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Pokémon Go überall – nur nicht in Japan. Was ist da los?

Juli 19th, 2016 | Tagged , | 7 Kommentare | 1073 mal gelesen

App Store Japan: Lauter Pokemon Go-Guides aber kein Pokemon Go

App Store Japan: Lauter Pokemon Go-Guides aber kein Pokemon Go

Nintendo scheint mit seiner Pokemon-App mal wieder einen besonderen Nerv getroffen zu haben. Wenn man den Fernsehberichten Glauben schenken darf, ist das Spiel ein absoluter Renner – jedenfalls dort, wo es zu haben ist. Und Japan gehört lustigerweise nicht dazu. Und nicht nur das – ein Datum für die Veröffentlichung steht noch nicht einmal fest. Gerüchten zufolge soll es im Juli so weit sein, aber so genau weiss man das scheinbar noch nicht.

Warum die Verspätung? Immerhin ist dies doch Pokemons Heimatland! Nun, zum einen wird vermutet, dass Nintendo noch untersucht, ob das Spiel möglicherweise von den Behörden reguliert werden könnte. Nachrichten von verunfallten Pokemon Go-Spielern im Ausland werden auch in Japan mit grossem Interesse vernommen, und die Idee, dass eine Behörde das Spiel verbietet, ist nicht ganz abwegig: 安全第一 – anzen daiichi (safety first) ist ein in Japan immer und überall wiederholtes Mantra. Ob sich mit Veröffentlichung des Spiels jedoch wirklich was zum Schlechten ändert, darf man bezweifeln: Schon jetzt läuft geschätzt die Hälfte aller Japaner mit den Klüsen auf den Miniapparat gerichtet durch die Gegend. Die andere Hälfte ist bemüht, jener Hälfte auszuweichen, und das ist im Stadtzentrum von Tokyo nicht immer ganz einfach.

Andere Gerüchte besagen, dass das Patent noch nicht anerkannt worden ist oder dass die Server-Architektur noch nicht steht. Da müssen sich die Fans dann also wohl oder übel noch gedulden. Da aber schon jetzt, auch dank der Nachrichten, ein Riesenrummel um das nicht erhältliche Spiel herrscht, dürfte die Veröffentlichung in Japan ungehend alle Rekorde brechen.

Zur gleichen Zeit werden in China (auch dort ist das Spiel noch nicht erhältlich) Stimmen laut, die vor dem Spiel warnen¹ – das ganze sei womöglich ein von Japanern und Amerikanern gemeinsam entwickeltes trojanisches Pferd, mit dem Google und wer auch immer die Google-Daten mitliest geschickt Menschen so manipulieren kann, dass sie unwissenderweise zu Kundschaftern werden. Das klingt nach einer gesunden Portion Paranoia, aber bei rechtem Licht betrachtet muss man nicht lange überlegen, um das Potential zum Mißbrauch zu erkennen. Und Spiel hin oder her – der Gedanke, dass mein Telefon, zwei Softwaregiganten und mir unbekannte Algorithmen mir befehlen, wo ich als nächstes hingehen soll, ist mir auch nicht gerade geheuer. Aber davon einmal abgesehen ist die Idee als solche schlichtweg bahnbrechend.

¹ Siehe unter anderem hier

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​Wenn eine ganze Stadt feiert

Juni 23rd, 2016 | Tagged , | 1 Kommentar | 604 mal gelesen

Es war wieder soweit – 4 Jahre sind vergangen seit der letzten Fussball-EM, und ebenso seit dem letzten 三社祭 Sanja-Matsuri, dem 3-Schreine-Fest in Urayasu, vor den Toren von Tokyo. 2012 hatte ich mir das Spektakel auch angesehen – und 2008. Habe ja schliesslich neun Jahre dort gewohnt, genau in der Mitte der Stadt, wo es auch gleichzeitig am ruhigsten ist, da sich das ganze Geschehen hauptsächlich rund um die Bahnhöfe abspielt, und Urayasu hat drei davon. Und alle drei lagen ziemlich exakt genauso weit von meiner damaligen Wohnung entfernt – 2 Kilometer.

Beim Sanja-Matsuri in Urayasu

Beim Sanja-Matsuri in Urayasu

Urayasu kann man relativ leicht in vier Teile untergliedern: Tokyo Disneyland und Umgebung – eine Stadt innerhalb der Stadt, dann das Neuland entlang der Bucht – geprägt von großzügigen Neubauten, in denen passable Wohnungen bei einer halben Million Euro Kaufpreis beginnen. Dann der Nordteil, einst ein Fischerdorf – mit etwas rauher, aber herzhafter Atmosphäre und den letzten verbliebenen Fischern und Muschelpulern. Zu guter letzt noch die Mitte, die den todvornehmen Süden vom rauhen Nordteil kennt. Für die Hergezogenen und die, die sich nicht entscheiden komnten oder wollten.

