Minami-Sōma – im Katastrophengebiet Teil 1

August 15th, 2011 | Tagged , | 6 Kommentare | 1447 mal gelesen

In der vergangenen Woche habe ich an dieser Stelle ein Projekt vorgestellt, in dem es darum geht, den Bewohnern der Stadt Minami-Sōma (Präfektur Fukushima) zu helfen. Das Ergebnis dieses Beitrags war

1) Die Gelegenheit, dem Verantwortlichen des Projekts eine Spende von 10,000 Yen (11o Euro) geben zu können (im Namen der Leser dieses Blogs)

und

2) Ein Freiwilliger, der bei der Tour mithalf.

Soweit, so gut. Der eine oder andere möchte bestimmt wissen, wie das ganze verlaufen ist – von daher ein kurzer Bericht, der gleichermassen Einblick darin geben soll, wie es nun wirklich in den vom Tsunami sowie dem AKW Fukushima I betroffenen Gebieten aussieht.

Los ging es am Freitag, Treffpunkt war das Hauptquartier der Organisation Second Harvest – eine japanische Variante des Deutsche Tafel e. V. – die das Projekt logistisch und teils mit Waren stark unterstützt. Die Leute – 4 Japaner und 7 Ausländer, trafen sich um 19:30 bei Asakusabashi, um die beiden LKW’s zu beladen. Ich war eine halbe Stunde später dran, da ich bis um 19 Uhr noch im Büro war. Das Aufladen ging relativ schnell, und so war noch Zeit für ein Abendessen beim Chinesen um die Ecke. Um 22 Uhr war dann Abfahrt – zwei gemietete LKW’s und ein Privatauto machten sich auf dem Weg, aber als lose Kolonne. Es wurde verabredet, sich auf der Raststätte 那須高原 Nasu-Kōgen zu treffen. Die rund 200 km schafft man normalerweise in 2 Stunden (Tempolimit 100), aber in den O-Bon-Ferien ist der Verkehr etwas dichter, zumal momentan die Maut für die Autobahn nach Nordosten ausgesetzt wurde.

Gemüse aufladen in Kōriyama

Gemüse aufladen in Kōriyama

Gegen 1 Uhr waren wir dort, und die LKW’s kamen eine gute Viertelstunde später. Die Raststätte war voll; die Autos stauten sich bis auf die Autobahn, da keine Parkplätze frei waren. Ein paar Leute versuchten zu schlafen, andere lungerten einfach herum (so auch ich – ich kann leider nicht auf Knopfdruck schlafen). Um 3 Uhr ging es weiter, zum Gemüsegroßhandel in Kōriyama 郡山, einer Stadt im Süden von Fukushima. Dort wollten wir Gemüse kaufen und laden. Unser Kontaktmann sollte eigentlich um 4:30 kommen, aber er schien noch zu schlafen – er dachte, wir würden erst 7:30 da sein. Das wäre jedoch zu spät – wir würden es nicht rechtzeitig zum Zielort schaffen. Kurz nach 6 Uhr trudelte er schliesslich ein. Wir hatten im Voraus etliche Tonnen Gemüse geordert – hauptsächlich Kartoffeln, Zwiebeln, Mohrrüben und Rettiche. Das Aufladen dauerte keine 20 Minuten. Wir wurden zudem von ihm vor einem Stau vor Fukushima gewarnt, und so fuhren wir auf der normalen Strasse weiter. Das Navigationssystem eines LKW’s schien schon lange kein Update mehr gehabt zu haben: Es lotste einen LKW plötzlich genau Richtung Sperrzone, aber zum Glück warnten etliche Schilder schon lange vorher, dass es dort nicht weitergeht: Der kürzeste Weg nach Minami-Sōma führt direkt am AKW Fukushima I vorbei, doch bekannterweise gibt es heute eine 20 km Sperrzone rundherum.

