Da steht man also plötzlich in Japan da mit seinen sieben Sachen und weiss nicht so recht, wohin mit sich, und was man von nun an mit seinen zauberhaften Deutschkenntnissen anfangen soll. Da gibt es die einen, denen das überhaupt nichts ausmacht, und die auf den deutschen Sprachgebrauch nebst Muttersprachlern ganz gern verzichten können. Da gibt es die anderen, hauptsächlich jene, die nur begrenzt im Land sind und kein oder kaum Japanisch sprechen, die lieber gern Anschluss hätten zu ihren Landsleuten und sich von daher gern irgendwie zusammenraufen. Und dann gibt es noch die dazwischen, und dazu zähle ich mich auch, die zwar nicht aktiv nach Verbindungen zu Landsleuten suchen, aber sich durchaus gern mal mit Mitgefangenen treffen wollen. Deshalb an dieser Stelle mal eine kleine Auflistung von Gruppen und Möglichkeiten, die man hier so hat, um Anschluss zu finden:
DinJ steht für “Deutsche in Japan” und ist eine seit vielen Jahren betriebene Newsgroup auf Yahoo. Diskutiert wird dort so ziemlich alles, und natürlich ist vieles dort für die meisten irrelevant. Die Moderatoren sind auch nicht gerade zimperlich, aber in der Liste gibt es etliche Auskenner, die schon ewig im Land sind, und somit so ziemlich jede Frage beantworten können.
Persönlich halte ich mich dort lieber zurück, aber ich schaue durchaus regelmäßig in die Tageszusammenfassungen rein. Tipp: Anmelden, und bei den Einstellungen “Tägliche Zusammenfassung schicken” wählen. Alles andere artet sonst in Spam aus.
DoitsuNet ist eigentlich eine Ein-Mann-Veranstaltung – die Idee dahinter ist, regelmäßig Deutsche und Japaner, die an Deutschland (und Deutsche?) interessiert sind, in abwechselnden Etablissements zusammenzutrommeln, um miteinander Spaß zu haben. Der Verantwortliche organisiert auch andere, internationale Partys ziemlich erfolgreich. Hinter den Veranstaltungen steckt kommerzielles Interesse, aber die DoitsuNet-Partys sind in der Regel gut organisiert und können durchaus Spaß machen. Die Preise sind dabei auch recht zivil (wenn man sich über den Newsletter anmeldet).
Ich schaffe es leider immer nur maximal ein Mal pro Jahr dorthin – es wird mal wieder Zeit, denn letztes und vorletztes Jahr habe ich es nicht geschafft. Selbstredend lohnen sich diese Veranstaltungen nur in Tokyo.
Edo-Rhenania: Mal wieder Lust, einen Salamander zu reiben? Ich hatte weiland während meiner Studienzeit in Japan nicht schlecht gestaunt, als mich der damalige Germanistikprofessor völlig mit seiner eigenen, kleinen Burschenschaft überrumpelte. In Deutschland habe ich jene mit dem Allerwertesten nicht angeschaut, aber einen Einblick in Japan war es mir wert. So kam ich dabei auch in den Genuss einer grossen Festveranstaltung der Edo-Rhenania. Diese nicht schlagende Verbindung gibt es seit 1963. Gerüchten zufolge sollen wohl sogar Mitglieder der kaiserlichen Familie dabei sein. Als ich 1998 bei der Veranstaltung war, hatte man eigens Burschenschaftler aus Deutschland einfliegen lassen. Ich kam mir dabei in etwa wie ein Ethnologe vor, der gerade einen völlig neuen Stamm entdeckt hatte. Es war faszinierend. Aber so recht ist das trotzdem nicht meine Welt.
Offizielles Kendama (basiert auf Photo von Isaak*)
Was hat man nicht alles importiert in Japan: Komplette Schriftsysteme, Religionen, Philosophien, Militärapparate, Lady Gaga… und Spielzeuge. Im 16. Jahrhundert war ein Spiel names Bilboquet in Europa sehr beliebt, und so fand es vor hunderten von Jahren auch seinen Weg nach Japan. Und blieb.
In Deutschland kennt es so gut wie keiner, aber in Japan gehört es quasi in jeden Haushalt mit Kind. Kendama ist ein Holzspielzeug und kann wörtlich mit “Schwert-Kugel” übersetzt werden. Es erinnert entfernt an ein Schwert – mit einer Spitze und drei unterschiedlich grossen Schalen, zwei am Schaft, eine am Knauf. Eine Holzkugel mit Loch ist mit dem Schwert durch eine Schnur verbunden.
Mit etwas Geschick kann man damit allerhand anstellen – zum Beispiel, die Kugel auf das Schwert oder in eine der drei Schalen befördern.
Man kann natürlich noch viel mehr Schabernack damit anstellen, wie diese Beiden hier beweisen:
Die Beiden nennen sich “ZoomaDanke” – einer ist 31 Jahre alt, der andere 21. Beide sind “Spielzeugberater” – ja, so etwas gibt es wirklich! Interessant ist übrigens der Hauptberuf des Älteren der Beiden: Jener hat jüngst das ドイツゲームスペース@Shibuya (Treff für Deutsche Spiele in Shibuya) gegründet – eine Mischung aus Geschäft und Ort, an dem man sich an deutschen Brett- und anderen Spielen austoben kann. (Link gibt es hier – Japanisch). Denn: Deutschland hat einen sehr guten Ruf, was Spiele angeht. Der Laden hatte Anfang dieses Jahres sogar einmal Besuch von Nitele – einem der grossen Privatsender Japans. Hier ein kurzer Mitschnitt, bei dem man sieht, wie es dort aussieht:
Nein, ich bekomme kein Geld für die Werbung. Aber ich finde die Idee witzig. Und: Wie ich von einer guten Freundin erfahren habe, reisen die Beiden mit Ihren Kendamas Mitte/Ende Oktober nach Deutschland, wo sie in Essen, Berlin und Frankfurt/Main ihre Kunststückchen vorführen wollen – auf der Strasse, gern aber auch in Clubs, Bars oder wo auch immer so etwas reinpasst. Wer Interesse hat, die Beiden zu treffen und Ihnen vielleicht mit ein paar Tipps unter die Arme zu greifen, kann sich gern bei mir melden. Kleiner Haken an der Sache: Die Beiden sprechen kein Deutsch und fast kein Englisch.
