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Dinge, die einfach nur nerven: Sinnlose Nahrung und obszöne Sprachkonstrukte

April 26th, 2012 | Tagged , | 10 Kommentare | 2521 mal gelesen

I wanna... not see this anymore!

In letzter Zeit hängen in allen Zügen diese Poster mit Werbung für Umeshu (wer es nicht kennt: Pflaumenwein) ohne Alkohol. Werbeslogan: You wanna 酔わないウメッシュ (you wanna yowanai umesshu). „yowanai“ ist die Verneinungsform von you, zu deutsch „betrinken“. Ergo: „You wanna not get drunk„. Wow! Welcher Pinsel hat sich denn dieses schwachsinnige Sprachkonstrukt ausgedacht? Wortwörtlich ist zwar nichts dran auszusetzen – „Du möchtest Dich nicht betrinken“, aber das liegt auch nur daran, dass sich das Konstrukt nicht perfekt übersetzen lässt. Sorry, aber englische und japanische Grammatik passen einfach nicht zusammen. Ein ganz lautes 違和感! (iwakan = Unbehagen) von mir. Auch wenn man versteht, was die Herren und Damen Marketingexperten da sagen wollen.

Und los geht’s. Natürlich macht sich die durch und durch kommerzialisierte Bloggerszene in Japan ans Werk. Da wäre Herr Matsuoka, seinerseits Sprachdozent an einer Universität, der sich des Slogans annimmt in seiner „Die heutige Englischlektion“-Kolumne – und dem Wortungetüm auch noch Beifall zollt. Um Gottes Willen. Auf 2channel, dem Onlineforum, in dem jeder mal richtig die Sau rauslassen kann, zerreisst man sich natürlich die Münder, wie zum Beispiel hier oder hier. Immerhin bemerken da viele, dass der Spruch irgendwie nicht passt. Natürlich wird noch mehr darüber gemosert, was dem Kunden da angedreht werden soll: Umeshu ohne Alkohol. Ume = Pflaume, –shu = Alkohol. Alkoholloser Schnapps? Glückwunsch! Anderswo nennt man das Pflaumensprudel. Oder ume soda meinetwegen auf Japanisch.

Und hier kommt das Rezept für eine erfolgreiche Werbekampagne: Man nimmt ein paar junge, strahlende Frauen in den 20ern. Eine davon muss berühmt sein wegen irgendetwas (und ich meine keine Ferkelfilme). Den Frauen zieht man pastellfarbene Kleidchen an. Man stellt sie dann in eine durch und durch pastellfarbene Kulisse. Dann singen die Frauenzimmer ein stumpfsinniges Lied und garnieren das mit konvulsischen Zuckungen, neumodischer Tanz gedacht. Und fertig ist die Show! Und siehe da: Das Zeug verkauft sich wie blöde. Hätte man es als Pflaumenbrause verkauft, wäre wohl nichts draus geworden.

Wer sich das erfolgreiche Rezept anschauen will – bitte schön! Ich habe Euch gewarnt (da das Video bald wieder verschwunden sein könnte, hier nur als Link).

Überhaupt nervt die Lebensmittelindustrie hier (bzw. die Konsumenten) in letzter Zeit über alle Massen mit OFF-Getränken. Es muss nunmehr alles off sein: Cocktails ohne Alkohol, Bier ohne Allolllol, Bier mit weniger Purine (so kein Chemiker ist Wikipedia Dein Freund), Sprudel ohne Kalorien, Gelee und sonstiges Essen ohne Kalorien. Ich will den Nutzen alkoholfreier Getränke und kalorienreduzierter Nahrung ja nicht in Frage stellen, aber wenn ich Joghurt für die Kinder kaufen will und es gibt KEINEN EINZIGEN normalen Joghurt, sondern nur kalorienreduziertes Magermilchzeugs mit ohne Zucker, frage ich mich, wo das noch hinführt. Ähnliche Gedanken hege ich, wenn ich Mütter sehe, die ihren Kindern nach dem Spielen Coca Cola Light zu trinken geben. Ja, wunderbar. Früh übt sich!

