Wahlen (Nebensache) und Schmierenkomödien (Hauptsache)

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    Die Oberhauswahlen sind vorbei und es wird wieder etwas ruhiger auf den Strassen, da die Politiker nun nicht mehr mit ihren Megaphonen auf Bauernjagd gehen müssen. Eine winzige Sensation hielt das Ergebnis letzten Endes bereit: Abe ist es mit seiner Regierungskoalition nicht geglückt, die erhoffte 2/3-Mehrheit zu erreichen – die wäre aber nötig gewesen, um Verfassungsänderungen durch das Parlament zu boxen. Aufgeben wird er das Vorhaben deshalb aber lange nicht. Ach ja: Die enorm wichtige Partei “NHKから国民を守る党” (Die Partei, die das Volk vor NHK schützt – Anmerkung: NHK ist die japanische öffentliche Rundfunkanstalt, für die Japaner ähnlich der GEZ Gebühren bezahlen) hat im Oberhaus tatsächlich einen Sitz errungen. Da sich ansonsten nichts wirklich geändert hat, redet man bereits am Tag nach der Wahl kaum noch darüber.

    Die Augen der meisten Japaner sind deshalb fest auf den handfesten Skandal um 11 Komiker gerichtet. Diese sollen, an ihrer Agentur vorbei, an der Veranstaltung einer der Yakuza nahestehenden Betrügertruppe teilgenommen und dafür bis zu eine Million Yen Gage eingestrichen haben. Als das ganze vor ein paar Wochen – besagte Veranstaltungen lagen allerdings bereits rund 5 Jahre zurück! – ans Licht kam, verneinten die Komiker den Vorfall vehement, doch die Beweislage war letztendlich zu erdrückend. Die Agentur, 吉本興業 Yoshimoto Kōgyō (die wohl größte und bekannteste Künstleragentur in Sachen Komiker und anderer in Japan “Talente” genannten Entertainer), suspendierte vorerst die Künstler. Soweit, so gut. Zwei Komiker, Hiroyuki Miyasaki und Ryo Tamura (ersteren kennt in Japan ausnahmslos jeder), baten nun darum, sich im Rahmen einer Pressekonferenz bei Ihren Freunden, Fans und Kollegen entechuldigen zu dürfen, doch die Agentur lehnte ab. Letztendlich wurden die beiden vor die Wahl gestellt: Freiwillig ihren Abschied von ihrer Karriere als Unterhalter bekanntzugeben oder gefeuert zu werden. Die beiden entschieden sich für Letzteres, wurden gefeuert und hielten am Sonnabend dann ihre Pressekonferenz – live im Fernsehen übertragen! – ab. Eins zu null für die Komiker. Denn das Echo war nach dem tränenreichen Auftritt verheerend: Viele Größen aus dem Fernsehen, darunter auch Künstler der gleichen Agentur wie zum Beispiel Matchan, äußerten sich zu dem Fall – zu ungunsten der Agentur. Deren Chef, Okamoto, konnte heute bei einer 5 Stunden langen und ebenfalls tränenreichen Gegenpressekonferenz nur noch zurückrudern und bot den Künstlern an, sie wieder aufzunehmen und die Strafen zu suspendieren.

    Eine Schmierenkomödie vom Feinsten – wahrscheinlich haben sich die Künstler noch nicht einmal strafbar gemacht. Und: Das ganze liegt 5 Jahre zurück. Das eigentliche Drama war jedoch die jammervolle Pressekonferenz – warum zwingt man Menschen, so etwas zu machen? Und warum schauen sich Menschen überhaupt sowas an? Der Schaden ist auf allen Seiten groß. Diese 謝罪会見 shazai kaiken (“Bußekonferenzen”), bei denen sich Firmenchefs und Prominente sehr übertrieben öffentlich entschuldigen, sind typisch für Japan: Die Menschen erwarten 誠意 seii – eine aufrichtige Entschuldigung. Sehr theatralisch, aber ebenso authentisch sollte diese sein – dann wird demjenigen unter Umständen auch irgendwann mal verziehen. Die Videokonferenz der Künstler gibt es hier.

    Okamoto versuchte übrigens, bei der Konferenz mit einem Gerücht aufzuräumen – jenes besagt, dass die Künstler kaum etwas von den Gagen sehen. Genauer gesagt reden Menschen von einer 9:1 Regel: Demzufolge bekommen die Künstler nur rund 10% der Gage und die Agentur 90%. Laut Okamoto liegt das wohl eher bei 5:5. Da kann man als Autor nur von träumen…

    2 COMMENTS

    1. Naja, wie der Titel schon beinhaltet eine Komoedie und mehr oder weniger ein Witz. Aber auch davon lebt das (Un-)Show business auch hier in Japan.

    2. Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass Agenturen wie Johnny oder Yoshimoto so dominant geworden sind? Für sieht es so aus, als ob man entweder nach deren Regeln oder gar nicht spielt.

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