Da ich neulich schon einmal über den Sommer hier geschrieben habe, kann ich doch auch gleich eine kleine Folge draus machen. Teil 1 war hier. Man gewöhnt sich ja im Laufe der Jahre allerlei Dinge an. Weihnachten zum Beispiel. Ob man will oder nicht. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, im Sommer etwas zu tun, was ich sonst nie mache: Massiv ins Glücksspiel einsteigen. Jedes Jahr im Sommer gibt es die サマージャンボ宝くじ Summer Jumbo Takarakuji (Lotterie)-Sonderziehung, zu gewinnen gibt es satte 1億円 – ichi oku en, also 100 Millionen Yen (rund 800,000 Euro). Ein Los kostet 300 Yen, und so ziehe ich jedes Jahr im Sommer zur Losbode vor dem Bahnhof und kaufe ein paar Lose, meistens 連番 (renban – aufeinanderfolgende Nummern), denn wenn ich バラ (bara, nicht zusammenhängende Lose) kaufe, müsste ich ja viele verschiedene Nummern abgleichen. Wie jedes Jahr gewinne ich dabei 300 Yen – denn eine einzelne Endnummer gewinnt immer 300 Yen, was also bei 10 aufeinanderfolgenden Losen nur sehr schwer zu verfehlen ist. Toll, 10% Rabatt! Wie jedes Jahr hole ich mir jedoch diese 300 Yen noch nicht einmal ab…
Bühne des örtlichen Bon-Odori
Sommer – das ist auch die Zeit der 盆踊り Bon-Odori (siehe Wikipedia: Obon) – Feste, bei denen die Seelen der Toten wenn vielleicht nicht gerettet dann doch zumindest etwas belustigt werden sollen. Der Hintergrund ist eigentlich ernst, aber Obon sind mittlerweilen Volksfeste, bei denen ausgelassen getanzt und gefeiert wird. Mit den Bon-Odori meine ich hier weniger die riesigen Feste, allen voran das Awa-Odori in Tokushima, sondern all die kleinen Feste in der Nachbarschaft, oft eingepfercht in einem kleinen hinterhofähnlichen Bereich oder einem Minipark, mit einer Bühne nebst Trommlern und Tänzern in der Mitte und allerlei Freßbuden rundherum sowie Belustigungen für Kinder. Das schöne an diesen kleinen Festen ist, dass man sich kennt und viele Leute auf einmal trifft, die man sonst nur sporadisch und einzeln sieht. Für Kinder ist das ganze natürlich besonders schön – nicht ganz so spektakulär wie ein Rummel, aber immerhin.
Seit Jahren habe ich allerdings den Eindruck, dass es unserer Nachbarschaft an Trommlernachwuchs gebricht. Zur Erklärung: Bei diesen kleinen Festen werden häufig schlagerähnliche Gassenhauer von Band gespielt; dazu trommelt jemand auf einer grossen japanischen Trommel, während rundherum Tänzerinnen in Kimono langsam vor sich hin tanzen. Faustregel: Je kleiner die Nachbarschaft, desto älter die Tänzerinnen. Mit alt meine ich dabei wirklich alt… Ich kann nur jedem Japanbesucher, der mutig ist, sich Mitte August nach Japan zu begeben, empfehlen, kleine Bon-Odori-Feste zu suchen. Bei meinen Reisen übers Land hat es mich schon oft zu solchen Festen verschlagen, und man kann dort sehr gut mit Leuten ins Gespräch kommen und einfach den Sommer geniessen. Zusammen mit Yakisoba und kühlem Fassbier.
Würde mich an der Stelle freuen, wenn jemand andere kleine, aber feine Bon-Odori empfehlen kann.
Ich liebe Jahreszeiten – beziehungsweise vieles, was Jahreszeiten so mit sich bringen. In Japan zelebriert man die Jahreszeiten dabei ausgiebig – jede Saison hat ihre eigenen Spezialitäten, vor allem in Punkto Essen und Traditionen (das ist nicht nur in Japan so, aber hier besonders ausgeprägt).
Bergpfirsich in Shōchū
Zu den weniger bekannten Anzeichen, dass es so langsam Sommer wird, gehört die ヤマモモ (Yamamomo)-Ernte. Wörtlich übersetzt heisst der Baum “Bergpfirsich”, aber die Früchte sehen weder aus wie Pfirsiche noch gehören sie zur gleichen Ordnung – Yamamomo zählt zu den Buchenartigen, und dort wiederum zur Familie der Gagelstrauchgewächse. Sagt zumindest die Wikipedia – mir ist der Name kein Begriff. Der lateinische Name lautet “Myrica Rubra”.
Etliche dieser immergrünen Bäume stehen bei uns in der Umgebung herum. Ende Juni fallen dann die tiefroten Früchte herunter und verursachen eine ordentliche Sauerei. Eines Tages sah meine Frau einen alten Mann, der ein paar Früchte einsammelt. “Was machen Sie damit?” fragte sie neugierig. “Na, in Shōchū (stärkerer, klarer japanischer Schnaps, meist aus Reis, Süsskartoffeln oder Zuckerrohr gebraut) einlegen, was sonst?”.
Gesagt, getan. Meine Frau sammelte also auch ein paar ein und warf sie in den besten (bzw. einzigen) Shōchū im Haus. Ein paar Wochen später wurde der langsam rosa. Und on the rocks getrunken schmeckte das ganze gar nicht mal so schlecht: Ein leicht saurer, aromatischer und sehr erfrischender Geschmack. Hat nicht viel Tiefe, aber ist dementsprechend auch nicht aufdringlich.
