​Geschichten aus der Mongolei – Teil 2

Januar 3rd, 2017 | Tagged | 2 Kommentare | 872 mal gelesen

Im ersten Beitrag des neuen Jahres geht es nicht um Japan – sondern erneut um die Mongolei. Dies ist der zweite Teil – der erste Teil befindet sich hier.

Nach Gandan laufe ich gemächlich – nein, wegen der Kälte eigentlich eher schnell – zurück Richtung Blue Sky, dem markanten, segelförmigen Bürohochhaus. Daneben steht der Lama-Tempel. Der Plan: Lama-Tempel ansehen, dann zum Naturkundemuseum und danach den Tag in Ruhe ausklingen lassen. Die Wirklichkeit: Der Lama-Tempel hat zu wegen Montag. Das Naturkundemuseum hat zu – und allem Anschein nach nicht nur diesen Montag, sondern fortan alle Montage. Und auch die anderen sechs Wochentage. Sprich, das Gebäude verfällt, keine Spur von Leben. Der Alternativplan: Ins nahegelegene Geschichtsmuseum. Hat aber auch zu – genau, wegen Montag. Es ist beinahe so, als ob mir jemand sagen wollte, daß ich mich nicht so haben soll und gefälligst die Minusgrade genießen soll.

Also trotte ich weiter, Richtung Süden, denn dort steht noch ein weiterer, wohl sehr bedeutender Tempel. Der liegt einen guten Kilometer entfernt vom Zentrum, aber man merke, daß sich bei minus 20 Grad die Entfernungen gefühlt verdoppeln. Und entlang der vollgestopften Hauptstraße zu laufen macht auch nicht sonderlich Spaß. Kurz vor dem Tempel erinnere ich mich auch daran, daß bei der Kälte die Blase schneller drückt. Zum Glück gibt es direkt neben dem Tempel ein kleines, modernes – und warmes! – Einkaufszentrum.

Der Богд хааны ордон музей (Bogd-Khan-Tempel/Palast) ist definitiv die Mühe wert. Das einzige, was mich ärgert, ist die erforderliche Fotoerlaubnis: Der Eintritt kostet rund 2 Euro, die „Amateurfotoerlaubnis“ 20 Euro. Dieses Prinzip, was man zum Beispiel auch in der Belarus und der Ukraine (und sicher auch in Rußland) findet oder zumindest bei meinen letzten Besuchen fand, hat mir noch nie eingeleuchtet. Sicher, man möchte mehr Geld verdienen. Aber ich wage zu bezweifeln, dass das wirklich den gewünschten Effekt hat. Ich jedenfalls weigere mich aus Prinzip, das zu bezahlen. Es gab auch schon Orte, wo ich dann freilich trotzdem ein oder zwei Aufnahmen gemacht habe – keck aus der Hüfte geschossen – aber nicht hier – der ganze Tempel wimmelt nur so von kleinen Überwachungskameras. Dabei ist die Anlage sehr fotogen, da sie zwar gepflegt, aber nicht totgepflegt ist. Und außer mir gibt es nur einen weiteren Besucher, der leider zwei dumme Angewohnheiten hat – erstens, mit geöffnetem Mund Kaugummi zu kauen und zweitens, fast die gesamte Zeit in meiner Nähe zu sein.

Das Eingangstor des Bogd-Khaan-Tempels

Das Eingangstor des Bogd-Khaan-Tempels

Im Tempel / Palast (die Anlage ist quasi beides) bleibe ich letztendlich, bis man mich rauswirft – um 5 macht man im Winter zu. Die Artifakte im Tempelbereich sind interessant; noch interessanter sind jedoch all die Gegenstände des letzten Khan der Mongolei, der hier bis 1925 residierte. Das ist nicht einmal 100 Jahre her, und doch eine völlig andere Zeitrechnung. Zumindest in diesem Teil der Welt.
Um 5 ist es dann auch schon fast komplett dunkel. Ich kehre kurz zum benachbarten Einkaufszentrum zurück, um dort eine Tasse heißen Kaffees zu fassen, und entdecke dort zufällig einen Fast-Food-Laden mit dem Namen „German Prime Döner“. Bei rechtem Licht betrachtet gar nicht mal so verkehrt – die meisten Ausländer, die Deutschland länger als ein paar Tage lang besucht haben, kennen (und meistens schätzen) einen ordentlichen Döner Kebab. Und den findet man in der Türkei eben nicht (jetzt vielleicht schon – war schon seit über 10 Jahren nicht mehr da). Ich bin allerdings nicht zum Döner essen hergekommen, sondern wegen des Kaffees. Den gibt es zumindest in der Hauptstadt an allen Ecken und Enden – entweder als Espresso oder Americano – zu einem Preis, bei dem dem Durchschnittsmongolen die Ohren schlackern dürften. Starbucks hat es übrigens noch nicht hierher geschafft.