Hier dürfen auch die Frauen ran -- das ist nicht überall so in Japan

Hier dürfen auch die Frauen ran — das ist nicht überall so in Japan

Vor zwei Jahren sind wir weggezogen. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Und seit einem Jahr war ich nicht mehr in der Stadt, dabei ist die nur eine Stunde mit dem Zug entfernt. Doch am Sonntag bekam ich umgehend das Gefühl, dass mein eigentlich öfter zurückkehren sollte. Sicher, Freunde kommen uns gelegentlich besuchen, oder man trifft sich in der Mitte, in Tokyo, aber allein mal wieder die salzige Meerluft zu schmecken – das merkt man freilich nicht mehr, wenn man dort lebt (man merkt es nur daran, dass einem sämtliche Fahrräder innerhalb eines Jahres unter dem Hintern wegrosten) – hat was. Und das Sanja-Matsuri erst: Dieses Fest ist ausserhalb von Urayasu relativ unbekannt, bei Touristen sowieso. Es ist auch schwer zu beschreiben, denn es gibt keine Hauptattraktion. Die eigentliche Attraktion ist die pure Grösse der Veranstaltung: Drei Schreine lassen da ihre mikoshi gleichzeitig, aber auf drei ganz verschiedenen Routen durch die Stadt tragen. Und ein Zug besteht dabei aus dutzenden mikoshi – grössere für die Männer und Frauen, winzige für die Kinder. Alle Einwohner sind draussen. Die Nachbarschaftsverbände stellen Zelte und Stühle raus. Die Strassen sind von Menschenmassen – nur wenige sind von ausserhalb – gesäumt, wenn der kilometerlange Zug unter gewaltigen, heiseren „mae da!“-Rufen der verschwitzten, bei den Männern nicht selten äußerst spärlich bekleideten Schreinträger durch die Stadt rollt. Und es ist ein Knochenjob: Die Balken, auf denen die Mikoshi platziert sind, packen nochmal ordentlich Gewicht zum eigentlichen Schrein hinzu. Die Träger stehen sehr eng, und alle dutzend Meter wird der Schrein hochgehoben, gar mehrfach hochgeworfen oder nur knapp über dem Boden horizontal hin- und hergedreht. Von Freitag bis Sonntags. Von 9 Uhr morgens bis 19 Uhr abends.

Mit ganzer Kraft dabei

Mit ganzer Kraft dabei

Dieses Matsuri gibt es seit den 1910ern, und bis in die 1950er war das ganze auch unter dem Namen けんか祭り kenka-matsuri (Zankfest) bekannt, da sich die Anhänger der drei verschiedenen Schreine gerne miteinander prügelten. Zeitweise wurde die Veranstaltung deshalb sogar verboten. Wenn man sich heute die Hauptakteure so ansieht, kann man sich noch immer gut und gerne vorstellen, das es durchaus rauher zugehen kann: Viele Yakuza sind dabei, und noch viel mehr やんちゃ yancha – kurz umschrieben etwas weniger angepasste Jugendliche. Doch es geht friedlich zu heutzutage. Sehr laut zwar und wenn man das erste Mal dabei ist leicht bedrohlich, aber friedlich. Unzählige Kinder sind auch dabei, und die werden soweit möglich und zur Freude der Kleinen mit einbezogen. Es herrscht shitamachi-Flair (下町shitamachi – „Unterstadt“ – hier wohnt der hart arbeitende, und trotzdem arme Teil der Bevölkerung). Genau diese Atmosphäre vermisse ich an meinem Wohnort doch tatsächlich ein bisschen – dort ist es nicht genug Stadt um eine Unterstadt zu entwickeln. Aber man kann ja nicht alles haben.

