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Minami-Sōma – im Katastrophengebiet Teil 1

August 15th, 2011 | Tagged , | 6 Kommentare | 850 mal gelesen

In der vergangenen Woche habe ich an dieser Stelle ein Projekt vorgestellt, in dem es darum geht, den Bewohnern der Stadt Minami-Sōma (Präfektur Fukushima) zu helfen. Das Ergebnis dieses Beitrags war

1) Die Gelegenheit, dem Verantwortlichen des Projekts eine Spende von 10,000 Yen (11o Euro) geben zu können (im Namen der Leser dieses Blogs)

und

2) Ein Freiwilliger, der bei der Tour mithalf.

Soweit, so gut. Der eine oder andere möchte bestimmt wissen, wie das ganze verlaufen ist – von daher ein kurzer Bericht, der gleichermassen Einblick darin geben soll, wie es nun wirklich in den vom Tsunami sowie dem AKW Fukushima I betroffenen Gebieten aussieht.

Los ging es am Freitag, Treffpunkt war das Hauptquartier der Organisation Second Harvest – eine japanische Variante des Deutsche Tafel e. V. – die das Projekt logistisch und teils mit Waren stark unterstützt. Die Leute – 4 Japaner und 7 Ausländer, trafen sich um 19:30 bei Asakusabashi, um die beiden LKW’s zu beladen. Ich war eine halbe Stunde später dran, da ich bis um 19 Uhr noch im Büro war. Das Aufladen ging relativ schnell, und so war noch Zeit für ein Abendessen beim Chinesen um die Ecke. Um 22 Uhr war dann Abfahrt – zwei gemietete LKW’s und ein Privatauto machten sich auf dem Weg, aber als lose Kolonne. Es wurde verabredet, sich auf der Raststätte 那須高原 Nasu-Kōgen zu treffen. Die rund 200 km schafft man normalerweise in 2 Stunden (Tempolimit 100), aber in den O-Bon-Ferien ist der Verkehr etwas dichter, zumal momentan die Maut für die Autobahn nach Nordosten ausgesetzt wurde.

Gemüse aufladen in Kōriyama

Gemüse aufladen in Kōriyama

Gegen 1 Uhr waren wir dort, und die LKW’s kamen eine gute Viertelstunde später. Die Raststätte war voll; die Autos stauten sich bis auf die Autobahn, da keine Parkplätze frei waren. Ein paar Leute versuchten zu schlafen, andere lungerten einfach herum (so auch ich – ich kann leider nicht auf Knopfdruck schlafen). Um 3 Uhr ging es weiter, zum Gemüsegroßhandel in Kōriyama 郡山, einer Stadt im Süden von Fukushima. Dort wollten wir Gemüse kaufen und laden. Unser Kontaktmann sollte eigentlich um 4:30 kommen, aber er schien noch zu schlafen – er dachte, wir würden erst 7:30 da sein. Das wäre jedoch zu spät – wir würden es nicht rechtzeitig zum Zielort schaffen. Kurz nach 6 Uhr trudelte er schliesslich ein. Wir hatten im Voraus etliche Tonnen Gemüse geordert – hauptsächlich Kartoffeln, Zwiebeln, Mohrrüben und Rettiche. Das Aufladen dauerte keine 20 Minuten. Wir wurden zudem von ihm vor einem Stau vor Fukushima gewarnt, und so fuhren wir auf der normalen Strasse weiter. Das Navigationssystem eines LKW’s schien schon lange kein Update mehr gehabt zu haben: Es lotste einen LKW plötzlich genau Richtung Sperrzone, aber zum Glück warnten etliche Schilder schon lange vorher, dass es dort nicht weitergeht: Der kürzeste Weg nach Minami-Sōma führt direkt am AKW Fukushima I vorbei, doch bekannterweise gibt es heute eine 20 km Sperrzone rundherum.

飯館 - Iitate, Fukushima

Stattdessen ging es also hoch nach Fukushima und von dort auf der Staatsstrasse 6 nach Osten, Richtung Küste. Unter anderem ging es dabei auch durch 飯館 Iitate – der Ort, der durch horrend hohe Strahlenwerte sehr berühmt wurde: Wochenlang herrschten dort Werte von 20 bis 50 Mikrosievert (Tokyo: 0.1, Hotspots bei Tokyo um 0.5) vor. Und dort begann es, merkwürdig zu werden: Die Landschaft bei Iitate ist betörend schön – eine sehr schöne, bewaldete Bergregion mit schönen Tälern, saftigen Wiesen und interessanten Strassen. Halb ausgestorben. Die meisten Felder – nicht bestellt. Alle Läden und öffentlichen Gebäude ganz offensichtlich seit längerem geschlossen. Nur hier und dort noch Autos vor den Häusern. Die Gegend sieht aus, wie das Paradies auf Erden. Jedoch: Mehr oder weniger unbewohnbar, auch wenn man nichts sieht. Wenn man das sieht, begreift man allmählich, warum die Einwohner so irritiert sind und viele nicht wegwollen. Warum soll all das von einem auf den anderen Tag einfach schlecht und ungeniessbar sein? Es ist sehr schwer zu begreifen.

Um 9 Uhr war Treffpunkt am stillgelegten Bahnhof Kashima 鹿島 in Minami-Sōma mit den freiwilligen Helfern vor Ort. Wir waren eher da als die LKW’s, und so fuhren wir kurz Richtung Küste. An der Stelle ein paar Worte zur Stadt: Minami-Sōma ist zwar eine Stadt, aber in Wahrheit eher eine Ansammlung unzähliger Dörfer. Die “Stadt” ist 400 km² gross und hatte knapp 70’000 Einwohner. Das Gebiet reicht vom Meer bis zu den Bergen, mit zahlreichen Hügeln und Bergen im Stadtgebiet. Zur Stadt gehört ein ca. 2 km langes und ein 2, 3 km breites, topfebenes Flusstal. Am Nachmittag des 11. März 2011, mehr als eine halbe Stunde nach dem Beben mit der Stärke 9.0 rund 200 km nordöstlich, fegte ein schätzungsweise 15 m hoher Tsunami durch die Ebene: Die dritte Welle war besonders heftig und zermalmte den 10 Meter hohen Schutzwall aus Beton mit Leichtigkeit. Der Tsunami vernichtete alles im Flusstal – ausser ein paar wenigen Betonbauten und ein paar Bäumen, die man an einer Hand abzählen kann, wurde alles weggespült. 1’800 Häuser waren völlig zerstört; 300 Tote nach wenigen Tagen gezählt und 1,180 Menschen galten als vermisst.

Nahe der Küste in Minami-Sōma: Nichts steht mehr

Die Erdbeben vom 11. März – Hauptbeben und schweres Nachbeben eine halbe Stunde später – richteten auch mehr oder weniger starke Schäden im Rest der Stadt an; schlimmer war aber wohl ein Nachbeben am 11. April, also einen Monat später, der Stärke 6.6 in unmittelbare Nähe. Auch jetzt noch waren viele Dächer mit blauen Planen abgedeckt – Dächer, die während der zahlreichen Erdbeben abgedeckt wurden. Leider erwischte es jedoch die Stadt auch noch anderweitig: Das AKW Fukushima I liegt nur 30 km entfernt, und aufgrund sehr hoher Strahlenwerte wurdem grosse Teile von Minami-Sōma zur 屋内退避区域 – Okunai Taihi Kuiki erklärt: Das Wort steht für “Im Haus – Evakuierung – Gebiet”. Soll heissen, die Bewohner wurden angewiesen, ihre Häuser nicht zu verlassen. Das bedeutete jedoch auch, dass alle Firmen und Medien sich danach richteten: Minami-Sōma wurde regelrecht von der Aussenwelt abgeschnitten – keiner lieferte mehr etwas. Was folgte, war ein dramatischer Apell des Bürgermeisters Katsunobi Sakurai an die Weltöffentlichkeit – über YouTube.

