: In diesem Land gibt es keine Butter. (Anm. d. Red.: Stimmt.)

Abe: In diesem Land gibt es keine Butter. (Anm. d. Red.: Stimmt.)

Wenig später unterhielt sich meine Frau mit des Gutsherren Gemahlin. Eine sehr lustige, nette Frau wohlgemerkt. Und sie meinte zu dem Thema: „Also mit dem Typen von den Liberaldemokraten kann ich gar nichts anfangen. Und der alte Typ von den Demokraten ist auch zu nichts gut. Ich werde wieder die Kōmeitō wählen. Als im letzten Winter so furchtbar viel Schnee fiel, habe ich erst die Stadt angerufen, damit die Räumen. Und dann die Liberaldemokraten und dann den Demokraten. Nichts passierte. Kaum aber habe ich den Vertreter von der Kōmeitō angerufen, kam eine von ihm beauftragte Firma und räumte den Schnee. Und das neue Krankenhaus hat auch die Kōmeitō gebaut“.

Übersetzen wir den Text mal ins Deutsche: „Als die Strassen voller Schnee waren, habe ich erst die Stadt, dann die CDU und dann die SPD angerufen. Nichts geschah. Aber als ich die FDP anrief, kam sofort eine FDP-nahe Firma und hat den Schnee geräumt. Ach ja, das neue Krankenhaus wurde auch von der FDP gebaut“.

Klingt irgendwie irrsinnig? Aber nicht doch! Das ist völlig normal! Hier zumindest. Ich weiss wirklich nicht, ob ich froh sein soll oder traurig darüber, dass ich hier nicht wählen darf. Die einzige Wahlkämpfer hier, die mir, obwohl ich Ausländer bin, Wahlkampfzettel in die Hände drücken, sind die Kommunisten…

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10 Responses to “Wen wählen – und warum (wenn man nur dürfte)?”

  • ディーン sagt:

    Witzigerweise nennt man Handzettel, Broschüren etc. パンフレット (panfuretto). Für Besserwisser: das Wort ist abgeleitet aus dem englischen „pamphlet“, nicht verwandt mit dem deutschen „Pamphlet“.

  • LennStar sagt:

    Die Piratenpartei gibts auch in Japan ^^

    Tja, warum musste Abe auch die Mehrwertsteuer erhöhen.
    So bleibt von den Ergebnissen des Wachstumspaketes (ohenhin nicht gerade rosig) nichts mehr übrig, im Gegenteil, die 3% sind mehr als der Lohnanstieg.

    Das gibt wohl wieder längere Röcke ;)

  • tembridis sagt:

    Klingt wie die Wahl zwischen Pest und Cholera.

    Wie tief darf eigentlich die Wahlbeteiligung in Japan fallen, bis es selbet dem Gewinner der Wahl zu peinlich wird?

  • Gojira sagt:

    zu dem ??? „Butter“-Slogan gibt es ein Spiel auf twitter, man kann in das Bild sein eigenes „gibt nicht“-Ding eintragen

    https://twitter.com/YabanJim/status/542727252493221888/photo/1

  • Thuruk sagt:

    Ich find es ja immer recht lahm, wenn sich Leute über die unwählbaren Parteien echauffieren aber selbst nicht bereit sind mitzugestalten… Aber du hast wohl nicht die Möglichkeit dazu.

    Kann man nach 10 Jahren nicht die Staatsbürgerschaft beantragen? Das sollte doch bald soweit sein.

    • tabibito sagt:

      Im Prinzip stimme ich Dir zu. Mit dem Gedanken allerdings, japanischer Staatsbürger zu werden, kann ich mich momentan nicht so richtig anfreunden. Man weiss nie, was in 10 Jahren ist, aber zur Zeit erwäge ich das noch nicht mal.

  • TDK sagt:

    Du brauchst weder froh noch traurig sein dass Du In Japan nicht wählen kannst. Nimm es einfach gelassen.