Mizuame

水飴 mizuame – ‚Wasserbonbons‘ – aus Stärke gewonnener, sehr klebrige Zuckermasse, gibt es bei jedem Matsuri

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Senryū-Wettbewerb 2016: Die Gewinner und mehr

Mai 24th, 2016 | Tagged , , | 5 Kommentare | 867 mal gelesen

sararimanAuch in diesem Jahr fand er wieder statt – der サラリーマン川柳コンクール Sarariman-Senryū-Wettbewerb, ausgetragen von der der Daiichi Seimei Hoken (“Erste Lebensversicherung”). Und zwar zum 29. Mal. Die Gewinner wurden heute bekanntgegeben, und bis März hatte jeder die Möglichkeit, aus den 100 besten Senryūs den persönlichen Favoriten zu nominieren. Da diese Senryu immer ein herrlicher Spiegel der Zeit sind und zudem noch eine gute Sprachübung, möchte ich an dieser Stelle wieder eine kurze Auswahl vorstellen:

退職金もらった瞬間 妻ドローン
Taishokukin moratta shunkan tsuma dorōn
Kaum erhalte ich mein Altersgeld, die Gattin zur Überwachungsdrohne mutiert

Der Sieger des diesjährigen Wettbewerbs. Drohnen sind auch in Japan ein ganz grosses Thema, und dieses Haiku deutet an, dass so manche japanische Ehefrau sicherlich sehr genau darüber wacht, was der Göttergatte mit dem (zumindest bei grossen japanischen Firmen) sehr üppigen Altersgeld macht.

じいちゃん建てても孫がばあちゃんち
Jiichan tatetemo mago ga baachanchi
Obwohl der Opa das Haus gebaut, nennen es die Enkel „Omas Haus“

Der Zweitplazierte. Und auch das ein schöner Spiegel der Gesellschaft in Japan. Japanischlerner sollten das -chi am Ende bemerken: Das ist Kindersprache und eine Abkürzung von „uchi“ (Haus).

君だけは俺のもの マイナンバー
Kimi dake ha ore no mono da yo my number
Du bist das einzige, was nur mir gehört – My Number

Der drittplatzierte. Ledige, jeden Tag bis Mitternacht arbeitende junge Schlipsträger werden darüber wohl nur gequält lächeln können.

娘来て 「誰もいないの?」オレいるよ
Musume kite „dare mo inai no?“ Ore iru yo
Kommt die Tochter vorbei „Niemand da?“ – Doch, ich!

Dieser Haiku fand auch sehr viel Zuspruch und deutet daraufhin, dass der durchschnittlich rackernde japanische Schlipsträger so gut wie nie zu Hause ist — und damit zu Hause quasi Luft ist.

「できません‼︎」 言えるあなたは 勝ち組です
„Dekimasen!!“ ieru anata wa kachigumi desu
Der, der „das kann ich nicht“ sagen kann, ist der eigentliche Gewinner

Dieser hier ist herrlich: Die meisten wagen es nicht, „nein“ zu sagen, wenn sie vom Vorgesetzten gebeten werden, etwas zu machen – ob sie es können oder nicht. Die Arbeiter, die alles annehmen, bezahlen natürlich den Preis dafür: Schnell sind zahllose Überstunden die Folge (siehe alte Managerregel: Wenn Du etwas sehr schnell erledigt haben möchtest, frage den, der am beschäftigsten ist!).

本物の ビール3本 わが爆買い
Honmono no biiru sanbon wagabakugai
Drei richtige Dosen Bier – so sieht mein „Kaufrausch“ aus

Über „bakugai“ habe ich ja erst im letzten Artikel berichtet. Wie praktisch.

我が家では イエスかハイの 二択制
Wagaie de wa yes ka hai no nitakusei
„Yes“ oder „hai“: Bei uns zu Haus‘ gibt es zwei mögliche Antworten

辞書にない 難読難解 生徒の名
Jisho ni nai Nandoku nankai seito no na
Schwer zu lesen, schwer zu entziffern – steht in keinem Wörterbuch: die Vornamen meiner Schüler

Diesem Thema habe ich in meinem Buch sogar ein ganzes Kapitel gewidmet.

Ältere Artikel zu den Senryu auf diesem Blog: Die besten Senryu 2015, 2013, 2009 und 2007.

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Veranstaltungstipp: Erstmals Mikoshi-Umzug in Berlin am 15. Mai

Mai 1st, 2016 | Tagged , | Kommentare deaktiviert für Veranstaltungstipp: Erstmals Mikoshi-Umzug in Berlin am 15. Mai | 579 mal gelesen

Mikoshi bei einem Matsuri (hier in Urayasu, 2008)

Mikoshi bei einem Matsuri (hier in Urayasu, 2008)

An dieser Stelle einmal aus gegebenen Anlass ein Veranstaltungstipp: Am 15. Mai wird zum ersten überhaupt in Berlin eine Mikoshi-Prozession durchgeführt. 御輿 Mikoshi sind kleinem tragbare Schreine, in denen shintōistische Götter bei speziellen Zeremonien lautstark durch die Gegend getragen werden. Sie sind wesentlicher Bestandteil der japanischen Matsuri-Tradition. Dieser Umzug findet im Rahmen des Karnevals der Kulturen statt, und die Veranstalter bitten um Unterstützung. Mehr dazu siehe unten. Persönlich kann ich dem Ganzen leider nicht beiwohnen. Aber ich frage mich schon jetzt, ob das Gros der Träger in Berlin genauso betrunken sein wird wie die meisten Miyoshi-Träger in Japan:)

