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Das gewaltige Loch von Fukuoka – eine Beinahekatastrophe und Erfolgsgeschichte

November 16th, 2016 | Tagged , | 6 Kommentare | 1880 mal gelesen

Am 8. November 2016, um 5 Uhr morgens (zum Glück!) geschah es: In Rufweite des Shinkansen-Bahnhofs Hakata, mitten in der Millionenstadt Fukuoka, tat sich binnen Sekunden ein rund 30 Meter breites, fast kreisrundes und 15 Meter tiefes Loch auf. Einfach so. Die Strasse stürzte ein, die Fundamente der anliegenden Gebäude wurden freigelegt und zahlreiche Strom, Wasser, Daten- und andere Leitungen gekappt. Zu jeder anderen Stunde des Tages hätte es bei dem Unfall im sonst sehr verkehrsreichen Zentrum Tote und Verletzte gegeben, aber um 5 Uhr morgens schläft das Land zum Glück am tiefsten. Der plötzliche Einsturz wird mit dem Bau an einer U-Bahnlinie in Verbindung gebracht – und das kennt man ja bereits aus Köln, wo vor fast genau zwei Jahren etwas ähnliches geschah und dabei das Stadtarchiv verwüstete.

Der mit 42 Jahren recht junge Bürgermeister von Fukuoka, Sōichirō Takashima (jung zwar, aber immerhin schon 6 Jahre im Amt) erklärte die Behebung des Problems umgehend zur Chefsache, und machte daraus eine Erfolgsgeschichte: Heute, also genau eine Woche später, ist das Loch komplett verschwunden. Gerade so, als ob es nie dar war:

Gestern noch da, heute schon weg: Das gewaltige Lock von Fukuoka vor 6 Tagen und heute. Quelle: Kyodo

Gestern noch da, heute schon weg: Das gewaltige Lock von Fukuoka vor 6 Tagen und heute. Quelle: Kyodo

Die Aufgabe war nicht leicht, denn es strömte immer mehr Wasser nach, bis das Loch schliesslich zum Teich mutierte. Doch man benutzte eine Technik mit dem Namen 流動化処理土 ryūdōka shorido – „verflüssigte Erdbefestigung“, in Japan auch unter dem Markennamen Ecosoil bekannt. Diese Masse ist quasi wie Beton – nur dass sie auch unter Wasser erhärtet. Das Material wird ansonsten vor allem bei der Stilllegung alter Zechen benutzt.

Da kann man nur sagen: Hut ab. Ein Loch mitten in der Innenstadt, in dieser Grössenordnung, zu schliessen und dabei noch alle anderen Kabel, Rohre usw. wiederherzustellen ist eine reife Leistung. Vielleicht sollte man Takashima mal zum Flughafen BER abbestellen.

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Versandhandel mit Drohnen gestartet

April 26th, 2016 | Tagged , , | 2 Kommentare | 618 mal gelesen

Soraraku - Drohnenbringdienst von Rakuten

Soraraku – Drohnenbringdienst von Rakuten

Rakuten, der japanische Versandhandelgigant, hat heute mit grossem Trara sein そら楽 Soraraku-Pilotprojekt vorgestellt¹: Es geht um die bereits von Amazon propagierte Idee, Online bestellte Waren mittels Drohnen zum Endverbraucher zu bringen. Das hat man nun auch zum ersten Mal in Japan getestet – indem man Golfzubehör mittels Drohne zu einem Golfplatz in der Präfektur Chiba transportierte. Die eigens für Rakuten entworfene Drohne kann bis zu 2 Kilogramm transportieren; der Versand soll wohl kostenlos werden.

Das Wort Soraraku² setzt sich zusammen aus „sora“ (Himmel) und „raku“ (bequem, bzw. auch der erste Teil im Firmennamen). Ganz offiziell soll der Versand mit Drohnen allerdings erst im Jahr 2020 beginnen. Und man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass man damit in Japan sehr schnell ernst macht. Dann wird es im japanischen Luftraum vor den hässlich-rosanen Rakuten-Drohnen nur so wimmeln.

