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Costco

Februar 29th, 2012 | Tagged , | 8 Kommentare | 99885 mal gelesen

Letzten Sonntag gab es mal wieder grausiges Wetter – kalt, nass, einfach unbrauchbar. Meine Frau witterte ihre Chance: Das perfekte Wetter, um zu Costco zu fahren! Costco ist kurz gesagt wie Metro in Deutschland – ein Einzelhandelsunternehmen in Grossformat. In Riesenformat. Costco ist durch und durch amerikanisch und betreibt über 400 Filialen in den USA. In Japan sind es 9 Filialen, und laut Wikipedia ist Costco in Europa nur in Großbritannien tätig. Mich dünkt, ich hatte Costco dort auch schon mal gesehen.

Also auf zu Costco, mit den Schwiegereltern. Auf dem Dach des 6-stöckigen Monstrums fanden wir endlich einen freien Parkplatz. Schnell einen der riesengrossen Einkaufswagen geschnappt und rein ins Getümmel. Costco sieht aus wie das Lager von IKEA, nur eben mit Haushaltswaren. Ein echter Alptraum also. Bevor man rein darf, muss man zudem auch erstmal Mitglied werden. Das kostet 4,200 Yen pro Jahr, also rund 40 Euro. 40 Euro, nur um den Laden zu betreten! Alle Achtung.

iMac bei Costco

Da viele Sachen aus Amerika kommen, eine überraschende Abwechslung zu den üblichen japanischen Läden. Costco verdient natürlich auch seinen grössten Teil mit Non-Food Sachen, darunter Gartenkram, Kleidung, Computer, Fernseher… bei den Preisen ist die Qualität bestimmt auch ganz, ganz super! Sogar iMacs hatten sie herumstehen, und das überraschte mich schon. Apple verkloppt ja schliesslich seine Geräte nach dem EVP-Prinzip (na, wer kennt noch EVP?) zu festen Preisen. Der günstigste iMac kostet entsprechend 108’800 yen. Mit etwas Glück bekommt man bei BicCamera oder anderswo ein paar Punkte dazu, aber am Preis beisst die Maus keinen Faden ab: 108’800 yen, und keinen Heller weniger. Ausser bei Costco: Dort kostet er nur 94’800 yen. Scheinbar importiert Costco direkt und profitiert so vom billigen Dollar. Der iMac kostet 1’199 Dollar in den USA – das sind 95,920 yen. Will heissen, Apple verdient sich momentan eine goldene Nase in Japan.

Hätte ich nicht von Arbeit wegen ein solches Gerät zu Hause stehen, wäre das meine Chance gewesen. „Du, Schatz, wenn wir das Gerät hier kaufen, haben wir die dämliche Jahresgebühr drei Mal wett gemacht! Das ist doch toll, oder!“. So funktioniert doch weibliche Logik, oder habe ich da nicht aufgepasst?

Letzten Endes habe ich lediglich einen W-Lan-Router eingeheimst (endlich). Und endlich haben wir auch 2-Liter-Vorratspackungen Shampoo und Pflegespülung. Wer mich kennt, wird wahrscheinlich gerade seinen Kaffee über das Keyboard versprühen.
Aber es gab dann doch noch ein kleines Highlight: Costco-Pizza zum selber backen. Die Teile sind quadratisch, 43 mal 43 cm gross und kosten gerade mal 1,200 yen. Etwas mehr als die Hälfte haben wir am Abend geschafft. Und waren gut satt. Der Rest endete in der Tiefkühltruhe. Und die Pizza ist gar nicht mal so schlecht. Würde man eine ähnlich grosse Pizza bei einem der Pizza-Dealer hier bestellen, würde man sich dumm und dämlich bezahlen. Also vielleicht doch mal wieder zu Costco. Irgendwie muss man doch die 4,200 yen wieder reinholen…

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Wollt Ihr den totalen Versand?

Februar 25th, 2012 | Tagged | 7 Kommentare | 1309 mal gelesen

For the total physical distribution!

So recht weiß ich selber nicht mehr so richtig, in welcher Sprache ich denke. Das hängt vom Umfeld ab – zu Hause und unterwegs eher auf Japanisch, auf Arbeit teils auf Englisch, teils auf Japanisch, und wenn ich allein vor dem Rechner sitze und Buchstaben in die Tastatur hacke wohl eher Deutsch. Interessanterweise, das merke ich gelegentlich, spielt das Deutsche auch nach 7 Jahren im Unterbewusstsein eine sehr wichtige Rolle. Das fiel mir neulich auf, als ich besagten LKW sah. Der gehört einem grossen Lebensmittellogistikunternehmen und trägt den Kampfspruch „FOR THE TOTAL PHYSICAL DISTRIBUTION“. Ich kann halbwegs nachvollziehen, wie es zu diesem schrägen Spruch kam – auf Japanisch ergibt das durchaus Sinn, aber auf Englisch schaut das seltsam aus. „Für den totalen, materiellen Versand“.