Die folgenden Zeilen stammen vom Veranstalter selbst. Also – entweder unterstützen oder selbst dabei sein! Es lohnt sich bestimmt!


für den Karneval der Kulturen am 15. Mai 2016 wird es diesmal einen besonderen japanischen Beitrag geben: zum ersten Mal in Deutschland möchten wir einen Mikoshi-Umzug präsentieren! Vielleicht könnten Sie uns dabei helfen, dieses Event in der Japan-Liebhaber-Community bekannt zu machen?

Worum geht es?
Ein Mikoshi ist ein tragbarer Schrein, der bei lokalen Festen in Japan durch die Straßen getragen wird. Wir wollen hier in Berlin den ersten Stein für eine „Berliner“ Mikoshi-Kultur legen und das, ganz im Sinne des Festes, so bunt wie möglich.

Jeder, der Interesse hat, ist herzlich eingeladen. Wir suchen noch viele freiwillige Träger und Helfer, die uns am Tag des Umzugs unterstützen. Wir möchten Menschen aus unterschiedlichsten Hintergründen zusammenbringen und Berlin und der Welt zeigen, dass multikulturelle Zusammenarbeit möglich ist und viel Spaß macht!

Das Mikoshi, das zum Karneval der Kulturen nach Berlin kommen wird, befindet sich zurzeit in der Stadt Montréjeau in Südfrankreich. Nach dem Erdbeben und der Tsunamikatastrophe im Jahr 2011 in der japanischen Region Tohoku kam es durch persönliche Kontakte zu Hilfeleistungen für betroffene Gebiete aus Montréjeau. Als Dank für diese Unterstützung wurde in einer symbolischen Geste ein Mikoshi aus Japan nach Montréjeau gebracht. Seitdem wirkt es dort als eine Art Kulturbotschafter zwischen Europa und Japan und kommt regelmäßig im Rahmen lokaler Feste zum Einsatz. Beim Karneval der Kulturen in Berlin möchten wir die Gelegenheit nutzen, dieses Stück japanischer Kultur einem breiteren Publikum vorzustellen.

Für die Deckung unserer Umzugskosten (Ausleihe und Umbau eines Umzugswagens, Transportkosten von Mikoshi nach Berlin etc.) freuen wir uns auch über finanzielle Unterstützung. Die crowd-funding Webseite ist hier zu finden: http://www.ulule.com/japanese-mikoshi.

Mehr zum Projekt, inklusive Routenplanung, Ablauf usw. findet man hier.

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Artrick Museum Yokohama

März 23rd, 2016 | Tagged , | 2 Kommentare | 616 mal gelesen

Artrick Museum Yokohama

Artrick Museum Yokohama

Da hat es uns doch neulich zum ersten Mal seit langem wieder in die 中華街 Chukagai (Chinatown) von Yokohama verschlagen. Primäres Ziel war der Verzehr möglichst vieler Xiaolongbao (auf Japanisch: Shōlompō), einer Spezialität, die ich in Xi’an sehr zu schätzen gelernt hatte. Doch auf dem Weg dorthin fiel uns ein Wegweiser zum Artrick Museum auf — und das roch nach Spass, vor allem für die lieben Kleinen.

Mit vollem Magen ging es entsprechend auf dem Rückweg in besagtes Museum. Schnell 4,200 yen bezahlt (Erwachsene zahlen 1,500 yen, Kinder zwischen 3 und 14 zahlen 600 yen) und ab ging es in die 8. Etage. Das Museum ist in einem relativ kleinen Gebäude untergebracht, erstreckt sich aber immerhin über 5 Etagen. Der Name des Museums (das ja in dieser Form auch nicht einzigartig ist) ist Programm: Es gibt unzählige Bilder und Exponate, die die Sinne, vor allem natürlich das Auge, verwirren. Und so viel muss man sagen: Für Kinder ist das Museum natürlich hervorragend (allerdings waren die meisten Besucher dort junge Pärchen). Ein bisschen anschauliche Physik und klassische Kunst ist auch dabei. Letztendlich verbrachten wir dort fast drei Stunden, das Eintrittsgeld hat sich damit durchaus gelohnt. Um das ganze etwas anschaulicher zu machen, ein paar Photos… mit natürlich rein zufällig ausgewählten Kindern.