Chor der Freiwilligen in Minami-Sōma

Chor der Freiwilligen in Minami-Sōma

Zurück zum Tagesablauf: Gegen 9 Uhr trudelten die Freiwilligen des Ortes ein: Über 10 Leute, die meisten ältere, sehr illustre Damen, aber auch 2, 3 Herren und ein netter Mann, der seine halbe Familie mitbrachte: Zwei Söhne und einen Onkel. Allesamt sehr, sehr nett. Einer der Köpfe der Freiwilligen war, nun ja, etwas anders: Er fährt einen ziemlich dicken Benz, geschmückt mit einer Jogginghose rund um den Stern und irgendeinem anderen Kleidungsstück am Einparkstab (keine Ahnung, wie die heissen – die Stäbe am Kotflügel, damit man sieht, wo das Auto aufhört). Damit fuhr er fast die ganze Zeit durch die Stadt – wohl um die Wäsche zu trocknen?

Wir machten Lagebesprechung: Wer bekommt wieviel? Welche behelfsmässigen Unterkünfte besuchen wir zuerst? Und was machen wir mit dem Bestand an Soyasauce, Mirin, Reisessig und Tsuyu – alles hatten wir in Mengen, die ausreichten, um die über 500 Leute gerecht zu versorgen, aber die vier Sachen hatten wir nicht in ausreichenden Mengen, also mussten wir überlegen, wie das verteilt werden kann, ohne das sich jemand ungerecht behandelt fühlt. Die Stimmung war gut: Kein Regen, und mit 30 Grad sollten die Temperaturen noch in erträglichen Massen bleiben (bei einer vorherigen Tour waren wegen der Hitze ein paar der Freiwilligen umgekippt).

So, das wird zu lang – deswegen werde ich mehr in Bälde schreiben. Hoffentlich morgen.

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Wenn es auf den regnet, der schon nass ist

August 2nd, 2011 | Tagged , , , , | 13 Kommentare | 676 mal gelesen

Wer momentan an der Beweisführung für den sogenannten Matthäus-Effekt arbeitet, kann mit Sicherheit in Japan fündig werden. Dieses Jahr wird wohl mit einigen Rekorden in die Annalen eingehen. Das schwere Erdbeben am 11. März mit dem nachfolgenden Tsunami war da erst der Anfang, aber Japan hat ja noch weit mehr als das zu bieten. Taifune und Starkregenereignisse zum Beispiel. Ein starker Taifun richtete erst in der vergangenen Woche grosse Schäden in Westjapan an. Vom 26. bis 30. Juli war dann die Präfektur Niigata und der Westen von Fukushima (das AKW Fukushima I steht im Osten) dran: Drei Tage regnete es dort ununterbrochen, an einigen Orten bis zu 400 mm pro Tag. Ganze Landstriche und Ortschaften standen und stehen unter Wasser, 4 Menschen kamen bisher ums Leben und ein Teil der Infrastruktur hat stark gelitten. Rund 400’000 Menschen wurde die Evakuierung angeordnet – darunter sind auch tausende Menschen, die bereits als Flüchtlinge behelfsmässig untergebracht waren.
Da vergisst man doch glatt die Erdbeben. Vorgestern nacht um 4 Uhr morgens gab es erst ein Beben der Stärke 6.4, quasi gleich in der Nähe des AKW, und in weiten Teilen Chibas und Tokyos mit der Stärke 3 nach der japanischen Skala deutlich spürbar. Vor einer Stunde bebte es dann westlich der Izu-Halbinsel, Stärke 6.1; auch das war in Tokyo und Chiba mit Stärke 3 stark spürbar.
Zum Glück gibt es noch andere Sprichwörter. Zum Beispiel “Es kann ja nicht immer regnen”. Oder?

Gestern gab es in der Sendung “Mr. サンデー” (Mr. Sunday – in etwa vergleichbar mit Spiegel TV, so es das noch gibt) einen interessanten Beitrag über die Wahrnehmung von Radioaktivität in Japan. Man verglich dabei die heutigen Werte in den sogenannten Hotspots (also Orten, in denen die Radioaktivität nach dem AKW-Unglück von Fukushima 1 deutlich zunahm) und anderen Orten weltweit, wie etwa Rom. Da war zwar nicht allzu viel Neues dabei, aber die Hintergrundinformationen über die Strahlenbelastungsgrenze in Japan (zur Zeit 20 Millisievert pro Jahr) waren recht interessant: Dazu sprach unter anderem der Chef der Internationale Strahlenschutzkommission, der nur lapidar meinte, dass Japan den untersten Grenzwert gewählt hat und alles unter 100 Millisievert pro Jahr eine “blackbox” ist – man weiss nicht, ob eine Belastung unter 100 Millisievert etwas ausmacht. Die Empfehlungen der Strahlenschutzkommission (PDF, deutsch) lesen sich nicht ganz so zuversichtlich, aber die Diskussion um die Werte zeigt eins: Nicht nur die Reaktoren sind überhitzt, sondern auch die Gemüter: Die Regierung meint, da ist doch noch Platz mit den Grenzwerten, während einige Verbände erbost einen Grenzwert von 1 Millisievert / Jahr fordern.

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Ist Japan sicher?

Juli 20th, 2011 | Tagged , , , | 17 Kommentare | 1314 mal gelesen

Als Reaktion auf den letzten Blogbeitrag, der unter anderem den Skandal um den Umlauf von radioaktiv belastetem Rindfleisch in Japan aufgriff, gab es ein paar Kommentare sowie persönliche Nachrichten besorgter Japan-Aspiranten, die sich Sorgen machen, ob Japan sicher ist oder nicht – vor allem in punkto Lebensmittel. Um weiteren Anfragen vorwegzugreifen, nun also ein eigener Eintrag dazu, den ich mehr als Denkanstoss denn als Ratgeber verstanden haben möchte – zur Erinnerung, der Verfasser dieses Blogs ist im Gegensatz zu vielen Millionen Deutschen kein Experte in Sachen Nuklearphysik und Ökotrophologie.
Ist Japan also sicher? Die Frage ist schlichtweg nicht mit ja oder nein beantwortbar. Also versuche ich mal, logische Schlüsse aus den vorhandenen Fakten zu ziehen.

Die Ausgangslage
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1. Vier Reaktoren im AKW Fukushima 1 wurden durch den Tsunami am 11. März 2011 stark zerstört. Dabei wurde eine erhebliche Menge radioaktiver Substanzen a) in die Luft und b) ins Meer freigesetzt.

2) Wie man bereits an Tschernobyl erkannt hat, breiten sich Strahlung sowie kontaminierte Substanzen nicht konzentrisch aus. Sprich, 1’000 km entfernt zu wohnen bedeutet nicht zwangsläufig, das man sicherer ist als jemand in 50 km Entfernung. Das Ausmass der Kontamination hängt stark von äußeren Faktoren wie Höhe der Explosionswolke, Windstärke und -richtung, Niederschlagssituation, Meeresströmung, Tidenhub, Länge und Konzentration der Einleitung kontaminierter Substanzen usw. usf. ab.

Folgen
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Kurz nach dem Beginn der Reaktorprobleme gab es einen deutlichen Anstieg der Konzentration radioaktiven Jods, später auch Cäsiums in der nahen bis weiteren, sowie einen Anstieg von Strontium und Plutonium (möglicherweise!?) in der näheren Umgebung. Diese Substanzen verdünnen sich an den einen Stellen und konzentrieren sich an anderen Stellen., mit teilweise schwer vorhersagbaren Verteilungsmustern.

Das Problem
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1) Information. Entweder man hat das Gefühl, die Informationen reichen nicht, oder sie werden zu spät weitergeleitet. Hinzu kommt ein grosses Misstrauen gegenüber öffentlichen Quellen sowie eine ganze Reihe von Fehlinformationen aus teilweise zweifelhaften Quellen.