So. Dieser Eintrag wurde gesponsert von zwei Bier, mit allem drum und dran drin! Ausserdem werde ich mich mit diesem Artikel in die Goldene Woche verabschieden. Nein, es geht nicht weg. Aber Besuch aus Deutschland von zwei liebenswerten Whiskyräubern ist angesagt, und da wird nicht viel Zeit bleiben zum schreiben. In diesem Sinne wünsche ich allen in Japan weilenden eine schöne Goldene Woche!

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Worte und ihre Wirkungen

April 19th, 2012 | Tagged , | 7 Kommentare | 1142 mal gelesen

Mit großem Interesse habe ich hier das Günter Grass-Gedicht und die darauf folgenden Reaktionen verfolgt. Sehr spannend, das alles, aber da es hier nicht um Israel sondern um Japan geht, werde ich mich nicht weiter dazu äußern. Ähnliche Wellen schlagen hierzulande jedoch seit gestern Bemerkungen des Governeurs von Tokyo, Ishihara, der gestern auf einer Pressekonferenz (oder bereits vorher?) mal eben die Idee hatte, daß es doch eine gute Sache wäre, wenn Tokyo-to (die Verwaltungseinheit Tokyo) die 尖閣諸島 Senkaku-Inseln kaufen würde. Jene liegen im Dreieck zwischen Okinawa, Taiwan und der VR China und gehören momentan bzw. seit den 1930ern zur Präfektur Okinawa, genauer gesagt zur Gemeinde Ishigaki. Die Inselgruppe besteht aus 5 Inseln und 3 Riffen, ist insgesamt gute 5 Quadratkilometer gross und hat 0 Einwohner. Bis zur nächsten bewohnten Insel sind es rund 130 Kilometer. Interessant sind die momentanen Besitzverhältnisse: 4 der Inseln wurden Ende des 19. Jahrhunderts für 30 Jahre an den Unternehmer Koga verpachtet – ohne daran verknüpfte Bedingungen. Erst 1895 verleibte sich Japan die Inseln offiziell ein, nachdem geprüft wurde, dass die Inseln niemandem anderen gehören. Koga versuchte in den folgenden Jahren, die Inseln wirtschaftlich zu erschliessen, aber mangels Wasser war das Unterfangen nicht ganz einfach – Landwirtschaft ist einfach nicht möglich. Trotzdem lebten vor dem 2. Weltkrieg bis zu 200 Japaner auf der Insel – im Dorf Koga. Nach dem Krieg verschwanden die Menschen, und Okinawa wurde von den USA verwaltet. Laut japanischen Quellen wilderten daraufhin taiwanesische Fischer die Insel, bis fast alle Seevögel verschwanden. Bis 1968 interessierte sich ansonsten niemand richtig für die Inseln – bis in der Umgebung Erdöl gefunden wurde. Nun erhoben plötzlich Taiwan und die VR China Ansprüche auf die Inseln.

1932 kaufte Koga’s Sohn dem Staat die Inseln (mit Ausnahme der Taishō-Insel) ab. Und daran hat sich bis heute nichts geändert: Die kleinste der Inseln (Taishō-Insel) gehört dem Finanzministerium; die anderen vier Inseln sind in privater Hand. Da die Eigentümer aber die Inseln nicht benutzen dürfen (der Zutritt ist streng reglementiert und normale Leute dürfen dort nicht hin), zahlt der Staat an die Eigentümer Miete für die Inseln, und zwar eine knappe viertel Million Euro pro Jahr (siehe hier).

In den letzten Jahren gab es immer wieder Vorfälle, bei denen Fischer und sogar Militär in die Wirtschaftszone um die Senkaku-Inseln eindrang: So zum Beispiel bei einem Vorfall im September 2010, als ein chinesisches Fischerboot bei den Senkaku-Inseln mehrfach ein Schiff der japanischen Küstenwache rammte.