Artrick Museum: Der Alptraum aller Eltern in Szene gesetzt

Artrick Museum: Der Alptraum aller Eltern in Szene gesetzt

Artrick Museum: Ertappt

Artrick Museum: Ertappt

Artrick Museum: Maskenball

Artrick Museum: Maskenball

 

Die Webseite des Museums (es gibt sogar eine englische Version) findet man hier.

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Rap in Japan. Und es gibt sie doch: Politische Texte

November 3rd, 2015 | Tagged , | 1 Kommentar | 723 mal gelesen

Was mich an, wie sagt man so schön, „zeitgenössischer“ Musik in Japan schon jeher stört, ist die Seichtigkeit. In der Regel sind die Texte so seicht, wie es nur geht – wenn überhaupt, denn meistens hat man es nur mit einem sinnfreien Kauderwelsch aus Japanisch und Englisch zu tun. Aber das ist der Mainstream und wäre letztendlich so, als ob man die deutsche Musikszene an den üblichen Schlagerbarden misst. Oder an Helene Fischer, würde ich jetzt gern schreiben – leider habe ich noch nie etwas von ihr gehört, sondern nur einiges über sie gelesen, weshalb ich da mal lieber nicht vergleiche.

Heute wurde ich gleich auf zwei Ausnahmen aufmerksam – beides Rapper, die sehr wohl ziemlich politisch werden in ihren Texten. Der eine sagt mir dabei auch textlich zu, der andere eher weniger. Zum einen wäre da KEN THE 390, hier mit ZORN,NORIKIYO und dem Lied „Make Some Noise“:

In dem Stück geht es letztendlich darum, dass das Volk letztendlich nur veräppelt wird (unter anderem wird die Wiederinbetriebnahme der Kernkraftwerke kritisiert) und das es doch langsam mal an der Zeit sei, die Stimme zu erheben. Nicht schlecht gemacht und professionell produziert.

Ein anderer ist show-k, eigenen Angaben nach ein 愛国ラッパー – also ein patriotischer Rapper. Und was patriotisch in Japan bedeutet, wissen wir ja. So heisst es dann auch in diesem Stück, dass sich gegen das Freihandelsabkommen der Pazifikanrainerstaaten, TPP, wendet: „selbst in Deinem heißgeliebten Korea“. Die Musik ist nicht schlecht, die Sprache gut – aber mir ist der Bursche dann doch etwas zu national. show-k & LB: TPP Swag:

Dabei fällt mir, dem Gelegenheits-Rap-Goutierer, ein, dass ich früher einmal der festen Überzeugung war, dass es Sprachen gibt, die sich für Rap eignen, und solche, die sich nicht eignen. Das hat sich geändert. Mit dem richtigen DJ, der richtigen Technik und passenden Reimen ist wahrscheinlich jede Sprache gleich gut geeignet.

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Filmkritik: Kiseijū (Parasiten)

Mai 25th, 2015 | Tagged , | 1 Kommentar | 2084 mal gelesen

kisseijuSchon mal vorgestellt, wie es sein würde, wenn ein Körperteil ein eigenes Leben entwickeln würde? Richtig mit denken, sprechen und allem? Mit dem man dann schwatzen, philosophieren, und richtig heftig kämpfen kann? Nein? Dann gibt es diesbezüglich eine gute Nachricht: Der Manga-Zeichner Hitoshi Iwaaki hat sich darüber durchaus Gedanken macht, und diese in insgesamt 64 Bänden, beginnend 1988, festgehalten. Das Manga 寄生獣 kiseijū („Parasiten“) war zu jener Zeit sehr beliebt – vor allem bei Oberstufenschülern und Studenten.

Dieser Stoff wurde nun verfilmt – Teil 1 erschien im November 2014, Teil 2 erschien vor drei Wochen, im April 2015. Nun kenne ich selbst den Manga freilich nicht, aber meine Frau kennt ihn natürlich. Hätte mich auch gewundert, wenn nicht.

Der Film beginnt mit ein paar Endzeitbildern und ein paar einleitenden Fragen: „Gäbe es nur 10% der Menschen, die es heute gibt, würden diese dann nur 10% des vernichteten Waldes zerstören?“. Gute Frage. Schnitt. Ein paar Glibberkugeln treiben auf einen Hafen zu, und ein paar längliche Parasiten schleimen sich ihren Weg zu einem Container. Diese suchen sich auch schnell ihre Opfer und kriechen ihnen durch das Ohr in das Gehirn. Beim Abiturienten Shin’ichi klappt das leider nicht, denn er hat seine Ohren mit Kopfhörern verstöpselt. So flieht der Parasit in die rechte Hand, und dort bleibt er stecken. Entsprechend wird er sich später auch „migii“ – „Rechts“ nennen.