Schlagartig hatte ich dabei Joseph Goebbels bei seiner Sportpalastrede 1943 vor dem geistigen Auge, wie er die frenetisch jubelnden Massen mit glühendem Fanatismus fragt: „Wollt Ihr den totalen, materiellen Versand?“ Klar doch. Ich werde das Bild auch nicht mehr los – den blöden Laster sehe ich ja jeden Tag. Wenigstens vergesse ich so mein Deutsch nicht. Weia.

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Warum trifft Journalismus über Japan nachwievor nicht den Punkt?

Februar 23rd, 2012 | Tagged , , | 33 Kommentare | 3056 mal gelesen

Neulich stolperte ich als regelmässiger Nutzer der Tagesschau-App (die, so viel Lob muss sein, sehr gut gemacht ist) über einen kurzen Artikel mit dem Titel „Das vielfache Vergessen von Fukushima„. Ein Video dazu war auch da (nun scheint es wohl weg zu sein) und dutzende Kommentare, bei denen sich mir wirklich der Magen umdrehte. Auch die Kommentare kann ich nicht mehr finden. Ist wohl auch besser so.

Lese ich mir den Artikel so durch, bekomme ich es mit der Angst zu tun. Sind alle Themen der Tagesschau so schlecht recherchiert? Eigentlich sollte man doch von der ARD vergleichsweise hochwertigen Journalismus erwarten können, oder?

Mein erster Eindruck nach meiner Ankunft in Tokio war ernüchternd: Für die Bewohner der Millionen-Metropole scheint Fukushima genauso weit weg zu sein wie für die Menschen in Köln oder Berlin. Auf den Straßen herrscht Betriebsamkeit, wie man sie von Fotos oder Filmen her kennt.

Du meine Güte – was hat der Berichterstatter erwartet? Das alle mit gesenktem Kopf und Gasmaske trist und traurig durch die Strassen schleichen? Hätte der Reporter doch mit Hilfe seines Dolmetschers, den er doch hoffentlich dabei hatte, wenigstens ein paar Leute interviewt! Dann hätte er wahrscheinlich schnell herausgefunden, dass die Katastrophe den Leuten noch immer in den Knochen steckt! Es vergeht kaum ein Tag ohne bemerkenswerte Erdstösse. Und Fukushima taucht nahezu täglich in den Nachrichten auf. Viele Leute haben das Gefühl, dass das noch nicht alles war. Vor allem nicht in Sachen Erdbeben, denn zahlreiche Wissenschaftler haben erst kürzlich vermeldet, dass die Wahrscheinlichkeit, das Tokyo in ziemlich naher Zukunft einen schweren Direkttreffer erleben könnte stark gestiegen ist.

Auch die Sorge um verstrahlte Lebensmittel und das Gefühl, dass im AKW Fukushima noch lange nicht alles in trockenen Tüchern ist, ist bei vielen vorhanden. Aber, lieber Reporter, drei Mal darfst Du raten, wovor der Hauptstädter mehr Angst hat: Vor einem schweren Erdbeben direkt unter der Hauptstadt mit zehntausenden Toten, hunderttausenden zerstörten Häusern, wochenlangen Versorgungsengpässen und so weiter und so fort, oder vor Fukushima? Vor Fukushima natürlich? Ist klar…

Am Abend flimmert und leuchtet die Stadt, keine Spur von Stromausfällen – obwohl inzwischen nur noch ganze drei der einst 54 AKW des Landes am Netz sind.

Klingt alles so einfach, oder? Als ob man die 54 AKW ganz aus Spass betrieben hatte! Vielleicht sollte mit einer winzigen Fussnote erwähnt werden, das Japan einen sehr hohen Preis dafür zahlt. Aufgrund der jetzigen Lage verzeichnet Japan das erste Handelsdefizit seit Erhebung der Daten 1979. Warum? Fossile Brennstoffe müssen teuer importiert werden. Die Folge, vor allem aufgrund der seit Monaten steigenden Energiepreise: Rezession. Wieder. Klar, ohne die AKW ist es besser – und die letzten 3 kann man jetzt auch ruhig abschalten (aber das wird so schnell nicht passieren).

Immerhin hat sich der Reporter mit japanischer Begleitung nach Minami-Sōma gewagt, und seine Beobachtungen dort decken sich zum Teil mit dem, was ich dort erlebt habe. Die Region ist nachwievor im Ausnahmezustand.

Wesentlich schlimmer als der Artikel waren die Kommentare. Eine arme, gut deutsch schreibende Japanerin verzweifelte schier daran und versuchte zu erklären, welchen Stellenwert welcher Teil der Katastrophe für die Japaner hat. Sie wurde natürlich gleich als Atomlobbyistin abgetan. Wer nicht wie wir ist, muss einer von denen sein. Ein Kommentator war sich auch ganz sicher, dass in Kürze ganz Japan, Korea und Sibirien verstrahlt sein werden.