Der Vorschlag des rechts angesiedelten, erzkonservativen und sehr beliebten Gouverneurs von Tokyo ist nicht dumm: So Okinawa keine besondere Einwände erhebt, könnte Tokyo unter Umständen wirklich den Inhabern die Inseln für ein paar dutzend Millionen Euro abkaufen und sich „mehr um die Inseln kümmern“. Das wäre auch nichts neues – die von Tokyo rund 1’740 km entfernte 沖ノ鳥島 Okinotori-Shima und viele andere Inseln gehören auch zu Tokyo. Aber die eher saloppe Bemerkung über den geplanten Kauf schlägt grosse Wellen im Land (nach dem Motto „darf der sowas!?“) und natürlich in China, wo sich sofort Widerstand regt. Mal sehen, was aus der Idee wird – und was geschehen wird, wenn Ishihara wirklich die Inseln an sich (bzw. die Stadt Tokyo) reißt.

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Casio unterschätzt japanische Frauen

April 14th, 2012 | Tagged , | 5 Kommentare | 1077 mal gelesen

Casio EXILIM EX-TR150 - Pressefoto

Am 5. April gab Casio bekannt, dass es eine neue Kamera auf den Markt werfen wird: Eine futuristisch anmutende Digitalkamera mit dem wohlklingenden Namen „EXILIM EX-TR150“, die durch folgendes herausstechen soll: Mit einem Stylus kann man auf dem Bildschirm der Kamera Fotos nachträglich bearbeiten. Mit bearbeiten ist nicht nur schnödes ausschneiden, fokussieren oder sonstwas gemeint: Man kann allerlei niedliche Elemente hinzufügen (für Japan-Kenner: Im purikura-Stil) und, jetzt kommt es, man kann Personen auf dem Foto nachträglich Schminke anheften. Kein Scherz! Gemeint ist keine Kriegsbemalung, sondern dezente (?) Schminke eben.

Kurz wurde die Kamera im Fernsehen beworben. Nur kurz. Am 20. April sollte Verkaufsbeginn sein, und das gute Stück soll um die 30,000 yen kosten – also weniger als 300 Euro. Leider hat Casio den Markt bzw. japanische Frauen grob unterschätzt. Heute, also am 13. April, gab Casio bekannt, dass weit mehr Vorbestellungen vorliegen als Casio produzieren kann. Deshalb wurde der Verkaufsstop bekanntgegeben – bevor die Kamera überhaupt in irgendein Geschäft gelangt.

So werden Legenden geboren. Eine schöne Geschichte. Und typisch japanisch (obwohl das sicher auch in einigen anderen Ländern zutrifft), denn vor nichts fürchten sich Japanerinnen mehr, als 素っぴん (suppin – ungeschminkt) abgelichtet zu werden. Da bietet sich diese Kamera natürlich an.

 

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Fernsehtipp: Pikaru no Teiri

April 12th, 2012 | Tagged , | 1 Kommentar | 833 mal gelesen

Szene aus Pikaru: Brusthaar! - eine Seltenheit hierzulande

Jetzt, da eine meiner einstigen Lieblingssendungen leider aus dem Äther verschwunden ist (die Rede ist von Arabikidan), musste Ersatz her. Man muss ja auch mal was zum Lachen haben. Da stolperte neulich meine Fernbedienung über eine relativ neue Sendung (seit 2010) auf dem privaten Sender フジテレビ Fuji TV: Die Sendung heisst ピカルの定理 – Pikaru-no-teiri, besteht aus einer mehr oder weniger festen Mannschaft und setzt sich aus zahlreichen kleinen Folgen zusammen. Die meisten der dort Auftretenden sind einfach nur saukomisch. In einigen Episoden werden vor allem die zahllosen Fernsehschmonzetten auf die Schippe genommen – im folgenden Video zum Beispiel ab ungefähr 5:10.