In der Grossstadt werden die Fluggeräte nicht viel ausrichten können, aber in ländlichen Regionen könnte der Einsatz von Drohnen durchaus sinnvoll sein und sogar umweltschonend: Anstatt einen Kleintransporter loszuschicken, setzt man einfach kleine Drohnen ein. Aber schon bei der Bekanntgabe der Amazon-Drohne habe ich mich ernsthaft gefragt, wie man das mit der Sicherheit bewerkstelligen möchte — vom Hacken der Drohnen selbst mal ganz abgesehen könnte ich mir gut vorstellen, dass ドローン狩り dorōn-gari Drohnenjagd schnell zu einem beliebten Hobby wird. Einen Rotor zerschiessen, mit einer Aludecke bewerfen und zum Absturz bringen, EMP — es gibt bestimmt zahlreiche Möglichkeiten, um an die Beute zu kommen, und es dürfte schwer werden, den Übeltäter zu finden.

Drohnen-Regeln laut MLIT

Drohnen-Regeln laut MLIT (Quelle: MLIT)

Auch in Japan wird natürlich mehr und mehr über Drohnen diskutiert – so fand man zum Beispiel im vergangenen Jahr eine Drohne auf dem Dach der Residenz des Ministerpräsidenten, und in einem Land, in dem vor gar nicht allzu langer Zeit Giftgasanschläge auf U-Bahnen verübt wurden, macht man sich zu Recht sorgen. Aus diesem Grund wurden im März 2016 vom MLIT (Ministry of Land, Infrastructure, Transport and Tourism) neue Richtlinien darüber erlassen, wann man eine Erlaubnis zum Drohnenflug braucht und wann nicht³.

¹ Siehe Pressemitteilung.
² Siehe Webseite des Soraraku-Services
³ Siehe hier

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Magnetschwebebahn unterm Schlafzimmer?

Mai 22nd, 2015 | Tagged , | 2 Kommentare | 2067 mal gelesen

Trassenführung des Linear-Shinkansen in Ostkawasaki

Trassenführung des Linear-Shinkansen in Ostkawasaki

Seit einigen Tagen wird in unserer Nachbarschaft so einiges gemunkelt.

“Schon gehört? Der Chūō-Shinkansen soll direkt durch unser Gebiet führen!”

Der Gedanke ist erschreckend – erst recht, wenn man ein Haus in der Gegend hat und damit mal eben nicht so schnell umziehen kann. Wie bei Gerüchten so üblich weiss natürlich niemand genaues nicht, dabei ist das gar nicht so schwer. Auch in Japan sind Umweltverträglichkeitsprüfungen vorgeschrieben, und sie müssen veröffentlicht werden. So auch im Streckenabschnitt Kawasaki. Kurz also nach リニア新幹線 環境影響 und schon hat man Zugriff auf die neuesten Planungsunterlagen. Ah ja – die Trasse führt in der Tat ca. 800 Meter von uns entfernt in der Gegend vorbei. Und zwar in rund 40 Meter Tiefe. Welche Auswirkungen das wohl haben wird? Vibrationen? Magnetfelder? Den Bau der Trasse kann man auch als grossen Feldversuch betrachten, denn eine Trasse durch so dicht besiedeltes Gebiet in solcher Tiefe dürfte es bisher noch nirgendwo gegeben haben. Wir sind mit unserer Entfernung (ziemlich sicher) aus dem Schneider.

Ein zweiter Blick auf den der Umweltverträglichkeitsprüfung zugrunde liegenden Flächennutzungsplan offenbarte jedoch einen grösseren Schock: Es gab schon seit einer Weile Gerüchte, dass die grosse Trinkwasseraufbereitungsanlage auf der anderen Seite des Tals bald verschwinden soll. Und siehe da: Die gesamte Fläche ist nunmehr als 第二種中高層住居専用地域 – Wohnbezirk zweiten Grades mit mittleren bis hohen Wohnhäusern ausgewiesen.

Will heissen, noch ein paar Jahre, und auf dem Hügel wird wohl demnächst ein hässliches Neubauviertel über der Gegend thronen. Dann ist es auch hier vorbei mit der noch leicht ländlichen Idylle.