Der Rückweg ist eine Qual – es ist jetzt stockfinster, deutlich kälter ohne Sonne, leicht windig, und dank der großen Straße, an der ich entlang laufen muss, ist die Luft einfach furchtbar. Irgendwann tut mir die Nase weh – bei genauer Betrachtung kein Wunder, denn ein Nasenloch ist vereist. Ein Schluck Mineralwasser aus der Flasche im Rucksack gestaltet sich auch schwieriger als geplant: Der Inhalt, obwohl im Rucksack ständig in Bewegung, ist nahezu vollständig vereist. Und das sind nur rund minus 30 Grad – hier wird es aber in einem heftigen Winter bis minus 50 Grad kalt. Froh, gegen 6 zurück im Hotel zu sein, rufe ich den anonymen Taxifahrer vom Vortag an und erkläre ihm, wo ich hin will. Circa 50 Kilometer, 6 Stunden – er veranschlagt 120,000 Tröten. Knapp 50 Euro also. Das klingt fair, also verabreden wir uns für den nächsten Morgen.

Zehn Minuten vor der verabredeten Zeit gehe ich nach einem ausgiebigen Frühstück (ausgiebig bedeutet in meinem Fall ein Kaffee und ein Glas Milch – es gibt mehr, aber ich bin eher ein Spätstücker) in die Hotellobby, wo der Fahrer bereits wartet. Denn auch das bemerke ich schnell hier: Mongolen sind sehr pünktlich. Los geht’s – und zwar erst zu einem sowjetischen Denkmal, dem Зайсан толгой (Zaisan Tolgoi), dass im Süden der Stadt auf einem Hügel thront. Mit dem Auto kommen wir nur bis zur Hälfte, denn die Strasse ist komplett vereist. Allzu viel sieht man auch nicht von oben, denn heute ist der Smog wieder relativ stark (allerdings kein Vergleich zu Peking zum Beispiel). Das Denkmal? Nun ja, kennt man ein sowjetisches Monument, kennt man alle.

Das Zaisan-Denkmal: Typisch sowjetisch

Das Zaisan-Denkmal: Typisch sowjetisch

Wir unterhalten uns etwas über die peri- und postsowjetische Zeit. In Ostdeutschland würde man sagen, dass der Fahrer der Ostalgie nachhängt. Nach der friedlichen Revolution in der Mongolei geschah ähnliches wie in Ostdeutschland: Die Industrie ging nieder, viele verloren in der Stadt ihre Arbeit. Die russische Armee zog ab – ebenfalls damals ein großer Arbeitgeber. China sprang zwar als reicher Nachbar hier und da ein, aber Chinesen betrachtet man (auch) hier mit großem Argwohn.

Jetzt brausen wir quer durch die Stadt Richtung Norden. Rund 15 Kilometer nördlich des Zentrums befindet sich ein von der japanischen Regierung errichtetes Mahnmal – das Дамбадаржаа япон цэргийн цогцолбор (Japanischer Militärkomplex in Dambadarzhaa). Gedacht wird hier den japanischen Siedlern und Kriegsgefangenen, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges hier und in der Mandschurei steckenblieben und, auf die Rückkehr nach Japan wartend, aufgrund der Entbehrungen starben. Es ist eine ziemlich große Anlage, mitten im Nichts. Laut (japanischem) Reiseführer soll man vor dem Besuch die Familie anrufen, die die Anlage wartet, damit die den Wachhund zurückpfeifen, wenn man ankommt. Das sagt schon einiges aus. Der Fahrer macht das auch. In der Anlage befindet sich auch ein Minimuseum mit Karten, Fotos, Namensschildern und riesigen Blumengebinden diverser japanischer Ministerien. Es liegt auch ein Gästebuch aus – dort tragen Besucher ein, wann sie dort waren und in welcher Präfektur sie wohnen. Der letzte Eintrag ist zwei Wochen alt (das könnte stimmen: der Schnee in der Anlage ist tatsächlich jungfräulich).

