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Zwei Jahre danach – und, was gelernt?

März 12th, 2013 | Tagged , , | 16 Kommentare | 1284 mal gelesen

Zwei Jahre ist es nun also her, seit ein schweres Erdbeben halb Japan durch- und ein anderes Land 10’000 km westlich in Sachen Kernenergie aufrüttelte. Über 15’000 Tote, mehr als 3’000 Vermißte, verwüstete Landstriche, mindestens 50’000 Menschen, die aufgrund der Atomkatastrophe in Fukushima auch in den nächsten 4 Jahren (von der Regierung optimistisch geschätzt) nicht zurück nach Hause können, Schlagzeilen wie „Häusliche Gewalt im Katastrophengebiet steigt an“ und so weiter und so fort – die Katastrophe zieht eine lange Spur des Schreckens hinterher und sie wird auf lange Zeit im Gewissen der Bevölkerung eine große Rolle spielen. Im positiven Sinne, da die Katastrophe eine große Menge positiver Energie freisetzte, vermittelt durch unzählige Menschen im In- und Ausland, die sich bereit erklärten, helfen zu wollen, egal wie. Im negativen Sinne ebenso, da das Beben und der Tsunami eine riesengroße Menge Dreck hervorspülte – aus den Eingeweiden der Politik und der Wirtschaft. Dieser Dreck ist noch immer für Schlagzeilen gut in Japan (so erst kürzlich, als bekannt wurde, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit bereits das Erdbeben und nicht erst der Tsunami war, der dem AKW den Garaus machte).

Hat man in Japan aus der Katastrophe gelernt? Jein. Es ist noch zu früh, dies beurteilen zu können. Und Japan hat bereits, leider, viele Chancen gehabt, aus vergangegenen Erdbebenkatastrophen zu lernen, und man hat auch vieles gelernt: Zumindest was Erdbeben anbelangt. Nicht aber, was Tsunami und eine ordnungsgemäße Risikoanalyse beim Bau von Kernkraftwerken angeht. In puncto Tsunami wiesen schon vor langer Zeit Geologen daraufhin, dass bis zur Katastrophe dicht besiedelte Gebiete aus gutem Grund früher nicht besiedelt wurden.
Bei der geologischen Risikoanalyse von AKW-Kraftwerken muss man vorsichtig sein, auf wen man mit dem Finger zeigt: Geologen und Ingenieure haben heute ganz andere Meßtechniken und Erfahrungswerte zur Verfügung als vor 40 Jahren. Immerhin ist man jetzt jedoch dabei, die AKW-Standorte aufs Neue genauer unter die Lupe zu nehmen, und – dies das eigentliche Novum – die Öffentlichkeit von den Resultaten zu unterrichten. Oder, anders gesagt, ist die Presse endlich daran interessiert, da die Leserschaft mehr zu wissen wollen scheint.

Diese Taktik birgt ihre Risiken – für die Bevölkerung: Letztendlich versuchen die Verantwortlichen damit, einzelne AKW zu legitimieren. Jedoch sind Presse und Öffentlichkeit mittlerweile genügend sensibilisiert, und da es in Japan kaum einen Winkel gibt, in dem es keine aktiven Verwerfungen gibt, fällt ein AKW nach dem anderen durch. So scheint es zumindest momentan. Mit etwas Glück sorgt die Wissenschaft damit vielleicht sogar zur Einsicht. Aber das ist sehr optimistisch ausgedrückt, denn es sieht nicht gerade so aus, als ob man ernsthaft nach Alternativen für eine nachhaltige Energieversorgung zu suchen scheint.

Zwei Jahre nach der Katastrophe leben noch cirka 310’0000 Menschen in Notunterkünften. Das ist nicht unbedingt damit zu erklären, dass es an Aufbaumitteln mangelt. Mancherorts liegt es schlichtweg daran, dass man sich nicht entscheiden kann, wo man die jeweilige Stadt wieder aufbaut. Die Überlebenden werden durchaus am Entscheidungsprozess beteiligt, und so kommt es in manchen Orten zu einem Stuttgart 21 im Kleinstadtformat: Die einen wollen genau dort wieder bauen, wo das Wasser wütete – nur hinter höheren Deichen. Die anderen, und mancherorts sind die in der Minderheit, wollen lieber ein paar Kilometer landeinwärts siedeln. Wieder andere, und das sind nicht wenige, haben genug und wollen einfach nur ganz weg. Man befürchtet eine beschleunigte Entvölkerung des Nordostens, und das zu recht – die Abwanderung hält sowieso schon seit Jahrzehnten an.

Heute hiess es um 14:46 also wieder 黙祷! (mokutō – „Schweigegebet“) und vielerorts heulten die Sirenen. Ich hätte nichts dagegen, wenn man eigenartige Feiertage wie den Tag des Grüns oder den Tag des Meeres abschafft, und stattdessen den 11. März zum Feiertag erklärt: Einem Feiertag zum Gedenken an die Erdbeben- und Tsunamiopfer sowie ein Tag der Mahnung daran, was passieren kann, wenn man leichtsinnig mit dem Feuer spielt.

Wer in letzter Zeit auf gute Reportagen zum Thema gestoßen ist – egal ob Print oder Fernsehen, Japanisch, Englisch oder Deutsch – nur her damit!

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Starkes Erdbeben in Aomori

Dezember 7th, 2012 | Tagged | 2 Kommentare | 1015 mal gelesen

Das war soeben ein ziemlich langes Beben. Das Zentrum lag offenbar in Aomori Pref., aber es war sehr, sehr deutlich in Tokyo zu spüren. Eine Tsunamiwarnung wurde auch soeben rausgegeben für Miyagi und Umgebung, also Vorsicht an der Küste!