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Gas vs. Strom

Juni 29th, 2014 | Tagged | 4 Kommentare | 7656 mal gelesen

Eigenheimbesitzer in Japan (aber sicher auch anderswo) kommen oft in das Vergnügen unangemeldeter Besuche von Aussendienstvertrieblern, die einem alles mögliche ums Haus andrehen wollen. Interessant ist dabei der Energiesektor: Da wäre das Schema A, bei dem Hausbesitzer dazu überredet werden sollen, weniger oder gar kein Gas zu benutzen, sondern sich nur auf Elektrizität zu verlassen (das nennt sich dann オール電化 All Denka – Alles Strom). Man wirft also den Boiler raus und produziert heisses Wasser mit einem Inverter und auf Vorrat. Der Vorteil: Man bekommt so einen besonderen Stromtarif, bei dem man nachts weniger als ein Drittel des Tagespreises für Strom zahlt. Man produziert also den Tagesbedarf heissen Wassers nachts. Wer ganz auf Gas verzichten möchte, schmeisst dann auch noch den Gaskocher raus und kauft sich dafür einen Induktionsherd. Die höchste Stufe schliesslich ist das Anschaffen einer Solaranlage. Die Warmwasserzubereiter, das beliebtestes Model heisst エコキュート Eco Cute (ein Wortspiel: Kyūtō = Boiler und das englische „cute“ werden fast gleich ausgesprochen), wurden eine Zeit lang sogar vom Staat bezuschusst. Solaranlagen wurden ebenfalls vor vielen Jahren im Rahmen der 100’000-Dächer-Initiative bezuschusst, aber die Zeiten sind vorbei, und das einspeisen von Solarenergie ins Netz lohnt sich heutzutage nicht mehr.

Aber dann sind da noch die Gasleute, die nicht ohne weiteres aufgeben: Sie versuchen Hausbesitzern eine sogenannte エネファーム Ene-Farm zu verkaufen. Die extrahiert Wasserstoff aus dem Stadtgas und verbrennt diesen dann, womit a) warmes Wasser erzeugt und b) nebenher Strom erzeugt wird. Das klingt natürlich auch verlockend, auch wenn dieses System Nachteile hat. Ohne Strom funktioniert die Ene-farm nicht.

Von diesen Modellen kann man halten, was man will. Bei schweren Erdbeben ist eine Stromlösung sicherlich praktischer, denn Strom wird als erstes wiederhergestellt. Und Eco-Cute-Anlagen können im Notfall als Wasserspeicher herhalten. Da die Anschaffungskosten jedoch für alle Geräte recht hoch sind, muss man schon sorgfältig rechnen, um herauszufinden, ob sich so etwas lohnt. Hinzu kommt freilich eine gesunde Abneigung gegen TEPCO, dem einzigen Stromanbieter im Raum Tokyo und Hauptverantwortlicher für die Atomkatastrophe von Fukushima.

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Neues von der Energiefront

November 6th, 2013 | Tagged , , , | 4 Kommentare | 9761 mal gelesen

Auch wenn es im Ausland vielleicht nicht so deutlich wird – in Japan tobt nach wie vor ein erbitterter Streit um die Zukunft Japans in Sachen Energie. Während die jetzige Regierung unter Abe prinzipiell Pro-Atom ist, gibt es durchaus auch ernstzunehmenden Widerstand. Mitunter auch aus den eigenen Reihen. Als gewichtiger Opponent trat vor kurzem Koizumi, der für japanische Verhältnisse erstaunlicherweise recht populäre Ex-Ministerpräsident und. Mentor zahlreicher heutiger Regierungspolitiker. Koizumi wandelte sich offensichtlich vom Saulus zum Pauls: Einst war die Förderung der Nuklearenergie in Japan sein Metier, doch jetzt spricht er sich für ein kernkraftfreies Japan aus. Die Kommentare von der Regierungsbank dazu waren mehrheitlich negativ. Es ist eigentlich nicht üblich, seinem Mentor zu widersprechen, doch es fielen. Kommentare wie „es gibt halt viele verschiedene Meinungen“ bis hin zu „(Koizumis Haltung ist) verantwortungslos. Koizumi konterte allerdings bei einer Veranstaltung völlig richtig – und zwar sinngemäß so: “Vor dem Unfall hat man es nicht geschafft, das Endlagerproblem zu lösen. Wer jetzt nach dem Unfall meint, dass die Kernenergie machbar ist, indem man das Endlagerproblem löst, denkt optimistisch und verantwortungslos”.¹