2) Das Ausmass. Die Ausmasse der Reaktorkatastrophe, zudem noch gepaart mit einem gewaltigen Erdbeben und einem ebenfalls gewaltigem Tsunami, einhergehend mit massiven Strom- und anderen Versorgungsengpässen, verschärft die Lage zusätzlich.

3) Kapazitäten. Natürlich hat auch Japan Labore und mobile Messgeräte, doch das Ausmass der Katastrophe übertrifft die schlimmsten Befürchtungen. Es mangelt schlichtweg an Laborkapazität, um alle Lebensmittel und alle Winkel der betroffenen Regionen sofort und allumfassend zu überwachen.

4) Sturheit und Unwissenheit. Nein, das ist keine japanische Eigenart. Der Verkauf von belastetem Rindfleisch ist teilweise auf die Sturheit einiger Viehzüchter zurückzuführen (erwiesenermassen) – die falsche Angaben zum Futter machten, in der Hoffung, ihre Tiere trotzdem verkaufen zu können. Unwissenheit hingegen seitens der Behörden zum Beispiel, die scheinbar nicht ahnen, wie der Nahrungsmittelkreislauf funktioniert.

Die jetzige Lage
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Noch immer können nicht alle Lebensmittel getestet werden. Es werden nur Stichproben genommen. Gibt es eine erkennbare Häufung von Grenzwertüberschreitungen in einem eingrenzbaren Gebiet, wird eine Auslieferungsbeschränkung angeordnet (出荷制限 shukka seigen). Teilweise geschieht diese Beschränkung jedoch auf Freiwilligenbasis – die Landwirte werden in dem Fall lediglich “gebeten”, Lieferungen auszusetzen.

Kann ich mich in Japan schützen?
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Wer Japanisch kann, kann versuchen sich zu schützen, denn das Herkunftsgebiet bei Obst, Gemüse und Fleisch ist in der Regel ausgezeichnet. Jedoch nur auf Japanisch. Völlige Sicherheit kann auch diese Massnahme nicht bieten – vor allem bei bereits verarbeiteten Lebensmitteln ist es schwer, an Informationen zu kommen.
Bei Restaurants und dergleichen kann man sich nur sehr bedingt schützen – klar man nachfragen, woher die Zutaten stammen, und gerade bei feinem Rindfleisch ist die Herkunft wichtig und wird in der Regel dazugeschrieben, aber bei Meeresgetier und Gemüse wird es schon schwieriger.

Ist Japan unsicher in Punkto Lebensmittel?
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Nun, sicher unsicherer als vor der nuklearen Katastrophe, denn radioaktive Verseuchung kommt als potentielle Gefahr hinzu. Man sollte beim ganzen Bashing jedoch eins nicht vergessen: Die Tatsache, dass grenzwertüberschreitende Lebensmittel wichtige Themen in den Nachrichten sind, zeigt zumindest eins: Es gibt Leute, die sich Sorgen machen und versuchen, auf die Gefahren hinzuweisen. Oftmals wird man erst im Nachhinein informiert, was jedoch – logischerweise – auf die momentanen Wartezeiten bei den Labors zurückgeführt werden kann.

Was soll ich tun?
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Prinzipiell hat hier jeder 3 Möglichkeiten:

1. Augen zu und durch und einfach nicht drauf achten. Man erfährt ja sowieso nicht alles und oft erst zu spät.
Vorteil: Gesteigerte Lebensqualität aufgrund geringeren Sorgen- und Stresspegels.
Nachteil: Mit etwas Pech weniger lange Freude an der gesteigerten Lebensqualität da man doch zu oft das falsche zu sich genommen hat.

2. Panik schieben, alles und jedem misstrauen und sich weitestgehend einschränken
Vorteil: Weiss nicht. Gibt es einen?
Nachteil: Stark geschmälerte Lebensqualität und höherer Stressfaktor. Eventuelle Reue, wenn man kerngesund von einem Laster überfahren wird.

3. Augen offenhalten und versuchen, nachzudenken. Fragen stellen.
- Waren Lebensmittel vor Fukushima alle kosher?
- Sind radioaktiv verseuchte Lebensmittel die einzigen Lebensmittel, die Spätfolgen hervorrufen könnten (Stichwort Dioxin, EHEC, kanzerogene Zusatzstoffe, Schimmelsporen etc)?
- Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Rindfleisch da im Restaurant vor mir nicht aus Australien, Argentinien oder Kyūshū stammt, sondern ganz bestimmt von einem Tier aus einem stark verstrahlten Gebiet?

… usw. usf.

Ist Japan sicher?
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Für Kurzzeitbesucher? Ich denke schon. Für Dauerinsassen? Vielleicht weniger sicher als vorher, aber mit etwas Vorsicht sollte man in der Lage sein, das Risiko etwas zu senken. Es sei denn man zählt zum Typ 1, dann ist es egal.
Wer für sich Möglichkeit 1 oder 3 beansprucht, sollte nach Japan kommen. Wer Möglichkeit 2 wählt, sollte es sich überlegen – und zwar gut. Die Freude an Japan könnte durch die eigene Sorge stark geschmälert werden.
Ich habe Möglichkeit 3 gewählt.
Wie viel Sorge berechtigt war, wird sich womöglich erst in 30 Jahren zeigen. Und hoffentlich nicht bei unseren Kindern, sondern wenn schon nur bei uns selbst. Aber ich glaube, dass es selbst für Kinder sicher ist – solange sich die Eltern etwas Gedanken machen und mit Bedacht agieren.

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Extreme Stromsparing / Sonstiges

Juni 30th, 2011 | Tagged , , | 9 Kommentare | 908 mal gelesen

Die Bemühungen in Japan, vor allem im Grossraum Tokyo, Strom zu sparen um erneute Stromausfälle zu vermeiden, scheinen Früchte zu tragen. Heute war ein extrem heisser Tag – im Zentrum von Tokyo war es über 35 Grad warm und selbst jetzt sind es noch fast 30 Grad, aber der Stromverbrauch lag maximal bei 93% der Gesamtkapazität. Das lässt einigermasssen für den Sommer hoffen – Stromausfälle im Winter kann man halbwegs mit Decken ausgleichen, aber im Sommer würde es brutal werden – und um seinen Kühlschrankinhalt dürfte man wohl zu recht bangen. Leute, die innerhalb der 23 Stadtbezirke wohnen, bräuchten da allerdings keine Angst vor haben: Dort sind auch im Extremfall keine planmässigen Abschaltungen geplant. Auch grosse Teile meiner Stadt wurden von der Vorsichtsmassnahme “befreit”: Die Grenze zwischen Staddteilen, in denen zur Not abgeschaltet wird oder eben nicht, verläuft ca. 50 m von meinem Haus entfernt. In diesem Fall wohne ich leider auf der falschen Seite.
So ganz möchte ich mich von den Bemühungen als Betroffener auch nicht ausschliessen: Einen Testserver, den ich im Büro laufen hatte, habe ich bereits auf einer Wolke irgendwo im Nordwesten der USA platziert (Stichwort “cloud”) – das sind schon mal 1.5 kW weniger. Und ich habe zu Hause die Geräte so umgestöpselt, dass ich (fast) alles komplett ausschalten kann. Keine Geräte auf Standby – nur der Kühlschrank muss natürlich laufen. Die Massnahmen scheinen sich zu lohnen. Tepco hat heute verlautet, dass der Stromengpass bis zum nächsten Sommer (also 2012) anhalten kann. Das kann ja heiter werden.

Gestern gab es in den Nachrichten bewegende Bilder aus 気仙沼 Kesennuma – einer Küstenstadt nördlich von Sendai, die nach dem Erdbeben erst von einem Tsunami und davor und danach von einer Feuerwalze heimgesucht wurde. Gestern holten die dortigen Fischer den ersten Fang seit der Katastrophe ein: Und zwar zahlreiche Tonnen des in Japan allseits beliebten かつお Katsuo – “Echter Bonito” – salopp gesagt eine Art Mini-Thunfisch. Die Fischer und Anwohner waren, verständlicherweise, sehr ergriffen. Was nutzen die ganzen Aufräumarbeiten, wenn keiner wirklich arbeiten kann.