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Stärkeres Erdbeben mit Zentrum in Tokyo – wahrscheinlich ohne Schäden

Mai 29th, 2012 | Tagged , | 17 Kommentare | 1800 mal gelesen

Erdbeben um 1:39 morgens am 29. Mai 2012

Gerade hat die Erde kräftig gebebt – so kräftig wie schon seit vielen Wochen nicht mehr. Das Zentrum lag offensichtlich nur ein Kilometer von mir entfernt, in Tokyo oder Westchiba. Eine erste Übersicht der JMA zeigt Stärke 4 für Tokyo Zentrum, Yokohama, Kawasaki usw.

Das Beben war nicht stark genug, um nennenswerten Schaden anzurichten (solange die Informationen über das Epizentrum stimmen), aber es war sicher stark genug, um so ziemlich jeden wachzurütteln (eigentlich nicht als Kalauer gedacht). In diesem Sinne… gute Nacht!

 

 

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Save Minamisōma – Update und ein paar Dankeschöns

April 7th, 2012 | Tagged , , | 7 Kommentare | 1394 mal gelesen

Ja, das Thema verschwindet natürlich nach mehr als einem Jahr allmählich aus den Köpfen, aber leider geht die Misere für viele noch weiter. Zum Beispiel für Tausende Menschen in 南相馬 Minami-Sōma, die immernoch in Behelfsunterkünften, sprich Containern, ausharren müssen. Die meisten von ihnen haben entweder durch den Tsunami ihr Haus verloren oder mussten aus der Sperrzone um das havarierte AKW fliehen, da Teile der Stadt innerhalb der Sperrzone liegen. In beiden Fällen herrscht nachwievor Ungewissheit: Wie wird der Flächennutzungsplan für die Tsunami-gefährdeten Stadtteile aussehen? Wird es einen komplettes Bauverbot geben – und werden in dem Fall die Menschen entschädigt? Noch ungewisser ist die Zukunft natürlich für die Menschen, die aus der Sperrzone kommen. Es gibt Überlegungen, Teile der Sperrzone wieder begrenzt zugänglich zu machen, aber all das wird noch dauern, und da wäre ja auch noch die schleichende Gefahr durch die natürlich immernoch hohen Strahlenwerte.

Verteilung von Spenden am 1. Januar in Minami-Sōma

Hinzu kommt, dass die radioaktiven Partikel natürlich erst allmählich in den Wasserkreislauf gelangen. Das Trinkwasser beziehen die Bewohner aus Flüssen, die aus den hohen Bergen im Hinterland entspringen. Jedoch – gerade in den Bergen ist die Strahlung aussergewöhnlich hoch. Man muss kein Geograph oder Strahlenexperte sein, um sich auszurechnen, was auf absehbare Zeit mit dem Trinkwasser geschehen wird. Jedoch: Messwerte gibt es nicht, oder sie werden nicht oder wenn doch erst viel zu spät veröffentlicht. Das verunsichert die Einwohner natürlich, und so kaufen sie ihr Wasser verständlicherweise lieber im Supermarkt. Dort kostet der Liter allerdings ab 80 Yen pro Liter, anstelle der 0.18 yen, die es kosten würde, wenn das Wasser aus dem Hahn trinkbar wäre. Da die Behörden das Problem nicht anerkennen, bezahlen das natürlich alle aus eigener Tasche.

Und so geht das Save Minamisōma-Projekt (SMP) auf unabsehbare Zeit weiter. Es muss weitergehen, denn es hat sich ja nichts verbessert. Den Bewohnern der Container kann man jetzt schlecht sagen „Tja, war schön mit Euch, aber jetzt ist ja ein gutes Jahr rum, das sollte dann mal langsam reichen“. Sicher, sie würden es irgendwo verstehen. Aber sie wären auf jeden Fall sehr enttäuscht.

Im vergangenen Jahr hatte ich erstmals über SMP berichtet, und auch zu Spenden aufgerufen. Es kamen auf diese Weise alles in allem ca. 300 Euro zustande. Allen Spendern habe ich natürlich persönlich gedankt, aber trotzdem noch mal an alle: Dankeschön! Das Geld war sehr gut angelegt, und die Mitglieder von Save Minamisōma sowie natürlich vor allem die Betroffenen wissen das sehr zu schätzen.

Hilfeaufruf für Japan

Einige Zeit später meldete sich Frank Borsitz bei DinJ und fragte die Liste, ob nicht irgendjemand eine Organisation kenne, die die von ihm organisierten Spenden gebrauchen könnten. Nun, ich wusste da jemanden, und so gelangten 420 Euro bzw. zum damaligen Umtauschkurs 45,000 Yen an SMP. Deshalb an dieser Stelle auch ein ganz grosses Dankeschön an Frank – für die Idee, für das Vertrauen und den reibungslosen Ablauf. Frank hat nach der Katastrophe die Webseite Hilfeaufruf für Japan in Gang gebracht und zahlreiche Firmen und Einzelpersonen zu Spenden bewegen können. Ein Teil davon ging nun an SMP.