飯館 - Iitate, Fukushima

Stattdessen ging es also hoch nach Fukushima und von dort auf der Staatsstrasse 6 nach Osten, Richtung Küste. Unter anderem ging es dabei auch durch 飯館 Iitate – der Ort, der durch horrend hohe Strahlenwerte sehr berühmt wurde: Wochenlang herrschten dort Werte von 20 bis 50 Mikrosievert (Tokyo: 0.1, Hotspots bei Tokyo um 0.5) vor. Und dort begann es, merkwürdig zu werden: Die Landschaft bei Iitate ist betörend schön – eine sehr schöne, bewaldete Bergregion mit schönen Tälern, saftigen Wiesen und interessanten Strassen. Halb ausgestorben. Die meisten Felder – nicht bestellt. Alle Läden und öffentlichen Gebäude ganz offensichtlich seit längerem geschlossen. Nur hier und dort noch Autos vor den Häusern. Die Gegend sieht aus, wie das Paradies auf Erden. Jedoch: Mehr oder weniger unbewohnbar, auch wenn man nichts sieht. Wenn man das sieht, begreift man allmählich, warum die Einwohner so irritiert sind und viele nicht wegwollen. Warum soll all das von einem auf den anderen Tag einfach schlecht und ungeniessbar sein? Es ist sehr schwer zu begreifen.

Um 9 Uhr war Treffpunkt am stillgelegten Bahnhof Kashima 鹿島 in Minami-Sōma mit den freiwilligen Helfern vor Ort. Wir waren eher da als die LKW’s, und so fuhren wir kurz Richtung Küste. An der Stelle ein paar Worte zur Stadt: Minami-Sōma ist zwar eine Stadt, aber in Wahrheit eher eine Ansammlung unzähliger Dörfer. Die „Stadt“ ist 400 km² gross und hatte knapp 70’000 Einwohner. Das Gebiet reicht vom Meer bis zu den Bergen, mit zahlreichen Hügeln und Bergen im Stadtgebiet. Zur Stadt gehört ein ca. 2 km langes und ein 2, 3 km breites, topfebenes Flusstal. Am Nachmittag des 11. März 2011, mehr als eine halbe Stunde nach dem Beben mit der Stärke 9.0 rund 200 km nordöstlich, fegte ein schätzungsweise 15 m hoher Tsunami durch die Ebene: Die dritte Welle war besonders heftig und zermalmte den 10 Meter hohen Schutzwall aus Beton mit Leichtigkeit. Der Tsunami vernichtete alles im Flusstal – ausser ein paar wenigen Betonbauten und ein paar Bäumen, die man an einer Hand abzählen kann, wurde alles weggespült. 1’800 Häuser waren völlig zerstört; 300 Tote nach wenigen Tagen gezählt und 1,180 Menschen galten als vermisst.

Nahe der Küste in Minami-Sōma: Nichts steht mehr

Die Erdbeben vom 11. März – Hauptbeben und schweres Nachbeben eine halbe Stunde später – richteten auch mehr oder weniger starke Schäden im Rest der Stadt an; schlimmer war aber wohl ein Nachbeben am 11. April, also einen Monat später, der Stärke 6.6 in unmittelbare Nähe. Auch jetzt noch waren viele Dächer mit blauen Planen abgedeckt – Dächer, die während der zahlreichen Erdbeben abgedeckt wurden. Leider erwischte es jedoch die Stadt auch noch anderweitig: Das AKW Fukushima I liegt nur 30 km entfernt, und aufgrund sehr hoher Strahlenwerte wurdem grosse Teile von Minami-Sōma zur 屋内退避区域 – Okunai Taihi Kuiki erklärt: Das Wort steht für „Im Haus – Evakuierung – Gebiet“. Soll heissen, die Bewohner wurden angewiesen, ihre Häuser nicht zu verlassen. Das bedeutete jedoch auch, dass alle Firmen und Medien sich danach richteten: Minami-Sōma wurde regelrecht von der Aussenwelt abgeschnitten – keiner lieferte mehr etwas. Was folgte, war ein dramatischer Apell des Bürgermeisters Katsunobi Sakurai an die Weltöffentlichkeit – über YouTube.