Letzte Woche erhielt ich ein verlockendes Angebot eines mir persönlich bekannten Firmenchefs. Letztendlich habe ich es ausgeschlagen. Kann mir nicht mal jemand aus der Schweiz oder Deutschland so ein Angebot machen :) Mit japanischen Steuerabgaben natürlich … nein? Schade. Also geht es weiter wie bisher, im Jahr 6 in der jetzigen Firma. In letzter Zeit suchen wir mal wieder händeringend Leute und machen deshalb wieder viele Vorstellungsgespräche. Wenn ich Zeit habe, folgt entsprechend eventuell mal ein “Vorstellungsgespräche – Reloaded” (Teil 1 war hier).

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Von Illuminati und der grossen Tsunamilüge

Juni 15th, 2011 | Tagged , , , | 27 Kommentare | 1474 mal gelesen

Von Spam einmal abgesehen gilt für diesen Blog eigentlich, dass alle Kommentare freigeschaltet werden. Und zwar ungeschnitten. Von dieser eigentlich selbstverständlichen Regelung musste ich mich leider nach dem Erdbeben am 11. März verabschieden. Die meisten Leser werden sich kaum vorstellen können, womit ich bzw. der Blog hier zugeschüttet wurde. Da ich mir jedoch selbst ein gewisses Mass an Seriösität verschrieben habe (ob berechtigt oder nicht), musste ich leider etliche Kommentare aussen vor lassen: Ich hatte und habe keine Lust, wilden Spekulationen und Fehlinformationen oder einfach nur unseriösem Quatsch ein Forum zu bieten.

Beispiele?

Schon gewusst? Das Erdbeben war nicht etwa ein normales Erdbeben, sondern wurde von den Illuminati mittels geschickt plazierter Bomben am Meeresgrund eingeleitet, um damit Japan auseinanderzubrechen und untergehen zu lassen. Ihr glaubt es nicht? Doch, doch! Steht alles ganz genau im Internet, also da, wo all die richtigen Informationen herkommen. Hier, guck:

http://www.politaia.org/wichtiges/japan-staged-or-an-attack-video-englisch/

http://erbeben-earthquake-terremoto.blogspot.com/2011/04/haarp-japan-erdbeben-tsunami-die.html

Anmerkung 1: Man achte auf die Schreibweise des ersten Wortes im Link! Bürgt schon von anfang an für Qualität!!
Anmerkung 2: Ja, genau – die gleichen Illuminati, die auch schon bei den grossen Beben 1923, 1854, 1707, 1605, 1498 (soll ich weitermachen!?) die Bomben gelegt hatten.

Und das der ganze Tsunami nur eine Inszenierung war und eigentlich gar nicht stattfand, sollte auch jedem klar sein: Schliesslich kann ja auch nicht sein, was man nicht selbst sieht. Glaubt Ihr auch nicht? Nee, ehrlich. Ihr müsst nur die richtigen Nachrichtenquellen finden, nicht immer die kommerziellen, von der Politik gegängelten Medien. Denn nur unabhängige Quellen mit ganz dollen Experten wissen wirklich, was los ist:

http://www.terra-germania.org/japaner-zweifeln-an-tsunami-katastrophe/

http://polskaweb.eu/japan-tsunami-erdbeben-und-radioaktivitat-mit-zweifeln-5887978.html

Glücklicherweise gibt es im Internet Menschen, die mich ganz doll kennen und sehr besorgt um mich sind. Zum Beispiel darüber, dass ich eventuell vor Langeweile und Müdigkeit vom Stuhl falle. Und da ich ja diesen Blog schreibe und zufällig auch noch vor Ort bin, passt das ja richtig gut, um ein paar wichtige Infos zu kommunizieren. Beispiel – erst vor zwei Stunden reingekommen:

Ich habe zu Beginn der “Krise” geschrieben, verlasst Japan und das war ernst gemeint. Nun nachdem immer mehr Infos bekannt werden, zeigt sich, dass mein Rat 100% richtig war, denn die ganze Welt wurde ob des Ausmaßes der Katastrophe belogen. Wesentlich dabei ist jedoch folgendes Bild.
1) Unfall mit variierenden Infos
2) Laufende Beschwichtigungen ducrh Medien
3) Verschwinden des Messpunkts bei Fukushima von internat. Strahlungskarten. (letzter Messwert 6,2 Sievert/h)
4) Verschwinden der Stahlenkarten der USA aus www.
5) Anhebung der internat. Strahlengrenzwerte
6) Einzug der Strahlenmessgeräte der Schweizer ABC Truppe durch die Armeeführung (die Geräte sind bei den Soldaten zu Hause)
7) Lieferzeiten für Messgeräte in Europa auf März 2012 verschoben. (derzeit KEINE Messgeräte am Markt)
8) Langsames Durchsickern des wahren Ausmaß des Unglücks über alternative Medien.

Ja, herrlich. 6.2 Sievert pro Stunde in Fukushima. Na, das wäre ja dann wirklich mal besorgniserregend! Als ich das las, wollte ich am liebsten meinen Kopf in die Mikrowelle stecken. Ach ja, untermauert werden diese Informationen (naja, zumindest ein paar) auch mit sehr wichtigen, ernstzunehmenden Links:

http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/geostrategie/mike-adams/das-gebiet-von-fukushima-ist-jetzt-eine-radioaktive-todeszone-wie-ein-von-einer-atombombe-getroffe.html

http://alles-schallundrauch.blogspot.com/2011/05/schweizer-armee-zieht-geigerzahler-ein.html
(Lesetipp: Sucht nach dem Kommentar von elektromagnetisch und einer Antwort darauf weiter unten von Torsten

Ist aber auch egal, ob wir das alles lesen oder nicht, denn bekanntermassen geht die Welt ja sowieso 2012 unter. Ob ein bisschen radioaktiver als vorher dürfte dann ja egal sein.

Ach ja, der Quartalspreis für vollkommene Unverfrorenheit geht an

http://www.biallo.at/

die unzählige Male versuchten, mit grösstenteils irrelevanten Beiträgen Besucher auf ihre eigene Seite zu führen. Danke dafür – hatte sowieso nichts besseres zu tun als Spreu vom Weizen zu trennen!

Anmerkung 1: Da ich oben erwähnten Webseiten keinen Aufwind geben möchte, sind die Seiten nicht verlinkt.
Anmerkung 2: Ich danke allen von Herzen, die versucht haben, teilweise sehr bedeutsame Links/Informationen auf diesem Wege zu teilen. Das half nicht nur mir sondern mit Sicherheit auch vielen anderen Lesern.

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Schleichende Angst

Juni 4th, 2011 | Tagged , , | 27 Kommentare | 1413 mal gelesen

Langsam, ganz langsam scheint es hier mehr und mehr Leuten zu dämmern, dass Fukushima vielleicht doch nicht so weit weg ist (gute 200 km von Tokyo), wie so manch einer denken möchte. Noch immer scheint die Mehrzahl der Leute in unserem Bekanntenkreis sich nicht um die möglichen Konsequenzen zu kümmern – teilweise zurecht, wahrscheinlich, aber die völlige Ignoranz vieler Mütter mit kleinen Kindern ist schon erstaunlich.

Die verspätete Angst vor der Radioaktivität hat wohl mehrere Gründe. Zum einen liegt es, und das wird von Aussenstehenden gern vergessen, daran, dass wieder soweit Ruhe eingekehrt ist, dass man Luft holen und sich um andere Dinge Gedanken machen kann. Es gibt wieder alles zu kaufen, die Bahnen fahren wieder, Stromausfälle sind vorerst ausgesetzt und die Nachbeben haben halbwegs nachgelassen (während ich das gerade geschrieben habe, gab es ein Beben mit einer schwachen 5 vor Fukushima – aber das ist wirklich selten geworden).