Heute war es dann also wieder soweit: Ein grosser Bergfirsichbaum voller reifer Früchte machte sich am Boden durch viele grosse dunkelrote Flecken bemerkbar. Also habe ich wieder Bergfirsichshōchū aufgesetzt. Jetzt ist Sommer. Mit all seinen schlechten Seiten (Hitze) und all seinen guten Seiten (Hitze).
Den folgenden Artikel habe ich für die Frühjahrs (2011/02)-Ausgabe der Zeitschrift Midori geschrieben – und wie immer erscheint hier – mit Verspätung – die Online-Ausgabe. Viel Spass beim Lesen!
Irgendwann fällt es einfach auf: Eine gewisse Szene, die so ziemlich in fast jedem Film, so nicht Samurai oder gewisse Riesenechsen drin vorkommen, auftaucht: Eine ländliche Gegend, durch die ganz gemächlich ein Triebwagen zuckelt. Ein Triebwagen, den man zumindest in meiner Gegend ganz profan als Ferkeltaxe zu bezeichnen pflegte. Interessanterweise taucht diese Szene meist auch in der Filmvorschau auf, als ob dieses eine Szenenbild eine besondere Bedeutung hätte und so die Leute haufenweise zum Kino oder DVD-Dealer treiben würde.
“Ferkeltaxe” in tiefster japanischer Provinz
Nun, die Szene hat symbolträchtige Bedeutung und verfehlt ihre Wirkung nicht. Zwar sind Ferkeltaxen alles andere als ausgestorben – man braucht gar nicht lange suchen, um in Japan noch welche zu finden, aber der Anblick solcher Züge und die damit verbundenen Emotionen lassen einen leisen Verdacht aufkommen: Ist dieses glitzernde, hochtechnologisierte, innovative, knallbunte und etwas verrückte Japan etwa im Herzen eher ländlich, sentimental und in sich gekehrt? Das wäre ja mal ein ganz anderes Bild!
Wie überall hat Sentimentalität zwei Dimensionen: Die örtliche und die zeitliche. Besagte Ferkeltaxen haben da den Vorteil, gleich beide Dimensionen anzusprechen, denn diese Bahnen gab es früher überall und sie sind damit für jeden über 40-jährigen in Japan fester Bestandteil der Erinnerungen an die Kindheit (von den Bewohnern kleiner und kleinster Inseln einmal abgesehen). Zum anderen gibt es die Bahnen immer noch, und zwar auf dem Land. Man sollte dabei bedenken, dass Tokyo zum Beispiel zwar ganz schön gross ist – jedoch in Japan gern schlicht als grosses Dorf bezeichnet wird, denn die meisten Bewohner kommen eigentlich gar nicht aus Tokyo, sondern aus Regionen irgendwo hinter den sieben Bergen. Wenn ich beruflich oder privat jemanden in Tokyo kennenlerne, werde ich – verständlicherweise – zumeist nach meiner Herkunft gefragt. Den Spiess drehe ich freilich danach gerne um (immer Gefahr laufend, als Antwort ein verwirrtes “Na, aus Japan!” zu hören), und bin dabei nicht etwa über die Antwort “Okinawa!” sondern mehr über die Antwort “aus Tokyo” überrascht. Echte Tokyoter muss man suchen.
Man sollte eigentlich meinen, dass ein fortgeschrittenes Land wie Japan Phänomene wie massenhafte Landflucht hinter sich hat, doch dem ist nicht so. Die Landflucht hält an. Wer gute Bildung sucht, kommt um die Hauptstadt nicht herum. Wer in internationaler Atmosphäre arbeiten will – und damit sind nicht die berüchtigten Philippino-Bars gemeint, muss in die Hauptstadt. Es sei denn, man hält es eher mit Portugiesisch oder Spanisch, denn die meisten Einwanderer aus Südamerika leben mehr in der Gegend um Nagoya.
Wer wissen will, wie Tokyo ohne Zugezogene aussieht, sollte mal den ersten oder zweiten Januar in der Hauptstadt verbringen – viel ist da nicht los, da alle zum Neujahrsfest in die Heimat, aufs Land, gefahren sind. Leider erfreut sich die ländliche Gegend eines solchen Andrangs nur zwei Mal im Jahr – zum Neujahrsbeginn und während der お盆 O-Bon Feiertage Mitte August – ansonsten wirken weite Landstriche in Japan wie ausgestorben, und man kann froh sein, hier und da gelegentlich mal einen 80-jährigen Bauern zu treffen. Anzumerken sei hier auch, dass die Landflucht oftmals nicht etappenweise geschieht – selbst größere Städte in der Provinz, als Beispiel möchte ich hier mal Wakayama oder auch Akita, beides immerhin Präfekturhauptstädte, kämpfen mit stark und konstant schwindenden Einwohnerzahlen, was nicht nur der geringen Geburtenrate zuzuschreiben ist. In solchen Städten muss man oft nicht lange nach den sogenannten シャッター通り Shutter dōri – Rollläden-Strassen – suchen: Ehemalige Einkaufsstrassen, in denen man heute nur noch heruntergezogene Rollläden vorfindet. Nein, die meisten Leute wenden sich gleich richtig von der Heimat ab und gehen umgehend in die Hauptstadt, nach Ōsaka, Fukuoka usw. So mag es nicht verwundern, dass ca. jeder vierte Japaner in der Hauptstadtregion lebt.