Als nächstes wurde ich von Enrico, einem Freund und Stammleser (seine Frau kenne ich nun schon seit über 15 Jahren, ihn persönlich seit rund 6 Jahren) angesprochen – der „Freies Wort hilft e.V.“, ein Thüringer Verein, suchte nach einem angemessene Empfänger für die Spenden, die dank der Leser der Tageszeitung „Freies Wort“ für Japan und diverser Aktivitäten des Vereins zusammenkamen. Auf diese Weise kam SMP eine Spende von 12’908.46 Euro, also fast 1,4 Millionen Yen, zu.

Freies Wort hilft e.V.

Aus diesem Grund möchte ich mich hiermit bei allen Thüringern bedanken, die gespendet haben oder sonstwie an Aktionen beteiligt waren. Die Hilfsbereitschaft nicht nur hier vor Ort, sondern auch von Menschen, die ganz weit Weg sind von Japan (oder Sri Lanka, Somalia, Haiti – wo auch immer Spenden und Hilfen jeglicher Art gebraucht werden) ist wirklich ermunternd und verfehlt nicht seine Wirkung bei den unmittelbar Betroffenen. An dieser Stelle neben Enrico auch ein ganz grosses Dankeschön an Herrn Ermert vom Verein bzw. stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift „Freies Wort“ sowie an Yvonne Reißig, einer Journalistin aus Eisenach, die dafür sorgten, dass alles reibungslos über die Bühne ging mit den Spenden.

Und so wird SMP dank der Spenden weitergehen. So lange, bis die Menschen dort wieder eine Perspektive haben. Wer sich irgendwie daran beteiligen möchte, kann das gern immernoch tun – entweder mit Spendne oder, falls vor Ort, mit Teilnahme (über Facebook-Seite anfragen).

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1 Jahr 3/11: Retrospektive

März 12th, 2012 | Tagged | 10 Kommentare | 2384 mal gelesen

Vor genau einem Jahr, gegen 15:30 und nach zwei schweren Erdbeben innerhalb einer halben Stunde, schrieb ich folgenden Satz in den diesen Blog:

Übersicht über Schäden liegen noch nicht vor, aber dies wird ein schwarzer Tag für Japan werden.

Leider sollte ich mit diesem Satz mehr Recht haben, als mir lieb ist. Zu dem Zeitpunkt traf die erste Tsunami-Welle auf das Festland, aber das sollte ich bis abends an jenem Tag nicht erfahren. Dass wenig später auch noch mehrere Blöcke eines AKW abrauchen, hatte ich auch noch nicht geahnt. Nein, dieser Tag wird sich ins Gedächtnis einbrennen, denn es änderte das Leben vieler Millionen Menschen hier, und es änderte auch mein Leben.

Heute um 14:46, genau 1 Jahr nach der Katastrophe, versank Japan in eine Schweigeminute. Die wurde auf Bahnhöfen, in Einkaufszentren, über die städtischen Lautsprecheranlagen usw. ausgerufen: 黙祷! (mokutō) – ein stilles Gebet! Alle hielten inne. Nun ja, bis auf die Kinder natürlich.

Natürlich gibt es zum Jahrestag unendlich viele neue Artikel in den Medien, und unzählige neue Dokumentationen. Ich werde neue Dokus, so es meine Zeit erlaubt, sichten – und empfehlen, wenn ich etwas für empfehlenswert halte.

Demnächst werde ich auch wieder einen Beitrag der „Save Minamisōma“-Initiative widmen, denn es gibt ein paar Leute, denen ich hier ganz offiziell danken möchte.

Ich danke an dieser Stelle nochmals allen Lesern, die mir in dem vergangenen Jahr die Treue gehalten und diesen Blog als hoffentlich halbwegs brauchbare, wenn auch subjektive Informationsquelle angesehen haben.

Am Freitag wurde ich von einem Radiosender interviewt – dem gleichen Sender hatte ich vor gut einem Jahr bereits ein Interview gegeben. Eine Frage überraschte mich: „Verging das Jahr eigentlich schnell, oder langsam?“. Ich weiss es nicht. Wahrscheinlich eher langsam. Eins weiss ich jedenfalls: Zum ersten Mal in meinem Leben war ich zu Neujahr froh, dass das alte Jahr endlich vorbei war.

Anbei noch eine Zusammenfassung der Artikel zum Thema – für alle, die noch nicht so lange dabei sind, und für diejenigen, die noch einmal nachvollziehen wollen, was geschah.

Chronologie der Ereignisse:
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Eilmeldung: Mittelschweres Erdbeben in Tokyo (11. März 2011, 14:52)
Eilmeldung: Sehr schweres Erdbeben im Norden Japans (11. März 2011, 15:30)
Sanriku-Kantō-Erdbeben – Update (12. März 2011, 01:00)
Sanriku-Kantō-Erdbeben – Update II: Kernschmelze im AKW – oder? (13. März 2011)
Sanriku-Kantō-Erdbeben – Update III: Planmässige Stromausfälle usw. (14. März 2011)
Sanriku-Kantō-Erdbeben – Update IV: Kurzzeitige Evakuierung (14. März 2011)
Sanriku-Kantō-Erdbeben – Update V: Langzeitige Evakuierung (15. März 2011)
Sanriku-Kantō-Erdbeben – Update VI: Nachbeben/Medien (15. März 2011)
Sanriku-Kantō-Erdbeben – Update VII: Augen zu und durch (16. März 2011)
Sanriku-Kantō-Erdbeben – Update VIII (17. März 2011)
Sanriku-Kantō-Erdbeben: Update IX (19. März 2011)
Sanriku-Kantō-Erdbeben: Update X (21. März 2011)
Sanriku-Kantō-Erdbeben: Update XI (23. März 2011)
Sanriku-Kantō-Erdbeben: Update XII (25. März 2011)
Wenn der Untergrund flüssig wird (27. März 2011)
Tōhoku-Pazifik-Erdbeben: Update XIII (29. März 2011)
Tōhoku-Pazifik-Erdbeben: Update XIV (1. April 2011)
Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XV (4. April 2011)
Eilmeldung: Schweres Nachbeben bei Sendai (7. April 2011)
Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XVI (12. April 2011)
Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XVII (19. April 2011)
Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XVIII (19. Mai 2011)
Schleichende Angst (4. Juni 2011)