Nun – Ziel des Reporters war es, sich „… ein Bild davon machen, welche Spuren die größte Reaktorkatastrophe seit Tschernobyl in diesem Land hinterlassen hat – auf den Straßen, Feldern und Dächern der Städte rund um den Reaktor, aber auch in den Köpfen und Herzen der Menschen.“ Ziel verfehlt. Vielleicht begreift irgendwann mal ein Reporter, das man die drei Komponenten – Tsunami, Erdbeben und Reaktorkatastrophe – nicht so ohne weiteres trennen sollte? Allein in Minamisōma sind über 400 Leute vom Tsunami getötet worden, und rund 1’000 Bewohner gelten als vermisst. Auch das beschäftigt die Menschen nachwievor. Aber Erdbeben und Tsunami sind wahrscheinlich zu abstrakt und so weit entfernt wie Köln oder Berlin…

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Ran ans Eingemachte? Regierung streckt die Hände nach Konten aus

Februar 17th, 2012 | Tagged , | 3 Kommentare | 1362 mal gelesen

Ätsch, ich hab ja 'n Tom & Jerry-Konto! Half nichts – war trotzdem immer leer

Gestern kam aus der Politik der Vorschlag, man könnte doch etwas mit den zahlreichen 休眠口座 kyūmin kōza – schlummernden Konten im Land machen. Definition eines „schlummernden Kontos“: Ein Konto, das mindestens 10 Jahre lang nicht mehr angefasst wurde. Die Idee als solche ist sicherlich nicht dumm: Schlummernde Konten sind in der Regel Konten mit sehr, sehr kleinen Beträgen drauf, die sich allerdings im Laufe zahlreicher Jahre zu einer erklecklichen Summe aufgebaut haben: Angeblich beträgt die Gesamtsumme der Einlagen auf schlummernden Konten 880億円 – das sind 88 Milliarden Yen beziehungsweise beim laufenden Wechselkurs gute 850 Millionen Euro. Fast eine Milliarde also. Oder anders gesagt, gute 7 Euro pro Japaner. Politiker schlugen vor, dieses Geld quasi einzuziehen und als Starthilfe für kleine Unternehmen (man denkt dabei vor allem an das Katastrophengebiet) und als Spenden für NPO zu benutzen. Bei letzterem Gedanken wird mir etwas bange, da die Definition von NPO sehr, sehr großzügig ausgelegt wird.

Der gewöhnliche Nicht-Japaner sollte bei diesen Fakten eigentlich stutzig werden: Wie kommt es überhaupt zu so vielen schlummernden Konten? Die Antwort liegt in der Art und Weise, wie Banken in Japan funktionieren:

• Konten kosten in der Regel keine Kontoführungsgebühren
• Der Zinssatz liegt quasi bei Null bzw. nur knapp darüber
(Beispiel Postbank: Bei einer 3-jährigen Festanlage liegt der Zinssatz bei 0.08%)
• Geldkarten (nicht Kreditkarten) haben in der Regel keine Verfallszeit

Zudem ist ein Konto relativ schnell eingerichtet – das gilt freilich nicht für Ausländer, so sie nicht über die erforderlichen Sachen wie Namensstempel usw. verfügen. Einmal eingerichtet, hört man in der Regel nichts von der Bank. Keine Post, keine Aufforderungen – man kann das Konto in der Tat vergessen.

Meine Frau zum Beispiel hatte seit langer Zeit 3 verschiedene Konten. Wir wissen zwar nicht so richtig, warum, aber schaden konnte es ja nicht. Ein Konto war das am häufigsten gebrauchte Konto, eins ein Sparkonto und das dritte, nun ja, keine Ahnung. Ich habe mittlerweilen auch drei Konten – eines hatte ich zu meiner Studentenzeit angelegt, aber das Konto war bei der Bank von Yokohama, doch jetzt lebe ich in Chiba. Ich könnte zwar das Konto wieder benutzen, aber sobald es Änderungen gäbe, müsste ich extra in eine andere Präfektur (Kanagawa) fahren. Die vielen Konten haben natürlich den Vorteil, dass unsere beiden Kinder quasi ihr eigenes Konto haben, auf denen wir mit ihrer Geburt damit begonnen haben, die später anfallenden, horrenden Schul- und Studiengebühren einzuzahlen. Sollten wir vorher nach Deutschland ziehen, können die Einlagen sicherlich auch nicht schaden.

Bezüglich des Vorschlags gab es freilich sofort Proteste des Bankenverbandes: Sicherlich, die Verwaltung so vieler schlummender Konten koste Geld und die vielen Konten schaden eher als das sie nützen, aber allein der Verwaltungsaufwand, um diese Konten freizugeben, wäre viel zu hoch. Schliesslich gehört das Geld auch den Kontobesitzern, und die kann man nicht so einfach enteignen. Womit sie freilich recht haben. Und da liegt auch der Hase im Pfeffer. Sicher, 880 Millionen sind viel Geld. Allerdings sind diese Millionen auf zig Millionen Konten verteilt. Sollte der Verwaltungsaufwand zur Freigabe eines Kontos auch nur 50 Yen kosten (so viel kostet eine Postkarte), kommt man schon auf hunderte Millionen bis Milliarden Yen.