Andererseits liegt es auch daran, dass mehr und mehr Informationen durchdringen. Zum Beispiel die, dass die von den Behörden bekanntgegebenen Messwerte zwar korrekt sind, aber doch irgendwo nicht beruhigend. Gern zitiertes Beispiel: Die offizielle Messstelle für Radioaktivität in der Präfektur Chiba (jede Präfektur hat solch eine Einrichtung) befindet sich in 20 m Höhe. Dort, wo sich Kinder zum Beispiel selten aufhalten. Das ist nicht unbedingt eine Gemeinheit – die Messstelle befand sich auch schon vor dem GAU dort. Aber nach solch einem grossen Atomunfall beruhigt diese eine, in 20 m Höhe gemessene Zahl, nicht unbedingt.
Zudem drang auch vor wenigen Wochen erstmals ans Licht, dass es auch in der Grossstadtregion durchaus regional sehr verschiedene Belastungen gibt. So fand man im Dreieck Tokyo-Saitama-Chiba einen sogenannten Hotspot, in dem 3 bis 5 mal mehr radioaktive Substanzen herunterkamen als im Durchschnitt (der Hotspot liegt in der Gegend um Abiko, Kashiwa, Matsudo und Ichikawa – man schätzt, dass ca. eine Millionen Menschen dort leben).

Da die von der Regierung veröffentlichten Daten entweder zu spärlich, zu spät oder gar nicht durchkommen, greifen nun viele zur Selbsthilfe: Mütter schliessen sich zusammen, um selbst Messgeräte zu erwerben, zu benutzen und die Werte zu veröffentlichen. Andere (so auch wir) schreiben an die Stadtverwaltung mit der Bitte um mehr Informationen und, so erforderlich, angemessenen Reaktionen. Und siehe da: 2 Tage später (bestimmt aber nicht wegen uns – sicherlich haben schon mehr deshalb geschrieben) veröffentlichte unser Rathaus Informationen: Nicht ohne Kritik an den oberen Stellen wurde dort verlautet, dass die Stadt nicht warten wollte und selbst Messgeräte anschaffte. Und schon die ersten Werte veröffentlichte. Nun wissen wir wenigstens, woran wir hier sind: Zwischen 0.1 und 0.25 Mikrosievert pro Stunde liegt die Belastung bei uns am Boden. Das ist eindeutig höher als normal, aber, so man das aus dem Wust an Informationen herauslesen kann, nicht übermäßig besorgniserregend.

Schwer ist es nachwievor, bei dem Wust an Informationen und Experten- und Pseudoexpertenmeinungen die Ruhe zu bewahren. Hier und da heißt es, Radioaktivität ist prinzipiell und egal in welcher Menge schädlich. Jedes einzelne radioaktive Atom sei da schon zu viel für Kinder. Das mag sein, aber naturwissenschaftlich gesehen halte ich Behauptungen wie diese, auch seien sie gut gemeint, für unlogisch. Die Definition von Gift ist weniger eine Definition der Substanz, sondern der Menge. Noch prekärer sind aber die Leute wie die Verwandte einer Freundin unserer Familie: Die meinte ganz ernst zu unserer Bekannten: “Dein Kind wird wegen der Radioaktivität 100% krank”. Nein, diese Verwandte versteht nichts von Radioaktivität. Und sie ist erst neulich einer seltsamen Sekte beigetreten.

Angst? Nein. Sorge? Nachwievor. Was wäre, wenn ich in Matsudo wohnen würde? Würde ich umziehen? Ich weiss es nicht. Wahrscheinlich aber schon. Wo liegt die Grenze? Schliesslich sieht die Lage weiter nördlich noch viel schlimmer aus. Vor einer Weile beschloss das Bildungs- und Wissenschaftsministerium (文部科学省), die zulässige Belastungsgrenze für Schulkinder heraufzusetzen: Nur in Schulen mit einer Strahlenmenge von 3.8 Mikrosievert pro Stunde und mehr wird festgeschrieben, dass Kinder maximal eine Stunde pro Tag draussen sein dürfen (13 Schulen betrifft das). Auf diese Entscheidung hin hagelte es wütende Proteste aus Fukushima, und das ist mehr als verständlich. 3.8. 0.2. Zahlen. Viele Zahlen. Mehr Antworten dazu als es Fragen gibt, scheint es. Aber wenigstens hat man jetzt das Gefühl, etwas mehr über die tatsächliche Belastung zu wissen.

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Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XVIII

Mai 19th, 2011 | Tagged , , , | 1 Kommentar | 738 mal gelesen

Auf Wunsch einiger Leser – per Kommentar oder persönlicher Nachricht – zum ersten Mal seit Wochen wieder ein Update zum Thema Erdbeben. Es wird wieder sehr subjektiv werden.

Nachbeben
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Vorneweg die gute Nachricht: Die Nachbeben haben in letzter Zeit an Intensität und Häufigkeit eindeutig nachgelassen. Vor meiner Kurzreise nach Deutschland spürte ich bei uns tagtäglich Nachbeben – seit ich zurück bin, und das ist immerhin schon wieder eine Woche her – habe ich erst eines eindeutig gespürt. Das soll nicht heissen, das es nur eins gab – ein Blick auf die Erdbebeninfos zeigt, dass es schon noch mehr sind als üblich – aber glücklicherweise Wache ich bei Beben unter der Stärke 3 meistens nicht auf und so spüre ich in letzter Zeit zumindest nachts nichts. Die Woche in Deutschland hat mich auch vorerst von der leichten Form der Erdbebenkrankheit geheilt – das ständige Gefühl, dass die Erde bebt, ob wahr oder nicht, habe ich nicht mehr.
Das ist natürlich keine Entwarnung. Es können noch starke Nachbeben folgen. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass das in Tokyo schon seit geraumer Zeit erwartete schwere Beben zuschlägt, dürfte nachwievor höher sein als sonst. Aber das ist schwer in Zahlen zu fassen, auch wenn es manche Schlaumeier versuchen – die dann in Foren wie DinJ einfach mal so behaupten, dass die Wahrscheinlichkeit für “the Big One” in den nächsten Wochen bei 97% liegt.

AKW Fukushima
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So langsam kommen also die Details ans Licht, und wie schon zuvor befürchtet, ist alles noch schlimmer als man dachte. Wirklich? Eine Kernschmelze hatte also im Block 1 keine 24 Stunden nach dem Beben eingesetzt. Und man weiss noch nicht mal, was genau in Block 2 und 3 nun passierte. Und dann ist da noch Block 4, und viele Tonnen abgebranntes Material in den Abklingbecken. Eigentlich ist es da geradezu erstaunlich, dass da nicht noch viel mehr passierte, aber wie es bereits von zahlreichen Wissenschaftlern vorher bemerkt wurde: Der Reaktortyp ist anders als Tschernobyl und damit sind auch die Abläufe bei einer Katastrophe anders.
Sollte man jetzt also Panik verbreiten? Um der momentanen Entwicklung mal etwa Positives abzugewinnen: Immerhin beginnt man langsam zu verstehen, was wirklich geschah und geschieht. Das ist der erste Schritt zur Planung der richtigen Massnahmen. Und: Der Austrag radioaktiven Materials scheint momentan wesentlich geringer zu sein als noch vor Wochen. Die Strahlung in und um Tokyo, aber auch in anderen Präfekturen, nimmt kontinuierlich ab bzw. ist in einigen Gebieten bereits auf normalem Level. Allerdings gibt es selbst im Grossraum Tokyo grosse örtliche Unterschiede: So stellte man z.B. in Nordwestchiba, in der Gegend um Matsudo, Abiko und Nagareyama, eine 3 bis 5-fach höhere Belastung als im Zentrum Tokyos fest (diese Werte sind damit wohl so hoch wie in Teilen Bayerns nach Tschernobyl). Offensichtlich kam es dort Mitte März zu einem übermässig hohen Eintrag radioaktiver Stoffe, so dass dort der Boden bzw. damit auch die Luft in geringer Höhe stärker belastet ist als anderswo. Einwohner verlangen deshalb nun auch nach einer genauen Messung der Werte im Boden z.B., um gegebenenfalls zu reagieren (Warnung an Eltern usw.)