Vor Ort-Berichte
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Rettet Minami-Sōma
Minami-Sōma – im Katastrophengebiet Teil 1
Minami-Sōma – im Katastrophengebiet Teil 2
Notizen aus dem Norden: Miyako
Die Küste von Iwate 9 Monate danach – eine Momentaufnahme: Teil 1
Iwate 9 Monate nach dem Tsunami: Teil II

Andere, mit dem Thema verwandte Einträge:
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Town Hall Meeting der deutschen Botschaft: Denn man tau! (28. April 2011)
Von Illuminati und der grossen Tsunamilüge (15. Juni 2011)
Kühe mit zwei Köppen / Urlaubssorgen / Dies und das (15. Juli 2011)
Ist Japan sicher? (20. Juli 2011)
Anschauen, essen, fühlen! Katastrophentourismus 2011 (2. September 2011)
Gut gemachte Doku: 155 Tage nach dem Erdbeben (8. September 2011)
Ist Tokyo nun verstrahlt? Oder nicht? Eine Bestandsanalyse (17. Oktober 2011)
Geigergezähltes: Strahlungswerte selbst gemessen (10. Januar 2012)
70%-Chance für ein Hauptstadtbeben in den nächsten vier Jahren? (24. Januar 2012)
Warum trifft Journalismus über Japan nachwievor nicht den Punkt? (23. Februar 2012)

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70%-Chance für ein Hauptstadtbeben in den nächsten vier Jahren?

Januar 24th, 2012 | Tagged , , | 15 Kommentare | 3155 mal gelesen

Es ist mal wieder einer solcher Tage, an denen alles zusammenkommt. Nachrichten am Morgen durchgeschaut – und da fällt mir die folgende Nachricht ins Auge: Chance für ein schweres Hauptstadtbeben innerhalb der nächsten 4 Jahre steht bei 70 Prozent. Vor dem schweren Beben im letzten Jahr hiess es diesbezüglich: 70% innerhalb der nächsten 30 Jahre. Von diesen Berechnungen mag man halten, was man will, aber die Tatsache, dass die Plattengrenzen und Verwerfungen seit dem Beben am 11. März 2011 an Stabilität eingebüsst haben, ist nicht von der Hand zu weisen. In den vergangenen 10 Monaten gab es im Schnitt 1.5 Erdbeben der Stärke 3 bis 6 in der Hauptstadtregion – das sind 5 mal mehr als vor dem schweren Beben. Das allseits befürchtete 首都直下地震 shuto chokka jishin – Erdbeben direkt unter der Hauptstadt wird schon lange erwartet, denn auch in der Hauptstadt gibt es zahlreiche Verwerfungen – so zum Beispiel im Nordwesten von Chiba sowie bei Hachiōji. Bei einem Erdbeben rechnet man mit einer Stärke von 6.7 bis 7.2 und einer Opferzahl von ca. 11’000 Menschen – zum Teil verursacht durch Großbrände, die man mit Sicherheit erwarten kann in einem solchen Ballungsgebiet.

Nun gut. Abends kurz vor 9 – ich war gerade in einem Meeting – gab es auch gleich noch mal einen Denkzettel – das Büro fing etwas länger an, zu wackeln. Aber dieses Beben war nicht in Tokyo, sondern in Fukushima, und es war auch „nur“ eine 5.1. Dafür ging es draussen jedoch allmählich zur Sache: Heftiger Schneefall, zum Teil begleitet von Blitz und Donner, setzte ein. Nein, langweilig wird es hier wirklich nicht.

Wird am 12. Februar 2012 eröffnet und ist hoffentlich erdbebensicher: Die 2'933 m lange Tokyo Gate Bridge

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Iwate 9 Monate nach dem Tsunami: Teil II

Januar 8th, 2012 | Tagged , , | 3 Kommentare | 1713 mal gelesen

(Teil I ist hier)

Ich beeile mich, zur Haupstrasse zu gelangen – die verläuft parallel zum Fischereihafen und führt Richtung Zentrum. Plötzlich gibt es eine Lautsprecherdurchsage in der ganzen Stadt, eingeleitet von einem „ding dong dong ding!“ Lautsprechersysteme gibt es in allen japanischen Städten und Nachbarschaften, und normalerweise werden sie nur zu festlichen oder traurigen Angelegenheiten genutzt. Während der kommenden Jahre werde ich diese Durchsagen jedenfalls mit Sicherheit mit der Zeit nach dem Beben assoziieren – „Ding dong dong ding – bitte gedulden Sie sich noch ein paar Tage, bis das Wasser wieder da ist“, oder „ding dong dong ding – in 30 Minuten wird der Strom abgestellt“ waren da typische Durchsagen. In Miyako warnte die Durchsage hindes vor einer höheren Flut als üblich. Da, wie im vorigen Teil bereits erwähnt, weite Gebiete entlang der Küste um mehrere Meter nach unten absackten, bedarf es heuer keines Tsunami und keiner Springflut mehr, um Teile der Stadt unter Wasser zu setzen. Ende der Durchsage.