Nun aber zur zeitlichen Dimension. Vor wenigen Jahren erschien in Japan der Kassenknüller Always – 三丁目の夕日 3-chōme no Yūhi, wörtlich “Always – Abendsonne im 3. Abschnitt”. Dieser Film trieb nicht nur die Leute scharenweise ins Kino, sondern auch unzähligen japanischen Männern im besten Alter die Tränen in die Augen. Der Film spielt in einem Tokyoter Stadtviertel und in Sichtweite des Tokyo Tower, welcher in der Zeit, in der es im Film geht – Ende der 1950er – gerade gebaut wird. Im Viertel geht es arm, laut aber herzlich zu – Jeder kennt Jeden, es gibt viel zu feiern und viel zu hauen. Der erste Kühlschrank und der erste Fernseher im Viertel sorgen für unglaubliche Szenen – während Wasser immer noch mit der Handpumpe im staubigen Hinterhof geholt werden muss. Kurzum, alle sind arm aber glücklich, und der Fortschritt steht vor der Tür. Dieser Tage ist ein solches Viertel zwar nicht völlig undenkbar (obwohl sehr selten geworden) – aber in der Nachbarschaft des Tokyo Tower sieht es heute, gelinde gesagt, doch etwas ander aus.
Was muss das für eine Zeit gewesen sein – jede nur halbwegs grössere Stadt lag am Ende des Zweiten Weltkrieges komplett in Schutt und Asche, und die Niederlage im Krieg war ein gewaltiger Schock. Wie auch in Deutschland folgten Jahre der Mühen und des Hungers, bis es endlich in den 1950ern aufwärts ging – in gewaltigen Schritten. Das Wirtschaftswunder gab es nicht nur in Deutschland, sondern auch in Japan. Doch in Japan verlief es schon immer etwas anders. In Deutschland baute man seit jeher Stein auf Stein, mit dicken Mauern, auf dass das Haus auch lange stehen möge. Erst später begann man mit dem Bau von Zweckbauten mit begrenzter Lebenserwartung. In Japan war letzteres schon immer so. Stein auf Stein, womöglich noch mit Ziegelsteinen, war in Japan kaum populär – man baute und baut am liebsten mit Holz. Das ist kein Wunder – ein Ziegelsteinhaus hat bei einem stärkeren Erdbeben kaum Überlebenschancen, während Holzhäuser flexibel genug sind, um auch stärkere Stösse abzufedern. Dies hatte zur Folge, dass in Deutschland unzählige Häuser nach dem Krieg repariert wurden. In Japan hingegen brannten die Städte bis zum Grund nieder – alles musste neu gebaut werden (dabei hatte man zum Beispiel in Tokyo erst gute 20 Jahre vorher alles neu bauen müssen – nach einem verheerenden Erdbeben). Auch Regeln wie “Häuser dürfen nicht grösser sein als die Kirche im Ort” sind in Japan unbekannt. In guten Zeiten wurde und wird gebaut, was das Zeug hält.
Es ist aber nicht nur der Anblick alter Holzhäuser in einem staubigen Viertel, der bei der Generation 40+ das Herz höher schlagen lässt, schliesslich findet man solche Häuser noch immer, sondern auch der Gedanke an das Zusammenleben von damals. Das soziale Gefüge in den Grossstädten hat sich wie anderswo auch stark verändert – nach einem richtigen Kiez muss man mittlerweilen suchen, man geht heutzutage meistens seine eigenen Wege. Oder? Dies ist sicherlich richtig für Wohngebiete mit grossen Wohnhäusern. Doch dort, wo man maximal 2-geschossige, sehr günstig zu mietende, zusammengeschusterte Wohnhäuser sieht, gibt es ihn noch – den Zusammenhalt der Bewohner. Da wird dann im Sommer spontan draussen gegrillt und gefeiert und man hilft sich bei der einen oder anderen Angelegenheit. Dass die Teilnehmer dabei ein aus allen Landesteilen zusammengewürfelter Haufen darstellt, ist der meist guten Stimmung nicht abträglich – im Gegenteil. Jedoch scheint dabei auch in Japan eine Faustregel zu herrschen: Je ärmer, desto grösser die Warhscheinlichkeit, einen solchen Zusammenhalt zu finden.
Tokyo Tower
Zurück zum Tokyo Tower: Jener wurde damals quasi zum Symbol der Nachkriegsgeneration und wird von daher von vielen ganz sentimental betrachtet. Dafür eignet sich der rot-weisse, 332 m hohe Turm auch ganz hervorragend: Er ist schlichtweg photogen und liebenswert. Der Tokyo Tower steht entsprechend für die Shōwa-Epoche (1926-1989, 昭和 Shōwa war das Motto des Kaisers Hirohito). Die jüngste Generation braucht sich gottseidank um ein ähnliches symbolträchtiges Bauwerk keine Sorgen machen: Der Nachfolger, genannt Tōkyō Sky Tree, wird fast doppelt so hoch (634 m) und 2011 fertig sein. Und die Japaner sind schon jetzt ganz versessen danach.
An dieser Vorliebe für Nostalgie muss etwas dran sein – immerhin spiegelt sie sich sogar in der Sprache nieder. Was geht uns durch den Kopf, wenn wir zum Beispiel ganz plötzlich ein Poster sehen oder einen Geruch wahrnehmen, welches uns umgehend an die Kindheit erinnert? Wie kann man dieses Gefühl in deutsche Worte packen? Ich bin mir bis heute nicht sicher, aber woran ich auch denke, es wird eine ganze Wortkaskade – wie “oh, das habe ich ja schon ewig nicht gesehen” oder “ach, das waren Zeiten”. Im Japanischen gibt es für dieses Gefühl ein eigenens Wort: 懐かしい natsukashii. Und man hört dieses Wort sehr, sehr oft. Einfach mal einen mindestens 30 Jahre alten Japaner nach Wooper Looper fragen (Leser der letzten Kolumne mögen sich erinnern), und die Chance, als Antwort ein “natsukashii” zu hören ist ziemlich gross.