Ansonsten bekomme ich fast täglich nette Kommentare (die ich nicht veröffentliche) und private Nachrichten, in denen ich auf den einen oder anderen obskuren Link hingewiesen werde, mit Worten wie “Wach endlich auf! Ist alles ganz schlimm!” oder mit wüsten Verschwörungstheorien nach dem Motto “Warum werden die Werte geheimgehalten? Weil alles noch viel schlimmer ist” usw. usf. Argumente wie “die Werte werde nicht geheimgehalten, selbst Greenpeace und andere NGO veröffentlichen sie” dürften da nicht ziehen – wer an Verschwörung glauben will, glaubt dran. Ich jedenfalls aber habe keinen Bedarf nach obskurer Literatur zum Thema.

Versorgungslage
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Mittlerweilen gibt es eigentlich wieder alles. Die Politiker beissen beim Pressetermin herzhaft in Gurken aus Fukushima und verkünden dabei, das alles in Ordnung sei. Ich bin zwar kein Verschwörungstheoretiker, aber das glaube selbst ich nicht: Klar, für den 75-jährigen Politiker wird der Biss in die Gurke ganz sicher keine Konsequenzen haben. Aber was ist mit stillenden Müttern und kleinen Kindern? Das Risiko werden wir nicht eingehen und verzichten damit nachwievor auf Gemüse aus der Region. Was gar nicht so leicht ist, da fast alles grüne Gemüse aus dieser Region hier stammt.

Lage im Norden
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Nun, es geht wohl voran mit dem Saubermachen, aber erwartungsgemäss wird es noch sehr, sehr lange dauern. Man dürfte von Jahren ausgehen. Noch immer leben zehntausende Menschen in Notunterkünften, aber wenigstens scheint sich die Versorgungslage verbessert zu haben.

Die dunkle Seite
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Ich hatte einmal geschrieben, dass die Japaner in punkto Ruhe bewahren nach der Katastrophe und gegenseitiger Hilfe der Gipfel der Zivilisation seien. Aber es gibt auch eine dunkle Seite (die ich schon mehrfach in anderen Beiträgen erwähnt hatte): Das Ausstossen ganzer Gruppen aus der Gesellschaft hat noch immer Konjunktur, und dieses Mal trifft es Fllüchtlinge und Einwohner aus Fukushima. Zahlreiche Fälle wurden bereits gemeldet, in denen Hotelbesitzer z.B. Gäste aus Fukushima ablehnen oder selbst Notunterkünfte von den Menschen verlangen, nachzuweisen, dass sie nicht verstrahlt sind. Dies wird noch wildere Blüten treiben. Aber selbst der Aufruf der Regierung, dies zu unterlassen, und der Hinweis darauf, dass Strahlung nicht ansteckend ist, wird da nicht helfen. Das Ausstossen von Menschen aus der Gesellschaft aufgrund einer (in der Regel nicht mal selbst verschuldeten) “Verunreinigung” hat hier Tradition.

Soviel erstmal nur. Mehr bei Bedarf und bei Gelegenheit.

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Town Hall Meeting der deutschen Botschaft: Denn man tau!

April 28th, 2011 | Tagged , | 19 Kommentare | 1825 mal gelesen

Erst hörte man von der deutschen Botschaft gar nichts – obwohl ich mich extra vor Jahren in eine Notfallliste eingetragen hatte. Lediglich offizielle Statements waren über Umwege aus der Presse vernehmbar: Ihr Deutschen, verschwindet aus Tokyo. Dann erfuhr man nebenbei, dass die Botschaft sich nach Osaka verlegt hat.
Am 25. März, zwei Wochen nach dem Erdbeben, kam schliesslich ein Schreiben: Ein schieft eingescanntes Schriftstück. Vorgestern, also gute sechs Wochen nach dem Beben, nun ein zweites Schreiben: 5 Mal kam innerhalb von 8 Minuten das gleiche Schriftstück von der Botschaft an – alles an die gleiche Email-Adresse geschickt, wohlgemerkt. Das wäre in meiner Firma eigentlich schon ein Kündigungsgrund. Ein Doppelklick auf das PDF auf meinem Mac – und ich sehe gar nichts, ausser schwarzen Linien und der eingescannten Unterschrift. Herrlich. Das Problem kenne ich – und es lässt sich relativ einfach vermeiden. Nun gut, Adobe Illustrator gestartet, und dann konnte ich endlich den Inhalt lesen.

Der Botschafter lädt ein zu einem Town Hall Meeting – am Dienstag, den 10. Mai 2011 von 18.00-21.00 Uhr im Atrium der Botschaft. Ob die eigentliche Botschaft in Tokyo oder die provisorische Botschaft in Osaka gemeint ist, hält man nicht für erwähnenswert. Warum auch – sollen die Leute doch googeln. Im Schlepptau hat man wohl Experten für Kernenergie und es soll zu einer offenen Diskussionsrunde kommen, denn:

Mit Abklingen der akuten Gefährdung werden die Fragen zu unserem weiteren Verhalten jedoch immer komplexer.

Was auch immer das heissen mag. In der DinJ (Deutsche in Japan)-Gruppe auf Yahoo ruft schon der erste zum Boykott auf, aber das halte ich für falsch – wer hin kann, sollte hingehen. Ich habe auch grosse Lust, hinzugehen, sitze aber dummerweise just zu dieser Zeit im Flieger, und das ist schon wesentlich länger geplant als das Erdbeben.

Falls jemand hingeht, wäre ich an einem Bericht hoch interessiert.

Aber ich muss es noch mal hier loswerden: Das Krisenmanagement der deutschen Botschaft in Japan nach der Katastrophe halte ich nachwievor für höchst unprofessionell und sehr enttäuschend. Ich erwarte nicht viel von einer Botschaft – aber zumindest in Sachen Informationspolitik gibt es hier einen enormen Nachholbedarf, von Kleinigkeiten wie 5 mal an die gleiche Adresse gesendeten offiziellen Schreiben mal ganz abgesehen.

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Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XVII

April 19th, 2011 | Tagged , , | 12 Kommentare | 1235 mal gelesen

Schon Teil 17… mittlerweilen bekomme ich wirklich allmählich Lust, mal wieder über etwas Anderes zu schreiben.
Seit dem Erdbeben sind nun schon gute 5 Wochen vergangen, aber noch immer bestimmen die Folgen hier die Nachrichten und die Gedanken. Deshalb mal wieder ein paar Informationen dazu, was in Japan gerade passiert in punkto Erdbeben – verbunden mit ein paar wichtigen Schlagwörtern.

Lage im Norden
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Es scheint mehr oder weniger schnell voranzugehen im Norden. Am 30. April soll wohl die gesamte Shinkansen-Strecke im Norden wieder freigegeben werden – man arbeitet mit Hochdruck daran, die teilweise zerstörten Trassen (ein grosser Teil verläuft ja auf Stelzen) wieder herzurichten. Sicher gibt es wichtigere Dinge als funktionierende Shinkansen, aber eine gewisse Bedeutung, und nicht zu vergessen Symbolkraft, haben sie schon. Auch erste Flughäfen (Sendai) und Häfen können wieder benutzt werden, womit der Transport von Hilfsgütern schneller vonstatten gehen sollte.
Mittlerweilen untersuchen mehr und mehr Forscher die direkten Folgen und beginnen zu verstehen, was wirklich geschah: Mittlerweilen weiss man, dass der Tsunami an einigen Stellen – vor allem im Inneren kleiner Buchten – mit einer Höhe von bis zu 40 Metern auf die Städte und Dörfer prallte. Nun war man sich der Gefahr durch Tsunamis schon seit jeher bewusst und hatte entsprechend Dämme errichtet, aber ein 10 Meter hoher Damm hilft bei einer 40 Meter hohen Wasserwand nicht viel. Dazu tauchte unlängst das folgende Video auf. Der Mann im Hintergrund klagt immer wieder: “Was ist mit dem Damm? Wozu haben wir den Damm?”