Tankstelle in Miyako

Langsam laufe ich Richtung Bahnhof zurück. Das Meer sehe ich dabei nicht, da es hinter einem grossen, schwarzen Betonwall versteckt liegt. Jenen hatte der Tsunami mühelos überwunden, aber nicht zerstören können. Bis ins Stadtzentrum hinein sind die Spuren der Katastrophe noch erkennbar – vereinzelte Häuser fehlen, bei anderen ist das Erdgeschoss zugenagelt, einige Tankstellen und andere Anlagen sind zwar freigeräumt, stehen aber nachwievor stark zerstört herum.

Nach einer kurzen Runde und einer Stärkung im überschaubaren Zentrum von Miyako laufe ich über eine Brücke Richtung Süden, denn dort steht mein Hotel. Zwei der drei Brücken, darunter die Eisenbahnbrücke, wurden zerstört. Die Strassenbrücke wird gerade wieder hergestellt, aber die Bahn wird wohl in den kommenden Jahren nicht fahren. Bis zum Hotel läuft man eine gute dreiviertel Stunde – auch hier das gleiche Bild: Hohe Schutzmauer zwischen Stadt und Hafen, und starke Zerstörungen hinter der Schutzmauer. Aber immerhin steht hier noch mehr als die Hälfte. Das Hotel hatte es damals auch erwischt – das gesamte Erdgeschoß war damals unter Wasser und kann immernoch nicht genutzt werden. Im Hotelzimmer entsprechende Anweisungen: Bei Tsunamiwarnungen mindestens bis in den 3. Stock laufen, alles darüber ist sicher. Nachts finde ich gottseidank eine kleine Rāmen-Bude in der Nähe – mehr gibt es nicht, auch keinen Konbini oder ähnliches. Das einzige, was es in der Nähe gibt, ist ein riesengrosser Pachinkoladen, und der sieht nagelneu aus. Die Rāmen heben meine Stimmung auch nicht gerade: So schlechte Rāmen habe ich seit langem nicht mehr gegessen.

Autowracks im Hafen von Miyako

Morgens geht es gegen 8 Uhr raus. Erstmal wage ich aber einen Blick aus dem Fenster – von dort kann man schön die Bucht und Teile des Hafens überblicken. Sowie einen grossen Autofriedhof, auf dem die nach dem Tsunami eingesammelten Autowracks zusammengeschoben wurden. Ich packe meine Sachen und begebe mich zur Bushaltestelle. Der Bus kommt auch fast pünktlich und fährt immer die Küste entlang bis nach 陸中山田 Rikuchū-Yamada. Der Bus fährt Berge hoch und Berge runter, zur Küste und wieder von der Küste weg. Kaum sind wir in Wassernähe, ist alles zerstört. Kaum fahren wir weg, sieht alles ganz normal aus. Vom Stadtzentrum der Gemeinde Yamada steht nur noch ein Betondeich und vier modernere Wohnblöcke, die scheinbar bis zum 2. Stock überschwemmt worden waren. Alles andere ist weg – nur noch Fundamente stehen. Der Bus fährt quer durch den ehemaligen Ort, hier und da steigen eins, zwei Leute ein und bald wieder aus. Hinter dem Ort geht es eine Anhöhe hinauf, und der Bus hält an einem 道の駅 Michi-no-eki – einer Art grösserer Raststätte an Fernverkehrsstraßen. Solche Raststätten gibt es überall.

Die Gegend sieht fantastisch aus – das Meer, die Bucht, die Berge – eine traumhafte Landschaft. In der Raststätte hängen Photos von Yamada nach dem Tsunami: Offensichtlich rollte der Tsunami erst über die Stadt hinweg, und anschliessend brannte der Rest der Stadt nieder. Ein grauenhafter Anblick auf den Photos – schwelende Trümmer in trübem, brackigen Wasser.

Bucht von Rikuchū-Yamada

In der Raststätte warte ich auf den nächsten Bus, der mich dann nach Kamaishi bringen soll. Der Ort ist nur gute 45 Minuten entfernt. Während ich da so warte, nähern sich mir zwei Japanerinnen: Eine sehr junge Frau und eine ältere Frau. An irgendetwas erinnert mich diese Kombination, aber ich komme nicht rechtzeitig drauf, denn schon spricht mich die junge Frau an – auf Englisch, ob ich Japanisch könne. Ja ja. Ob ich durch das Katastrophengebiet toure. Nein, eigentlich nicht. Bin nur auf der Durchreise. Ja, sie seien auch auf Tour durch das Katastrophengebiet – um Trost zu spenden. Eine böse Ahnung bewahrheitet sich: Sie sind Zeugen Jehovas, auf Seelenfang. Ich bleibe freundlich, aber schmallippig. Ob ich nicht… „Nein, ich bin Atheist“ (stimmt zwar nicht ganz). Ich will die beiden nur noch los werden. Die Menschen hier können die Zeugen Jehovas bestimmt genauso gut gebrauchen wie ein drittes Bein.