Aus dem Vorschlag wird so wahrscheinlich eher nichts. Andererseits ist es auch keine schlechte Idee, die Bevölkerung zu sensibilisieren: Löst unbenutzte Konten auf, spendet das Geld! Warum nicht. Ich wäre dabei. So ich mal wieder in Yokohama bin. Bin selber neugierig, wie viel sich auf meinem Konto nach ca. 14 Jahren befindet. Aber wie ich mich zu Studentenzeiten kenne, habe ich das Konto wahrscheinlich… nennen wir es mal optimal genutzt.

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Schalt‘ den Fernseher aus – Unterhaltung im japanischen Fernsehen

Februar 14th, 2012 | Tagged , | 18 Kommentare | 5291 mal gelesen

Den folgenden Artikel habe ich für die Herbst-Ausgabe (2011/04) der Zeitschrift Midori geschrieben – und wie immer erscheint hier – mit Verspätung – die Online-Ausgabe. Viel Spass beim Lesen!

Je schräger desto plumps!

Ein Mensch im Hummerkostüm, der mit einem riesigen Plastikhammer auf wehrlose Mädchen eindrischt. Ein nackter Mann, der im öffentlichen Bad Seife ausschüttet, Schemel aufschichtet und dann bäuchlings schlitternd als menschliche Billiardkugel die Schemel umkippt. Ein paar Verrückte, die sich irgendwo für 24 Stunden einsperren lassen und jedes Mal einen auf das Hinterteil verpasst bekommen, wenn sie lachen. Wo sind wir? Genau. Im Japanischen Fernsehen.

Eine Fremdsprache zu können hat seine Vor- und Nachteile. Wohl eher zu den Nachteilen gehört die Tatsache, daß man leider versteht, was da so alles in der Flimmerkiste läuft. Andererseits – Fernsehen kann auch durchaus dazu beitragen, etwas über das Land und seine Bewohner zu erfahren. Und es hilft mitunter ungemein, die Sprache zu erlernen – das gilt besonders für das japanische TV, da hier sehr gern Untertitel eingeblendet werden – bei fast allen Sendungen. Dieses Mal soll es also um ein paar Beobachtungen über das japanische Fernsehen gehen – ein kleines Einmaleins für Fernsehhasser und Fernsehfreunde.

Die Tasten 11 und 12 kosten nicht extra

Dass Japan gern sein eigenes Süppchen kocht, ist ja hinlänglich bekannt. Weniger bekannt ist, daß man das sehr gern konsequent betreibt. Das beginnt bereits bei der Fernbedienung für den Fernseher. Während sich der Großteil der Menschheit recht erfolgreich mit dem Dezimalsystem angefreundet hat – schließlich haben ja 99,9% aller Menschen 10 Finger (nun gut, selbst das ist in Japan gelegentlich anders) oder zumindest 10 Zehen, findet man auf japanischen Fernbedienungen in der Regel 12 Knöpfe mit Nummern drauf. „Aha, 12 Programme also“ könnte der nichtsahnende Japanbesucher also denken – aber nichts da! Nicht alle Programme sind belegt. Das geht dann in etwa so beim Schalten: Programm – extrem lautes Rauschen und Flimmern auf dem Bildschirm – Programm – Programm – lautes Rauschen usw. Damit auch ja jeder in den Genuss dieses Nervenkitzels kommt, variiert die Belegung natürlich je nach Region: Hier sind die Programme 1, 3, 4, 5, 7, 8, 10 und 12 belegt, anderswo nur die 1, 2, 4, 6, 8 und 10.

Gehen wir mal davon aus, daß wir uns die Zahlenfolge genausogut eingeprägt haben wie unsere Kontonummer, Bankleitzahl, Geburtstag der Schwiegermutter usw. Was erwartet uns also? Zum grossen Teil erstmal Werbung, unterbrochen durch Programm. Japan folgt hier eher dem amerikanischen Modell, also sehr kurze, aber unzählige Werbepausen, die weder dafür ausreichen, zum Örtchen zu schlendern, noch sonst etwas anderes anzustellen. Wohl deshalb befindet sich in japanischen Hotelzimmern die Minibar meist direkt neben dem Fernseher (das kann freilich auch an der Enge vieler Hotelzimmer liegen). So man sich mal eine Sendung mit einem Ansatz von Spannungsbogen ansieht, werden die Werbepausen zum Ende hin richtig penetrant: Dann gibt es wirklich mehr Werbung als Inhalte.