Während die fachgemäss vom Parasiten befallenen Wirte nicht lange zaudern, ihre Gattinnen und andere Mitmenschen recht flink und brutal zu verspeisen, verzweifelt Migii anfangs an seinem Schicksal – schliesslich hatte er versagt. Der Träger des Parasiten ist natürlich auch nicht ganz glücklich. Bei den Parasiten – durchaus klug, aber sehr gefrässig – gibt es zudem zwei Gruppierungen: Die einen finden es passabel, einfach die Wirte komplett zu übernehmen, die anderen überlegen, das ganze weniger blutig vonstatten gehen zu lassen. Und Migii und sein Träger beginnen einen blutigen Kampf gegen die anderen Parasiten, die es sogar schon in die Politik (ich wusste es!) geschafft haben.

Der Film ist typisch japanisch, aber was die Spezialeffekte anbelangt, besser als vieles, was man bisher so gesehen hat. Etwas Horror, etwas Gesellschaftskritik, etwas Endzeitstimmung, etwas Romanze, etwas Humor: Eine kurzweilige Mischung. Das Ende ist allerdings recht abrupt: Man hat das Gefühl, lediglich eine Vorschau zu etwas gesehen zu haben.

Interessant: Shin’ichi bezeichnet seinen Parasiten als „Leibhaftigen“. Der äusserst lernfähige Migii liest sich danach alle möglichen Erklärungen zum Thema Teufel durch und kommt zum Entschluss, dass Menschen eigentlich viel schlimmer seien als der Teufel. Komisch: Vor einem Kampf mit einem der mit übermenschlichen Kräften ausgestatteten Parasiten erklärt Migii plötzlich, dass er furchtbar müde sei und gerade mal nichts machen könne.

Wie es aussieht, werde ich mir Teil 2 also auch noch ansehen müssen. Normalerweise bin ich kein sonderlich grosser Fan solcher Filme, aber der Film hat seine guten Momente. Laut Kennerin neben mir ist der Film allerdings offenbar ein gutes Stück vom Originalmanga entfernt.

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Die besten Haikus zum Lachen 2015

Februar 24th, 2015 | Tagged , , | 1 Kommentar | 2561 mal gelesen

Es ist mal wieder soweit – die 100 besten Senryus stehen zur Auswahl beim diesjährigen サラリーマン川柳コンクール Sarariman-Senryū-Wettbewerb, ausgetragen von der der Daiichi Seimei Hoken („Erste Lebensversicherung“). Der Wettbewerb findet nunmehr zum 28. Mal statt. Die zehn besten Haikus werden Ende Mai bekanntgegeben, und bis zum 20. März hat jedermann die Möglichkeit, hier aus den 100 besten Senryūs den persönlichen Favoriten zu nominieren.

Das schöne an den Senryūs (Spaß-Haiku) ist, dass sie ein Spiegel der Zeit sind und in alter Versform wiedergeben, was die Leute heutzutage so denken. Moderne und Humor, verpackt in 5-7-5 Silben. Leider kann ich nicht mehr einschätzen, ob das wirklich für Japanisch-Unkundige lustig ist, aber auf japanisch sind die Senryū allemal amüsant. Diese Sarariman-Senryū sind allesamt von Sarariman – ursprünglich: Vertriebler im Außendienst, heute auch allgemein für Schlipsträger unterhalb der Führungsebene – geschrieben – also von Männern. Dieses Jahr stehen übrigens nicht überraschend 妖怪ウォッチ Yōkai-Watch (der Renner bei japanischen Kindern, auf Deutsch: „Die Gespenster-Uhr“) und アナと雪の女王Ana to Yuki no joō („Die Eiskönigin – Völlig unverfroren“ – wer hat sich eigentlich diesen bescheuerten deutschen Titel ausgedacht!?) ganz hoch im Kurs. Kein Wunder: Erst recht wenn man Kinder hat konnte man diesen beiden Sachen im vergangenen Jahr kaum entkommen.

Hier also ein paar meiner Favoriten:

記念日に 「今日は何の日?」 「燃えるゴミ!!」
Am Hochzeitstag: „Welcher Tag ist heute?“ „Der Tag, um den brennbaren Müll rauszustellen!“

是非欲しい 家庭内での 自衛権
Möchte ich unbedingt haben – das Recht zur Selbstverteidigung – im eigenen Haus!

妻の声 AEDより 効果あり
Die Stimme meiner Frau – mehr Wirkung hat – als ein Defibrillator!