Endlich kommt der Bus und ich bin die beiden los. Neben mir sitzen zwei Fahrgäste im Bus, irgendwo vor mir. Nach etlichen Kilometern kommen wir an einem provisorischen Krankenhaus in den Bergen vorbei. Dann geht es steil abwärts zu einer weiteren Bucht. Der Name auf dem Strassenschild kommt mir sehr bekannt vor: 大槌 Ōtsuchi. Das war doch die Stadt, in der nach dem Tsunami fast alle Einwohner vermisst waren! An einem zerstörten Krankenhaus vorbei geht es in die Stadt beziehungsweise dahin, was davon übrig blieb. Und das ist nicht viel. Es sieht genau so aus, wie auf den Photos von Nagasaki und Hiroshima nach dem Atombombenabwurf: Hier und da steht der Rest eines robusteren, höheren Gebäudes – alles andere ist einfach weg. Ein absoluter Albtraum. Diese Stadt wurde wirklich völlig ausradiert, doch der Bus fährt seine ganz normale Route ab. Dann biegt der Bus nach rechts ab, Richtung Inland. Ein Schwenk des Blickfeldes, doch auch hier: Alles weg. Da hinter mir niemand sitzt, filme ich einen Stück der Fahrt mit meiner Kamera:

Karte des Zentrums von Ōtsuchi: Fast das ganze Zentrum lag unterhalb des Meeresspiegels

Schaut man sich allein Ōtsuchi an, grenzt es fast an ein Wunder, dass die Opferzahl die ist, die sie ist. Allein in dieser Stadt würde die Zahl nicht weiter verwundern. Der Bus hält derweilen auf Fahrgastwunsch an, und zwar an der Bushaltestelle 中央公民館 (Zentrales Gemeindehaus). Nur – da steht nichts mehr. Eine der beiden Fahrgäste steigt trotzdem aus. Mein Gott, was müssen die Bewohner dieser Stadt hier durchgemacht haben. Und was wird hier in Zukunft geschehen? In Miyako hatte ich bereits beobachtet, was ich beinahe befürchtet hatte: Viele Leute bauten einfach ihre Häuser an der gleichen Stelle wieder auf. In Ōtsuchi herrscht jedoch, soweit ich weiss, Baustopp. Die Frage ist nicht, wann, sondern ob und wenn ja wo man wieder bauen wird. Wird die Stadt womöglich aufgegeben? Das besonders prekäre in der Stadt war übrigens die Tatsache, dass der Bürgermeister und alle Abteilungsleiter im Rathaus vom Tsunami mitgerissen wurden: Die Bewohner der Stadt waren deshalb nach dem Tsunami für mehrere Tage komplett auf sich allein gestellt, es gab keine Verbindung zur Aussenwelt.

Mehr im Teil 3 später: Dann aus Kamaishi.

Links:
YouTube: Tsunami in Miyako
YouTube: Tsunami in Yamada
YouTube: Tsunami in Ōtsuchi

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Die Küste von Iwate 9 Monate danach – eine Momentaufnahme: Teil 1

Januar 6th, 2012 | Tagged , , | 5 Kommentare | 2092 mal gelesen

Ein etwas ausführlicherer, zweiter Teil (Teil 1 von unterwegs hier) meiner kurzen Tour durch die Präfektur Iwate:

Karte der Tour durch Iwate

Erstmal zur Route, um die Lage der Orte etwas zu veranschaulichen. Es ging zuerst mit dem Shinkansen nach Morioka, der Präfekturhauptstadt von Iwate. Das dauert nicht mal drei Stunden. Nach einer Nacht in Morioka ging es weiter mit einem Schnellzug an die Küste, nach Miyako (gute 2 Stunden). Nach einer Übernachtung dort sollte es weiter nach Tōno gehen. Tōno ist von der Küste aus von Kamaishi her ziemlich gut erreichbar. Da die Bahnlinie von Miyako nach Kamaishi jedoch auf unvorhersehbare Zeit unbenutzbar bleibt, ging ich davon aus, wieder nach Morioka zurück und von dort ziemlich umständlich nach Tōno fahren zu müssen. Es sei denn… in Miyako erfuhr ich, dass es mittlerweilen eine reguläre Busverbindung nach Kamaishi geben soll. Daher wurde die Route spontan in die kürzere umgeändert – also nach Kamaishi, und von dort mit dem Zug nach Tōno. Das sollte mir ein paar Stunden Zeit und einige Tausend Yen sparen, aber das bedeutete auch, dass ich mit dem Bus quer durch das 被災地 (hisaichi) Katastrophengebiet fahren würde. Das sollte gute 9 Monate nach dem Tsunami eigentlich in Ordnung sein. Allerdings: Würde ich das Gleiche machen, wenn ich diesen Blog nicht schreiben würde? Wahrscheinlich nicht. Spätestens seit dem Beben hat mich dieser Blog bzw. seine Leser insofern verändert, dass ich das Gefühl habe, vernünftig informieren zu müssen (oder es ganz sein zu lassen). Aber ich schweife schon wieder ab. Nach einer Nacht in Miyako ging es also mit dem Bus nach 陸中山田 Rikuchū-Yamada (1 Stunde) und von dort mit einem anderen Bus nach 釜石 Kamaishi (45 Minuten). Nach ein paar Stunden Aufenthalt ging es von dort mit der Bahn nach 遠野 Tōno (1 Stunde). Am nächsten Tag ging es von Tōno mit frisch diagnostizierter Lungenentzündung nach 平泉 Hiraizumi, wo ich mir dort in der Herberge dann mit frischen Austern den Magen verdorben habe. Ja, diese Tour wird in Erinnerung bleiben. Am folgenden Tag (noch nichts ahnend von der verhängnisvollen Wirkung schlechter Austern) ging es zurück nach Tokyo.