Mini-Solarkraftwerk: Solarzellen auf einer stillgelegten Bahntrasse (Präf. Miyazaki, 2012)

Mini-Solarkraftwerk: Solarzellen auf einer stillgelegten Bahntrasse (Präf. Miyazaki, 2012)

Interessant ist dabei eine Meldung von gestern, dem 4. November 2013: In Kagoshima wurde feierlich „Megasolar” eingeweiht² – eine gigantische Solarenergieanlage. Auf einer Neulandinsel, für die sich lange Zeit kein Nutzer fand, wurden auf einer Gesamtfläche von 127 Hektar wurden dort 290’000 Solarmodule installiert – und zwar von 京セラ Kyōcera (kurz für „Kyoto Ceramics“ und ein Firmenname, der im deutschen Raum immer furchtbar falsch ausgesprochen wird, aber dies nur am Rande). Chinesische Solaranlagenbauer hatten sich auch um das rund 220 Millionen Euro teure Projekt beworben, doch laut offizieller Sprechweise stach das inländische Konsortium um Kyocera, IHI usw. die Mitbewerber in puncto Robustheit und Qualität aus. 70’000 Kilowatt soll die Anlage liefern – genug für über 20’000 Haushalte oder knapp 10% des Energiebedarfs der Stadt Kagoshima. Eine Preisgarantie über 20 Jahre für den von der Anlage eingespeisten Strom machte dieses Projekt letztendlich möglich.

Wirtschaftlich gesehen ist das für Japan eine feine Sache, zumal die einheimische Solarindustrie davon profitiert. Aus geographisch-geologischer Sicht ist der Standort zugegebenermassen gewagt. Der nahe Vulkan Sakurajima hat die Angewohnheit, alle paar Jahre die Gegend mit Asche zu überziehen. Sollte es dazu noch regnen, und das ist in Kagoshima weiss Gott nicht selten, kann man die Anlagen wahrscheinlich wegwerfen. Auch ein mittelschwerer Tsunami würde das gesamte Kraftwerk wegspülen. Und inwieweit die Anlage schweren Taifunen strotzt, bleibt abzuwarten. Betrachtet man zudem den Flächenverbrauch und den Energieausstoß, wird klar, dass Solarkraft in Japan keinen großen Beitrag leisten wird. Zumindest nicht in Form von Großanlagen. Ein Neuversuch des 100’000-Dächer-Programms, also das Dezentralisieren der Solarenergiegewinnung, ist eine Überlegung wert.

¹ Rede und Manuskript siehe Huffington Post: 小泉元首相、安倍首相らの「原発ゼロは無責任」に反論 講演内容詳細【争点:エネルギー】(4. Nov. 2013)
² Siehe unter anderem Nikkei: 国内最大級メガソーラー、鹿児島に完成 京セラなど (4. Nov. 2013)

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Jetzt wird’s linear

September 18th, 2013 | Tagged , | 5 Kommentare | 9480 mal gelesen

JR-Maglev in Yamanashi. Quelle: Wikipedia

JR-Maglev in Yamanashi. Quelle: Wikipedia

Heute hat JR (Japan Railways) – die ehemals staatliche, und nachwievor bei weitem grösste Bahngesellschaft Japans, den Antrag auf eine Umweltverträglichkeitsprüfung für die Magnetschwebebahnstrecke vorgestellt¹. Das Projekt ist unter dem Namen 中央新幹線 Chūō-Shinkansen (Zentraler Shinkansen) bekannt und soll von einer Magnetschwebebahn befahren werden. Diese wird als 超電導磁気浮上式鉄道 (wörtlich: supraleitender-Magnet-Schwebe-Typ-Bahn bezeichnet, aber das Wort ist so lang, dass der Zug schon weggefahren ist, bis man es ausgesprochen hat. Daher ist der Name マグレブ Maglev (von Magnetic levitation) gebräuchlicher.