Dazu habe ich allerdings meine eigene Theorie: Die Werbung wird nicht etwa nur gezeigt, um jene gewinnbringend an Kunden zu verkaufen. Nein, man hat einfach nicht genug Inhalte, um mehr Substantielles auszustrahlen. Beleg: Nach dem großen Erdbeben haben die meisten Firmen und Fernsehsender aus Pietätsgründen darauf verzichtet, Fernsehwerbung auszustrahlen. Stattdessen wurden jedoch in genau der gleichen Anzahl Spots gezeigt, in denen menschliche Grundwerte wie Freundlichkeit, Zuvorkommen, Lächeln usw, vermittelt werden. Da die Werbung auf allen Kanälen vom gleichen Verband organisiert wird, dudelten also die gleichen Spots mehrfach pro Stunde auf allen Kanälen hoch und runter. Tagelang. Bis man, welch Erleichterung, nach einer guten Woche wieder damit begann, normale Werbung auszustrahlen.

Wer japanisches Fernsehen verstehen möchte, kommt vor allem am Nachmittag mit einem sehr geringen Wortschatz aus. Eigentlich reicht ein Wort, um das Gros der Sendung zu verstehen: oishii. Dieses wohl meistbenutzte Adjektiv im Japanischen bedeutet „lecker“ und kommt mindestens ein Mal pro Minute zur Anwendung, da sich 90% aller Sendungen am Nachmittag, oft aber auch in der Nacht, ums Essen drehen. Da schiebt dann der Studiogast in Großaufnahme ein irgendwas in den Mund, darauf folgt gemächliches Kauen, und dann – die Spannung steigt ins unerlässliche – jetzt erstmal Werbung – folgt endlich ein lautes, wer hätte das gedacht, oishii!!!. Natürlich mit noch vollem Munde. Und Schnitt. Wieder eine Sendung im Kasten. Programme dieser Art gibt es in rauhen Mengen und unzähligen Variationen. Aus Japan. Aus dem Ausland. Mal nur mit Nudelsuppen. Mal mit den 10 beliebtesten Variationen, wie Japaner ihre Fertignudelsuppen aufpeppen.

Filme werden erstaunlicherweise kaum gezeigt auf den normalen Kanälen. Erst recht nicht am Sonnabend abend oder feiertags, und das ist eigentlich ganz vernünftig: An freien Tagen soll man die Zeit schließlich nutzen, und nicht wie gebannt und pausenlos vor der Glotze sitzen. Auch Dokumentationen gibt es nur wenige. Ernsthafte Talkshows mit mehr oder weniger prominenten Zeitgenossen? Kaum. Es sei denn, es wird dabei gekocht und gegessen. Big Brother? Gott bewahre! Davon wird man zum Glück verschont am Rand der Welt.

Bleiben noch die Serien und Komik. Über erstere kann ich hier mangels Kompetenz nichts sagen. Aber was ist mit den ganzen Spaßsendungen – schließlich ist ja das japanische Fernsehen bis über die Landesgrenzen berühmt beziehungsweise berüchtigt. Eines steht jedenfalls fest: Wer es in Japan als ambitionierter Fernsehkomiker zu etwas bringen möchte, muß ein sehr dickes Fell haben. Den nackten Hintern in die Kamera zu halten zählt da noch zu den harmloseren Aufgaben. Regelmäßig auf mehr oder weniger brutale Art und Weise Schläge einzustecken gehört zum täglich Brot: Es ist teilweise sehr erstaunlich, wie gewaltvoll japanisches Unterhaltungsfernsehen sein kann. Dabei orientiert man sich gern an Slapstick aus den Anfangsjahren des Kinos, manchmal aber auch, wie mir scheint, an Monty Python in ihren besten Jahren. Das muss nicht immer schlecht sein – vorausgesetzt, man mag Slapstick und Monty Python.

Razor Ramon alias Hard Gay bei der Arbeit

Mitunter ist man als westlicher Beobachter auch recht überrascht und fragt sich, wer eigentlich in punkto Humor im japanischen Fernsehen die Grenzen zieht. Als Beispiel sollte eine Lichtgestalt namens Razor Ramon dienen. Jener war ein ganz normaler Komiker und Ex-Wrestler, der plötzlich als Hard Gay seine Runden im japanischen Fernsehen drehte: Schwarze, enganliegende Latexkleidung, extrem kurze Hosen, Ketten überall und die exakte Verkörperung dessen, was man dank Bildung aus dem Fernsehen mit dem Namen „Hard Gay“ assoziieren würde. Nicht, daß Razor Ramons Alter Ego sehr gesprächig war – meistens war er damit beschäftigt, seine Hüften anzüglich kreisen zu lassen und dabei „Fufuuu!“ und ähnliches zu rufen. Das geschah nicht etwa nur spätabends, sondern auch gelegentlich bei Aufnahmen mit echten (!) Kindern am Nachmittag auf einem Spielplatz. Und siehe da: Razor Ramon alias Hard Gay kam richtig gut an bei Kindern! Ob Razor Ramon jedoch mit dieser Rolle den Homosexuellen, die sich in Japan nachwievor aus gesellschaftlichen Gründen eher verstecken als outen, einen echten Gefallen tat, sei dahingestellt. Es war wohl eher ein Bärendienst. Und irgendwann verschwand der vorher omnipräsente Razor Ramon ganz plötzlich von der Bildfläche. Übrigens: Hard Gay ist im realen Leben mit einem Ex-Model verheiratet und hat zwei Kinder.