Aber zuerst einmal nach Miyako: Miyako war eine der ersten vom Tsunami getroffenen Städte, da es relativ nah am Epizentrum lag. Allerdings: Obwohl es so nah (gute 100 km) am Epizentrum lag, hatte das Beben hier „nur“ eine starke 5 auf der japanischen Skala (Maximum: 7) – eine starke 5 hatten wir auch dort, wo ich wohne, und das ist gute 400 km entfernt. Das Hauptbeben fand 14:46 statt – die grösste Welle erreichte Miyako nach 35 Minuten, und späteren Berechnungen zufolge war die Welle stellenweise knapp 38 Meter hoch.

Küste bei Jōdo-ga-hama

Miyako bzw. nahezu die gesamte Küste der Präfektur Iwate ist für seine besondere Form bekannt – diesen Typ Küste nennt man Ria-Küste. Will heissen, die Küste ist sehr stark zergliedert, mit unzähligen, langen und verzweigten Buchte und sehr vielen Inseln und Inselchen. So etwas gibt es auch anderswo – in Irland oder der Bretagne zum Beispiel. Die Küste ist gerade bei Miyako sehr schön. Besonders bekannt ist dort ein Abschnitt namens 浄土ヶ浜 Jōdo-ga-hama. Vom Bahnhof Miyako fährt man mit dem Bus keine 15 Minuten bis dorthin. Von der Bushaltestelle läuft man dann noch knappe 10 Minuten, und schon steht man am Pazifik – an einem weissen Strand, der vom Horizont durch eine kleine Kette winzigster Inselchen getrennt wird. Auf den schroffen Felsen trotzt eine Kiefer dem Wind. Zwischen den Inseln schwallt das Wasser über die Felsen. Am Strand steht ein kleines Denkmal vom örtlichen Rotary-Club, welches an den Tsunami vom 24. Mai 1960 erinnern soll: Damals schickte ein schweres Erdbeben in Chile eine 10 Meter hohe Wasserwand nach Miyako. Dank des vorher errichteten Schutzdeiches blieb die Welle damals ohne Folgen.

Küste bei Miyako

Anders am 11. März 2011: Infolge des Bebens der Stärke 9.0 vor der Küste sank ein breiter Streifen entlang der Küste von Iwate ein paar Meter ab. Am Strand gibt es einen schönen Uferweg, der teilweise durch Tunnel führt. Dieser Weg steht heute grösstenteils unter Wasser und kann nicht mehr betreten werden. Ich laufe in das kleine Tal hinter der Bucht. Dort steht ein grosses Haus, in dem man früher essen und Souvenirs kaufen konnte. Das Gebäude ist mit Brettern verrammelt, das Toilettenhäuschen und die Trafomasten sind weggespült. Ich laufe zum Ende des schmalen Tals. Dort beginnt ein kleiner, unbeleuchteter Tunnel. „Wegen des Bebens Betreten Verboten“ steht dort, aber der Eingang ist nicht versperrt, und weit hinten sieht man das andere Ende. Der Tunnel scheint frei zu sein, also laufe ich hinein, etwas gebückt, da der Tunnel keine 2 Meter hoch ist. Nach ca. 250 Metern stehe ich wieder am Freien – nicht ganz ungefährlich, da ein Teil des Weges unterhalb des Ausgangs weggebrochen ist. Ich muss auch gleich springen, denn mir springt gleich die Gischt entgegen. Auch hier hat sich das Ufer deutlich abgesenkt. Überall liegen Trümmer herum; der Weg am Ufer ist halb überspült und voller Risse. Den gleichen Weg möchte ich nicht zurückgehen, also gehe ich schnell Richtung Ende der kleinen Bucht. Dort gibt es zwei Brücken – eine grosse Autobrücke und darunter eine kleine, zerbrochene Brücke – offensichtlich vom Tsunami zerbrochen. Überall liegen Holz und Trümmer herum.

Stadtviertel von Miyako nach Tsunami

Ich laufe die Treppen hoch von der Bucht, vorbei an einem Friedhof. Nach einigen Metern aufwärts geht es wieder abwärts, vorbei an ein paar Wohnhäusern, doch dann verschwinden die Häuser. Plötzlich sind nur noch Fundamente da: Das hier ist 蛸の浜町 – „Oktopusstrand-Viertel“, und alles von hier bis zum Hafen wurde weggespült. Nun, die Trümmer sind alle aufgeräumt – was heute noch steht in diesem engen Tal sind die Fundamente, versehen mit Markierungen wie „Kann abgerissen werden“ usw. Die Strassen sind alle frei und werden auch befahren, was etwas merkwürdig anmutet – ein Geflecht kleiner Strassen, ohne Häuser. Auch der Bus fährt hier durch und hält an den alten Haltestellen, auch wenn im weiten Umkreis nichts steht. Am Talrand stehen völlig unversehrte Häuser – der Tsunami interessiert sich logischerweise nicht dafür, was woneben steht, sondern nur dafür, wie hoch die Dinge liegen.

Teil 2 folgt…

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Notizen aus dem Norden: Miyako

Dezember 27th, 2011 | Tagged , | 6 Kommentare | 1177 mal gelesen

20111227-210720.jpgHeute morgen bin ich mit dem Expresszug von Morioka nach Miyako gefahren – Miyako ist eine Kleinstadt an der Pazifikküste in der Präfektur Iwate und wurde wie viele andere Städte in der Region am 11. März vom Tsunami heimgesucht. Und nicht nur dass – das Beben selbst hatte schon die auf der japanischen Skala maximale 7.

