Wir biegen uns eine Wissenschaft zurecht

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    Takasu-Buch - Contra Gesundheitswahn

    Ständig liest man von neuen Forschungsberichten, in denen verkündet wird, was so alles krebserregend, unfruchtbar machend, Kühlschrank leerend oder Freund(in) vergraulend ist. Eigentlich alles, was Spaß macht und/oder schmeckt. Rauchen? Geht gar nicht. Allolol? Böse. Zucker? Beinahe wie Kokain. Aber letztendlich ist alles nur Ansichtssache, und man ist selber schuld, wenn man nur solche Nachrichten liest. In Japan braucht man nicht lange nach Alternativen suchen. Hier gibt es Ratgeber von jedem für jeden. Und am besten verkaufen sich Produkte und/oder Bücher, in denen man nachlesen kann, das eigentlich alles ganz schön ist und man sich sowieso überhaupt keine Sorgen zu machen braucht. Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima gab es zum Beispiel ruck-zuck Ratgeber mit den klingenden Titeln “放射能を怖がるな!” (Hōshanō o kowagaru na! – Keine Angst vor Radioaktivität) (geschrieben allerdings von einem Amerikaner) oder auch 放射線ホルミシスが体にいい! (Radioaktivitäts-Hormesis ist gut für den Körper, denen zufolge man sich keine Sorge ob der Strahlung machen braucht. Ganz im Gegenteil – die zusätzliche Portion Strahlung stähle sogar den Körper! Genau! Seht euch doch Spiderman an. Der wurde von einer radioaktiven Spinne gebissen, und schaut mal, was der alles kann!
    Heute fiel mir dazu eine Werbung im Zug auf – für ein Buch mit dem klangvollen Titel その健康法では「早死に」する (sono kenkōhō de wa “hayaji ni” suru – Mit diesen Gesundheitstrends stirbst Du früh!. Der Author ist dabei kein Scharlatan: Herr Takasu ist Schönheitschirurg und leitet die recht erfolgreiche Takasu-Klinik. Der überzeugte Buddhist ist gesellschaftlich sehr aktiv (Wiederaufbau nach Erdbeben, Ärzteverbände usw.) und bemerkte ein Mal, dass es doch seltsam sei, dass viele Schönheitschirurgen viel älter aussähen als ihre Patienten. Und das ein Arzt, und ein Schönheitschirurg erst Recht, die Methoden doch auch an sich selbst ausprobieren solle, um zu wissen, was er den Patienten eigentlich antut. Und er schritt zur Tat. Mit beachtlichem Ergebnis: Seine 65 Lenze sieht man ihm nicht sofort an (siehe Vorher-Nachher-Photo).
    Das Buch verspricht den armen, 40- und 50-jährigen Heerscharen in Japans Büros viel Verheißungsvolles:

    • Nicht essen = Lange leben ist kompletter Unsinn
    • Wer die Zahl der Mahlzeiten drastisch reduziert, riskiert an Diabetes zu erkranken
    • Diäten, die Kohlenhydrataufnahme stark reduzieren, fördern Mund- und Körpergeruch
    • Wer mit 40 leicht übergewichtig ist, lebt am längsten
    • Wer kein Fleisch ißt, riskiert Schlaganfälle
    • Cholestorol ist nicht schlecht
    • Absolute Alkoholabstinenz erhöht die Todesrate

    Und so weiter. Auf den ersten Blick klingt das alles zu schön, um wahr zu sein. Aber man muss das Buch nicht unbedingt lesen, um zu ahnen, worin die Botschaft liegt: Wahn ist ungesund und verkürzt die Lebenserwartung, und das ist beim Gesundheitswahn nicht anders. Letztendlich ist es die Menge, die etwas zu Gift werden läßt. Das der eine oder andere sich das Buch genauer durchlesen sollte, bevor er frohlockt, steht dabei jedoch auch in Japan außer Zweifel.
    Das ganze erinnert mich an die alljährlichen Gesundheitschecks, organisiert von der Firma. Ich wiege seit etlichen Jahren unverändert 79 kg – verteilt auf 184 cm. Mein BMI liegt damit am stabileren Ende des Normalen. Bringe ich 79 kg auf die Waage beim Check-up, bemängelt der Arzt nichts. Alle zwei oder drei Jahre bringe ich jedoch 80 kg auf die Waage (was weiß ich, warum), und schon gibt es eine fette Warnung auf dem Ergebnisbogen: Ich möchte mir doch bitte Sorgen um meine Ernährung machen, da ich zu dick bin. Was für ein Blödsinn.
    Nun – es ist sicher nicht fair, dass Buch mit den eingangs erwähnten Büchern zu vergleichen. Letztendlich steckt da schlichtes, reißerisches Marketing dahinter.
    Meine Theorie zum ganzen: Gesundheitswahn hin oder her. Lebensfreude und Lebensenergie spielen, da bin ich überzeugt, eine große Rolle in puncto Lebenserwartung. Wer sich von einem Gesundheitstrend zum anderen quält, büßt da mit Sicherheit an Lebensqualität ein. Das gleiche gilt jedoch zweifelsohne bei übermäßigem Konsum.

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