Japanische Gedenkstätte bei Ulan Bator

Japanische Gedenkstätte bei Ulan Bator

Interessant ist jedoch die Fahrt zur Anlage. Denn wir fahren durch die sogenannten Ger-Viertel. Ger (in etwa „girr“ ausgesprochen) heißen die traditionellen Jurten, und die gibt es auch in den Außenbezirken von Ulan Bator. Ein Grund dafür ist, dass die Winterbevölkerung der Hauptstadt größer ist als die Sommerbevölkerung. Universitätsstudenten zum Beispiel lernen in den Sommermonaten draußen in der Provinz – und im Winter in der Hauptstadt. Das Problem dabei ist allerdings, daß alle Jurten und viele kleine, ärmlich erscheinende Häuser einzeln heizen – mit Kohle, Holz oder Dung. Das Ergebnis ist furchtbar schlechte Luft. Fast alle Kinder hier tragen deshalb spezielle Masken. Laut Fahrer ist diese Gegend die wahre Mongolei – nicht das glitzernde Stadtzentrum.

Smog im Ger-Viertel (an einem klaren Wintertag!)

Smog im Ger-Viertel (an einem klaren Wintertag!)

Wir fahren zurück ins Zentrum zum größten Markt der Stadt, dem Нарантуул зах (Narantuul-Markt), im mongolischen Volksmund „Schwarzmarkt“ genannt, weil es hier wohl, wenn man weiß, wo man suchen muss, wohl auch unerlaubte Sachen wie Munition und dergleichen geben soll. Das kann man sich bei der Größe und dem Labyrinthcharakter des Marktes auch gut vorstellen. Hier wird alles verkauft. Im hinteren Teil gibt es auch ein paar Buden für Schamanenzubehör, und die sind besonders interessant.

Der Narantuul-Markt. Das Tor ist extrem stilvoll.

Der Narantuul-Markt. Das Tor ist extrem stilvoll.

In der Mongolei dominieren Buddhismus und Schamanismus – nicht selten auch eine Mischung von beiden (ähnlich dem Shintōismus und Buddhismus in Japan). Um es extrem zu vereinfachen: Beim Shintōismus geht es um das Göttliche in allen Dingen, beim Schamanismus um die Geister in allen Dingen. Auf den Schamanismus ist man stolz in der Mongolei, und ich habe Stimmen gehört, nach denen sich auch die jüngeren Mongolen wieder mehr für den Schamanismus interessieren. Allerdings ist auch das Christentum auf dem Vormarsch – vor allem seit der friedlichen Revolution, nach deren Wirren vor allem einige Hauptstädter plötzlich ohne Arbeit und ohne Geld (und dementsprechend auch ohne Essen) dastanden. Die ideale Voraussetzung für Seelenfänger, die mit dem Versprechen auf eine warme Mahlzeit Menschen in die neu entstandenen Kirchen lockten.

Mongolischer Käse. Alles andere ist Wurst.

Mongolischer Käse. Alles andere ist Wurst.

Sechs Stunden waren ausgemacht, von 9:30 bis 15:30. Jetzt ist es kurz nach Mittag, und es fällt allmählich schwer, zu entscheiden, was es noch so sehenswertes gibt in der Hauptstadt. Der Fahrer schlägt vor, raus nach Terelj zu fahren, aber das ist bereits für den nächsten Tag geplant. Also fahren wir noch zu einem anderen kleinen Markt mitten in der Innenstadt, in der es frisches Fleisch und frisches Gemüse, mongolischen Käse und dergleichen gibt. In der dem Markt angeschlossenen Kantine essen wir schließlich Mittag und fahren daraufhin noch schnell beim Bahnhof von Ulan Bator vorbei. Irgendwann mal, wenn ich groß bin, muss ich wirklich mal die Fahrt mit der Transmongolischen Eisenbahn von Moskau bis Peking machen… eigentlich hatte ich mir auch gedacht, mit der mongolischen Eisenbahn einen Tag lang Richtung Norden oder Richtung Süden zu fahren, dort dann irgendwo zu übernachten und am nächsten Tag zurückzufahren, aber die Züge fahren so selten und so merkwürdig, dass es keinen rechten Sinn ergeben hätte. Das ist natürlich schade, denn mit einem langsamen Zug gemächlich durch atemberaubende Landschaften zu fahren ist ein Luxus, den man in Japan kaum noch findet.