壁ドンを 妻にやったら 平手打ち
Kabe-don bei meiner Frau versucht – fing ich mir eine Backpfeife ein

あゝ定年 これから妻が 我が上司
Oh je – ab in die Rente – ab jetzt ist meine Frau mein Vorgesetzter!

あの上司 記憶の容量 フロッピー
Jener Vorgesetzte – sein Gedächtnis so umfassend – wie eine Floppy Disk

妻なのか… 妖怪なのか… ウォッチする
Ist das meine Frau? Oder ein Gespenst? Ich beobachte sie*

*Enthält die oben erwähnten Wörter „Yōkai“ (Gespenst) und „Watch“

ひどい妻 寝ている俺に ファブリーズ
Grausame Gattin… während ich schlafe, sprüht sie Fabreeze auf mich

アナ雪を 歌う妻見て 寒くなり
Wenn meine Frau das Lied von der Eiskönigin singt fröstelt es mir

オレオレと アレアレ増える 高齢化
Ore-ore“ und „Are-are“ nehmen zu – mit dem Alter*

*are are – wenn einem der Name einer Person oder einer Sache nicht einfällt, sagt man „Are“ (das da!)

Letzterer hat es mir besonders angetan… sehr schön!

Ältere Artikel zu den Senryu auf diesem Blog: Die besten Senryu 2013, 2009 und 2007.

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Buchrezension: „Der lange Atem“ von Nina Jäckle

Juli 17th, 2014 | Tagged , , | 3 Kommentare | 3186 mal gelesen

"Der lange Atem" von Nina Jäckle. ISBN: 9783863510770

„Der lange Atem“ von Nina Jäckle. ISBN: 9783863510770

Eigentlich habe ich mich innerlich dagegen gesträubt, dieses Buch zu lesen. Eine deutsche Autorin beschäftigt sich da aus der Ferne mit der nur gut drei Jahre zurückliegenden und damit noch recht jungen Dreifachkatastrophe im Nordosten Japans. Was soll das werden? Eine Anreihung von Vermutungen? Phantasievoll ausgeschmückte Berichte vom Leben nach dem Tsunami? Moralinsaure Abhandlungen über Fukushima? Wer lange in Japan lebt, die Sprache spricht und die Kultur kennt, und zudem auch noch die Katastrophengebiete – vor und nach der Katastrophe – gut kennt, dürfte ähnlich empfinden.

Das Buch erzählt über das Leben nach der Katastrophe aus der Sicht eines Phantombildzeichners, der anhand von Photos unidentifizierter, oder um genauer zu sein, unidentifizierbarer Opfer Gesichter rekonstruiert, um den namenlosen Toten ihren Namen zurückzugeben. Der Hintergrund ist real – noch heute versucht die japanische Polizei, unter anderem hier, auf diese Art Opfer zu identifizieren. Sicher, Phantombildzeichner sind einiges gewohnt, aber die schiere Menge der Opfer dürfte auch die abgebrühtesten ihrer Art auf eine Belastungsprobe gestellt haben.

Aber zurück zum Buch. Gottseidank hält sich die Autorin mit dem Versuch, die japanische Kultur und Denkweise zu ergründen, zurück. Stellenweise tauchen Besonderheiten auf, an denen man ablesen kann, was genau recherchiert wurde oder auf welche Nachrichten zu jener Zeit die Autorin zurückgegriffen hat. Aber im wesentlichen lässt sie die Nationalität und Kultur aussen vor und beschreibt das allzu Menschliche: Der Schock über das plötzlich Verlorene. Die Ohnmacht, die Menschen befällt, wenn auf einen Schlag nichts so ist, wie es einmal war. Und das beginnt in dem Roman so:

Es war der elfte März, und das Meer atmete aus, ins Land hinein atmete es aus und dann atmete es tief wieder ein.

Diese einerseits recht allgemein gehaltene, und trotzdem sehr ausdrucksstarke Sprache war für mich das besondere an diesem Buch. An die Ich-Erzählweise hat man sich schnell gewöhnt, und auch daran, dass viele Sätze mit „Meine Frau“ beginnen, was – da bin ich dann plötzlich konservativ, wenn ich das aus der Feder einer Autorin lese – mich anfangs irritierte. Doch die Art und Weise, wie sich Konflikte in dem Buch aufbauen, ist sehr gelungen beschrieben und treibt an zum Weiterlesen.