Wer zum Star wird und wer vom Himmel fällt, wird gelegentlich direkt oder indirekt von den Yakuza entschieden. Fällt jemand bei gewissen Leuten durch, ist er ruckzuck aus dem Fernsehen verschwunden. Häufigste Form des Verschwindenlassens: Ein kleiner, schmutziger und natürlich anonymer Brief an dubiose Zeitschriften. Drogen machen sich da ganz besonders gut, das wird selten verziehen in einem Land, in dem auch Marihuana als harte Droge gilt. Das denke ich mir übrigens nicht aus – ich weiß es zumindest in einem Fall aus erster Hand. Andererseits verschwinden derzeit auch Prominente indirekt durch die Yakuza: Indem ihnen nämlich eine Verbindung zu Jenigen nachgewiesen werden kann (wer auch immer dazu den Tipp gibt).

Ohne Worte

Einige Sendungen bestechen jedoch durchaus durch Kreativität: Gerne erinere ich mich persönlich an eine Sendung Ende der 90er mit dem Namen Denpa Shōnen, in denen verschiedenen Leuten verschiedene Aufgaben gegeben wurden: Einer wurde da nackt in ein leeres Zimmer eingesperrt, nur versorgt mit Stiften und unendlich vielen Rätselheften. Der Arme musste daraufhin versuchen, sich allein mit Rätselpreisen durchzuschlagen. Zwei andere Teilnehmer wurden in Südafrika ohne Geld ausgesetzt – sie mussten sich dann trampenderweise bis zum Nordkapp durchschlagen. Dass da gerade im japanischen Fernsehen sehr viel yarase (gestellte Szenen) dabei ist, schmälert das Vergnügen zwar etwas, aber wer mag schon Böses dabei denken.

Es gibt noch viel mehr zu sagen zum japanischen Fernsehen. Es kann – diese Aussage kann man wahrscheinlich auf die meisten Länder beziehen – ganz unterhaltsam und lehrreich sein. In gesunden Dosen genossen, versteht sich. Sonst hat man nur noch Essen im Kopf.

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Geschmacksverirrungen

Februar 11th, 2012 | Tagged , , | 12 Kommentare | 1216 mal gelesen

So schnell nicht wieder: Tiefkühlpasta

Ein krankes Kind mit hohem Fieber, eine erschöpfte Gemahlin und der übliche Stress auf Arbeit liessen mich heute abend, bzw. eigentlich nachts, zum ersten Mal seit langem zur Tiefkühlfrost greifen, denn Lust zum kochen hatte keiner mehr. Kurze Suche – ich hatte 5 Minuten Zeit, bis der Supermarkt punkt 21:45 dicht macht – und schon hatte ich zwei Packen „Pasta Genovese“ in der Hand. Pasta Due porzioni quasi, das klingt nicht so verfressen. Auf dem Bild: Grüne Spaghetti, darauf schwarze Oliven, ein paar verirrte grüne Böhnchen und ein Hauch von Parmesan. Und irgendwas Weisses.

Irgendwas Weisses? Das war mir vorher gar nicht aufgefallen. Vor dem Beschicken der Mikrowelle – mein Gott, was für ein Freitag abend – schaue ich noch mal genauer hin. Was Weisses. Gut, der Kontrast stimmt: Grün, dann schwarze Oliven, und eben weisse Würfel. Das sind doch nicht etwa… oh doch, ein Blick auf die Verpackung bestätigt meine Befürchtung: Kartoffelstückchen! Auch noch frittiert! Na klasse. Wer kommt eigentlich auf die aberwitzige Idee, Kartoffeln in die Nudeln zu tun? Kartoffeln? Gerne, her damit! Nudeln? Aber Hallo! Ohne Nudeln hätte die Menschheit gar keine Daseinsberechtigung. Gnocchi? Auch gut! Liebend gern! Aber Nudeln mit Kartoffeln drauf? Ich kann mir so etwas partout nicht vorstellen: „Du, Schatz! Danke für den tollen Abend! Und für das Essen! Also die Pasta mit den Kartoffelstückchen drauf, die haben mich echt zum Schmelzen gebracht!“ Gibt es auch nur eine Person auf diesem Planeten, die so etwas sagt!?