Wissenschaftler haben bei GPS-Vermessungen des weiteren zwei weitere Dinge festgestellt:

- das Absinken ganzer Küstenlandschaften, genannt 地盤沈下 jiban chinka, erreicht mancherorts mehr als einen Meter – das ist in Gegenden katastrophal, wo die einzigen Ebenen bereits vorher auf Meeresniveau lagen. Kleinere Sturmfluten bzw. eine etwas erhöhte Flut reicht aus, um zahlreiche Ortschaften und sehr viel Ackerland volllaufen zu lassen.

- die Plattengrenze ist noch immer in Bewegung, und man kann, trotz nachlassender Nachbeben, noch nicht von Entwarnung sprechen. Es ist sehr gut möglich, dass in absehbarer Zukunft – dies können allerdings auch Jahrzehnte sein – ein weiteres starkes Beben im Bereich 8+ folgt.

Man baut derweilen mit Hochdruck provisorische Unterkünfte – hat jedoch gleichzeitig in einigen besonders tief gelegenen Ortschaften teilweise einen Baustopp erlassen.

Lage in Fukushima
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Auf Druck der Politik veröffentlichte TEPCO, der Betreiber des AKW Fukushima, einen vorläufigen 工程表 kōteihyō Baufahrplan: Demzufolge will man das AKW innerhalb der nächsten 6 bis 9 Monate stabilisiert haben – will heissen, man will bis dahin einen cold shutdown aller Meiler erreicht haben und die weitere Ausbreitung radioaktiver Substanzen verhindert haben. Sofort nach Veröffentlichung hagelte es skeptische Kommentare. Bekräftigt wurden die Kritiker allein durch heutige Meldungen, in denen es erst hiess, dass das radioaktiv stark belastete Wasser innerhalb eines Blockes 20 cm hoch sei – diese Zahl aber Stunden später auf 5 m korrigiert wurde. Das ist kein unwesentlicher Unterschied und nicht gerade ein Beweis dafür, dass TEPCO auf dem richtigen Wege sei.

Im Grossraum Tokyo nimmt die radioaktive Belastung ansonsten permanent ab – wobei hier nochmals ausdrücklich erwähnt werden sollte, das die Belastung zu keinem Zeitpunkt gefährliche Werte erreichte. Aber keine (bzw. nur natürlich verursachte) Radioaktivität ist natürlich besser als geringfügig höhere Werte.

Energieversorgung
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Erwartungsgemäss finden momentan keine Stromabschaltungen mehr statt, da es warm genug ist, Heizungen nicht einschalten zu müssen, und kühl genug, Klimaanlagen nicht benutzen zu müssen.
Man ist wohl zum jetzigen Zeitpunkt in der Lage, 50 Gigawatt produzieren zu können. Im Hochsommer liegt der Verbrauch bei rund 60 Gigawatt. Man hat noch ein paar Monate Zeit, sich für den Hochsommer vorzubereiten, aber das sollte man auch mit Hochdruck tun: Gibt es wieder einen so langen wie heissen Sommer wie im vergangenen Jahr, würden Stromausfälle unweigerlich zu zahlreichen Todesfällen führen – gerade unter älteren Leuten. Persönlich hoffe ich jedoch, dass man das Problem weniger mit Erhöhung der Kapazitäten als mit Massnahmen intelligenter Stromeinsparung erreichen kann. Denn da hat Japan definitiv noch sehr viel Potential.

Politik
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Bei den Kommunalwahlen in einigen Teilen der Region verloren die regierenden Demokraten vielerorts an Boden, und gerade in ausländischen Medien wird viel darüber geschrieben, dass man in Japan sehr unzufrieden mit der Arbeit der Regierung sei. Das stimmt so nicht: Es gibt durchaus sehr viele Japaner, die die Leistung der Regierung unter Kan in dieser Krise anerkennen. Sicherlich gibt es viele kritische Stimmen, aber man muss sich auch vor Augen halten, dass die Regierung auf jeden Fall hier und da nur Prügel beziehen kann: Beschwichtigt man zu sehr, wie in den ersten Wochen geschehen, gibt es Kritik. Nimmt man kein Blatt vor den Mund, auch.
Immerhin hat man begonnen, die Dinge beim Namen zu nennen: Zum Beispiel durch die “Aufwertung” der Lage in Fukushima zum Unfall der Kategorie 7 (na bitte, also doch ein Super-GAU! Ein bisschen zumindest (!?)) oder durch die Aussage, dass auch einige Gebiete ausserhalb der Evakuierungszone nicht mehr bewohnbar sei.

Ansonsten
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So nichts dazwischen kommt, werde ich demnächst mal wieder über etwas anderes schreiben. Insgesamt 20 Katastrophenmeldungen innerhalb der letzten fünf Wochen reichen.
Ansonsten – in zwei Wochen beginnt die Goldene Woche, und ich werde mich zusammen mit Tochter für eine Woche nach Deutschland aufmachen. Das war schon sehr lange geplant. Wird auch langsam Zeit – der letzte Besuch liegt schon über zwei Jahre zurück. Hoffentlich kann ich mich zu Hause noch halbwegs verständlich artikulieren :)

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Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XVI

April 12th, 2011 | Tagged , , , , | 18 Kommentare | 1794 mal gelesen

Letzte Woche Donnerstag, ca. 11 Uhr abends: “Mensch, heute war der erste Tag seit dem grossen Erdbeben vor vier Wochen, an dem ich kein Erdbeben gespürt habe! Das lässt hoffen!”. Nix war. Eine halbe Stunde später ein vernehmliches Rütteln, das sich langsam aufschaukelte. Wie ein Schnellzug, der direkt neben dem Haus vorbeifährt – nur lautlos, und es ist ein sehr langer Zug. Stärke 7,4 dieses Mal, Tsunamiwarnungen, Kurznachrichten aus dem AKW: Strom weg. Kurze Zeit später – Strom doch wieder da, alles in Ordnung.

Was zieht ein starkes Nachbeben nach sich? Genau, Nach-nachbeben. Ich hoffe, dass genau das gerade der Fall ist. Am Wochenende gab es konsequenterweise wieder mehr Nachbeben als in der vergangenen Woche. Und heute am späten Nachmittag der Nachschlag – wieder sehr deutlich spürbar, Stärke 7,1, Epizentrum bei Fukushima. Dieses Beben war zwar wesentlich schwächer als das Hauptbeben, aber es reichte, da auch näher in Tokyo, aus, um den Zugverkehr wieder ein bisschen ins Stocken geraten zu lassen. Eins kann ich den Lesern versichern: Das macht wirklich langsam keinen Spass mehr.

Natürlich hat meine Tochter auch die Nase voll und Angst, aber wir haben es auf eine clevere Art und Weise geschafft, sie zu beruhigen: Wir haben ihr gesagt, das seien alles 余震 yoshin – Nachbeben. Jedes Mal, wenn es bebt, fragt also unsere 4-jährige: これは余震? 地震? (ist das ein Nachbeben? Oder ein Erdbeben?) und wir antworten “Nachbeben”, worauf sich ihre Mine jedes Mal schlagartig erhellt. Zwar hatten wir ihr mal irgendwann erklärt, dass Nachbeben auch Erdbeben sind, aber wenn wir ihr bei einem Beben jetzt sagen würden: “DAS ist ein Erdbeben”, würde sie definitiv in Panik verfallen.
Überhaupt, Kinder – meine Tochter ist also keine vier-einhalb Jahre alt, bringt aber Sätze wie diese:

- “計画停電中止だって” – keikaku teiden chūshi datte – “Heute wird der planmässige Stromausfall nicht stattfinden, wurde gerade gesagt!”

oder

- “放射線って何?” hōshasen tte nani – “Was ist Radioaktivität”?

oder

- “この家は倒れない?” – kono ie wa taorenai? “Unser Haus fällt nicht um?”

und, daraufhin, ganz die Eltern, verlangt sie auch sofort nach einer Quellenangabe:

- “誰が言うった?” – dare ga iutta? “Wer hat das gesagt (dass es nicht umfällt)?”