Interessant ist das Konzept – scheinbar sind alle Mitglieder der Truppe bei allen Drehs dabei – auch hinter der Kamera – und vieles scheint ad hoc zu sein, obwohl man sich da gerade im japanischen Fernsehen nie so ganz sicher sein kann. Aber ob gestellt oder nicht: Es macht Spass, den Folgen zuzusehen, da die Schauspieler ganz offensichtlich selber sehr viel Spass bei der Sache haben (und sich oft das Lachen nicht verkneifen können).
Die Schauspielerei ist, denke ich, zum Teil auch ohne Sprachkenntnisse witzig. Sprachtechnisch gesehen gehört die Sendung jedoch zum anspruchsvolleren Programm. Mit reinem Sprachkurs-Japanisch kommt man nicht allzu weit.

Hier noch der Link zum Programm: Fuji TV – Pikaru-no-teiri. „Pikaru“ ist „Picard“ und „teiri“ das Theorem – der Titel bedeutet also „Satz von Picard“ (Mathematik). Warum? Keine Ahnung.

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Save Minamisōma – Update und ein paar Dankeschöns

April 7th, 2012 | Tagged , , | 7 Kommentare | 1406 mal gelesen

Ja, das Thema verschwindet natürlich nach mehr als einem Jahr allmählich aus den Köpfen, aber leider geht die Misere für viele noch weiter. Zum Beispiel für Tausende Menschen in 南相馬 Minami-Sōma, die immernoch in Behelfsunterkünften, sprich Containern, ausharren müssen. Die meisten von ihnen haben entweder durch den Tsunami ihr Haus verloren oder mussten aus der Sperrzone um das havarierte AKW fliehen, da Teile der Stadt innerhalb der Sperrzone liegen. In beiden Fällen herrscht nachwievor Ungewissheit: Wie wird der Flächennutzungsplan für die Tsunami-gefährdeten Stadtteile aussehen? Wird es einen komplettes Bauverbot geben – und werden in dem Fall die Menschen entschädigt? Noch ungewisser ist die Zukunft natürlich für die Menschen, die aus der Sperrzone kommen. Es gibt Überlegungen, Teile der Sperrzone wieder begrenzt zugänglich zu machen, aber all das wird noch dauern, und da wäre ja auch noch die schleichende Gefahr durch die natürlich immernoch hohen Strahlenwerte.

Verteilung von Spenden am 1. Januar in Minami-Sōma

Hinzu kommt, dass die radioaktiven Partikel natürlich erst allmählich in den Wasserkreislauf gelangen. Das Trinkwasser beziehen die Bewohner aus Flüssen, die aus den hohen Bergen im Hinterland entspringen. Jedoch – gerade in den Bergen ist die Strahlung aussergewöhnlich hoch. Man muss kein Geograph oder Strahlenexperte sein, um sich auszurechnen, was auf absehbare Zeit mit dem Trinkwasser geschehen wird. Jedoch: Messwerte gibt es nicht, oder sie werden nicht oder wenn doch erst viel zu spät veröffentlicht. Das verunsichert die Einwohner natürlich, und so kaufen sie ihr Wasser verständlicherweise lieber im Supermarkt. Dort kostet der Liter allerdings ab 80 Yen pro Liter, anstelle der 0.18 yen, die es kosten würde, wenn das Wasser aus dem Hahn trinkbar wäre. Da die Behörden das Problem nicht anerkennen, bezahlen das natürlich alle aus eigener Tasche.

Und so geht das Save Minamisōma-Projekt (SMP) auf unabsehbare Zeit weiter. Es muss weitergehen, denn es hat sich ja nichts verbessert. Den Bewohnern der Container kann man jetzt schlecht sagen „Tja, war schön mit Euch, aber jetzt ist ja ein gutes Jahr rum, das sollte dann mal langsam reichen“. Sicher, sie würden es irgendwo verstehen. Aber sie wären auf jeden Fall sehr enttäuscht.