Auf den Antrag war lange gewartet worden, denn viele potentiell betroffene (nicht nur im negativen Sinne, wohlgemerkt) Gemeinden wollen naürlich wissen, wo es denn nun lang geht. Die Magnetschwebebahn soll letztendlich Tokyo mit Ōsaka verbinden, aber der erste Streckenabschnitt führt erstmal nur bis Nagoya. Dieser Abschnitt ist insgesamt 246 km lang, wobei 42,8 km der Strecke bereits existieren: Als Teststrecke, in der Präfektur Yamanashi. Drei Routen standen zur Auswahl, aber zwei davon ergaben zumindest vom optischen (sprich: dem Blick auf die Karte) her keinen Sinn, und so entschied man sich nicht überraschend für die kürzeste Route: Die Südalpenroute, mit jeweils einem Bahnhof in den Präfekturen Kanagawa, Yamanashi, Nagano und Gifu. Der Zug kann bis zu 505 km/h fahren, und die Fahrtzeit soll sich bis Nagoya von jetzt 1 Stunde 19 Minuten auf 40 Minuten verkürzen. Der Fahrpreis soll Gerüchten zufolge zwischen 110 und unter 140% des jetzigen Shinkansen-Preises betragen.

Teilstück der geplanten Route. Quelle: Siehe Link unten

Teilstück der geplanten Route. Quelle: Siehe Link unten

Die Gesamtkosten für die erste Teilstrecke sind enorm: Gute 5 Billionen Yen, also knapp 40 Milliarden Euro, soll der Bau kosten. Die Strecke führt quer durch die Pampa und mitten durch die Berge – 89% der Strecke werden Tunnel sehen, und damit wird die Fahrt mit dem Zug sicherlich sehr, sehr spannend. Beziehungsweise ähnlich wie 40 Minuten U-Bahn-Fahrt.

Natürlich gibt es kritische Stimmen: Teilweise wird bezweifelt, ob der Zug genug ausgelastet sein wird. Die Bahnhöfe befinden sich zum Teil in Orten, die kein Mensch kennt: Sagamihara, Kōfu (nun gut, das ist recht bekannt, da Präfekturhauptstadt), Iida und Nakatsugawa. Allerdings gilt die Belebung der ländlichen Gegenden als zentrales Projekt in Japan, und wenn man von Nakatsugawa bis Nagoya statt 1.5 Stunden nur noch 10 Minuten braucht, macht das sicherlich viel aus. JR hat auch eine geschickte Strategie gewählt, um Ruhe zu haben in der Projektplanung: Die Bahngesellschaft gab bekannt, dass man alles aus eigener Tasche bezahlen wird.

¹ Eine Kurzfassung des Antrags, inklusive Routenplanung und Bahnhofsbaublänen etc., kann man hier herunterladen: 中央新幹線(東京都・名古屋市間)環境影響評価準備書のあらまし (PDF)

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Mikrowellenofen

Juli 16th, 2013 | Tagged | 22 Kommentare | 9700 mal gelesen

Hier also mal wieder, zum ersten Mal seit langem, ein Geek-Beitrag zum Thema japanische Elektrogeräte.

Kann fast alles - außer Abwaschen: Ein Mikrowellenofen

Kann fast alles – außer Abwaschen: Ein Mikrowellenofen

19 Jahre hat sie treue Dienste geleistet, doch nun hat sie allmählich ausgedient: Unsere オーブンレンジ ōbun renji bzw. oven range. Ein seltsamer Zwitter aus Mikrowelle und Ofen, den es außerhalb Japans kaum zu geben scheint, der aber in Japan in kaum einer Küche fehlt. Diese Mikrowellenofen vereinbaren quasi zwei Geräte in einem – eine 電子レンジ denshi renji – Mikrowelle und einen オーブン ōbun – einen Ofen. Warum es diese Dinger gibt? Ganz einfach: In Japan gibt es keine Öfen in den Küchen. Stattdessen gibt es meistens einen ガス焜炉 (gasu konro) oder 電気焜炉 (denki konro) (Gas- oder E-Kochplatte), die nur 20 cm oder so hoch sind und meist auf zwei Kochflächen begrenzt sind – plus Minigrill in der Mitte zum Fisch grillen – und eine Mikrowelle. Oder eben einen Mikrowellenofen.