Nun gut, ganz abwegig ist das nicht. In Ägypten schieben die Leute pausenlos kuschari in sich rein – ein wilder, hilflos wirkender Mix aus Linsen, Reis und Nudeln (zugegebenermassen kann das sogar schmecken – zumindest wenn man grossen Hunger hat. Liebe Ägypter – jetzt bitte nicht mit der Blutwurst zurückwinken). Aber diese Unsitte, Kartoffeln auf Nudeln und Pizza zu kippen, ist einfach abartig. Eigentlich ein Wunder, daß auf der Packung nicht „German Pasta Genovese“ stand, denn eigentlich wird Essen mit unansehnlichen Kartoffelbrocken drin oder drauf gern das Prädikat „German“ zugestanden. Genauso wie man in Deutschland ja gern Pizza mit Mais drauf als „American“ deklariert. Die Unsitte mit dem Mais kennt man freilich auch hier: In Convenience Stores kippt man gern Mais auf Pasta Aglio e Olio. Das passt genauso gut zusammen wie Bier mit Tomatensaft. Jaja, ich weiss, das gibt es wirklich und nennt sich „Red Eye“. Immer, wenn das jemand bei mir im Pub bestellt hatte (zu meiner Studentenzeit in Japan), hätte ich am liebsten entgegnet: „Gern. Darf ich mich vorher kurz übergeben?“ Aber ansonsten bin ich wirklich sehr tolerant. Ganz ehrlich!

Ach ja: Die Kartoffelstückchen habe ich natürlich vor dem Verzehr entfernt. Nein, ich habe sie nicht meinen Kindern gegeben. Ich bin nicht so gemein wie meine Tochter, die die Erdbeeren aus dem Kuchen entfernt und dann sagt: „Hier, darfst auch mal probieren!“

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Happy Birthday / Theater im Kindergarten

Februar 8th, 2012 | Tagged | 26 Kommentare | 1771 mal gelesen

Und so schnell kann es gehen – schon ist es ein Jahr her, daß mein Jüngster das Licht der Welt erblickte. Damals gute 4 kg schwer – heute gute 10 kg schwer. Damals 110 Dezibel laut, heute … hmm, 110 Dezibel laut. Mittlerweilen spricht er in einer uns unverständlichen Sprache und läuft ein paar Meter. Im Schränke ausräumen ist er einfach nur phänomenal schnell, und seine 5-jährige Schwester hilft ihm nur zu gern dabei. Seine Geburt und die folgenden Wochen werden uns jedenfalls lange in Erinnerung bleiben – schliesslich musste er ja im Alter von einem Monat bereits mit Mutter und Schwester auf die Flucht, da die Nachbeben, fehlendes Wasser und Gas in der Wohnung nebst radioaktiver Wolke aus Fukushima ein Leben hier zu unsicher machten.

A propos Schwester – sie hatte heute ihren ersten 発表会 Happyōkai im Kindergarten. Bei diesen Veranstaltungen singen die Kinder zusammen Lieder und spielen Theater. Da so etwas nur ein Mal im Jahr passiert und die Kinder sich lange darauf vorbereiten, habe ich heute sogar extra deswegen zwei Stunden freigenommen. Keine Sorge, mit einem Videoausschnitt werde ich nicht langweilen. Aber es ist schon erstaunlich, was die Erzieher da in einem Jahr aus einem so grossen, unruhigen Haufen machen können. Den Kindern schien es jedenfalls grossen Spass zu machen, und es gab sogar keine Verletzten. Und: Trotz Grippewelle waren sogar alle Kinder da.

So, ich hoffe, man verzeiht mir diesen persönlichen Beitrag. Manchmal muss es eben sein.

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Gleiche Bildung für alle? Ein kleiner Blick hinter die Kulissen

Februar 5th, 2012 | Tagged , | 15 Kommentare | 1870 mal gelesen

In den vergangenen Wochen hatte ich im Rahmen meiner Arbeit ziemlich viel mit dem Schulwesen in Japan zu tun. In der Theorie, und in der Praxis. Genauer gesagt ging es um die Oberstufe in Japan. Kurze Einleitung: In Japan gehen Schüler erst 6 Jahre lang zur Grundschule (小学校, Elementary School), danach 3 Jahre lang zur 中学校 Junior High School (Mittelstufe) und anschliessend zur 高校 Senior High School (Oberstufe). Grund- und Mittelschule (6 Jahre bis 15 Jahre) sind Pflicht in Japan; Oberstufe hingegen nicht, aber gesellschaftlich gesehen ist die Oberstufe schon Pflicht – knapp 95% der Japaner besuchen die Oberstufe (und fast 50% später die Uni bzw. andere weiterführende Bildungseinrichtungen).

Nun hatte ich im Auftrag eines Schulbuchverlages mit dem Bildungswesen an Oberstufen zu tun und gewann so ein bisschen mehr Einblick in das System, welches mit dem System in Deutschland zum Beispiel nicht sehr viel zu tun hat: In Japan gibt es öffentliche und private Oberstufen – im Grossraum Tokyo sind zum Beispiel mehr als 50% der Oberstufen privat; auf dem Land hingegen gibt nur sehr wenige private Schulen. In Großstädten schicken Eltern ihre Kinder auf Privatschulen, um ihren Kindern bessere Bildungschancen zu gewähren (und weil sie es sich leisten können). Auf dem Land sind private Schulen hingegen oftmals die letzte Chance für Schüler, die Privatschule zu besuchen, wenn sie es wegen mangelnder Leistungen nicht zu einer regulären Schule geschafft haben.