Im vergangenen Jahr hatte ich erstmals über SMP berichtet, und auch zu Spenden aufgerufen. Es kamen auf diese Weise alles in allem ca. 300 Euro zustande. Allen Spendern habe ich natürlich persönlich gedankt, aber trotzdem noch mal an alle: Dankeschön! Das Geld war sehr gut angelegt, und die Mitglieder von Save Minamisōma sowie natürlich vor allem die Betroffenen wissen das sehr zu schätzen.

Hilfeaufruf für Japan

Einige Zeit später meldete sich Frank Borsitz bei DinJ und fragte die Liste, ob nicht irgendjemand eine Organisation kenne, die die von ihm organisierten Spenden gebrauchen könnten. Nun, ich wusste da jemanden, und so gelangten 420 Euro bzw. zum damaligen Umtauschkurs 45,000 Yen an SMP. Deshalb an dieser Stelle auch ein ganz grosses Dankeschön an Frank – für die Idee, für das Vertrauen und den reibungslosen Ablauf. Frank hat nach der Katastrophe die Webseite Hilfeaufruf für Japan in Gang gebracht und zahlreiche Firmen und Einzelpersonen zu Spenden bewegen können. Ein Teil davon ging nun an SMP.

Als nächstes wurde ich von Enrico, einem Freund und Stammleser (seine Frau kenne ich nun schon seit über 15 Jahren, ihn persönlich seit rund 6 Jahren) angesprochen – der „Freies Wort hilft e.V.“, ein Thüringer Verein, suchte nach einem angemessene Empfänger für die Spenden, die dank der Leser der Tageszeitung „Freies Wort“ für Japan und diverser Aktivitäten des Vereins zusammenkamen. Auf diese Weise kam SMP eine Spende von 12’908.46 Euro, also fast 1,4 Millionen Yen, zu.

Freies Wort hilft e.V.

Aus diesem Grund möchte ich mich hiermit bei allen Thüringern bedanken, die gespendet haben oder sonstwie an Aktionen beteiligt waren. Die Hilfsbereitschaft nicht nur hier vor Ort, sondern auch von Menschen, die ganz weit Weg sind von Japan (oder Sri Lanka, Somalia, Haiti – wo auch immer Spenden und Hilfen jeglicher Art gebraucht werden) ist wirklich ermunternd und verfehlt nicht seine Wirkung bei den unmittelbar Betroffenen. An dieser Stelle neben Enrico auch ein ganz grosses Dankeschön an Herrn Ermert vom Verein bzw. stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift „Freies Wort“ sowie an Yvonne Reißig, einer Journalistin aus Eisenach, die dafür sorgten, dass alles reibungslos über die Bühne ging mit den Spenden.

Und so wird SMP dank der Spenden weitergehen. So lange, bis die Menschen dort wieder eine Perspektive haben. Wer sich irgendwie daran beteiligen möchte, kann das gern immernoch tun – entweder mit Spendne oder, falls vor Ort, mit Teilnahme (über Facebook-Seite anfragen).

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Frühjahrssturm / Wetter für Japanbesucher

April 4th, 2012 | Tagged , , , | 5 Kommentare | 2283 mal gelesen

Verkehrsinfo-Display im Bahnhof: Rot bedeutet kompletter Stillstand, gelb bedeutet Verspätung

Das Sturmtief, das heute über fast ganz Japan zog, hatte es in sich. Es war kein Taifun, aber es stand einem Taifun in nichts nach: Es legte den Verkehr von Kyūshū bis nördlich von Tokyo lahm, es gab Überschwemmungen, zahlreiche umgekippte Bäume und LKW, mindestens 3 Tote und Hunderter Verletzte. Selbst im Stadtzentrum von Tokyo wurden Windgeschwindigkeiten bis 110 km pro Stunde gemessen. Alle Bahnen, die nicht unter der Erde fahren, standen still, etliche Flüge wurden gestrichen. In der Präfektur Fukui strandete ein grosser, unbemannter Frachter, der sich losgerissen hat.