Zahlreiche Rituale und Bräuche drehen sich in Japan um Kinder. Eines davon ist das sogenannte お食い初め Okuizome – der “Beginn des Essens”, ein Ritual mit festen Regeln und
voller Symbolen. Begangen wird dieses Ritual entweder am 100., 110. oder 120. Tag nach der Geburt des Kindes. Wie es der Zufall so will, passte es bei uns: Heute war der 110. Tag. Na dann! Da die Kleinen nach 110 Tagen “draussen” selten wirklich etwas essen, hat dieses Ritual eher Symbolcharacter: Man führt dies und jenes zwar zum Mund des Kindes, aber essen lässt man es die Sachen nicht. Wie auch beim Neujahrsessen steht das Menü, von kleineren regionalen Unterschieden abgesehen, so gut wie fest, und jede Speise hat ihre eigene Bedeutung.
Das Essen besteht aus 一汁三菜 Ichijū Sansai – einer Suppe und drei Nebengerichten, die traditionelle Zusammenstellung eines Mahls für freudige Anlässe. Auf jeden Fall dazu gehören:
1. 赤飯 Sekihan (=Roter Reis), obligatorisch in Japan bei freudigen Anlässen (Sekihan ist klebriger Reis mit roten Bohnen. Rot und Weiss stehen für Glück/Feiern),
2. 吸い物 Suimono (sui = saugen, mono = Sache, zu deutsch: eine [meist dünne] Suppe)
3. 香の物 (kō-no-mono, kō = Geruch, mono = Sache) – eingelegtes Gemüse
4. (尾頭付き)魚 Fisch – und zwar ein ganzer, von Kopf bis Schwanz. In der Regel nimmt man dafür 鯛 tai – Meerbrassen.
Auch ein Stein gehört dazu – der muss vom örtlichen Schrein geholt und danach wieder zurückgebracht werden. Der Stein soll den Wunsch ausdrücken, dass das Kind im Laufe
seines Lebens immer gesunde Zähne hat (die Tradition ist schon weit über 1000 Jahre alt – schon damals fürchtete man ganz offensichtlich Zahnärzte). Anstelle eines Steins wird
aber vor allem im westlichen und südlichen Teil Japans auch gern Tako (Oktopus) genommen, der erfordert schliesslich auch viel Beisskraft. Die Suppe steht für ausreichend (Saug)kraft, siehe Wortbedeutung.
Selbst das Geschirr ist bei dieser Tradition vorbestimmt: Jungen wird das Essen auf einem schwarzen Lacktablett mit roter Innenseite serviert; Mädchen hingegen auf einem vollständig roten Lacktablett. Davon wird dem Kind das Essen von den 3年長 (3 nenchō – den drei ältesten Teilnehmern der Zeremonie) verabreicht.
Der Zeitpunkt für Okuizome ist natürlich mit Bedacht gewählt: Rund um 100 Tage nach der Geburt beginnen die ersten Zähne zu wachsen, und man beginnt das Kind an andere Speisen als nur an Muttermilch oder Ersatzmilch zu gewöhnen (auf Japanisch 離乳食 rinyūshoku – “sich entfernen – Milch – Essen” genannt).
Das Photo vom Tai (Meerbrasse) konnte ich mir hier leider nicht verkneifen: Die Zahnleiste sah einfach zu imposant aus. Gebratene Meerbrasse taucht auch in vielen japanischen Filmen auf – denn das ist wirklich der beliebteste, symbolträchtigste Fisch bei feierlichen Anlässen.
Kamishibai hajimaru yo! – wie der Rattenfänger aus Hameln streicht der alte Mann zwischen all den Kindern auf einem grossen Spielplatz im Tokyoter Bezirk Edogawa-ku umher, gebückt, und mit sonorer Stimme in ein uraltes Megaphon sprechend. Ich wage zu bezweifeln, dass die Batterien, so überhaupt vorhanden, frisch sind. Sein Gebiss sitzt sehr locker, weshalb er schwer zu verstehen ist. Was macht der Greis hier? Verkündet er das Ende der Welt? Immer wieder dreht er seine Runde, und schlägt zwei alte Holzstücke zusammen, immer wieder gebetsmühlenartig den einen Satz verkündend. Und wie sein Kollege aus Hameln nimmt er dann tatsächlich die Kinder mit, und verfrachtet sie, bis zu 10 von ihnen, in den mit Pappe ausgeschlagenen Kofferraum seines Kleinwagens.
Erst beim zweiten Mal verstand ich endlich, was er da verkündet. 紙芝居、始まるよ! (kamishibai, hajimaru yo) – das “Papiertheater” fängt an! Die Kinder kriechen in seinen Wagen, unter den skeptischen Augen der Eltern. Zwar ist die folgende, keine fünf Minuten dauernde Vorstellung, kostenlos, doch der Mann sammelt trotzdem “auf freiwilliger Basis” 100 Yen von den Eltern ein – und lässt die Kinder dafür aus zahlreichen Süssigkeiten, Getränken und manchmal auch Eis auswählen. Dann baut er eine uralte Holzkiste auf einem uralten Schemel auf. Nach vorn hat die Holzkiste ein Glasfenster. An der Seite ist die Kiste offen. Das muss so sein, denn nur so kann der Erzähler die alten, abgegriffenen, schwarzweissen Bilder herausziehen, während er – ebenfalls mit sonorer Stimme – eine Geschichte vorliest.
Sie sind selten geworden, die Geschichtenerzähler. Diese japanische Besonderheit begann Anfang des 20. Jahrhunderts und war vor allem in Tokyo sehr populär. Der Zweck war nicht nur pure Kinderliebe: Auf diese Weise wurden gerne Süssigkeiten “vertickt”. Daraus wuchs eine ganze Industrie. Laut Wikipedia gab es nach dem Krieg gute zehntausend Erzähler, die schliesslich erst nach der Verbreitung des Fernsehens verdrängt wurden. Der alte Mann im Park von Edogawa-ku muss auch gut und gerne 90 Jahre auf dem gekrümmten Buckel haben. Ich bedankte mich bei ihm nach der Vorstellung und fragte ihn, wie lange er das schon mache. “Weit mehr als 50 Jahre lang” war seine Antwort. Die Kinder hören kaum zu, da man ihn kaum versteht. Aber sie verstehen, dass dies etwas Besonderes, Anderes ist. Und laben sich an den Süssigkeiten. Welche Eltern können da schon sagen “Nein, das isst Du jetzt nicht!”.