Chor der Freiwilligen in Minami-Sōma

Chor der Freiwilligen in Minami-Sōma

Zurück zum Tagesablauf: Gegen 9 Uhr trudelten die Freiwilligen des Ortes ein: Über 10 Leute, die meisten ältere, sehr illustre Damen, aber auch 2, 3 Herren und ein netter Mann, der seine halbe Familie mitbrachte: Zwei Söhne und einen Onkel. Allesamt sehr, sehr nett. Einer der Köpfe der Freiwilligen war, nun ja, etwas anders: Er fährt einen ziemlich dicken Benz, geschmückt mit einer Jogginghose rund um den Stern und irgendeinem anderen Kleidungsstück am Einparkstab (keine Ahnung, wie die heissen – die Stäbe am Kotflügel, damit man sieht, wo das Auto aufhört). Damit fuhr er fast die ganze Zeit durch die Stadt – wohl um die Wäsche zu trocknen?

Wir machten Lagebesprechung: Wer bekommt wieviel? Welche behelfsmässigen Unterkünfte besuchen wir zuerst? Und was machen wir mit dem Bestand an Soyasauce, Mirin, Reisessig und Tsuyu – alles hatten wir in Mengen, die ausreichten, um die über 500 Leute gerecht zu versorgen, aber die vier Sachen hatten wir nicht in ausreichenden Mengen, also mussten wir überlegen, wie das verteilt werden kann, ohne das sich jemand ungerecht behandelt fühlt. Die Stimmung war gut: Kein Regen, und mit 30 Grad sollten die Temperaturen noch in erträglichen Massen bleiben (bei einer vorherigen Tour waren wegen der Hitze ein paar der Freiwilligen umgekippt).

So, das wird zu lang – deswegen werde ich mehr in Bälde schreiben. Hoffentlich morgen.

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6 Responses to “Minami-Sōma – im Katastrophengebiet Teil 1”

  • Lori sagt:

    Ich hatte erwaegt, bei der Operation mitzumachen, aber Frau moechte nicht in die Naehe von Fukushima, da wir Nachwuchs planen …

    Wir haben uns mal auf der Monbusho-Seite umgeschaut und werden dann wohl bei einer Fahrt von HIS nach Minami-sanriku helfen. Was ich merkwuerdig finde ist, dass das Geld kostet (10000 Yen fuer Bus und Unterkunft)und einige Fahrten bieten auch noch „Tourismus“ an.
    Bei unserer Tour verbringen wir drei Tage mit Fahrt, Einweisung und tatsaechlicher Arbeit. Letztere ist letztlich nur sechs Stunden lang. Auf mich wirkt das alles ziemlich halbherzig und zu bequem.

    Ist es in anderen Laendern normal, dass man Geld bezahlen muss, um zu helfen?

    P.S. Um fehlgeleiteten Kommentaren entgegenzuwirken: HIS ist eine grosse japanische Reiseagentur und die Aktion abgesegnet vom Bildungsministerium, ich glaube also nicht, dass es Betrug ist.

  • Terry sagt:

    Scheint, dass die Organisation von Hilfsprojekten auch in Japan etwas holprig verläuft. Aber ich finde es sehr bemerkenswert, dass ihr euch für eure Mitmenschen so einsetzt. Vorbildlich!

    @Lori: Gerade im Bereich der Hilfsorganisationen kann es vorkommen, dass man zumindest die Anreise selbst bezahlen muss. Gerade bei der Hilfe in sogenannten Entwicklungsländern kann das schon etwas ins Geld gehen. Wenn man aber Mitglied einer Hilfsorganisation ist, werden die Kosten in der Regel von der Organisation getragen.

    Bin auf Teil 2 gespannt!