Rekordverdächtig für diese Jahreszeit? Nicht ganz – ca. ein Mal in zehn Jahren passiert so etwas im Frühling. Dieses Mal waren die Leute recht gut gewarnt: Sehr viele Firmen, auch die unsere, schickten ihre Leute am Nachmittag nach Hause. Ich hatte um 15 Uhr leider ein wichtiges Meeting, und mein Gegenüber entschuldigte sich mehrmals, dass es keinen Tee geben werde, da die Leute alle schon auf dem Heimweg sind. Nun gut – nach dem Meeting war es voraussichtlich schon zu spät, und so ging es zurück zum Büro, Sturm aussitzen. Da ich ja nun schon zahlreiche Taifune hier erlebt habe, weiss ich ungefähr, wann und wo welche Züge ausfallen. Und ein bisschen Thrill zum Feierabend tut auch ganz gut. Also ging es abends kurz vor 8 Uhr zum Bahnhof Ebisu. Erwartungsgemäss fuhr meine Linie nicht, also ging es mit der Yamanote-Ringlinie nach Ōsaki. Die Linie von dort fuhr – erwartungsgemäss, da sie fast die ganze Strecke unterirdisch verläuft (nein, keine U-Bahn!).

In Shin-Kiba hiess es umsteigen, aber natürlich fuhr die Linie nicht, denn die Linie von dort verläuft auf Stelzen und immer an der Küste entlang. Ein leichter Luftzug, und die Linie steht. Seit 14 Uhr. Also raus aus dem Bahnhof und zum Taxistand. Erstaunlicherweise warteten dort nur 3 Leute. Der Vordermann, ein junger Japaner, fragt mich ganz selbstverständlich auf Japanisch, wo ich hinmöchte. „Nach Urayasu!“ antworte ich, und er sagt freudestrahlend „Ich auch! Wollen wir uns das Taxi teilen?“. Aber gern doch. 15 Minuten später teilen wir die Rechnung – 1,300 yen für jeden. Letztendlich dauerte die Heimfahrt damit sogar etwas kürzer als üblich. Geht doch. Vor 9 Uhr war ich zu Hause. Meine Linie nahm erst nach 23:30 wieder den Betrieb auf.

Jüngst fragte ein Japan-Besucher und Leser verständlicherweise, woher man als Japan-Besucher im Voraus von solchen Wetterlagen erfahren kann. Nun, die JMA (Japan Meteorological Agency) unterhält eine sehr umfangreiche englische Webseite zum Thema, und ein gelegentlicher Blick darauf kann bei der Reiseplanung sehr nützlich sein:

http://www.jma.go.jp/jma/indexe.html

Insbesondere sind folgende Seiten darin wichtig:

Aktuelle Unwetterwarnungen
Taifunwarnungen (Juni bis November)
Wettervorhersage
Für Fortgeschrittene: Regenradar (mit Vorhersage-Simulation)

Bei allen Karten kann man Gebiete anklicken.

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Tokyo Gate Bridge

April 1st, 2012 | Tagged , | 9 Kommentare | 1564 mal gelesen

Dieses Jahr ist das Jahr der großen Bauwerke in Tokyo: Zum einen wurde die 東京ゲートブリッジ Tokyo Gate Bridge am 12. Februar eröffnet, zum anderen wurde am 29. Februar der 634 Meter hohe 東京スカイツリー Tokyo Sky Tree fertiggestellt (die Eröffnung ist allerdings erst am 22. Mai).
Natürlich habe ich mal wieder keine Mühen gescheut, um etwas über die Tokyo Gate Bridge hier berichten zu können. Naja, eigentlich war es eher eine gute Entschuldigung, mal wieder eine kleine Tour mit dem Rad zu unternehmen. Die Brücke befindet sich in der Nähe des Bahnhofes 新木場 Shin-Kiba im Osten von Tokyo und eröffnet eine neue Verbindung zwischen Ost-Kantō bzw. Chiba und dem Flughafen Haneda bzw. Kawasaki und Yokohama.