Was ich hier will? Zum einen steht Iwate schon lange auf meiner Liste. Und die Landschaft bei Miyako ist berühmt. Die Trümmer sind auch weitgehend aufgeräumt. Und die Gegend lebt zum Teil vom Tourismus, also warum meiden.

Natürlich habe ich auch als Ex-Geograph mit Schwerpunkt Stadtplanung ein gewisses Interesse daran, zu sehen, was nun aus der Stadt wird. Das mache ich nicht zum ersten Mal – 1998 war ich mit meinem Professor in Kōbe, um das Gleiche zu machen.

20111227-215342.jpgNun, die Trümmer sind aufgeräumt, und in der Stadt ist zu einem gewissen Grade Normalität eingekehrt, auch wenn die Katastrophe noch immer Gesprächsthema Nummer Eins zu sein scheint. Die Hilfe aus dem Ausland scheint hier wirklich sehr willkommen zu sein – heute liefen hinter mir zwei alte Leute, die sich darüber unterhielten. Die Frau sagte zuerst „Ah, mein Sohn wurde auch weggespült, das war wirklich schlimm. Aber die ganze Hilfe aus dem Ausland ist wirklich beeindruckend. Erst gestern wurden alle Schüler in der Klasse meines Enkels mit aus China gespendeten Sportsachen eingekleidet“.

Gestern hatte ich in der Bar in meinem Ryokan eine lange Unterhaltung mit einem Angestellten. Irgendwann kamen wir auch auf Fukushima zu sprechen (welches in dieser Region hier wesentlich weniger Spuren hinterliess). Er merkte dazu an, dass er den Chef des Planungsteams des AKW Onagawa kennt. Zur Erinnerung: Onagawa steht ebenfalls am Meer, ist aber viel näher am Epizentrum dran. Onagawa wurde auch vom Tsunami und Beben getroffen, während es in Betrieb war – dort ist allerdings kaum etwas passiert. Angeblich wurde der Chefplaner jedoch nach Bau des AKW gefeuert, da die Kosten für die Sicherheit den Preis zu sehr in die Höhe getrieben hatten.

Mehr später. Morgen geht es mit dem Bus weiter nach Kamaishi und von dort wieder landeinwärts nach Tōno, Heimat des Kappa.

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Gut gemachte Doku: 155 Tage nach dem Erdbeben

September 8th, 2011 | Tagged , , | 21 Kommentare | 3823 mal gelesen

Ich bin erst jetzt darauf gestossen – die Sendung lief bereits am 12. August in Fuji TV: わ・す・れ・な・い ~東日本大震災155日の記録~ – „Unvergesslich: Das Logbuch 155 Tage nach der grossen Erdbebenkatastrophe von Japan“.
Gute Dokus gibt es selten in Japan – gerade im deutschen Sprachraum wird man da schnell verwöhnt und erwartet viel. In Japan ist investigativer Journalismus, auch bzw. gerade im Fernsehen, weniger verbreitet.
Diese Dokumentation ist jedoch relativ gut gemacht. Die Gliederung ist wie folgt:

1) Nach einer kurzen Einleitung geht es um den Tsunami – den Teil der Dreifachkatastrophe, der bei weitem die meisten Todesopfer und die ärgsten Verwüstungen hervorrief. Dabei – erst jetzt aufgetauchte Videos, Augenzeugeberichte und gute Analysen: So zum Beispiel zum Thema, warum zahlreiche Menschen trotz Warnung überrascht wurden (Einwohner direkt hinter den Deichen konnten das Meer nicht sehen und hören; zurückfliessende Welle war streckenweise verheerender als die Hauptwelle usw).

2) Nach ca. 32 Minuten folgt eine chronologische Aufarbeitung der Geschehnisse nach dem Beben: Wie sich das Erdbeben nach und nach durch Japan bewegte, wie und wo der Tsunami zuschlug usw.

3) Nach ca. 61 Minuten geht es um Fukushima und diverse Ungereimtheiten: Warum zum Beispiel die Regierung am Abend des 11. März noch verlautet, es sei keinerlei Radioaktivität ausgetreten – die selbe Regierung aber drei Stunden vorher bereits dutzende Busse aus der Nachbarpräfektur Ibaraki nach Fukushima ordete, um zu evakuieren (ohne Marschbefehl nach Aufnahme der Flüchtlinge, wohlbemerkt!).

4) Nach ca. 81 Minuten folgt ein beeindruckender Teil über die Aufräumarbeiten: Wie man es schaffte, trotz schwerer Zerstörungen auf guten 500 km der Shinkansen-Strecke jenen wieder nach nur 49 Tagen auf Trab zu bringen. Sowie zahlreiche Vorher-Nachher-Bilder aus den Tsunami-Gebieten.

Es wäre erfreulich, wenn sich ein deutscher Sender dieser Doku bemächtigt und sie übersetzt, denn sie erzählt die Dinge wirklich so, wie sie in Japan wahrgenommen wurden. Dabei ist auch die Reihenfolge wichtig.

Die Doku kann man sich auch ohne Japanischkenntnisse ansehen. Natürlich verpasst man etliche Erklärungen, aber die Bilder sind in sich selbst schlüssig. Die Bilder sind streckenweise harter Tobak.

[Anmerkung: Das Video wurde offensichtlich fast überall entfernt. Alternativer Link: hier

Ich weiss, ich laufe Gefahr, einseitig zu werden mit diesem Thema. Aber es macht mir und sicherlich vielen Anderen, auch ein halbes Jahr danach, noch viel zu schaffen.

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