  • Terry sagt:

    P.S. wie ich bei Save Minamisoma erkennen konnte, waren gleich mehrere Nicht-Japaner mit von der Partie. Kommt das öfters vor (dass nicht Nicht-Japaner bei derartigen Hilfsaktionen mitmachen)? Wie wurde denn darauf reagiert?

  • tabibito sagt:

    @Lori
    Das ist eine ganz komplizierte Sache. Prinzipiell sollten Freiwillige Reisekosten und die Unterkunft selbst organisieren. Wenn das nicht geht, jedoch zumindest bezahlen (es gibt natürlich auch Ausnahmen: Wenn zum Beispiel ein Doktor für eine Organisation für ein halbes Jahr unbezahlter Arbeit irgendwo hingeht, fände ich es schon gerecht, dass Spendengelder für Anreise und Unterkunft verwendet werden.
    Leider gibt es auch in Japan Mißbrauch. Wären Unterkunft und Anreise kostenlos, würden Leute das ausnutzen. Selbst bei einem Preis von 10,000 Yen wird es Mißbrauch geben. Für Freiwillige gibt es Passierscheine, damit man keine Maut bezahlen muss (kostet im Raum Tokyo und weiter südlich ja immernoch viel Geld). Die Kontrolle der Scheine war relativ streng – und ich bin sicher, dass das seinen Grund hat. Inwiefern die Touren wie die von HIS wirklich etwas nützen, weiss ich nicht. Erscheint mir nicht sehr effektiv, aber ich glaube, da kann man nur hoffen, dass Branchenriese HIS weiss, was sie da tun, und die Sache wirklich den Notleidenden irgendwie hilft.

    @Terry
    Es sind etliche Ausländer, die – wie Lori – auf irgendeine Art und Weise helfen. Save Minamisoma ist jedoch schon etwas Besonderes, da es von Ausländern initiiert wurde und von daher mehr Ausländer als Japaner dabei sind. Darüber, wie das aufgenommen wurde, werde ich im Teil 2 etwas schreiben, aber die Reaktionen sind überwiegend positiv. Bzw. einfach positiv.

  • Robert sagt:

    Ich finde es sehr merkwürdig, wenn Privatleute auch noch Geld dafür bezahlen müssen, wenn eine Regierung oder ein Unternehmen Mist gebaut haben.
    Gut jeder einzelne verbraucht schließlich den Strom, den die AKWs erzeugen, aber die Bevölkerung hätte sicher auch gegen Alternativen (stromsparende Anlagen, mehr erneuerbare Energien etc.) nichts einzuwenden gehabt. Und jetzt will die japanische Regierung, d.h. der neue Regierungschef, wieder einfach so weiter machen und es gibt keinen Protest?

    Es muß irgendwelche Rücklagen geben für diesen Fall einer Reaktorkatastrophe. Japan liegt mitten in einer sehr erdbebengefährdeten Zone – da kann man so etwas einfach nicht ausschließen.

    Ich glaube nicht, dass irgendjemand in Japan in einem Gebiet mit erhöhter Strahlung Urlaub machen will, nur weil er die Busfahrt und die Unterkunft bezahlt bekommt. Was soll man in so einem Gebiet denn machen, wenn man nicht weiß wie stark jeder Quadratmeter verstrahlt ist? Picknick oder schwimmen? Außerdem merken doch die anderen Teilnehmer, wenn sich da einer abseilt. Die geringe Teilnehmerzahl bei den Hilfsfahrten zeigt doch, dass da keiner hin will.

    Genauso merkwürdig finde ich es, wenn Greenpeace Spenden erbittet, damit sie die Bergwaldprojekte „finanzieren“ können. Die betroffenen Länder sollen doch froh sein, wenn jemand für einfache Kost und Logis beim Aufforsten hilft. Und dann sollen Privatleute diese Gemeinschaftsaufgabe auch noch mit Spenden unterstützen?
    Wenn Regierungen für jeden Mist Geld haben, dann sollten sie erst Recht Geld haben, um sinnvolle Dinge zu unterstützen, die die eigenen Bürger für andere Menschen unternehmen.

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