Offensichtlich ist es nicht weit zum Flughafen

Irgendwo hatte ich gelesen, daß die Brücke auch für Fußgänger begehbar ist. Wer weiß, vielleicht dann auch mit dem Fahrrad? Dachte ich mir so optimistischerweise. Also ging es über drei andere Brücken und rund 10 km bis zum Beginn des Monstrums, wo ich dann erstmal feststellen musste, dass es zwar in beiden Richtungen zwei Spuren für Autos gibt, aber ansonsten kein Platz ist für andere Vehikel. Dafür gibt es dann auf halber Höhe aber einen Turm mit Treppen und Fahrstuhl: Mit dem kann man dann 8 Etagen hochfahren bis zur Brücke – und von dort laufen. Nix da mit Fahrrad. Und da die Brücke neu ist, gab es neben mir natürlich sehr viele andere Neugierige.

Die aktuelle Müllinsel der Stadt Tokyo

Für mich ist die Brücke besonders interessant, weil sie über die letzten beiden großen Neulandinseln von Tokyo führt bzw. einen guten Einblick in selbige gewährt: Beide Inseln waren bzw. sind eigentlich immer noch für Menschen gesperrt. Einen richtigen Namen hat man auch noch nicht, und so werden die Inseln provisorisch 中央防波堤外側埋立地 Chūō Bōhatei Sotogawa Umetatechi und 中央防波堤内側埋立地 Chūō Bōhatei Uchigawa Umetatechigenannt (in etwa: Neuland außerhalb/innerhalb des zentralen Wellenbrecherdamms). Man kann davon ausgehen, dass die Inseln richtige Namen erhalten, so sie fertig sind. Die 115 bzw. 76 Hektar großen Inseln werden teilweise als Müllkippe und teilweise als Frachthafen genutzt – die grössere der beiden Inseln soll ab diesem Jahr als Containerhafen dienen. Auf beiden Inseln sieht es zum grossen Teil noch recht wüst aus. Und: Beide Inseln gehörten zu meinen Forschungsobjekten, da ich während meines Studiums über die Nachhaltige Entwicklung in der Küstenrandplanung recherchierte.

Brückenwart bei der Arbeit

Der Plan heute war eigentlich, auf die andere Seite zu gelangen (und wieder zurückzulaufen, da es von der anderen Seite für Fußgänger nicht weitergeht. Das dauert natürlich eine Weile, denn die Brücke ist immerhin 2’618 Meter lang (und die Spannbreite zwischen den beiden mittleren Pfeilern immerhin 440 Meter). Aber nix da: Der Fahrstuhlturm auf der anderen Seite war schon in greifbarer Nähe, als
mir der Brückenwart in gelber Windjacke entgegenkam und alle zurückscheuchte: Die Türme machen um 17 Uhr zu, und da es auf der anderen Seite nicht weitergeht, müssen alle zurück.

Interessant war es trotzdem, hat man doch von da oben einen sehr schönen Ausblick über die ganze Stadt. Die Sicht war zwar nicht ideal, aber eine bessere Sicht hat man lediglich im Winter. Im Sommer dürfte sich ein Ausblick zur Brücke in der Regel kaum lohnen; es sei denn, man kommt unmittelbar nach einem Taifun zur Brücke.

Panorama von Tokyo - ganz rechts der Tokyo Sky Tree

Und zu guter Letzt noch ein Photo – dieses Mal von unten. Da der Flughafen sehr nah ist, kommen die Flugzeuge der knapp 90 Meter hohen Brücke auch ziemlich nah.

Die Brücke von unten nebst Flugzeug

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