Unser 25-Kilogramm-Monster schafft 250 Grad, aber irgendwann fing er an, kräftig zu qualmen. Also Gerät aufgeschraubt, halb auseinandergebaut und gründlich gesäubert, und dann ging es wieder. Das Spiel wiederholte sich mehrfach, aber mittlerweile finde selbst ich die jüngste Quelle des Qualms nicht mehr. Und das Gerät qualmt ab 150 Grad so stark, dass ich die sicherlich berechtigte Sorge habe, dass die Sprinkleranlage in der Küche angehen könnte.

Nach ein bisschen Recherche fanden wir ein Gerät – siehe Foto – das tauglich aussieht und gute Kritiken bekommen hat: Ebenfalls ein Mikrowellenofen natürlich, denn man möchte ja gelegentlich auch was backen. Pizza zum Beispiel oder Aufläufe. Oder Brot. Und was die Geräte alles können dieser Tage. Das Ding wetteifert in Sachen Funktionen mindestens mit Blu-Ray-HD-Rekordern und was weiß ich alles. Das Innere imitiert wohl einen Steinofen, kann bis 350 Grad heizen und bis zu 400 Grad heißen Dampf ausblasen. Ich hoffe, nur nach innen… Dazu hat das ganze auch noch 8 rotierende Infrarotsensoren. Und 31 Liter Garraum. Bei größeren Mikrowellen sind es wohl um die 20, bei normalen Öfen rund 50. Mikrowellenöfen liegen also wirklich in der Mitte.

Als nächstes wird wohl unser Reiskocher ausgemustert werden müssen – das gute Stück ist ungefähr genauso alt und dank fleißiger Kinderhände schon reichlich ramponiert. Mal sehen, wieviel wir uns das kosten lassen werden… wer will, kann bis zu 1’000 Euro für einen Reiskocher ausgeben. Natürlich schmeckt der Reis dann ganz, ganz anders… sagen die Japaner…

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Unterhaltsamer Mobilfunk

Juni 28th, 2013 | Tagged | 4 Kommentare | 6004 mal gelesen

Erdbebenübung: Meldung auf allen Handys

Erdbebenübung: Meldung auf allen Handys

Als ich neulich im Büro saß und mit einem japanischen Partner telefonierte, ging es plötzlich los: Ein seltsam bedrohliches Gefiepe zahlreicher Mobilfunktelefone im ganzen Büro. Um so gespenstischer, da es normalerweise Usus ist, Handys auf stumm zu schalten im Büro. Das Gefiepe war so deutlich hörbar, dass mein Gegenüber am Telefon (er in Ōsaka, ich in Tōkyō) es sogar bemerkte und fragte: „Ist alles in Ordnung bei Euch?“. Ich tat das erstmal mit einem „Ja“ ab hoffte, dass dem wirklich so sei.

Nun, nach dem Telefonat erstmal nachgeschaut: Eine Eilmeldung war das, vom Stadtbezirk Shibuya (mein Arbeitsort). Die Meldung beinhaltete zwei Wörter mit lateinischen Buchstaben, der Rest war Japanisch: DRILL und DISASTERDRILL. Die japanischen Sätze sagten in etwa: „Evakuierungsvorbereitungsinformationen“ (ach, ich liebe Deutsch). Darunter stand, welche Orte wo wieviele Menschen aufnehmen können.

Plötzlicher Anstieg von Radioaktivität!?

Plötzlicher Anstieg von Radioaktivität!?

Es scheint also, dass Stadtbezirke und Orte mittlerweile Nachrichten an sämtliche Mobilfunkgeräte senden können, die sich zu dem Zeitpunkt im Stadt- oder Stadtteilbereich befinden. Das ist erfreulich (und vor allem in Japan mehr als nötig). Ich hoffe nur, diesen Alarmtun nicht allzu oft hören zu müssen. Die Katastrophe vor gut zwei Jahren ist zwar nun schon eine Weile her, aber die Erinnerung daran noch mehr als lebendig.

