Doppelte Staatsbürgerschaft in Japan — Theorie und Praxis

September 15th, 2016 | Tagged | 1 Kommentar | 1711 mal gelesen

japanischer Reisepass

japanischer Reisepass

Das infrage stellen der Staatsbürgerschaft eines Politikers hat ja Konjunktur. Adolf konnte es damals nicht aufhalten, aber aus Amerika sind ja Gerüchte wie „Obama ist nicht als Amerikaner geboren wurden“ und dergleichen gang und gäbe. Aus Japan hört man so etwas eigentlich weniger, denn hier sind nahezu alle Japaner Japaner. Nun ja, fast alle. In dieser Woche musste 蓮舫 Renho, Ex-Ministerin, jetzt Oberhausabgeordnete und Galionsfigur der Demokratischen Partei, zugeben, dass sie die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt¹. Renho, Halb-Taiwanesin, Halb-Japanerin, nahm erst 1985 die japanische Staatsbürgerschaft an, „versäumte“ es jedoch danach, die taiwanesische Staatsbürgerschaft aufzugeben. Und das ist in Japan eigentlich verboten: Eine doppelte Staatsbürgerschaft ist so nicht vorgesehen im japanischen Rechtssystem. Demzufolge müssen Kinder mit nur einem japanischen Elternteil bis zu ihrem 22. Lebensjahr entscheiden, welche Staatsbürgerschaft sie annehmen wollen.

Die Enthüllung von Renho hat entsprechend eine Debatte in Gang getreten. Es wird nämlich selbst von den Behörden vermutet, dass sich in etwa 90% der von dieser Regelung Betroffenen nur wenig darum scheren und die doppelte Staatsbürgerschaft behalten. Warum auch nicht: Einen Abgleich bezüglich ihrer Bürger gibt es zwischen den Staaten nicht. Und während es für einige Nationen nicht sinnvoll erscheint, zwei Staatsbürgerschaften zu haben (Beispiel Amerikaner, die ja, egal, wo sie arbeiten und leben, Steuern in den USA zahlen müssen, so lange sie die Staatsbürgerschaft behalten), würde es für viele andere – auch für Deutsche – durchaus sinnvoll sein. Denn ausser den Kosten der Passerneuerung bezahlt man ja kein Geld an die alte Heimat, doch ein japanischer Pass wäre durchaus nützlich, denn den kann man im Gegensatz zur Permanenten Aufenthaltsgenehmigung nicht so schnell wieder loswerden. Und: Man könnte wählen und gehen und anderweitig politisch aktiv werden. Der einzige Nachteil eines japanischen Passes wäre nur, dass man — anscheinend nur theoretisch — seinen deutschen Pass abgeben müsste. Eine sehr hohe Hemmschwelle.

Es lohnt sich zu beobachten, was die Diskussion bewirken wird. Wird man versuchen, die Schlupflöcher in puncto doppelter Staatsbürgerschaft zu schliessen? Oder wird man die doppelte Staatsbürgerschaft gar, unter Auflagen, versteht sich, gar genehmigen? Man darf gespannt sein. Letzteres wäre bei rechtem Licht betrachtet die einfachere – und auch für Japan selbst praktikablere Lösung.

¹ Siehe unter anderem hier (Englisch)

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One Response to “Doppelte Staatsbürgerschaft in Japan — Theorie und Praxis”

  • Vladislav sagt:

    Ich glaube, dass es nicht ganz richtig ist zu schreiben „doppelte“, den so kann man beschreiben wenn 2 Staaten untereinander Vereinbarungen zu Steuer haben; mehrfache wäre hier angemessen – den vielen ist es eigentlich egal oder es einfach zugelassen/