Was mich vor dem Lesen am meisten interessierte, war die Bedeutung, die Fukushima zugemessen werden sollte. Wir erinnern uns: Während in Japan fast 20,000 Menschen hauptsächlich durch den Tsunami ums Leben kamen, hallte nur der Name Fukushima durch die deutsche Presse und liess alles andere beinahe vergessen. Und siehe da, gleich zweimal ist da die Rede von mutierten Schmetterlingen oder Sätzen wie:

Aus den Wörtern Jod, Cäsium und Plutonium werden bald die Abzählreime sein, die Kinder lernen schnell.

Das klingt zwar sehr poetisch, aber genau das ist eben alles andere als Japanisch. Genau dies oder ähnliches wird nicht passieren, und die mutierten Schmetterlinge tauchten auch nur ein einziges Mal in den Nachrichten auf – mit genügend skeptischen Stimmen darüber. Den folgenden Satz mit Hinblick auf den nuklearen Teil der Katastrophe könnte man hingegen passender nicht schreiben:

Es sind noch lange nicht alle Verletzten geboren worden, heißt es.

Überhaupt – beim Lesen traf ich gelegentlich auf unübliche, nachdenklich stimmende Sätze, die mir in ihrer Art gefielen – darunter zum Beispiel diesen hier:

… und wer setzt sich hinter dich, rufen draußen die Kinder. Es ist das Meer, rufen die Kinder nicht.

Fazit: Dieser lediglich 170 Seiten lange Roman aus dem Verlag Klöpfer & Meyer ist eine nachdenlich stimmende und gut recherchierte Lektüre zum Thema 11. März 2011 – ob man nun viel mit Japan zu tun hat oder nicht.

Mehr über die Autorin Nina Jäckle erfährt man hier. Und das Buch gibt es natürlich beim gut sortierten Buchhandel oder bei Amazon.

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Kultur (!?): Crayon Shin-Chan

Mai 14th, 2014 | Tagged , | 9 Kommentare | 14106 mal gelesen

Crayon Shin-chanMal schauen, was die Stifte so sehen im Fernsehen: Shaun das Schaf ist seit Jahren der Renner. Paulchen Panther, auf Deutsch natürlich. Wolf und Hase, sponsored by Oma und Opa (wie auch etliche Shaun-DVD’s). Auf Japanisch geht es munter weiter: Hana-Kappa. Doraemon darf nicht fehlen. Und was bemerkte ich da neulich: Die Kinder schauten Crayon Shin-Chan. Das Anime ist mir schon vorher aufgefallen. Und zwar unwissenderweise unangenehm, denn die Figuren sind, nun ja, gewöhnungsbedürftig, um nicht zu sagen irgendwie häßlich gezeichnet. Natürlich musste ich mich erstmal 5 Minuten dazusetzen und sehen, worum es da geht. Nun, es geht um einen 5-jährigen Bengel, der mit seiner dreisten Art die Eltern quasi alltäglich in den Wahnsinn treibt. Kenne ich, muss ich nicht noch im Fernsehen haben. Kaum schaue ich hin, läuft eine Szene, in der der Junge nach Hause kommt und erstmal „Okaerinasai“ ruft. Was natürlich falsch ist, denn der nach Hause Kommende muss „Tadaima“ sagen – die Antwort darauf ist „Okaerinasai“. Unwillkürlich musste ich lachen, denn den Fehler machen, wie es scheint, alle Kinder anfangs. Auch die Kommentare des Jungen sind alles andere als an den Haaren herbeigezogen und schlichtweg real. Eine Minute später entblösst der Sohnemann seinen Allerwertesten und wackelt damit herum. Klasse, wenn meine Kinder damit gross werden, kann das ja nichts werden.

Aber nein – zwar war die ursprünglich von 1990 bis 2000 laufende Trickfilmserie eher für Erwachsene gedacht, da es an anzüglichen Bemerkungen nicht mangelt. Allerdings beschäftigt man sich gern auch mit interessanten Themen – so neulich mit der Mehrwertsteuererhöhung, und wie die Menschen darauf reagieren. Sehr witzig, das Ganze. Vor allem gefallen mir die Sprecher. Und so gibt es tatsächlich einen Anime, den ich mir freiwillig anschauen kann! Wäre da nicht akuter Zeitmangel.

Crayon Shin-chan scheint auch im Ausland recht beliebt zu sein – selbst auf Deutsch gibt es einen grösseren Artikel bei Wikipedia.
Übrigens ist der Zeichner von Crayon Shin-chan, Yoshito Usui, beim Bergklettern in Japan tödlich verunglückt. Das war 2009, und er war gerade mal 51 Jahre alt. Ich kann mich noch gut an die Nachrichten darüber erinnern. Trotzdem geht es weiter mit Crayon Shin-chan, und die neuen Folgen sind, soweit ich das beurteilen kann, nicht minder unterhaltsam.

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