Im Unterricht müssen vom Bildungsministerium (文部科学省, kurz MEXT) genehmigte Schulbücher benutzt werden. Dabei gibt es für jedes Fach offiziell genehmigte Lehrbücher von mehreren Verlagen. Welche Lehrbücher benutzt werden, entscheidet dabei der Träger der Schule: Ist es eine Präfekturoberstufe (県立 – kenritsu), entscheidet das das Bildungskomitee der Präfektur. Ist es eine städtische Schule (市立 – ichiritsu), entscheidet dies das Bildungskomitee der Stadt. Bei privaten Schulen (私立 – shiritsu) hingegen entscheidet das der Besitzer und / oder der Lehrerrat. Diese offiziellen Schulbücher kann man nicht öffentlich erwerben, und mit den Büchern selbst machen Verlage aufgrund der niedrigen Preise kaum Gewinn.

Doch da kommen die 副教材 – fukukyōzai – Begleitmaterialien ins Spiel. Die müssen nicht vom Ministerium genehmigt sein. Und: Diese Zusatzmaterialien müssen von den Schülern (bzw. natürlich deren Eltern) bezahlt werden – ohne das die Eltern da ein Wort mitreden können, versteht sich. Die Summe der Zusatzmaterialien für ein einziges Fach kann dabei durchaus schon mal ca. 100 Euro pro Jahr betragen. Und das gilt nicht nur für private Schulen, sondern auch für öffentliche (und damit eigentlich kostenfreie) Schulen. Und es gibt neben Sport 9 verschiedene Fächer. Doch wer entscheidet, welche Zusatzmaterialien benutzt werden? Es gibt für jedes Fach zahlreiche Verlage, die um die Gunst der Lehrer buhlen. Und so schicken die Verlage in regelmässigen Abständen ihre Vertreter in die Schulen, die sich dort die Lehrer schnappen und ihnen ihre neuesten Begleitmaterialien unter die Nase reiben.

Das ganze ist immerhin ein riesiger Markt. Gehen wir mal von einer durchschnittlichen Oberstufenschule aus: Die hat in Japan ca. 1’000 Schüler. Wird also jeder Schüler von der Schule „gezwungen“, alljährlich Begleitmaterialien für Fach XYZ im Wert von 100 Euro zu erwerben, macht das 100’000 Euro Umsatz für den Vertreter für diese eine Schule. In Japan gibt es übrigens momentan gute 5’000 Oberstufen. Nun gibt es jedoch von Schule zu Schule durchaus Unterschiede: 進学校 (Shingakkō) genannte, „gute“ Schulen mit dem Ruf, ihre Schüler später an guten Unis platzieren zu können, benutzen mehr Begleitmaterialien. Genauer gesagt passiert folgendes: Diese Schulen kaufen die offiziellen Unterrichtsmaterialien, da dies Pflicht ist (auch bei privaten Schulen). Da das Niveau dieser Lehrbücher für diese Schulen zu gering sind, werden diese Lehrbücher praktisch nicht benutzt: Begleitmaterialien werden zu Hauptlehrbüchern.

Es gibt aber auch das Gegenteil davon: Die 教育困難学校 – Kyōiku-Konnan-Gakkō: „Schulen im Bildungsnotstand“. Einige Vertreter erzählten mir dabei, dass sie diese Schulen prinzipiell melden. O-Ton: „An diesen Schulen werden keine Begleitmaterialien benutzt. Das Niveau dort ist dermassen schlimm, das manche Oberschüler mit Ach und Krach den eigenen Namen in Schriftzeichen schreiben können.“ Ein Manager des Vertriebs fragte mich später, wo ich wohne und ob ich Kinder habe. Ich gab bereitwillig Auskunft, und er sagte sofort „Ah ja. Schicken Sie Ihre Kinder auf gar keinen Fall an diese und jene Schule!“.

Leider liessen meine Nachforschungen keine Gelegenheit, etwas tiefer zu bohren. Zum Beispiel die Frage danach, was dieses System eigentlich schmiert. Bekommen Lehrer zum Beispiel Vergünstigungen irgendeiner Art, wenn sie sich für Verlag soundso entscheiden? (Ein Vertreter meinte daraufhin nur lapidar: „Früher war das wohl so, heute aber nicht mehr).

Wie auch immer – ich kann leider nicht mit dem System in Deutschland vergleichen, da ich es nicht gut genug kenne. Aber die Ungleichheit im japanischen Bildungssystem verblüfft mich immer wieder. Genauso auch all die versteckten Kosten und Ungereimtheiten: Warum müssen Eltern für ihre Kinder in öffentlichen Schulen für Begleitmaterialien von Verlagen bezahlen – ganz einfach weil es die Schule und/oder der Lehrer so entscheidet? Und wieso sitzen selbst in privaten Schulen in der Regel ca. 40 Schüler in einer Klasse? Und wieso scheint das nur mich zu stören? Die meisten Japaner nicken bei dem Thema nur – wahrscheinlich, weil sie es selbst nicht besser kennen.

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