Bahnhof von Ulan Bator

Bahnhof von Ulan Bator

Gegen 14 Uhr quälen wir uns allmählich durch den ewigen Stau der Innenstadt zurück und verabschieden uns am Lama-Tempel- und Museum. Unterwegs deutet der Fahrer noch auf das eine oder andere Gebäude: „Das hier ist eine Ringer-Arena, finanziert von Asashōryū. Oder: „Die Tankstelle hier gehört zur Firmengruppe von Hakuhō“. Beide sind in Japan sehr bekannte Sumō-Ringer (beide haben den höchsten Rang, den Titel des Yokozuna, erreicht). Wie es aussieht, haben beide ihren in Japan schwer erarbeiteten Reichtum gut in der Heimat angelegt, und das ist natürlich eine schöne Sache. Dass vor allem Mongolen im japanischen Nationalsport Sumo so erfolgreich sind, ist kein Zufall: Traditionelles Ringen ist DER Volkssport der Mongolei, national zelebriert beim berühmten Sportfest „Nadaam“, das alljährlich im Juli in Ulan Bator stattfindet.

Gebäude des Lama-Tempels vor dem Blue Sky-Bürogebäude

Gebäude des Lama-Tempels vor dem Blue Sky-Bürogebäude

Heute hat das Чойжин ламын сүм музей (Choijin Lama Tempel-Museum) geöffnet, und ich bin scheinbar der erste Besucher, denn eine Angestellte schließt der Reihenfolge nach die einzelnen Gebäude für mich auf. Alles sehr beeindruckend – am beeindruckendsten ist aber der Kontrast zwischen den alten Tempelgebäuden und den Bürohochhäusern gleich daneben. Gefolgt wird das ganze von einem längeren Plausch mit der Angestellten des Museumsshops, denn die Frau spricht fließend Englisch, Russisch, Französisch und ein wenig Deutsch – das ganze artet in einen kurzweiligen Diskurs über vergleichende Linguistik aus und macht ziemlichen Spaß, zumal sie nebenher noch etliche Sachen über dem Tempel und die Mongolei an sich erklärt.

Schließlich geht es noch ins ebenfalls am Vortag verpasste Geschichtsmuseum, wo ein älteres deutsches Nebenpaar im gleichen Saal ihren deutsch sprechenden mongolischen Führer zusammenfaltet, weil der verkünden muss, dass aus der geplanten Folkloreveranstaltung am Abend leider nichts wird. Das ganze wird mit der drohend klingenden Bemerkung des Gemahls „Ich bin mir sicher, daß Sie bis zum Abend gebührenden Ersatz gefunden haben werden“ abgeschlossen. Ich frage mich unweigerlich, ob der Guide am Abend sich noch in einen Schamanen verwandeln und vor den beiden tanzen wird…

Den Abend lasse ich im Grand Khan Pub ausklingen. Dieser riesige, hochmoderne Pub war wohl bis zum vergangenen Jahr extrem angesagt und sowohl mittags als auch abends immer ausgebucht, doch seit 2016 steckt die Mongolei in einer mittelschweren Wirtschaftskrise, inklusive rund 30% Inflation, und seitdem ist der Grand Khan Pub, Barometer der mongolischen Wirtschaft, größtenteils leer.
In der Nacht geht es im Hotel Ulan Baator wieder hoch her: Im großen Saal wird lautstark gefeiert. Viele Teilnehmer sind betrunken – und verkleidet. Wie ich später erfahre, lassen mongolische Firmen das Jahr gern mit einer großen Sause ausklingen, bei der sich die Teilnehmer gern verkleiden.

Wie es aussieht, komme ich nicht um einen dritten Teil herum, und der wird am interessantesten, denn dann geht es raus aus der Hauptstadt in die Provinz – inklusive Übernachtung in einer Jurte bei einer Nomadenfamilie…

Und hier ist er: Teil 3 (letzter Teil).

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2 Responses to “​Geschichten aus der Mongolei – Teil 2”

  • Ali sagt:

    Als Sowjetfluechtling bin ich zwar generell kein Fan von Ostalgie, aber die Denkmale die die damals ueberallhin gebaut haben gefallen mir schon ganz gut. Schade fast, dass moderne Demokratien sich selbst selten so unverkennbare Denkmale bauen; anscheinend haben heutzutage nur mehr Diktaturen das Beduerfnis, dem oeffentlichen Raum eine ganz bestimmte Aesthetik aufzudruecken die fuer Generationen mit einer bestimmten Zeitperiode assoziiert werden wird.

  • Marco sagt:

    Das sehe ich auch so: Ein dritter Teil ist unausweichlich ;)
    Vielen Dank für Teil 2!