Zur Veranschaulichung noch ein Video – ohne Höhepunkte, wohlgemerkt. Aber wer weiss, wie lange es sie noch gibt – die Geschichtenvorleser.
So, da bin ich wieder in Japan, nach einer guten Woche in der Heimat. Nun war ich “nur” 2½ Jahre nicht in Europa, was sicherlich im Vergleich zu vielen anderen nicht sehr lang ist – aber es reichte dann doch mal wieder für ein paar kleine Kulturschocks (das beginnt gleich am Flughafen, wenn man sieht, wie alle Leute gleichzeitig aus verschiedenen Richtungen in den Bus drängen, anstatt sich anzustellen).
Für einen Kulturschock erster Güte qualifiziert sich jedoch die Deutsche Bahn jedes Mal, denn scheinbar ist man dort stetig bemüht, den Service und das ganze System permanent zu verschlechtern. Meinen ganz besonderen Spass hatte ich da an den Fahrscheinautomaten im Bahnhof von Halle/Saale: Dort wollte ich eine einfache Fahrkarte nach Leipzig erwerben. Also Reiseziel ausgewählt, und fröhlich ging es weiter: Da bittet mich der Kasten doch, den Regionalverbund bzw. die Strecke auszuwählen – vier Möglichkeiten hatte ich zur Auswahl: Über Schkeuditz, über Delitzsch (glaube ich) und noch zwei andere Nester, von denen ich noch nie was im Leben gehört hatte. Ich hatte Glück: Mir fiel ein, dass die kürzeste Route über den Flughafen und über Schkeuditz führt, und deshalb wählte ich die Route. Puh, das war knapp. Schnell noch ein paar weitere Fragen beantwortet, und dann ging es zum Bezahlbildschirm: 6 Euro. Die hatte ich nicht in Münzen, also schob ich meinen kleinsten Geldschein ein: Ein 10-Euro-Schein. Darauf erklärte mir der Automat hämisch, dass er momentan nur maximal 5-Euro-Geldscheine annehmen kann. Klasse. Machte nichts, ich hatte noch knapp 10 Minuten. Also am nächsten Automaten anstehen. Als ich dran bin, kannte ich ja schon die Antworten. Das schien den Automaten so sehr verblüfft zu haben, dass er gleich mal vor dem Bezahlbildschirm abstürzte: Gute zwei Minuten bestaunte ich das drehende Symbol und gab auf. An Automat 3 klappte es schliesslich. Und gottseidank fiel mir grade noch rechtzeitig ein, dass ich den Fahrschein eventuell vor Fahrtantritt entwerten muss.
Kaum ein Japan-Reiseführer kommt drumherum, zu erwähnen, wie vertrackt das Verkehrssystem in Japan ist und wie schwer es ist, als Ausländer die richtigen Fahrkarten zu kaufen (alle zeigen jedoch einen Ausweg auf: Einfach den billigsten Fahrschein kaufen und wenn man am Ziel ist am Automaten nachlösen – dies ist in Deutschland jedoch nicht möglich, da das System gänzlich anders ist). Aber die Deutsche Bahn holt mittlerweilen nicht nur preislich mit Japan auf, sondern auch in Sachen Kompliziertheit der Automaten. Mich wundert es immer wieder, dass man bei der Deutschen Bahn schlichtweg davon ausgeht, dass der Fahrgast umfassende Kenntnisse über den Start- und Zielbahnhof und die komplette Strecke dazwischen besitzt. Anders kann ich mir den Aufbau des Systems nicht erklären. Das ist freilich nicht neu. Als ich einmal in einer mir eigentlich unbekannten Stadt umsteigen musste und der an der Anzeigentafel und im Fahrplan ausgewiesene Zug einfach nicht kam, ging ich zur Information, um mich zu erkundigen was los sei. Dort wurde mir gesagt: “Na der fährt wegen Bauarbeiten jetzt immer 10 Minuten eher und von einem anderen Bahnsteig ab” – und schob auch umgehend ein “Das ist aber schon seit drei Wochen so!” hinterher.
Den folgenden Artikel habe ich für die Winter (2010/11)-Ausgabe der Zeitschrift Midori geschrieben – und wie immer erscheint hier – mit Verspätung – die Online-Ausgabe. Viel Spass beim Lesen!
Just in diesem Moment vergessen, was ein Axolotl ist? Kein Problem. Ein Axolotl ist eine Art Möchtegern-Salamander, der kurz vor der Salamanderwerdung vergessen hat, ein solcher zu werden: Das Ergebnis ist ein, nun ja, Salamanderfisch – sieht aus wie ein Fisch mit Beinen und nach oben gekämmten Kiemen. Ursprünglich kommen die Tierchen aus Mexiko und sind dort eine stark gefährdete Spezies. In Japan kannte man sie nicht – bis 1985, als ein findiger Marketingexperte des Trockennudeln-in-Dosen-Herstellers Nisshin so ein Tierchen, zudem auch noch ein Albino – in einem Werbespot dem Durchschnittstarō in Japan näher brachte. Nicht etwa unter dem Namen Axolotl – das kann ja keiner aussprechen – sondern unter dem zu Recht verdächtigen Kunstnamen “Wooper Looper”.