… der Onkel von der Stadt!

Anmerkung: Meine Tochter versteht und spricht auch ein bisschen Deutsch, aber die jetzigen Ereignisse überfordern verständlicherweise ihre Deutschkenntnisse. Leider sah sie zwangsläufig auch die Bilder vom Tsunami im Fernsehen, da wir vor allem in den ersten Tagen schlichtweg auf umfangreiche Informationen angewiesen waren.

Nun gut, ich will nicht nur Negatives schreiben. Die Strahlenwerte in und um Tokyo sinken seit Wochen langsam aber stetig, Chiba verzeichnete heute 0.055 Mikrosievert/Stunde. In Bayern sind es im Schnitt wohl 0.042 (→ Quelle. Eigentlich ein Wunder, das Bayern noch nicht wie leergefegt ist, Politiker wie Reporter sich nach Bayern trauen und Gerüchten zufolge selbst die Lufthansa regelmäßig München und Nürnberg anfliegen soll.

Was sonst noch passierte:

Ausweitung der Evakuierungszone
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Heute weitete die Regierung die Zone der “planmässigen Evakuierung” aus – so wird nunmehr auch den Bewohnern von 飯館 Iitate, gut 30 km nordwestlich des AKW Fukushima I – empfohlen, sich evakuieren zu lassen. Dort lag die Strahlenbelastung teilweise bei 50 Mikrosievert, jetzt ist sie seit Wochen im einstelligen Bereich, also immer noch 100 Mal mehr als in Tokyo. Die Bewohner sind ob der Evakuierung erbost: “Erst erzählt man uns, alles sei in Ordnung und nicht gesundheitsgefährdend – und jetzt sollen wir doch von hier weg?” Verständlich. Iitate liegt übrigens in einem Talkessel, was die Strahlenbelastung noch zusätzlich erhöht. Vor allem einige Bauern wollen nicht weg, da sich niemand um die Tiere kümmern würde. Es ist bedauerlich, dass man ihnen, so bitter es ist, keinen reinen Wein einschenkt: Was helfen ihnen die Kühe, wenn deren Milch innerhalb der nächsten Jahre/Jahrzehnte nicht verkauft werden darf?

Flughafen Sendai geht wieder in Betrieb
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Im Norden wird der Flughafen der Stadt Sendai wieder für Linienflüge geöffnet. Der Flughafen liegt nahe am Meer und wurde ebenfalls durch den Tsunami verwüstet. Bei der Wiederherstellung halfen – wie an vielen anderen Orten auch – die amerikanischen Streitkräfte nach Leibeskräften mit. Die sind momentan im Rahmen der Operation “トモダチ” (tomodachi – “Freunde”) sehr stark bei den Wiederaufbauarbeiten dabei, und man dankt es ihnen sehr.

Nachbeben und Folgen verzögern Wiederaufbau
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Die zahlreichen Nachbeben lassen im Norden regelmässig den Strom ausfallen. Beim Nachbeben Donnerstag nacht (7. April 2011) gab es Tote und teilweise 4 Millionen Haushalte ohne Strom, und auch beim heutigen Nachbeben (11. April) gab es mindestens einen Toten und Sachschäden. Diese Nachbeben machen die Wiederaufbauarbeiten mit Sicherheit nicht einfacher.

Nachbeben
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Man ging anfangs davon aus, dass sich die Nachbeben nach einem Monat halbwegs legen. Diese Hoffnung wurde leider zunichte gemacht – man rechnet nunmehr damit, dass die Plattengrenze entlang der Region Miyagi-Chiba auf ca. 400 km Länge auf längere Zeit aktiv sein wird. Auch mit Anschlussbeben im Raum Tōkyō und Tōkaidō (zwischen Tokyo und Nagoya) muss zwangsläufig gerechnet werden.

Disneyland öffnet am 15. April
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Und das ist gut so! Das ist weder pietätslos noch unnütz: Ich bin froh, dass Disneyland wieder aufmacht. Wem nutzt es, dass viele tausend Angestellte auf lange Zeit ihre Einkommen verlieren? Was Japan jetzt nicht braucht, ist eine lange Periode der “自粛” jishuku – Selbstbeschränkung.
Disneyland blieb, von ein paar Parkplätzen abgesehen, im Gegensatz zum Rest meiner Stadt relativ unversehrt, da das Neuland dort solider angelegt wurde. Man hätte auch eher öffnen können, aber Disneyland verbraucht viel Strom und Wasser – und aus Rücksicht auf die Stadtbewohner, die teilweise noch immer ohne Wasser/Abwasser dastehen, hatte man die Wiedereröffnung verschoben. Das ist anständig.
Der Unterschied war allerdings auch zu krass: Ich fahre vom Disneyland-Bahnhof zur Arbeit, seit Jahren, und sehe so jeden Morgen und jeden Abend hunderte, tausende glückliche Gesichter. So glücklich, dass es manchmal schon fast unerträglich war :)
Von einem Tag zum anderen verschwanden diese Gesichter. Stattdessen sieht man nur mürrische Mienen, die sich grau und trist durch den abgedunkelten Bahnhof schieben. Ja, ich gehöre dazu…

Versorgungslage
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Holt mich hier raus! Es gibt kaum noch Bier zu kaufen! Im Ernst – zahlreiche Brauereien liegen/lagen im Norden, und so verzögert sich der Nachschub. In einigen Supermärkten sind die Bierregale quasi leergefegt. Ausser Sapporo’s “Creamy White” – das gab’s neulich noch, aber das hat auch seinen Grund.
Prinzipiell hat sich die Lage leicht gebessert. Es gibt teilweise auch wieder Wasser in Flaschen. Es gibt Windeln. Es gab neulich sogar wieder Joghurt. Teilweise werden die Dinge rationiert. Und das Auftauchen von Joghurt hatte einen Beigeschmack: Gleichzeitig wurde von der Regierung bekanntgegeben, dass das Verbot der Milchausfuhr aus Teilen der Präfektur Fukushima und Ibaraki aufgehoben wurde.

Aufgrund unserer Kinder sind wir übervorsichtig: Wir versuchen, Gemüse aus der näheren Umgebung zu meiden (und benutzen nachwievor kein Leitungswasser). Aber eine vollständige Sicherheit wird es wohl nie geben. Letztendlich weiss man bei vielen Sachen (wie Joghurt, nur eins von vielen Beispielen) nicht wirklich, wo die Bestandteile herkommen.

AKW Fukushima 1
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Momentan bemüht man sich hauptsächlich um die Stabilisierung der Brennstäbe – das ultimative Ziel ist der “cold shutdown”, bei dem sich die Brennstäbe nicht über 100 Grad erhitzen.
Vor ein paar Tagen entschied TEPCO in einem logisch erscheinenden Schritt, schwach radioaktives Material ins Meer zu pumpen, um stark radioaktives Wasser auffangen zu können. Daraufhin hagelte es Kritik aus Korea, Russland und den Fischern der Region, da dies ohne Vorwarnung geschah. Das ist natürlich mehr als verständlich.
Hoffen wir, dass es gelingt, das Austreten radioaktiver Substanzen so schnell wie möglich einzudämmen. Hoffen wir auch, dass die Nachbeben nicht noch schwerere Schäden am AKW (und natürlich der ganzen Region) verursachen.

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