Es gibt auch zahlreiche Apps für Android, Windows und iOS-Telefone – so zum Beispiel von Yahoo. Diese warnen vor Erdbeben, Starkregen, Wirbelstürmen… und vor Radioaktivität! Eines Tages hatte ich mal die schöne Eilmeldung „Achtung: Anstieg der Radioaktivität um das 5-fache in Nagaoka, Niigata!“ auf dem Display. 10 Minuten später gab es eine weitere Meldung: „Sorry, war ein Meßfehler!“. Hauptsache, es wird nicht langweilig…

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Rauchende Hindernisse auf den Schienen

Juni 21st, 2013 | Tagged , | 1 Kommentar | 3720 mal gelesen

Japanische Züge sind ja weltweit für ihre Pünktlichkeit bekannt. Die Meinung ändert sich zwar leicht, wenn man jahrelang tagein, tagaus mit der Bahn in Tokyo unterwegs ist, aber alles in allem ist der Bahnverkehr schon bemerkenswert. Das betrifft nicht nur die Pünktlichkeit und Sauberheit an sich, sondern das System schlechthin: Zieht zum Beispiel jemand auf einer der zahlreichen JR-Strecken in Tokyo die Notbremse oder drückt ein Fahrer den Alarmknopf, stehen binnen Sekunden alle JR-Linien (es gibt auch zahlreiche andere, private Bahnlinien) still. Erst wenn der Einatzzentrale klargeworden ist, was wo und warum passierte, bewegen sich alle anderen, nicht betroffenen Bahnen wieder. Und dann geschieht das wirklich bemerkenswerte: Obwohl alles auf die Sekunde genau eingetaktet ist, „erholt“ sich das System sehr schnell wieder. In einem Geflecht aus dutzenden Bahnlinien, mit Zügen, die oft im 2-3 Minuten Takt fahren, ist das wirklich erstaunlich.

Was ich auch an den Bahnen schätze – und was mich zum Beispiel in Deutschland schon immer auf die Palme getrieben hatte – ist die Informationsstrategie. Kommt ein Zug eins, zwei Minuten zu spät in Japan, wird das rechtzeitig auf Anzeigetafeln und über Lautsprecher bekannt gegeben. Und zwar so lange, bis der Zug kommt. Da viele Züge in den Ballungsgebieten nun mittlerweile auch mit Bordfernsehen ausgestattet sind, wird auch in den Zügen gezeigt, welche Linien momentan aus welchen Gründen Verspätung haben. Manchmal sind es 0, in Extremfällen bis zu 23 Linien (das höchste, was ich bisher gesehen habe – bei Taifunen und nach Erdbeben). Amüsant ist dabei manchmal die englische Übersetzung für die Gründe der Verspätung. Am häufigsten sind dabei

  • ドア/車両の点検 – Waggon/Tür-Inspektion bzw. Probleme mit den selbigen
  • 信号トラブル – Probleme mit der Signalanlange
  • 強風 – Sturm
  • 人身事故 – Personenschaden
  • 異音 – Seltsame Geräusche

vertreten. Nr. 1 und 5 sind meist schnell behoben, bei 2. kann es manchmal Stunden dauern, bei 4. in der Regel mindestens 2 Stunden und bei 3. kann man nur beten, das das Wetter besser wird. Manchmal liest man jedoch auch kreative Gründe:

Trouble on board

Trouble on board

Der Grund für die Verspätung steht immer ganz rechts: „Trouble on Board“ bedeutet normalerweise, dass sich Leute in die Wolle bekommen oder ein Volltrunkener den Waggon vollgewürfelt hat. Das passiert, vor allem letzteres…

Smoking on Tracks?

Smoking on Tracks?

In diesem Fall war es der Anzeige zu Folge „Smoking on tracks“. Was war passiert? Hatte jemand auf den Gleisen geraucht? Nur das Japanisch darüber gibt Aufschluss: Rauch auf der Trasse.