Es kam, wie es kommen musste: Jeder wollte plötzlich einen Axolotl kaufen oder zumindest sehen, und Zuchtfarmen schossen wie Pilze aus dem Boden. Doch irgendwann verlor die Öffentlichkeit das Interesse an den Tieren und die Züchter mussten sehen, wo sie bleiben. Sicher sattelten die meisten irgendwann um oder gingen pleite, aber zumindest ein Züchter beziehungsweise findige Restaurantbesitzer hatten eine famose, wirklich urtypisch japanische Idee: Kann man die Tiere nicht essen? Und siehe da, man kann! Angeblich schmecken sie am besten frittiert und dann irgendwie nach etwas zwischen Huhn und Fisch (dass scheint kulturübergreifend zu sein: Sobald man bisher unbekanntes Fleisch isst, sagt jeder es schmecke irgendwie nach Huhn).
Das bedeutet jetzt nicht, dass überall in Japan in Öl gebackene Axolotl feilgeboten werden – die Anzahl der Trinkhallen und Restaurants dürfte sehr begrenzt sein. Aber die Geschichte ist ein schönes Beispiel dafür, wie unvoreingenommen man in Japan (aber auch in Korea und China) dem Essen als solches gegenüber eingestellt ist: Kulturelle Tabus gibt es da erstaunlich wenig, und eines kann man Japanern bestimmt nicht vorwerfen: Das sie mäklig sind. In Japan muss man einfach kein schlechtes Gewissen haben, wenn man gutes oder (für unseren Geschmack) ausgefallenes Essen mag. “Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht” ist ein Sprichwort, das im Japanischen ausserordentlich langer Erklärungen bedarf und trotzdem nicht richtig verstanden wird. Das soll nicht heissen, dass jeder alles mag – auch ich habe schon Japaner getroffen, die Fisch nicht mögen oder Soyasauce nicht ausstehen können – beides immerhin Ingredienzien, ohne die man nicht weit kommt.
Japan und seine ostasiatischen Nachbarn geraten aufgrund ihrer jeweiligen Ess- und sonstiger Gewohnheiten dabei nicht selten ins Kreuzfeuer internationaler Kritik: Blauflossenthunfisch und Wal sind da nur zwei Beispiele. Bei letzterem sollte jedoch angemerkt sein, dass es dabei weniger um die Liebe der Japaner zum Walfleisch, sondern eher um Prinzipien und Bürokratie geht.
Es ist auch immer wieder faszinierend, zu sehen, wie wenig man allgemein über fremde Kulturen weiß: Bis zu meinem ersten Abstecher nach Japan, das war vor 15 Jahren, dachte ich, wie wahrscheinlich viele Andere auch, dass man in Japan nahezu pausenlos rohen Fisch und Reis verzehrt und dazu Sake trinkt. Hätte mir jemand vorher gesagt, dass in Japan zum Beispiel Bohnen fast die grösste Rolle in der Esskultur spielen, wäre ich vielleicht nie nach Japan gefahren. Vergorene Bohnen, schleimige Bohnen, süße Bohnen – weiß, grau, braun, rund, lang, groß, klein – ich war schockiert. Aber dafür gab es genügend andere, positive Überraschungen, und an ein paar Bohnen gewöhnt man sich früher oder später auch.
Als vor wenigen Jahren erstmals der Michelin-Guide für Japan erschien, herrschte helle Aufregung: Im fernen Tokyo gab es wesentlich mehr Sternerestaurants als irgendwo anders. Und geehrt wurden nicht nur japanische, sondern auch europäische Restaurants mit japanischen Starköchen. Trotz der eigenen, exzellenten und sehr vielfältigen Küche ist ausländisches Essen – und das beinhaltet auch Fast Food – in Japan seit jeher populär. Die meisten Restaurants belassen es zum Glück auch nicht dabei, einfach nur die fremde Küche zu imitieren – in Japan wird fröhlich gemischt was das Zeug hält, Rindfleisch mit Miso gebraten, Brot mit Reismehl gebacken und Nattō auf die original italienischen Spaghetti gekippt (vor allem letzteres kann man mögen, muss man aber nicht). “Was vermisst Ihr an Essen eigentlich am meisten?” fragte ich gelegentlich mal Japaner in Deutschland – man kommt im Gespräch mit Japanern früher oder später immer aufs Essen – und ich war überrascht, das manche nicht irgendein Gericht oder Sushi oder so etwas nannten, sondern einfach nur Gemüse. Komisch – dabei haben wir doch so viel Gemüse: Grünkohl, Rotkohl, Weisskohl, Rosenkohl, Blumenkohl… Alles da. In Japan schlägt man sich stattdessen mit unzähligen Sorten von Lauch, viel Knoblauch (auch das hatte mich überrascht) und allerlei exotischen Gemüsesorten herum. Beeindruckend ist vor allem die Vielfalt grüner Blattgemüsesorten, die ich auch nach etlichen Jahren in Japan noch immer gern durcheinanderbringe.
Nicht, dass das Halbwissen bezüglich der Essgewohnheiten anderer ein deutsches Phänomen ist: Deutsches Essen besteht für Japaner meistens aus Würstchen und Kartoffeln, zumindest aber aus Kartoffeln. Kartoffeln auf der Pizza? German Pizza! Kartoffeln und Zwiebeln halbherzig angebraten? German potato. Kartoffel als Sushibelag habe ich noch nicht gesehen, aber das soll nichts heißen – irgendeine findige, billige Familiensushikette hat bestimmt schon mal Kartoffelsalat auf den gesäuerten Reis gelegt. In Punkto Essen wundert mich da in Japan rein gar nichts mehr.
Eine weitere interessante Entdeckung war das Fehlen der anderswo üblichen Politisierung der eigenen Essgewohnheiten oder gar der Versuch, andere aufgrund ihrer Essgewohnheiten zu kritisieren. Fast und Junk Food sind ganz und gar nicht verpönt, sondern werden – von vielen zumindest – in gesunden Massen verzehrt. Immerhin ist ja Fast Food in Japan das, was es ursprünglich sein sollte: Äusserst billig. Hinzu kommt eine ganze Reihe einheimischer Fastfoodketten, die sich auf japanische und/oder chinesische Gerichte konzentrieren. Vegetarier muss man in Japan schon suchen, obwohl das Land dank der Vielfalt an Gemüse und reisbasierten Gerichte eigentlich ein Paradies für Vegetarier sein müsste. Auch Sätze wie “Wie kannst Du nur Thunfisch essen? Der stirbt doch aus!” oder “Das stammt bestimmt aus der Massentierhaltung – das esse ich nicht” hört man höchstens von Japanern, die sehr, sehr lange im westlichen Ausland gelebt haben.
Gerade die japanische (und auch die chinesische) Küche bietet einen großartigen Beweis für die unbegrenzte Vorstellungskraft und Experimentierfreudigkeit der Menschen: Wer schon mal eine Seegurke oder eine Seescheide lebenderweise gesehen hat, muss sich doch unweigerlich fragen, wer eigentlich zum ersten Mal auf die Idee kam, in eine solche zu beißen – und sie hernach auch noch weiterzuempfehlen! Wie viele – letale – Versuche hat es gekostet, bis man herausfand, welchen Teil des Kugelfisches man doch lieber seinem Ehepartner überlassen sollte? Und wie gelang man zu der Entdeckung, dass Rindviecher zart marmoriertes, extrem zartes Fleisch entwickeln, wenn man sie regelmäßig massiert? Über Essen in China sagt man ja oft, dass alles gegessen wird, was mit dem Rücken gen Himmel zeigt. In Japan ist das auch (fast) war: Komischerweise hält man sich aber beim Verzehr von Hunden zurück, und einen Japaner mit der Tatsache zu konfrontieren, dass man in Deutschland auch mal gern Karnickel verzehrt, erzeugt ungläubiges Erstaunen bis mildes Entsetzen.
Natürlich gibt es jedoch auch für Japaner gewisse Grenzen beim Probieren. Die sind allerdings sehr spezifisch und nicht allgemein. In mitteleuropäischen Kreisen zum Beispiel hat man seine liebe Not mit Essen, das sich noch bewegt, ergo scheinbar noch lebt, oder mit Bestandteilen die an ein Gesicht erinnern – Augen zum Beispiel. In Japan sind es eher sehr spezifische Geschmacks- oder Kombinationseigenarten: Lakritze zum Beispiel oder auch Milchreis empfindet man hierzulande regelrecht als pervers.
Der Blick auf japanische Essgewohnheiten kann uns in jedem Fall zumindest eines lehren: Einen Weg, über den Tellerrand der westlichen Denkart heraus zu blicken. Bloss weil man es nicht kennt, muss man es nicht ablehnen. Das soll nicht heissen, dass man alles nachmachen muss und herzhaft in den Walspeck beissen soll, aber ein wenig Offenheit kann nicht schaden – und warum sollte man nicht beim Essen beginnen?
Das schreibt jemand, der auch vergorene, schleimige Bohnen, verfaulte Eier (gut, das war China), rohes Pferdefleisch und marinierte Heuschrecken gegessen hat – partout aber keine Lust dazu hat, jedes Mal die grossen Augen aus den gekochten oder gebratenen Meerbrassen zu pulen, obwohl die angeblich das beste am ganzen Fisch sein sollen. Sagt man jedenfalls so.
Vor drei Tagen fielen abends selbst in Tokyo knapp 10 cm Schnee (immerhin!) – natürlich Schnee von der übelsten Sorte, grossflockig und nass, stellenweise auch mit Regen versetzt. Was macht die halbe Stadtbevölkerung dann? Genau, sich erkälten. Dem habe ich mich dank der täglichen Fahrten in vollen Bahnen triefender und schnaubender Zeitgenossen mal wieder angeschlossen.
Normalerweise koste ich dabei meine Erkältungen voll aus – warum nicht eine Woche leiden, wenn es mit Medizin nur 7 Tage dauert? Dieses Mal habe ich mich jedoch ausnahmsweise für Medizin entschieden – meinen Kindern zuliebe und weil man ja doch irgendwie Hoffnung hat, das ganze abkürzen zu können.
Da ich bereits weiss, dass normale japanische Erkältungsmedizin bei mir rein gar nichts bewirkt (vielleicht, weil sie auf 50 kg leichte Durchschnittsjapaner abgestimmt ist? Nur so ein Verdacht), habe ich dieses Mal zur Zauberwaffe gegriffen: 漢方 kanpō. Das ist traditionelle, chinesische Medizin, die auch in Japan sehr, sehr verbreitet ist. Man kann sie überall kaufen, ob verschreibungspflichtig oder nicht. Die Inhaltsstoffe klingen schon mal vielversprechend: Neben diversen Kräutern ist auch 牛黄 goō dabei – die Zeichen stehen für “Rind” und “gelb”. Das klingt schon mal verdächtig – und ist es auch. Es sind Gallensteine vom lieben Rindvieh. Na dann! Gottseidank sind es Kapseln, die sich im Magen auflösen. Die Medizin hilft wohl gegen Halzschmerzen, Kopfschmerzen, leichtes Fieber, Triefnase und Schüttelfrost. Ob sie wirklich hilft? Gute Frage. Schlechter geht es mir nicht. Wesentlich besser aber auch nicht. Nächstes Mal werde ich mich dann wohl doch wieder für die masochistische Variante entscheiden.
Das Problem ist dabei bestimmt auch der Glaube. Nein, ich glaube nicht daran, dass alle Medikamente helfen. Ich weiss, dass Antibiotika z.B. unersetzlich sind und sehr schnell helfen, aber eine echte Medizin gegen Erkältung? Das ist dann wohl doch eher viel Schlaf, ab und an eine heisse Zitrone und zur Vorbeugung mehr Sport. Letzteres fehlt mir momentan leider wirklich.