Obstacle Thing

Obstacle Thing

Leider etwas schwer zu erkennen, da im gut gefüllten Zug aus der Ferne aufgenommen: Hier war ein „Obstacle Thing“ – ein „Hindernisding“ des Übels Wurzel.

Wer übrigens wissen will, wie es aussieht, wenn so ziemlich alle Linien stillstehen: Siehe Anzeige (diese findet man in den größeren Umsteigebahnhöfen) unten. Die Anzeige ist normalerweise komplett weiss. Orange steht für Linien, die nur verspätet oder begrenzt verkehren, rot steht für Linien, die komplett stillstehen. Das Photo entstand an einem Taifuntag:

(Nahezu) kompletter Ausfall

(Nahezu) kompletter Ausfall

Und doch – die schönste Durchsage habe ich einst in Deutschland gehört. Im EC von Straßburg nach Frankfurt/Main sagte jemand irgendwo vor Darmstadt: „Sehr geehrte Fahrgäste, zum jetzigen Zeitpunkt können wir nicht mit Sicherheit sagen, dass dieser Zug es bis Frankfurt am Main schaffen wird. Wir haben einen Lokschaden. Wer es eilig hat, kann in Darmstadt in den ICE umsteigen, aber vielleicht (!) schaffen wir es auch bis Frankfurt“. Einfach göttlich.

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Was bauen die da nur / Infrastrukturelles

Dezember 7th, 2012 | Tagged , | 9 Kommentare | 858 mal gelesen

Street Art mal ganz anders

Manchmal glaube ich, dass man in Japan nur baut und bastelt, um zu bauen und zu basteln. So in der Gegend meiner Firma. Da wurde letztes Jahr die Straße an allen Ecken und Enden aufgesägt. Das macht natürlich einen Heidenlärm. Hier ein Rechteck, da ein Rechteck. Das ging wochenlang so. Dann wurden die Stellen aufgerissen. Dann kamen andere Männer, steckten Kameras in die verrosteten Leitungen und schauten, was da in den Rohren so los ist. Alles wurde behelfsmäßig wieder verschlossen. Dann wurde wieder alles aufgesägt im Frühling. Und jetzt im Herbst beziehungsweise Winter schon wieder. Die Straßen sehen jetzt richtig bunt aus: Schwarze Asphaltflecken hier, Flicken da – das blanke Chaos, und alles sieht nur behelfsmäßig aus. Und das nicht irgendwo im Randgebiet, sondern in einem zwar ruhigen, aber sehr zentralen Viertel, das für seine feinen Boutiquen und Läden sehr bekannt ist (Ebisu/Daikan’yama).

Irgendwie fließt da irgendwohin Strom durch...

Bei den Bauarbeiten konnte ich es mir natürlich nicht verkneifen, ein Blick darauf zu werfen, was da im Boden so rumliegt. Und die Rohre sehen nicht sehr vertrauenserweckend aus. Aber sie sehen immer noch besser aus als die offen herumstehenden Trafomasten. Die faszinieren mich nach all den vielen Jahren immer noch. Wie kann man in einem Land, das permanent von Taifunen und Erdbeben usw. heimgesucht wird, die ganze Verkabelung einfach so behelfsmäßig herumstehen lassen? Ganz einfach: Japan, das Land mit dem High-Tech-Image, ist in Wahrheit ein Low-Tech-Land, wenn man sich im Alltag mal umschaut. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, aber das Tunnelunglück am Montag im Sasago-Tunnel bei Tokyo mit 9 Toten kann man durchaus als Warnzeichen betrachten. Im detailversessenen Japan ist auch ein ganz profaner Tunneleinsturz möglich (es war nicht der erste) – und zwar ganz ohne Erdbeben, und nur kurze Zeit nach einer Generalinspektion des Tunnels. Will heißen, Japan gibt sich reichlich Mühe, seine Infrastruktur in Schuß zu halten, aber etliches liegt im Argen, und es wird momentan nicht gerade besser sondern eher schlimmer, denn so schnell, wie zum Beispiel während des Booms in den 1980ern gebaut wurde, kommt man nach über 30 Jahren mit dem Instandhalten nur noch schwer hinterher.

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